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Lexikon Anthroposophie

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Philosophie
ihr Wesen und ihre Entwicklungsepochen im Zusammenhang mit den Sonnengesetzen

"Diejenigen der lieben Freunde, welche sich bekannt gemacht haben mit meinem Buche m der neuen Auflage «Die Rätsel der Philosophie, im Umriß dargestellt», werden gefunden haben, daß unterschieden worden sind vier Epochen der philosophischen Entwickelung. Eine erste Epoche, die etwa währt - ich habe sie überschrieben «Die Weltanschauungen der griechischen Denker» - vom Jahre 800, das ist rund genommen, oder 600 vor Christus bis zu Christi Geburt, also bis in die Zeit der Entstehung des Christentums; eine zweite Epoche, welche währt von der Entstehung des Christentums bis etwa 800 bis 900 Jahre nach Christo, also bis zu der Zeit des Johannes Scotus Erigena; dann eine Zeit, welche ich genannt habe «Die Weltanschauungen im Mittelalter», eine dritte Epoche, die etwa dauert vom Jahre 800 oder 900 bis zum 16. Jahrhundert nach Christo; und eine vierte Epoche vom 16. Jahrhundert bis auf weiteres. Wir sind grade drinnen in dieser Epoche. Sieben- bis achthundertjähnge Epochen m der Philosophiegeschichte sind angegeben worden, so wie ich sie darstellen konnte in diesem Buche für die noch ganz von der Geisteswissenschaft unberührte Welt.

Es sollte etwas gegeben werden, was anregen kann, wenigstens einmal die geistige Struktur dieser Epochen auf sich wirken zu lassen. Das Eigentümliche der ersten Epoche besteht darinnen, daß der Übergang gefunden wird aus einem sehr merkwürdigen alten Denken zu dem, was man nennen kann das Leben des Gedankens im alten Griechenland. Unsere Zeit ist ja wirklich noch nicht sehr weit in dem Verstehen solcher Unterschiede wie desjenigen zwischen dem Gedankenleben unserer Zeit und dem Gedankenleben des alten Griechenlands. Unser grobklotziges Denken meint, der Gedanke habe in einem alten griechischen Kopf so gelebt, wie der Gedanke in einem jetzigen Kopfe lebt. In Sokrates, in Plato und auch in Aristoteles lebte der Gedanke in ganz anderer Weise als in einem modernen Menschen, und dieses Gedankenleben ist im 7. oder 6. Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung im Grunde erst erwacht. Vorher gab es nicht so recht ein eigentliches Gedankenleben. So wie es in meinem Buche dargestellt ist, kann man von einem Anfange, von einer Geburt des Gedankenlebens in dieser Zeit des alten Griechenlands sprechen.

Die kuriosesten Vorstellungen hat man gefaßt über die ersten griechischen Philosophen, über jene großen Philosophengestalten Thaies, Anaxagoras, Anaximenes und so weiter, indem man zum Beispiel hingewiesen hat darauf, daß Thaies die Welt aus dem Wasser entstehen ließ, Anaximenes aus der Luft, Heraklit aus dem Feuer. Ich habe darauf hingewiesen, daß diese alten Philosophen ihre Philosophien noch aus dem menschlichen Temperamente hervorgehen ließen, daß diese Lehren nicht auf Spekulation beruhten, sondern daß Thaies das Wasser als den Urgrund der Dinge hinstellte, weil er von wässerigem Temperamente war, daß Heraklit die Feuerphilosophie fand, weil er von feurigem Temperamente war und so weiter. Das finden Sie im einzelnen nachgewiesen in meinem Buche.

