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Lexikon Anthroposophie

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Gedächtnis
seine organische Grundlage

(siehe auch -> Gedächtnis, Erinnerungen werden nach 2 bis 3 Tagen dem Ätherleib eingeprägt und -> Erinnerung, der Erinnerungsvorgang als Auseinandersetzung des Menschen mit dem ganzen Kosmos)

"Es wäre wirklich heute sehr vonnöten, daß die Menschen, die sachverständig auf diesem Gebiete sein wollen, zur Goetheschen naturwissenschaftlichen Betrachtung, insbesondere zur Betrachtung seiner Farbenlehre ein wenig ihre Zuflucht nehmen würden. In dieser Farbenlehre ist eigentlich eine ganz andere Methode der naturwissenschaftlichen Betrachtung eingeschlagen, als man sie heute gewohnt ist. Gleich im Beginne ist die Rede von den sogenannten subjektiven Farben, von den physiologischen Farben, und da wird sehr sorgfältig untersucht, wie das menschliche Auge als ein Lebendiges Erlebnisse hat an der Umgebung, wie diese Erlebnisse durchaus nicht einfach nur so lange dauern, als das Auge der Außenwelt exponiert ist, ausgesetzt ist, sondern wie eine Nachwirkung da ist. Sie kennen ja alle die einfachste Erscheinung auf diesem Gebiete: Sie sehen auf eine begrenzte, sagen wir zum Beispiel rote Fläche (Tafel 13, Rhombus links, Pfirsichblüt), wenden dann das Auge rasch ab und sehen auf eine weiße Fläche: Sie sehen das Rot in der grünen Nachfarbe. Das heißt, das Auge steht noch in einem gewissen Sinne unter dem Eindrucke desjenigen, was es erlebt hat. Nun, wir wollen jetzt nicht die Gründe untersuchen, warum gerade eine grüne Nachfarbe erscheint, sondern wir wollen nur an der mehr allgemeinen Tatsache festhaken, daß das Auge nachher das Erlebnis noch nachklingen läßt.

Da haben wir es zu tun mit einem Erlebnis an der Peripherie unseres menschlichen Leibes. Das Auge liegt an der Peripherie des menschlichen Leibes. Wir finden, wenn wir auf das Erlebnis des Auges hinschauen, daß durch eine gewisse begrenzte Zeit das Auge dieses Erlebnis noch ausklingen läßt. Dann ist das Erlebnis ganz abgeklungen. Dann kann das Auge unbeeinflußt durch das, was es erlebt hat, sich anderen Erlebnissen zuwenden. Betrachten wir rein anschauungsgemäß zunächst einmal eine Erscheinung, die nun nicht an ein einzelnes lokalisiertes Organ unseres Organismus gebunden ist, sondern an den ganzen Menschen gebunden ist, und wir werden, wenn wir uns unbefangener Beobachtung hingeben, nicht verkennen können, wie eben schon vor dieser Beobachtung dieses Erlebnis verwandt ist mit dem Erlebnis an dem lokalisierten Auge. Sie setzen sich einer Erscheinung, einem Erlebnis aus, Sie exponieren sich als ganzer Mensch diesem Erlebnis. Indem Sie sich als ganzer Mensch diesem Erlebnis exponieren, nehmen Sie es auf, so wie das Auge das Erlebnis der Farbe aufnimmt, gegenüber welcher es exponiert ist. Und jetzt können Sie erleben, daß noch nach Monaten, nach Jahren das Nacherlebnis, das Nachbild, in Form des Gedächtnisbildes aus Ihnen herauskommt. Es ist die ganze Erscheinung etwas anders, aber Sie werden das Verwandte des Erinnerungsbildes mit einem Nachbilde des Erlebnisses, das auf kurze, beschränkte Zeit das Auge hat, nicht verkennen können.

So werden Fragen vor den Menschen in Richtigkeit hingestellt, und der Mensch kann ja nur etwas über die Welt erfahren, indem er in der richtigen Weise fragen lernt. Fragen wir uns einmal: Wie hängen diese beiden Erscheinungen zusammen, das Nachbild des Auges und das Erinnerungsbild an ein bestimmtes Erlebnis, das - wir wollen es ganz unbestimmt lassen woher - aus uns aufsteigt? - Sehen Sie, wenn man solche Fragen aufwirft und nach einer sachgemäßen Antwort sucht, so versagt sogleich die ganze Methode der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Betrachtung. Sie versagt aus dem Grunde, weil ja diese Betrachtung eines nicht weiß: sie weiß nicht die universelle Bedeutung der Metamorphose. Die ganze universelle Bedeutung der Metamorphose, die kennt die gegenwärtige Naturwissenschaft nicht. Diese Metamorphose ist etwas, was eben beim Menschen in dem einen Leben nicht abgeschlossen ist, was beim Menschen sich erst abschließt in den aufeinanderfolgenden Erdenleben.

Sie wissen, wir unterscheiden zunächst einmal, um eine Ansicht gewinnen zu können über den ganzen Menschen - wenn wir von der Dreigliedrigkeit absehen, nur auf zwei Glieder sehen, wobei wir das zweite und dritte zusammenfassen -, wir unterscheiden zunächst die menschliche Kopforganisation und den übrigen Menschen. Wir müssen, wenn wir die menschliche Kopforganisation studieren wollen, verstehen können, wie diese Kopforganisation mit der ganzen Entwickelung des Menschen zusammenhängt. Sie ist eine spätere Metamorphose, sie ist die Umbildung des ganzen übrigen Menschen hinsichtlich seiner Kräfte. Was Sie, indem Sie sich kopflos denken -natürlich mit alledem, was vom Kopf in den übrigen Organismus hineingehört und zum Kopf eigentlich gehört -, was Sie da im übrigen Menschen sind, das fassen Sie ja natürlich zunächst substantiell auf. Aber dieses Substantielle kommt nicht in Betracht, sondern der Kräftezusammenhang dieser Substanz metamorphosiert sich im All zwischen dem Tode und einer neuen Geburt und wird im nächsten Erdenleben Kopforganisation. Das heißt, was Sie jetzt in Ihrem außer dem Kopf befindlichen Menschen an sich tragen, ist eine frühere Metamorphose der späteren Kopforganisation. Wenn Sie aber verstehen wollen, wie diese Metamorphose zusammenhängt, dann müssen Sie das Folgende ins Auge fassen.

