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Lexikon Anthroposophie

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Herz
ein übersinnliches Wahrnehmungsorgan für das vorgeburtliche Dasein des Menschen

"Betrachten Sie zunächst einmal ... den Menschen in bezug auf seine Umgebung. Sie werden sich dann sagen müssen: Der Mensch ist gegenüber den Wesenheiten, den Gegenständen, die um ihn herum sind, mit seinem Seelischen außerhalb. Wir können nicht sagen, daß wir in dem Stuhl drinnen sind, der uns trägt, oder daß wir in dem Tisch drinnen sind, der vor uns steht. Wir betrachten die Außenseite dieser Gegenstände; aber wir sind auch eben mit unserem seelischen Leben außerhalb dieser Gegenstände, und im Grunde genommen sind wir ebenso außerhalb eines Teiles unseres eigenen Organismus.

Sie brauchen nur einmal ganz intensiv und klar durchzudenken, was wir öfter gehört haben über die Impulse unseres Willens. Wir haben, so sagte ich, zunächst den Gedanken, die Vorstellung: Ich werde einen Arm heben. Dann haben wir, nachdem dieser Gedanke irgendwie verschwunden ist in unserem Organismus, die Erscheinung des gehobenen Armes. Aber was da im Organismus vor sich geht, nachdem der Gedanke da ist - ich kann nicht einmal sagen, nachdem der Gedanke gewirkt hat, denn dieses Wirken ist ja schon nicht im gewöhnlichen Bewußtsein - bis zu dem Momente, wo die Bewegung des Armes betrachtet werden kann, das Hegt zunächst außerhalb der menschlichen Seele, liegt so außerhalb der menschlichen Seele, wie der Tisch oder der Stuhl außerhalb der menschlichen Seele liegen. Ich dringe nicht in den Tisch ein; ich dringe nicht ein in dasjenige, was geschieht, indem ein Wollen sich vollzieht.

Nun aber, sobald im Menschen eine höhere, eine übersinnliche Erkenntnis eintritt, kommt man dahinter, was da eigentlich vorliegt. Für das gewöhnliche Bewußtsein liegt die Sache so, daß der Mensch die Außenseite der Dinge mit seinen Sinnen wahrnimmt, die Farben, die Töne, Wärmekräfte und so weiter; die setzen sich dann fort in den Vorstellungen, die sich der Mensch von diesen Dingen macht. Das ist so, wenn der Mensch nach außen blickt.

Wenn der Mensch in sich selbst hineinblickt, dann wird er zunächst gewahr, wie er Vorstellungen behalten hat von den Dingen, die er betrachtet hat, Vorstellungen, die auch wieder auftauchen; wenigstens scheint es so. Wir haben gesehen, daß es anders ist, aber für das gewöhnliche Bewußtsein kann man es so charakterisieren. Diese Vorstellungen sind durchtränkt von Gefühlen, die wie traumhaft heraufwellen aus unserem menschlichen Wesen. Kurz, wir erblickenda auch eine Welt, wenn wir in uns hineinschauen, eine Welt, die uns ebenso von innen entgegendringt wie die Farben und Töne von der äußeren Welt. Dann stehen wir gewissermaßen ebenso vor irgend etwas, wo wir draußen sind, wie wir vor den äußeren Dingen stehen so, daß wir draußen sind.

Das aber wird nach innen hin anders und auch nach außen hin anders, wenn wir aufsteigen zu einer höheren Erkenntnis. Wenn wir aufsteigen zu einer höheren Erkenntnis in der Art, wie ich das oftmals beschrieben habe in Vorträgen und auch in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», dann kommt zuerst die imaginative Erkenntnis, dann die inspirierte Erkenntnis. Das alles kann Ihnen ja bekannt sein. Wenn nun der Mensch zuerst zu der imaginativen Erkenntnis aufsteigt, dann die inspirierte Erkenntnis eingreift, dann wird das, was man das Außer-den-Dingen-Stehen nennen kann, anders sowohl in bezug auf die Außenwelt als auch in bezug auf das Innere des Menschen.

In bezug auf die Außenwelt kommen wir zunächst durch die imaginative Erkenntnis zu Bildern. Wenn wir dann diese Bilder entsprechend behandeln, so werden sie zu Bildern desjenigen, was uns als geistige Außenwelt umgibt. Da muß nun schon die inspirierte Erkenntnis eben eingreifen. Durch Inspiration erlangen wir Erkenntnis einer geistigen Außenwelt, die uns ebenso umgibt, wie uns die sinnliche Außenwelt in Farben, Tönen, Wärmeimpulsen und so weiter umgibt. Wenn wir dieser ganzen Welt gegenüberstehen, die jetzt eine geistige Außenwelt ist, so müssen wir uns immer sagen: Das ist etwas anderes als wir selbst. Wir kommen dazu, elementare Wesenheiten, die Wesenheiten der höheren Hierarchien in dieser geistigen Umwelt zu entdecken. Es ist etwas anderes, als wir selber sind. Wir lernen uns dabei selber wohl immer mehr als geistiges Wesen kennen, aber wir lernen uns auch unterscheiden von all dem, was eben andere Wesen sind, als wir selbst sind.

