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Lexikon Anthroposophie

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Sexualität
über die absteigende Entwicklung der Geschlechtsorgane; kritische Bemerkungen zur Psychoanalyse

(siehe auch -> Geschlechtertrennung, und ihre Folgen: Individualisierung, Erbsünde, Krankheit und Tod)

"Das ist auch ein uralter Grundsatz aller Geisteswissenschaft, daß der Mensch, soweit wir von der heutigen physischen Menschennatur sprechen, ein herabsteigendes geistiges Wesen ist. Das heißt aber nichts anderes, als daß, wenn wir unseren physischen Leib betrachten, wir uns sagen müssen: So, wie wir ihn heute, während der Erdenzeit, sehen, so ist alles dasjenige, was von ihm heute zu sehen ist, dasjenige, was am meisten herabgestiegen ist.

Aber im physischen Leib ist auch ein Verborgenes. Es ist da ein Verborgenes, das eigentlich mondenartiger Natur ist; ein noch weiter Verborgenes, das sonnenartiger Natur ist; und ein noch weiter Verborgenes, das saturnartiger Natur ist [siehe -> Planetarische Weltentwicklungsstufen]. In dem offenbaren physischen Leibe ist also innerer Charakter, inneres Wesenhaftes verborgen. Der physische Eeib ist sozusagen nur zu einem Viertel zu erkennen, denn die anderen drei Viertel stecken dahinter. Sie sind edlerer, sie sind geistigerer Natur als dasjenige, was auf dem physischen Plan vom Menschen uns entgegentritt. Wenn wir also irgend etwas, was am Menschen ist, insofern uns der Mensch heute auf dem physischen Plan als physisches Wesen entgegentritt, betrachten, dann müssen wir uns sagen: Diese physischen Organe sind in einer inneren Bewegung, in einer Bewegung des Herabsteigens, in einer Bewegung des vom Geistigen zum Materiellen hin sich Entwickelns. Irgendein Organ, das wir am Menschen betrachten, sind wir daher verpflichtet so zu betrachten, daß wir sagen: Indem es wächst und gedeiht, indem es gerade die Ausgestaltung bekommt, die ihm auf dem physischen Plane zukommt, ist es auf dem herabsteigenden Wege der Entwickelung. Es steigt von geistigerer zu physischerer, zu materiellerer Artung herab.

Wenn wir daher an dem Menschen etwas finden, das beurteilt werden soll in bezug auf seine Artung, so müssen wir uns auch die Regel vorsetzen, den richtigen Gesichtspunkt finden. Und zu dem richtigen Gesichtspunkt werden wir geführt, wenn wir uns bewußt werden, daß die physische Menschennatur in einer gewissen Hinsicht - nämlich in der, die ich heute erörtert habe - herabsteigend ist. Dadurch werden wir aber dazu verpflichtet, zum Beispiel die Entwickelung des Kindes zum reifen Menschenalter so aufzufassen, daß die kindliche Entwickelung noch geistiger ist, die reife Men-schenentwickelung dagegen materieller ist, daß ein Herabsteigen vom Geistigen zum Materiellen stattgefunden hat. Von einem anderen Gesichtspunkte aus versteht man die physische Entwickelung des Menschen gar nicht. Man versteht sie nur, wenn man sich dessen bewußt wird, daß ein Herabsteigen des physischen Menschen während des Wachsens und Gedeihens stattfindet, daß der Mensch, insoferne er wächst, ein Geistiges tiefer in das Materielle herabsteigen, herabsinken läßt. So wie beim Menschen ist das auch draußen in der Welt. Wir können uns das anschaulich machen, wenn wir bedenken, daß wir ja auch draußen in der Welt von einer Evolution reden. Wir sagen zum Beispiel: Es hat eine alte indische Kulturstufe gegeben, die hat sich zur urpersischen, zur ägyptisch-chaldäisch-babylomschen, zur griechisch-lateinischen und zu unserer Kulturstufe entwickelt. Aber wir wissen zugleich, daß die älteren Kulturstufen neben den neueren fortleben. Wir haben das ja sogar an der Sprache gezeigt. Eine ältere Kulturstufe lebt neben der neueren fort. Auf den Menschen übertragen, kann uns das deutlich machen, daß am Menschen - insofern er physisch ist - die Organe auch so betrachtet werden können, daß auf dem Wege des Herabsteigens die einen die fortgeschrittensten sind, andere, weniger fortgeschritten, noch frühere Stufen zeigen. Wir werden allmählich sehen — ich will das heute nur zunächst aphoristisch andeuten -, daß wir nach diesem Grundsatz, den ich eben angedeutet habe, in der Menschennatur zwei Organsysteme betrachten können.