Nehmen Sie einmal irgendein Organ - Leber oder Niere - Ihres übrigen Menschen und vergleichen Sie das mit Ihrer Kopforganisation, so finden Sie einen wesentlichen, durchgreifenden Unterschied. Sie finden nämlich den Unterschied, daß die ganze Tätigkeit der Organe Ihres außerkopflichen Menschen nach innen gerichtet ist. Wenn Sie zum Beispiel das Nierenorgan nehmen, so ist die ganze Tätigkeit nach dem Innern der Körperhöhle gerichtet. Dorthin ist die Tätigkeit des Nierensystems gerichtet. Und es ist diese Tätigkeit sogar auf Ausscheidung berechnet. Wenn Sie dieses Organ vergleichen mit irgendeinem Organ, das gerade für das Haupt, für den Kopf des Menschen charakteristisch ist, so können Sie das Auge nehmen. Das ist genau entgegengesetzt konstruiert, das ist ganz nach außen gerichtet. Und was es als Wechselbeziehung nach außen hat, das gibt es nach dem Innern des Menschen, nach dem Verständnis, nach dem Verstande ab. Sie haben in einem Organe des Hauptes das volle polarische Gegenbild eines Organes des übrigen Menschen. Der übrige Mensch hat seine Organe ganz nach dem Innern der Organisation des Organismus gerichtet. Das Haupt hat seine wesentlichen Organe nach außen geöffnet. Daher kann ich schematisch folgendes zeichnen (Tafel 13, oben):

Nehmen wir einmal an, das wäre die eine Metamorphose, das wäre die andere Metamorphose, die hier in Betracht kommt, so müssen Sie sich vorstellen: erstes Leben, zweites Leben; dazwischen ist dann das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wir haben ein inneres Organ. Dieses innere Organ ist nach innen geöffnet. Indem die Metamorphose wirksam ist zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, kehrt sich die ganze Stellung und alles, was an dieses Organ geknüpft wird, um. Das Organ wird nach außen geöffnet. Es ist also so, wie wenn dasjenige, was da nach innen seine Tätigkeit entfaltet, in der nächsten Inkarnation nach außen seine Tätigkeit entfaltet. Sie müssen sich also vorstellen, daß da etwas vorgegangen ist zwischen den zwei Inkarnationen, was man nur vergleichen kann damit, daß Sie sich denken, Sie haben hier einen Handschuh, den ziehen sie an; und nunmehr nehmen Sie ihn und drehen ihn um, so daß dasjenige, was an die Hand anliegt, nach außen kommt und das, was früher nach außen, nach der Luft zu lag, nach innen kommt. Also die Metamorphose hat sich nicht nur so vollzogen, daß dasjenige, was da die übrigen Organe sind, sich etwa bloß umgebildet hat, nein, es hat sich auch umgestülpt. Es ist das Innere, das nach innen Gewendete zum Äußeren, zum nach außen Gewendeten geworden. So daß wir sagen können: Die Organe - ich werde jetzt sprechen von Körper und Kopf als dem Gegensatze -, die Organe des Körpers metamorphosieren sich, indem sie sich umstülpen. Also unsere Augen wären in unserer vorhergehenden Inkarnation irgend etwas in unserem Bauche gewesen, wenn ich den Ausdruck eben gebrauchen darf. Das hat sich umgestülpt in seinen Kräften und ist jetzt Augen geworden, und die haben die Fähigkeit erlangt, Nachbilder zu erzeugen. Diese Fähigkeit, Nachbilder an der Außenwelt zu erzeugen, die muß auch von etwas herkommen. Wovon kommt diese Fähigkeit, Nachbilder zu erzeugen, her?

Nun, betrachten wir einmal die Augen, die Aufgabe der Lebenstätigkeit des Auges, betrachten wir das einmal ganz unbefangen. Die Nachbilder beweisen uns ja nur, daß das Auge etwas Lebendiges ist, die Nachbilder beweisen uns ja nur, daß das Auge die Tätigkeit ein wenig festhält. Warum hält das Auge die Tätigkeit ein wenig fest? Lassen Sie uns von etwas Einfacherem ausgehen. Nehmen Sie einmal an, Sie greifen Seide an. Greife ich Seide an, so bleibt mir im Organ, im Gefühlsorgan eine Nachwirkung der Seidenglätte. Wenn ich wiederum an die Seide herankomme, so erkenne ich Seide wiederum an dem, was es in mir bewirkt hat. So ist es auch beim Auge. Das Nachbild hat etwas zu tun mit dem Wiedererkennen. Die innere Lebendigkeit, die da in Betracht kommt, damit das Nachbild entsteht, die hat etwas zu tun mit dem Wiedererkennen. Aber da draußen, wenn es sich um das Wiedererkennen handelt, da bleiben die Dinge. Sie bleiben draußen. Wenn ich jetzt jemanden von Ihnen sehe und ihn morgen wieder treffe und ihn wieder erkenne, da steht er leibhaftig da.

Vergleichen wir das jetzt einmal mit dem, woraus das Auge als Metamorphose sich entwickelt hat in bezug auf die Tätigkeit. Sehen wir auf das Organ in unserem inneren Organismus, aus dem sich das Auge entwickelt hat. Da muß in einer gewissen Weise veranlagt sein dasjenige, was als die Fähigkeit des Nachbildens, als die Lebendigkeit des Auges erscheint, nur muß es nach innen gewendet sein. Da muß auch das etwas zu tun haben mit dem Wiedererkennen. Aber ein Erlebnis wiedererkennen heißt, sich daran erinnern. Suchen Sie also die ursprüngliche Metamorphose für die Tätigkeit des Auges in einem früheren Leben, so müssen Sie fragen nach der Tätigkeit des Organs, die wirkt für die Erinnerung. Diese Dinge lassen sich natürlich nicht so bequem und einfach darlegen, wie man es heute liebt; aber sie lassen sich eben dem Wege nach andeuten. Und verfolgen Sie den Weg, dann werden Sie finden: alle unsere Sinnesorgane, die nach außen gerichtet sind, haben ihre Gegenbilder in unseren inneren Organen. Und diese inneren Organe sind ja zu gleicher Zeit die Organe der Erinnerung. Mit dem Auge sehen Sie dasjenige, was im äußeren Leben wiederkehrt; mit dem, was in Ihrer Leibeshöhle entspricht der früheren Metamorphose des Auges, erinnern Sie sich an die Bilder, die Ihnen das Auge vermittelt. Mit dem Ohre hören Sie die Töne; mit demjenigen, was in Ihrer Leibeshöhle dem Ohr entspricht, erinnern Sie sich an die Töne. Und so wird der ganze Mensch, indem er seine Organe nach dem Innern öffnet, zum Erinnerungsorgan. Der ganze Mensch ist Erinnerungsorgan. Und wir stellen uns dem äußeren Leben gegenüber, wir nehmen dieses äußere Leben auf. Die materialistische Naturwissenschaft sagt, wir nehmen zum Beispiel Augenbilder auf; ihre Wirkungen übertragen sich auf den Augennerv. Damit ist es aber aus. Der ganze übrige Organismus ist für den Erkenntnisprozeß das fünfte Rad am Wagen. Das ist aber nicht wahr. Dasjenige, was wir wahrnehmen, geht in den übrigen Organismus über, und die Nerven haben mit der Erinnerung unmittelbar gar nichts zu tun, sondern die übrigen Organe, die Organe, welche ihre Tätigkeit nach innen öffnen. Der ganze Mensch ist Erinnerungswerkzeug, nur spezialisiert nach den verschiedenen Organen. Der Materialismus erlebt die furchtbare Tragik - ich habe darauf schon aufmerksam gemacht -, daß er gerade das Materielle nicht erkennen kann, denn er bleibt in Abstraktionen stecken. Und der Materialismus wird immer abstrakter, das heißt filtrierter, geistiger, und er kann nicht in das Wesen der materiellen Erscheinungen eindringen. Er begreift nicht die Geistigkeit der materiellen Erscheinungen. Zum Beispiel begreift er nicht, daß mit unserem Gedächtnisse unsere inneren Leibesorgane viel mehr zu tun haben als das Gehirn, das nur die Vorstellungen vorbereitet, damit sie von den übrigen Leibesorganen aufgenommen werden. In dieser Beziehung ist unsere Wissenschaft - was denn eigentlich? - die fortgesetzte Askese, das fortgesetzte einseitige Asketentum. Worin besteht denn dieses einseitige Asketentum? Darinnen, daß man nicht die materielle Welt in ihrer Geistigkeit begreifen, sondern sie verachten, sie überwinden will, mit ihr nichts zu tun haben will. Unsere Wissenschaft hat schon von der Askese das gelernt, daß sie überhaupt nichts mehr begreift von der Welt; daß sie ausdenkt, die Augen und die übrigen Sinnesorgane nehmen die Wahrnehmungen auf, übertragen sie aufs Nervensystem und dann auf irgend etwas, was man im Unbestimmten läßt. Nein, dann geht das über in den übrigen Organismus. Da entstehen zunächst die Erinnerungen durch das Zurückschwingen der Organe.