Aber indem wir die Übungen machen, die uns so auf der einen Seite dahin führen, die geistige Außenwelt zu erkennen, kommen wir auch nach innen vorwärts, wir kommen nach innen weiter. Und diejenige Entdeckung, die wir da zuerst nach innen machen, ist diese, daß wir gewissermaßen lernen, unseren Kopf mit seinen Erkenntnissen seelisch etwas gering zu schätzen. Immer mehr wert wird uns dagegen diejenige Erkenntnis, die sich mehr im Herzen konzentriert, wenn ich mich jetzt auf den Organismus des Menschen beziehe, und zwar nicht, daß wir gerade das physische Herz dabei so stark zu beachten hätten, sondern das Ätherische und das Astralische des Herzens; die werden wir sehr stark gewahr. Und jetzt wird uns etwas zu einer ganz hellen, lichten Erkenntnis, was außerordentlich bedeutsam ist.

Sehen Sie, das, was da der Mensch erkennen kann, ich kann es in folgender Weise etwa aufzeichnen (siehe Zeichnung). Nehmen wir einmal an, wir hätten hier das menschliche Herz (rot) und über dem menschlichen Herzen alles dasjenige, was der Mensch so schätzt, indem er auf dem physischen Plane sein Gedankenleben erkennt (hell). Das fühlt der Mensch auch im Kopfe, dieses Gedankenweben. Aber indem der Mensch nun, ohne daß er zu einer höheren Erkenntnis

kommt, sich hingibt seinem ganzen Wesen, so fühlt er die Gedanken allerdings als außerordentlich, ich möchte sagen, vornehmen Teil der menschlichen Wesenheit. Diese Gedanken, sie kümmern sich nicht sehr stark um das eigentlich persönliche Wesen. Nehmen wir einmal an, wir haben den Gedanken eines Dreiecks. Wir müssen uns ihm hingeben, ohne daß dieser Herr Gedanke sich darum kümmert, ob ich gerade Kopfschmerzen oder Magenschmerzen habe. Es ist ihm außerordentlich gleichgültig, wie ich persönlich gestimmt bin. Es ist ihm sogar gleichgültig, ob ich irgendwie anders verstimmt bin, traurig oder heiter bin, ob mir etwas weh tut oder wohl tut - der Gedanke des Dreieckes herrscht mit einer gewissen vornehmen Nonchalance in meinem Kopfbewußtsein und kümmert sich nicht um mein subjektives Befinden. Daher Menschen, welche sich bloß um ihr subjektives Befinden kümmern wollen, ja auch sogleich, wenn man von solchen Gedanken spricht, die sich nicht um dieses subjektive Befinden kümmern, einschlafen.

Nun ja, da ist also in gewissem Sinne eine vornehme Welt, die sich um das subjektive Befinden nicht kümmert. Aber wenn der Mensch dann in diese vornehme Welt sein Subjektives hineinmischt, und er fühlt sich nahe dem eigenen Wesen, dann geht dieses Fühlen schon durch das Herz, es strahlt gewissermaßen vom Kopf nach dem anderen Menschen hinunter, und da kommt es dann aus dem anderen Menschen herauf (Pfeile). Was kommt da herauf?

Ja, da kommen herauf eben die Gefühle, die Instinkte, Triebe, Leidenschaften; da wüstet, möchte ich sagen, alles dasjenige herauf, was da im Menschen wirkt an Trieben, Instinkten, Leidenschaften (rote Pfeile); das wüstet da herauf. Da hat sich der Mensch in diesem so recht Subjektiven. Aber in dem, was da heraufwüstet, ist enthalten auch alles Kochen des Organismus selber. Was im Magen, was in den Gedärmen, was sonst ausgekocht wird in dem Menschen, das wüstet mit diesen Trieben und Instinkten herauf, das kommt dem Menschen entgegen. So daß man sagen kann: Da oben ist gewissermaßen eine vornehme Welt; sie ist sehr vornehm, aber sie wird im Menschen gar nicht seelisch, weil sie sich nicht kümmert um das Subjektive. Es ist schließlich ganz gleichgültig, ob der Müller den Gedanken eines Dreiecks, eines Löwen hat, oder ob ihn der Schulze hat. Die Gedanken kümmern sich nicht um das Subjektive. Das Seelische kommt erst zustande, wenn aus dem Inneren des Menschen heraus dasjenige quillt, was diese Gedanken gefühlsmäßig oder instinktmäßig durchsetzt. Wenn zum Beispiel der Müller ein Held ist und er den Gedanken des Löwen hat, dann pulsen von unten solche Gefühle herauf, daß er sich vor dem Löwen nicht fürchtet; wenn der Schulze ein Hasenfuß ist, so daß er schon davonläuft, wenn er an einen Löwen denken soll, dann ist das das Subjektive, das hineinkommt. Das ist das Seelische, das hineinkommt. Der Gedanke des Löwen hat ein Allgemeines, das nicht seelisch ist, das ein Geistiges ist. Dadurch, daß ihm entgegenkommt aus dem Menschen dieses Triebmäßige, wird der Gedanke zum Seelischen. Und das macht auch den Gedanken des Löwen zum Seelischen, ob er nun etwa den Müller dazu verleitet, immer an das Instrument denken zu müssen, wenn er an einen Löwen denkt, mit dem er den Löwen attackiert, sich gegen ihn zur Wehr stellt meinetwillen, oder ob der Schulze immer denken muß beim Gedanken des Löwen, wie er nur am schnellsten davonlaufen kann und so weiter. Dadurch wird das Ganze ja nun im gewöhnlichen Leben seelisch. Und das Seelische ist immer in gewisser Weise hineinstrahlend, möchte ich sagen, in das Geistige.

