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Lexikon Anthroposophie

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Menschheit
ein Vergleich des allgemeinen und des individuellen Entwicklungsalters zeigt ein beständiges Jüngerwerden der Menschheit

Die individuelle menschliche Entwicklung ist durch aufeinanderfolgende Siebenjahresperioden geprägt, während derer der Mensch schrittweise immer höhere Wesensglieder zur Reife bringt. Im ersten Lebensjahrsiebent bis hin zum Zahnwechsel wird vorallem der physische Leib ausgestaltet, im zweiten Lebensjahrsiebent der Ätherleib usw. In alten Zeiten reichten die natürlich veranlagten Kräfte aus, um diese stufenweise Entwicklung der Wesensglieder bis ins hohe Alter zu garantieren. Zu Beginn der urindischen Kulturepoche schritt so die natürliche Entwicklung noch bis zu dem als Lebensgeist bezeichneten Wesensglied voran. Das ist heute nicht mehr der Fall - nicht einmal die Empfindungsseele reift heute durch die natürlichen Kräfte alleine vollkommen aus. In immer früheren Lebensjahren muss nun der Mensch selbst aktiv die Entwicklung vorantreiben. Man kann daher, indem man auf die natürlichen Entwicklungskräfte blickt, von einem beständigen Jüngerwerden der Menschheit, ja sogar von einem fortschreitenden Unreiferwerden sprechen. Am Anfang der urindischen Zeit lag das allgemeine Entwicklungsalter der Menschheit noch bei 56 Jahren; heute ist es auf knapp 27 Lebensjahre herabgesunken.

"Können wir bei der Menschheit, bei einem Stück Menschheitsentwickelung in einer genaueren Weise sprechen von einer Entwickelung in der Zeit, so wie wir beim einzelnen Menschen von einer solchen Zeitentwickelung sprechen? - Wir sagen: Ein Mensch wird zunächst so sich entwickeln, daß er die ersten sieben Jahre durchlebt vom ersten bis siebenten Jahre. Dann durchlebt er den Zeitraum vom siebenten bis vierzehnten Jahre — approximativ genommen, Sie wissen, was damit gemeint ist -, dann vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Jahr und so weiter. Der Mensch entwickelt sich gewissermaßen etappenweise, indem er von der Geburt bis zum Tode immer ein Jahr zusetzt, wenn ein Jahr vergangen ist.

Wie können wir nun denken, wenn wir über das angedeutete Stück Menschheitsentwickelung einmal Betrachtungen anstellen wollen? Es wird nützlich sein, wenn wir uns auch fragen: Wie alt ist denn eigentlich die Menschheit, wenn wir ihr Alter mit unserem einzelnen menschlichen Alter vergleichen wollen? In welchem Lebensalter steht denn eigentlich die heutige Menschheit? Es wird nicht uninteressant sein, das einmal geisteswissenschaftlich ins Auge zu fassen. Und gerade dieses geisteswissenschaftliche Ins-Auge-Fassen, das wird uns auf manches bringen. - Vor Jahren habe ich schon dieselbe Sache charakterisiert. Es ist in der Geisteswissenschaft so, daß man manches wissen kann und erst nach Jahren es ordentlich formulieren kann oder wieder neu formulieren kann. Eine Neuformulierung möchte ich Ihnen heute von dem angedeuteten Rätsel geben.

Fassen wir zunächst schematisch ins Auge, wie die Entwickelung war:

Erster Zeitraum, die urindische Entwickelung;
zweiter Zeitraum, die urpersische Entwickelung;
dritter Zeitraum, die ägyptisch-chaldäisch-babylonische Entwickelung;
vierter Zeitraum, die griechisch-lateinische Entwickelung;
der fünfte Zeitraum ist der unsrige; dann kommt der sechste.

