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Lexikon Anthroposophie

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Schule von Chartres

Die Schule von Chartres im 12. Jahrhundert

Chartres ist durch die Kreuzung bedeutender ätherischer Kraftströme ausgezeichnet, wie das in gewissem Grad ja für jede Kultstätte gilt. Tatsächlich war schon für die Druiden das inmitten des damaligen Galliens gelegene spätere Chartres eine zentrale Kultstätte, wo die „virgo paritura“ – die Jungfrau, die gebären soll – verehrt wurde. In einer Grotte am Gipfel des Hügels von Chartres soll sich eine Statue der Jungfrau mit dem Kind auf dem Schoß befunden haben. Von den irisch-keltischen Kultstätten sagte ja Rudolf Steiner, dass dort in geistiger Schau das Mysterium von Golgatha miterlebt wurde. Hier in Chartres wurde insbesondere die Christgeburt miterlebt und so war der Boden für die Aufnahme des Christentums bereits vorbereitet. In gewissem Sinn waren die Menschen hier schon Christen, ehe noch das Christentum äußerlich zu ihnen kam – und als es äußerlich kam, konnte es sich bruchlos mit der hier gepflegten Tradition verbinden.

So gingen die druidischen Mysterienschulen unmittelbar in die römisch-christlichen Schulen über, mit vorbereitet durch Julius Caesars Gallienfeldzug, der das römische Element hierher brachte.

Fulbertus

Um 1000 wirkte in Chartres der große Fulbertus, der ganz im platonischen Sinn wirkte und der seinen Schülern geradezu als der „verehrenswürdige Sokrates“ galt. Mit Fulbertus „Akademie“ begann das goldene Zeitalter der Schulen von Chartres. Fulbertus war nicht nur Lehrer, sondern auch Baumeister. Als er um 1000 in Chartres einlangte, stand nur eine verwitterte, der Jungfrau Maria geweihte Holzkirche auf dem Hügel. Fulbertus verstand es, die Menschen zur Bauarbeit hierher zu ziehen und die entsprechenden finanziellen Mittel aufzutreiben – etwa von König Knut von Dänemark. Bald wurde eine erste hölzerne Kathedrale errichtet, die aber schon nach drei oder vier Jahren vom Blitz getroffen wurde und in Flammen aufging. Und so begann Fulbertus von neuem Mittel zu sammeln – diesmal für eine Kathedrale aus Kalksteinblöcken. Im Laufe von 350 Jahren sollte dreizehnmal das Feuer in Chartres wüten, doch immer wieder erstand die Kathedrale wie der Phönix aus der Asche. Fulbertus starb 1028, noch ehe die erste Kathedrale aus Stein vollendet war.

Fulbertus zeichnete sich vor allem auch durch seine tief innige Verehrung der Heiligen Jungfrau aus. Er erklärte ihren Namen als »maris stella«, Stern des Meeres: so wie der Polarstern die Seeleute sicher durch die stürmische See leitet, so führt der Geistesstern der Maria den Menschen auf seiner Entwicklungsbahn. In seinem berühmten Marien-Sermon erzählt er auch die Legende von Theophilus, der sich dem Teufel verschrieben hat und nur dadurch gerettet werden kann, dass er sich in inbrünstiger Reue an die Jungfrau Maria wendet – das „Ewig-Weibliche“ zieht uns hinan. Das Faustmotiv wird hier ähnlich wie bei Goethe erlebt. Es geht also um die Verwandlung des Astralleibes zum wieder jungfräulich reinen Geistselbst. Nur in der jungfräulich reinen Seele kann das Geisteslicht geboren werden.

Die Umbildung der Seele kann beginnen, wenn die dafür nötigen Bildekräfte frei geworden sind. Daher fängt das Schulalter mit etwa 7 Jahren an, weil nun die grundlegende Bildung des physischen Körpers abgeschlossen ist und ätherische Bildekräfte frei werden, um nun formend in der Seele wirken. Alle Bildung, die die menschliche Seele zur Weisheit führt, beruht letztlich darauf, dass die Ätherkräfte formend die Seele ergreifen. Wie noch näher zu besprechen sein wird, ist dafür gerade eine geordnete Siebenzahl von Ätherkräften nötig, die in der Schule von Chartres durch die Pflege der „Sieben freien Künste“ entfaltet wurden. Davon wird im nächsten Vortrag zu hören sein.