Ja, aber wenn Sie jetzt aufrücken zur imaginativen Erkenntnis und von da zur inspirierten Erkenntnis, dann wird die Sache anders. Dann haben Sie allerdings zunächst die große Mühe, dasjenige, was viel deutlicher, weil ungeschminkt heraufkommt, die Triebe und Instinkte, zurückzuschlagen, diese sich nicht aussprechen zu lassen; die müssen nun zurück, die dürfen sich nicht aussprechen. Aber es kommt etwas anderes herauf. Da kommt diesen Gedanken, die ja angeregt sind von der Außenwelt und die so vornehm im Kopfe ihre Behausung aufgeschlagen haben, entgegen durch das Herz, das in gewissem Sinne jetzt ein wunderbares Sinnesorgan wird - das Herz wird so groß wie der ganze Blutorganismus, und es wird ein großes ätherisches Sinnesorgan -, da kommt herauf jetzt nicht dasjenige, was in den Trieben und Instinkten lebt, sondern da kommt jetzt herauf eine Summe von Gedanken (helle Pfeile), die den oberen Gedanken entgegenkommen. Aber diese Gedanken, sie sind mächtige Bilder, und sie sprechen gar nicht dasjenige aus, was sonst heraufkommt aus dem Organismus; sie sprechen jetzt das aus, was der Mensch vor der Geburt war.

Der Mensch lernt sich erkennen in der geistigen Welt, bevor er hier auf der Erde geboren, beziehungsweise konzipiert worden ist. Das kommt dem Menschen entgegen. Der Mensch wird versetzt dadurch, daß ihm das entgegenkommt, jetzt nicht in seine Triebe, Begierden, sondern er wird versetzt, wenn er imaginative und inspirierte Erkenntnis hat, in sein Dasein in der geistigen Welt, bevor er heruntergestiegen ist zu einer physischen Verkörperung. Und indem sich der Mensch da drinnen erkennen lernt, lernt er auch zugleich etwas kennen, was also anders ist vor der imaginativen und inspirierten Erkenntnis als die Außenwelt, die uns sonst umgibt; wo wir Elementarwesen, Engel, Erzengel und so weiter kennenlernen. Wir lernen uns aus der Weisheit selbst kennen in unserer erweiterten Wesenheit über das Erdendasein hinaus.

73Das aber gibt einen sehr bedeutsamen Aufschluß über das seelische Erleben. Wir sagen uns nach und nach: Dieses seelische Erleben, im Kopfe ist es ganz ausgeflossen; da steckt es ganz darinnen im Kopfe, hat den Kopf gebildet als sein Abbild (siehe Zeichnung, blau). Das bietet sich nur der Außenwelt dar, so daß diese die Bilder einmalen kann, die wir dann bekommen und die wir im Gedächtnisse festhalten. Aber hier unten, da ist dieses Leben darinnen, ohne daß

es sich - ich habe das schon gestern angedeutet - so intensiv verbindet mit dem Physischen; da ist es mehr getrennt. So daß wir da hinunterblicken in uns selber, wenn das Herz das Auge wird für dieses Hinunterblicken auf diesen Teil, in die flammenden, sengenden, brennenden Emotionen, Begierden, Leidenschaften, Triebe auf der einen Seite; auf der anderen Seite aber ist das, was sich nicht mit dem verbinden mag, was unser ewiges Wesen ist, was nebenher lebt.

Und jetzt wird uns klar: Für unseren Kopf ist unser Seelisches so, daß es darinnen begraben ist; es ruht da drinnen. Der Kopf ist eigentlich nur ein äußeres Reflexionsorgan für die physische Umgebung. Da fassen wir nur die Außenwelt. Uns selbst fassen wir, wenn wir durch das Herz tiefer in uns hineinschauen. Das gewöhnliche Leben schlägt uns bloß die Emotionswogen herauf. Lernen wir aber durch höhere Erkenntnis mehr davon kennen, so schlägt uns da unser ewiges Dasein herauf. Jetzt lernt die Seele verbunden sein mit dem Geiste, der wir selbst sind. Die äußere Welt, die wir betrachten als geistige Umgebung, die sind wir nicht. Das, was wir da drinnen durch unser Herz, das Sinnesorgan wird, erblicken, das sind wir selbst. Der Weg, der sonst nur in das Seelische führt, indem das Seelische seine Außenseite, die Triebe, die Begierden, zeigt, dieser selbe Weg führt uns hinein in das ewige Seelische, das in uns ist und das vom Geistigen durchdrungen ist, das ebenso geistig ist wie die geistige Umwelt. Jetzt kommen wir hinein in das Gebiet, wo die Seele mit dem Geiste eins ist.