Wenn wir nun das Alter der Menschheit vergleichen mit den einzelnen Altern des Menschen, wie alt ist dann die Menschheit im ersten Zeitraum nach der atlantischen Katastrophe eigentlich gewesen? Wie alt war sie da? Sehen Sie, wenn wir wüßten, wie alt die ganze Menschheit war, dann könnten wir vergleichen, wie wir uns selbst ansehen müssen, wie wir uns hineinstellen in die Menschheitsentwickelung mit unseren Lebensaltern. Es war gar nicht so leicht, geisteswissenschaftlich diese Frage zu untersuchen. Man mußte zunächst auf die rein geisteswissenschaftliche Tatsache sehen, mußte einen Sinn verbinden mit dieser rein geisteswissenschaftlichen Tatsache des ersten Zeitraumes. Und wenn man eine Ansicht gewonnen hatte über die besondere geistige Konfiguration der Menschheit, wie sie damals war, dann mußte man fragen: Mit welchem individuellen, persönlichen Lebensalter wäre diese Konfiguration der damaligen Zeit zu vergleichen? Und da kriegt man heraus, daß die Menschheit als Menschheit - nicht der einzelne Mensch, von dem sprechen wir später -, daß die Menschheit in diesem ersten nachatlantischen Zeitraum ein Alter habe, das sich vergleichen läßt mit dem heutigen menschlichen Alter zwischen dem achtundvier-zigsten und sechsundfünfzigsten Jahr. Also denken Sie, wenn man die Geisteskonfiguration desjenigen nimmt, was damals Kulturleben ist, so kommt man darauf: die Menschheit hatte dazumal ein Lebensalter, das man vergleichen kann mit dem heutigen Mannesalter, selbstverständlich auch Frauenalter, von dem achtundvierzigsten bis zum sechsundfünfzigsten Jahr. Es war nicht sehr leicht, diese Sache herauszubekommen; aber hat man sie dann einmal, so ist sie eben ein tatsächliches Ergebnis der Geisteswissenschaft.

Nun ist die Frage: Wie steht es mit dem zweiten, dem urpersischen Zeitraum? Da mußte man wiederum dieselbe Betrachtung anstellen. Da stellt sich denn heraus: wenn man die Geistesbeschaffenheit desjenigen, was dazumal Kultur war, ins Auge faßt, so läßt sich das nur vergleichen mit dem Lebensalter von heute zwischen dem zweiundvierzigsten und dem achtundvierzigsten Jahr. Und geht man jetzt weiter zum ägyptisch-chaldäisch-babylonischen Zeitalter, das ja etwa im Jahre 747 endet, dann entspricht das dem menschlichen Lebensalter vom fünfunddreißigsten bis zum zweiundvierzigsten Lebensjahr. Kommt man nun zum griechisch-lateinischen Zeitraum, so entspricht das dem menschlichen Lebensalter vom achtundzwanzigsten bis zum fünfunddreißigsten Lebensjahr. Und kommt man zu unserem fünften nachatlantischen Zeitalter, so entspricht das dem einzelnen menschlichen Lebensalter zwischen dem einundzwanzigsten und achtundzwanzigsten Jahr. Und im sechsten Zeitraum wird das so sein - das kann man gewissermaßen voraussehen -, daß das sechste Zeitalter entspricht dem Lebensalter zwischen dem vierzehnten und einundzwanzigsten Jahr; und im letzten Zeitraum, vor einer neuen großen Katastrophe, dem Lebensalter vom siebenten bis vierzehnten Jahr.

Ich darf Ihnen wohl gestehen, meine lieben Freunde, daß mir das Ergebnis, das da herausgekommen ist, als es formuliert war, wirklich zu dem Überraschendsten gehörte, zu dem ich eigentlich gekommen bin, zu dem Überraschendsten. Denn, nicht wahr, es liegt ja eine merkwürdige Tatsache zugrunde: während der Mensch aufwärtsgeht in den Zahlen, geht die Menschheitsentwickelung zurück. Die Menschheit wird merkwürdigerweise immer jünger! So ist es: die Menschheit wird immer jünger.