Dann kommt das eigentliche Gedankenleben. Und noch in der Epoche, die hier geschildert ist, ist dieses Gedankenleben anders als das heutige Gedankenleben, wesentlich anders als das heutige Gedankenleben. Der griechische Denker zieht nicht den Gedanken aus dem Grunde seiner Seele herauf, sondern bei ihm offenbart sich der Gedanke, wie sich für den heutigen Menschen der äußere Ton oder die Farbe offenbart. Der Grieche nimmt den Gedanken wahr; von außen her nimmt er ihn wahr, und wir müssen, wenn wir von der griechischen Philosophie sprechen, nicht von einem solchen Denken sprechen, wie heute gedacht wird, sondern von Gedankenwahrnehmung. Also in der ersten Epoche haben wir es zu tun mit Gedankenwahrnehmung. Plato und Aristoteles denken nicht so, wie ein heutiger Philosoph denkt, sondern sie denken so, wie man heute anschaut, wie man heute wahrnimmt. Sie blicken gleichsam m die Welt hinein und nehmen die Gedanken, die sie uns erzählen in ihren Philosophien, so wahr, wie man eine Symphonie wahrnimmt. Sie sind Gedankenwahrnehmer. Die Welt offenbart ihnen ein Gedankenwerk: das ist das Wesentliche der griechischen Denker. Und in bezug auf diese Wahrnehmung des Gedankenwerkes der Welt bringen es die griechischen Denker zu einer hohen, zu einer höchsten Vollendung.

Wenn heute die Philosophen glauben, das schon verstanden zu haben, was Plato und Aristoteles wie eine große Weltsymphonie von Gedanken wahrgenommen haben, so rührt dies nur von einer kindischen Einstellung der gegenwärtigen Philosophen her. Das, was Aristoteles als Entele-chie, was er als Seelenglieder der Menschennatur - Ästhetikon, Orekti-kon, Kinetiken und so weiter - darlegt, vollständig zu begreifen, dazu werden die modernen Philosophen noch lange Wege machen müssen. Jenes innere Gedankenarbeiten, wo man die Gedanken aus sich herausholt, wo man subjektive Anstrengungen machen muß, um zu denken, das gab es in Griechenland noch gar nicht. Ganz unsinnig ist es, zu glauben, daß Plato gedacht hat; er hat Gedanken wahrgenommen. Daß Aristoteles im heutigen Sinne schon gedacht hätte, ist ein Unsinn; er hat Gedanken wahrgenommen.

Wie das eigentlich ist, kann der moderne Mensch sich kaum denken, weil er sich gar keine Vorstellung macht von der wirklichen Entwickelung. Er bekommt eine leichte Gänsehaut, wenn man ihm sagt, Plato und Aristoteles haben gar nicht gedacht im modernen Sinne; und dennoch ist es so. Damit das Denken im modernen Sinne überhaupt Platz greifen konnte in der modernen Menschenseele, mußte ein Impuls kommen, der das Innerste dieser Menschenseele erfaßte, ein Impuls, der nichts zu tun hat mit der Gedankensymphonie in der Umwelt des Menschen, sondern der ins innerste Wesen des Menschen hineingreift. Dieser Impuls kam von dem Mysterium von Golgatha. Daher geht geradezu bis zu Christus diese philosophische Epoche.

In der zweiten Epoche haben wir es zwar schon mit einem Denken zu tun, aber mit einem Denken, das eigentlich noch kein eigenes Denken der Menschen ist, das durch einen Impuls, der von der geistigen Welt kommt, angeregt ist. Gehen Sie durch die Gedankensysteme all der l hilosophen dieser zweiten Epoche, so werden Sie überall finden, wie der christliche Impuls darinnen waltet bis zu Scotus Erigena herauf. Es ist, man möchte sagen, etwas ausgeflossen von Christus selber, was den ersten Antrieb, Gedanken von innen heraus zu erzeugen, in dem Menschen hervorbringt. Das gibt der patristischen Philosophie, der Philosophie der Kirchenväter, der Philosophie des Augustinus, der Philosophie herauf bis zu Scotus Erigena das Gepräge, die Physiognomie. So daß wir sagen können: Jetzt haben wir es nicht mehr mit Gedankenwahrnehmung zu tun, sondern mit vom Geiste angeregter Gedankeninspiration. Wieder anders wird es in der dritten Epoche, wo dieser innere Impuls, der vom Christentum ausgeht, beginnt von den Menschen selber erfaßt zu werden. Der Mensch wird jetzt, in dieser dritten Epoche, gewahr, daß er es ja ist, der denkt. Plato und Aristoteles haben noch nicht gedacht. Die konnten daher ebensowenig zweifeln, daß der Gedanke eine volle, objektive Gültigkeit habe, wie der Mensch zweifeln kann daran, daß, wenn er Grün am Baume sieht, das Grün wirklich volle, objektive Gültigkeit hat.

