1879
Beginn des neuen Michaelzeitalters

Nach dem Sturz der Geister der Finsternis durch den Erzengel Michael begann im Herbst 1879 das neue -> Michael-Zeitalter.


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=207letzte Änderung: 2002-10-01


Achte Sphäre
«Hölle»

In gewissem Sinn ist unser heutiger Mond die zurückgelassene Schlacke des alten Mondendaseins (-> Planetarische Weltentwicklungsstufen), in dem sich all jene Kräfte verdichteten, die die weitere reguläre Entwicklung zum gegenwärtigen Erdendasein nicht mehr mitmachen konnten. Ähnlich wird auch von unserer Erdenentwicklung eine Schlacke zurückbleiben, die aus der fortschreitenden Entwicklung herausfällt. Das bereitet sich heute schon in Form der sog. «achten Sphäre» vor:

"Nun kann aber ein Wesen verwachsen mit dem, was eigentlich als Schlacke zurückbleiben soll. Es muß von der Erde etwas zurückbleiben, was später das sein soll, was heute der Mond ist. Das muß der Mensch überwinden. Aber der Mensch kann das gern haben, dann verbindet er sich damit. Ein Mensch, der tief verwoben ist mit dem bloß Sinnlichen, dem bloß Triebhaften, der verbindet sich immer mehr mit dem, was Schlacke werden soll. Das wird dann sein, wenn die Zahl 666 erfüllt sein wird, die Zahl des Tieres. Dann kommt der Moment, wo sich die Erde herausbewegen muß aus der fortlaufenden Evolution der Planeten. Wenn dann der Mensch sich zu sehr verwandt gemacht hat mit den sinnlichen Kräften, die heraus sollen, dann geht das, was damit verwandt ist und nicht den Anschluß gefunden hat, um zum nächsten Globus hinüberzugehen, mit der Schlacke mit und wird Bewohner dieser Schlacke, so wie jetzt solche Wesen Bewohner des heutigen Mondes sind.

Da haben wir den Begriff von der achten Sphäre. Der Mensch muß durch sieben Sphären hindurchgehen. Die sieben Planeten entsprechen den sieben Körpern:

Der Saturn entspricht dem physischen Körper
Die Sonne entspricht dem Ätherkörper
Der Mond entspricht dem Astralkörper
Die Erde entspricht dem Ich
Der Jupiter entspricht dem Manas
Die Venus entspricht der Buddhi
Der Vulkan entspricht dem Atma.

Daneben gibt es eine achte Sphäre, wo alles dasjenige hingeht, was sich nicht dieser fortlaufenden Entwickelung anschließen kann. Das bildet sich in der Anlage auch schon im devachanischen Zustande. Wenn der Mensch das Leben auf der Erde nur dazu benützt, zu sammeln, was ihm allein dient, um nur eine Erhöhung seines eigenen egoistischen Selbstes zu erfahren, so führt das im Devachan in den Zustand des Avitchi. Der Mensch, der nicht aus der Sonderheit heraus kann, kommt nach Avitchi. Alle diese Avitchi-Menschen werden einmal Bewohner der achten Sphäre. Avitchi ist die Vorbereitung zur achten Sphäre. Die anderen Menschen werden Bewohner der fortlaufenden Evolutionskette. Die Religionen haben aus diesem Begriffe die «Hölle» formuliert."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Grundelemente der Esoterik, GA 93a (1976), S 112, XIV, Berlin, 9. Oktober 1905
sehr ausführliche weiterführende Angaben zur achten Sphäre finden sich insbes. in:
[2]Rudolf Steiner, Die okkulte Bewegung im neunzehnten Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkultur, GA 254 (1986), Vierter und fünfter Vortrag, Dornach, 17. und 18. Oktober 1915


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=102letzte Änderung: 2004-05-17


Achte Sphäre
und Mondensphäre

"Über die sogenannte achte Sphäre zu sprechen, über welche Mr. Sinnett eigentlich zuerst, man darf nicht sagen, Mitteilungen gemacht hat, denn die Mitteilungen waren eben in einen Irrtum getaucht, sondern deren er Erwähnung getan hat, über diese achte Sphäre zu sprechen, ist eigentlich recht schwierig. Und Sie können die Gründe leicht einsehen, warum es schwierig ist, darüber zu sprechen; denn auch da muß wieder gesagt werden: Unsere Sprache ist selbstverständlich für die äußere Sinnenwelt geschaffen, und in dieser äußeren Sinnenwelt wurde diese achte Sphäre so lange als ein Geheimnis betrachtet, bis Mr. Sinnett ihrer Erwähnung tat.

Daher sind selbstverständlich nicht viele Worte geprägt, die man für eine Charakteristik dieser achten Sphäre leicht anwenden könnte. Auch daraus wird es Ihnen klar sein, was das Sprechen über die achte Sphäre bedeutet, da man ja so lange vermieden hat, über diese achte Sphäre zu sprechen. Sie werden also auch das, was ich heute aphoristisch zu sagen habe, als eine Art vorläufiger Auseinandersetzung aufnehmen müssen, als das Hinwerfen von ein paar Charakteristiken, die zunächst nur wenig über die Sache geben können. Es werden sich aber hoffentlich Gelegenheiten finden, noch weiter darüber zu sprechen. Ich werde versuchen, auf Grundlage dessen, was ich gestern und teilweise auch früher erörtert habe, eine Charakteristik über diese achte Sphäre zu geben, damit wir darauf fußen können und einiges zu sagen vermögen über die Entwickelung der spirituellen Bewegung im 19. und im Beginne des 20. Jahrhunderts.

Das werden Sie schon ersehen haben aus den gestrigen Auseinandersetzungen, daß die achte Sphäre nicht etwas sein kann, was innerhalb der sinnlichen Welt lebt, denn ich habe es gerade als das am meisten Irrtümliche an der Sinnettschen Behauptung hingestellt, daß der äußere physische Mond irgend etwas Direktes mit der achten Sphäre zu tun haben soll, daß er unmittelbar etwas damit zu tun haben soll. Und ich habe versucht, begreiflich zu machen, daß gerade das Materialistische,gerade der Umstand, daß damit auf etwas Materiell-Physisches hingewiesen wurde, die Grundlage des Irrtums eigentlich bildet.

Daraus werden Sie schon, wenn auch nicht entnehmen, so doch ahnen können, daß dasjenige, was man die achte Sphäre nennt, unmittelbar nichts mit etwas zu tun haben kann, was innerhalb der sinnlichen Welt liegt: das heißt, ausgeschlossen von der achten Sphäre ist gerade alles das, was mit den Sinnen des Menschen wahrgenommen werden kann und was auf Grundlage der sinnlichen Wahrnehmung gedacht werden kann. Also irgendwo in der sinnlichen Welt werden Sie die achte Sphäre zunächst nicht suchen können.

Nun werden Sie auch in gewissem Sinne eine Art von Weg haben, auf dem man in Begriffen sich einer Vorstellung der achten Sphäre nähern kann. Ich habe gesagt, diese achte Sphäre hat etwas zu tun mit dem, was als Rest, als Überbleibsel allerdings, von dem alten Monde und seiner Entwickelung herrührt. Das können Sie schon aus den verschiedenen Auseinandersetzungen, die wir im Laufe der Zeit gepflogen haben, entnehmen, daß die achte Sphäre etwas zu tun haben müsse mit dem, was vom Monde und seiner Entwickelung, als dem Vorgänger der Erde, zurückgeblieben ist. Ich habe gestern versucht, begreiflich zu machen, daß auf dem Monde die richtige Anschauung des Menschen die visionär-imaginative war, so daß alles Substantielle, das man in der achten Sphäre suchen könnte, wird gefunden werden müssen da, wo man imaginativ-visionär etwas entdecken kann; das heißt, man wird also voraussetzen können, daß die achte Sphäre zu entdecken ist auf dem Wege visionärer Imaginationen.

Warum gebraucht man denn überhaupt den Ausdruck achte Sphäre? Die achte Sphäre sagt man, weil es sieben Sphären gibt, die Sie längst kennen: Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus, Vulkan. In diesen sieben Sphären schreitet die menschliche Entwickelung in der Weise, wie ich es öfter angedeutet habe, weiter fort. Wenn es außer diesen sieben Sphären noch etwas gibt - und wir wollen zunächst voraussetzen, daß es etwas gibt - und daß dieses in irgendeiner Beziehung zur Erde steht, so kann man dies mit einem gewissen Recht die achte Sphäre nennen. Es ist notwendig zu denken, daß dieses außerhalb der sieben Sphären liegt und in einer Beziehung zur Erde steht. Ich will es so andeuten. Wir würden also hier, graphisch-schematisch gezeichnet, ein Weltengebilde vorauszusetzen haben, das nur imaginativ-visionär zu sehen ist, und das als ein achtes Weltgebilde neben den sieben Weltgebilden steht, die wir als das Gebiet der regelmäßigen Menschheitsevolution bezeichnen müssen. Nur ist alles solches Zeichnen selbstverständlich schematisch: man zeichnet gewissermaßen auseinander, was man ineinander nur beobachten kann. Denn Sie werden aus den verschiedenen Auseinandersetzungen, die gepflogen worden sind, längst haben ahnen können, daß man innerhalb des Sinnlichen, innerhalb der sinnlichen Beobachtung, wenn man mit dem Verstande denkt und mit den Sinnen beobachtet, in der vierten Sphäre steht. Aber wenn man es dahin bringt durch die Entwickelung der Seele, die dritte Sphäre, die Mondsphäre zu sehen, dann fliegt man ja nicht dem Räume nach in der Welt weit fort. Man beobachtet, aber nicht von einem anderen Orte, sondern man beobachtet, physisch genommen, räumlich genommen, von demselben Orte aus. Also müßte man diese sieben Sphären ineinander zeichnen. Sie sind aufeinanderfolgende Entwickelungszustände; und im Grunde genommen ist das Schema, das man auf diese Weise zeichnet, von keinem anderen Wert, als wenn man sagen würde: die Menschen entwickeln sich von der Geburt bis zum siebenten Jahre in einem ersten Stadium, vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre in einem zweiten Stadium und so weiter. Da ist es auch nicht so, daß der Mensch, der sich vom ersten bis zum siebenten Jahre entwickelt hat, neben den

Menschen, der sich vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre entwickelt, hingestellt werden kann. Geradeso wie es beim Menschen nicht so der Fall ist, so ist es auch nicht der Fall, wenn man die sieben aufeinanderfolgenden Stufen der Erdenentwickelung, nebeneinander hingestellt, betrachtet.

Daraus werden Sie aber ahnen, daß die achte Sphäre beobachtet wird innerhalb der Erdensphäre. Man kann sie also nicht oben und nicht unten zeichnen, sondern man müßte sie in die Erde hineinzeichnen. Ich habe oft das grobe Beispiel gewählt: Wie um uns die physische Luft ist, so ist um uns herum auch alles Geistige. Bis in unser Physisches hinein haben wir alles Geistige in unserer Umgebung zu suchen. Also es würde vorauszusetzen sein, daß, so wie alles übrige Geistige um uns herum ist, wir auch die achte Sphäre in unserer Umgebung zu suchen haben; das heißt, es müßte dem Menschen ein Organ aufgehen, welches für die achte Sphäre so geeignet ist, wie die physischen Sinne für die Erde. Dann würde er klar bewußt in der achten Sphäre sein können. Aber eigentlich ist er unbewußt immer darinnen. Geradeso wie man immer in der Luft ist, wenn man auch nichts weiß von ihr, so ist die achte Sphäre auch immer da, und wenn man sich ein Organ für sie entwickelt, dann ist sie bewußt um uns herum da. So daß also, wenn wir sie charakterisieren wollen, wir selbstverständlich etwas zu beschreiben haben, in dem wir fortwährend darinnen leben, in dem wir fortwährend darinnen sind.

Nun kann ich, wie gesagt, zunächst bei diesen vorläufigen Betrachtungen nur etwas wie eine Art von Mitteilung machen. Das Weitere wird sich bei den Besprechungen schon ergeben. Das, was darin lebt in der achten Sphäre, besteht im folgenden. Zunächst können Sie wissen, ahnen, daß das, was uns da umgibt als achte Sphäre, dem imaginativ-visionären Hellsehen erreichbar ist. Es ist also unmöglich, imaginatives Hellsehen zu entwickeln, ohne von der achten Sphäre etwas zu wissen. Weil gegenwärtig bei so wenig Menschen wirklich deutliches und zu Unterscheidungen führendes Hellsehen vorhanden ist, deshalb ist es so schwierig, über solche Dinge wie die achte Sphäre zu sprechen. Also Imaginationen haben wir dort, und nicht ist in dieser achten Sphäre dasjenige, was gerade das Wesentliche der Erdenentwickelung, also der vierten Sphäre ausmacht. Das Wesentliche der vierten Sphäre macht, wie ich gestern schon angedeutet habe, die mineralische Imprägnierung des Weltenbildes aus. Daß wir auf der Erde leben, wird dadurch zustande gebracht, daß dieser vierte Weltkörper mineralisch imprägniert ist, daß wir immer umgeben sind von dem Mineralischen, das heißt, daß durch die Sinne wahrgenommen und daß das sinnlich Wahrgenommene durch den Verstand kombiniert werden kann. Dieses Mineralische müssen Sie sich aber wegdenken von der achten Sphäre. Dieses Mineralische ist in der achten Sphäre ganz und gar nicht vorhanden.

Wenn wir das also wegdenken, dann bleibt uns selbstverständlich nichts anderes übrig als nur eine spätere Entwickelungsstufe des alten Mondes, denn, wo sollte denn etwas anderes herkommen? Die Dinge entwickeln sich aber weiter, und so etwas, was substantiell wahrnehmbar ist durch das imaginativ-visionäre Hellsehen, was aber nichts anderes wäre als ein Überbleibsel des alten Mondes, das wäre noch keine achte Sphäre. Dann würde man nur sagen können, die dritte Sphäre hat etwas zurückgelassen.

Um nun ein wenig ahnend zu verstehen, wie es sich mit der achten Sphäre verhält, halten wir das Folgende fest. Indem sich der Mond, die dritte Sphäre, regulär entwickelt hat, ist diese dritte Sphäre zur vierten Sphäre geworden, das heißt, es ist ein Übergang des dritten Elementarreiches - so müssen wir das bezeichnen - zum Mineralreich eingetreten. Also das Mineralische ist dazugekommen. Sonst müßten wir uns den alten Mond als eine Summe von imaginativ vorstellbarer Sub-stantialität denken. So wird man also anzunehmen haben: das reguläre Fortgehen vom Mond zur Erde, von der dritten Sphäre zur vierten Sphäre, besteht darin, daß das, was nur imaginativ wahrnehmbar war, sinnlich wahrnehmbar wird, das heißt, sich mineralisch umgestaltet. Als achte Sphäre bleibt zunächst das Mondhafte, aber dieses Mondhafte wird zu etwas anderem dadurch, daß etwas Bestimmtes geschieht. Wir wissen, was geschieht, damit aus der dritten die vierte Sphäre entstehen kann. Das ist deutlich beschrieben in der «Geheimwissenschaft im Umriß», da, wo zu den Geistern der Bewegung die Geister der Form dazukommen und die ganze Umwandlung besorgen. Also wir können sagen, die vierte Sphäre entsteht aus der dritten dadurch, daß die Geister der Form zu den Geistern der Bewegung hinzukommen.

Würden nun die Geister der Form alles, was in ihrer eigenen Natur lebt, erreichen wollen und erreichen können, so würde natürlich in dem Momente, wo die Sphäre Drei ihre Aufgabe im Weltall erfüllt hat, nichts anderes aus ihr entstehen als Sphäre Vier. Das ist selbstverständlich. Daß nun luziferische und ahrimanische Geister vorhanden sind, das wissen wir. Die halten für sich etwas von der Mondsubstantialität zurück. Darin haben wir ihr Wesentliches zu sehen, daß sie etwas zurückhalten von der Mondsubstantialität. Das entreißen sie gleichsam den Geistern der Form. Es kommt also, indem die Sphäre Drei weiterschreitet, hinzu, daß den Geistern der Form etwas entrissen wird von Luzifer und Ahriman. In diesen Teil, der da entrissen wird den Geistern der Form, kommen jetzt, statt der Geister der Form, Luzifer und Ahriman hinein. Die kommen zu den Geistern der Bewegung dazu, und dadurch entsteht Acht aus Drei.