Nun, natürlich muß man sich fragen: Was bedeutet das ganze in einem weiteren Umfang? Mit dieser Sache sind ja sehr viele Entwickelungsrätsel verbunden. Ich habe mich zunächst gefragt: Was bedeutet es denn für den ersten Kulturzeitraum, daß die Menschheit zwischen dem achtundvierzigsten und sechsundfünfzigsten Jahre alt war? Da ergibt sich das Folgende: Selbstverständlich, die Menschen, die damals geboren worden sind und gelebt haben, die wurden zunächst ein, zwei, drei Jahre alt. Das ist ja klar. Dann wurden sie aber auch achtundvierzig Jahre alt. Für jeden kam der Zeitpunkt, wo er zwischen dem achtundvierzigsten und sechsundfünfzigsten Jahr der einzelnen individuellen Entwickelung lebte. Und da konnten sich diese Menschen sagen: Jetzt rücken wir persönlich in ein Lebensalter ein, wo wir die persönlichen Alterseigenschaften haben, die ringsherum um uns im Gruppengeiste der ganzen Menschheit enthalten sind. Wir wachsen hinein in das, was in unserer Umgebung ist. Früher, vor dem achtundvierzigsten Lebensjahr, hatten wir gewissermaßen eine Entwickelung abgeschlossen, die uns angehörte, die für uns war; aber mit dem achtundvierzigsten Jahr wachsen wir hinein in das, was in unserer Umgebung ist. Wurde man dann älter als sechsundfünfzig Jahre, dann entwickelte man sich weiter, man lebte eben weiter und wuchs gewissermaßen zurück, hinein in das, was vor der atlantischen Katastrophe da war. Man machte dann etwas durch, was hinausging über das, was ringsherum in der Gruppenseele der Menschheit sich offenbarte. Man fand also mit dem achtundvierzigsten Jahr den Anschluß an die Grupenseelenhaftigkeit der Menschheit.

Im nächsten, im zweiten Kulturzeitraum, da fand man diesen Anschluß schon früher. Da wurde man zweiundvierzig Jahre alt und wuchs hinein in das, was in der Umgebung war, wuchs hinein in das, was aurisch in der ganzen Menschheit war.

Und dann wuchs man da hinein mit dem fünfunddreißigsten Jahr, so daß man zwischen dem fünfunddreißigsten und zweiundvierzigsten Lebensjahr sich sagen konnte: Es stimmt jetzt das, was in mir ist, mit dem was um mich ist, überein. - Nach dem zweiundvierzigsten Lebensjahr, da konnte einem das, was um einen war, nichts mehr geben, da mußte man sozusagen aus sich heraus weiterleben, denn das Alter der Menschheit war um so viel jünger geworden. In der Zeit vom zweiundvierzigsten Jahr an war man nicht mehr in der Umgebung; da wuchs man darüber hinaus, da war man auf sich angewiesen.

So war der alte Grieche, der alte Römer auf sich angewiesen, wenn er ein Lebensalter von fünfunddreißig Jahren erreicht hatte. Zwischen dem achtundzwanzigsten und dem fünfunddreißigsten Lebensjahr lebte er mit der Umgebung, dann hatte die Menschheit nichts mehr hinzuzugeben von ihrem Alter, denn das war abgelebt; die Menschheit konnte nicht mehr achtundvierzig Jahre alt werden, wenn sie beim fünfunddreißigsten angelangt war bei ihrem Rückwärtsgang.

Und wir im fünften Zeitraum: denken Sie einmal, wir leben uns hinein in den Gruppengeist der Menschheit, in das, was unsere Umgebung ist, zwischen dem einundzwanzigsten und achtundzwanzigsten Jahr. Von da ab gibt die Umgebung nichts mehr her. Was des weiteren kommt, müssen wir durch unsere eigene Entwickelung erlangen, müssen wir aus unserem Inneren heraus schöpfen, denn von außen fließt uns nichts mehr zu. Die Menschheit hat die Jahre bis zum achtundzwanzigsten Jahr zurückgelegt, und wenn wir achtundzwanzig Jahre alt geworden sind, dann, ja dann müssen wir einen Fond, dann müssen wir etwas in uns haben, was wir weitertragen können; sonst werden wir nie älter als achtundzwanzig Jahre. Und jetzt sogar ist schon so viel vom fünften Zeitraum vergangen, daß die Menschheit gerade zurückgekommen ist zum siebenundzwanzigsten Jahr. So daß, wenn nichts dafür getan wird, daß sie ihr Inneres energisch entwickeln und durch sich vorwärtskommen, die Menschen nur siebenundzwanzig Jahre alt werden. Das heißt viel, meine lieben Freunde! Das heißt: wenn alles gelassen wird, wie es ist, so erreicht die heutige Menschheit nicht eine intellektuelle oder eine sonstige seelische Entwickelung, als nur eine solche bis zum siebenundzwanzigsten Jahr. Und wird in ihre Seelen nicht etwas gegossen, daß sie sich weiter entwickeln, dann bleiben sie den ganzen Rest ihres Lebens siebenundzwanzig Jahre alt.