In der zweiten Epoche, da war es der intensive Glaube an den Christus-Impuls, der dem erwachenden Denken Sicherheit gegeben hat. Aber jetzt begann die Epoche, wo die Menschenseele anfing zu sagen: Ja, du bist es doch eigentlich selbst, der denkt, die Gedanken steigen aus dir heraus. - Der Christus-Impuls verblaßte allmählich, der Mensch wurde gewahr, die Gedanken steigen aus ihm heraus, und er kam zu der Frage: Machst du dir vielleicht Gedanken, die gar nichts zu tun haben mit dem, was draußen ist? Könnte nicht vielleicht die objektive Außenwelt nichts zu tun haben mit deinen Gedanken?

Denken Sie sich den großen Unterschied gegenüber dem Denken des Plato und Aristoteles! Plato und Aristoteles nahmen Gedanken wahr; da konnten sie nicht zweifeln, daß die Gedanken draußen sind. Jetzt, in der dritten Epoche, wurden sich die Menschen bewußt: Man erzeugt selber den Gedanken, und sie begannen zu fragen: Ja, was haben denn die Gedanken mit dem objektiven Sein draußen zu tun? - Und nun entstand das Bedürfnis, dem Denken Sicherheit zu geben, wie man sagte, das Denken zu beweisen. Erst in dieser Epoche konnte zum Beispiel Anselm von Canterbury daran denken, einen Beweis für die Gültigkeit der Idee Gottes zu schaffen. Das wäre früher völliger Unsinn gewesen in dem griechischen Denken, aus dem Grunde, weil man da die Gedanken gesehen hat. Wie soll man zweifeln, daß Gott existiert, wenn man so sieht, außen, die Gedanken der Gottheit, wie man draußen sieht die Grünheit des Baumes? Der Zweifel begann erst in der dritten Epoche, als man sich klar wurde, daß man selbst es ist, der denkt. Es entstand das Bedürfnis, zu beweisen, nachzudenken über den Zusammenhang dessen, was man denkt, mit dem, was da draußen ist. Und das ist im wesentlichen die Epoche der Scholastik: das Gewahrwerden der Subjektivität des Denkens. Wenn Sie das ganze Gedankengebäude des Thomas von Aquino nehmen, so steht es in dieser Epoche drinnen, ist ganz von dieser Epoche beherrscht. Überall ist das Bewußtsein vorhanden: die Begriffe werden im Inneren erzeugt, die Begriffe werden so zusammengefügt, wie die Gesetze der Subjektivität sind. Also muß man eine Stütze finden dafür, daß das, was in dem Inneren erzeugt wird, auch äußerlich vorhanden ist. Es wird noch zunächst appelliert an die überlieferte Dogmatik, aber man ist nicht mehr in solcher Weise verknüpft mit dem Christus-Impulse, wie es in der zweiten Epoche der Philosophie-Entwickelung der Fall war.

Dann kommt die vierte Entwickelungsperiode, das freie Walten des Gedankens im Inneren, ein noch weiteres Emanzipieren des Gedankens von der äußeren Gedankenwahrnehmung, jenes freie Gedankenschaffen im Inneren, das so großartig hervortritt in den Gedankengebäuden des Giordano Bruno, Spinoza, des Cartesius und der Folgenden, Leibniz und so weiter. Wenn wir diese Gedankengebäude verfolgen, so merken wir an ihnen, daß sie ganz aus dem Inneren heraus geschaffen sind. Und überall finden wir das intensive Bedürfnis dieser Denker, Gründe dafür anzugeben, daß das, was sie im Inneren schaffen, auch wirklich eine äußere Gültigkeit habe. Spinoza schafft ein wunderbares Ideengebäude. Die Frage entsteht aber: Ja, ist das alles bloß drinnen im menschlichen Geiste geschaffen, oder hat es eine Bedeutung da draußen in der Welt? Giordano Bruno, Leibniz schaffen die Monade. Die Monade soll etwas Reales sein. Wie kommt dasjenige, was die Menschen ausdenken als Monade, dazu, da draußen in der Welt etwas Reales zu sein? Alle Fragen, die seit dem 16., 17. Jahrhundert heraufgekommen sind, stehen noch immer unter dem Eindruck dieses Strebens, das freie Gedankenschaffen in Einklang zu bringen mit dem Weltendasein draußen. Der Mensch fühlt sich vereinsamt, verlassen von der Welt m seinem freien Gedankenschaffen. Da stehen wir noch jetzt mitten darinnen.