Also wir sagten, es muß etwas anderes da sein als der bloße alte Mond. Und dieses andere, was nun da ist, was da entsteht außer der Sphäre Vier, das ist, daß das Mineralische, indem es entsteht, entrissen wird im Momente des Entstehens, im Status nascendi, der vierten Sphäre. Also indem aus dem Imaginativen das Mineralische entsteht, wird in dem Momente des Entstehens das Mineralische von Luzifer und Ahriman entrissen und wird in die Imagination hineingebracht. Statt daß aus dem übriggebliebenen Mondhaften eine Erde entsteht, wird ein Weltkörper geprägt, der dadurch entsteht, daß in das vom Monde Herübergekommene das der Erde substantiell Entrissene hineingebracht wird.

Nun stellen Sie sich vor, wie ich die Verhältnisse des alten Mondes in der «Geheimwissenschaft» beschrieben habe. Diese Dinge des alten Mondes kommen dadurch zustande, daß noch nichts Mineralisches da ist. Wäre das vorhanden, so wäre es eine Erde und kein Mond. Indem Mineralisches entsteht, entsteht die Sphäre Vier. Indem Luzifer und Ahriman kommen und aus der Sphäre Vier das Mineralische herausreißen und in die Sphäre Drei dieses Mineralische hineinprägen, wird der Mond noch einmal wiederholt, aber mit dem Material, das eigentlich der Erde gehört.

Also merken Sie wohl: statt daß bloße Imaginationen da wären, werden die Imaginationen verdichtet mit dem, was der Erde an Mineralischem entrissen wird. Damit werden sie verdichtet, und es werden so verdichtete Imaginationen geschaffen. Wir sind also eingespannt in eine Welt von verdichteten Imaginationen, die dadurch nur keine mondhaften Imaginationen sind, daß sie durch das Material der Erde verdichtet sind. Das aber sind die Gespenster, das heißt, hinter unserer Welt ist eine Welt von Gespenstern, geschaffen von Luzifer und Ahriman.

Ich könnte es Ihnen schematisch so darstellen: Auf dem alten Monde

waren irgendwelche Bilder vorhanden. Die hätten auf die Erde übergehen sollen als etwas, was man überall auf der Erde wahrnimmt. Aber Luzifer und Ahriman haben sie sich zurückbehalten. Sie entreißen der Erde Erdbestandteile und füllen das mit Imaginationen aus, so daß diese Erdsubstanzen nicht zu irdischen Gebilden, sondern zu Mondgebilden werden. Wir haben also eingeschlossen in unsere vierte Sphäre eine solche Sphäre, die eigentlich Mondsphäre ist, die aber ganz ausgefüllt ist mit Erdenmaterial, also eine total falsche Sache im Weltall. Zu den sieben Sphären haben wir eine achte Sphäre dazugefügt, die gegen die fortschreitenden Geister gemacht ist. Daraus aber entsteht die Notwendigkeit, daß um jedes substantielle Teilchen, das zum Mineralischen werden kann, die Geister der Form auf der Erde kämpfen müssen, damit es ihnen nicht entrissen wird von Luzifer und Ahriman und in die achte Sphäre hineingebracht wird.

Also in Wahrheit liegt die Sache so, daß unsere Erde, die vierte Sphäre, gar nicht das ist, als was sie sich äußerlich darstellt. Wenn sie wirklich aus Atomen bestehen würde, würden alle diese Atome noch imprägniert sein von den Gebilden der achten Sphäre, die nur dem visionären Hellsehen wahrnehmbar sind. Es stecken diese Gebilde überall darinnen, und der Inhalt der achten Sphäre ist überall gespenster-haft vorhanden, kann also wahrgenommen werden, wie richtige Gespenster wahrgenommen werden. Darinnen also steht im Grunde genommen alles Erdensein. Fortwährend bemühen sich Luzifer und Ahri-man, aus der Erdensubstanz herauszubekommen, was sie nur erhäschen können, um ihre achte Sphäre zu formen, die dann, wenn sie genügend weit gekommen ist, von der Erde losgelöst wird und mit Luzifer und Ahriman ihre eigenen Weltwege einschlagen wird. Selbstverständlich würde dann die Erde sich gleichsam nur als Torso zum Jupiter hinüber entwickeln. Nun ist der Mensch aber, wie Sie sehen, voll hineingestellt in diese ganze Erdenentwickelung, denn das Mineralische durchdringt ihn ja ganz, er steht fortwährend darinnen. Der mineralische Prozeß geht überall durch uns hindurch, und der mineralische Prozeß ist überall in diesen Kampf hineingezogen, so daß ihm fortwährend Teilchen dieser Substanz entrissen werden können. Also wir selber sind durchdrungen davon. Luzifer und Ahriman kämpfen gegen die Geister der Form, und uns soll überall entrissen werden mineralische Substanz.

Das ist aber in den verschiedenen Gegenden unseres Organismus verschieden stark. Wir sind verschieden ausgebildet, wir haben vollkommenere und unvollkommenere Organe. Am vollkommensten ist unser Denkorgan, unser Gehirn und unser Schädel, und darinnen ist gerade der Kampf, den ich eben angedeutet habe, am allerstärksten. Und zwar ist er da deshalb am allerstärksten, weil dieser menschliche Schädel, dieses menschliche Gehirn so gebildet ist, wie es ist; und es ist deshalb so gebildet, wie es ist, weil es Luzifer an dieser Stelle unseres Leibes am meisten gelungen ist - und auch Ahriman - uns mineralische Substanz zu entreißen. Da ist die physische Substanz am allermeisten durchgeistigt. Unsere Schädelbildung ist dadurch entstanden, daß uns da am allermeisten entrissen worden ist. Dadurch können wir gerade mit unserem Kopfe uns am meisten befreien von unserem Organismus. Wir können in Gedanken uns erheben, können das Gute und Böse unterscheiden. Und dadurch eben ist es am allermeisten Luzifer und Ahriman gelungen, Substantialität zu entreißen, weil sie am meisten wegreißen konnten von der mineralisierten Substantialität gerade bei dem sogenannten edelsten Organ des Menschen. Es ist das so der Fall, daß da am meisten die mineralische Substanz herausgelöst ist. Diese Alchimie, daß mineralische Substanz in die achte Sphäre hinüberbefördert wird, findet fortwährend hinter den Kulissen unseres Daseins statt. Ich gebe zunächst Mitteilungen; die Belege dafür werden sich immer mehr ergeben.

Wenn nun alles glatt abginge für Luzifer und Ahriman, wenn alles klappte, wenn Luzifer und Ahriman immer so viel entreißen könnten, wie sie dem Organ des Kopfes entreißen, dann würde die Erdenentwickelung bald an einem Punkte ankommen, wo es Luzifer und Ahriman gelingt, unsere Erde zu vernichten und die ganze Weltenentwicke-lung hinüberzuleiten in die achte Sphäre, so daß die ganze Erdenentwickelung einen anderen Gang nehmen würde. Deshalb ist auch das Streben Luzifers, an dem angreifbarsten Punkte des Menschen, an seinem Kopfe, seine allergrößte Kraft zu entfalten. Das ist die Festung, die für ihn am allerleichtesten einnehmbar ist: der menschliche Kopf. Und alles das, was dem menschlichen Kopf in bezug auf die Verteilung des Mineralischen ähnlich ist, so daß es aufgesogen werden kann, das ist ebenso der Gefahr ausgesetzt, in die achte Sphäre hineingezogen zu werden. Nichts Geringeres steht bevor nach dieser Intention Luzifers und Ahrimans, als die ganze Menschheitsentwickelung verschwinden zu lassen in die achte Sphäre, so daß sie einen anderen Gang nehmen würde.

Wir sehen: es liegt die Tatsache vor, daß seit dem Beginn der Erdenentwickelung es die Intention Luzifers und Ahrimans war, die ganze Erdenentwickelung verschwinden zu lassen in die achte Sphäre. Dagegen mußten diejenigen Geister, die zu den Geistern der Form gehören, ein Gegengewicht schaffen. Das äußere Gegengewicht, das sie geschaffen haben, besteht darin, daß sie gleichsam in den Raum der achten Sphäre hinein etwas gestellt haben, was dem entgegenwirkt.

Nun müssen wir, wenn wir ganz richtig zeichnen wollen, die Sache so darstellen, daß, wenn wir da die Erde haben, wir die achte Sphäre hier zeichnen müssen. Sie ist hier als dasjenige, was zu unserer physischen Erde gehört. Wir sind überall im Grunde umgeben von den Imaginationen, in die fortwährend hineingezogen werden soll Mineralisches, Materielles. Daher hat eben das Opfer stattgefunden, die Aussonderung der Mondenkräfte durch Jahve oder Jehova, die mit einer viel dichteren Substanz erfolgt ist als die sonstige mineralisierte physische Substanz und die Jahve als Mond dahin gesetzt hat, als Gegenwirkung. Das war eine sehr derbe Substanz - und diese Derbheit hat insbesondere Sinnett beschrieben -, eine viel physischere, mineralischere Substanz, als sie auf der Erde irgendwo vorhanden ist, damit Luzifer und Ahriman sie nicht auflösen können in ihre imaginative Welt hinein.

Also dieser Mond kreist herum als eine derbe Materie - glasig, derb, dicht, unzerschlagbar. Selbst die physischen Beschreibungen des Mondes werden Sie in Übereinstimmung damit finden, wenn Sie sie genügend aufmerksam lesen. Da wurde alles, was verfügbar war auf der Erde, herausgezogen und da hineingestellt, damit genügend physische Materie vorhanden war, die nicht aufgesogen werden kann. Wenn wir den Mond betrachten, so sehen wir, daß im Weltall ein viel mineralischeres, dichteres, physisch viel dichteres Material vorhanden ist als irgendwo auf der Erde. So daß wir Jahve oder Jehova ansprechen müssen als diejenige Wesenheit, die schon auf dem physischen Gebiete dafür gesorgt hat, daß nicht alles Materielle aufgesogen werden kann von Luzifer und Ahriman. Dann wird zur richtigen Zeit von demselben Geiste dafür gesorgt werden, daß der Mond wieder hineingeht in die Erde, wenn die Erde stark genug sein wird, ihn wieder aufzunehmen, wenn die Gefahr beseitigt ist durch die entsprechende Evolution.

Das ist auf dem äußerlichen physisch-mineralischen Gebiete. Auf dem menschlichen Gebiete mußte aber auch der Intention, die gegenüber dem menschlichen Kopfe bestand, ein Gegengewicht geschaffen werden. Geradeso wie draußen Materie verdichtet werden mußte, damit Luzifer und Ahriman sie nicht auflösen können durch ihre Alchimie, so mußte im Menschen etwas entgegengesetzt werden dem Organ, das am allermeisten attackiert werden kann von Luzifer und Ahriman. Es mußte also Jehova auch dafür sorgen, wie er auf dem äußerlichen mineralischen Gebiete dafür gesorgt hat, daß nicht alles der Attacke des Luzifer und Ahriman verfallen kann.

Es mußte dafür gesorgt werden, daß beim Menschen nicht alles Luzifer und Ahriman verfallen kann, was vom Kopfe ausgeht. Es mußte dafür gesorgt werden, daß nicht alles beruht auf Kopfarbeit und äußerer sinnlicher Wahrnehmung, denn dann würden Luzifer und Ahriman gewonnenes Spiel haben. Es mußte auf dem Gebiete des Erdenlebens ein Gegengewicht geschaffen werden. Es mußte etwas da sein im Menschen, das vom Kopfe richtig unabhängig war. Und das wurde dadurch erreicht, daß durch die Arbeit der guten Geister der Form dem Vererbungsprinzip der Erde das Prinzip der Liebe eingepflanzt wurde, das heißt, daß im Menschengeschlechte jetzt etwas lebt, was unabhängig vom Kopfe ist, was übergeht von Generation zu Generation, und was in der physischen Natur des Menschen seine unterste Anlage hat.

Alles das, was mit der Fortpflanzung und mit der Vererbung zusammenhängt, alles das, was vom Menschen unabhängig ist so, daß er mit seinem Denken nicht hinein kann, alles das, was der Mond am Himmelsgewölbe ist, das ist im Menschen dasjenige, was, Fortpflanzung und Vererbung durchdringend, von dem Prinzip der Liebe vorhanden ist. Daher dieser wütende Kampf von Luzifer und Ahriman, der durch die Geschichte hindurchgeht, gegenüber allem, was aus diesem Gebiete kommt. Luzifer und Ahriman wollen dem Menschen immer die ausschließliche Herrschaft des Kopfes aufdrängen und richten ihre Attacken auf dem Umwege des Kopfes gegen alles, was äußerliche, rein natürliche Verwandtschaft ist. Denn alles, was Vererbungssubstanz auf der Erde ist, das kann nicht von Luzifer und Ahriman genommen werden. Was der Mond am Himmel ist, ist auf der Erde unter den Menschen die Vererbung. Alles, was auf Vererbung beruht, alles, was der Mensch nicht durchdenkt, was zusammenhängt mit der physischen

Natur, das ist Jahve-Prinzip. Das Jahve-Prinzip ist am tätigsten da, wo die sozusagen natürliche Natur wirkt; da hat er am meisten seine natürliche Liebe ausgegossen, um ein Gegengewicht zu schaffen gegen die Lieblosigkeit, gegen die Tendenz der bloßen Weisheit von Luzifer und Ahriman.

Man müßte nun gewisse Kapitel, die von ganz anderen Gesichtspunkten in letzter Zeit erörtert worden sind, gründlich durchgehen, um zu zeigen, wie in dem Monde und in der menschlichen Vererbung von den Geistern der Form Barrikaden gegen Luzifer und Ahriman geschaffen worden sind. Wenn Sie tiefer über diese Dinge nachdenken, so werden Sie finden, daß mit diesen Andeutungen etwas außerordentlich Wichtiges gesagt ist.

Nun muß man, um wenigstens einiges davon zu verstehen, die Sache noch von einem etwas anderen Gesichtspunkt betrachten. Wenn Sie nach unserer «Geheimwissenschaft» die Entwickelung des Menschen nehmen, so wie sie geschritten ist durch Saturn, Sonne und Mond, so werden Sie sehen, daß auf dem Saturn, auf der Sonne und auf dem Monde von einer Freiheit nicht die Rede sein kann. Da ist der Mensch in ein Gewebe von Notwendigkeit eingesponnen. Da ist alles notwendig. Dem Menschen mußte die mineralische Natur eingegliedert werden, er mußte ein vom Mineralischen durchzogenes Wesen werden, um für die Freiheit reif zu werden, so daß der Mensch zur Freiheit nur erzogen werden kann innerhalb der irdischen, sinnlichen Welt.

Das ist schon eine ungeheuer wichtige Bedeutung der irdisch-sinnlichen Welt: das, was die Menschheit sich erwerben soll, die Freiheit des Willens, das kann sie sich nur erwerben während der Erdenentwickelung. Auf dem Jupiter, auf der Venus und auf dem Vulkan werden die Menschen diese Freiheit brauchen. Man betritt also, wenn man die Freiheit ins Auge faßt, ein ganz bedeutungsvolles Gebiet, denn man erkennt, daß die Erde die Erzeugerin der Freiheit ist, gerade dadurch, daß sie den Menschen mit Physischem, Mineralischem imprägniert.

Daraus werden Sie aber erkennen, daß dasjenige, was aus dem freien Willen stammt, gerade im Irdischen erhalten werden muß. Man kann es, wenn man sich hellseherisch weiterentwickelt, vom Irdischen hinauftragen in spätere Entwickelungen, aber man darf es nicht hineintragen in die Sphäre Drei, Zwei und Eins. In ihnen ist das, was von dem Freiheitsprinzip stammt, nicht möglich. Die sind ihrer Natur nach unmöglich für die Freiheit. Luzifer und Ahriman haben aber das Bestreben, gerade des Menschen freien Willen hereinzuzerren in ihre achte Sphäre; gerade alles das, was aus des Menschen freiem Willen stammt, nicht daraus stammen zu lassen, sondern es hineinzuzerren in ihre achte Sphäre. Das heißt, der Mensch ist fortwährend der Gefahr ausgesetzt, daß ihm sein freier Wille entrissen und hineingezerrt werde in die achte Sphäre.