Das hat man in Zeiten, in denen eine falsche Askese nicht auf die Menschenanschauungen gedrückt hat, sehr wohl gewußt. Daher haben die Alten, wenn sie zum Beispiel von «Hypochondrie» gesprochen haben, nicht so gesprochen wie oftmals dei moderne Mensch oder gar die Psychoanalytiker, daß die Hypochondrie nur etwas Seelisches sei, das da in der Seele wurzelt. Nein, Hypochondrie heißt ja Unterleibsknorpeligkeit. Die Alten haben ganz gut gewußt, daß das, was Hypochondrie ist, in einer Versteifung, in einer Verhärtung des Unterleibssystems seinen Grund hat. Und die englische Sprache, die noch auf einer Etappe steht, die gegenüber den andern europäischen Sprachen eine weniger vorgerückte Stufe darstellt, die hat in sich noch eine Erinnerung von diesem Zusammenklang des Materiellen mit dem Geistigen. Ich erinnere nur an das eine. Man nennt im Englischen seelisch etwas «spleen», aber es ist nicht bloß seelisch. Die Milz heißt auch «spleen». Und der «spleen» hat mit der Milz sehr viel zu tun. Das ist nämlich nicht etwas, was man bloß aus dem Nervensystem zu erklären hat, sondern was man aus der Milz zu erklären hat. Und so könnte sehr vieles gefunden werden. Der Genius der Sprache hat ja sehr vieles erhalten, und wenn auch die Worte etwas umgebildet sind für den seelischen Gebrauch, weisen sie doch auf dasjenige hin, was als eine Uranschauung der Menschheit gut funktioniert hat.

Sie sehen sich also die Welt an, nehmen sie als ganzer Mensch wahr, und indem Sie sie als ganzer Mensch wahrnehmen, wirkt sie auf Ihre Organe. Diese Organe passen sich den Erlebnissen, der Erlebnisart an. Auf der Klinik, wenn man Anatomie treibt, ist Leber Leber; Leber eines Fünfzigjährigen, Leber eines Fünfundzwanzigjährigen, Leber eines Musikers ist Leber; Leber eines, der von der Musik so viel versteht, wie der Ochs vom Sonntag, wenn er die ganze Woche Gras gefressen hat, ist auch Leber. Aber das Bedeutsame besteht darinnen, daß ein gewichtiger Unterschied ist zwischen der Leber eines Musikers und der Leber eines Nichtmusikers, weil die Leber sehr, sehr viel zu tun hat mit dem, was widerklingt im Menschen von musikalischen Vorstellungen. Ja, es nützt nichts, in asketischer Erkenntnis die Leber als ein geringes Organ zu betrachten. Diese Leber, die scheinbar ein so geringes Organ ist, ist der Sitz alles dessen, was in der schönen Folge der Melodien lebt, und die Leber hat sehr viel mit dem Anhören einer Symphonie zu tun. Nur muß man natürlich sich klar sein, daß diese Leber auch noch ein Ätherorgan hat und daß das in erster Linie damit zu tun hat. Aber die äußere physische Leber ist eben gewissermaßen das Exsudat der Ätherleber und ist so gestaltet, wie diese Ätherleber gestaltet ist. Ja, da bereiten Sie sich Ihre Organe zu, und wenn Sie nun ganz selbst sich überlassen wären, und insofern Sie sich selbst überlassen sind, würde ganz genau Ihr Sinnesapparat in der nächsten Inkarnation ein Abbild Ihrer Erlebnisse gegenüber der Umwelt sein. Er ist es in gewisser Beziehung, nur ist er es nicht ausschließlich, denn es kommen uns in dem Leben zwischen dem Tode und neuer Geburt Wesen der höheren Hierarchien zu Hilfe, welche bewirken, daß nicht immer alle jene Ungezogenheiten, die wir begehen gegenüber unseren Organen, auch wirklich von uns schicksalsmäßig getragen werden müssen. Es wird uns geholfen zwischen Tod und neuer Geburt. Wir sind in bezug auf diesen Teil unserer Organisation nicht auf uns allein angewiesen.

