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Lexikon Anthroposophie

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Erinnerung
der Erinnerungsvorgang als Auseinandersetzung des Menschen mit dem ganzen Kosmos

(siehe auch -> Gedächtnis, seine organische Grundlage)

"Gehen Sie aus davon, daß Sie mit Ihren Augen eine Flamme sehen. Sie machen das Auge zu: Sie haben ein Nachbild dieser Flamme. Dieses Nachbild der Flamme, das Sie in Ihrem Auge mittragen, verschwindet nach und nach. Goethe, der sich immer anschaulich über diese Dinge ausspricht, sagt: Es tönt das Nachbild ab. - Es stellt sich die ursprüngliche Konstitution des Auges und des damit verbundenen Nervenapparates wiederum her, nachdem diese verändert worden sind durch den Lichteindruck, der auf das Auge gemacht worden ist. Das, was da in Ihrem Sinnesorgan sich abspielt, das ist nur der einfachere Vorgang für dasjenige, was sich mit Ihrem Gedächtnis, mit Ihrer Erinnerung abspielt, wenn Sie äußere Eindrücke im allgemeinen empfangen, sie überdenken und sie Ihnen bleiben als Erinnerungsvorstellungen. Der Unterschied ist nur der, wenn Sie mit Ihrem Auge einen Eindruck aufnehmen, ich will sagen also eine Flamme, dann die Vorstellung der Flamme haben, und das wiederum abklingt, so dauert das nur kurz. Wenn Sie mit dem ganzen Menschen etwas aufnehmen, es überdenken, sich später immer wieder erinnern können, wenn dieses große Nachbild der Erinnerung kommt, so dauert das lange, dauert unter Umständen für diese Erlebnisse Ihr ganzes Leben hindurch. Worauf beruht das? Ja, wenn Sie das einfache Abbild, das Sie im Auge haben, das vielleicht nur ein paar Minuten oder vielleicht nur Teile von einer Minute nachklingt, wiederum zum Versinken bringen, so ist es nur deshalb, weil das nicht durch Ihren ganzen Organismus weiter durchgeht, sondern in einem Teil, in einer Partie Ihres Organismus bleibt. Dasjenige, was Erinnerungsvorstellung wird, das geht zunächst durch einen großen Teil - ich werde ihn gleich näher bezeichnen — Ihrer Gesamtorganisation, stößt von da aus in den Ätherleib hinein, durch den Ätherleib in den umliegenden Weltenäther. Und in dem Augenblicke, wo nicht nur ein Bild als Sinnesbild im einzelnen Organ hängen bleibt, sondern durch einen großen Teil des Gesamtmenschen geht, sich in den Ätherleib hineinschiebt, nach außen geht, nach außen stößt, da kann es für das ganze Leben als Nachbild bleiben. Es handelt sich nur darum, daß der Eindruck tief genug ist, und daß er den Ätherleib ergreift, und der Ätherleib ihn nicht behält, sondern ihn an den äußeren Äther der Welt überträgt, ihn dort einschreibt, ihn dort einzeichnet. Glauben Sie nicht, daß wenn Sie sich an Sachen erinnern, dies bloß ein Vorgang Ihres Inneren ist. Sie können zwar nicht, wenn Sie ein Erlebnis haben, dieses immer, obzwar es heute schon viele Menschen mit sehr vielen Erlebnissen tun, in Ihr Notizbuch einschreiben und dann wieder herausnehmen, es wieder ablesen. Aber das, woran Sie sich erinnern, schreiben Sie in den Weltenäther ein, und der Weltenäther ruft es in Ihnen, wenn Sie sich erinnern sollen, wiederum als einen Siegelabdruck hervor. Das Erinnern ist keine bloße persönliche Angelegenheit, das Erinnern ist ein Auseinandersetzen mit dem Weltenall. Sie können nicht allein sein, wenn Sie sich als innerlich sich haltender Mensch an Ihre Erlebnisse erinnern wollen. Sich nicht erinnern an Erlebnisse, das zerstört die Wesenheit des Menschen.