Das geschieht dann, wenn das freie Willenselement zum Beispiel umgewandelt wird in visionäres Hellsehen. Da ist der Mensch schon darinnen in der achten Sphäre. Und das ist etwas, was man so ungern von selten der Okkultisten sagt, weil es eigentlich eine furchtbare Wahrheit ist: In dem Augenblick, wo der freie Wille umgewandelt wird zu visionärem Hellsehen, ist dasjenige, was sich im Menschen entwickelt, ein Beutestück von Luzifer und Ahriman. Das wird sofort eingefangen von Luzifer und Ahriman und wird für die Erde dadurch zum Verschwinden gebracht. Daraus können Sie sehen, wie durch die Bindung des freien Willens gleichsam die Gespenster der achten Sphäre geschaffen werden. Fortwährend sind Luzifer und Ahriman damit beschäftigt, den freien Willen des Menschen zu binden und ihm allerlei Dinge vorzugaukeln, um dann das, was ihm vorgegaukelt wird, ihm zu entreißen und in der achten Sphäre verschwinden zu lassen. Und das, was so naivgläubige, aber doch abergläubische Menschen an allerlei Hellsehen entwickeln, ist oftmals so, daß da ihr freier Wille hineinimprägniert wird. Dann schafft es Luzifer gleich hinweg, und während die Menschen dann etwas von der Unsterblichkeit zu erreichen glauben, schauen sie in Wahrheit in ihren Visionen zu, wie ein Stück oder ein Produkt ihres Seelenwesens herausgerissen und für die achte Sphäre präpariert wird.

Sie können sich daher denken, wie schwer jene Menschen berührt gewesen sein müssen, welche durch Kompromiß übereingekommen waren, auf dem Wege des Mediumismus den Menschen allerlei Wahrheiten von der geistigen Welt beizubringen, und dann erlebt haben, wie die Medien glaubten, daß die Toten zu ihnen sprächen. Die Okkultisten haben aber dann gewußt: das, was zwischen Medien und lebendigen Menschen vorgeht, besteht darin, daß der Strom des freien Willens hineingeht in die achte Sphäre. Statt an das Ewige anzuknüpfen, brachten sie gerade das zutage, was fortwährend in die achte Sphäre hinein verschwand.

Daraus können Sie auch ersehen, daß Luzifer und Ahriman eine Gier danach haben, soviel als möglich in die achte Sphäre hereinzubringen. Da hat Goethe, wenn er auch Luzifer und Ahriman durcheinandergemischt hat, doch gut geschildert, wie eine Seele entrissen wird dem Mephistopheles-Ahriman! Denn das wäre die stärkste Beute, wenn es jemals Luzifer und Ahriman gelingen könnte, eine ganze Seele für sich zu gewinnen, eine ganze Seele hinwegzuschnappen; denn dadurch würde eine solche Seele für die Erdenentwickelung in die achte Sphäre hinein verschwunden sein. Der größte Sieg also wäre es für Luzifer und Ahriman, wenn sie einmal sagen könnten, daß in ihr Reich möglichst viele tote Menschen eingegangen wären. Das wäre ihr größter Sieg. Und es gibt einen Weg, das zu erreichen. Nämlich Luzifer und Ahriman können so sagen: Die Menschen wollen doch nun eigentlich etwas wissen über das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Sagen wir ihnen also, daß sie von den Toten etwas erfahren, dann werden sie zufrieden sein, und dann werden sie ihr Gefühl nach dem Reiche, aus dem ihnen etwas als von den Toten kommend verkündigt wird, hinwenden. Wollen wir also, daß die Gemüter der Menschen nach der achten Sphäre gelenkt werden, dann sagen wir den Menschen: Wir erzählen euch etwas von den Toten. - Wir fangen die Menschen ein, indem wir vorgeben, bei uns seien die Toten.

Diesen teuflischen Plan - denn wir reden jetzt von dem Teufel -brachten Luzifer und Ahriman zur Geltung, als der Okkultismus darauf hineingefallen war, durch den Mediumismus etwas machen zu wollen. Sie inspirierten alle die Medien, durch die sie die ganze Sache arrangiert haben, damit die Menschen zu dem Reiche, aus dem die Toten sprechen sollen, hingelenkt werden, und Luzifer und Ahriman jetzt die Seelen erhäschen können. Das erschreckte die Okkultisten, als sie sahen, welchen Gang die Sache genommen hatte, und sie sannen, wieder abzukommen von diesem Weg. Selbst die von der Linken sahen das ein, und sie sagten daher: Machen wir etwas anderes! - Dazu bot sich dann Gelegenheit durch das Hereintreten einer so ganz merkwürdigen Persönlichkeit wie H. P. Blavatsky war. Es handelte sich für Luzifer und Ahriman darum, nun, nachdem der Plan durchschaut war, da sozusagen die Okkultisten der Erde nicht mehr ihre Hand dazu boten, diesen Plan zu verwirklichen, auf eine andere Weise zu Rande zu kommen.

Nun war also in selbstverständlicher Entwickelung der Erde der Materialismus hereingekommen. Man mußte daher, um die mineralische Entwickelung als solche ins Auge zu fassen, die Aufmerksamkeit nur auf das Materielle hinlenken. Das ist aber der Materialismus! Die Okkultisten, die Sonderzwecke hatten, die sagten sich: Also rechnen wir einmal mit dem Materialismus. Wenn man den bloßen irdischen Materialismus nimmt, dann muß der Mensch doch einmal durch sein Denken dahinterkommen, daß es keine Atome gibt. Da kann man nicht viel Grünes pflanzen, wenn man bloß beim irdischen Materialismus bleibt. Aber sicher kann man des Menschen Denken verderben, wenn man den Materialismus okkult macht. Und dazu ist die beste Gelegenheit, daß man den Mond, der als Gegensatz zur achten Sphäre geschaffen werden mußte, als achte Sphäre hinstellt! Denn wenn die Menschen glauben, die Materie, die als Gegengewicht geschaffen werden mußte zur achten Sphäre, sei die achte Sphäre, dann überbietet man jeden irdischen und denkbaren Materialismus. - Und jeder irdische Materialismus wird überboten durch diese Behauptung von Sinnett. Da wird der Materialismus auf das okkulte Gebiet getragen, da wird der Okkultismus Materialismus. Aber über kurz oder lang hätten die Menschen dahinterkommen müssen. H. P. Blavatsky, die tief hineinsah in dieses Erdenwerden, ahnte etwas davon, nachdem sie hinter die Schliche jener merkwürdigen Individualität gekommen war, von der ich schon in den letzten Stunden gesprochen habe. Sie sagte sich: Das kann nicht so weitergehen, das muß anders gemacht werden. - Das sagte sie aber unter dem Einflüsse der indischen Okkultisten des linken Pfades: Es muß anders gemacht werden, aber es muß doch irgendwie etwas geschaffen werden, worauf man nicht so leicht kommt.

Um nun ihrerseits etwas zu schaffen, was über das Sinnettsche hinausging, war sie auf die Vorschläge der sie inspirierenden indischen Okkultisten eingegangen. Diese hatten nichts anderes im Auge, da sie Anhänger des linken Pfades waren, als ihre indischen Sonderinteressen. Sie hatten im Auge, über die Erde hin ein Weisheitssystem zu begründen, aus dem der Christus ausgeschlossen war, und aus dem auch Jahve, Jehova ausgeschlossen war. Es mußte also etwas hineingeheimnißt werden in die Theorie, was nach und nach Christus und Jahve eliminierte.

Da wurde das Folgende beschlossen. Man sagte: Seht einmal Luzifer an. - Von Ahriman sprach man nicht, man erkannte ihn so wenig, daß man den einen Namen für beide gebrauchte. - Dieser Luzifer ist eigentlich der große Wohltäter der Menschheit. Der bringt den Menschen alles, was die Menschen durch ihr Haupt, durch ihren Kopf haben: Wissenschaft, Kunst, kurz allen Fortschritt. Das ist der wahre Lichtgeist, das ist derjenige, an den man sich halten muß. Und Jahve, was hat der eigentlich getan? Die sinnliche Vererbung hat er über die Menschen ausgegossen! Er ist ein Mondgott, der das Mondhafte hineingebracht hat.- Daher die Behauptung der «Geheimlehre»: an Jahve dürfe man sich nicht halten, denn der sei nur der Herr der Sinnlichkeit und alles niedrigen Irdischen, der wahre Wohltäter der Menschheit sei Luzifer. - Die ganze «Geheimlehre» ist so eingerichtet, daß das hindurchleuchtet, und es ist auch deutlich darin ausgesprochen. Daher mußte H. P. Blavatsky zu einem Christus-Jahve-Hasser präpariert werden aus okkulten Gründen heraus. Denn auf okkultem Gebiete bedeutet jener Ausspruch genau dasselbe, was auf dem Sinnettschen Gebiete der Ausspruch bedeutet: der Mond ist die achte Sphäre.

Solchen Dingen kommt man nur durch Erkenntnis bei, richtig nur durch Erkenntnis kommt man ihnen bei. Daher mußte schon, als wir unsere Zeitschrift «Luzifer-Gnosis» begannen, der erste Artikel über Luzifer handeln, damit man ihn richtig ins Auge faßte, damit man sieht, daß er durch das, was er tut, ein Wohltäter der Menschheit ist, indem er die Kopfarbeit bringt. Aber das Gegengewicht muß auch da sein: als Gegengewicht mußte die Liebe da sein. Das war schon in dem ersten Artikel in «Luzifer» geschrieben, weil an diesem Punkte überhaupt eingesetzt werden mußte.

Sie sehen, die Dinge sind ziemlich verwickelt. Im Grunde genommen war auch, was man durch H.P.Blavatsky erreichen wollte, dieses: die Menschen zum Glauben an die achte Sphäre zu verführen. Man konnte sie am leichtesten zum Glauben an die achte Sphäre verführen, wenn man ihnen in der «Geheimlehre» etwas Falsches als die achte Sphäre vorführte. - Natürlich wurden die Menschen zur geistigen Welt hingelenkt. Dieses große Verdienst hat die «Geheimlehre» von H. P. Blavatsky, daß die Menschen durch sie zur geistigen Welt hingelenkt worden sind. Aber der Weg war ein solcher, welcher Sonderinteressen verfolgte, nicht die Interessen der allgemeinen Menschheitsentwickelung. Alle diese Dinge müssen wir dringend ins Auge fassen, wenn wir uns ganz klar werden wollen, welches der heilsame Weg ist. Wir dürfen nicht ohne Belege leere Worte hinnehmen, wenn wir einen wirklichen Okkultismus haben wollen. Wir müssen schon die Dinge klar sehen wollen. Insbesondere in dem jetzigen Zeitpunkte unserer Entwickelung mußte ich einige Andeutungen gerade über diese Dinge machen, Andeutungen, die ein anderes Mal noch durch bedeutungsvollere Sachen ergänzt werden können. Ich mußte sie Ihnen aus dem Grunde machen, weil, wenn Sie diese Dinge richtig ins Auge fassen, Sie sehen werden, wie von dem Beginne unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung an unser Schiff gesteuert worden ist; so gesteuert worden ist, daß gerechnet wird mit all den Abwegen, die genommen werden können, und mit alledem, was gewissermaßen der geistigen Entwickelung der Menschheit drohte.

Es durfte nicht blind, nicht irgendwie aus einer Schwärmerei heraus ein Weg in die geistige Welt angedeutet werden. Daher mußte ständig immer wieder und wieder die Ermahnung unter Sie, meine lieben Freunde, gestreut werden, daß es notwendig, dringend notwendig ist, sich nicht betören zu lassen durch das, was den Menschen hinführt zur achten Sphäre. Und wenn immer wieder geredet worden ist davon, man solle vorsichtiger sein auf dem Gebiete des visionären Hellsehens, man solle dasjenige Hellsehen allein als richtig gelten lassen, welches Luzifer und Ahriman ausschließt und in die höheren Welten hinaufführt, dann sieht man, daß ausgemerzt werden sollte, was die Seele mit der achten Sphäre in Gemeinschaft zu bringen vermag. Wenn immer wieder die Tendenz auftritt, den freien Willen zu binden und zu fesseln an das Gebiet des visionären Hellsehens, so ist das ein Zeichen, daß im Grunde genommen den klaren Bestrebungen innerhalb unserer Bewegung Widerstand geleistet worden ist aus der Liebe zu der Bindung des freien Willens in das visionäre Hellsehen hinein.

Wie froh waren manche, wenn sie diesen freien Willen nur binden konnten! Das zeigte sich daran, wieviel von denjenigen Bewegungen, die ich gekennzeichnet habe, von außen hereingetragen worden ist in unsere Bewegung. Nicht von Blavatsky und nicht von außen, sondern durch unsere Mitglieder selber wurde beständig Bresche geschlagen in das, was erreicht werden sollte. Und das geschah und geschieht dadurch, daß man immer wieder bewundert, was von visionären Hellsehern herangebracht wird! Wenn man bewunderte, was von visionären Hellsehern herangebracht wurde, dann war das ein solches Brescheschlagen, und dann war das ein Ausdruck der perversen Liebe zur achten Sphäre. Und wenn der oder jener gesagt hat: Der Doktor hat gesagt, daß es gemacht werden soll -, dann bedeutet das, daß ein solcher den freien Willen fremden Einflüssen überliefern wollte, daß er ihn nicht durch sich, sondern durch etwas anderes bestimmen lassen wollte; er wollte, der andere solle in die physische Welt eine Geneigtheit tragen, den freien Willen binden zu lassen. Auch jedesmal, wenn die Menschen sich auf Fatalismus verlassen, statt durch ihre Urteilskraft zu entscheiden, zeigen sie ihre Neigung zu der achten Sphäre; und alles, was wir für die achte Sphäre erleben, verschwindet von der Erdenentwickelung, geht nicht mit der Erdenentwickelung in der rechten Weise vorwärts." [1]

Lit.:
[1] Rudolf Steiner, Die okkulte Bewegung im neunzehnten Jahrhundert und ihre Beziehung zur Weltkultur, GA 254, Dornach, 18. Oktober 1915


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=281letzte Änderung: 2003-10-09


Achtgliedriger Pfad

Der achtgliedrige Pfad bildet das Herzstück der Lehre des Buddha und weist den Weg, durch den sich der Mensch aus dem leidvollen Rad der Wiedergeburten (Samskara) lösen kann und einer weiteren irdischen Verkörperung nicht mehr bedarf. Dazu ist eine Reinigung des Astralleibes nötig, denn es sind die niederen Triebe und Begierden des Astralleibes, die dem Menschen zum Schicksalsverhängnis (Karma) werden und ihn immer wieder zu neuen irdischen Geburten herunterziehen. Im Zuge der Läuterung des Astralleibes nimmt dieser eine immer geordnetere Gestalt an, insbesondere werden die Organe des Astralleibes, die Lotosblumen, harmonisch ausgebildet, werden aktiv und beginnen sich zu drehen. Die Arbeit am Astralleib kann von verschiedenen Lotosblumen ihren Ausgang nehmen; der achtgliedrige Pfad zielt auf die geregelte Ausbildung der sechzehnblättrigen Lotosblume in der Kehlkopfgegend. Der achtgliedrige Pfad gliedert sich in folgende Stufen:

1. Richtige Meinung
2. Richtiges Urteilen
3. Richtiges Wort
4. Richtige Handlungsweise
5. Richtiger Standort
6. Richtige Gewohnheit
7. Richtiges Gedächtnis
8. Richtige Beschaulichkeit.

"Das ist die Ursache des Leidens in der Welt - sagte Buddha -, daß aus den früheren Inkarnationen etwas zurückgeblieben ist, über das der Mensch nichts weiß. Was er aus den früheren Inkarnationen hat, das ist die Ursache, weshalb sich bei ihm Nichtwissen über die Welt ausbreitet; das ist die Ursache beim Menschen für Leid und Schmerz, für Kümmernis und Sorge. Aber wenn er sich bewußt wird, was in seinem astralischen Leibe für Kräfte liegen, in die er hineindringen kann, dann kann er sich, wenn er will, ein Wissen aneignen, das unabhängig geblieben ist von allem Früheren, ein eigenes Wissen.