Was ist denn aber das Ganze jetzt hier? (Siehe Schema.) Wenn wir zurückgehen in die Gedankenwahrnehmung, wie sie war bei den alten griechischen Philosophen, dann müssen wir sagen: Das philosophische Denken im alten Griechenland wirkt so, daß - trotzdem im allgemeinen im alten Griechenland die Zeit der Verstandes- oder Gemütsseele ist -dieses alte Denken noch ein Wahrnehmungsdenken ist, tief beeinflußt noch ist von der Empfindungsseele, sogar noch von dem Empfindungsleibe, dem astralischen Leibe. Es haftet noch an dem Äußeren.

Das Denken des Thales, der ersten Philosophen, war noch beeinflußt von dem Ätherleibe. Das Temperament sitzt im Ätherleibe und aus dem Temperament heraus schaffen sie ihre Wasser-, Luft-, Feuerphilosophien; so daß man sagen kann: der Philosophie des Empfindungsleibes geht eine Philosophie des Ätherleibes voraus. - Dann kommen wir in die christliche Zeit hinein. Der christliche Impuls dringt in die Empfindungsseele. Die Philosophie wird innerlich erlebt, innerlich empfunden, aber in Zusammenhang mit dem, was man glauben, was man fühlen kann; es sind da die Einflüsse der Empfindungsseele vorhanden.

In der dritten Epoche, in der Epoche der Scholastik, da haben wir als das wesentliche Element des philosophischen Werdens die Verstandes- oder Gemütsseele. Sie sehen, das philosophische Werden geht einen anderen Gang als die allgemeine Menschheitsentwickelung. Und jetzt erst, seit dem 16. Jahrhundert, haben wir allerdings die Philosophie zusammenfallend mit dem, was auch sonst allgemeine Menschheitsent-wickelung ist: da haben wir den freien Gedanken in der Bewußtseinsseele waltend. Das großartigste Beispiel, wie der freie Gedanke von der Abstraktion des Seins bis in die höchste Geistigkeit hinauf waltet, wie ein Gedankenorganismus, ganz von der Welt ausgehend, nur in sich selber waltet, das ist die Philosophie Hegels: der nur im Bewußtsein lebende Gedanke.

Wenn Sie das hier verfolgen, so ist es allerdings der Teil, den ich nicht in meinem Buche darstellen konnte für die Außenwelt; aber es liegt darinnen. Und wenn Sie die Beschreibungen lesen, die von den einzelnen Epochen gegeben werden, so werden Sie, wenn Sie ordentliche Anthroposophen sind, sehr klar auf das hingewiesen werden, was ich hier links (siehe Schema) angeschrieben habe. Es entwickelt sich alles etwa so, wie sich der Mensch selber entwickelt: vom Ätherleib zum Empfindungsleibe, zur Empfindungsseele, zur Verstandesseele, zur Bewußtsemsseele. Wir verfolgen einen Gang, wie den Gang der Menschheitsentwickelung, aber anders geordnet. Es ist nicht der Gang der Menschheitsentwicke-lung, es ist etwas anderes. Wesen entwickeln sich, und die benützen die menschlichen Kräfte in der Empfindungsseele, in der Verstandesseele , und so weiter. Durch den Menschen und sein Arbeiten gehen andere Wesen hindurch mit anderen Gesetzen, als die Gesetze des Menschenwerdens sind.

Sehen Sie, das sind Wirksamkeiten der Sonnengesetze. Da brauchen wir nicht in solch übersinnliche Regionen hinaufzusteigen, wie wenn wir das persönliche Schicksal untersuchen. Von dem, was als Rest der Sonnengesetze hier zu suchen ist, davon sehen wir ein Beispiel in der philosophischen Entwickelung der Menschheit.

