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Lexikon Anthroposophie

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Inkarnationsvorgang
die Vorbereitung der Inkarnation in der geistigen Welt

(siehe auch -> Inkarnationsvorgang, wie der physische Keim von den höheren Wesensgliedern ergriffen wird)

"Wenn der Mensch so weit ist, daß er diejenigen Tätigkeiten, die er im letzten Leben vollzogen hat, in geistige Kräfte umgesetzt hat, wenn er alle die Erlebnisse in der devachanischen Außenwelt erlebt hat, so daß sie auf ihn gewirkt haben, dann ist er reif, vom Devachan herunterzusteigen zu einer neuen physischen Geburt. Dann zieht der Erdkreis ihn wieder an.

Das erste, was der Mensch antrifft, wenn er aus dem Devachan herabkommt, ist das astralische Gebiet, in der Rosenkreuzer-Theosophie die elementare Welt genannt. Die gibt ihm einen neuen Astralleib. Wenn man auf ein Papier Eisenfeilspäne streut und unterhalb desselben einen Magneten bewegt, dann bilden sich Formen und Linien nach den Kräften des Magneten; und genau so wird die astrale Substanz, die unregelmäßig verteilt ist, herangezogen und geordnet nach den Kräften, die in der Seele sind und dem entsprechen, was diese Seele im früheren Leben erarbeitet hat. So gruppiert sich der Mensch selbst seinen Astralleib. Diese werdenden Menschen, die nur erst einen Astralleib haben, sieht der Seher als Wesen, die ausschauen wie eine nach unten sich öffnende Glockenform. Sie schießen mit riesiger Geschwindigkeit durch den Astralplan. Kaum vorstellen kann man sich die Geschwindigkeit, mit der sie den Raum durchschwirren.

Jetzt müssen diese werdenden Menschen einen Ätherleib und einen physischen Leib erhalten. Was bisher geschehen ist bis zum Aufbau des Astralleibes, hing von ihnen selbst ab, je nach den Kräften, die sie selbst entwickelt haben. Wie aber der Ätherleib sich bildet, das hängt nicht allein vom Menschen ab in dem gegenwärtigen Entwickelungslauf, sondern in bezug auf diese Bildung ist der Mensch von äußeren Wesen abhängig. Darum hat der Mensch zwar immer einen passenden Astralleib; es ist aber nicht immer der Fall, daß dieser Astralleib ganz in den Äther- und physischen Leib hineinpaßt. Daher oft die Disharmonie und Unzufriedenheit im Leben. Daß die werdenden Menschen so herumschwirren, geschieht namentlich deshalb, weil sie ein passendes Elternpaar suchen, das ihnen die beste Gelegenheit gibt, eine zur Astralwesenheit stimmende Äther- und physische Körperlichkeit zu bekommen. Es kann immer nur das relativ beste und passende Elternpaar sein, das ihnen diese gibt. Bei diesem Suchen wirken Wesenheiten, die den Ätherleib an den astralischen Leib angliedern und die ähnlich dem sind, was man oft Volksgeister nennt. Das ist nicht dieses unfaßbare Abstraktum, als was der Volksgeist gewöhnlich angesehen wird; es ist für den geistigen Beobachter der Welt etwas so Wirkliches wie unsere Seele, die in unserem Leibe verkörpert ist. So hat ein ganzes Volk gemeinschaftlich zwar nicht einen physischen Leib, wohl aber einen Astralleib und die Ansätze zu einem Ätherleibe. Es lebt wie in einer astralischen Wolke, und das ist der Leib für den Volksgeist. Das sind die Lenker der Ätherbildungen um den Menschen herum, und so hat der Mensch sich nicht mehr selbst in der Gewalt.