 

Dieses Wissen wollte der große Buddha den Menschen übermitteln. Und er übermittelte es ihnen in dem sogenannten achtgliedrigen Pfad. Darin will er diejenigen Kräfte angeben, welche der Mensch ausbilden soll, damit er im gegenwärtigen Menschheitszyklus zu einem solchen Wissen kommt, das unbeeinflußt ist von den immer wiederkehrenden Wiedergeburten. So hat der Buddha selbst durch die Kraft, die er erlangt hat, seine Seele erhoben zu dem, was man durch die intensivsten Kräfte des astralischen Leibes erlangen kann; und er wollte in dem achtgliedrigen Pfad der Menschheit den Weg vorzeichnen, wie sie zu einem von dem Samskara unbeeinflußten Wissen kommen kann. Er definierte es so:

Der Mensch kommt zu einem solchen Wissen über die Welt, wenn er sich eine richtige Meinung über die Dinge aneignet, eine Meinung, die nichts zu tun hat mit Sympathie oder Antipathie oder damit, daß er für sie eingenommen ist, sondern indem er versucht - rein nach dem, was sich ihm außen darbietet -, nach Kräften über ein jedes Ding die richtige Meinung zu gewinnen. Das ist das erste, die «richtige Meinung» über eine Sache.

Als zweites ist notwendig, daß man unabhängig werde von dem, was aus den früheren Inkarnationen zurückgeblieben ist, daß wir uns bestreben, nach unserer richtigen Meinung auch zu urteilen, nicht nach irgendwelchen anderen Einflüssen, sondern nur nach dem, was unsere richtige Meinung von einer Sache ist. Also das «richtige Urteilen» ist das zweite, um was es sich handelt.

Das dritte ist, daß wir uns bestreben, wenn wir uns der Welt mitteilen, das auch richtig auszudrücken, was wir mitteilen wollen, was wir richtig meinen und richtig geurteilt haben, daß wir in unsere Worte nichts anderes hineinlegen, als was unsere Meinung ist, und zwar nicht nur in unsere Worte, sondern in alle Äußerungen der menschlichen Wesenheit. Das ist das «richtige Wort» im Sinne Buddhas.

Als viertes ist notwendig, daß wir uns bestreben, nicht nach unseren Sympathien und Antipathien, nicht nach dem, was dunkel in uns wühlt als Samskara, unsere Taten auszuführen, sondern daß wir dasjenige zur Tat werden lassen, was wir als unsere richtige Meinung, als unser richtiges Urteilen und als richtiges Wort erfaßt haben. Das ist also die richtige Tat, die «richtige Handlungsweise».

Das fünfte, was der Mensch braucht, um sich frei zu machen von dem, was in ihm lebt, das ist, den richtigen Stand, die richtige Lage in der Welt zu gewinnen. Was Buddha damit meinte, können wir uns am besten klarmachen, wenn wir uns sagen: Es gibt so viele Menschen, die mit ihrer Aufgabe in der Welt unzufrieden sind, die meinen, sie könnten besser an diesem oder jenem Platze stehen. Aber der Mensch sollte die Möglichkeit gewinnen, aus der Lage, in die er hineingeboren ist oder in die ihn das Schicksal hineingebracht hat, das Beste herauszuholen, was er herausholen kann, also den besten Standort gewinnen. Wer nicht Befriedigung fühlt in seiner Lage, in der er ist, der wird auch nicht aus dieser Lage die Kraft herausziehen können, die ihn zum richtigen Wirken in der Welt bringt. Das nennt Buddha den «richtigen Standort» gewinnen.

Das sechste ist, daß wir immer mehr und mehr dafür sorgen, daß dasjenige, was wir uns so aneignen durch richtige Meinung, richtiges Urteilen und so weiter, in uns zur Gewohnheit werde. Werden wir in die Welt hineingeboren, so haben wir gewisse Gewohnheiten. Das Kind zeigt diese oder jene Neigung oder Gewohnheit. Der Mensch aber sollte sich bestreben, nicht die Gewohnheiten zu behalten, die aus Samskara ihm kommen, sondern sich jene Gewohnheiten anzueignen, die aus der richtigen Meinung, dem richtigen Urteil, dem richtigen Wort und so weiter ihm nach und nach ganz zu eigen werden. Das sind die «richtigen Gewohnheiten», die wir uns aneignen sollen.

Das siebente ist, daß wir dadurch Ordnung in unser Leben bringen, daß wir nicht immer das Gestern vergessen, wenn wir heute handeln sollen. Wenn wir jedesmal alle unsere Geschicklichkeiten neu lernen müßten, dann würden wir nie etwas zustande bringen. Der Mensch muß versuchen, über alle Dinge seines Daseins ein Gedenken, ein Gedächtnis zu entwickeln. Er muß immer das verwerten, was er schon gelernt hat, muß die Gegenwart an die Vergangenheit anknüpfen. Also das «richtige Gedächtnis» - so ist es im buddhistischen Sinne gesprochen - hat sich der Mensch auf dem achtgliedrigen Pfade anzueignen.

Und das achte ist das, was der Mensch dadurch gewinnt, daß er ohne Vorliebe für diese oder jene Meinung, ohne daß er mitsprechen läßt, was ihm von früheren Inkarnationen geblieben ist, sich rein den Dingen hingibt, sich in sie versenkt und nur die Dinge zu sich sprechen läßt. Das ist die «richtige Beschaulichkeit»."[1]

In der sechsten Kulturepoche (siehe -> Weltentwicklungsstufen), die unserer jetzigen folgt, wird nach Rudolf Steiners Angaben eine größere Anzahl von Menschen so weit sein, dass sie ohne äußere Kenntnis des Buddhismus den achtgliedrigen Pfad eigenständig aus ihren Seelentiefen schöpfen und in ihrem Leben verwirklichen werden.

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Das Lukas-Evangelium, GA 114, S 66 ff., Dritter Vortrag, Basel, 17. September 1909


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=84letzte Änderung: 2005-03-05


Ahriman
Mephistopheles

(siehe auch -> Mephistopheles, Ahriman und -> Widersacher)

"Wären diese luziferischen Geister nicht gekommen, dann würde der Mensch nicht so früh in die irdische Sphäre hinuntergestiegen sein. Seine Leidenschaft, seine Begierde für die sinnliche Welt hat es auch gemacht, daß er früher seine Augen aufgeschlossen erhalten hat, daß er früher den ganzen Umkreis des sinnlichen Daseins hat sehen können. Der Mensch hätte, wenn es regelmäßig nach den fortschreitenden Geistern gegangen wäre, erst von der Mitte der atlantischen Zeit an die Umwelt gesehen. Aber er hätte sie dann geistig gesehen, nicht so wie heute, er hätte sie so gesehen, daß sie ihm überall der Ausdruck von geistigen Wesenheiten gewesen wäre. Dadurch, daß der Mensch verfrüht herunterversetzt worden ist in die irdische Sphäre, daß ihn seine irdischen Interessen und Begierden heruntergedrängt haben, dadurch kam es anders, wie es sonst gekommen wäre in der Mitte der atlantischen Zeit.

Dadurch haben sich hineingemischt in das, was der Mensch hat sehen und begreifen können, die ahrimanischen Geister, diejenigen Geister, die eben auch mit dem Namen mephistophelische Geister bezeichnet werden können. Dadurch verfiel der Mensch in Irrtum, verfiel in das, was man eigentlich erst die bewußte Sünde nennen könnte. Also von der Mitte der atlantischen Zeit an wirkt auf den Menschen die Schar der ahrimanischen Geister ein. Wozu hat nun diese Schar der ahrimanischen Geister sozusagen den Menschen verführt? Sie hat ihn dazu verführt, daß er das, was in seiner Umgebung ist, für stofflich, für materiell hält, daß er nicht durch dieses Stoffliche hindurchsieht auf die wahren Untergründe des Stofflichen, auf das Geistige. Würde der Mensch in jedem Stein, in jeder Pflanze und in jedem Tier das Geistige sehen, er würde niemals verfallen sein in Irrtum und damit in das Böse, sondern der Mensch würde, wenn nur die fortschreitenden Geister auf ihn gewirkt hätten, bewahrt geblieben sein vor jenen Illusionen, denen er immer verfallen muß, wenn er nur auf die Aussage der Sinneswelt baut.

Was haben nun dagegen diejenigen geistigen Wesenheiten, welche den Menschen in seinem Fortschreiten erhalten wollen, gegen diese Verführung, gegen Irrtum und Illusion aus dem Sinnlichen unternommen? Sie haben dagegen unternommen, daß der Mensch tatsächlich nunmehr erst mit Recht - natürlich ist das langsam und allmählich gekommen, aber hier liegen die Kräfte, warum das gekommen ist - sozusagen in die Lage versetzt wird, aus der sinnlichen Welt heraus wiederum die Möglichkeit zu gewinnen, über Irrtum und Sünde und das Böse hinwegzukommen, das heißt, sie haben dem Menschen die Möglichkeit gegeben, sein Karma zu tragen und auszuwirken. Haben also diejenigen Wesenheiten, welche die Verführung der luziferischen Wesenheiten gutzumachen hatten, Leiden und Schmerzen, ja auch das, was damit zusammenhängt, den Tod in die Welt gebracht, so haben diejenigen Wesenheiten, welche auszubessern hatten, was aus dem Irrtum über die sinnliche Welt fließt, dem Menschen die Möglichkeit gegeben, durch sein Karma allen Irrtum wieder zu beseitigen, alles Böse wiederum zu verwischen, das er in der Welt angerichtet hat. Denn was wäre geschehen, wenn der Mensch nur dem Bösen, dem Irrtum verfallen wäre ? Dann würde der Mensch nach und nach sozusagen eins geworden sein mit dem Irrtum, er würde unmöglich haben vorwärtsschreiten können; denn mit jedem Irrtum, mit jeder Lüge, mit jeder Illusion werfen wir uns ein Hindernis des Fort-schreitens in den Weg. Wir würden immer um so viel zurückkommen in unserem Fortschreiten, als wir uns Hindernisse in den Weg werfen durch Irrtum und Sünde, wenn wir nicht in der Lage wären, Irrtum und Sünde zu korrigieren, das heißt, wir könnten in Wahrheit das Menschenziel nicht erreichen. Es wäre unmöglich, das, was das Menschenziel ist, zu erreichen, wenn nicht die gegensätzlichen Kräfte, die Kräfte des Karma, wirken würden.

Denken Sie einmal, Sie begehen irgendein Unrecht in einem Leben. Dieses Unrecht, das Sie begangen haben, das bedeutet, wenn es so stehenbliebe in Ihrem Leben, nichts Geringeres, als daß Sie den Schritt, den Sie vorwärts gemacht hätten, wenn Sie das Unrecht nicht begangen hätten, verloren haben. Und mit jedem Unrecht würden Sie einen Schritt verlieren, und dafür wäre gesorgt, daß genügend viele Schritte zurück gemacht werden. Wenn die Möglichkeit nicht gegeben wäre, sich über den Irrtum zu erheben, so müßte der Mensch zuletzt in Irrtum versinken. So aber ist die Wohltat des Karma eingetreten. Was bedeutet diese Wohltat für den Menschen? Ist Karma irgend etwas, vor dem der Mensch sich fürchten soll, vor dem der Mensch schaudern soll ? Nein! Karma ist eine Macht, für die der Mensch eigentlich den Weltenplänen dankbar sein sollte. Denn Karma sagt uns: Hast du einen Irrtum begangen - Gott läßt seiner nicht spotten! Was du gesät hast, das mußt du auch ernten. Dieser Irrtum bewirkt, daß du ihn verbessern mußt; dann hast du ihn aus deinem Karma ausgetilgt und du kannst wieder ein Stück vorwärtsschreiten.

Ohne Karma wäre unser Fortschreiten in der menschlichen Laufbahn unmöglich. Karma erweist uns die Wohltat, daß wir jeden Irrtum wieder gutmachen müssen, daß wir alles, was wir rückwärts getan haben, wieder vernichten müssen. So trat als die Folge der Taten des Ahriman Karma auf."[1]

"Die Furcht ist eine unmittelbare Folge des Irrtums. — Man sieht aber auch, wie mit dem luziferischen Einflusse der Mensch unabhängig wurde von bestimmten Kräften, denen er vorher willenlos hingegeben war. Er konnte nunmehr aus sich heraus Entschlüsse fassen. Die Freiheit ist das Ergebnis dieses Einflusses. Und die Furcht und ähnliche Gefühle sind nur Begleiterscheinungen der Entwickelung des Menschen zur Freiheit.

Geistig angesehen stellt sich das Auftreten der Furcht so, daß innerhalb der Erdenkräfte, unter deren Einfluß der Mensch durch die luziferischen Mächte gelangt war, andere Mächte wirksam waren, die viel früher im Entwickelungslaufe als die luziferischen Unregelmäßigkeit angenommen hatten. Mit den Erdenkräften nahm der Mensch die Einflüsse dieser Mächte in sein Wesen herein. Sie gaben Gefühlen, die ohne sie ganz anders gewirkt hätten, die Eigenschaft der Furcht. Man kann diese Wesenheiten die ahrimanischen nennen; sie sind dieselben, die — in Goethes Sinne — mephistophelisch genannt werden."[2]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Geisteswissenschaftliche Menschenkunde, GA 107, S 244 ff., Sechzehnter Vortrag, Berlin, 22. März 1909
[2]Rudolf Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriß, GA 13 (1968), im Kapitel Die Weltentwicklung und der Mensch


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=150letzte Änderung: 2002-09-12


Ahura Mazdao

Als Ahura Mazdao (pers., wörtlich Große Sonnen-Aura) erschien dem geöffneten geistigen Blick der Urperser der weisheitserfüllte Astralleib der Sonne. Ahura Mazdao wird daher auch gelegentlich als "Große Weisheit" übersetzt. Dahinter steht als geistiger Wesenskern Honover, das göttliche Schöpfungswort. Zarathustra erkannte in Ahura Mazdao den Christus, der aus der Sonnensphäre stufenweise zur Erde herabsteigt.


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=286letzte Änderung: 2006-09-06


Akasha
Akashastoff

"Nun kommen wir in die vierte Region des Geistesreiches. Dies ist ein ganz besonderes Reich; die Schöpfer und Beseeler aller Dinge sind dort am Werke. Der sogenannte Akashastoff ist die Substanz, der Ton, aus dem alles geformt wird. Das ist ein Bild, von dem alle Magier sprechen. Goethe spricht auch davon, an der Stelle, wo er von Feuerluft spricht. Es ist derjenige Stoff, der die größte Plastizität hat, der Stoff, in den man von einer Seite die materiellen Gebilde, auf der anderen Seite den Geist eindrücken kann."[1]

(Näheres dazu siehe -> Akasha-Chronik)

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Über die astrale Welt und das Devachan, GA 88 (1999), S 95


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=45letzte Änderung: 2003-07-16


Akasha-Chronik
das Weltengedächtnis

Das geistige Weltengedächtnis, der -> Akashastoff, in dem der Geistesforscher die Ereignisse der fernsten Vergangenheit lesen kann - allerdings nicht so, wie sie sich unmittelbar äußerlich zugetragen haben, sondern von der Seite des inneren seelischen Erlebens her.

Das Wort Akasha stammt aus dem indischen Sanskrit und leitet sich ab von der Silbe kash = leuchten, strahlen, glänzen. Akasha bedeutet in der indischen Anschauung soviel wie Raum, womit aber nicht nur der äußere sinnlich erfahrbare dreidimensionale Raum gemeint ist, sondern eine Folge multidimensionaler unendlicher Bewusstseinsräume. Laut Rudolf Steiner befindet sich die Akasha-Chronik dort, wo die obere geistige Welt (Oberes Devachan) in die untere geistige Welt (-> Unteres Devachan) übergeht. Aus kosmologischer Sicht entspricht dem die äußerste Grenze der Saturnsphäre, also die äußerste Grenze unseres Planetensystems*). Hier ist die Schnittstelle, wo das Geschaffene, die Schöpfung, in ihrer allerfeinsten geistigen Gestalt, aus der schöpferischen Quelle, also aus dem ungeschaffen Schaffenden (die natura naturans non naturata im Sinne der Scholastik bzw. der unbewegte Beweger des Aristoteles), hervorbricht. In der oberen geistigen Welt sind die noch völlig gestaltlosen schöpferischen Ideen, aus denen unsere Welt hervorgeht. In der unteren geistigen Welt verdichten sich diese "Geistkeime" zu ausgestalteten, geformten Weltgedanken. Hier kann man erstmals den Raumbegriff einigermaßen sinnvoll anwenden. Die Akasha-Chronik enthält alle Weltgedanken, die sich im Zuge der Entwicklung im gestalteten Zustand verwirklich haben - und dadurch ist die Akasha-Chronik so etwas wie ein universelles Weltgedächtnis.

*)Die in der Astronomie bekannten weiteren äußeren Planeten Neptun, Uranus und Pluto nehmen nach geisteswissenschaftlicher Auffassung nicht unmittelbar an der geistigen Evolution unseres Sonnensystems teil und werden daher hier nicht berücksichtigt.

