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Lexikon Anthroposophie

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Denken
das Denk-Erlebnis

Schon Aristoteles hat in seiner Metaphysik die Beobachtung des Denkens, das Denk-Erlebnis, beschrieben:

"Das Denken aber an sich hat zum Gegenstande das, was an sich das Wertvollste ist, und das reinste Denken hat auch den reinsten Gegenstand. Mithin denkt das Denken sich selbst; es nimmt teil an der Gegenständlichkeit; es wird sich selber Gegenstand, indem es ergreift und denkt, und so wird das Denken und sein Objekt identisch. Denn das was für den Gegenstand und das reine Wesen empfänglich ist, ist der denkende Geist, und er verwirklicht sein Vermögen, indem er den Gegenstand innehat.

Das Göttliche, das man dem denkenden Geiste als sein Eigentum zuschreibt, ist also mehr dieser Besitz als die bloße Empfänglichkeit; das Seligste und Höchste ist die reine Betrachtung. Ist nun Gottes Seligkeit ewig eine solche, wie sie uns wohl je einmal zu teil wird, wie wunderbar! Ist sie eine noch höhere, wie viel wunderbarer noch! So aber verhält es sich.

Und auch das Prädikat der Lebendigkeit kommt ihm zu. Denn die Wirksamkeit des denkenden Geistes ist Leben; Gott aber ist reine Wirksamkeit, und seine Wirksamkeit an und für sich ist ein höchstes, ein ewiges Leben. Und so sagen wir denn: Gott ist das ewige, absolut vollkommene Lebendige, und ihm kommt mithin ein zeitloses ewiges Leben und Dasein zu. Das nun ist Gottes Wesen und Begriff."[1]

Rudolf Steiner hat dieses Denk-Erlebnis zunächst in seinen philosophischen Hauptwerken näher beschrieben und weiter vertieft. Später hat er dazu noch weitere Erläuterungen aus anthroposophischer Sicht gegeben:

"Dieses Leben in Gedanken, das führt ja zuletzt zu dem, was Ihnen entgegentritt, wenn Sie in der richtigen Weise die «Philosophie der Freiheit» lesen wollen. Wenn Sie in der richtigen Weise die «Philosophie der Freiheit» lesen wollen, so müssen Sie dieses Gefühl eben kennen : in Gedanken zu leben. Die «Philosophie der Freiheit» ist ganz etwas, was aus der Wirklichkeit heraus erlebt ist; aber zu gleicher Zeit ist sie etwas, was ganz und gar eben aus dem wirklichen Denken hervorgegangen ist. Und daher sehen Sie eine Grundempfindung gerade in dieser «Philosophie der Freiheit». Diese «Philosophie der Freiheit», ich habe sie konzipiert in den achtziger Jahren, niedergeschrieben in dem Beginne der neunziger Jahre, und ich darf wohl sagen: bei denjenigen Menschen, die dazumal eigentlich sogar die Aufgabe gehabt hätten, den Grundnerv dieser «Philosophie der Freiheit» irgendwie wenigstens ins Auge zu fassen, fand ich mit dieser «Philosophie der Freiheit» überall Unverständnis. Und das liegt an einem bestimmten Punkte. Das liegt an folgendem: Die Menschen, auch die sogenannten denkenden Menschen der Gegenwart, kommen mit ihrem Denken eigentlich nur dazu, in ihm ein Abbild der sinnlichen Außenwelt zu erleben. Und dann sagen sie: Vielleicht könnte einem in dem Denken auch etwas kommen von einer überphysischen Welt; aber es müßte dann das auch so sein, daß geradeso, wie der Stuhl, wie der Tisch draußen ist, und von dem Denken vorausgesetzt wird, daß es drinnen ist, so müßte nun dieses Denken, das da drinnen ist, auch auf irgendeine Weise erleben können ein außerhalb des Menschen zu erfassendes Übersinnliches, wie der Tisch und der Stuhl außerhalb sind. - So ungefähr dachte sich Eduard von Hartmann die Aufgabe des Denkens.

Nun trat ihm gegenüber dieses Buch, die «Philosophie der Freiheit». Da ist das Denken so erlebt, daß innerhalb des Denk-Erlebnisses man dazu kommt, gar nicht anders vorstellen zu können, als: Wenn du im Denken richtig drinnen lebst, lebst du, wenn auch zunächst auf eine unbestimmte Weise, im Weltenall. Dieses Verbundensein im innersten Denk-Erlebnis mit den Weltgeheimnissen, das ist ja der Grundnerv der «Philosophie der Freiheit». Und deshalb steht in dieser «Philosophie der Freiheit» der Satz: In dem Denken ergreift man das Weltgeheimnis an einem Zipfel.

