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Lexikon Anthroposophie

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Wort
das verlorengegangene Wort

Durch den Sündenfall wurde der menschliche Ätherleib in Mitleidenschaft gezogen, so dass insbesondere die höheren Ätherkräfte (Lichtäther, Klangäther und Lebensäther) nicht mehr ihre volle Wirksamkeit entfalten können. Insoferne die menschliche Sprache ihre Formkräfte aus diesem Bereich schöpft, wurde auch sie korrumpiert. Die Ursprache, das durchgeistigte Wort, ging verloren:

"Da handelt es sich darum, in aller Tiefe einzusehen und allmählich ins Leben überzuführen, daß dasjenige, was menschlicher Ätherleib ist, nicht so ist - und darum handelt es sich ja eigentlich, denn davon geht alles übrige aus -, zunächst nicht so ist, wie es ursprünglich für den Menschen bestimmt war. Denn dieser menschliche Ätherleib, der enthält unter dem verschiedenen Ätherischen, das er ursprünglich enthielt - und er enthielt ursprünglich alle Äthersorten in völliger Lebendigkeit -, heute die Wärme. Daher hat der Mensch mit den Tieren, die er in seinen «Fall» mit hineingebracht hat, warmes Blut. Da hat der Mensch die Möglichkeit, den Wärmeäther in besonderer Weise zu verarbeiten. Aber schon mit dem Lichtäther ist es nicht so. Den Lichtäther nimmt der Mensch zwar auf, aber er strahlt ihn so aus, daß nur ein gewisses niederes Hellsehen dazu kommt, in der Aura die ätherischen Farben im Menschen zu sehen. Die sind vorhanden. Aber außerdem ist der Mensch auch für einen eigenen Ton veranlagt gewesen, in der ganzen Harmonie der Sphären mit seinem eigenen Ton und mit einem ursprünglichen Leben, so daß der Ätherleib immer die Möglichkeit gehabt hätte, den physischen Leib unsterblich zu erhalten, wenn dieser Ätherleib seine ursprüngliche Lebendigkeit beibehalten hätte. Es würden andere Dinge nicht gekommen sein. Denn wäre dieser Ätherleib in seiner ursprünglichen Gestalt geblieben, so wäre der Mensch ja in der oberen Region geblieben, von der er in die untere heruntergestiegen ist. Er wäre dann nicht der luziferischen Versuchung verfallen. In dieser oberen Region wären ganz andere Verhältnisse gewesen. Die waren aber einmal. Und solche Geister wie Saint-Martin hatten noch ein gewisses Bewußtsein, daß solche Verhältnisse einmal waren. Daher sprechen sie von diesen Verhältnissen wie von einer einstmaligen Realität.