"Alles, was der äußeren Sinnenwelt angehört, unterliegt der Zeit. Und die Zeit zerstört auch, was in der Zeit entstanden ist. Die äußerliche Geschichte ist aber auf das angewiesen, was in der Zeit erhalten geblieben ist. Niemand kann sagen, ob das, was erhalten geblieben ist, auch das Wesentliche ist, wenn er bei den äußeren Zeugnissen stehenbleibt. - Aber alles, was in der Zeit entsteht, hat seinen Ursprung im Ewigen. Nur ist das Ewige der sinnlichen Wahrnehmung nicht zugänglich. Aber dem Menschen sind die Wege offen zur Wahrnehmung des Ewigen. Er kann die in ihm schlummernden Kräfte so ausbilden, daß er dieses Ewige zu erkennen vermag... Erweitert der Mensch auf diese Art sein Erkenntnisvermögen, dann ist er behufs Erkenntnis der Vergangenheit nicht mehr auf die äußeren Zeugnisse angewiesen. Dann vermag er zu schauen, was an den Ereignissen nicht sinnlich wahrnehmbar ist, was keine Zeit von ihnen zerstören kann. Von der vergänglichen Geschichte dringt er zu einer unvergänglichen vor. Diese Geschichte ist allerdings mit andern Buchstaben geschrieben als die gewöhnliche. Sie wird in der Gnosis, in der Theosophie die «Akasha-Chronik» genannt. Nur eine schwache Vorstellung kann man in unserer Sprache von dieser Chronik geben. Denn unsere Sprache ist auf die Sinnenwelt berechnet. Und was man mit ihr bezeichnet, erhält sogleich den Charakter dieser Sinnenwelt. Man macht daher leicht auf den Uneingeweihten, der sich von der Tatsächlichkeit einer besonderen Geisteswelt noch nicht durch eigene Erfahrung überzeugen kann, den Eindruck eines Phantasten, wenn nicht einen noch schlimmeren. - Wer sich die Fähigkeit errungen hat, in der geistigen Welt wahrzunehmen, der erkennt da die verflossenen Vorgänge in ihrem ewigen Charakter. Sie stehen vor ihm nicht wie die toten Zeugnisse der Geschichte, sondern in vollem Leben. Es spielt sich vor ihm in einer gewissen Weise ab, was geschehen ist. - Die in das Lesen solcher lebenden Schrift eingeweiht sind, können in eine weit fernere Vergangenheit zurückblicken als in diejenige, welche die äußere Geschichte darstellt; und sie können auch - aus unmittelbarer geistiger Wahrnehmung - die Dinge, von denen die Geschichte berichtet, in einer weit zuverlässigeren Weise schildern, als es dieser möglich ist. Um einem möglichen Irrtum vorzubeugen, sei hier gleich gesagt, daß auch der geistigen Anschauung keine Unfehlbarkeit innewohnt. Auch diese Anschauung kann sich täuschen, kann ungenau, schief, verkehrt sehen. Von Irrtum frei ist auch auf diesem Felde kein Mensch; und stünde er noch so hoch."[1]

Genauer charakterisiert Rudolf Steiner das Wesen der Akasha-Chronik so:

"Das ist die Werkstatt der Welt, die alle Formen in sich einschliesst, aus denen die Schöpfung entsprungen ist. Das ist die Ideenwelt Platos, das Reich der Mütter, von dem Goethe spricht und aus dem er das Phantom der Helena aufsteigen lässt. Was auf dieser Stufe des Devachan erscheint, ist dasjenige, was der Inder die Akasha-Chronik nennt. In unserer neuzeitlichen Sprache würden wir es das Astralbild aller Weltereignisse nennen. Alles, was durch den Astralleib der Menschen hindurchgegangen ist, ist hier in einer unendlich subtilen Substanz, die eigentliche eine negative Materie ist, festgehalten.

Um die Berechtigung dieser Bilder, die im Astrallicht der Erde schwimmt, zu begreifen, muss man sich vergleichender Analogien bedienen. Die menschliche Stimme spricht Worte aus und formt dadurch Tonwellen, die durch andere Ohren in andere Gehirne dringen, um dort Bilder und Gedanken hervorzurufen. Jedes dieser Worte ist von ganz eigenartiger Form, die, wenn wir sie sehen könnten, sich von jeder anderen unterscheiden würden. Denken wir uns nun, diese Worte könnten erstarren und gefrieren wie eine Wasserwoge durch eine plötzliche ungeheure Kälte. In diesem Falle würden diese Wortgebilde in Form gefrorener Luft zur Erde fallen, und man könnte jedes von ihnen an seiner Form erkennen. Das wären dann kristallisierte Worte.

Und nun denken wir uns anstelle eines Verdichtungsprozesses das Umgekehrte. Wir wissen, dass jeder Körper aus einem mehr festen in einen immateriellen Zustand übergehen kann: vom festen zum flüssigen und zum gasförmigen Zustand. Die Verfeinerung des materiellen Zustandes kann einen Grad erreichen, der, wenn man ihn überschreitet, bei einer negativen Materie endet; man nennt ihn Akasha. In ihr drücken sich alle Ereignisse in einer endgültigen Weise ab, und man kann sie alle wiederfinden, selbst diejenigen aus der tiefsten Vergangenheit.

Die Bilder der Akasha-Chronik sind nicht unbeweglich. Sie entfalten sich beständig wie lebende Bilder, wo die Dingen und Personen sich bewegen und manchmal sogar sprechen. Würde man die Astralgestalt Dantes aufrufen, so spräche sie in seinem Stil, wie aus seiner einstigen Lebenssphäre heraus. Das sind fast immer die Bilder, die in spiritistischen Sitzungen erscheinen und für den Geist des Verstorbenen gelten.

Man muss lernen, die Blätter dieses Buches mit lebenden Bildern zu entziffern und die unzähligen Rollen dieser Chronik des Weltalls zu entfalten. Man gelangt dazu nur, indem man die äussere Erscheinungsform, den Abdruck des Menschen von der lebendigen Seele unterscheidet. Das erfordert tägliche Übung und eine lange Schulung, um Irrtümer in der Auslegung zu vermeiden. Denn es könnte beispielsweise geschehen, dass man angesichts des Erscheinungsbildes Dantes exakte Antworten erhält, aber sie stammen nicht von der Individualität Dantes, die sich fortschreitend weiter entwickelt, sondern vom alten Dante, wie er der Äthersphäre seines Zeitalters verhaftet ist."[2]

Die Geschehnisse der Vergangenheit prägen sich aber nicht nur der Akasha-Chronik ein, sondern hinterlassen teilweise auch anderwärts ihre Spuren. Menschliche Taten etwa, die mit starken Emotionen verbunden waren, lassen sich auch im Astrallicht erkennen. Das leidenschaftslose Wirken der großen Eingeweihten ist zwar im Astrallicht nicht zu sehen, bildet sich aber im Äther ab. Die vergangenen großen kosmischen Weltereignisse kann man allerdings nur in der Akasha-Chronik lesen:

"Die aurischen Eier der Menschen sind das individualisierte Astrallicht. Daher kann man in dem Astrallicht lesen; nicht die Handlungen, aber die Emotionen, die damit verbunden sind, kann man in dem Astrallicht lesen. Zum Beispiel hat Cäsar den Gedanken gefaßt, über den Rubikon zu gehen, was sich bei ihm verknüpfte mit bestimmten Gefühlen und Leidenschaften. Die damalige Handlung entspricht einer Summe von astralischen Impulsen. Die physischen Handlungen auf dem physischen Plane sind für alle Ewigkeit vergangen. Das Ausschreiten des Cäsars kann man im Astrallicht nicht mehr sehen; aber der Impuls, der ihn dazu trieb, ist in dem Astrallicht geblieben. Die kamischen (astralen) Korrelate von dem, was auf dem physischen Plan vorgeht, bleiben im Astrallicht. Man muß sich daran gewöhnen, von allen physischen Wahrnehmungen abzusehen und nur die kamischen Impulse zu sehen. Diese muß man festhalten und bewußt ins Physische zurückübersetzen. Es hat keinen Sinn, nach etwas zu suchen, was so aussehen würde, wie wenn man die Sachen photographiert hätte.

Die größten Impulse der Weltgeschichte kann man aber im Astrallicht nicht mehr lesen, denn die Impulse der großen Eingeweihten waren leidenschaftslos. Wer daher nur im Astrallichte liest, für den ist das ganze Werk der Initiierten nicht da; zum Beispiel der Inhalt des Buches «Les grands Inities» von Edouard Schuré hätte im Astrallicht nicht gefunden werden können. Solche Eindrücke sind nur im Äther aufgeschrieben. Was man von dem, was die großen Eingeweihten getan haben, im Astrallicht lesen kann, beruht auf einer Täuschung, weil man nur die Folge des Auftretens der großen Eingeweihten lesen kann aus den Impulsen ihrer Schüler. Schüler und ganze Völker haben lebhaft und leidenschaftlich empfunden bei den Handlungen der großen Initiierten, und dies ist im Astrallicht geblieben. Es ist aber so schwer, die innersten Motive der großen Eingeweihten zu studieren, weil sie nur im Äther vorhanden sind.

Die kosmischen Ereignisse - solche Umwandlungen wie die von Atlantis - stehen nun noch höher, nicht mehr im Äther, sondern im eigentlichen Akasha. Das ist die Akasha-Chronik. Diese hängt aber in gewisser Weise trotzdem mit den untersten Angelegenheiten der Menschen zusammen. Denn der Mensch steht in Verbindung mit den großen Ereignissen des Kosmos. Jeder einzelne Mensch ist mit allgemeinen Strichen in der Akasha-Chronik zu finden. Was dort ist, setzt sich fort und fungiert hinein in den Äther und in das Astrallicht. Der einzelne Mensch wird immer klarer erkennbar, je mehr man ihn in den niedrigeren Gebieten sucht. Und man muß alle diese Gebiete studieren, um den eigentlichen Mechanismus des Karma zu verstehen."[3]

Über die Spiegelung der Akasha-Chronik in der astralen Welt und die damit verbundene Irrtumsmöglichkeit sprach Steiner in einem 1907 in München gehaltenen Vortrag. Dort charakterisiert er die Akasha-Chronik so:

"Vor allen Dingen ist eins wichtig, was uns im Devachan, in dieser sogenannten Vernunftwelt, begegnet. Es ist das, was wir gewohnt sind, die Akasha-Chronik zu nennen. Nicht als ob dieselbe erzeugt würde im Devachan, sie wird in einem noch höheren Gebiet hervorgebracht, aber man kann, wenn man bis zum Devachan hinaufgelangt ist, anfangen das zu sehen, was man die Akasha-Chronik nennt.

Was ist Akasha-Chronik? Wir machen uns den besten Begriff davon, wenn wir uns klar sind, daß alles, was auf unserer Erde oder sonst auf der Welt geschieht, einen bleibenden Eindruck auf gewisse feine Essenzen macht, der für den Erkennenden, der eine Einweihung durchgemacht hat, aufzufinden ist. Es ist keine gewöhnliche Chronik, sondern eine Chronik, die man als eine lebendige bezeichnen könnte. Nehmen wir an, ein Mensch lebte im ersten Jahrhundert nach Christo. Das, was er damals gedacht, gefühlt, gewollt hat, das, was in seine Taten übergegangen ist, ist nicht ausgelöscht, sondern es ist aufbewahrt in dieser feinen Essenz. Der Seher kann es «sehen». Nicht etwa so, wie wenn es aufgeschrieben wäre in einem Geschichtsbuche, sondern so, wie es sieh zugetragen hat. Wie man sich bewegt, was man getan, wie man zum Beispiel eine Reise gemacht hat, kann man sehen in diesen geistigen Bildern. Man kann auch die Willensimpulse, die Gefühle, die Gedanken sehen. Doch wir dürfen uns nicht vorstellen, daß diese Bilder sich so ausnehmen, als wenn sie Abdrücke der physischen Persönlichkeiten hier wären; das ist nicht der Fall. Um ein einfaches Bild zu gebrauchen: Wenn man seine Hand bewegt, so ist der Wille des Menschen überall in den kleinsten Teilen der sich bewegenden Hand, und diese Willenskraft, die sich hier versteckt, die kann man sehen. Das, was jetzt geistig wirkt in uns und im Physischen ausgeflossen ist, das sieht man dort im Geistigen.

Suchen wir zum Beispiel Cäsar auf. Wir können alles, was er unternommen hat, verfolgen. Doch machen wir uns klar, daß wir mehr die Gedanken des Cäsar sehen können in der Akasha-Chronik. Wenn er sich vorgenommen hat, etwas zu tun, sieht man die ganze Folge von Willensentschlüssen bis zu dem Punkte, wo die Tat ausgeflossen ist ins Leben. Es ist nicht leicht, ein konkretes Ereignis in der Akasha-Chronik zu verfolgen; man muß sich zu Hilfe kommen durch Anknüpfung an Dinge, die man äußerlich erfahren hat. Will der Seher etwas von Cäsar verfolgen und vergegenwärtigt er sich ein Geschichtsdatum als Punkt, an den er anknüpft, dann ergibt sich das andere mit Leichtigkeit. Die geschichtlichen Daten sind zwar oft unzuverlässig, doch mitunter eine Hilfe. Wenn der Seher den Blick zurückwendet bis zu Cäsar, sieht er wirklich die handelnde Person des Cäsar wie geisthaftig, als ob er vor ihm stände, mit ihm spräche. Doch wenn der Mensch, der irgendwelche Gesichte haben kann, nicht genau Bescheid weiß in diesen höheren Welten, kann ihm verschiedenes passieren, wenn er den Blick in die Vergangenheit wendet.

Die Akasha-Chronik ist zwar zu finden im Devachan, doch sie erstreckt sich herunter bis in die astrale Welt, so daß man in dieser oft Bilder der Akasha-Chronik wie eine Fata Morgana finden kann. Sie sind aber oft unzusammenhängend und unzuverlässig, und das ist wichtig zu beachten, wenn man Forschungen über die Vergangenheit anstellt. Ein Beispiel soll die Gefährlichkeit dieser Verwechslungen andeuten. Wenn wir bei der Erdenentwickelung durch die Angaben der Akasha-Chronik zurückgeführt werden bis zu jenen Zeiten, wo die Atlantis bestand, ehe die große Flut kam und sie wegspülte, können wir die Vorgänge in dieser alten Atlantis verfolgen. Dieselben haben sich später in anderer Form noch einmal wiederholt. Lange vor der christlichen Zeit haben sich Ereignisse abgespielt in Norddeutschland, in Mitteleuropa, ostwärts von der Atlantis, bevor das Christentum von Süden heraufgezogen ist, die eine Wiederholung der atlantischen Ereignisse sind. Erst nachher, durch die Einflüsse, die von Süden kamen, ist die Bevölkerung selbständig geworden. — Hier ein Beispiel, wie leicht man Irrtümern ausgesetzt ist. Wenn jemand verfolgt die astralen Bilder der Akasha-Chronik, nicht die devachanischen Bilder, dann kann ihm eine Verwechslung mit diesen Wiederholungen der alten atlantischen Vorgänge passieren. Das ist wirklich der Fall gewesen in den Angaben von Scott-Elliot über Atlantis, die zwar durchaus stimmen, wenn man sie prüft in bezug auf die astralen Bilder, doch nicht mehr, wenn man sie anwendet auf die devachanischen der wirklichen Akasha-Chronik. Das mußte einmal gesagt werden. In dem Augenblick, wo man erkennt, wo die Quelle der Irrtümer ist, kann man leicht zur wahren Schätzung der Angaben kommen.