Bedenken Sie nur einmal, was es heißt, ich habe das Beispiel öfter angeführt: ein Mann, den ich sehr gut kannte, der eine bedeutsame Stellung einnahm, der bekam plötzlich einmal den Drang, zur Eisenbahn zu gehen, ohne Grund, und sich dort ein Billett zu kaufen, um in ihm unbekannte Fernen, in denen er gar nichts zu tun hatte, zu fahren. Das alles tat er in einem ganz anderen Bewußtseinszustande. Aber in der Zeit, während er da fuhr, wußte er nichts von dem, worin er sonst war und er kam erst wieder zu sich, als er sich in Berlin in der Kurfürstenstraße in einem Armenasyl angenommen fand. Die ganze Zeit war ausgelöscht aus seinem Bewußtsein von der Zeit an, als er in Darmstadt eingestiegen war. Man hat nachher aus Angaben verschiedener Leute herausfinden können, daß er in Budapest war, in Lemberg war, und von Lemberg wiederum nach Berlin gefahren ist, und er kam wiederum zum Bewußtsein, als er in einem Armenasyl in Berlin war. Bedenken Sie, der Verstand war vollständig in Ordnung, nichts war in Unordnung von dem Verstande. Er wußte ganz genau in der Zeit von seinem Einsteigen in Darmstadt bis zu seiner Annahme in Berlin im Armenasyl, was man tut, um sich Fahrkarten zu lösen, was man tut, um sich in der Zwischenzeit zu verpflegen und so weiter. Aber in der Zeit, als er das ausführte, hatte er von seinem übrigen Leben keine Erinnerung. Und nachher hatte er zwar wieder die Erinnerung seines früheren Lebens bis zur Abfahrt in Darmstadt, aber keine Erinnerung an die ganze Reise. Was da geschehen war, konnte man nur aus äußeren Mitteilungen feststellen. Das ist ein Beispiel. Ich könnte viele ähnliche Beispiele erzählen. Es soll dieses Beispiel nur darauf aufmerksam machen, wie unser Leben wäre, wenn nicht eine kontinuierlich fortlaufende Erinnerung durchginge durch alle unsere Erlebnisse. Denken Sie sich, wenn für irgendeine Zeit außerhalb derjenigen, die Sie verschlafen haben - an die erinnern Sie sich ja natürlich nicht -, aber denken Sie sich, wenn für irgendeine Zeit außerhalb derjenigen, die Sie verschlafen haben, keine Erinnerung da sein würde, was Sie da über Ihr Ich als Mensch denken müßten. Dasjenige, was zu unserer Sinnesempfänglichkeit gehört, zu unserer Intelligenz gehört, es ist unsere persönliche Angelegenheit. In dem Augenblicke, wo die Sache anfängt, erinnerungsmäßig zu werden, ist dasjenige, was der Mensch in seinem Seelenleben erlebt, eine Auseinandersetzung mit dem Universum, eine Auseinandersetzung mit der Welt. In der Intensität, in der es notwendig ist, weiß die gegenwärtige Menschheit noch nicht, daß dies, was ich auseinandergesetzt habe, eine Tatsache ist. Aber es wird zu den Bestandteilen der Zukunftsbildung der Menschheit gehören, die beim ätherischen Menschen zur Erinnerung führen, nicht als eine bloß persönliche Angelegenheit sie zu betrachten, sondern als etwas, wodurch der Mensch der Welt verantwortlich ist.

Ich habe Ihnen, als ich diese Vortragsserie hier begann, davon gesprochen, wie zunächst einmal vorhanden war in der Zeit, in die wir gewöhnlich in der Geschichte zurückgehen, zum Beispiel noch bei den Griechen, ein Landbewußtsein, das nicht weit ging. Wie dann dieses Bewußtsein sich umwandelte in ein Erdbewußtsein, aber erst in der neueren Zeit eintreten muß für die Zukunft der Menschheit ein kosmisches, ein Weltbewußtsein, wie sich der Mensch wiederum wissen muß - das war ja auch in Urzeiten der Fall - als ein Bürger des ganzen Kosmos. Der Weg dazu wird sein, klar und deutlich in sich die Verantwortlichkeit zu fühlen für das Gedachte, das zur Erinnerung führen kann.