Nehmen wir zunächst die Sinne des Menschen, alles dasjenige, was der Mensch an Organen hat, um sinnliche Wahrnehmungen zu machen, so können wir sagen: Die Sinnesorgane, weil wir es ja mit Physischem dabei zu tun haben, stehen auf einer gewissen Stufe. Das heißt aber jetzt für uns: das Geistige ist bis zu einer gewissen Stufe herabgestiegen, herabgeströmt. Skizzieren wir das schematisch [es wurde an die Tafel gezeichnet]:

Wir sagten, die ganze Menschennatur ist ein Herabströmen [rot]; nun bezeichnen wir die Stufe des Herabströmens, auf der die Sinne stehen, einmal mit diesem Blau. Innerhalb der herabfließenden Strömung, die also so fließt [Pfeil], bezeichnen wir die Sinne mit diesem Blau. Alles also, was Organe der sinnlichen Wahrnehmungswelt sind, wollen wir im Hinabgleiten auf der Stufe a stehend auffassen.

Wenn wir ein anderes Organsystem ins Auge fassen, haben wir zum Beispiel das Atmungssystem, das gesamte Atmungssystem. Auch dieses werden wir nur unter dem richtigen Gesichtspunkt betrachten, wenn wir es auf der Stufe aufsuchen, auf der der Mensch im Hinabgleiten angekommen ist. Und indem wir diese Betrachtungen allmählich erweitern, werden wir finden, daß nunmehr das Organsystem des Atmens bis zu b hinuntergeglitten ist. Also das Sinnessystem ist bis zu a, das Atmungssystem bis zu b hinuntergeglitten.

Nun können Sie sich vorstellen, daß das Hinuntergleiten weiter gehen kann. Es könnte also ein Organsystem geben, das noch weiter hinuntergeglitten ist: ein Organsystem c. Und dieses Organsystem würde das sein, das der Sexualität dient:

Wenn wir nun den physischen Menschen betrachten, meine lieben Freunde, dann finden wir, daß in der Zeit, in der das Hinuntersinken einen gewissen Kulminationspunkt erreichte und wieder ein Aufsteigen - über das wir heute nicht sprechen können — begann, das mit dem Hinuntersinken zusammenhängt, in der Zeit war das Hinuntersinken bis zu diesem Punkte gediehen [siehe Zeichnung, den Bogen unten]. Weiter ging das Hinuntersinken auf der Erde nicht mehr. Daraus aber können Sie ohne weiteres ersehen, daß die Sinnesorgane des Menschen im Verhältnis zu den Atmungsorganen und so weiter vergeistigtere Organe sind. Und da uns eine klare, deutliche Erkenntnis, wie wir immer mehr sehen werden, lehrt, daß das Sexualsystem gewissermaßen die unterste Lage darstellt, so können wir daraus den Schluß ziehen, daß alles, was der Mensch sonst an sich hat in Bezug auf die physische Menschennatur, geistiger ist als dieses System.