Nun kommt ein außerordentlich wichtiger Moment, ebenso wichtig wie der Moment nach dem Tode, wo man sein ganzes vergangenes Leben als Erinnerungsbild sieht. Wenn der Mensch in seinen Ätherleib hineinschlüpft und noch nicht den physischen Leib hat — es ist dies nur ein kurzer Moment, aber von höchster Wichtigkeit —, da hat er eine Vorschau auf das nächste Leben; nicht auf alle Einzelheiten, es ist nur ein Überblick über all das, was ihm bevorsteht im künftigen Leben. Da kann er sich sagen — er vergißt es wieder bei der Einkörperung —, er hat vor sich ein glückliches oder ein unglückliches Leben. Nun kommt es vor, wenn ein Mensch viele schlimme Erfahrungen im früheren Leben gemacht hat, daß er einen Schock bekommt und nicht hinein will in den physischen Leib. Das kann bewirken, daß er wirklich nicht ganz hineinrückt in denselben und so die Verbindung nicht ganz hergestellt ist zwischen den verschiedenen Leibern. Das ergibt dann Idioten in diesem Leben. Es ist das nicht immer der Grund zur Idiotie, doch häufig. Die Seele sträubt sich gleichsam, physisch verkörpert zu werden. Ein solcher Mensch kann sein Gehirn nicht richtig gebrauchen, weil er nicht richtig hineingeschaltet ist. Nur wenn der Mensch sich richtig hineingebären läßt in sein physisches Werkzeug, kann er es richtig gebrauchen. Während der Ätherleib sonst nur ganz schwach hinausragt, kann man bei den Idioten oft Teile des Ätherleibes wie einen weit über den Kopf hinausragenden ätherischen Lichtschein sehen. Wir haben da einen Fall, wo etwas, was das Leben seiner physischen Betrachtung nach unerklärlich läßt, erklärt wird durch die Geisteswissenschaft."[1]

"Wir haben nun gesehen, daß der Mensch bei seinem Abstieg zur neuen Geburt von geistigen Wesenheiten, im Range ähnlich den Volksgeistern, mit einem neuen Ätherleib umkleidet worden ist. Dieser Ätherleib ist dem Menschen nicht vollständig angepaßt; noch weniger angepaßt ist ihm aber das, was er als eine physische Hülle erhält. Wir wollen jetzt in großen Zügen die Eingliederung des Menschen in die physische Welt erklären. Manches davon entzieht sich in einer gewissen Beziehung einer öffentlichen Besprechung.

Wir wissen, daß der Mensch durch die Eigenschaften, die er hat, sich mit einem astralen Leibe umkleidet. Er hat durch das, was in diesem astralen Leibe ist, eine Anziehungskraft zu bestimmten Wesen auf der Erde. Durch den Ätherleib wird er hingezogen zu dem Volk und zu der Familie im weiteren Sinne, in welche er neu hineingeboren wird. Durch die Art und Weise, wie er ausgebildet hat seinen Astralleib, wird er hingezogen zum mütterlichen Teil seiner Eltern. Die Essenz, die Substanz, die Gliederung des Astralleibes zieht ihn zur Mutter. Das Ich zieht den neuen Menschen hin zum väterlichen Teil der Eltern. Das Ich war ja da in uralten Zeiten, als die Seele zum ersten Male herunterstieg aus dem Schöße der Gottheit in einen irdischen Leib. Dieses Ich hat sich durch viele Inkarnationen hindurch entwickelt. Das Ich des einen Menschen unterscheidet sich vom Ich des andern, und wie es jetzt ist, bildet es die besondere Anziehungskraft zum Vater. Der Ätherleib zieht hin zum Volke, zur Familie, der Astralleib zieht besonders hin zur Mutter, das Ich zum Vater. Darnach richtet sich das ganze Gebilde, das zur neuen Verkörperung hinunter will.

Es kann vorkommen, daß der Astralleib zu einem mütterlichen Teil hingezogen wird, das Ich aber nicht zu dem entsprechenden Vater will. In diesem Falle setzt es seine Wanderung fort, bis es ein passendes Elternpaar findet.

Im gegenwärtigen Entwickelungszyklus stellt das Ich das Element des Wollens, der Empfindungsimpulse dar; im astralen Leibe sind die Eigenschaften der Phantasie, die Eigenschaften des Denkens. Letztere wird daher die Mutter, wie man sagt, vererben und erstere der Vater. Und wir sehen so, daß die Individualität, die sich verkörpern will, durch ihre unbewußten Kräfte das Elternpaar aussucht, das ihr den physischen Leib geben soll.

Das hier Beschriebene spielt sich so ab, daß es im wesentlichen etwa bis zur dritten Woche nach der Empfängnis fertig ist. Zwar ist dieser Mensch, der aus Ich, Astralleib und Ätherleib besteht, durchaus vom Moment der Empfängnis an in der Nähe der Mutter, die den befruchteten Menschenkeim in sich hat, aber er wirkt von außen ein. In dieser Zeit, etwa in der dritten Woche, fängt dieser Astral- und Ätherleib gleichsam den Menschenkeim ab und beginnt nun mitzuarbeiten an dem Menschen. Bis dahin geht die Entwickelung des physischen Menschenleibes vor sich ohne den Einfluß von Astral- und Ätherleib; von da ab wirken sie an derEntwickelung des Kindes mit und gliedern selbst die weitere Ausgestaltung des Menschenkeimes. Wir sehen also, daß in bezug auf den physischen Leib in noch höherem Maße das gilt, was vom Ätherleibe gesagt wurde, daß hier noch weniger leicht ein Zusammenstimmen stattfinden kann. Diese wichtige Tatsache verbreitet Licht über vieles, was in der Welt vorgeht.