Sie bleiben den ganzen Rest ihres Lebens siebenundzwanzig Jahre alt: das ist ein großes Geheimnis der gegenwärtigen Menschheitsentwickelung. Im sechsten nachatlantischen Zeitraum werden die Menschen überhaupt nicht älter als einundzwanzig Jahre. Wird dann nichts getan, daß ihr Inneres sich erweitert, kräftig wird an Intellekt, an Initiative, an Wille, dann würde eine allgemeine Dementia praecox ausbrechen. Die Menschen müßten bei einer Lebensentwickelung bleiben, die mit dem einundzwanzigsten Jahre schließt. Das Spätere wäre lediglich eine wesenlose Draufgabe.

Fassen wir das einmal im Zusammenhang mit dem Individuellen des Menschen. Denken Sie doch nur einmal, daß man ja nach seinen individuellen, nach seinen persönlichen Anlagen immer reifer und reifer wird. Das Kind ist eigentlich immer Materialist; der Jüngling wird dann Idealist, aber seine Ideale sind abstrakt, sie gehen ins Wesenlose. Erst in späteren Lebensjahren paßt man sich an, sich solche Ideale zu machen, welche in die Wirklichkeit untertauchen, mit der Wirklichkeit leben, die richtig wirklichkeitsgemäß sind. Nehmen Sie an, es ist nun ein Mensch heute ganz ein Kind seiner Zeit. Was wird er denn für eine Eigenschaft zeigen können, wenn ihm nicht in seiner Jugend die Möglichkeit geboten worden wäre, daß er etwas Spirituelles aufgenommen hat? Das allein bringt ja die Seele vorwärts. Wenn er dem überlassen bleibt, was heutiger Zeitgeist ist, dann ist eines solchen Menschen Schicksal: nicht weiterzukommen als bis zu einer Entwickelung von achtundzwanzig Jahren. Was später ist, bleibt stehen beim achtundzwanzigsten Jahr. Man kann ja, wenn man angeregt wird, schon hinauskommen über das achtundzwanzigste Jahr, aber das andere ist die Regel; was ich dargestellt habe, das ist das, was aus dem Gesetz der Entwickelung folgt. Ein Mensch, der nun nicht über das achtundzwanzigste Lebensjahr hinauskommt, der achtundzwanzig Jahre alt bleibt, trotzdem er fünfzig, sechsundfünfzig, sechzig Jahre alt wird, ein solcher Mensch wird unter Umständen große abstrakte Ideale entwickeln können, aber er wird nur sozusagen die Lehrjahre des Lebens mit ihren abstrakten Idealen durchgemacht haben, nicht die Prüfungsjahre, die ja im geistigen Sinne jene zu praktischen Menschen machen, die solche Ideen bergen, wie sie sich verwirklichen lassen, die nicht nur die Menschen blenden durch Jugendkraft, sondern die sich verwirklichen lassen.

Da tritt natürlich die Frage nah: Könnte denn ein Beispiel angeführt werden eines so richtigen Kindes unserer Zeit, das alt geworden ist und doch nicht über das achtundzwanzigste Jahr hinausgekommen ist? Selbstverständlich, wenn man ein solches Beispiel draußen heute anführt, in der Welt, die nichts wissen will von geistigen Gesetzen, welche auch in der Entwickelung der Menschheit wirken, wird man als ein Narr verlacht. Aber hier unter uns, wo wir so vieles geisteswissenschaftlich entwickelt haben, darf vielleicht zum besseren Verständnis unserer Zeit doch auch ganz konkret gesprochen werden. Warum sollte denn der Geisteswissenschafter zu denjenigen, die seine Freunde sind und die etwas hören möchten über die Geheimnisse der Zeit, nicht im Konkreten sprechen dürfen?