Aber Sie sehen daraus, daß ein solcher Zusammenhang besteht zwischen dem ganzen übrigen Menschen und seinen Organen und seiner Kopforganisation. Der Körper wird Kopf, und den Kopf verlieren wir in bezug auf seine Kräftebildung mit dem Tod. Daher ist er auch wesentlich knöcherig in seiner Form und erhält sich länger als der übrige Organismus hier auf der Erde. Das ist nur das äußere Zeichen dafür, daß er uns verlorengeht für unsere folgende Inkarnation, für alles das, was wir durchzumachen haben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt."[1]

"Nehmen Sie die Lungenorganisation, Leberorganisation und so weiter, Sie kommen dazu, nach dem Inneren schauend, gewissermaßen die Oberfläche der einzelnen Organe zu überblicken, natürlich durch geistigen Blick nach innen. Was ist diese Oberfläche der Organe? Diese Oberfläche der Organe ist nämlich nichts anderes als ein Spiegelungsapparat für das seelische Leben. Was wir wahrnehmen und auch was wir gedanklich verarbeiten, das spiegelt sich an der Oberfläche unserer sämtlichen inneren Organe, und diese Spiegelung bedeutet unsere Erinnerungen, unser Gedächtnis während des Lebens. Also was sich da, nachdem wir es wahrgenommen und verarbeitet haben, an der Außenfläche unseres Herzens, unserer Lunge, unserer Milz und so weiter spiegelt, was da zurückgeworfen wird, das ist dasjenige, was die Erinnerungen abgibt. Und bei einer gar nicht sehr weitgehenden Trainierung können Sie schon bemerken, wie gewisse Gedanken auf den ganzen Organismus zurückstrahlen in der Erinnerung. Da sind die verschiedensten Organe beteiligt. Wenn es sich zum Beispiel handelt um die Erinnerung, sagen wir sehr abstrakter Gedanken, da ist außerordentlich stark beteiligt daran die Lunge, die Lungenoberfläche. Wenn es sich mehr um gefühlsgefärbte Gedanken handelt, um Gedanken also, die eine Gefühlsnuance haben, da ist sehr stark die Leberoberfläche daran beteiligt. So daß wir wirklich im einzelnen gut beschreiben können, wie die einzelnen Organe des Menschen beteiligt sind an dieser Rückstrahlung, die dann als Gedächtnis, als Erinnerungsvermögen auftritt. Wir dürfen nicht, wenn wir das Seelische ins Auge fassen, sagen: Im Nervensystem allein liegt der Parallelorganismus für das seelische Leben; im ganzen menschlichen Organismus liegt diese Parallelorganisation für das menschliche Seelenleben.

In dieser Beziehung sind viele Erkenntnisse, die instinktiv einmal vorhanden waren, einfach verlorengegangen. Sie sind noch in gewissen Worten vorhanden, aber die Menschen spüren nicht mehr, wie in den Worten Weisheiten aufbewahrt sind. Zum Beispiel, wenn jemand dazu veranlagt ist, seine Erinnerungen immer in einem Depressionszustand heraufkommen zu sehen, so nannten das die Griechen Hypochondrie: Unterleibsknorpeligkeit, eine Verknöcherung im Unterleib, wo also die Spiegelung durch diese Verknöcherung in einer solchen Weise zustande kommt, daß der Betreffende in seinen Erinnerungen einen Quell der Hypochondrie hat. Es ist überall der ganze Organismus an diesen Dingen beteiligt. Das ist etwas, was durchaus ins Auge gefaßt werden muß.

Nun, ich sprach, indem ich vom Erinnerungsvermögen sprach, von der Oberfläche der Organe. Es schlägt gewissermaßen überall das, was wir erleben, an die Oberfläche, wird reflektiert, und das führt zu den Erinnerungen. Aber es geht auch etwas hinein in den Organismus. Im gewöhnlichen Leben setzt sich das um, macht eine Metamorphose durch, so daß das Organ eine Absonderung hat. Die Organe, die so etwas verrichten, sind ja meist Drüsenorgane; sie haben eine innere Absonderung, und da setzt sich während des Lebens zunächst dasjenige um, was an solchen Kräften hineingeht. Aber nicht alles wird in dieser Weise in organischen Stoffwechsel und dergeichen umgesetzt, sondern die Organe nehmen in sich etwas auf, was in ihnen dann latent wird, eine innere Kraft bildet. So zum Beispiel alle Gedanken, die wir aufnehmen von der Art, daß sie, ich will sagen, mehr an die Anschauung der Außenwelt anknüpfen, daß wir uns durch diese Gedanken Bilder der äußeren Gegenstände bilden: die Kräfte, die in diesen Gedanken entwickelt werden, werden gewissermaßen in der Lunge, im Inneren der Lunge aufgespeichert. Und nun wissen Sie, daß das Innere der Lunge ja in Regsamkeit kommt durch den Stoffwechsel, durch die Gliedmaßenbewegung, und da bilden sich diese Kräfte so um, daß während des Lebens zwischen Geburt und Tod unsere Lunge gewissermaßen ein Reservoir von Kräften ist, in das der Stoffwechsel-Gliedmaßenorganismus fortwährend hineinspielt. Wenn wir sterben, so sind ja solche Kräfte aufgespeichert.

Selbstverständlich, der physische Stoff fällt ab, aber diese Kräfte, die gehen nicht verloren, die gehen mit uns durch den Tod und durch das ganze Leben zwischen Tod und neuer Geburt hindurch. Und wenn wir in eine neue Inkarnation eintreten, so sind es vorzugsweise diese Kräfte, die in der Lunge waren, welche unser Haupt äußerlich formieren, welche äußerlich uns die Physiognomie unseres Hauptes aufdrücken. Was der Phrenologe studieren will an der äußeren Hauptesform, das müßte man vorgebildet suchen im Inneren der Lunge in der vorigen Inkarnation. So konkret kann man von Leben zu Leben hin die Umwandlung der Kräfte verfolgen. Dann bilden diese Dinge nicht mehr bloß abstrakte Wahrheiten, sondern sie werden konkret angeschaut, wie man auch die physischen Dinge konkret anschaut. Und die geistige Wissenschaft hat nur dann einen wirklichen Wert, wenn man so in die einzelnen Konkretheiten eindringt. Wenn man nur im allgemeinen redet von den wiederholten Erdenleben und so weiter, so sind das ja nur Worte. Eine Bedeutung hat das erst, wenn "man auf die einzelnen Konkretheiten dabei eingehen kann.

Wenn man nun dieses in der Lunge Aufgespeicherte nicht in der richtigen Weise beherrscht, dann wird es so ausgepreßt, wie ich gestern sagte, daß ein Schwamm ausgepreßt wird, und dann entstehen aus dem, was eigentlich erst in der nächsten Inkarnation kopfformend herauskommen sollte, vorzugsweise solche abnormen Erscheinungen, die man gewöhnlich als Zwangsgedanken bezeichnet oder auch in irgendeiner Weise als Illusionen. Es ist ein interessantes Kapitel einer höheren Physiologie, bei Lungenkranken zu studieren, welche merkwürdigen Vorstellungen da auftreten im Hochstadium der Lungenkrankheiten.