Sie können noch so sehr zu Ihrem Gehirn zurückblicken - das ist physisch; da sind Sie selber physisch. Aber es ist das Gehirn auch die Hauptdomäne der gegenwärtigen materialistischen Seelenbetrachter. Sie sagen, sie betrachten die Seele, betrachten aber nur das Gehirn. Das können sie auch, weil das Gehirn ein Ausdruck ist für das Seelische. Da ist das Seelische drinnen begraben, da ist es untergetaucht, da ruht der Leichnam des Seelischen drinnen. Dieser Leichnam des Seelischen ist die Domäne der gegenwärtigen Seelenforschung. Aber an sich ist das Seelische so, wie es als Seelisches ist, und mit dem Geiste verbunden, unterhalb des Herzens, und da verbindet es sich nicht innig mit demjenigen, was Triebe, Begierden sind, sondern eben nur äußerlich.

Nun macht man aber noch eine andere Entdeckung. Sehen Sie, wenn Sie irgendeinen Sinn, zum Beispiel das Auge nehmen: Sie schauen zunächst physisch um sich herum. Sehen wir ab davon, daß wir ja meistens hier bei künstlichem Licht sind; wir würden sehr leicht nachweisen können, daß das, nur auf einem Umweg, doch auch mit dem Sonnenlicht etwas zu tun hat, aber darauf wollen wir jetzt nicht sehen. Wir wollen uns nur vorstellen einen schönen Vormittagsvortrag auf freiem Felde und würden statt dieser schrecklichen Beleuchtung das Sonnenlicht draußen haben. Wir wollen uns das vorstellen; das ist ewas, was dem Menschen auch manchmal passiert. Ja, aber da sehen wir überall die Sonne, denn die Sonne ist nicht bloß diese Scheibe da oder diese Kugel, sondern sie strahlt; wenn sie auf eine Blume strahlt, gehen die Strahlen zu uns zurück. Die Sonne ist es, die da in unser Auge eindringt und durch die wir die Blume gewahr werden, durch die wir uns auch die Vorstellung bilden von der Blume. Überall, an allen Gegenständen, ist es die Sonne. Aber das begreift ja der Mensch leicht, daß, insofern er die Gegenstände um sich herum beleuchtet sieht, es die Sonne ist, die auf dem Umwege durch seinen Kopf, durch sein Auge alles, was er von diesen Gegenständen äußerlich physisch weiß, vermittelt. Aber es ist nicht nur das die Sonne, was das Auge wahrnimmt. Es hat schon einen tieferen Wahrheitsgehalt, wenn wir im «Faust» hören: «Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang». Es ist solch eine Weltharmonie vorhanden, und dasjenige, was sich von dieser Weltharmonie in unserem Luftkreis geltend macht, ist schließlich auch ein Sonnenreflex, so daß schon auch das Tönende auf einem gewissen Umweg von dem Sonnenhaften kommt. Alles Wahrnehmbare in der äußeren physischen Welt kommt schon von dem Sonnenhaften. Wärme, Ton, alles kommt, nur nicht so direkt wie das Licht, von dem Sonnenhaften.

Und jetzt muß ich etwas sagen, was natürlich für das erste Hören etwas Überraschendes hat, etwas hat, was einem so erscheint, als ob man es nicht gleich verstehen könnte. Aber man kann schon eindringen, wenn man nur die Dinge verfolgt, so wie wir gewöhnt sind, die Dinge durch Anthroposophie zu verfolgen. In dem, was wir da so äußerlich sehen durch das Vorhandensein der Sonne und unser sinngemäßes Verbundensein mit dem, was die Sonne uns sehen läßt an der äußeren Welt, sind wir eigentlich da in dem Sonnenhaften drinnen. In dem äußerlich physisch-ätherisch Sonnenhaften sind wir drinnen.

Wenn wir jetzt zu der imaginativen Erkenntnis kommen, zu der inspirierten Erkenntnis - wenn ich mich so ausdrücken darf, aber nur in dem Sinne ist das aufzufassen, wie ich es eben gesagt habe -, wenn wir nun durch unser Herz weiter in unserem eigenen Wesen vordringen, so wird es mit diesem Sonnenhaften etwas anderes. Wir bekommen in einem bestimmten Punkt, wo die inspirierte Erkenntnis auftritt, wo wir so weben mit der inspirierten Erkenntnis in einer realen Bilderwelt, nun das Bewußtsein, wie wenn wir plötzlich wie durch einen inneren seelisch-geistigen Ruck in die Sonne selber eingelaufen wären.