Noch eine andere Quelle des Irrtums kann kommen, wenn man sich auf die Angaben von Medien stützt. Medien, wenn sie entsprechende Mediumität haben, können die Akasha-Chronik sehen, obgleich meist nur deren astrale Spiegelungen. Nun ist etwas Eigentümliches in der Akasha-Chronik. Wenn wir einen Menschen aufsuchen, benimmt er sich wie ein lebendes Wesen. Wenn wir Goethe aufsuchen, antwortet er nicht nur mit Worten, die er damals gesprochen hat, sondern er gibt Antwort im Goetheschen Sinn. Es kann sogar passieren, daß Goethe Verse sagt in seinem Stil und Sinn, die er gar nicht selbst geschrieben hat. Das Akasha-Bild ist so lebendig, daß es wie ursprünglich im Sinn des Menschen fortwirkt. Daher kann es geschehen, daß man es verwechselt mit dem Menschen selbst. Die Medien glauben, daß sie es zu tun haben mit dem im Geist fortlebenden Toten, während es doch nur dessen astrales Akasha-Bild ist. Cäsars Geist kann schon wieder verkörpert sein auf der Erde, sein Akasha-Bild antwortet in den Sitzungen. Es ist nicht die Individualität des Cäsar, sondern nur der bleibende Eindruck, den Cäsars Bild in der Akasha-Chronik hinterlassen hat. Hierauf beruht der Irrtum in zahlreichen Medien-Sitzungen. Wir müssen unterscheiden zwischen dem, was bleibt vom Menschen in seinem Akasha-Bilde, und dem, was sich fortentwickelt als die Individualität. Das sind sehr, sehr wichtige Dinge."[4]

Um überhaupt in der Akasha-Chronik lesen zu können, bedarf es des Opfers des Intellekts:

"Es ist also der Verzicht - nicht auf das Denken, wohl aber darauf, von sich aus die einzelnen Gedanken zu verbinden - notwendig, um in der Akasha-Chronik zu lesen. Dann kann der Meister kommen und Sie lehren, durch den Geist von außen Ihre Gedanken zusammenfügen zu lassen zu dem, was Ihnen der universelle Weltengeist über das, was in der Geschichte sich vollzogen hat, zu zeigen vermag. Dann urteilen Sie nicht mehr über die Tatsachen, sondern dann spricht zu Ihnen der universelle Weltengeist selbst. Und Sie stellen ihm Ihr Gedankenmaterial zur Verfügung."[5]

Unsere Taten werden in der Akasha-Chronik in der Form wahrnehmbar, wie sie sich in unseren Ätherleib eingeschrieben haben:

"Wir können gar nichts im Leben tun, ohne daß, wenn wir über die Handlung hinausgekommen sind, in unserem Astralleib ein Bild der Handlung ist. Dieses Bild teilt sich später auch dem Ätherleib mit, und so wie es sich dem Ätherleib mitteilt, bleibt es für die Akasha-Chronik wahrnehmbar, so daß ein Hellseher sehen kann die Spiegelbilder dessen, was ein Mensch im Laufe seines Lebens für Handlungen begangen hat."[6]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Aus der Akasha-Chronik, GA 11 (1904 - 1908), im Kapitel Aus der Akasha-Chronik
[2]Rudolf Steiner, Kosmogonie, GA 94 (1979), S 82 f.
[3]Rudolf Steiner, Grundelemente der Esoterik, GA 93a (1976), S 78 ff. (im Vortrag vom 5. Oktober 1905 über Die Aura des Menschen)
[4]Rudolf Steiner, Die Theosophie des Rosenkreuzers, GA 99 (1985), Vierter Vortrag, München, 28. Mai 1907
[5]Rudolf Steiner, Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der esoterischen Schule 1904 - 1914, GA 265 (1987), S 28
[6]Rudolf Steiner, Exkurse in das Gebiet des Markus-Evangeliums, GA 124 (1963), S 132, Siebenter Vortrag, Berlin, 28. Februar 1911


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=44letzte Änderung: 2002-10-14


Alkohol
über die Wirkung des Weintrinkens

"Auf der Hochzeit zu Kana wird das Wasser in Wein verwandelt. An diese Tatsache knüpft sich ein symbolischer universeller Sinn: Im religiösen Kultus soll das Wasseropfer zeitweise durch das Weinopfer ersetzt werden.

Es gab in der Geschichte der Menschheit eine Zeit, in welcher der Wein noch unbekannt war. Zur Zeit der Veden kannte man ihn kaum. Nun, solange die Menschen keine alkoholischen Getränke tranken, war die Vorstellung von vorhergehenden Daseinsstufen und von der Vielzahl von Erdenleben überall verbreitet, und niemand zweifelte daran. Seitdem die Menschheit Wein zu trinken begann, verdunkelte sich die Idee der Reinkarnation ganz schnell und verschwand schließlich aus dem allgemeinen Bewußtsein. Sie wurde nur bewahrt durch die Eingeweihten, die sich des Weingenusses enthielten. Denn der Alkohol hat auf den menschlichen Organismus eine besondere Wirkung, insbesondere auf den Ätherleib, in dem das Gedächtnis seinen Sitz hat. Der Alkohol verschleiert das Gedächtnis, verdunkelt es in seinen inneren Tiefen. Der Wein schafft Vergessenheit, sagt man. Dabei handelt es sich nicht um ein oberflächliches, momentanes Vergessen, sondern um ein tiefes und dauerndes Vergessen, um eine Verfinsterung der Gedächtniskraft im Ätherleib. Daher verloren die Menschen, als sie sich anschickten Wein zu trinken, nach und nach ihr ursprüngliches Gefühl für die Wiederverkörperung.

Nun hatte aber der Glaube an die Wiederverkörperung und an das Karmagesetz einen mächtigen Einfluß nicht nur auf die Persönlichkeit, sondern auch auf ihr soziales Empfinden. Er ließ sie die Ungleichheit der menschlichen Lebensumstände hinnehmen. Wenn der unglückliche ägyptische Arbeiter an den Pyramiden arbeitete, wenn der Hindu der untersten Klasse an den gigantischen Tempeln im Herzen der Berge baute, sagte er sich, daß ein anderes Dasein ihn für die tapfer ertragene schwere Arbeit entschädigen würde, wenn er gut war; daß sein Meister schon durch ähnliche Prüfungen hindurchgegangen war; oder daß er später durch noch härtere Prüfungen hindurchgehen müsse, wenn er an der Gerechtigkeit zweifelte und übel gesinnt wäre.

Als aber das Christentum herannahte, sollte die Menschheit durch eine Epoche hindurchgehen, in der sie sich ganz auf ihre Erdenaufgabe einstellte. Sie sollte an der Verbesserung dieses Lebens wirken, an der Entwickelung des Intellekts, an der verstandesmäßigen wissenschaftlichen Erkenntnis der Natur. Das Bewußtsein von der Wiederverkörperung sollte demgemäß für zweitausend Jahre verlorengehen. Und das Mittel, das zu diesem Zweck angewendet wurde, war der Wein.

Das ist der tiefe Grund der Verehrung des Bacchus, des Gottes des Weines, der Trunkenheit. Es war dies die volkstümliche Form des Dionysos der alten Mysterien, der an sich einen ganz anderen Sinn hatte. Das ist auch der symbolische Sinn der Hochzeit zu Kana. Das Wasser spielt seine Rolle beim alten Opferdienst, der Wein beim neuen. Die Worte des Christus: « Selig, die nicht sehen und doch glauben», beziehen sich auf die neue Ära des Menschen, wo der Mensch, ganz seinen Erdenaufgaben hingegeben, weder die Erinnerung an frühere Inkarnationen noch die direkte Schau in die geistige Welt haben soll."[1]

"Der Alkohol war die Brücke, die vom Gattungs-, vom Gruppen-Ich zum selbständigen, individuellen Ich hinüberführt. Niemals hätte der Mensch den Übergang vom Gruppen- zum Einzel-Ich gefunden ohne die stoffliche Wirkung des Alkohols. Dieser erzeugte das individuelle, persönliche Bewußtsein im Menschen. Wenn die Menschheit dieses Ziel erreicht haben wird, braucht sie den Alkohol nicht mehr, und dieser wird wieder aus der physischen Welt verschwinden. Sie sehen, alles, was geschieht, hat seine Bedeutung in der weisen Lenkung der Menschheitsentwickelung. Deshalb soll heute niemandem widersprochen werden, wenn er Alkohol trinkt, während andrerseits jene Menschen, die der übrigen Menschheit vorausgeeilt sind und ihre Entwickelung so weit gefördert haben, daß sie des Alkohols nicht mehr bedürfen, denselben auch meiden sollen. Christus erscheint, um der Menschheit Kräfte zu geben, damit im sechsten Zeitraum das höchste Ich-Bewußtsein erlangt werden kann. Er will die Menschen vorbereiten auf jene «Zeit, die noch nicht gekommen ist». Würde er es beim Wasseropfer gelassen haben, so würde es die Menschheit niemals zum individuellen Ich gebracht haben. Die Verwandlung des Wassers bedeutet die Erhebung des Menschen zum individuellen Wesen. Die Menschheit war in ihrem Entwickelungsgange an einem Punkt angelangt, wo sie des Weins bedurfte, daher verwandelt Christus das Wasser in Wein. Wenn die Zeit da sein wird, wo der Mensch keinen Wein mehr braucht, dann wird Christus den Wein wieder in Wasser zurückverwandeln."[2]

"Wir können die Prozesse verfolgen, durch welche der physische Leib vorbereitet wurde, ein Träger des selbstbewußten, des «Ich-bin»-begabten Menschen zu werden. Sogar in der Bibel wird uns das angedeutet: daß derjenige, der Stammvater wird in einer gewissen Beziehung in der nachatlantischen Zeit, daß Noah der erste Weintrinker ist, als erster die Wirkung des Alkohols erlebt. Da kommen wir auf ein Kapitel, das wirklich für manchen schockierend sein kann. Was in der nachatlantischen Zeit als ein besonderer Kultus hervortritt, ist der Dionysosdienst. Sie wissen alle, wie der Dionysoskult in Zusammenhang gebracht wird mit dem Wein. Dieser merkwürdige Stoff wird der Menschheit allerdings erst in der nachatlantischen Zeit zugeführt, und dieser Stoff wirkt auf die Menschheit. Sie wissen, jeder Stoff wirkt irgendwie auf die Menschen, und der Alkohol hat eine ganz bestimmte Wirkung auf den menschlichen Organismus. Er hatte nämlich eine Mission im Laufe der Menschheitsentwicke-lung; er hatte - so sonderbar das erscheint - die Aufgabe, sozusagen den menschlichen Leib so zu präparieren, daß dieser abgeschnitten wurde von dem Zusammenhang mit dem Göttlichen, damit das persönliche «Ich-bin» herauskommen konnte. Der Alkohol hat nämlich die Wirkung, daß er den Menschen abschneidet von dem Zusammenhang mit der geistigen Welt, in der der Mensch früher war. Diese Wirkung hat der Alkohol auch noch heute. Der Alkohol ist nicht umsonst in der Menschheit gewesen. Man wird in einer zukünftigen Menschheit im vollsten Sinne des Wortes sagen können, daß der Alkohol die Aufgabe hatte, den Menschen so weit in die Materie herunterzuziehen, damit der Mensch egoistisch wurde, und daß der Alkohol ihn dahin brachte, das Ich für sich zu beanspruchen und es nicht mehr in den Dienst des ganzen Volkes zu stellen. Also den entgegengesetzten Dienst, den die Gruppenseele der Menschheit geleistet hat, hat der Alkohol geleistet. Er hat den Menschen die Fähigkeit genommen, in höheren Welten sich mit einem Ganzen eins zu fühlen. Daher der Dionysoskult, der das Zusammenleben in einer Art äußeren Rausches pflegt. Ein Aufgehen in einem Ganzen, ohne zu schauen dieses Ganze. Die Entwickelung in der nachatlantischen Zeit ist deshalb mit dem Dionysoskult verbunden worden, weil dieser Kult ein Symbolum war für die Funktion und Mission des Alkohols. Jetzt, wo die Menschheit wiederum strebt, den Weg zurückzufinden, wo das Ich so weit entwickelt ist, daß der Mensch wieder den Anschluß rinden kann an die göttlich-geistigen Mächte, jetzt ist die Zeit gekommen, wo, anfangs sogar aus dem Unbewußten heraus, eine gewisse Reaktion gegen den Alkohol eintritt. Diese Reaktion tritt aus dem Grunde ein, weil viele Menschen heute schon fühlen, daß so etwas, was einmal eine besondere Bedeutung hatte, nicht ewig berechtigt ist.

Es braucht niemand das, was jetzt gesagt worden ist über die Aufgabe des Alkohols in einer bestimmten Zeit, etwa als für den Alkohol gesprochen aufzufassen; sondern es geschah, um klarzumachen, daß diese Mission des Alkohols erfüllt ist und daß für die verschiedenen Zeiten sich eben Verschiedenes schickt. Aber es tauchte auch in derselben Epoche, wo die Menschheit durch den Alkohol am tiefsten in den Egoismus heruntergezogen worden ist, die stärkste Kraft auf, die dem Menschen den größten Impuls geben kann, um wieder den Zusammenschluß mit dem geistigen Ganzen zu finden. Auf der einen Seite mußte der Mensch bis zur tiefsten Stufe hinuntersteigen, um selbständig zu werden, auf der anderen Seite mußte dagegen die starke Kraft kommen, die wieder den Impuls geben konnte, um den Weg zum Ganzen zurückzufinden."[3]

Der Alkohol trennt also den Menschen von seinem höheren Ich, durch das er die Beziehung zur geistigen Welt pflegt, und wirft ihn auf sein niederes, dem Egoismus verhaftetes Ich zurück. Jeder ernsthaften Geistesschulung ist der Alkohol daher hinderlich:

"Auch das Verhältnis des Menschen zum Alkohol ist einer Veränderung unterworfen, wenn der Mensch sich innerlich lebendig, ernst mit Anthroposophie durchdringt. Der Alkohol nämlich ist ja etwas noch ganz Besonderes sozusagen in den Reichen der Natur. Er erweist sich nicht nur als eine Last-Erzeugung im menschlichen Organismus, sondern er erweist sich direkt als oppositionelle Gewalt im menschlichen Organismus erzeugend. Denn wenn wir die Pflanze betrachten, so bringt sie es in ihrer Organisation bis zu einem gewissen Punkt - mit Ausnahme der Weinrebe, die es über diesen Punkt hinausbringt. Was die übrigen Pflanzen sich einzig und allein aufsparen für den jungen Keim, alle die Triebkraft, die sonst nur für den jungen Keim aufgespart wird und nicht in das übrige der Pflanze sich ergießt, das ergießt sich bei der Weintraube auch in einer gewissen Weise in das Fruchtfleisch; so daß durch die sogenannte Gärung, durch die Verwandlung dessen, was sich da in die Weintraube hineinergießt, was in der Traube selbst zur höchsten Spannung gebracht worden ist, etwas erzeugt wird, was in der Tat innerhalb der Pflanze eine Gewalt hat, welche nur verglichen werden kann okkultistisch mit der Gewalt, die das Ich des Menschen über das Blut hat. Was also bei der Weinerzeugung entsteht, was bei der Alkoholerzeugung sich immer bildet, ist, daß in einem anderen Naturreich dasjenige erzeugt wird, was der Mensch erzeugen muß, wenn er von seinem Ich aus auf das Blut wirkt.

Wir wissen ja, daß eine innige Beziehung besteht zwischen dem Ich und dem Blut. Sie kann schon äußerlich charakterisiert werden dadurch, daß wenn im Ich Scham empfunden wird, die Schamröte dem Menschen ins Gesicht steigt, wenn in dem Ich Furcht, Angst empfunden wird, der Mensch erblaßt. Diese Wirkung von dem Ich auf das Blut, die aber auch sonst vorhanden ist, die ist okkultistisch ganz ähnlich derjenigen Wirkung, welche entsteht, wenn der Pflanzenprozeß zurückgebildet wird, so daß das, was in dem Fruchtfleisch der Weintraube ist oder was überhaupt aus dem Pflanzlichen kommt, zum Alkohol umgebildet wird. Das Ich muß, wie gesagt, normal einen ganz ähnlichen Prozeß im Blut erzeugen — okkultistisch gesprochen, nicht chemisch —, wie erzeugt wird durch das gleichsam Rückgängigmachen des Organisationsprozesses, durch das bloße Chemischmachen des Organisationsprozesses, wenn Alkohol erzeugt wird. Die Folge davon ist, daß wir durch den Alkohol etwas in unseren Organismus einführen, was von der anderen Seite her so wirkt, wie das Ich auf das Blut wirkt. Das heißt, wir haben ein Gegen-Ich in dem Alkohol in uns aufgenommen, ein Ich, das direkt ein Kämpfer ist gegen die Taten unseres geistigen Ich. Von der anderen Seite her wird auf das Blut gerade so gewirkt durch den Alkohol, wie von dem Ich auf das Blut gewirkt wird. So daß wir also einen inneren Krieg entfesseln und im Grunde alles das, was von dem Ich ausgeht, zur Machtlosigkeit verdammen, wenn wir ihm einen Gegenkämpfer entgegenstellen im Alkohol. Dies ist der okkulte Tatbestand. Derjenige, welcher keinen Alkohol trinkt, sichert sich die freie Möglichkeit, von seinem Ich aus auf das Blut zu wirken; derjenige, der Alkohol trinkt, der macht es gerade so wie jemand, der eine Wand einreißen will und nach der einen Seite schlägt, gleichzeitig aber auf der anderen Seite Leute aufstellt, die ihm entgegenschlagen. Ganz genau so wird durch den Genuß des Alkohols eliminiert die Tätigkeit des Ich auf das Blut.