Das hängt zusammen mit dem, was ich eben jetzt auseinandergesetzt habe, mit diesem Herauspressen der Gedanken. Die Gedanken, die da herausgepreßt werden, sind deshalb Zwangsgedanken, weil sie schon die formende Kraft in sich haben. Die Gedanken, die wir jetzt normal im Bewußtsein haben sollen, die dürfen nur Bilder sein, die dürfen nicht eine formende Kraft in sich haben, dürfen uns nicht zwingen. Durch die lange Zeit zwischen Tod und neuer Geburt, da zwingen sie, da sind sie Kausalitäten, da wirken sie dann formend. Jetzt dürfen sie uns nicht überwältigen, sie dürfen nur beim Übergang von einem Leben ins andere ihre Kraft ausüben. Das ist dasjenige, was da in Betracht kommt.

Wenn Sie nun in derselben Weise, wie ich es jetzt für die Lunge auseinandergesetzt habe, die Leber studieren, dann finden Sie: Da wird ebenso im Inneren der Leber konzentriert an Kräften alles dasjenige, was in der nächsten Inkarnation sich hinüberleitet in die inneren Dispositionen des Gehirnes. Also wiederum auf dem Umwege des Stoffwechselorganismus des jetzigen Lebens gehen die inneren Kräfte der Leber hinüber, aber jetzt nicht in die Form des Kopfes wie die Lunge, sondern in die innere Disposition des Gehirnes. Ob jemand ein scharfer Denker ist in der nächsten Inkarnation, hängt davon ab, wie er sich in der gegenwärtigen Inkarnation benimmt. So daß also auf dem Umweg durch den Stoffwechsel in der Leber bestimmte Kräfte auftreten; wenn diese Kräfte aber ausgepreßt werden in der gegenwärtigen Inkarnation, dann führen sie zu Halluzinationen oder starken Visionen.

Sie sehen also jetzt im Konkreten, was ich gestern mehr im Abstrakten andeutete, wie durch Auspressen aus den Organen diese Dinge herauskommen, die dann ins Bewußtsein eindringen und aus dem allgemeinen halluzinatorischen Leben, das hinüberspielen soll von Inkarnation zu Inkarnation, sich in der einen Inkarnation geltend machen und dadurch eben in dieser Weise zum Vorschein kommen.

Studieren wir in derselben Weise alles das, was mit dem Nierenbscheidungssystem zusammenhängt, dann sehen wir, wie sich darinnen diejenigen Kräfte konzentrieren, welche in der nächsten Inkarnation mehr nach der emotioneilen Seite hin die Kopforganisation beeinflussen, veranlagen. Die Nierenorgane, die Abscheidungsorgane, die bringen im wesentlichen dasjenige hervor, was mit der Temperamentsanlage im weitesten Sinne, aber auf dem Umwege durch die Kopforganisation, für die nächste Inkarnation vorbereitet wird. Wenn diese Dinge in der gegenwärtigen Inkarnation ausgepreßt werden, dann zeigen sie all die nervösen Zustände, all die Zustände, die mit Erregungen des Menschen zusammenhängen, namentlich aber innere Erregungen, Gemütserregungen, eben hypochondrische Zustände, Depressionszustände und so weiter, alle die Zustände, die mit dieser Seite des Stoffwechsels besonders zusammenhängen. In der Tat, alles, was mehr, ich möchte sagen, nach der Gefühls- und Emotionsseite hin gedächtnismäßig ist, das hängt auch zusammen mit dem, was reflektiert wird an den Nierenorganen. Wenn wir Lungenreflektionen, Leberreflektionen nehmen, so sind das mehr die Gedächtnisvorstellungen, die eigentlichen Gedächtnisvorstellungen. Gehen wir zum Nierensystem, so haben wir das, was wir als bleibende Gewohnheiten dieser Inkarnation haben, und das Innere des Nierensystems bereitet eben, wie gesagt, auf dem Umweg durch die Kopforganisation die Temperamentsanlagen im weiteren Sinne für die nächste Inkarnation vor.

Studieren wir in eben demselben Sinne das Herz. Das Herz ist auch in bezug auf die geisteswissenschaftlichen Untersuchungen ein außerordentlich interessantes Organ. Sie wissen ja, daß unsere triviale Wissenschaft die Herzerkenntnis sich ungeheuer leicht macht. Sie sieht das Herz als eine Pumpe an, eine Pumpe, die das Blut durch den Körper pumpt. Nun, man kann nichts Unsinnigeres meinen als dieses, denn das Herz hat überhaupt nichts zu tun mit irgendeinem Pumpen des Blutes, sondern das Blut wird durch die ganze Regsamkeit des astralischen Leibes, des Ich, in Tätigkeit versetzt, und das Herz ist nur der Reflex dieser Bewegungen. Die Bewegung des Blutes ist eine Eigenbewegung, und das Herz bringt nur zum Ausdruck, was die Bewegung des Blutes, die Kräfte verursachen. Das Herz ist tatsächlich nur das Organ, das ausdrückt die Blutsbewegung; das Herz hat gar keine Aktivität in bezug auf die Blutsbewegung. Die gegenwärtigen Naturwissenschafter werden ganz fuchswild, wenn man von dieser Sache spricht. Ich habe einmal vor vielen Jahren, ich glaube 1904 oder 1905, auf einer Reise nach Stockholm einem Naturforscher, einem Mediziner, diese Sache auseinandergesetzt, und er wurde fast tobsüchtig darüber, daß man das Herz nicht mehr als Pumpe ansehen soll, sondern daß es das Blut selber ist, das durch seine Vitalität in Bewegung kommt und daß das Herz eben nur eingefügt ist in die allgemeine Blutsbewegung und sie mitmacht im Schlage und so weiter.

Nun, an dem Herzen wird allerdings etwas reflektiert, was schon nicht mehr bloß eigentlich Gedächtnis- oder Gewohnheitssache ist, sondern es spiritualisiert sich da schon, wenn es an die Außenwand des Herzens kommt, das Leben. Denn was da zurückgeworfen wird vom Herzen, das sind die Gewissensbisse. Das ist einfach, ich möchte sagen, ganz physischerseits zu nehmen: die Gewissensbisse, die in unser Bewußtsein hereinstrahlen, sie sind dasjenige, was von unseren Erlebnissen durch das Herz reflektiert wird. So lehrt es einen die spirituelle Erkenntnis des Herzens. Wenn wir aber in das Innere des Herzens hineinschauen, so sammeln sich da auch Kräfte durch den ganzen Stoffwechsel- und Gliedmaßenorganismus. Und weil das spiritualisiert ist, was mit dem Herzen, mit den Herzkräften zusammenhängt, spiritualisiert sich da hinein auch dasjenige, was mit unserem äußeren Leben, mit unseren Handlungen zusammenhängt. Und so paradox, so sonderbar es klingt für einen Menschen, der sehr gescheit ist im Sinne der Gegenwart, es ist einmal so: Was da im Herzen an Kräften zubereitet wird, das sind die karmischen Anlagen, das sind die Anlagen des Karma. Es ist geradezu empörend töricht, vom Herzen zu sprechen als einem bloßen Pumpwerk, denn das Herz ist dasjenige Organ, das aus dem Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus, durch die Vermittelung des Gliedmaßen-Stoffwechselorganismus hineinträgt in die nächste Inkarnation, was wir gerade als Karma auffassen.