Das ist ein Erlebnis, das Sie sich nur seiner Bedeutung nach vor die Seele stellen sollen. Diese Sonne scheint uns auf die Erde. Wir nehmen als Menschen wahr, was um uns herum ist als Rückstrahlung des Sonnenhaften. In dem Momente aber, wo wir zur inspirierten Erkenntnis kommen, wo das Herz Sinneswahrnehmungsorgan wird, wie ich es geschildert habe, für uns selbst, da fühlen wir uns plötzlich in der Sonne drinnen. Wir fühlen uns nicht mehr so, wie wenn wir hinaufschauen würden und die Sonne da so gehen sehen würden - ich nehme jetzt nur die scheinbare Bewegung an -, sondern wir fühlen uns wie mit unserem Herzen in der Sonne drinnen und mit der Sonne selber gehend, indem das Herz unser Sinnesorgan wird. Für uns selbst wird das Herz zu gleicher Zeit wie hinausgerückt in die Sonne, und die Sonne wird unser Auge, mit dem wir jetzt dasjenige, was anfängt, um uns herum zu sein, anschauen. Die Sonne wird jetzt zu unserem Auge, auch zu unserem Ohr, auch zu unserem Wärmeorgan. Wir haben nun nicht mehr das Gefühl, daß wir außerhalb des Sonnenhaften sind, sondern wir haben das Gefühl: Wir sind in das Sonnenhafte hineingerückt, wir stehen innerhalb des Lichtes. Wir sind sonst immer außerhalb des Lichtes. Jetzt, wenn wir mit unserem eigenen Wesen in unser Herz eingetaucht sind, haben wir der Welt gegenüber das Gefühl: Wir stehen innerhalb des Lichtes, und unser eigenes Wesen ist Licht. Wir berühren mit unseren Lichtorganen, die wir jetzt in dem wallenden, webenden Lichte haben, die geistigen Wesenheiten. Wir werden mit unserem Seelischen jetzt verwandt der Welt, die nicht außerhalb der Sonne ist, sondern die innerhalb der Sonne ist, und zwar, ich bemerke ausdrücklich: linienhaft werden wir das, wir fühlen uns wie auf dem Weg der Sonne, linienhaft auf dem Weg der Sonne. Und geht jetzt die höhere Erkenntnis nur um ein kleines Stück weiter, dann fühlen wir uns nicht nur in der Sonne drinnen, sondern dann fühlen wir uns gewissermaßen da jenseits der Sonne (siehe Zeichnung). Früher waren wir da unten so ein kleiner Mensch und sahen zur Sonne hinauf. Jetzt sind wir in die Sonne hineingekommen, fühlen uns mit unserem seelischen Wesen innerhalb der Sonne, und die Welt ist in uns, die bisher um uns herum war (grün).

Aber erst wenn wir dies errungen haben, beginnen wir zu verstehen, daß wir, wenn wir im gewöhnlichen Erdenleben schlafen, mit unserer Seele da hinausgehen. Da sind wir, wo wir so eingerichtet sind, daß wir eigentlich nur durch die Sonne wahrnehmen sollen. Jetzt gehen wir mit unserem Seelischen da hinaus in die Welt, die uns nur durch die Sonnenreflexion klar werden kann; daher nehmen wir da nichts wahr. Wir müßten hinausrücken über das Gebiet der Sonnensphäre. Das geschieht aber erst durch die Inspiration, später durch die Intuition; da nehmen wir erst etwas wahr, weil wir uns gewissermaßen als menschliche Erdenwesen, wenn wir aus unserem physischen Leib und aus unserem Ätherleib herausgehen, da durch alle die Erdengegenstände durchquetschen; vom Einschlafen bis zum Aufwachen quetschen wir uns durch alle möglichen Erdengegenstände durch. Da ist zunächst von uns selbst nicht viel wahrzunehmen. Andere Wesen nehmen wir wahr, aber erst, wenn wir uns darauf eingerichtet haben; uns selbst aber können wir erst wahrnehmen, wenn wir durch Schulung da hinauskommen in das Gebiet, in dem wir waren zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.

Was ist es denn eigentlich, was uns abtrennt von diesem Gebiet, in dem wir leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt? Ja, man kann nichts anderes sagen als: Die Sonne ist das. Wir werden als Menschen in die physische Welt hineingeboren. Vor der Konzeption, bevor wir heruntergestiegen sind, haben wir mit der äußeren physischen Sonne nichts zu tun, nur mit dem, was hinter der Sonne als Geistiges steht, mit dem haben wir zu tun. Jetzt steigen wir in die physische Welt herunter. Da strahlt überall die Sonne hin. Was sie uns sichtbar macht auf physische Weise, das nehmen wir in unsere Gedanken, in unsere Vorstellungen auf. Diese physische Sonne verhindert uns, das Geistige zu sehen. Und wenn wir nach dem Einschlafen da draußen sind unter den Gegenständen, die sie uns sonst sichtbar macht, sind wir eben, weil wir während des Erdenlebens mit unserem physischen Leib an das Erdenleben gewöhnt sind, zu schwach, um hinauszusehen außerhalb des Sonnengebietes, und im Sonnengebiet können wir nichts sehen, denn da würden wir die anderen Wesen sehen müssen, die uns entweder als elementarische Geister oder als Geister der höheren Hierarchien in der äußeren Welt umgeben.

