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Lexikon Anthroposophie

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Intellekt
im Zusammenhang mit dem Leben nach dem Tod und mit dem Christus-Impuls

"Nun, meine lieben Freunde, ich habe gesagt, man muß sich, wenn man Anthroposophisches ausspricht, immer klar sein darüber, daß wir im gegenwärtigen Zeitpunkte in der Entwickelung derBewußtseinsseele leben, das heißt aber: Das Rationelle, das Intellektuelle ist die vorzüglichste Seelenverfassung der Menschen geworden. Wir urteilen eigentlich - die Anfänge davon liegen bei Anaxagoras im alten Griechenland - in der neueren Zeit so, daß wir alles, auch die Beobachtungsresultate, durchgehen lassen durch die Intellektualität. Und nehmen Sie das, was Sie heute als rationelle Wissenschaft haben, nehmen Sie die rationellsten Wissenschaften, die mathematischen, nehmen Sie aber auch dasjenige, was in den übrigen Wissenschaften durch den Rationalismus, der die Empirie bearbeitet, vorhanden ist, dann können Sie sich die Vorstellung bilden von dem eigentlichen Denkinhalt unserer Zeit. Aber dieser Denkinhalt unserer Zeit, wie ihn schon die kleinsten Kinder in der Schule aufnehmen - denn so ist es -, dieser Denkinhalt unserer Zeit ist, approximativ genommen, in einem bestimmten Zeitpunkte in der Entwickelung der Menschheit eingetreten. Wir können deutlich auf das erste Drittel des 15. Jahrhunderts hinweisen: da ist mit aller Deutlichkeit erst dieser Intellektualismus heraufgekommen. Früher haben die Menschen, auch wenn sie sogenanntes Wissenschaftliches gedacht haben, viel mehr in Bildern, welche die Wachstumskräfte der Dinge selber darstellten, gedacht, nicht in abstrakten Begriffen, wie wir das heute selbstverständlich tun müssen. Nun, diese abstrakten Begriffe, die uns innerlich zum reinen Denken erziehen, wovon ich gerade in meiner «Philosophie der Freiheit» gesprochen habe, diese abstrakten Begriffe, sie machen es möglich, daß wir freie Wesen werden. Als die Menschen noch nicht in Abstraktionen denken konnten, waren sie mit ihrer ganzen Seelenverfassung determiniert, abhängig. Frei können sich erst die Menschen entwickeln, nachdem sie innerlich durch nichts bestimmt sind, nachdem die moralischen Impulse - Sie können das nachlesen in meiner «Philosophie der Freiheit» - im reinen Denken erfaßt werden können. Reine Gedanken sind aber keine Realität, sondern sie sind Bilder. Bilder können uns nicht zwingen, wir selber müssen unser Handeln bestimmen; Bilder haben nichts Zwingendes. Die Menschheit hat sich auf der einen Seite zum abstrakten Gedanken, auf der andern Seite zur Freiheit entwickelt. Das habe ich von andern Gesichtspunkten aus öfter dargestellt.

Aber nun, bevor die Menschheit fortgeschritten war dazu, im Erdenleben den abstrakten Gedanken zu fassen, im Erdenleben durch dieselbe Fähigkeit, die den abstrakten Gedanken fassen kann, zur Freiheit zu kommen, wie war es denn damals mit ihr? Da hat die Menschheit im Leben auf der Erde zwischen der Geburt und dem Tode nicht abstrakte Gedanken gefaßt; selbst im alten Griechenland war das noch nicht möglich, geschweige denn in früheren Zeiten. Da hat die Menschheit durchaus in Bildern gedacht und war demgemäß auch nicht mit dem innerlichen Freiheitsbewußtsein ausgestattet, das eben heraufgezogen ist mit dem reinen, das ist abstrakten Gedanken. Der abstrakte Gedanke läßt uns kalt. Dasjenige, was uns der abstrakte Gedanke an moralischer Fähigkeit gibt, das macht uns im intensivsten Sinne warm, denn das stellt im höchsten Sinne unsere Menschenwürde dar.