Wir haben bis jetzt den gewöhnlichen Menschen der Gegenwart in seiner normalen Entwickelung geschildert. Nicht ganz gilt das für einen Menschen, der in einer vorigen Inkarnation eine okkulte Entwickelung angefangen hat. Je höher er gekommen ist, desto früher liegt der Zeitpunkt, wo er selbst beginnt, seinen physischen Leib zu bearbeiten, um ihn dadurch geeigneter zu machen für die Mission, die er hier auf der Erde zu erfüllen hat. Je später er dazu kommt, den physischen Keim abzufangen, desto weniger wird er Herr werden über den physischen Leib. Bei höchstentwickelten menschlichen Individualitäten, die die Leiter und Führer des geistigen Teiles unserer Welt sind, findet solches Abfangen bereits bei der Empfängnis statt. Für sie geht nichts vor ohne ihr Zutun. Sie leiten ihren physischen Leib bis zum Tode und beginnen den neuen zu bearbeiten, sobald der erste Anstoß dazu gegeben ist.

Die Stoffe, die den physischen Leib zusammensetzen, ändern sich immerfort. Nach ungefähr sieben Jahren hat sich jedes Teilchen erneuert. Der Stoff wird ausgetauscht, die Form bleibt. Zwischen Geburt und Tod müssen wir den Stoff immer neu gebären, er ist das Wechselnde. Dasjenige, was man zwischen Geburt und Tod höherentwickelt über den Tod hinaus, das bleibt erhalten und bildet einen neuen Organismus.

Was der Mensch zwischen Geburt und Tod unbewußt macht, tut der Eingeweihte bewußt vom Tode bis zur neuen Geburt: er bildet bewußt seinen neuen physischen Körper aus. Die Geburt ist daher für ihn nur ein radikales Ereignis. Er tauscht nur einmal, aber gründlich die Stoffe aus. Daher die große Ähnlichkeit der Gestalt solcher Individualitäten von einer Inkarnation zur andern, während bei wenig Entwickelten durchaus keine Ähnlichkeit zwischen den Gestalten ihrer verschiedenen Inkarnationen besteht. Je höher der Mensch sich entwickelt, desto ähnlicher sind die zwei aufeinanderfolgenden Inkarnationen. Das kann man durchaus beobachten mit hellseherischem Blick. Es gibt einen ganz bestimmten Ausdruck für dieses Verhältnis, in das der Mensch auf höherer Stufe der Entwickelung kommt. Man sagt, er wird überhaupt nicht in einen anderen Körper geboren, so wenig wie man vom gewöhnlichen Menschen sagt, daß er alle sieben Jahre einen neuen Körper erhält. Man sagt vom Meister: er ist geboren in denselben Körper. — Er braucht ihn Jahrhunderte, ja selbst Jahrtausende. Das ist bei weitaus den meisten führenden Individualitäten der Fall. Eine Ausnahme machen gewisse Meister, die ihre ganz besondere Mission haben. Bei denen bleibt der physische Leib erhalten, so daß der Tod für sie überhaupt nicht eintritt. Das sind die Meister, die für den Übergang von einer Rasse zu einer andern zu sorgen haben.

Zwei andere Fragen treten jetzt an uns heran, die Frage: Wie lange dauert der Aufenthalt in den anderen Welten, und die Frage nach dem Geschlecht in aufeinanderfolgenden Verkörperungen.

Die okkulte Forschung ergibt, daß der Mensch durchschnittlich in einem Zeitraum von 1000 bis 1300 Jahren wiederkommt. Das hat seinen Sinn darin, daß der Mensch, wenn er wiederkommt, das Antlitz der Erde verändert findet und dadurch neue Dinge erleben kann. Das, was sich ändert auf unserer Erde, steht mit gewissen Sternkonstellationen im innigen Zusammenhang; das ist eine sehr wichtige Tatsache. Im Frühlingsanfang geht die Sonne in einem gewissen Zeichen des Tierkreises auf. 800 Jahre vor Christo ging die Sonne zuerst im Sternbild des Widders, des Lammes auf, noch früher in dem danebengelegenen Sternbild des Stieres. Etwa 2160 Jahre braucht sie, um ein Sternbild zu durchlaufen. Das Durchlaufen sämtlicher zwölf Tierkreiszeichen nennt man im Okkultismus ein Weltenjahr.