Sie sehen also, das, um was es sich handelt, ist auch von diesem Gesichtspunkte aus gesehen, daß das Seelische erstens als solches erkannt werden kann durch eine höhere Erkenntnis, als es die des gewöhnlichen Bewußtseins ist, zweitens aber, daß dieses Seelische innig verwandt ist mit demjenigen, was Welt ist. Die Seele hängt mit der

ganzen Weltentwickelung zusammen, und wenn wir in unserem Leibe sind, dann ist es die Sonne, die uns alles Äußerliche sichtbar macht, auch hörbar macht und so weiter, die uns aber hindert, in die geistige Welt hineinzuschauen. Wir kommen gewissermaßen, wenn wir zur geistigen Welt aufsteigen, auf die andere Seite der Sonne. Wir sind hier diesseits des Sonnenwesens; wir kommen auf die andere Seite der Sonne, wenn wir zur geistigen Welt vorschreiten. Und bei dem Übergang von der einen Seite des Sonnenlebens zu der anderen Seite des Sonnenlebens haben wir das Bewußtsein, von dem ich eben gesprochen habe, daß wir uns wie in der Sonne, mit der Sonne fühlen, mit der Sonne die Weltenwege machen und so weiter. So daß wir unser Seelisches gar nicht kennenlernen können, ohne daß wir dieses Seelische in innigem Zusammenhange betrachten mit der ganzen Weltentwickelung, mit dem ganzen Weltenwesen.

Was uns, ich möchte sagen, einsam an einen bestimmten Ort der Erde stellt, das ist unser physischer Leib, der auf das äußere Sonnenhafte eingestellt ist und der uns hindert, unser Seelisches zu verbinden mit dem All, der uns isoliert. Das Isolierende ist ja unser Organismus. So lebt denn der Mensch eigentlich im Sonnenhaften. Und Sie wissen, in dieses Sonnenhafte mischt sich - wollen wir jetzt rein den äußeren Tatbestand betrachten - das Mondenhafte herein, äußerlich so: die Sonne bescheint den Mond. In mondhellen Nächten wirft der Mond das Sonnenlicht zurück. Wir haben das Sonnenlicht vom Monde. Das heißt, wir haben eine Art von Abschattung, oder Abheilung könnte man sagen, der Welt in alledem, was nun unter dem Einfluß des Mondenhaften in die Welt kommt.

Nun kommt in die Welt herein nicht nur das silberglänzende Mondenlicht, das uns bei scheinendem Monde die Gegenstände so im nebelhaften bespiegelt, wie uns sonst klar und hell und begrenzt in Konturen das Sonnenlicht bei Tag die Gegenstände spiegelt. Nicht nur dieser Abglanz des Sonnenlichtes von den Gegenständen kommt uns zu, sondern in den Wesen der Erde lebt das Mondenhafte auch dadurch, daß diese Wesen der Erde fortpflanzungsfähig sind. In allem Fortpflanzungsfähigen, was dann mit den Vererbungskräften verbunden ist, lebt das Mondenhafte.

Wenn der Mensch nur unter dem Einfluß des Sonnenhaften wäre, so würde er ja schon Mensch sein können auf der Erde, aber er würde nicht einen anderen Menschen hervorbringen können. Wenn bloß das Sonnenlicht immer vorhanden wäre, so würde die Erde gewissermaßen einen Dauerzustand darstellen. Es würde kein Wesen vergehen und kein neues entstehen. Alles Vererbbare, alles Fortpflanzungsmäßige wäre nicht da. So daß man sagen kann: Das Sonnenhafte ist auf der Erde das zunächst physisch Urkräftige. Es vertreibt unser Seelisches an der Kopfseite des Menschen; es macht da alles zum Bilde auf der Kopfseite. Real werden wir im gewöhnlichen Seelenleben erst durch unsere Triebe, durch unsere Emotionen; im höheren Seelenleben, wenn wir durch das Herz den Geist durchschauen, aber auch wenn wir außerhalb des Sonnenhaften kommen. Also das Sonnenhafte ist das in der Sinneswelt Urkräftige, möchte man sagen. Damit es nicht ganz allein mächtig ist, damit dieses Sonnenhafte nicht dauernd werde, damit nicht alle Pflanzen dauernd werden, sondern absterben und neue hervorbringen, nicht alle Tiere dauernd werden, sondern absterben und vorher neue hervorgebracht haben, ebenso beim Menschen, ist beigemischt in der Entwickelung der Welt dem Sonnenhaften das Mondenhafte. Und so ist auch dem Menschen das Mondenhafte eingegliedert.

Das Mondenhafte ist immer tätig, wenn ein neues Menschenwesen in die Welt eintritt. Da geht gewissermaßen das Sonnenhafte nicht bloß bis an die Oberfläche, sondern bis ins Innere des Menschen und schließt den Menschen aus einer gewissen Sphäre aus. Beachten Sie dieses auf der einen Seite. Wir haben also gewissermaßen die mächtige Sonnengewalt; aus der mächtigen Sonnengewalt herausgeworfen einen gewissen Teil unserer äußeren Weltentwickelung, indem das Mondenhafte da hineinkommt.