Es ist mir nach wirklich reiflichen Untersuchungen unserer Zeit als ein ganz charakteristisches Beispiel eine Persönlichkeit aufgefallen, die ganz dazu verurteilt ist, so alt sie werden mag, nicht älter werden zu können als achtundzwanzig Jahre, und das ist der Präsident der Vereinigten Staaten, Woodrow Wilson. Ja, Sie lachen, meine lieben Freunde, für mich ist das eine sehr bedeutsame Erkenntnis gewesen, die mir ungeheuer viele Rätsel unserer Zeit löst. Ich mußte mich immer fragen: Warum blenden denn die Ideale dieses Menschen, die er in verschiedenen Noten an die Menschheit gerichtet hat, so sehr, und warum verwandeln sie sich denn gerade zum Gegenteil von dem, was an Worten in ihnen steht? Weil es Jugendideale sind, die als solche stehenbleiben, trotzdem der Mensch, der sie ausspricht, älter wird. Weil sie abstrakte Jünglingsideale sind, die nicht eingehen wollen auf die Wirklichkeit, die sich nicht von Wirklichkeit sättigen wollen, und die daher nicht anwendbar sind auf das wirkliche praktische Leben, in dem nicht bloß das äußere Materielle, sondern auch das Geistige wirkt, insbesondere wenn es auf die Ordnung der sozialen Struktur der Menschheit ankommt. So viel man heute denken kann, ohne das, was nur im Inneren begründet werden kann, so viel kann er denken, Woodrow Wilson, mehr nicht!

Ein Wilson des sechsten Zeitraumes würde gar nur einundzwanzig Jahre alt werden können, und wenn er auch hundert Jahre alt würde. Aber sehen Sie, immerhin liegt die Sache so: Wenn wir den vierten Zeitraum ins Auge fassen, begegnen sich sozusagen das individuelle, persönliche Lebensalter des Menschen im Mittelpunkt dieses fünfunddreißigsten Jahres mit dem herabsteigenden Lebensalter der Menschheit bis zum fünfunddreißigsten Jahr. Da trifft es in der Mitte zusammen. Daher auch das merkwürdig harmonische Leben noch bei den Griechen, daher dieses Zusammenstimmen des einzelnen Lebens des Griechen mit dem Leben der griechischen Menschheit. Aber nun ist die Menschheit zurückgegangen und macht nicht mehr die Jahre vom achtundzwanzigsten Lebensjahr an durch. Und der Mensch muß sie individuell durchmachen, richtig individuell durchmachen.

Sehen Sie, das hängt allerdings zusammen mit Dingen, die hinter der sinnlich-physischen Welt stehen. Einiges von diesen Dingen, die hinter der physisch-sinnlichen Welt stehen, können Sie entnehmen aus meiner Schrift «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit». Von einem anderen Gesichtspunkt aus will ich das heute darstellen.