Pflege der Tradition

»Zurück zu den Alten« war geradezu das Losungswort der Schule von Chartres. Hier herrschte noch eine lebendige Tradition, die letztlich in den Mysterienschulen der Antike wurzelte. Es war keine Renaissance der Antike, keine Wiedergeburt, sondern ein letzter Nachklang. Nachahmend und nacherlebend galt es, diese lebendige Erinnerung zu pflegen und daraus auch einzelne neue Inspirationen zu schöpfen. So berichtet uns Johannes von Salisbury:

 

„Es sagte Bernardus von Chartres, wir seien Zwerge, die sich auf die Schultern von Riesen gesetzt haben, auf dass wir mehr als jene und Entfernteres zu sehen vermöchten, nicht etwa durch die Schärfe unseres eigenen Gesichts oder die ragende Größe unseres Körpers, sondern weil wir in die Höhe emporgehoben und hinaufgeführt werden durch die Größe der Riesen ...“

Eine Metapher, die viel später auch Isaac Newton gebraucht hat.

Adelard von Bath schildert in seinem Traktat »de eodem et diverso« (»Von Demselben und dem Anderen« - ein Hinweis auf das geistige Urbild und das sinnliche Abbild) wie er zur Meditation die Stille außerhalb Tours aufsuchte, wo nur der Duft der Blumen und das Rauschen der Loire zu ihm drang. Da erschienen ihm zwei Geistgestalten: die Philokosmie mit ihrem Gefolge, nämlich dem Reichtum, der Macht, der Würde, dem Ruhm und der Lust, und die Philosophie umgeben von den sieben freien Künsten. Die Philokosmie will ihn zur sinnlichen Lust verführen, die Philosophie aber zeigt ihm, dass die Seele der Lichtwelt entstammt und dass die 7 freien Künste die in den Leib verstrickte Seele wieder in jene geistige Höhen zu erheben vermag, in der sie vor der Geburt lebte.

Das Eigendenken war in der Schule von Chartres noch unwichtig, ja sogar verpönt, alles war auf die überlieferte Tradition, auf das Studium der „Alten“ gebaut. Berengar von Tour (+1088), ein Schüler des Fulbertus, bei dem der Intellekt schon stark entwickelt war, hielt sich nicht daran und entfachte schon im 11. Jh. einen Abendmahlsstreit, indem er die Transsubstantiation leugnete. Die Kirchengeschichte nennt ihn als Ketzer, der aber stets milde behandelt wurde, weil Papst Gregor VII., der ehemalige Mönch Hildebrand, seine schützende Hand über ihn hielt. Tatsächlich hatte sich schon seit dem 9. Jh. eine sehr materialistische Auffassung der Wandlung durchgesetzt. Schon auf dem Konzil von Konstantinopel (869), das u.a. auch die Lehre von der Trichotomie verworfen hatte („den Geist abgeschafft hatte“, wie sich Rudolf Steiner öfter ausdrückt), war Paschasius Radbertus mit seiner vergröberten Lehre aufgetreten, in die recht ekelhafte „Wundergeschichten“ eingestreut waren, die etwa von der Verwandlung der Hostie in blutiges Fleisch zu berichten wussten. Gegen diese materialistische Auffassung trat Berengar zurecht auf, zugleich war ihm aber auch der Begriff von der geistigen Realität der Wandlung verlorengegangen. Sie verflüchtigte sich für ihn zu einem bloß symbolischen Akt. Er wurde damit geradezu zu einem Vorläufer des Nominalismus, der die geistige Wirklichkeit der (platonischen) Ideen leugnete.

 

Alanus ab Insulis – Höhepunkt und Ausklang der Schule von Chartres

Über das Leben des Alanus ist ein geheimnisvolles Dunkel gebreitet. Wie man heute annimmt, wurde er um 1128 in Lille (Insulae = Insel) in Flandern geboren und starb um 1203. Keine äußeren Dokumente belegen seine unmittelbare Beziehung zur Schule von Chartres und doch ist sein Schaffen so sehr in deren Geist gehalten, dass man mit Fug und Recht behaupten darf, dass mit ihm die Schule von ihren Höhepunkt erreichte – und sie fand mit ihm, wie Alanus selbst sehr deutlich empfand, auch ihren Abschluss.