Wenn ich schematisch das beim Menschen zeichnen soll (Zeichnung), so müßte ich sagen: Wenn das ein Menschen-Schema ist, würde das Mondenhafte sich eben eingliedern (orange). Da wird aus dem ganzen menschlichen Wesen, insofern dieses Sonnenhafte daran beteiligt ist, dieses Sonnenhafte herausgeworfen, und das Mondenhafte macht sich geltend. Sie sehen also, es ist dem urkräftigen Sonnen-

haften in der äußeren physischen Welt etwas genommen. Daher kann sich auch das, was da mondenhaft sich abspielt, in der Fortpflanzung nicht äußerlich in der Welt abspielen - nur bei den allerniedersten Tieren ein Teil davon, indem die Eier ausgelegt werden und von der Sonne dann ausgebrütet werden -, das entzieht sich der äußeren Welt da, wo gerade dieses Mondenhafte recht stark wird.

Aber das hat einen Gegenpol. Das, was der Sonne auf der einen Seite genommen wird und wodurch ermöglicht wird durch das Mondenhafte, daß auf der Erde irdische Fortpflanzung ist und irdische Vererbung, das wird ihr auf der anderen Seite wieder gegeben. Und indem ihr dies gegeben wird, ist die Sonne nicht bloß jenes physische Wesen, von dem Ihnen erzählt wird in der äußeren Wissenschaft, sondern die Sonne hat ein Geistiges, eine Art Übersonne, was zu ihr gehört (Zeichnung, orange). Diese Übersonne gehört dazu zu der Sonne, aber diese Übersonne wirkt geradeso auf den Menschen wie der Mond, der eine Art Untersonne ist. Und in unserem Zeitalter wissen die Menschen nichts Vernünftiges über die Art, wie der Mond sich hineinstellt in die Erdenentwickelung; aber sie wissen erst recht nichts von dieser Übersonne, und daß so, wie der Mond seinen mächtigen Einfluß auf das Physische des Menschen hat, diese Übersonne den mächtigen Einfluß hat auf das Seelische des Menschen.

Sehen Sie, das haben ältere Menschen aus einem instinktiven Hellsehen heraus gewußt und daher, wenn sie das andeuten wollten bei besonders für das Geistige begabten Menschen, für das wirklich Geistige, für das Spirituelle begabten Menschen, angedeutet, daß die Übersonne auf sie wirkt, kurz, daß sie nicht bloß sind, was sie sind durch Sonne und Mond, sondern daß sie auch das sind, was sie durch die Übersonne sind, daß sie mehr sind als dieser physische Leib. So wie der Mensch physisch mehr ist als sein äußerer physischer Leib in seiner Begrenzung, indem er einen Menschen aus sich hervorbringen kann, indem er also hinausgeht nach der physischen Seite, so ist der Mensch auch mehr nach einer geistigen Seite. Man hat das in einer Zeit instinktiven Hellsehens gewußt und hat deshalb dem Menschen den Heiligenschein gegeben. Geradeso wie der Mensch in der physischen Welt hinausgeht über sein eigenes Wesen, indem er ein fortpflanzungsfähiges Wesen ist, geht er durch die Übersonne aus dem gewöhnlichen Seelischen, das an den Körper gebunden ist, hinaus, ragt ins Geistige hinein und trägt nach der Ansicht der Älteren den Heiligenschein. Wenn Neuere den Heiligenschein machen, so ist er immer wie eine aufgesetzte Kappe, weil sie keine Ahnung haben, wie das mit dem Menschenwesen wirklich zusammenhängt. Das ist keine Kappe, sondern das ist etwas, was der Mensch durch die Übersonne hat; das ist eine Erweiterung seines Seelischen in das Geistige hinein bis zu dem Grade, daß diese Erweiterung im Ätherischen sichtbar werden kann.

Da werden wir, indem wir durch Anthroposophie wiederum verstehen lernen, warum aus einer älteren atavistischen Anschauung der Heiligenschein gemacht worden ist, tief hineingeführt in das Seelisch-Geistige auf der einen Seite, und auf der anderen Seite werden wir hineingeführt in dasjenige, was ältere, wenn auch traumhaft-atavistische Hellsehererkenntnisse erschauen konnten von der Welt. Wahrheiten konnten sie erschauen. Und die neuere Menschheit ist ungemein töricht, wenn sie meint, daß aus irgendeiner Phantasie heraus die Menschen in älteren Zeiten gewissen Persönlichkeiten den Heiligenschein gegeben haben. Sie haben es nicht aus der Phantasie heraus getan, sondern sie haben damit andeuten wollen, daß solche Menschen vorzugsweise von der Übersonne beeinflußt sind, von demjenigen, was geistig-seelisch in der Sonne ist. Sie sehen also, daß der Mensch, wenn man ihn betrachtet seinem seelischen Wesen nach, wirklich seinen Organismus erfüllt; aber indem das Mondenhafte in ihn eindringt und das Mondenhafte da nur in seinem Abglanz erscheinen kann, wird der Mensch fremd seinem eigenen physischen Wesen. Das geht in Vererbungsverhältnisse hinein. Auf der anderen Seite nimmt der Mensch, indem die Sonne wiederum, ich möchte sagen, das, was sie durch den Mond für die Erde verliert, durch die Übersonne bekommt, teil an dem und rankt sich mit seinem Seelischen schon in seinem ätherischen Leib ins Geistige hinauf.