Wir haben gestern, als entsprechend dem Ätherleibe, hierher Angeloi zu schreiben gehabt.

Solche Angeloi entwickeln sich. Und während die Menschen glauben selber zu philosophieren, wirken in ihnen, indem sie die Sonnenentwickelung in sich tragen - das heißt das, was als Sonnenentwickelung in ihrem physischen Leibe veranlagt war und auch in ihrem Ätherleibe wirkt -, die Gesetze des Sonnendaseins. Und die Gesetze des Sonnendaseins, von Epoche zu Epoche wirkend, sie wirken so, daß die Philosophie so wird, wie sie eben ist. Weil es Sonnengesetze sind, kann in ihnen auch der Christus, das Sonnenwesen, eingreifen in der zweiten Epoche. Es wird vorbereitet durch die erste Epoche, und dann greift der Christus, das Sonnenwesen, in der zweiten Epoche ein.

Sie sehen, wie sich alles zusammenschließt. Aber indem der Christus, das Sonnenwesen, eingreift, kommt er in Zusammenhang mit einer Entwickelung, die nicht die menschliche Entwickelung ist, nicht die menschliche Erdenentwickelung, sondern eigentlich Sonnenentwicke-lung innerhalb des Erdendaseins.

Sonnenentwickelung innerhalb des Erdendaseins! Denken Sie sich einmal, wozu wir da in dieser Betrachtung eigentlich kommen. Wir betrachten den Gang der philosophischen Entwickelung, betrachten den Lauf des philosophischen Denkens seit der alten griechischen Zeit, und wir sagen uns, wenn wir das alles vor uns hinstellen, wie das philosophische Denken von Philosoph zu Philosoph sich entwickelt hat: Da sind wirksam darinnen nicht Erdengesetze, sondern Sonnengesetze. Die Gesetze, die dazumal sich abgespielt haben zwischen den Geistern der Weisheit und den Erzengeln, treten in dem philosophischen Weisheitsstreben auf der Erde wiederum zutage. Lesen Sie nach in der «Geheimwissenschaft», wie während der Sonnenentwickelung die Geister der Weisheit eingreifen. Jetzt wiederholen sie dieses Eingreifen während der Erdenentwickelung, nicht in der neuen, sondern in den Resten der alten Sonnenentwickelung. Und indem der Mensch nicht bemerkt, daß in der philosophischen Entwickelung die Geister der Weisheit sein Gemüt durchpulsen, entwickelt er seine Philosophie. Das alte Sonnendasein lebt in der philosophischen Entwickelung. Es lebt wirklich und wahrhaftig darinnen. Dadurch aber, daß das die alte Sonnenentwickelung ist, lebt auch herein damit etwas Zurückgebliebenes, etwas, was mit der alten Sonnenentwickelung zusammenhängt.

Die Menschen, von Generation zu Generation gehend, entwickeln sich als äußere menschliche Persönlichkeiten in der Erdenentwickelung. Aber jetzt geht eine philosophische Entwickelung da hindurch, von Thaies bis auf unsere heutige Zeit: da geht die Sonnenentwickelung hinein. Das gibt Anlaß, daß Wesenheiten, die zurückgeblieben sind, benützen können die Kräfte der philosophischen Entwickelung, um ihr altes Sonnendasein weiterzuführen, Wesen, die zurückgeblieben sind während der alten Sonnenzeit, die dazumal versäumt haben, die Entwickelung durchzumachen, die man durchmachen kann in seinem Ätherleib, Empfindungsleib und in der Empfindungsseele, im Zusammenwirken von Geistern der Weisheit und Archangeloi. Diese Geister, die ihre Entwickelung während der Sonnenzeit versäumt haben, die können die menschliche philosophische Entwickelung benützen, um als Parasiten in der menschlichen Entwickelung darinnen zu sein. Das sind ahnmanische Geister!

Ahrimanische Geister unterliegen der Verlockung, in das, was die Menschen philosophisch erstreben, parasitisch hineinzukriechen und ihr eigenes Dasein dadurch zu pflegen. So können sich die Menschen philosophisch entwickeln, sind aber zugleich mit dieser philosophischen Entwickelung ausgesetzt ahnmanischen Geistern, mephistophelischen Geistern.