Zwei vielsagende Legenden sind uns von Alanus überliefert. Die erste führt uns in die Zeit, als er noch in Paris lehrte. Hier wollte er eines Tages öffentlich das Mysterium der Trinität darlegen. Als er am Vorabend in tiefer Meditation versunken am Ufer der Seine entlangwandelte, sah er ein Kind, das mit einem kleinen Löffel Wasser aus der Seine in ein kleines Loch schöpfte. Danach gefragt, was es da mache, antwortete das Kind: „Ich will in dieses Loch das ganze Wasser des Flusses schöpfen!“ Als Alanus dem Kind vorhielt, dass das völlig unmöglich sei, erwiderte ihm das Kind, dass diese Aufgabe leichter zu bemeistern sei als jene, die sich Alanus für den nächsten Tag vorgenommen habe, nämlich das Geheimnis der Trinität zu erklären! Am nächsten Tag bestieg Alanus den Lehtstuhl, sagte aber nichts weiter als: „Lasset es Euch genügen, den Alanus gesehen zu haben.“ Dann stieg er herab, zerriss seine Gewänder und ging in das Kloster von Citeaux.

Die zweite Legende führt uns nach Rom, wo der Papst die bedeutensten Kleriker für ein gegen die Ketzer gerichtetes Konzil (vermutlich das 3. Laterankonzil 1179, das mit der Verdammung der Waldenser und Albigenser endete) zusammengerufen hatte. Auch der Abt von Citeaux wurde gerufen. Alanus bat, mitreisen zu dürfen, was der Abt nur widerstrebend gewährte. In Rom angekommen, wollte Alanus auch den Disputationen beiwohnen. Wieder weigerte sich der Abt zunächst, nahm ihn aber dann doch mit – gut versteckt unter dem Mantel des Abtes. Die Sache stand gar nicht gut für die Kleriker, da bat Alanus den Abt, das Wort ergreifen zu dürfen, was der Abt aber dreimal verweigerte. Da fordert ihn endlich der Papst auf zu sprechen. Mit äußerstem Geschick widerlegt Alanus die Ketzer, so dass der Papst (oder nach einer anderen Darstellung die Ketzer selber) ausruft: „Entweder bist du der Teufel oder du bist Alanus!“ und Alanus antwortete: „Ich bin Alanus und nicht der Teufel!“ Der Papst wollte Alanaus darufhin in eine hohe Stellung berufen, was dieser aber ablehnte und nur um zwei Kleriker bat, die im Kloster nach seinem Diktat schreiben sollten. Alanus bekam die beiden Schreiber und verfasste noch viele Bücher in der Abtei – darunter auch die gegen die Ketzer gerichtete Schrift „Contra Haereticos“.

Letztere Schrift ist sehr stark von der logisch-argumentativen aristotelischen Denkweise geprägt, wie sie für die späteren Schriften des Alanus typisch ist. Ganz anders seine frühen Schriften, die eine deutliche Abneigung gegen die aristotelische Gedankenart zeigen und ganz aus dem allegorisierenden platonischen Stil geschaffen sind, wie er für die Schule von Chartres typisch war. Alanus hat also im Laufe seines Lebens eine bedeutsame Wandlung durchgemacht. Ihm war klar, dass sich die ganze Weltanschauung der Menschen ändern und sich zunächst ganz auf den abstrakten Intellekt stützen müsse, ehe man wieder zu einer unmittelbaren spirituellen Erkenntnis zurückkehren könne. Rudolf Steiner spricht darüber in seinen Arnheimer Vorträgen über das Karma der Anthroposophischen Gesellschaft:

"Da sagte Alanus ab Insulis zu einem engen Kreise seiner eingeweihten Schüler: Wir schauen heute die Welt so an, daß wir noch die Mittelpunktstellung der Erde erkennen, daß wir von der Erde aus alles beurteilen. Wenn man mit dieser irdischen Anschauung, die uns zu unseren Bildern, zu unseren Imaginationen befähigt, die folgenden Jahrhunderte allein befruchten würde, dann würde die Menschheit nicht fortschreiten können. Wir müssen ein Bündnis eingehen mit den Aristotelikern, die in die Menschheit den Intellekt hereinbringen, der dann spiritualisiert werden soll und im 20. Jahrhundert in einer neuen spirituellen Weise unter den Menschen aufleuchten soll. Wenn wir jetzt die Erde als den Mittelpunkt des Kosmos anschauen, wenn wir die Planeten als um die Erde kreisend, wenn wir den ganzen Sternenhimmel, wie er sich zunächst auch für das physische Auge darbietet, so beschreiben, als wenn er sich drehen würde um die Erde, so wird aber doch einer kommen und wird sagen: Stellen wir einmal die Sonne räumlich in den Mittelpunkt des Weltensystems! Dann aber, wenn dieser kommt, der die Sonne räumlich in den Mittelpunkt des Weltalls stellt, dann wird die Weltanschauung veröden. Die Menschen werden dann nur noch die Bahnen der Planeten ausrechnen, werden nur noch die Orte der Himmelskörper angeben. Die Menschen werden von den Himmelskörpern nur sprechen wie von Gasen oder physischen Körpern, die da brennen und brennend leuchten; sie werden nur ganz mathematischmechanisch etwas von dem Sternenhimmel wissen. Aber das, was da als öde Weltanschauung sich ausbreiten wird, das hat doch eines - ein Armseliges , aber eines hat es: Wir schauen von der Erde aus die Welt an; der, der da kommen wird, wird von der Sonne aus die Welt anschauen. Er wird sein wie einer, der nur die "Richtung" angibt, die Richtung auf einen großartig bedeutsamen, mit den wunderbarsten Ereignissen und wunderbarsten Wesenheiten ausgestalteten Weg. Aber er gibt nur die abstrakte Richtung an; damit war auf die kopernikanische Weltanschauung hingedeutet, in ihrer Öde, in ihrer Abstraktheit, aber als Richtung, denn alles das muß zuerst fort, was wir mit unseren Imaginationen vertreten, so sagte Alanus ab Insulis; das muß fort, und gewissermaßen ganz abstrakt muß das Weltbild werden, fast nur wie ein Meilenzeiger auf einem Wege mit wunderbaren Denkmälern. Denn da wird in der geistigen Welt einer sein, der diesen Meilenzeiger, der für die Erneuerung der Welt nichts anderes haben wird als Richtung, nehmen wird, damit er dann, mit dem Intellektualismus zusammen, die neue Spiritualität begründen kann, einer, der nichts wird brauchen können als diesen Meilenzeiger. Das aber wird sein, wie Alanus ab Insulis sagte, Sankt Michael! Für ihn muß das Feld frei werden; er muß den Weg mit neuen Saaten besäen. Dazu muß nichts anderes da sein als Linie, mathematische Linie."[1]

Einige charakteristische Werke des Alanus

Der bildhaft-platonische Geist, der Alanus frühe Schriften beseelt, wird vor allem in „Die Klage der Natur“ deutlich:

 

Die Jungfrau Natura erscheint dem Alanus in herrlicher Gestalt, doch entquillt ein bitterer Tränenstrom ihren Augen. Die Krone auf ihrem Haupt zieren 12 Edelsteine, die den Tierkreis symbolisieren, dazu 7 weitere, die den Planeten entsprechen. Auf ihren umhüllenden Gewändern ist die gesamte Tierwelt abgebildet und auf dem Hemd seien, wie Alanus zu erkennen meint, Bäume und Sträucher dargestellt.

In höchstem Erstaunen wirft sich Alanus auf sein Angesicht. Natura richtet ihn wieder auf und fragt, warum ihm ihr Anblick so fremd und staunenswert geworden sei, verdanke er doch sein ganzes Sein ihren Gaben. Alanus entschuldigt sich, dass er ob seiner Kleinheit vor ihrer Größe und Schönheit niedergestürzt sei. Schließlich fragt er natura, warum sie die himmlischen Regionen verlassen habe und die Erde aufsuche und warum sie weine.

Da klagt Natura, dass sich von allen Wesen allein der Mensch gegen ihre Gesetze auflehne. Er lässt sich durch die niedere Sinnlichkeit beherrschen, die ihn zu all den Verbrechen gegen die Natur verführe. Die menschlichen Laster werden nun vorgeführt und auch Heilmittel gegen sie angegeben. Endlich erscheint Hymenäus mit den jungfräulichen Tugenden: Keuschheit, Mäßigkeit, Freigiebigkeit und Demut.