Tief haben die alten Völker immer empfunden, was in Zusammenhang stand mit diesem Durchlaufen des Tierkreises. Es durchzog ihre Seelen, andachtsvoll empfanden sie: Die Sonne kommt im Frühling herauf, es erneut sich die Natur, die im Winter geruht hat. Des Frühlings göttlicher Sonnenstrahl erweckt sie aus tiefem Schlaf. — Diese junge Frühlingskraft vereinigte sich mit dem Sternbilde, aus dem heraus die Sonne schien. Sie sagten: Es ist der Herabsender der neu zu ihren Kräften gekommenen Sonne, der neu schöpferischen Gotteskraft. —

Und so erschien den Menschen einer Zeit, die nun zwei Jahrtausende zurückliegt, das Lamm als Wohltäter der Menschheit. Alle Lamm-Sagen entstehen um diese Zeit. Göttliche Begriffe verbinden sich mit diesem Symbolum. Der Erlöser selbst, der Christus Jesus, ist dargestellt in den ersten Jahrhunderten im Symbolum des Kreuzes und unter diesem das Lamm. Erst im sechsten Jahrhundert wird der Erlöser am Kreuz hängend dargestellt. Die bekannte Jason-Sage, das Holen des goldenen Widderfelles, des Goldenen Vließes, hat auch ihren Ursprung darin.

Vor 800 vor Christo ging die Sonne durch das Sternbild des Stieres, und da haben wir in Ägypten die Verehrung des Apis-Stieres und in Persien des Mithras-Stieres. Noch früher ist der Durchgang der Sonne durch das Sternbild der Zwillinge. In indischen und germanischen Mythen finden wir wirklich den Hinweis auf das Zwillingspaar. Die Zwillingsböcke, mit denen Donar, der Gott, fährt, sind ein letzter Rest davon. Dann endlich kommen wir zurück zur Zeit des Krebses, die uns nahebringt der alten Atlantischen Flut. Eine alte Kultur ging unter, eine neue ging auf. Das bezeichnet man mit einem bestimmten okkulten Zeichen, dem Wirbel, der zugleich das Krebs-Symbol darstellt und in jedem Kalender zu finden ist.

So haben die Völker stets ein deutliches Bewußtsein gehabt von dem, was am Himmel vorgeht, parallel den Veränderungen auf der Erde unten. Wenn die Sonne ein Sternbild durchlaufen hat, hat auch die Erde ihr Antlitz so verändert, daß es wertvoll ist für den Menschen, von neuem zu leben. Daher hängt die Zeit der Wiederverkörperung ab von dem Vorrücken des Frühlingspunktes. Ungefähr die Zeit, die die Sonne braucht, um durch ein solches Tierkreiszeichen durchzugehen, ist die Zeit, in der der Mensch zweimal inkarniert ist, einmal männlich und einmal weiblich. Denn die Erfahrungen und Erlebnisse, die der Mensch durchmachen kann in einem männlichen oder weiblichen Organismus, sind für das geistige Leben so grundverschieden, daß er in demselben Antlitz der Erde sich einmal weiblich und einmal männlich inkarniert. Und das gibt ungefähr die Zeit zwischen zwei Inkarnationen von etwa 1000 bis 1300 Jahren durchschnittlich.

Damit ist zugleich die Frage nach dem Geschlecht beantwortet: es ist in der Regel abwechselnd. Diese Regel wird oft durchbrochen, so daß manchmal drei bis fünf, aber nie mehr als sieben gleichgeschlechtliche Inkarnationen aufeinanderfolgen. Es widerspricht allen okkulten Erfahrungen, wenn gesagt wird, daß sieben aufeinanderfolgende gleichgeschlechtliche Inkarnationen die Regel sei."[2]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Die Theosophie des Rosenkreuzers, GA 99 (1985), Vierter Vortrag, München, 28. Mai 1907
[2]ebd., Fünfter Vortrag, München, 29. Mai 1907

(Literaturangaben folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@rudolf-steiner.com URL: http://www.rudolf-steiner.com)

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http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=255letzte Änderung: 2002-12-21

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