Sie wissen, daß Ahriman und Luzifer schädliche Geister sind, solange man ihrer nicht gewahr wird, solange sie gleichsam im Verborgenen wirken. Solange sie nicht so heraustreten, daß die Menschen sich ihnen im Geiste Auge in Auge gegenüberstellen, sind Ahriman und Luzifer schädliche Geister, schädlich in dieser oder jener Weise. Nehmen wir an, ein Philosoph tritt auf und entwickelt den Gedanken, und zwar den Gedanken, insofern man ihn im bloßen Erdensein erfassen kann. Dann entwickelt er den Gedanken so, wie er leben kann durch das Instrument der irdischen Vernunft. Das ist der Hegeische Gedanke! Er ist reiner Gedanke, aber nur ein Gedanke, wie er gefaßt werden kann mit dem Werkzeug des physischen Leibes, der aber abstirbt mit dem Tode. Hegel hat das Tiefste gedacht, was gedacht werden kann im Erdenleben, was aber in seiner Konfiguration mit dem Tode abstirbt. Und Hegels Tragik besteht darinnen: er hat nicht bemerkt, daß er den Geist in der Logik, in der Natur, im Seelenleben erfaßt, aber nur denjenigen Geist, der in der Form des Gedankens existiert, der aber nicht mitgeht, wenn wir durch den Tod gehen. Um dieses klar vor die Seele zu stellen, hätte er sich sagen müssen: Wenn ich glauben könnte, daß das, was durch das Denken hindurchgeht, was ich also denke vom abstrakten Sein durch die Logik, durch die Naturgedanken, durch die Seelengedanken und herauf bis zur Philosophie, wenn ich glauben könnte, daß das mich hinter die Kulissen des Daseins führt, dann wäre ich von Mephistopheles verlockt!

Das hat ein anderer wahrgenommen, das hat Goethe wahrgenommen, und das hat er in seinem «Faust» dargestellt: den Kampf des denkenden Menschen mit Mephistopheles, mit Ahriman. Und in dieser vierten Epoche der philosophischen Entwickelung sehen wir, wie in die Sonnenentwickelung hineinragt Ahriman und wie man in klarer Weise sich diesem Ahriman gegenüberzustellen hat, indem man seine Wesenheit wirklich erkennend erfaßt.

Deshalb stehen wir heute an einer Wende auch des äußeren philosophischen Denkens, deshalb muß dieses philosophische Denken, um nicht den Verlockungen des Ahriman zu verfallen, um nicht mephistophelische Weisheit zu sein, hinter diese Wesenheit kommen, muß sie erfassen, muß einmünden in die Geisteswissenschaft.

Lesen Sie nach die beiden Kapitel, welche dem Schlußkapitel des zweiten Bandes meiner «Rätsel der Philosophie» vorangehen, wo ich die Weltanschauungen darzustellen versuchte, die draußen als philosophische Weltanschauungen existieren, um dann das Schlußkapitel hinzuzufügen «Skizzenhaft dargestellter Ausblick auf eine Anthroposophie». Da werden Sie sehen, wie die Philosophie heute im freien, emanzipierten Gedankenleben zwar darstellt etwas, was heraufgeht bis in die Bewußtseinsseele, wie sie aber innerhalb dieses Lebens in der Bewußtseinsseele erfassen muß das, was vom Geistselbst kommt - zunächst philosophisch -, da sonst die Philosophie in die Dekadenz verfallen, sich auflösen müßte.

So sehen Sie wenigstens ein Beispiel des Hereinwirkens der Sonnenentwickelung in das menschliche Erdenleben. Ich sagte, man kann diese Sonnengesetze erhaschen, indem man den Werdegang der Philosophie studiert, aber man erkennt nicht immer, daß darinnen die Sonnengesetze wirksam sind. Die Geisteswissenschaft hat das zu erkennen. Denken Sie nur einmal, daß in Wahrheit sich eine Wesenheit entwickelt, die nach und nach dieselben Glieder ansetzt wie der Mensch selber.