Daher empfindet derjenige, welcher Anthroposophie zu seinem Lebenselement macht, die Arbeit des Alkohols im Blute als direkten Kampf gegen sein Ich, und es ist daher nur natürlich, daß eine wirkliche geistige Entwicklung nur leicht vor sich gehen kann, wenn man ihr nicht diese Widerlage schafft. Wir sehen gerade aus diesem Beispiel, wie das, was ja sonst auch vorhanden ist, durch das veränderte Gleichgewicht, welches eintritt im physischen Leib, für den Esoteriker oder Anthroposophen wahrnehmbar wird."[4]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Kosmogonie, GA 94 (1979), S 50 ff. (Paris, 31. Mai 1906)
[2]Rudolf Steiner, Menschheits-Entwicklung und Christus-Erkenntnis, GA 100 (1981), S 264 ff. (Basel, 25. November 1907)
[3]Rudolf Steiner, Das Johannes-Evangelium, GA 103 (1981), Fünfter Vortrag, Hamburg, 23. Mai 1908
[4]Rudolf Steiner, Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?, GA 145 (1986), Erster Vortrag, Den Haag, 20. März 1913


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=67letzte Änderung: 2002-08-23


Angeloi
Engel

siehe -> Engel


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=132letzte Änderung: 2008-05-05


Anthroposophie
Grundlagen der anthroposophischen Geisteswissenschaft

"Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte. Sie tritt im Menschen als Herzens- und Gefühlsbedürfnis auf. Sie muß ihre Rechtfertigung dadurch finden, daß sie diesem Bedürfnisse Befriedigung gewähren kann..."

(Rudolf Steiner, Anthroposophische Leitsätze, 1. LS)

 

 

Was ist Anthroposophie?

"Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, strebt nicht an die Begründung irgend einer neuen Religion oder irgend einer neuen religiösen Sekte oder dergleichen. Geisteswissenschaft will sein oder glaubt sein zu dürfen dasjenige, was unserer gegenwärtigen Kultur auferlegt ist in geistiger Beziehung...

Was für die Erkenntnis der äußeren Natur, was für das Leben durch die Erkenntnis der äußeren Naturgesetze diese Naturwissenschaft der Menschheit geworden ist, das möchte Geisteswissenschaft werden durch die Erkenntnis der Gesetze unseres Seelen- und Geisteslebens und durch die Anwendung dieser Gesetze des Seelen- und Geisteslebens im ethischen, im sozialen, im allerweitesten Kulturleben; das möchte sie werden für unsere Gegenwart und für die nächste Zukunft...

Wahrhaftig ganz im Geiste der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart ist die Vorstellungsart der Geisteswissenschaft gehalten. Aber da sich diese Geisteswissenschaft auf ein ganz anderes Gebiet erstreckt als die Naturwissenschaft, nämlich nicht auf das Gebiet dessen, was sinnenfällig wahrgenommen werden kann, auf das Gebiet der äußeren Natur, sondern auf das Gebiet des Geistes, so muß es ja einleuchtend sein, daß gerade eine naturwissenschaftliche Denkweise da, wo es sich darum handelt, das Gebiet des Geistigen zu erforschen, sich wesentlich modifizieren muß, zu etwas anderem werden muß als auf dem Gebiete der Naturwissenschaft. Und obgleich die Methode, die Forschungsweise der Geisteswissenschaft ganz so gehalten ist in dem Geiste der Naturwissenschaft, daß jeder naturwissenschaftlich Gebildete, der heute Naturwissenschaft ohne Vorurteile nimmt, sich auf den Boden dieser Geisteswissenschaft stellen kann, so muß doch gesagt werden, daß allerdings, solange man die naturwissenschaftlichen Methoden in ihrer Einseitigkeit nimmt, wie es vielfach heute geschieht, Vorurteil über Vorurteil gegen die Anwendung naturwissenschaftlicher Vorstellungsart auf das geistige Leben erwachsen kann. Muß doch naturwissenschaftliches Denken, man möchte sagen, naturwissenschaftliche Logik angewendet werden auf das, was dem Menschen wohl am nächsten liegt, was aber auch am schwersten zu erforschen ist, muß doch diese Denkungsweise angewendet werden auf das Wesen des Menschen selbst. Muß doch der Mensch in der Geisteswissenschaft sich selber untersuchen, und muß er doch auch zu dem einzigen Werkzeug greifen, welches ihm zu seiner Untersuchung zur Verfügung steht, nämlich zu sich selbst. Davon geht die Geisteswissenschaft aus, daß der Mensch in sich selbst, indem er zum Instrument wird, um die Geisteswelt zu untersuchen, eine Verwandlung erfahren muß, daß er etwas mit sich vornehmen muß, das ihn in die Lage versetzt, in die geistige Welt hineinzusehen, was er ja nicht tut im alltäglichen Leben.

Rudolf Steiner (1861-1925)Von einem Vergleich lassen Sie mich ausgehen, von einem naturwissenschaftlichen Vergleich, der nichts beweisen soll, der nur verdeutlichen soll, wie die geisteswissenschaftliche Vorstellungart ganz auf dem Boden naturwissenschaftlicher Denkungsweise steht. In der Natur tritt uns zum Beispiel das Wasser entgegen. Wenn wir das Wasser ansehen, wie es uns draußen entgegentritt, so stellt es sich zunächst in seinen Eigenschaften dar. Aber der Chemiker kommt mit seinen Methoden und wendet diese auf das Wasser an; er zerlegt uns das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff. Ja, was macht da der Naturwissenschafter aus dem Wasser? Das Wasser brennt bekanntlich nicht. Der Chemiker zieht den Wasserstoff aus dem Wasser heraus, und das ist ein Gas, das brennt. Niemand, der äußerlich das Wasser ansieht, kann diesem Wasser ansehen, daß da Wasserstoff drinnen ist und Sauerstoff drinnen ist, die ganz andere Eigenschaften haben als das Wasser.

Ebensowenig, das zeigt eben die Geisteswissenschaft, kann der Mensch, wenn er dem Menschen gegenübersteht im Leben, erkennen, was dieser Mensch ist in seinem Inneren. Und so wie der Chemiker, der Naturwissenschafter, kommt und uns das Wasser zerlegt in Wasserstoff und Sauerstoff, so muß, allerdings jetzt in einem innerlichen Seelenprozeß, der sich in den tiefsten Tiefen der Seele vorbereiten muß, der Geisteswissenschafter kommen und muß dasjenige, was sich im äußeren Leben darbietet, zerlegen. Und zerlegen kann der Geistesforscher durch die geistesforscherischen Methoden den Menschen in das Äußerlich-Leibliche und in das Geistig-Seelische. Zunächst interessiert es, vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft aus das Geistig-Seelische abgesondert vom Leiblichen zu untersuchen. Niemand kann die wahre Wirklichkeit des Geistig-Seelischen aus dem Äußerlich-Leiblichen erkennen, ebensowenig wie die Natur des Wasserstoffs erkannt werden kann, wenn er nicht aus dem Wasser herausgezogen wird.

Es ist heute sehr oft der Fall, daß in dem Augenblick, wo man beginnt, in dieser Art zu sprechen, einem gesagt wird: Das verstößt doch wider den Monismus, an dem man unbedingt festhalten muß. Nun, der Monismus darf ja auch den Chemiker nicht hindern, daß er das Wasser zerlegt in eine Zweiheit. Der Monimus wird gar nicht dadurch angefochten, daß dasjenige, was in Wirklichkeit geschehen kann, geschieht: daß durch die Geistesforschung, durch die geistesforscherischen Methoden abgetrennt wird von dem Leiblich-Körperhaften das Geistig-Seelische. Nun aber sind diese Methoden allerdings nicht solche, die man im Laboratorium, im physikalischen Kabinett, in der Klinik vollziehen kann, sondern es sind Vorgänge, die in der Seele selber vollzogen werden müssen. Es sind aber keine Vorgänge der Seele, die Wunder darstellen, sondern es sind nur Steigerungen desjenigen, was der Mensch im gewöhnlichen Leben beobachten kann. Es sind nicht wunderbare Eigenschaften, sondern solche Eigenschaften, die der Mensch im alltäglichen Leben in einem gewissen Maße hat, die er nur ins Unbegrenzte steigern muß, wenn er zum Geistesforscher werden soll. Und da ich nicht in allgemeinen Redensarten herumreden will, so will ich gleich in die Betrachtung der Sache selbst eintreten.

Jeder kennt dasjenige, was man im menschlichen Seelenleben nennt das Erinnerungsvermögen, das Gedächtnis. Jeder weiß ja, wieviel von dem Gedächtnis im Grunde genommen abhängt. Man stelle sich einmal vor, wir würden eines Morgens aufwachen und keine Ahnung haben, was früher um uns und in uns war. Wir würden dadurch die ganze menschliche Wesenheit verlieren. Unser Gedächtnis, das in sich zusammenhängt von einem gewissen frühen Zeitpunkt in der Kindheit an, das gehört notwendig zu unserem menschlichen Leben. Nun werden schon die Philosophen der Gegenwart gegenüber der Untersuchung der Gedächtniskraft stutzig. Sie haben jetzt schon Persönlichkeiten in ihrer Mitte, die gerade, indem sie das Gedächtnis betrachten, von einer materialistisch-monistischen Weltanschauung abkommen, indem sie durch genaue Untersuchung finden, daß, wenn man auch die Sinnesempfindungen, soviel man das nur sagen kann von Seelentätigkeit, in äußerlicher Weise gebunden findet an den Leib, man das Gedächtnis nie als an den Leib gebunden wird anerkennen können. Darauf brauche ich ja nur aufmerksam zu machen. Denn ein Mann, der wahrhaftig keine Neigung hat, in die Geisteswissenschaft einzudringen, der französische Philosoph Bergson, hat auf diese geistige Art des Gedächtnisses hingedeutet.

Wie aber tritt uns im Leben das Gedächtnis, die Erinnerungskraft entgegen? Längst vergangene Ereignisse kommen in Bildern in unsere Seele herein. Die Ereignisse sind längst vergangen, aber die Seele hat es mit sich selbst zu tun. Sie hat es damit zu tun, daß sie heraufzaubert das vergangene Erlebnis aus den Tiefen des inneren Lebens. Und man kann das, was da heraufkommt aus den Seelentiefen, mit dem ursprünglichen Erlebnis vergleichen. Blaß sind die Erinnerungen gegenüber den Bildern, die uns die Wahrnehmung der Sinne bietet. Aber mit der Integrität des Seelenlebens hängen sie zusammen. Und wir könnten uns in der Welt nicht zurechtfinden, wenn wir nicht das Gedächtnis hätten. Diesem Gedächtnis aber liegt die Kraft des Gedächtnisses zugrunde. Die Seele kann dasjenige, was in ihren Erinnerungen verborgen ist, durch die Kraft des Gedächtnisses heraufholen. Aber da gerade setzt nun Geisteswissenschaft ein. Nicht das Gedächtnis als solches — ich bitte ins Auge zu fassen, was ich sagen will —, nicht das Gedächtnis als solches, wohl aber die Kraft, welche dem Heraufholen eines geistigen Inhaltes aus den Tiefen der Seele zugrunde liegt, diese Kraft kann verstärkt werden, ins Unbegrenzte verstärkt werden, so daß sie im Leben der Seele nicht bloß verwendet wird, um durchgemachte Erlebnisse aus der Seele heraufzuholen, sondern daß sie zu etwas ganz anderem verwendet werden kann. Nicht äußere Methoden, die im Laboratorium verfolgt werden können, nicht das, was man durch die äußeren Sinne wahrnehmen kann, liegt zugrunde den geistes-forscherischen Methoden, sondern intensive Seelenvorgänge, die jeder durchmachen kann. Das, was den Wert dieser intensiven Seelenvorgänge ausmacht, ist die unbegrenzte Steigerung der Aufmerksamkeit im Menschenleben, oder wie man es nennt: die Konzentration des Gedankenlebens.

Was ist diese Konzentration des Gedankenlebens?

Ich kann heute nur in einer kurzen ... Betrachtung die Prinzipien dessen anführen, um was es sich handelt. Das Nähere können Sie nachlesen in meinen Büchern «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in meiner «Geheimwissenschaft» im zweiten Teil; ... Ferner in dem Buche «Die Schwelle der geistigen Welt». Aber den Prinzipien nach will ich die ersten Vornahmen der Seele auseinandersetzen, die eine unbegrenzte Steigerung dessen sind, was für das menschliche Leben notwendig ist, eine Steigerung der Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit muß in unbegrenzter Weise gesteigert werden, damit Geistesforschung in die Seele eintreten könne.

Was macht denn der Mensch in der Regel, wenn er der Außenwelt gegenübertritt? Er nimmt die Dinge wahr; er verarbeitet die Dinge durch den Verstand, der an das Gehirn gebunden ist. Dann macht er sich Vorstellungen über das Wahrgenommene. Und in der Regel ist er zufrieden, wenn er die äußeren Vorstellungen in der Seele bewahrt. Da, wo das Alltagsleben aufhört, da beginnen die Methoden der Geisteswissenschaft, da beginnt dasjenige, was man Konzentration des Denkens nennen kann. Derjenige, der ein Geistesforscher werden will, der muß den Faden des Seelenlebens da aufnehmen, wo er gewöhnlich im äußeren Leben verlassen wird. Vorstellungen, die wir uns selbst bilden, die wir genau überschauen können, am besten sinnbildliche Vorstellungen, bei denen wir nicht nötig haben, die Übereinstimmung mit der Außenwelt zu prüfen, sie stellen wir in den Horizont unseres Bewußtseins; Vorstellungen, die wir entweder finden, aus der Praxis der Geisteswissenschaft hervorgegangen, oder zu denen uns der Geistesforscher raten kann, sie stellen wir in den Mittelpunkt des ganzen Bewußtseins, so daß wir durch längere Zeit die Aufmerksamkeit der Seele von allem Äußeren ablenken und uns nur konzentrieren auf eine Vorstellung. Während man sonst nicht bei einer Vorstellung stehenbleibt, zieht man jetzt alle Kräfte seiner Seele zusammen, konzentriert sie auf eine Vorstellung und bleibt ganz in seinem Inneren hingegeben an diese Vorstellung. Wenn man den Menschen betrachtet bei einer solchen Vornahme, so vollzieht er im Grunde genommen etwas, was dem Schlafe gewissermaßen ähnlich ist, und was doch auch wiederum radikal verschieden ist. Denn, soll solche Konzentration fruchtbar werden, so muß der Mensch in der Tat wie ein Schlafender werden.