Es ist vielleicht einfach ausgedrückt, aber es ist so gemeint, daß man gar nicht anders kann, wenn man das Denken wirklich erlebt, daß man sich fühlt nicht mehr außer dem Weltgeheimnis, sondern im Weltgeheimnis drinnen, daß man sich fühlt nicht mehr außerhalb des Göttlichen, sondern im Göttlichen. Erfaßt man das Denken in sich, so erfaßt man das Göttliche in sich.

Diesen Punkt konnte man nicht erfassen. Denn erfaßt man ihn wirklich, hat man sich Mühe gegeben, das Denk-Erlebnis zu haben, dann steht man eben nicht mehr in der Welt drinnen, in der man vorher drinnen gestanden hat, sondern man steht in der ätherischen Welt drinnen. Man steht in einer Welt drinnen, von der man weiß: sie ist nicht von da und dort im physischen Erdenraum bedingt, sondern sie ist bedingt von der ganzen Weltensphäre. Man steht in der ätherischen Weltensphäre drinnen. Man kann nicht mehr zweifeln an der Gesetzmäßigkeit der Weltenäthersphäre, wenn man das Denken so erfaßt hat, wie es in der «Philosophie der Freiheit» erfaßt ist. So daß da erreicht ist dasjenige, was man ätherisches Erleben nennen kann. Daher wird es einem so, wenn man in dieses Erleben hineinkommt, daß man einen eigentümlichen Schritt in seinem ganzen Leben macht.

Ich möchte diesen Schritt so charakterisieren: Wenn man im gewöhnlichen Bewußtsein denkt, denkt man, wenn man hier in diesem Raume ist, Tische, Stühle, selbstverständlich Menschen und so weiter; man denkt vielleicht auch noch etwas anderes, aber man denkt die Dinge, die außerhalb sind. Also sagen wir - es sind da verschiedene Dinge außerhalb -, man umfaßt gewissermaßen mit seinem Denken von dem Mittelpunkt seines Wesens aus diese Dinge. Dessen ist sich ja jeder Mensch bewußt: er will mit seinem Denken die Dinge der Welt umfassen.

Kommt man aber dazu, dieses eben charakterisierte Denk-Erlebnis zu haben, dann ergreift man nicht die Welt; man hockt auch, möchte ich sagen, nicht in seinem Ichpunkte bloß drinnen, sondern es passiert etwas ganz anderes. Man bekommt das Gefühl, das ganz richtige Gefühlserlebnis, daß man mit seinem Denken, das eigentlich nicht an irgendeinem Orte ist, nach dem Innern alles erfaßt. Man fühlt: man tastet den inneren Menschen ab. So wie man mit dem gewöhnlichen Denken, ich möchte sagen, geistige Fühlfäden nach außen streckt, so streckt man mit seinem Denken, mit diesem Denken, das in sich selbst sich erlebt, fortwährend sich in sich selber hinein. Man wird Objekt, man wird sich Gegenstand.

Das ist eben ein sehr wichtiges Erlebnis, das man haben kann, daß man weiß: du hast früher immer die Welt erfaßt; jetzt mußt du, indem du das Denk-Erlebnis hast, dich selbst erfassen. Da ergibt sich im Laufe dieses recht starken Sich-selbst-Erfassens, daß man die Haut sprengt. Und ebenso, wie man sich innerlich erfaßt, so erfaßt man von innen aus eben den ganzen Weltenäther, nicht in seinen Einzelheiten selbstverständlich, aber man kommt zur Gewißheit: dieser Äther ist ausgebreitet über die Weltensphäre, in der man drinnen ist, in der man zugleich drinnen ist mit Sternen, Sonne und Mond und so weiter...