Nun können Sie sagen: Das wäre ja leicht begreiflich. - Mag sein; aber das Bedeutsame für uns ist nunmehr, einzusehen, daß die abscheuliche Weltanschauung der Psychoanalyse sich dieser Tatsache, die ich eben ausgesprochen habe, nicht hat bewußt werden können. Denn was tut die Psychoanalyse? Sie sagt: Alles, was der Mensch tut, selbst die Erlebnisse des Mystikers, sind umgewandelte sexuelle Kräfte. - Das heißt, der Psychoanalytiker oder der Materialist überhaupt, können wir in diesem Falle sagen, geht von der Sexualität aus und erklärt alles, was sonst am Menschen ist, als umgewandelte, umgeformte Sexualität. Ich habe Ihnen ja angedeutet, wie in der Freudschen Theorie alles, was im Menschenleben auftritt, als umgewandelte Sexualität erklärt wird. Zum Beispiel, daß die Kinder einen Schnuller lutschen, wird erklärt dadurch, da darin eine etwas infantile Sexualität zum Ausdruck kommt und so weiter.

Was ist aber die Wahrheit? Die Wahrheit, meine lieben Freunde, ist, daß alle Verrichtungen, die sich am Menschen finden, geistiger sind als das Sexualleben und daß, um zu richtigen Gesichtspunkten zu kommen, der umgekehrte Weg eingeschlagen werden muß. So daß man also sagen muß: Jedes Heranbringen der Sexualität, der Erotik, an irgendwelche Betätigungen des Menschen, um sie zu erklären, ist der ganz verkehrte Weg. Der richtige ist allein der, die Sexualität aus der Umwandlung der höheren Verrichtungen des Menschen in das Niedrigste auf Erden zu erklären. Nehmen wir, weil wir uns schon einmal mit diesen Dingen beschäftigen müssen, eine der grauenhaftesten Behauptungen des Psychoanalytikers, nämlich die Behauptung - man muß eben schon solche grauenhafte Dinge erwähnen, meine lieben Freunde, man muß es, weil sie eben in unserer heutigen Zeit auftreten -, also die Behauptung, daß das Verhältnis des Sohnes zur Mutter, der Tochter zum Vater, wie es in der Kindheit als Liebe zur Mutter, als Liebe zum Vater auftritt, ein sexuelles Verhältnis sei. Denn der Psychoanalytiker sagt, das, was das Töchterchen für den Vater, das Söhnlein für die Mutter empfindet, ist ein sexuelles Verhältnis, denn der Vater wird vom Sohn immer eigentlich als der Konkurrent betrachtet; er sei auf ihn unbewußt eifersüchtig; ebenso ist die Tochter auf die Mutter eifersüchtig. - Das ist sozusagen einer der grauenhaftesten Auswüchse der Psychoanalyse. Sie wissen, daß solche Dichtungen wie die Ödipus-Dichtung in den Schriften der Psychoanalytiker auf Grundlage dieser psychoanalytischen Voraussetzungen so erklärt werden.

Nun, der richtige Gesichtspunkt ist der, daß gefragt wird: Wodurch entsteht denn die Sexualität des späteren Lebens? Sie entsteht dadurch, daß ein Geistigeres herabsinkt. Das spätere Sexuelle ist also ein herabgesunkenes Kindlich-Geistiges. Und der richtige Gesichtspunkt ist der, daß man vor allen Dingen dasjenige, was nicht Sexuelles ist, in keiner Weise - nicht bewußt und nicht unbewußt - mit diesem Gebiet vermischt; daß man sich klar ist, daß beim Kinde noch nicht Sexualität vorhanden sein kann. Und erst dann, wenn man sich dessen in vollem Umfange klar ist, wird man den richtigen Gesichtspunkt der Betrachtung finden. Es ist dies auch ein außerordentlich wichtiges Moment in der Pädagogik, denn es kommen die größten Verkehrtheiten heraus, wenn man manche kindliche Ungezogenheiten ohne weiteres umdeutet in irgendeine verfrühte Sexualität; die können von etwas ganz anderem kommen als davon, daß die Kindesnatur prinzipiell irgend etwas Sexuelles schon hätte. Behaupten, daß die Kindesnatur schon etwas Sexuelles habe, würde der etwaigen Behauptung gleichkommen, daß der heutige Tag schon das ganze Regenwetter eines folgenden Tages in sich enthalten könne.