Natura schreibt nun einen Brief an den «Genius», damit dieser mit seiner Zauberrute – gemeint ist die Ich-Kraft – die Laster von der Erde vertreibe. Der «Genius» erscheint schließlich und exkommuniziert mit feierlichem Anathema die Laster, während die tugendhaften Jungfrauen ihre brennenden Kerzen senken, bis sie endlich erlöschen – und damit erlischt auch Alanus geistige Schau.

 

Seinen inneren Fortgang findet dieses Thema später im „Anticlaudian“, jenem Werk, das vor allem den Ruhm des Alanus begründet hat. Neben vielem anderen war es geradezu eine Enzyklopädie des weltlichen und theologischen Wissens seiner Zeit. Noch bedeutsamer ist aber sein überzeitlicher moralisch-geistiger Gehalt. Der spätrömische Dichter Claudianus hatte in einem Gedicht den Menschen als unausweichlich lasterhaftes Wesen gezeigt, der die Welt ins Verderben stürzt. Dagegen wandte sich Alanus ganz entschieden. Für ihn ist der Mensch entwicklungsfähig und kann sich seinem Idealbild immer mehr annähern:

 

Der „Anticlaudian“ zeigt uns Natura, die den idealen Menschen schaffen will. Da dieses Werk ihre Kräfte übersteigt, ruft sie ihre himmlischen Schwestern: die Eintracht, die Jugend, die Bescheidenheit, die Vernunft (Ratio), die Klugheit (Prudentia), den Glauben (Fides – in weiblicher Gestalt), die Frömmigkeit und andere mehr. Man beschließt Prudentia als Gesandte mit der Bitte zu Gott zu sende, er möge das Werk der Natura vollenden. Prudentia bedarf für ihre Himmelsfahrt eines Wagens, den ihr 7 Jungfrauen bauen – die 7 freien Künste. Grammatica fertigt die Deichsel, die Achse stellt Logica her, deren Augen schärfer als die des Adlers sind und die in der rechten Hand eine Blume und in der Linken einen Skorpion trägt. Rhetorica schmückt die Achse mit Blumen und die Deichsel mit Gold. Arithmetica formt ein Rad aus Marmor, Musica das nächste aus Erz, Geometria das dritte aus Blei und Astronomia das letzte aus Gold. Vor den Wagen spannt Concordia fünf sehr unterschiedliche Pferde – die 5 Sinne. Ratio bändigt die Pferde und dient als Wagenführerin.

Prudentia besteigt nun den Wagen und erhebt sich in die Lüfte, durcheilt die Planetensphären und gelangt endlich bis an den Tierkreis. Hier versagen die fünf Pferde – die 5 Sinne – ihren Dienst. Über sich erblickt Prudentia eine erhabene leuchtende Jungfrau, die in späteren Ausgaben des Werks als Theologia erklärt wird. Sie führt Prudentia weiter, doch muss Ration mit dem Wagen und vier Pferden zurückbleiben. Nur eines der Pferde, das Gehör, vermag noch weiter aufzusteigen.

Prudentia bestaunt den Kristallhimmel und erreicht endlich das Empyreum. Hier haben die Seraphim, Cherubim und Throne ihren Sitz, auch alle anderen Hierarchien herunter bis zu den Engeln, und auch die vollendeten Heiligen unter den Menschen. Allen voran aber steht «stella maris», die Heilige Jungfrau, mit der vereint ihr Sohn regiert. Überwältigt vom Glanz des Empyreums sinkt Prudentia ohnmächtig zusammen, aber Fides, ihre Schwester, und Theologia bringen sie wieder zu Bewusstsein und begleiten sie zum Thron Gottes, wo sie bittet, er möge Natura bei der Schaffung des neuen Menschen helfen, indem er ihm die Seele gäbe. Gott will ihren Wunsch erfüllen und gebietet Nus, ihm die Idee des menschlichen Geistes zu bringen. Nus bringt die vollkommene Idee des Menschen und Gott bildet danach das Einzelwesen und übergibt es Prudentia.