Diese Dinge muß man schon anführen, wenn man darauf hinweisen will, wie innig das Seelische des Menschen mit der Weltenentwickelung zusammenhängt. Man kann einfach nicht über das Seelische des Menschen reden, wenn man nicht von der Weltentwickelung redet. Denn in dem Augenblicke, wo man zum wirklichen Seelischen vordringt, dringt man auch zu dem Sonnenhaften vor. Und wie der Mensch mit der Materie gerade dadurch intensiv verbunden ist, daß er die Vererbungsmerkmale an sich trägt, daß er also die Impulse der physischen Entwickelung an sich trägt, so ist er mit der geistigen Welt dadurch verbunden, daß er das, was bloße Kopfgeistigkeit ist, die eigentlich etwas Leichnamhaftes, Totes hat, mit dem Übersonnlichen durchdringt und dadurch diese Kopfgeistigkeit durchseelt wird. Und so ist es beim Menschen so, daß in sein Vorstellungswesen das Seelische hereinragt. Wie beim Müller, wenn er ein tapferer Kerl ist, bei dem Gedanken des Löwen, der Bild im Geistigen ist, die mutvollen Gefühle hereinragen, beim Hasenfuß Schulze die Fluchtgefühle hereinragen, wie da der Gedanke seelisch wird, seelisch aus dem menschlichen Organismus - denn das, was da hineinflutet in das Vorstellen, in das Denken, das sind schließlich doch die Kochprodukte des Organismus -, so strömt von der anderen Seite nun nicht Trieb, Begierde, Leidenschaft herein, sondern es strömt Weltenseele herein vom Übersonnlichen.

Und wir müssen uns schon klar sein darüber: Wenn wir den Menschen als in Geistesbildern, als in Vorstellungen lebend haben, so strömt in diese Vorstellungen herein von der einen Seite sein Triebhaftes, sein Animalisches und macht von der einen Seite das Vorstellen, das sonst kalt und nüchtern wäre, seelisch (siehe Zeichnung, rot);

von der anderen Seite strömt das Übersonnliche herein (gelb). Das ist nun auch seelisch. Es ist nur ein Vorurteil, wenn man glaubt, daß derjenige, der nun nicht bloß in Emotionen lebt, sondern der aufnehmen kann auch das Übersonnliche aus der Welt in seine abstrakten Gedanken, daß der ein solch trockener Kumpan wird wie derjenige, der nur Gedanken hat.

Die Leute fürchten sich vor dem Spirituellen, wenn es in reiner, kosmischer Form auftritt, weil sie glauben: In bezug auf meine Gedanken bin ich schon ein genügend kalter Kerl; nehme ich nun noch die Weltgedanken auf, dann werde ich völlig ledern. - Da ist aber das Umgekehrte der Fall. Man wird ebenso innerlich warm, ebenso innerlich durchenthusiasmiert, aber eben in der reinen geistigen Form, wie man durchenthusiasmiert wird von den Trieben, von den Begierden, von dem Animalischen, das aus dem Organismus heraufstrahlt in das Gedankenhafte.

Ich habe in meinem Buche «Goethes Weltanschauung» darauf aufmerksam gemacht, daß man wahrhaftig nicht bloß Wärme in das Gedankenhafte hineinbringen kann dadurch, daß man Triebartiges hineinmischt. Gewiß, die Leidenschaft, der Trieb macht die Gedanken warm, aber animalisch warm. Aber es gibt auch eine Wärme, die aus der Welt kommt, die von der Übersonne kommt, und man kann erglühen, indem man diese Welten wärme, die jetzt nicht die animalische, sondern die die Wärme der über den Menschen stehenden Hierarchien ist, in sich aufnimmt. Wenigstens andeuten konnte ich das in meinem Buche «Goethes Weltanschauung», wo ich davon spreche, wie unrecht es ist, daß man einen Menschen, der ideenerfüllt ist, wenn seine Ideen von einer höheren Wärme durchzogen sind, auch als einen so trockenen Kumpan auffaßt und glaubt, selber einer zu werden, wenn man solche Ideen aufnimmt, wie das sonst bei den trockenen Ideen, die man eben heute zumeist allein kennt, der Fall ist."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Menschliches Seelenleben und Geistesstreben im Zusammenhange mit Welt- und Erdenentwickelung, GA 212 (1978), S 68 ff., Vierter Vortrag, Dornach, 6. Mai 1922

(Literaturangaben folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@rudolf-steiner.com URL: http://www.rudolf-steiner.com)

Link: http://www.anthroposophie.net   Site Search   Web Search
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=254letzte Änderung: 2002-12-20

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