Dasjenige aber, was ich Ihnen bis jetzt geschildert habe, gehört, wie ich Ihnen sagte, einem großen Teile des Menschen an, nicht aber eigentlich dem ganzen Menschen. Und um Ihnen zu charakterisieren, was hier der Fall ist, muß ich es Ihnen schematisch andeuten. Nehmen wir an, das wäre die Sinnesregion (weiß), wobei ich alle Sinne zusammenfasse, auch die Verstandesregion, dann kämen wir bis gewissermaßen zu demjenigen im menschlichen Organismus (rot), das die Gedanken, die wir hegen, zurückwirft (Pfeile, rot), so daß sie Erinnerungen werden können, dasjenige, was im Menschen zusammenstößt mit der Objektivität des Kosmos. Ich habe Ihnen schon einmal auf die Stellen im Menschenleib hingedeutet, in denen der Mensch zusammenstößt mit dem Kosmos.

Wenn Sie verfolgen, sagen wir zum Beispiel einen Nerv, der von irgendeiner Stelle des Leibes nach dem Rückenmark geht - ich zeichne schematisch -, so finden Sie für jeden solchen Nerv auch einen anderen, oder wenigstens annähernd für jeden solchen Nerv auch einen anderen, der irgendwoher wiederum zurückführt irgendwohin. Die Sinnesphysiologen nennen das eine einen sensitiven Nerv, das andere einen motorischen Nerv.

Nun, über diesen Unsinn, daß es sensitive und motorische Nerven gäbe, habe ich ja des öfteren schon gesprochen. Aber das Wichtige ist, daß eigentlich jede ganze Nervenbahn an dem Umfang des Menschen entspringt und wiederum zum Umfang zurückgeht, aber irgendwo unterbrochen ist; wie ein elektrischer Draht, wenn er einen Funken überspringen läßt, so ist eine Art Überspringen, ein sensitives Fluidum von dem sogenannten sensitiven bis zu dem sogenannten motorischen Nervenanfang. Und an der Stelle - also solche Stellen sind unzählige, wenigstens sehr viele, in unserem Rückenmark zum Beispiel, in anderen Partien unseres Leibes - an diesen Stellen sind auch die Raumesstellen, wo der Mensch sich nicht allein selber angehört, wo er dem Weltenall angehört. Wenn Sie alle diese Orte miteinander verbinden, dazu auch die Ganglien des Sympathikus nehmen, dann bekommen Sie diese Grenze, auch leiblich-physiologisch diese Grenze. So daß Sie sagen können: Sie halbieren gewissermaßen den Menschen - es ist dieses mehr als die Hälfte, aber nehmen wir an, wir halbieren den Menschen - und betrachten ihn wie ein großes Sinnesorgan, betrachten das Aufnehmen durch die Sinne überhaupt als die Sinnesempfänglichkeit, das Verarbeiten durch den Verstand als eine weitere feinere Sinnestätigkeit, das Entstehen der Erinnerungsbilder als Nachbilder, die aber bleibend sind für das Leben zwischen Geburt und Tod, weil aufgestoßen wird, wenn die Erinnerung sich bildet, an dem Weltenäther. Unser eigener Äther stößt an den Weltenäther auf, und es finden Auseinandersetzungen zwischen uns und dem Weltenäther statt."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Die Sendung Michaels, GA 194 (1983), S 140 ff., Achter Vortrag, Dornach, 7. Dezember 1919

(Literaturangaben folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@rudolf-steiner.com URL: http://www.rudolf-steiner.com)

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http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=238letzte Änderung: 2002-11-21

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