Wie war es, bevor der abstrakte Gedanke mit der Freiheit über die Menschheit kam? Nun, Sie wissen, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, dann hat er in den ersten Tagen, nachdem er seinen physischen Leib verlassen hat, noch den ätherischen Leib an sich, und er hat wie in einer umfassenden Rückschau, nicht in Detailmalerei, aber in ausgleichenden universellen Bildern seinen ganzen Lebensgang, den er durchgemacht hat, soweit er sich zurückerinnert, vor sich. Dieses Lebenstableau hat der unmittelbar Verstorbene durch mehrere Tage vor sich als Bildinhalt. Ja, meine lieben Freunde, so ist es heute. In derjenigen Zeit, in der die Menschen hier auf der Erde Bildinhalt hatten, hatten sie unmittelbar nach dem Tode das, was der heutige Mensch erlebt, das Rationelle, die logische Erfassung der Welt, die sie zwischen Geburt und Tod nicht hatten, in der Rückschau vor sich. Das ist etwas, was uns im eminentesten Sinne hineinführt in das Verständnis der Menschenwesenheit. Dasjenige, was der Mensch einer älteren Geschichtsepoche sogar, nicht nur der Urzeit, erst nach dem Tode hatte: einen kurzen Rückblick in abstrakten Begriffen und den Impuls der Freiheit, der ihm dadurch dann blieb für das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, das hat sich hereingeschoben während der Menschheitsentwickelung in das Erdenleben. Das gehört zu den Geheimnissen des Daseins, daß sich Übersinnliches fortwährend hereinschiebt in das Sinnliche. Was heute ausgedehnt ist über das Erdenleben, die Fähigkeit der Abstraktion und Freiheit, das war etwas, was bei einer älteren Menschheit nach dem Tode erst in den Menschenbesitz kam mit dieser Rückschau, während heute der Mensch während des Erdenlebens zwischen der Geburt und dem Tode die Rationalität, die Intellektualität und die Freiheit hat und daher eine bloße Bildrückschau nach dem Tode. So schieben sich die Dinge ineinander. Fortwährend schiebt sich real Konkret-Übersinnliches in das Sinnliche herein.