Sie sehen, lernt man diese Organisation kennen, dann lernt man sie differenzieren und sie erscheint einem dann im Zusammenhange mit dem ganzen Leben, das über Geburt und Tod hinausgeht; man sieht dann hinein in dieses ganze Gefüge des Menschen. Von dem Haupt konnten wir nicht reden, indem wir von Umformungen sprachen, denn das Haupt wird einfach abgeworfen; diese Kräfte sind mit dieser Inkarnation erfüllt, sie sind eben umgewandelt von der vorigen Inkarnation her. Dasjenige aber, was wir in diesen vier Hauptsystemen, im Lungen-, Nieren-, Leber- und Herzsystem haben, das geht auf dem Umwege durch den Stoffwechsel-Gliedmaßenorganismus formbildend hinüber und bildet unser Haupt in allen seinen Anlagen in der nächsten Inkarnation. Und wir müssen innerhalb der Organe die Kräfte suchen, welche dasjenige, was wir jetzt durchmachen, hinübertragen in die nächstfolgende Inkarnation.

Der Stoffwechsel des Menschen, der ist keineswegs jenes bloße retortuale Brodeln und Kochen, von dem die heutige Physiologie spricht. Sie brauchen ja nur einen Schritt zu machen, so wird ein Stoffwechsel vollführt. Dieser Stoffwechsel, der da vollführt wird, der ist nicht bloß der chemische Vorgang, den man untersuchen kann mit den Mitteln der Physiologie, der Chemie, sondern der ist zugleich moralisch gefärbt, der trägt eine moralische Nuance. Und diese moralische Nuance wird tatsächlich aufgespeichert im Herzen und als karmische Kraft hinübergetragen in die nächste Inkarnation. Und den ganzen Menschen studieren, heißt, in ihm die Kräfte finden, die durchaus über das Erdenleben hinausreichen. Unser Haupt selbst ist ja eine Kugel. Nur dadurch, daß der übrige Organismus daran hängt, ist die Kugelgestalt beeinträchtigt. Unser Haupt wird ganz aus dem Kosmos herausgebildet. Wir müssen ja, wenn wir durch den Tod durchgehen, in unserer Organisation, wie sie uns dann geistig-seelisch bleibt, eigentlich uns anpassen dem ganzen Kosmos. Der ganze Kosmos nimmt uns dann auf. Und ungefähr bis zu dem Zeitpunkte, der in der Mitte drinnen liegt zwischen zwei Inkarnationen - ich habe ihn in einem meiner Mysteriendramen die Mitternachtsstunde des Daseins genannt -, bis zu diesem Zeitpunkt, wenn ich mich so ausdrücken darf, vergrößern wir uns immer in die Umwelt hinein. Wir werden nach und nach ganz identisch mit der Umwelt. Und was da von uns in die Umwelt hinausgeht, das gibt die Konfiguration für das Astralische und das Ätherische der nächsten Inkarnation.

Das ist dasjenige, was im wesentlichen aus dem Kosmos herein die Mutter bestimmt. Durch den Vater und die Befruchtung kommt dasjenige, was im physischen Leibe konfiguriert ist und was im Ich ist. Dieses Ich geht, so wie es dann ist, nach der Mitternachtsstunde des Daseins eigentlich in eine ganz andere Welt über. Es geht in diejenige Welt über, durch die es dann diesen Weg nehmen kann durch die väterliche Natur. Das ist ein außerordentlich bedeutsamer Vorgang. Es ist wirklich so, daß die Zeit bis zur Mitternachtsstunde und von der Mitternachtsstunde an - beide Teile sind ja zwischen Tod und neuer Geburt - eigentlich sehr verschieden sind voneinander. Ich habe diese Erlebnisse in meinem Wiener Vortragszyklus von 1914 von innen aus geschildert. Wenn wir sie mehr von außen anschauen, müssen wir eben sagen: Das Ich wird in der ersten Hälfte, bis zur Mitternachtsstunde, mehr kosmisch und bereitet dasjenige vor im Kosmos, was dann auf dem Umwege durch die Mutter in die nächste Inkarnation hineingeht. Und von der Mitternachtsstunde des Daseins bis zur nächsten Geburt geht das Ich in dasjenige über, was eigentlich in den alten Mysterien Unterwelt genannt wurde, und auf dem Umwege durch diese Unterwelt nimmt es den Weg durch die Befruchtung. Und da kommen im Grunde genommen die zwei Pole des Menschen zusammen durch die Mutter und den Vater, von der Oberwelt und von der Unterwelt.

Dieses, was ich jetzt sage, war aus der instinktiven älteren Erkenntnis heraus, wenigstens soviel mir bekannt ist, ein wesentlicher Inhalt der ägyptischen Mysterien. Die ägyptischen Mysterien führten ja ganz besonders die Menschen zu der Erkenntnis gerade dessen, was sie damals die oberen und die unteren Götter nannten, die obere und die untere Götterwelt. Und man kann schon sagen, in dem Befruchtungsakte vollzieht sich ein polarischer Ausgleich der oberen und der unteren Götterwelt, und das Ich geht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt zuerst durch diese obere Welt und dann durch die untere Welt. Es ist durchaus in älteren Zeiten nicht diese eigentümliche Nuance schon dagewesen, die heute manche verbinden mit Ober- und Unterwelt. Die obere ist bei den heutigen Menschen immer die gute, und die untere ist immer die schlechte. Diese Nuance war ursprünglich nicht damit verbunden, sondern es waren eben nur die zwei Polaritäten, die an der Gesamtweltbildung teilnehmen mußten. So daß man in der unmittelbaren Erfahrung die Oberwelt mehr als die Lichtwelt wahrnahm, schaute, die untere Welt mehr als die Welt der Schwere: Schwere und Licht als die beiden Polaritäten, mehr nach außen die Sache ausgedrückt. So sehen Sie, daß man im Konkreten die Dinge schildern kann.