Wenn man noch weiter zurückgehen würde in den alten Zeiten, so würde man finden, daß nicht nur der Ätherleib, sondern auch der physische Leib Veranlasser war von Weltanschauungsimpulsen. Es ist schwierig, jene Zeit, die hinter das 12. bis 14. Jahrhundert vor Christi Geburt zurückgeht, die also vor Homer liegt, klarzumachen in ihren Eigentümlichkeiten, denn sie geht ja hinter alle Geschichte zurück. Da aber entwickelt sich etwas, was nun nicht Mensch ist, so wie der Mensch auf der Erde lebt.

In der Geschichte lebt etwas, was durch den Ätherleib, durch den Empfindungsleib und so weiter geht: eine wirkliche, reale Wesenheit. Ich habe in meinem Buche gesagt: In der griechischen Zeit wird der Gedanke geboren. Aber in der neueren Zeit kommt der Gedanke wirklich zum Selbstbewußtsein in der Bewußtseinsseele. Der Gedanke ist ein selbsteigen wirksames Wesen. Dieses letzte konnte natürlich nicht gesagt werden in einem exoterischen, für die ganze äußere Welt bestimmten Buch. Der Anthroposoph wird es aber finden, wenn er das Buch sinnend liest und merkt, was eigentlich das Beherrschende der Darstellung gewesen ist, was aber nicht hineingetragen ist, sondern sich eben aus der Sache selbst ergibt.

Sie sehen daraus, daß viele, viele Umwandlungsimpulse in bezug auf das geistige Leben in unserer Zeit sich geltend machen. Denn wir haben hier etwas sich weiter entwickeln sehen, was wie ein Mensch ist, nur daß es eine längere Lebensdauer als der einzelne Mensch hat. Der einzelne Mensch lebt auf dem physischen Plane: sieben Jahre entwickelt er den physischen Leib, sieben Jahre den Ätherleib, sieben Jahre den Empfindungsleib und so weiter. Und das Wesen, das sich als Philosophie entwickelt - wir nennen es mit dem abstrakten Namen «Philosophie» -, das lebt im Ätherleibe 700 Jahre, im Empfindungsleibe 700 bis 800 Jahre - die Zeit ist ja nur approximativ -, in der Empfindungsseele 700 bis 800 Jahre, in der Gemüts- oder Verstandesseele 700 bis 800 Jahre und wiederum in der Bewußtseinsseele 700 bis 800 Jahre. Ein Wesen entwik-kelt sich herauf, von dem wir sagen können: Blicken wir auf die allerersten Anfänge der griechischen Philosophie, dann hat dieses Wesen gerade die Entwickelungsstufe erlangt, die beim Menschen der Geschlechtsreife entspricht: geradeso ist es als Wesen wie der Mensch, wenn er sein 14. bis 16. Jahr erreicht hat. Dann lebt es herauf bis zu der Zeit, wo der Mensch das erlebt, was er vom 14. bis zum 21. Jahre erlebt: das ist die Zeit der griechischen Philosophie, des griechischen Denkens. Dann kommt die Zeit der nächsten sieben Jahre, was der Mensch vom 21. bis 28. Jahre erlebt: der Christus-Impuls geht hinein in die philosophische Entwickelung. Dann kommt die Zeit von Scotus Erigena bis in die neuere Zeit hinauf: dieses Wesen entwickelt in den nächsten 700 bis 800 Jahren dasjenige, was der Mensch entwickelt im Alter vom 28. bis zum 35. Jahre. Und jetzt leben wir in der Entwickelung dessen, was der Mensch in seiner Bewußtseinsseele erlebt: wir erleben die Bewußtseinsseele der Philosophie, des philosophischen Gedankens. Die Philosophie ist tatsächlich in die Vierzigerjahre gekommen, nur daß sie ein Wesen ist, das eine viel längere Lebensdauer hat. Was bei dem Menschen ein Jahr ist, das ist bei diesem philosophischen Wesen ein Jahrhundert. Da sehen wir durch die Geschichte ein Wesen hindurch walten, für das ein Jahrhundert ein Jahr ist. Man nimmt es nur nicht wahr; dieses Wesen entwickelt sich eben mit Sonnengesetzlichkeit.