Prudentia kehrt wieder auf die Erde zurück. Nun schafft Natura aus den reinsten und feinsten Teilen der vier Elemente den Körper des neuen Menschen und Concordia vereint mit diesem die Seele. Alle Tugenden überschütten ihn mit ihren Gaben.

Doch da erheben sich alle dunklen Mächte des Tartarus, alle bösen Geister und alle Laster und Übel. Ein Kampf beginnt, den Natura furchtlos und siegreich zu Ende führt. Von da an herrscht die Liebe, die Tugenden regieren und die ganze Erde erstrahlt in ätherischem Licht.

 

 

Das Ende der Schule von Chartres -Geistige Finsternis auf Erden um 1250

Rudolf Steiner hat öfters erwähnt, dass etwa um 1250 das Erdenleben in eine geistige Finsternis getaucht war, wo selbst hohen Eingeweihten der unmittelbare Einblick in die geistige Welt verwehrt war. Gerade diese Zeit war aber höchst bedeutsam für den Übergang von der platonischen zur aristotelischen Geistesströmung:

 

"Was Alanus ab Insulis in den Zisterzienser-Orden hineingeleitet hat, das ging dann über an die Dominikaner, die namentlich den Intellekt, in Anknüpfung an Aristoteles, pflegten. Aber es gab da eine Zwischenzeit: Im 12. Jahrhundert blühte die Schule von Chartres, und im 13. Jahrhundert begann im Dominikaner-Orden das mächtige Wirken für die Scholastik im Sinne des Aristotelismus. Die, welche als die großen Lehrer der Schule von Chartres durch die Pforte des Todes hinaufgingen in die geistige Welt, sie waren dort noch eine Weile zusammen mit den durch die Geburt herabsteigenden Dominikanern, die dann nach ihrem Herabsteigen hier den Aristotelismus begründeten. Daher müssen wir also hinschauen auf eine Zwischenzeit, wo wie in einem großen himmlischen Konzil die letzten großen Lehrer von Chartres, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen waren, beisammen waren mit denen, die als Dominikaner den Aristotelismus pflegen sollten, bevor diese letzteren heruntergestiegen waren. Da wurde in der geistigen Welt der große "himmlische Vertrag" geschlossen. Die, welche da unter der Führung des Alanus ab Insulis hinaufgekommen waren in die geistige Welt, sie sagten den heruntersteigenden Aristotelikern: Unsere Zeit ist jetzt nicht auf der Erde; wir haben zunächst hier von der geistigen Welt aus zu wirken. Wir können gar nicht in irgendwelche Inkarnationen in der nächsten Zeit auf die Erde herabsteigen. Eure Aufgabe ist es jetzt, den Intellekt zu pflegen im aufgehenden Bewusstseinsseelen-Zeitalter.

Dann kamen sie herunter, die großen Scholastiker, und führten dasjenige aus, was sie mit den letzten großen Platonikern der Schule von Chartres ausgemacht hatten. Manches Bedeutende trug sich da zu. Einer, der als einer der früheren heruntergekommen war, bekam zum Beispiel eine Botschaft durch einen anderen, der noch länger als er in der geistigen Welt bei Alanus ab Insulis geblieben war, das heißt bei derjenigen geistigen Individualität, die früher Alanus ab Insulis war. Der später Herunterkommende brachte diese Botschaft, das heißt, er wirkte zusammen mit dem Älteren, und es begann so auf der Erde die Vorbereitung für das intellektualistische Zeitalter, das ja im Dominikaner-Orden seinen Anfang genommen hat. Gerade der, welcher etwas länger bei Alanus ab Insulis in der geistigen Welt geblieben war, zog zuerst das Zisterzienser-Ordenskleid an und wechselte es erst später mit dem Dominikaner-Kleid. So wirkten also nunmehr auf der Erde diejenigen, die einstmals unter dem Einflüsse desjenigen standen, was bei Aristoteles herausgekommen war, und oben "wachten" gewissermaßen, aber im Zusammenhange mit den auf der Erde wirkenden Aristotelikern, die Platoniker, die in der Schule von Chartres waren. Die geistige Welt ging mit der physischen Welt Hand in Hand. Es war gleichsam wie ein Handreichen der Aristoteliker mit den Platonikern durch das 13., 14., 15. Jahrhundert hin. Und dann waren ja auch schon wieder viele von denen, die heruntergestiegen waren, um in Europa den Aristotelismus einzuleiten, droben bei den anderen.