Daraus ersehen Sie aber am besten, was hier vorliegt, nämlich ein Geltendmachen eines vollständig verkehrten Gesichtspunktes. Wenn man aber zu einem solchen verkehrten Gesichtspunkte kommt, kann das nicht auf eine selbstverständlich gegebene Weise geschehen, sondern es muß willkürlich herbeigezerrt werden durch die Instinkte der Menschen. Die ganze psychoanalytische Betrachtung ist durch die niedersten Instinkte der Menschen gefärbt, nuanciert; die Welt ist in ihr zu einer umgekehrten gemacht. Die Ausdeutung des Verhältnisses vom Töchterchen zum Vater, vom Söhnlein zur Mutter im psychoanalytischen Sinn kann nur entstehen, wenn man eben das subjektive Instinktleben des Forschers in den objektiven Gang der Untersuchung hineinmischt. Daraus folgt, daß man, wenn man streng exakt vorgeht, hier auch solche Ausdrücke verwenden darf, die man auf das Subjektive menschlicher Betätigungen anwendet, ohne dabei den Standpunkt der Objektivität zu verlassen. Subjektive Bezeichnungen und Ausdrücke in der ganz objektiven Wissenschaft anzuwenden würde eine Torheit sein. Nehmen Sie einmal an, jemand hätte die Anschauung, daß die Zeiger der Uhr durch kleine Dämonen, die da drinnen sitzen, vorwärtsgetrieben werden, so könnten wir sagen: Das ist eine Torheit. Die Uhr ist ein Mechanismus, denn Dämonen sitzen nicht darinnen. Aber wir bewegen uns auf dem Gebiet des Objektiven und würden niemals sagen dürfen: Derjenige, der der Uhr kleine Dämonen zuschreibt, beschimpft die Uhr. Wenn aber der Psychoanalytiker die Menschennatur so deutet, daß der kindlichen Natur eine solche Sexualität zugeschrieben wird, wie das der Psychoanalytiker tut, dann drängt sich wirklich das Subjektive der Instinkte in die Theorie hinein. Daher ist es hier berechtigt, subjektive Ausdrücke zu gebrauchen und zu sagen: Die psychoanalytische Weltanschauung ist eine solche, die die Menschennatur beschimpft. Und man wird sich bestreben müssen, Wahrheit zu üben und die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Und erst, wenn eine genügend große Anzahl von Menschen sich klar darüber ist, daß in der Welt des Materialismus heute eine Anzahl von Menschen leben, welche es sich zur Aufgabe gesetzt haben, nicht nur über die einzelnen Menschen, sondern über die ganze Menschennatur als solche eine Theorie zu pflegen, die auf die Menschennatur schimpft - so schimpft auf der wissenschaftlichen Seite, daß diese Wissenschaftstheorie selber nur eine Summe von Beschimpfungen ist -, wenn das die Menschen einsehen werden, dann werden sie die psychoanalytische Theorie in der richtigen Weise würdigen. Dann wird man nicht mehr in Worte kramen, sondern auf diesem Gebiet in der Sache stehen. Und das wird ein Weg sein, um gerade auf diesem Gebiete zur Klarheit zu kommen."[1]

(siehe auch -> Fortpflanzung, über die drohende Unfruchtbarkeit der Menschheit ab dem 6. / 7. Jahrtausend und - > Kehlkopf, über die künftige Entwicklung der Sprache und des Kehlkopfes zum vergeistigten Fortpflanzungsorgan)

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Probleme des Zusammenlebens in der Anthroposophischen Gesellschaft, GA 253 (1989), S 114 ff., Siebenter Vortrag, Dornach, 16. September 1915

(Literaturangaben folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@rudolf-steiner.com URL: http://www.rudolf-steiner.com)

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http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=91letzte Änderung: 2002-09-26

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