Daran können Sie ersehen, wie Anthroposophie, rein objektiv aus der Beobachtung des Geistigen, die Tatsachen holt, von denen sie spricht, wie nichts zunächst einfließt von subjektiver Willkür in die Behandlung dieser Tatsachen. Aber wenn wir diese Tatsachen haben, wirken sie nicht auf unser Gefühl, wirken sie nicht auf unsere Willensimpulse? Können wir bei Anthroposophie sagen, daß sie eine bloße Theorie sei? Wie theoretisch nimmt es sich aus, wenn wir bloß sagen, der Gegenwartsmensch ist der Mensch der Abstraktion und der Freiheit! Wie durchdrungen von künstlerischem Empfinden und religiöser Innigkeit wird es, wenn wir wissen lernen: Dasjenige, was uns als heutige Menschen in diesem Erdenleben die Freiheit und die Fähigkeit der Abstraktion gibt, das ist das, was durch die Pforte des Todes in entgegengesetzter Richtung von der, in welcher wir selbst gehen, wenn wir durch diese Pforte des Todes ziehen, aus himmlischen Welten in irdische hereingezogen ist. Wir ziehen durch das Tor des Todes hinaus in geistige Welten. Unsere Freiheit und unsere Abstraktionsfähigkeit ist ein himmlisches Geschenk, das hereingezogen ist in die irdischen Welten aus den übersinnlichen Welten. Das durchsetzt uns mit einem Erfühlen desjenigen, was wir als Menschen sind, indem es uns eben innig durchdringen kann mit dem Bewußtsein nicht nur, daß wir ein Geistiges in uns tragen, sondern woher wir dieses Geistige haben. Wir schauen hin auf den Tod und sagen: Was jenseits dieses Todes liegt, das hat eine ältere Menschheit in einer ganz bestimmten Weise nach dem Tode kennengelernt, es ist jetzt hereingezogen, und der Mensch der Gegenwart lernt es zwischen der Geburt und dem Tode kennen. - Und indem so dieses Himmlische, die Intellektualität und die Freiheit, in das irdische Leben eingezogen ist, ist für die Menschheit ein anderes Aufblicken zur Göttlichkeit notwendig geworden, als das früher der Fall war. Und dieses andere Aufblicken zur Göttlichkeit ist für die Menschheit möglich geworden durch das Mysterium von Golgatha. Indem der Christus eingezogen ist in das irdische Leben, kann er heiligen dasjenige, was aus übersinnlichen Welten eingezogen ist und was sonst den Menschen zur Hoffart und zu allem möglichen verführen würde. In einer Zeit leben wir, wo wir einsehen müssen: Von dem Christus-Impuls muß durchdrungen werden dasjenige, was unser Heiligstes in diesem Zeitalter ist: die Fähigkeit, reine Begriffe zu fassen, und die Fähigkeit der Freiheit. Das Christentum ist nicht vollendet, das Christentum ist gerade dadurch groß, daß die einzelnen Entwickelungsimpulse der Menschheit nach und nach von diesem Christus-Impuls durchtränkt werden müssen. Der Mensch muß lernen, mit Christus rein zu denken, mit Christus ein freies Wesen zu sein, weil er sonst nicht in der rechten Weise dasjenige, was für ihn aus der übersinnlichen Welt in die sinnliche herübergezogen ist, im Zusammenhang mit der übersinnlichen Welt wahrnimmt. Hier stehen wir als Menschen, wenn wir auf uns selber schauen, und wissen als moderne Menschen: das Übersinnliche ist durch die Pforte des Todes in der Richtung entgegengesetzt jener, in der wir selber ziehen, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, in das irdische Leben hereingezogen. Das ist dasjenige, was in uns Menschen vor sich geht. Was in der Welt vor sich geht, ist, daß aus geistigen Höhen der Christus, die Geistsonne heruntergezogen ist in irdische Welten, damit dasjenige, was menschlich aus dem Übersinnlichen in das Sinnliche gezogen ist, sich finde mit dem, was kosmisch aus dem Übersinnlichen in das Sinnliche gezogen ist, auf daß der Mensch in der richtigen Weise sich zusammenfinde mit dem Geiste des Kosmos. Denn nur dann kann der Mensch in der richtigen Weise in der Welt stehen, wenn der Geist in ihm richtig den Geist außer ihm findet. Der Geist, der für die alte Menschheit jenseits des Todes gelebt hat, kann von der Menschheit der Gegenwart richtig nur in Besitz genommen werden im irdischen Leben, wenn der Mensch zugleich von demjenigen bestrahlt und beschienen wird, was als Christus auf die Erde herabgezogen ist aus jenen Welten, aus denen Rationalität und Intelektualität und Freiheit in das menschliche Leben zwischen Geburt und Tod herabgezogen sind.

So beginnt Anthroposophie überall mit Wissenschaft, belebt ihre Vorstellungen künstlerisch und endet mit religiöser Vertiefung; beginnt mit dem, was der Kopf erfassen kann, geht heran an dasjenige, was im weitesten Umfange das Wort gestalten kann, und endet mit dem, was das Herz mit Wärme durchtränkt und das Herz in die Sicherheit führt, auf daß des Menschen Seele sich finden könne zu allen Zeiten in seiner eigentlichen Heimat, im Geistesreich. So sollen wir auf dem Wege der Anthroposophie ausgehen lernen von der Erkenntnis, uns erheben zur Kunst und endigen in religiöser Innigkeit."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Anthroposophische Gemeinschaftsbildung, GA 257 (1989), S 42 ff., Zweiter Vortrag, Stuttgart, 30. Januar 1923

(Literaturangaben folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@rudolf-steiner.com URL: http://www.rudolf-steiner.com)

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http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=241letzte Änderung: 2002-11-30

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