Aber die weitere Entwicklung ging so vor sich, daß sowohl die, welche in der Schule von Chartres die Führer waren, wie auch die, welche im Dominikaner-Orden die führenden Stellungen hatten, sich an die Spitze derjenigen stellten, welche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in jenem mächtigen übersinnlichen Kultus, der sich in den angedeuteten Bildern entfaltete, die spätere anthroposophische Strömung vorbereiteten. Es mußten zunächst diejenigen wieder heruntersteigen, die mehr oder weniger als Aristoteliker gewirkt hatten; denn unter dem Einfluß des Intellektualismus war noch nicht die Zeit gekommen, um die Spiritualität neuerdings zu vertiefen. Aber es bestand eine unverbrüchliche Abmachung, die weiter wirkt. Und nach dieser Abmachung muß aus dem, was anthroposophische Bewegung ist, etwas hervorgehen, was seine Vollendung vor dem Ablaufe dieses Jahrhunderts finden muß. Denn über der Anthroposophischen Gesellschaft schwebt ein Schicksal: das Schicksal, daß viele von denjenigen, die heute in der Anthroposophischen Gesellschaft sind, bis zu dem Ablaufe des 20. Jahrhunderts wieder herunterkommen müssen auf die Erde, dann aber vereinigt mit jenen auch, die entweder selbst führend waren in der Schule von Chartres oder die Schüler von Chartres waren. So daß vor dem Ablaufe des 20. Jahrhunderts, wenn die Zivilisation nicht in die völlige Dekadenz kommen soll, auf der Erde die Platoniker von Chartres und die späteren Aristoteliker zusammenwirken müssen." [1]

Geistselbst und Bewusstseinsseele

In der Schule von Chartres wird durch die Pflege der 7 freien Künste die Ausbildung des Geistselbst vorbereitet. Man stützt sich dabei, wie wir gesehen haben, auf die 7 hauptsächlichen ätherischen Bildekräftesphären, die zuerst naturhaft den Körper bilden und dann, wenn sie einmal frei geworden sind, inspirierend in der Seele sich bis zu Imaginationen verdichten. Man musste dazu den Kosmos ganz im Sinne des geozentrischen Ptolemäischen Systems betrachten, dem eine Einsicht in diese geistige Realität zugrunde liegt.

Damit das ganze aber vom Ich bewusst ergriffen wird, muss sich erst noch die Bewusstseinsseele und damit das intellektuelle Selbstdenken entfalten. Dieses arbeitet nicht mit den Naturätherkräften, sondern mit jenen völlig neu durch die Tätigkeit des Ichs geschaffenen Herzätherkräften, die durch die Ätherisation des Blutes im Herzen entstehen und in den Kopf hinaufstrahlen. Dazu musste aber das Ptolemäische System zunächst dem kopernikanischen System weichen, dass ganz abstrakt die Sonne in den Mittelpunkt rückt. Die geistigen Inspirationen werden ausgelöscht und weichen zunächst einer bloß äußerlichen Berechnung. Gerade dadurch wird aber die Freiheit im Denken erobert. Und nur wie ein abstrakter Meilenzeiger steht nun die Sonne im Mittelpunkt als noch unverstandener Hinweis auf die sonnenhaften Herz-Michael-Christuskräfte. Nur mit diesem freien Denken kann sich der Michael-Impuls verbinden. Davon hatten die späteren Lehrer von Chartres, namentlich Bernardus Sylvestris und Alanus ab Insulis, bereits eine deutliche Vorahnung. Rudolf Steiner weist uns darauf sehr klar hin.

Erst durch die Vereinigung des intellektuellen Selbstdenkens mit der inspirierten Gedankenwahrnehmung der geistigen Außenwelt, also des aristotelischen und des platonischen Elements, kann das eigenständige Geistselbst entfaltet werden. Dazu beizutragen, ist die wesentliche Aufgabe der Anthroposophie.

Lit.:
[1] Rudolf Steiner, Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge VI, GA 240 (1986), Arnheim, 18. Juli 1924, S 155 ff.

(Literaturangaben folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@rudolf-steiner.com URL: http://www.rudolf-steiner.com)

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http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=283letzte Änderung: 2004-01-16

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