Lassen wir nur eines von diesen Verhältnissen einmal vor unsere Seele treten. So, wie der Mensch heute spricht, hätte er nicht sprechen können, denn er hätte sein Wort niemals so geprägt, daß die Sprache in verschiedene Sprachen differenziert worden wäre. Denn daß die Sprache in verschiedene Sprachen differenziert worden ist, das rührt nur davon her, daß die Sprache etwas Bleibendes wurde. Aber die Sprache war dazumal nicht veranlagt, etwas Bleibendes zu sein, sondern sie war zu etwas ganz anderem veranlagt. Sie müssen sich nur lebendig vorstellen, wozu der Mensch veranlagt war. Wird einmal wirklich ein Funke von Goethescher Weltanschauung - ich meine jetzt nicht bloß der Theorie, sondern der Seele nach - in der Menschheit sein, so wird man einsehen, was mit einem solchen Satz gemeint ist, auch aus der Goetheschen Weltanschauung heraus. Stellen Sie sich nur einmal vor, der Mensch hätte die ursprünglichen Anlagen, die ihm zugedacht waren. Da würde er hingeschaut haben auf dasjenige, was von außen auf ihn Eindrücke machen kann. Aber es würden nicht bloß Farben, Töne herankommen an ihn, nicht bloß dasjenige, was von außen die Eindrücke sind, sondern es würde überall Geist herausfließen aus den Dingen: mit der roten Farbe zugleich der Geist des Rot, mit der grünen Farbe der Geist des Grün und so weiter. Überall würde der Geist an ihn herankommen, wovon Goethe nur eine Ahnung hatte, indem er sagte: Ja, wenn diese Pflanze nur eine Idee sein soll, so sehe ich meine Ideen, dann sind sie draußen wie Farben. - Das ist eine ahnungsvolle Idee. Dies bitte ich Sie, sich in konkreter, vollsubstantieller Wirklichkeit vorzustellen: daß wirklich der Geist lebendig herankommt. Wenn aber die äußeren Eindrücke so lebendig herangekommen wären, dann würde — es begegnet sich immer mit dem, was durch unser Haupt, durch unsere Sinne hereinkommt, dasjenige, was in unserer Atmung lebt -, es würde sich mit jedem äußeren Eindruck der Atmungsprozeß begegnen. Ein Rot: der Eindruck kommt von außen herein; von innen kommt ihm die Atmung entgegen, die aber dann Ton wäre. Mit jedem einzelnen Eindruck würde der Ton aus dem Menschen entspringen. Eine Sprache, die bleibt, gäbe es nicht, sondern es würde immer jedes Ding, jeder Eindruck unmittelbar mit einer tönenden Geste von innen beantwortet. Man stünde mit dem Worte ganz in der äußeren Wesenheit darinnen. Von dieser lebendig-flüssigen Sprache ist dasjenige, was sich als Sprache dann ausgebildet hat, nur die irdische Projektion, das Heruntergefallene, das Abgefallene. Und an diese ursprüngliche Sprache, die man spricht mit der ganzen Welt, erinnert der Ausdruck, der heute so wenig verstanden wird, der Ausdruck von dem «verlorengegangenen Wort». Aber an diesen ursprünglichen Geist, wo der Mensch nicht nur Augen hatte zu sehen, sondern Augen hatte, den Geist wahrzunehmen, und wo er im Innern seines Atmungsprozesses auf die Wahrnehmung des Auges antwortete mit der tönenden Geste - an dieses lebendige Mit-dem-Geiste-Zusammensein erinnert das Wort: «Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort.» Von diesem Leben in dem Göttlichen spricht der Beginn des Johannes-Evangeliums."[1]

"Sehen Sie, da gibt es eine sehr schöne Stelle bei dem Kirchenschriftsteller Tertullian, um die Wende des zweiten, dritten Jahrhunderts, zwei, drei Jahrhunderte nach dem Mysterium von Golgatha. Er sagt, er hätte selber noch gesehen die Lehrstühle der Apostel, wo deren Nachfolger an den verschiedenen Orten vorgelesen haben aus den Briefen der Apostel, die noch in der eigenen Handschrift der Apostel waren. Und indem sie vorgelesen wurden, sagt Tertullian, wurde lebendig die Stimme der Apostel. Und indem man die Briefe anschaute, wurden vor dem Geist lebendig die Gestalten der Apostel. - Wer diesen Dingen okkult nachforscht, für den ist das keine Phrase. Es saßen die Gläubigen vor diesen Lehrstühlen so, daß sie aus dem Timbre der Stimme der Nachfolger der Apostel den Klang der Stimme der Apostel heraushörten, und daß sie aus der Handschrift sich Vorstellungen machen konnten über die Gestalten der Apostel. So daß man noch, als das dritte Jahrhundert begann, auch ganz äußerlich lebendig machen konnte die Gestalten der Apostel und in übertragener Bedeutung ihre Stimmen hören konnte. Und noch Clemens I., der römische Papst, der von 92 bis 101 den päpstlichen Stuhl innehatte, der kannte selber noch Apostelschüler, kannte solche, die den Christus Jesus noch gesehen haben. Wir haben schon eine fortlaufende Tradition in dieser Zeit! Und durch diese Stelle klingt etwas durch, was man wiederum okkult nachprüfen kann. Diejenigen, die als Apostelschüler die Apostel anhörten, hörten aus dem Klang der Worte die Art heraus, wie der Ton war, in dem der Christus Jesus sprach. Und das ist etwas ungeheuer Bedeutsames. Denn man muß vor allen Dingen reflektieren auf diesen Klang, auf dieses ganze eigentümliche Wesen, das in dem Sprechen des Christus Jesus war, wenn man einsehen will, warum die Zuhörer davon sagten, daß eine besondere Zauberkraft seinen Worten innewohnte. Es war etwas wie elementare Gewalt, was die Zuhörer ergriff, etwas von einer so elementaren Gewalt der Worte, wie das sonst nicht der Fall war bei irgendeinem anderen. Aber warum das? Warum denn eigentlich das?