Der Mensch gelangte in der ersten nachatlantischen Zeitperiode durch seine individuelle Entwickelung, wenn er im achtundvierzigsten Jahr war, dahin, den Anschluß zu finden an das Lebensalter der Menschheit. Das hing aber damit zusammen, daß dazumal in diesem ersten Zeitraum ein inniger Kontakt noch war zwischen gewissen Wesenheiten der höheren Hierarchien und zwischen der Menschheit hier auf Erden. Die Wesenheiten der höheren Hierarchien, die wir angehörig denken der Hierarchie der Archai oder Geister der Persönlichkeit, die stiegen dazumal gewissermaßen noch auf Erden herab und vereinigten sich mit der menschlichen Entwickelung; sie inspirierten, intuitierten eigentlich die Menschheit. Dadurch daß die Menschheit so weit sich entwickeln konnte, daß sie erst hineinwuchs in das Lebensalter der Menschheit in einem so späten individuellen Alter, dadurch wurde bewirkt, daß die Menschheit hier auf Erden mit den Archai in einer besonderen Verbindung stand. Im zweiten nachatlantischen Zeitraum war dieselbe Verbindung mit den Archangeloi, im dritten mit den Angeloi. Im vierten nachatlantischen Zeitraum aber, im griechischlateinischen, da war der Mensch auf sich angewiesen. Im dritten Zeitraum war es also noch so, daß die Engel, die Angeloi herabkamen und die Menschen inspirierten, intuitierten, ihnen Imaginationen verliehen. Dann kam der griechisch-lateinische Zeitraum: da kamen sie nicht mehr in derselben leichten Weise herab, die Geister der höheren Hierarchien, da mußte der Mensch gewissermaßen anfangen hinauf und hinab zu pendeln, in den Geist und wiederum ins Irdische herunter. Mit anderen Worten: da mußte der Mensch sich selbst finden. Jetzt aber, im fünften Zeitraum, sind wir in eine Epoche eingetreten, wo das Umgekehrte stattfinden muß. Jetzt müssen wir unser Inneres so stark machen, daß wir allmählich während dieses fünften Zeitraumes wiederum durch unsere eigene Kraft in die Nähe der Angeloi kommen, daß wir ihnen wieder begegnen, aber durch unsere eigene Kraft, und daß der Angelos in uns den Entwickelungsimpuls hineinsetzt; daß wir durch uns das finden können, was uns die Menschheit durch die höheren Hierarchien nicht mehr geben kann. Da sehen Sie, warum wir den Materialismus in unserer Zeit haben. Da sehen Sie, daß es Zeiten gegeben hat, in denen die Menschheit dadurch, daß sie älter war, daß sie noch nicht so jung war wie jetzt, weiter hinaufreichte in die geistigen Welten, wo sie gleichsam von Ursprung an den geistigen Welten näher war als jetzt der Mensch, wenn er dem Tode entgegengeht, den geistigen Welten nahe ist. Da sehen Sie, wo der tiefere Grund des Materialismus liegt, wo aber auch der notwendige Impuls liegt, nun wirklich etwas zu suchen, was den Menschen spirituell, im Inneren individuell anregen kann, was ihn über dasjenige hinausführen kann, das man aus der Umgebung aufnehmen kann. Auch die Erziehung, die gewissermaßen nur von selbst dem Menschen zufließt, kann unmöglich das geben, was heute dem Menschen mehr bringt als ein Lebensalter von achtundzwanzig Jahren. Daher müssen die geistigen Verhältnisse spiritualisiert werden. Wenn die Dinge so fortgehen würden, wenn also Geisteswissenschaft in Grund und Boden gebohrt würde, wenn die Dinge so fortgehen würden, wie alles von selber geht, dann würde ein allgemeines Stehenbleiben Platz greifen beim achtundzwanzigsten Lebensjahr. Wenn man nur in naturwissenschaftlichen Laboratorien und Kliniken forschen würde und das finden würde, was von außen gegeben werden kann, wenn nichts angeregt würde in den Seelen von innen heraus, wenn keine Wissenschaft vom Geistigen in die Seelen gesenkt würde, sondern nur das sich fortsetzen würde, was gerade die Größe der neueren Zeit, die Größe des Materialismus gebracht hat: dann würde endlich der Fortschritt so sein, daß die Menschen immer jung bleiben. Das wäre aber nur etwas, wenn sie nicht nur in ihrem Inneren jung blieben, sondern auch mit ihrem Körper. Aber mit dem Körper werden sie schon alt. Dadurch stimmt dann das, was in ihnen lebt, nicht mehr überein mit der äußerlichen Körperlichkeit.