Nehmen wir die erste Empfindung, die man durch das Denken als inneres Erlebnis haben kann, dann wird es durch dieses Erlebnis weit; es hört ganz auf das Gefühl, im engen Räume dazustehen. Das Erleben des Menschen wird weit; man fühlt ganz bestimmt: in unserem Innern ist ein Punkt, der in die ganze Welt hinausgeht, der von derselben Substanz ist, wie die ganze Welt. Man fühlt sich eins mit der ganzen Welt, mit dem Ätherischen der Welt. Aber man fühlt auch, wenn man hier auf der Erde steht, da wird einem der Fuß, das Bein von der Schwerkraft der Erde hinuntergezogen; man fühlt, man ist mit seinem ganzen Menschen an diese Erde gebunden. In dem Momente, wo man dieses Denk-Erlebnis hat, fühlt man nicht mehr das Verbundensein mit der Erde, sondern man fühlt sich abhängig von den Weiten der Weltensphäre. Alles kommt von den Weiten herein (Zeichnung: Pfeile); nicht von unten herauf, gewissermaßen vom Mittelpunkt der Erde nach aufwärts, alles kommt von den Weiten herein. Und man fühlt schon am Menschen: es muß, gerade wenn man den Menschen verstehen will, auch dieses Gefühl des Von-den-Weiten-Hereinkommens da sein. (Siehe Zeichnung)

Das erstreckt sich eben bis in die Erfassung der Menschengestalt. Wenn ich bildhauerisch oder malerisch die Menschengestalt erfassen will, so kann ich eigentlich nur diesen unteren Teil des Kopfes der Menschengestalt so erfassen, daß ich ihn mir gebildet denke hervorgehend aus dem Räumlich-Inneren, aus dem Körperhaft-Inneren des Menschen. Ich werde nicht den rechten Geist in die Sache hineinbringen, wenn ich nun nicht in der Lage bin, den oberen Teil so zu machen, daß ich ihn mir von außen herangetragen denke. Das alles ist von innen nach außen (siehe Pfeile); das aber (oberer Kopfteil) ist von außen nach innen gebildet.

Unsere Stirne, unser Oberkopf ist eigentlich immer daraufgesetzt. Wer mit künstlerischem Verständnis die Malereien in der kleinen Kuppel gesehen hat in dem zugrunde gegangenen Goetheanum, der wird immer gesehen haben, wie dies überall durchgeführt war: das untere Antlitz gewissermaßen als etwas vom Menschen Herausgewachsenes, das Obere des Kopfes etwas von dem Kosmos ihm Gegebenes. In Zeiten, in denen man solche Dinge empfunden hat, war das besonders rege. Sie werden niemals eine wirkliche griechische plastische Kopfform verstehen, ohne daß Sie diese Empfindung in sie hineinzulegen verstehen, denn die Griechen haben aus solchen Empfindungen heraus geschaffen.

Und so fühlt man sich eben wie verbunden mit dem Umkreis im Denk-Erlebnis.

Und nun könnte man glauben, das setzte sich einfach so fort, man käme eben noch weiter hinaus, wenn man nun weitergeht vom Denken, vom Denk-Erlebnis bis zum Erinnerungserlebnis. Das ist aber nicht so, sondern es ist anders. Wenn Sie dieses Denk-Erlebnis wirklich in sich entwickeln, haben Sie ja durch das Denk-Erlebnis zuletzt den Eindruck der dritten Hierarchie: Angeloi, Archangeloi, Archai. So wie Sie sich in der Schwere, in der Verarbeitung der Nahrungsmittel durch die Verdauung und so weiter das menschliche körperliche Erlebnis hier auf Erden vorstellen können, so können Sie sich die Bedingungen, unter denen die Wesen der dritten Hierarchie leben, vorstellen, wenn Sie durch dieses Denk-Erlebnis, statt daß Sie auf der Erde herumgehen, sich fühlen als getragen von Kräften, die da aus dem Weltenende an Sie herankommen.

Denkerlebnis: 3. Hierarchie [2]

(siehe auch -> Denken, Das Gehirn als Spiegelungsapparat für das Denken, -> Denken, die Vernunft als keimhafter Beginn des neuen Hellsehens, -> Denken, der Schlafzustand des Kopfes und die künftige Metamorphose der Hände zu neuen Denkorganen)

Lit.:
[1]Aristoteles, Metaphysik, II. Teil, VII. Das Absolute, 2. Das absolute Prinzip
[2]Rudolf Steiner, Mysteriengestaltungen, GA 232 (1998), S 11 ff., Erster Vortrag, Dornach, 23. November 1923

(Literaturangaben folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@rudolf-steiner.com URL: http://www.rudolf-steiner.com)

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http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=237letzte Änderung: 2002-11-20

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