Ich habe Ihnen von Saint-Martin gesprochen. Saint-Martin ist einer noch von denjenigen, welche den Ausdruck in den Worten des Christus-Geistes verstanden haben. Man sieht, er versteht ihn. Freimaurergesellschaften des neunzehnten Jahrhunderts verstanden ihn nicht. Man sieht, Saint-Martin versteht ihn, den Ausdruck in jenen Worten, jener Sprache, die allen Menschen einmal gemeinschaftlich war, allen Wesen der Erde, die sich erst differenziert hat in verschiedene einzelne Sprachen; die nahestand dem, was das innere Wort ist. Äußerlich mußte sich der Christus Jesus natürlich so ausdrücken, wie es in der Sprache derer war, die ihm zuhörten; aber was er als innerliches Wort vor seiner Seele hatte, das war so, daß es nicht stimmte mit dem, wie die Sprachworte äußerlich geprägt sind, sondern daß es in sich hatte die verlorene Worteskraft, die undifferenzierte Sprachkraft. Und ohne daß man sich eine Vorstellung bildet von dieser von den einzelnen differenzierten Sprachen unabhängigen Kraft, die im Menschen ist, wenn das Wort ihn ganz durchgeistigt, kann man nicht aufsteigen zu der Kraft, die in dem Christus lebte, und auch nicht zu der Bedeutung desjenigen, was eigentlich gemeint ist, wenn geradezu von dem Christus als von dem «Wort» gesprochen wird, mit dem er sich ganz identifiziert hat, durch das er wirkte, durch das er auch seine Heilungen und die Dämonenaustreibungen vollbrachte. Dieses Wort mußte selbstverständlich verlorengehen; denn das liegt in der Entwickelung der Menschheit seit dem Mysterium von Golgatha. Es muß nur wieder gesucht werden, dieses Wort. Aber zunächst sind wir in einer Entwickelung darinnen, die noch nicht sehr viel Aussicht erweckt, daß man den Weg zurückfinden wird.

Ich erinnere Sie nur an eines. Eine bedeutsame Tatsache geht durch das ganze Evangelium, die man gerade sehr stark hervorheben muß. Das ist die, daß der Christus Jesus nie etwas aufgeschrieben hat. Es gibt nichts, was er aufgeschrieben hat! Man hat sich ja sogar darüber gestritten unter den Gelehrten, ob er überhaupt hat schreiben können, und diejenigen, die bejahen wollen, daß er hat schreiben können, wissen nur anzuführen die Stelle von der Ehebrecherin, wo er Zeichen m den Erdboden hinein gemacht hat. Aber sonst gibt es keine Zeugnisse, daß er hat schreiben können. Aber davon ganz abgesehen, jedenfalls hat er nicht wie andere Religionsstifter seine Lehren aufgeschrieben. Das ist kein Zufall, sondern das hängt innig zusammen mit der Gewalt des Wortes, der vollen Macht des Wortes.