Heute ist es noch so, daß in vieler Beziehung gerade aus der Unangemessenheit desjenigen, was wir mit der Menschheit erleben, gewisse Kräfte angeregt werden in unserem Inneren. Wir können durch die Menschheit nur achtundzwanzig Jahre alt werden, aber wir müssen doch länger leben in der Welt in den verschiedenen Inkarnationen. Da ist es so, daß vorläufig, wo die Menschheit erst siebenundzwanzig Jahre alt ist, noch Kräfte sind, die dann in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt weiter entwickelt werden zum Angelos hin. Heute ist das noch so. Wenn aber der sechste Zeitraum beginnen wird, dann wird der Mensch auf der Erde durch das, was um ihn ist, nur noch einundzwanzig Jahre alt werden können. Bis zum einundzwanzigsten Jahr, was ist denn da entwickelt? Der physische Leib bis zum siebenten Jahr, der Bildekräfteleib bis zum vierzehnten Jahr, der Empfindungsleib bis zum einundzwanzigsten Jahr: das Leibliche nur ist entwickelt. Das Seelische, wenn der Mensch es nicht von innen entwickelt, die Empfindungsseele, die Verstandes- oder Gemütsseele, die Bewußtseinsseele: sie werden dann gar nicht entwickelt. Das Leibliche wird entwickelt bis zum einundzwanzigsten Jahr. Dann verlöre der Mensch aus den eigenen Kräften heraus zu vieles, um selbst nach dem Tode, zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, nachholen zu können, was er hier etwa versäumt, wenn er keine spirituelle Anregung empfangen hat. Sie sehen daraus, daß der Standpunkt, den die Menschheit erlangt, nicht einem Zufall entspricht, sondern daß er eine tiefe Notwendigkeit ist, daß er einem überraschenden Entwickelungsgesetz der Menschheit entspricht. Man kann im einzelnen das heute vielfach sehen. Es hat in der Tat noch keine Zeit gegeben in der Menschheitsentwickelung, in welcher die Menschen so abgeneigt waren, Erfahrungen als etwas anzuerkennen, Erfahrungen, die das Leben gibt. Jeder will heute schon möglichst früh gescheit sein. Warum? Weil er es im Verborgenen spürt: er muß mit achtundzwanzig Jahren ein Fertiger sein. Nach achtundzwanzig Jahren noch irgend etwas aufnehmen, das ist für viele Menschen heute eine absurde Idee, ein absurde Tatsache überhaupt. Dann wickelt man das Leben so ab, aber aufnehmen will man nur bis zum achtundzwanzigsten Jahr, sogar genau gefaßt - es stimmt mit den Tatsachen - bis zum siebenundzwanzigsten Jahr.

Man wird aber auch, wenn man ein solches Geheimnis der Menscheitsentwickelung ins Auge faßt, das verständlich finden, daß man es nicht wie eine Willkür ansieht, wenn von der Notwendigkeit einer spirituellen Entwickelung gesprochen wird, sondern man faßt das so auf, daß diese Notwendigkeit wirklich vorhanden ist, daß gewissermaßen ein Mensch unvollkommen bleibt in unserer heutigen Zeit, wenn er nicht einen spirituellen Impuls aufnehmen würde. Man fühlt das überall und überall, wo man das Leben heute nicht so anschaut, daß man es auf seine Wirklichkeit hin anschaut. Gerade die merkwürdige Tatsache, daß viele Menschen so unfähig sind, in gewisse Gedankengänge überhaupt sich nur hineinzufinden, das beruht ja darauf, daß die Leute gar nicht das fünfunddreißigste Jahr erreichen, daß es so wenige gibt, die einem etwas sagen können, was mit der reiferen Erfahrung des späteren Lebens zusammenhängt.

Diese Dinge muß man ganz unbefangen und vorurteilslos ins Auge fassen und daraus den Impuls empfangen, Spirituelles in sich aufzunehmen. Tut man das nicht, so schließt man sich denjenigen an, die eigentlich die Menschheit verurteilen wollen zu unreifer Jugendlichkeit."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Die geistigen Hintergründe des ersten Weltkrieges, GA 174b (1994), S 215 ff., Zehnter Vortrag, Stuttgart, 13. Mai 1917
siehe auch:
[2]Rudolf Steiner, Menschliche und menschheitliche Entwicklungswahrheiten. Das Karma des Materialismus., GA 176 (1982), S 12 ff., Erster Vortrag, Berlin, 29. Mai 1917

(Literaturangaben folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@rudolf-steiner.com URL: http://www.rudolf-steiner.com)

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http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=171letzte Änderung: 2002-10-24

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