Und dahinter liegt dann erst dasjenige, was noch übersinnlicher ist als dieses Wesen, das sich wie ein Mensch entwickelt, nur eben wie ein Mensch, bei dem ein Jahr wie ein Jahrhundert lang ist: hinter diesem steht ein Wesen, welches sich so entwickelt, daß sein äußerer Ausdruck unser persönliches Schicksal ist, wie wir dieses tragen durch noch längere Zeiträume, von Verkörperung zu Verkörperung. In diesem leben sich die unser äußeres Schicksal regelnden Geister aus, für die eine noch längere Lebensdauer vorhanden ist als für jene, von denen wir sagen müssen, daß für sie ein Jahrhundert gleich einem Jahre ist.

So sehen Sie, wie wir da hineinblicken gleichsam in Schichtungen von Wesenheiten, und wie wir, wenn wir nur wollen, sogar, ich möchte sagen, die Biographie eines Wesens schreiben könnten, das um so viel höher steht als der Mensch in bezug auf Geistigkeit, wie ein Jahrhundert länger ist als ein Jahr.

Versucht ist einmal worden, die Biographie eines solchen Wesens zu schreiben, das seine Geschlechtsreife zur Zeit des Thaies hatte, zur Zeit des Anaxagoras, und jetzt zum Gebrauche seines Selbstbewußtseins gekommen ist, das seit dem 16. Jahrhundert gleichsam in die Vierzigerjahre getreten ist: die Biographie dieses Wesens ergab eine Geschichte der Philosophie. Daraus ersehen Sie aber zugleich, wie wirklich die Geisteswissenschaft das, was sonst abstrakt ist, lebendig macht, richtig belebt. Was für trockenes Gestrüpp ist zuweilen das, was man sonst «Geschichte der Philosophie» nennt! Und was wird aus dieser Geschichte der Philosophie, wenn man weiß, sie ist die Biographie eines Wesens, das da hineinverwoben ist in unser Dasein, nur daß es sich statt mit Erdengesetzen mit Sonnengesetzen entwickelt!

Solches wollte ich noch hinzufügen zu allem, was ich Ihnen in diesen Zeiten gesagt habe über die Lebenskräfte, die uns aufgehen, wenn wir die Geisteswissenschaft nicht wie eine Theorie betrachten, sondern wenn wir in ihr suchen die Führerschaft zum Lebendigen. Und wir finden das Lebendige eben durch die Geisteswissenschaft. Dasjenige, was so unlebendig ist, so strohern wie die Geschichte der Philosophie oftmals ist, das wird, wenn wir uns der Führung der Geisteswissenschaft anvertrauen, so, daß uns aus dem Nebel der Geschichte der Philosophie ein Wesen entgegentritt, zu dem wir aufschauen wie zu einer Göttin, die herabsteigt aus göttlichen Wolkenhöhen, die wir jung sehen in alten Zeiten, die wir heranwachsen sehen, allerdings mit der Langsamkeit, daß ein Jahrhundert einem Jahre des Menschenlebens entspricht. Aber lebendig wird das alles. Die Sonne geht uns auf, wie die Sonne innerhalb des Erdendaseins selber. Denn so wie die Sonne aufgeht auf dem physischen Plan, so sehen wir die alte Sonne noch hereinstrahlen in die Erdenwelt in einem Wesen, das eine längere Lebensdauer hat wie der Mensch. Wie wir das Werden eines Menschen auf dem physischen Plan von der Geburt bis zum Tode verfolgen, so verfolgen wir das philosophische Werden, indem wir ein Wesen in ihm schauen.

Wenn wir so anschauen das, was uns die Anthroposophie sein kann, dann kommen wir dazu, in dieser Anthroposophie zu schauen eine wirkliche Führerin nicht nur zur Erkenntnis, sondern eine Führerin zu lebendigen Wesen, die uns umgeben, ohne daß wir von ihnen etwas wissen."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Wege der geistigen Erkenntnis und der Erneuerung künstlerischer Weltanschauung, GA 161 (1980), S 33 ff., Zweiter Vortrag, Dornach, 10. Januar 1915

(Literaturangaben folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@rudolf-steiner.com URL: http://www.rudolf-steiner.com)

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http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=240letzte Änderung: 2002-11-27

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