Man muß das allerdings, sonst wird man zu anzüglich gerade mit Bezug auf unsere Zeit, nur mit Bezug auf den Christus Jesus charakterisieren. Sehen Sie, hätte der Christus Jesus geschrieben, aufgeschrieben seine Worte, sie umgesetzt in diejenigen Zeichen, die dazumal die Sprache hatte, so würde Ahrimanisches eingeflossen sein; denn das ist Ahrimanisches, was in irgendeiner Form überhaupt fixiert wird. Die aufgeschriebenen Worte wirken anders, als wenn die Schülerschar herumsteht und einzig und allein angewiesen ist auf die eigene Kraft des Geistes. Man darf sich nicht vorstellen, daß der Schreiber des Johannes-Evangeliums daneben gesessen hat, wenn der Christus Jesus gesprochen hat, und seine Worte nachstenographiert hat wie die Herrschaften hier. Gerade daß es nicht geschah, darauf beruht eine ungeheure Kraft, eine ungeheure Bedeutung. Diese Bedeutung, die sieht man erst dann ganz ein, wenn man, ich möchte sagen, aus der Akasha-Chronik heraus verstehen lernt, was eigentlich in den Worten liegt, die der Christus Jesus immer gerade gegen Schriftgelehrte, gegen diejenigen einzuwenden hat, die ihre Weisheit aus den Schriften haben. Er hat das gegen sie einzuwenden, daß sie sie eben aus den Schriften haben, daß sie in ihren Seelen nicht unmittelbar zusammenhängen mit jenem Quell, aus dem das lebendige Wort unmittelbar ausfließt. Darinnen sieht er die Verfälschung des lebendigen Wortes, und muß sie sehen.

Aber man versteht nicht die ganze Bedeutung der Tatsache, wenn man sich das Gedächtnis der Menschen, die in jener Zeit, um das Mysterium von Golgatha herum, gelebt haben, so vorstellt, wie jenes Seelensieb, das man heute Gedächtnis nennt. Diejenigen, die da hörten die Worte des Christus Jesus, die bewahrten sie treulich im Herzen und wußten sie wortwörtlich. Denn die Gedächtniskraft war in jener Zeit eine ganz, ganz andere als heute; dafür war aber auch die Kraft der Seele eine ganz andere. Aber es war überhaupt eine Zeit, in der in kurzem große Wandlungen vor sich gegangen sind. Das beachtet man heute nicht. Nicht wahr, man beachtet heute überhaupt nicht: Die morgenländische Geschichte wurde ja schon so geschrieben, daß die Menschen dasjenige in sie hineingesehen haben, was sie entweder heute auch haben, oder was sie höchstens aus der griechischen Geschichte übernommen haben. Die griechische Geschichte verlief schon so, daß sie mit der jüdischen Geschichte eine große Ähnlichkeit hatte; aber die morgenländische Geschichte verlief ganz anders, das heißt in der morgenländischen Zeit waren die Fähigkeiten der Seele ganz andere. Und so macht man sich gar keine Vorstellung davon, wie in kurzer Zeit gewaltige Änderungen vor sich gegangen sind, wie jene Riesenkraft des Gedächtnisses, die dazumal die Menschen hatten in diesem Dämmerzustand des alten atavistischen Hellsehens, verhältnismäßig schnell verlorengegangen ist, so daß dann die Notwendigkeit an die Menschen herantrat, die Jesus-Worte aufzuschreiben. Damit wurden diese Jesus-Worte demselben Schicksal überliefert, das der Christus Jesus bei den Schriftgelehrten fand, gegen die er sich auflehnte. Und ich überlasse es Ihnen, nachzudenken, was geschehen würde, wenn irgendein, dem Christus Jesus irgendwie nur von ferne ähnelnder Schüler heute auftreten würde, und würde mit demselben Impuls sprechen, mit dem der Christus Jesus in der damaligen Zeit gesprochen hat. Ob diejenigen, die sich heute Christen nennen, sich anders als die damaligen Hohenpriester benehmen würden, darüber nachzudenken überlasse ich Ihnen."[2]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha, GA 175 (1982), S 242 ff., Elfter Vortrag, Berlin, 12. April 1917
[2]ebd., S 218, Zehnter Vortrag, Berlin, 10. April 1917

(Literaturangaben folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@rudolf-steiner.com URL: http://www.rudolf-steiner.com)

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http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=265letzte Änderung: 2003-05-12

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