Ich habe Ihnen für die andern Organe gesagt, daß das Ausfließen halluzinatorisches Leben werden kann, insbesondere was aus dem Lebersystem herausgepreßt wird. Wenn aber das Herz seinen Inhalt auspreßt, dann ist es also eigentlich das System von Kräften, herausgedrängt und ins Bewußtsein gebracht, das in der nächsten Inkarnation jene eigentümliche Veranlagung, sein Karma auszuleben, hervorruft. Wenn man beobachtet, wie das Karma sich auswirkt, so kann man ja sagen: Es läßt sich eigentlich dieses Ausleben des Karma von der Seite der Menschen nur schildern wie eine Art von Hunger und Sättigung. - Das muß man so auffassen. Gehen wir zunächst vom Standpunkt der gewöhnlichen Lebensanschauung aus,nehmen wir ein markantes Ereignis: Eine Frau begegnet einem Mann und fängt an, ihn zu lieben. - Nun ja, das ist wirklich ungefähr so angesehen, wie wenn Sie aus der Sixtinischen Madonna ein Stückchen herausschneiden würden, zum Beispiel gerade ein Fingerchen vom Jesusknaben herausschneiden und das anschauen würden. Sie haben natürlich ein Stück von der Sixtinischen Madonna, aber Sie sehen nichts. So sehen Sie auch nichts, wenn Sie anschauen: Eine Frau begegnet einem Mann und fängt an, ihn zu lieben. - Denn so ist es nicht, das muß man nach vorne zurückverfolgen. Bevor die Frau an den Mann herangekommen ist, ist sie an andere Orte der Welt gegangen, ist früher woanders gewesen, noch früher wieder woanders gewesen. Sie können überall Gründe finden, warum die Frau von dem einen Ort zu dem andern gegangen ist. Das verbirgt sich natürlich im Unterbewußten, aber es ist Vernunft darinnen, es ist durchaus Zusammenhang darinnen, und man kann, wenn man zurückgeht bis in die Kindheit, den Weg zurückverfolgen. Die betreffende Frau - dabei soll niemandem etwas aufgemutzt werden -, die geht durchaus die Wege vom Anfange an, die dann landen in dem betreffenden Ereignis. Der Mensch, wenn er geboren wird, hat Hunger, das zu tun, was er tut, und er läßt nicht früher nach, bis die Sättigung kommt. Das Hindrängen zum karmischen Ereignis ist eine Folge eines solchen allgemeinen spirituellen Hungergefühles; man wird hingetrieben. Das ist einmal der ganze Mensch: er hat solche Kräfte in sich zu späteren Ereignissen trotz der Freiheit, die trotzdem vorhanden ist, aber die spielt ja auf einem andern Gebiete. Der Mensch trägt diese Kräfte in sich. Nun, diese Kräfte, die da als ein solcher Hunger sich äußern, der dann zur karmischen Erfüllung führt, diese Kräfte, die so sich ausleben, die werden im Herzen konzentriert. Und wenn sie ausgepreßt werden und also in der jetzigen Inkarnation ins Bewußtsein kommen: sie bleiben deshalb im Herzen doch vorhanden, aber sie kommen ins Bewußtsein herein, es bilden sich Bilder von ihnen, die dann Anregungen bilden; dann gibt das die Tobsucht. Tobsucht ist im Grunde genommen nichts anderes - man kann das in der Realität studieren - als das in dieser Inkarnation verfrühte Ausleben einer Karmakraft für die folgende Inkarnation. Bedenken Sie, wie anders man sich angewöhnen muß, die Weltereignisse anzusehen, wenn man diese Zusammenhänge erfaßt. Natürlich, wenn man ein tobsüchtiger Mensch ist in seiner gegenwärtigen Inkarnation, oder wenn man gar jener König gewesen wäre, der einmal in Spanien regiert hat, so sagt man: Wenn ihm Gott die Welt zu schaffen überlassen haben würde, so würde er es besser gemacht haben. - Und so stellen ja die Leute Fragen, wie: Warum hat Gott die Tobsucht erschaffen? - Es hat die Tobsucht schon ihre ganz guten Gründe, aber alles, was in der Welt wirkt, kann eben auch deplaciert zum Vorschein kommen. Und dieses deplacierte Zum-Vorschein-Kommen, das in diesem Falle namentlich durch luziferische Kräfte bewirkt wird - alles, was verfrüht bewirkt wird in der Welt, wird durch luziferische Kräfte bewirkt -, dieses Zum-Vorschein-Kommen der karmischen Kräfte der nächsten Inkarnation in einer früheren Inkarnation bildet die Tobsucht. Sie sehen, man kann förmlich in den Abnormitäten eines gegenwärtigen Lebens dasjenige studieren, was sich in die andern Leben hinüber fortsetzen soll.

Sie können sich doch denken, was für ein gewaltiger Unterschied ist zwischen dem, was jetzt durch unsere ganze Inkarnation im Herzen ruht, und dem Zustand, in dem dasselbe sein wird, wenn es die ganze lange Entwickelung durchgemacht hat zwischen dem Tode und einer neuen Geburt und dann in einem neuen Leben im äußeren Verhalten des Menschen zum Vorschein kommt. Dennoch, wenn Sie in das Innere Ihres Herzen hineinschauen, so können Sie - allerdings jetzt in Latenz, nicht in einem voll ausgeführten Bilde - ziemlich gut wahrnehmen, was Sie im nächsten Leben treiben werden. Man kann also nicht nur im allgemeinen, in abstracto sagen: Es bereitet sich im gegenwärtigen Leben vor, was im nächsten Leben sich karmisch auswirkt -, sondern man kann geradezu, ich möchte sagen, die Kassette aufweisen, worin das Karma der folgenden Zeiten ruht. Das sind die Dinge, die ganz im Konkreten durchschaut werden müssen, wenn man wirkliche Geisteswissenschaft treiben will."[2]

Vergleiche zu den nachstehenden Ausführungen auch -> Ätherisation, des Blutes.

"Denken Sie nur einmal nach über die einfache Erscheinung des Gedächtnisses, der Erinnerung. Wenn Sie sich an etwas erinnern, woran Sie vor Jahren auf Grundlage äußerer Wahrnehmungen Eindrücke gewonnen haben, sich Vorstellungen gebildet haben, die Sie heute aus den Untergründen Ihrer Seele heraufholen, und es kommt Ihnen die Erinnerung, sagen wir an etwas ganz einfaches, einen Baum oder einen Geruch, da müssen Sie sagen, Sie haben in Ihrer Seele etwas aufgespeichert, was Ihnen hat bleiben können von dem äußeren Eindruck. Nun zeigt uns aber eine wiederum nur durch Übungen der Seele zu gewinnende Betrachtung des Seelenlebens selber, daß in dem Augenblick, wo wir unser Seelenleben soweit haben, daß wir aufgespeicherte Eindrücke als Erinnerungsvorstellungen zurückrufen können, wir mit unseren seelischen Erlebnissen nicht nur in unserem Ich wirken. Zunächst tun wir das ja, indem wir mit unserem Ich der Außenwelt gegenübertreten, Eindrücke aus ihr aufnehmen und sie verarbeiten im Astralleibe. Würden wir aber nur das tun, so würden wir alles gleich wieder vergessen. Wenn wir Schlüsse ziehen, arbeiten wir im Astralleib. Wenn wir aber die Eindrücke in uns so fest machen, daß wir sie nach einiger Zeit - ja, oder auch nur nach Minuten — wieder heraufholen können, dann prägen wir die Eindrücke, die wir durch unser Ich gewonnen und durch unseren Astralleib verarbeitet haben, in unseren Ätherleib ein; so daß wir also in den Gedächtnisvorstellungen vom Ich aus hineingepreßt haben in den Ätherleib dasjenige, was wir als seelische Betätigung in der Berührung mit der Außenwelt gewonnen haben. Wenn wir nun die Fähigkeit haben, von unserer Seele her in den Ätherleib hineinzupressen unsere Erinnerungsvorstellungen, und wenn wir den Ätherleib auf der anderen Seite anerkennen als den nächsten übersinnlichen Ausdruck unseres Organismus, so fragt es sich nun: Wie geschieht dieses Hineinpressen? Wie geht das vor sich, daß der Mensch tatsächlich das, was vom Astralleibe verarbeitet ist, jetzt wirklich in den Ätherleib hineinbringt? Wie kann er es in den Ätherleib überleiten? Diese Überleitung geschieht auf eine sehr merkwürdige Weise. Wenn wir zunächst ganz schematisch den Verlauf des Blutes durch den ganzen menschlichen Körper betrachten und dieses Blut als den äußeren physischen Ausdruck des menschlichen Ich fassen, so sehen wir - wenn wir das jetzt so betrachten, als ob wir im Ätherleibe drinnen stünden —, wie das Ich arbeitet in Korrespondenz mit der Außenwelt, wie es Impressionen empfängt und diese zu Vorstellungen verdichtet, und wir sehen, wie dabei in der Tat unser Blut nicht nur tätig ist, sondern wie unser Blut im ganzen Verlauf, namentlich nach oben zu - nach unten weniger-, überall den Ätherleib erregt, so daß wir überall im Ätherleibe Strömungen sich entwickeln sehen, die einen ganz bestimmten Verlauf nehmen. Sie erscheinen so, als ob sie sich an das Blut anschließen würden, vom Herzen nach dem Kopfe gehen und sich im Kopfe sammeln würden. Sie sammeln sich ungefähr so - wenn ich jetzt einen äußeren Vergleich gebrauchen darf —, wie etwa Ströme von Elektrizität einer Spitze zugehen, der eine andere Spitze entgegengestellt ist, und so zum Ausgleich von positiver und negativer Elektrizität hinstreben.

Wenn wir diesen Vorgang okkult betrachten mit entsprechend geübter Seele, so sehen wir, wie in einem Punkte sich jene Ätherkräfte unter einer gewaltigen Spannung zusammendrängen, welche hervorgerufen sind durch die Eindrücke, die jetzt gewisse Vorstellungen werden wollen, Gedächtnisvorstellungen, die sich in den Ätherleib einprägen wollen. Man sieht es den Ätherkräften an, daß sie Gedächtniskräfte werden wollen. Ich will die letzten Ausläufer dieser Ätherströmungen nach dem Gehirn herauf und das Sichzusammendrängen so zeichnen, wie es sich etwa wirklich darstellen

würde. Wir sehen da eine mächtige Spannung, die sich an einer Stelle sammelt und gleichsam sagt: Ich will in den Ätherleib hinein! - Wir sehen nun, wie dieser Ätherströmung des Kopfes andere Strömungen entgegenkommen, die ausgehen namentlich von den Lymphgefäßen und die sich so sammeln, daß sie sich der ersten Strömung entgegenstellen. So haben wir im Gehirn, wenn sich eine Gedächtnisvorstellung bilden will, einander gegenüberstehen zwei Ätherströmungen, die sich mit größtmöglicher Kraft konzentrieren, etwa so wie positive und negative Elektrizität sich an ihren Polen mit größter Spannung konzentrieren und nach Ausgleich streben. Ein Ausgleich zwischen den beiden Ätherströmungen geschieht in der Tat, und wenn er vollzogen ist, dann ist eine Vorstellung Gedächtnisvorstellung geworden und hat sich dem Ätherleibe einverleibt.

Solche übersinnlichen Realitäten, solche übersinnlichen Strömungen im menschlichen Organismus drücken sich dadurch aus, daß sie sich auch ein physisch-sinnliches Organ schaffen, welches wir wie eine Versinnlichung solcher Strömungen anzusehen haben. So haben wir ein Organ, welches sich im mittleren Gehirn befindet, das der physisch-sinnliche Ausdruck ist für das, was als Gedächtnisvorstellung sich bilden will. Dem stellt sich gegenüber ein anderes Organ im Gehirn, das der Ausdruck ist für diejenigen Strömungen im Ätherleib, die von den unteren Organen kommen. Diese beiden Organe im menschlichen Gehirn sind der physisch-sinnliche Ausdruck für diese beiden Strömungen im menschlichen Ätherleibe, sie sind etwas wie letzte Anzeichen dafür, daß solche Strömungen im Ätherleibe stattfinden. Es verdichten sich gleichsam diese Strömungen so stark, daß sie die menschliche Leibessubstanz ergreifen und zu diesen Organen verdichten, so daß wir in der Tat den Eindruck haben, wie wenn von dem einen Organ helle Lichtströmungen ausstrahlen, die zu dem anderen Organ überfließen. Das physische Organ, das die Gedächtnisvorstellung bilden will, ist die Zirbeldrüse, der aufnehmende Teil ist der Gehirnanhang, Hypophysis.

Hier haben Sie an einer ganz bestimmten Stelle des physischen Organismus den äußeren physischen Ausdruck für das Zusammenwirken des Seelischen mit dem Leiblichen!"[3]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Entsprechungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos. Der Mensch - eine Hieroglyphe des Weltenalls., GA 201 (1987), S 104 ff., Siebenter Vortrag, Dornach, 23. April 1920
[2]Rudolf Steiner, Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist. Erster Teil., GA 205 (1987), S 100 ff., Sechster Vortrag, Dornach, 2. Juli 1921
[3]Rudolf Steiner, Eine okkulte Physiologie, GA 128 (1991), S 84 ff., Vierter Vortrag, Prag, 23. März 1911

(Literaturangaben folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@rudolf-steiner.com URL: http://www.rudolf-steiner.com)

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