Wenn wir einschlafen, da fühlen wir zuerst, wie die Willenskräfte in unseren Gliedern ruhig werden, wie eine gewisse Dämmerung um uns auftritt, wie die Sinne in ihrer Tätigkeit abebben. Dann gehen wir über in Bewußtlosigkeit. Alles Äußere muß so werden in der Konzentration wie beim Schlafe. Die Sinne müssen vollständig frei werden von allen Eindrücken der Außenwelt. Das Auge darf so wenig sehen wie im Schlafe; das Ohr so wenig hören wie im Schlafe und so weiter. Dann wird das ganze Seelenleben zusammengenommen und auf eine Vorstellung konzentriert; das ist der radikale Unterschied vom Schlafe. Man könnte den Zustand nennen ein bewußtes Schlafen, ein voll bewußtes Schlafen. Während im Schlafe die Finsternis der Unbewußtheit sich ausdehnt im Seelenleben, lebt in einem erhöhten Seelenleben derjenige, der ein Geistesforscher werden will. Er strengt alle Kräfte des Seelenlebens an und wendet sie auf eine Vorstellung. Nicht darauf kommt es an, daß wir diese Vorstellung betrachten; sie gibt uns nur eine Gelegenheit, unsere Seelenkräfte zusammenzuraffen, zusammenzudrängen. Auf dieses Zusammendrängen der Seelenkräfte kommt es an. Denn dadurch gelangen wir allmählich dazu — ich muß da wiederum auf das Nähere in meinen Büchern verweisen —, wirklich das Geistig-Seelische, das in uns ist, wie der Wasserstoff im Wasser ist, herauszureißen aus dem Physisch-Leiblichen, es frei zu machen vom Physisch-Leiblichen. Nicht sozusagen in einem Ansturm ist das zu erreichen, was ich jetzt charakterisiert habe. Es brauchen die meisten Menschen ein jahrelanges Arbeiten in solchen Konzentrationen, wenn auch das Tagesleben von solchen Konzentrationen nicht abgelenkt wird; denn man kann sie nur durch wenige Minuten, höchstens durch Teile einer Stunde festhalten, aber man muß sie immer und immer wiederum wiederholen, bis es wirklich gelingt, die Kräfte, die sonst nur schlummern in der menschlichen Natur — die im Alltagsleben ja auch da sind, die aber schlummern —, so zu verstärken, daß sie wirksam werden in unserer Seele und herausreißen das Geistig-Seelische aus dem Physisch-Leiblichen.Da ich, wie gesagt, nicht herumreden möchte in abstrakter Art, sondern Ihnen Tatsachen mitteilen möchte, so sei es gleich gesagt, daß, wenn es dem Geistesforscher gelingt, durch Energie und Ausdauer, durch Hingabe an seine Übungen wirklich zur Frucht seiner Übungen zu kommen, er dann zu einem Erlebnis gelangt, das zunächst genannt werden könnte ein Erlebnis des rein inneren Bewußtseins. Man weiß mit einem Worte von einem bestimmten Zeitpunkte an einen Sinn zu verbinden mit dem Worte, das vorher sinnlos war: Ich weiß mich außerhalb meines Leibes; ich bin, mein Inneres erfassend, mein Inneres erlebend, außerhalb meines Leibes.

Ich will Ihnen von diesem Erlebnis im einzelnen erzählen. Zunächst verspürt man, daß wirklich die Denkkraft, die sonst nur in den Verrichtungen des Alltags sich regt, sich loslöst vom Leibe. Dumpf ist zunächst das Erlebnis, aber es tritt doch so auf, daß man seine Natur erkennt, wenn man es gehabt hat. Man weiß zuerst dann, wenn man wiederum zurückkehrt in seinen Leib — das möchte ich zunächst charakterisieren —, wie es ist, wenn man nun in das Gehirnleben, das die physische Materie darbietet, untertaucht, wie es Widerstand bietet, dieses Gehirn. Man weiß: Mit dem Alltagsdenken denkt man so, daß das Gehirn das Instrument ist; jetzt war man aber draußen. Dann kommt man allmählich dazu, einen Sinn zu verbinden mit dem Worte: Du erlebst dich im Seelisch-Geistigen. Man erlebt, wie das eigene Haupt umkleidet ist gewissermaßen mit seinen Gedanken. Man weiß, was es heißt, das Seelisch-Geistige abgetrennt zu haben vom äußeren, physisch-leiblichen Leben. Zuerst lernt man den Widerstand kennen, den das leibliche Leben bietet. Dann lernt man erkennen das selbständige Leben außerhalb des Leibes. Es ist wahrhaftig so, wie wenn der Wasserstoff einmal sich selbst außerhalb des Wassers wahrnehmen sollte. So ist es mit dem Menschen, wenn er solche Übungen durchmacht. Und dann, wenn er solche Übungen getreulich fortsetzt, dann tritt der große, der bedeutungsvolle Augenblick ein, an dem man sozusagen den Ausgangspunkt der eigentlichen Geistesforschung hat. Ein Augenblick, der tief erschütternd ist, der ungeheuer bedeutungsvoll ins ganze Leben eingreift. Dieser Augenblick kann in der verschiedensten Art sich einstellen. Er kann tausendfach verschieden sein. Ich will ihn aber typisch charakterisieren, wie er doch seiner Charakteristik nach meistens sein wird.

Hat man so eine gewisse Zeit hindurch geübt, hat man gewissermaßen aus der naturwissenschaftlichen Denkweise heraus die eigene Seele so behandelt, dann kommt der Moment, der eintreten kann entweder im alltäglichen Leben, oder auch mitten im Schlafe, so daß man aus dem Schlafe aufwacht und weiß: man träumt nicht, man erlebt eine neue Wirklichkeit. Man kann das zum Beispiel so erleben, daß man sich sagt: Was ist doch um mich? Es ist, wie wenn ich mich in einer Umgebung befände, die sich von mir loslöst, wie wenn die Elemente blitzartig einschlügen und wie wenn mein Leib zerstört würde durch die Elemente und ich mich aufrecht erhalte gegenüber diesem Leibe. Man lernt erkennen, was alle Geistesforscher durch alle Zeiten hindurch mit einem bildlichen Ausdruck genannt haben: an die Pforte des Todes gelangen. Denn das erlebt man, daß man jetzt weiß durch das Bild — also nicht durch die Wirklichkeit, diese erlebt man nur im Tode —, man erlebt durch das Bild, daß man jetzt weiß, wie der Mensch geistig-seelisch ist, wenn er nicht durch das Instrument seines Leibes sich und die Welt wahrnimmt, sondern wenn er nur im Geistig-Seelischen lebt.

Das ist zunächst das Erschütternde; man weiß: Du hast dich mit deiner Denkkraft losgelöst von deinem Leibe. Und ebenso können andere Kräfte losgelöst werden von dem Leibe, so daß der Mensch immer reicher, immer innerlicher mit Bezug auf sein Seelenleben wird.

Aber es genügt die eine Übung nicht, welche ich mit dem Ausdruck Konzentration oder unbegrenzte Steigerung der Aufmerksamkeit bezeichnet habe. Durch diese Übung erlangt man das Folgende: Wenn man an dem Punkte angelangt ist, wo die Seele sich selbst erlebt, dann steigen auch auf die Bilder, die man reale Imaginationen nennen kann. Bilder steigen auf, aber Bilder, die sich gewaltig unterscheiden von den Bildern des gewöhnlichen Gedächtnisses. "Während das gewöhnliche Gedächtnis nur dasjenige in Bildern hat, was äußerlich erlebt worden ist, steigen jetzt Bilder auf aus den grauen Seelentiefen, die nichts gemein haben mit dem, was man in der äußeren Sinneswelt erleben kann. Alle Einwände, daß man sich leicht täuschen könne, daß das, was da aus den grauen Seelentiefen heraufsteigt, nur Reminiszenzen des Gedächtnisses sein könnten, alle diese Einwände sind hinfällig. Denn der Geistesforscher lernt eben wirklich unterscheiden zwischen dem, was das Gedächtnis heraufrufen kann, und dem, was radikal verschieden ist von allem, was im Gedächtnis stehen kann. Allerdings, eines muß bedacht werden, wenn von diesem Punkte des Eintretens in die geistige Welt gesprochen wird. Es ist dasjenige, daß zur Geistesforschung wenig sich solche Personen eignen, welche an Halluzinationen, an Visionen oder ähnlichen krankhaften Seelengebilden und Seelenzuständen leiden. Je weniger der Mensch dazu neigt, was ja doch nur eine Reminiszenz des Tageslebens ist, desto sicherer kommt er vorwärts auf dem Gebiete der Geistesforschung. Und darin besteht ein großer Teil der Vorbereitung zur Geistesforschung, daß man alles dasjenige, was nur irgendwie unbewußt aus der Menschenseele sich aufdrängen könnte in solch krankhafter Art, genau unterscheiden lernt von dem, was als ein neues Element, als eine geistige Wirklichkeit durch die geisteswissenschaftliche Ausbildung der Seele eintreten kann.

Ich möchte gerade einen radikalen Unterschied angeben zwischen dem Visionären, dem Halluzinatorischen und dem, was der Geistesforscher erschaut. Warum ist es denn so, daß so viele Menschen glauben, schon in der geistigen Welt drinnen zu stehen, wenn sie nur Halluzinationen und Visionen haben? Ja, die Menschen lernen so ungern etwas wirklich Neues kennen! Sie halten so gerne an dem Alten, in dem sie schon drinnen stehen, fest. Im Grunde genommen treten uns in Halluzinationen und Visionen die krankhaften Seelengebilde so entgegen, wie uns die äußere sinnliche Wirklichkeit entgegentritt. Sie sind da; sie stellen sich vor uns hin. Wir tun gewissermaßen nichts dazu, wenn sie sich vor uns hinstellen. In dieser Lage ist der Geistesforscher gegenüber seinem neuen geistigen Element nicht. Ich habe davon gesprochen, daß der Geistesforscher alle Kräfte seiner Seele, die im gewöhnlichen Leben schlummern, konzentrieren, heraufarbeiten muß. Das erfordert aber, daß er eine seelische Energie, eine seelische Stärke anwendet, die im äußeren Leben nicht da ist. Aber diese Stärke muß er immer festhalten, wenn er eintritt in die geistige Welt. Der Mensch bleibt passiv, er braucht sich nicht anzustrengen: das ist das Charakteristische der Halluzinationen, der Visionen. In dem Augenblick, wo wir der geistigen Welt gegenüber auch nur einen Moment passiv werden, verschwindet sogleich alles. Wir müssen unausgesetzt tätig, aktiv dabeisein. Daher können wir uns auch nicht täuschen, denn nichts kann aus der geistigen Welt vor unsere Augen treten so, wie eine Vision oder Halluzination vor unsere Augen tritt. Wir müssen überall mit unserer Tätigkeit dabeisein, bei jedem Atom desjenigen, was uns aus der geistigen Welt entgegentritt. Wir müssen wissen, wie es sich damit verhält. Diese Aktivität, dieses fortlaufende Tätigsein, das ist notwendig für die wirkliche Geistesforschung. Dann aber tritt man ein in eine Welt, die sich radikal unterscheidet von der physisch-sinnlichen Welt. Man tritt ein in eine Welt, wo geistige Wesen, geistige Tatsachen um uns sind.

Aber ein Zweites ist dazu notwendig. Daß man losreißt die Seele vom Leibe, das geschieht in der geschilderten Weise. Das zweite aber, es kann wiederum durch einen naturwissenschaftlichen Vergleich klar gemacht werden. Wenn wir den Wasserstoff abtrennen, so ist er zunächst für sich allein; aber er geht Verbindungen ein mit anderen Stoffen, er wird zu etwas ganz anderem. Dasselbe muß sich vollziehen mit unserem Geistig-Seelischen nach der Abtrennung vom Leibe. Dieses Geistig-Seelische muß sich verbinden mit Wesenheiten, die nicht in der Sinneswelt sind. Es muß mit ihnen eins werden; dadurch nimmt es sie wahr.

Die erste Stufe der Geistesforschung ist das Abtrennen des Seelisch-Geistigen vom Physisch-Leiblichen. Die zweite Stufe ist das Eingehen von Verbindungen mit Wesen, die hinter der Sinneswelt sind. Das letztere ist etwas, was einem in der Gegenwart nicht verziehen wird, weit weniger verziehen wird als das Reden von einem «Geiste im allgemeinen». Es gibt ja heute schon viele Menschen, die wissen, daß es sie drängt, ein Geistiges anzunehmen. Sie sprechen aber von einem Geiste, der hinter der "Welt ist und sind froh beseelt, wenn sie Pantheisten sein können. Aber für den Geistesforscher ist der Pantheismus gerade dasselbe, wie wenn man jemand in die Natur führt und sagt zu ihm: Schau nur, das alles, was dich hier umgibt, es ist Natur! wenn man ihm nicht sagt: Das sind Bäume, das sind Wolken, das ist eine Lilie, das ist eine Rose, sondern: das ist alles Natur! Wenn man den Menschen also von einem Vorgang zum anderen Vorgang, von einem Wesen zum anderen Wesen führt und ihm sagt: Es ist das alles Natur! — damit ist ja nichts gesagt. Im einzelnen, im Konkreten muß auf die Tatsachen eingegangen werden. Es wird einem heute verziehen, wenn man von einem Geiste spricht, der in allem darinnen ist. Der Geistesforscher kann sich aber damit nicht zufrieden geben. Er tritt ja ein in eine Welt, die besteht aus einer Welt von geistigen Wesenheiten, geistigen Tatsachen, die differenziert sind so, wie die äußere Welt konkret differenziert ist, indem sie besteht aus Wolken, Bergen, Tälern, aus Bäumen, Blumen und so weiter. Daß man aber davon spricht, daß nicht nur die natürlichen Vorgänge differenziert sind in Pflanzen-, Tier- und Menschenreich, sondern daß man, wenn der Mensch in eine geistige Welt eintritt, auch dort von konkreten Einzelheiten und Tatsachen spricht, das wird einem heute nicht verziehen. Aber der Geistesforscher kann nicht anders als darauf aufmerksam machen, daß, wenn er so in die geistige Welt eintritt, er eintritt in eine Welt wirklicher, konkreter geistiger Wesenheiten und geistiger Vorgänge.

Das zweite, das dann notwendig ist, das ist eine Steigerung der Hingabe, jener Hingabe, die der Mensch im gewöhnlichen Leben oder im gesteigerten gewöhnlichen Leben in der religiösen Frömmigkeit empfindet. Aber wiederum ins Unendliche gesteigert muß das entwickelt werden, daß der Mensch wirklich dazu kommt, daß er gleichsam im Strome des Weltgeschehens hingebungsvoll ruht wie im Schlafe. Im Schlafe vergißt er jede Regung des eigenen Leibes, so muß der Mensch jede Regung des eigenen Leibes vergessen in der Kontemplation oder Meditation. Es ist dies die zweite Übung, die abwechseln muß mit der ersten Übung. Der Übende vergißt seinen Leib vollständig, nicht nur in denkerischer Beziehung, sondern so, daß er auch alle Gemütsregungen und Willensregungen abzusondern vermag, so wie er sich im Schlafe abzusondern vermag von jeder Regsamkeit des Leibes. Aber bewußt muß dieser Zustand herbeigeführt werden. Indem der Mensch diese Hingabe hinzufügt zu der ersten Übung, gelangt er dazu, wirklich sich durch die erwachenden geistigen Sinne so in eine geistige Welt hineinzustellen, wie er sich hineinlebt durch die äußeren Sinne in die Welt der Sinnlichkeit, die uns umgibt. Eine neue Welt tritt dann vor dem Menschen auf, die Welt, in der der Mensch mit seinem Geistig-Seelischen immer ist. Dann aber wird für den Menschen etwas zur Tatsache. Zur Tatsache wird es, so sagte ich, für die Innenbeobachtung, was heute noch durchaus zurückgewiesen wird von den Vorurteilen unserer Zeit, was aber ebenso ein Ergebnis einer streng wissenschaftlichen Forschung ist, wie die Evolutionslehre der neueren Zeit es ist: der Mensch lernt seinen seelischgeistigen Wesenskern kennen, und zwar so lernt er ihn kennen, daß er weiß: Bevor ich vor der Empfängnis und vor der Geburt in dieses Leben eingetreten bin, das mich mit dem Leibe bekleidete, war ich geistig-seelisch in einem geistigen Reiche. Indem ich durch die Pforte des Todes schreiten werde, wird mein Leib abfallen, aber dasjenige, was ich jetzt kennen gelernt habe als geistig-seelischen Wesenskern, dasjenige, was außer dem Leibe leben kann, das wird durch die Pforte des Todes schreiten. Das gehört, nachdem es durch die Pforte des Todes geschritten ist, zu einer geistigen Welt, das geht in eine geistige Welt ein. - Man lernt, mit anderen Worten, die unsterbliche Seele kennen schon in diesem Leben zwischen Geburt und Tod. Man lernt kennen dasjenige, wovon man weiß, daß es auf den Leib nicht angewiesen ist. Die Welt lernt man kennen, in welche die Menschenseele nach dem Tode eintritt. Aber man lernt diesen geistig-seelischen Wesenskern des Menschen in einer solchen Weise erkennen, wie es sich wiederum wissenschaftlich-anschaulich beschreiben läßt.

Wenn wir die Pflanze betrachten, wie der Keim sich entwickelt, wie die Blätter und Blüten entstehen, wie die Frucht sich bildet, aus der dann wiederum ein Keim hervorgeht, dann werden wir gewahr, daß das Leben dieser Pflanze sich zuspitzt in diesem Keim. Man sieht das Abfallen der Blüten und Blätter, man sieht, daß der Keim bleibt, der in sich trägt eine neue Pflanze. So wird man gewahr: In dieser Pflanze, die man vor sich hat, da lebt der Keim, der Kern zu einer neuen Pflanze. So lernt man erkennen, indem man das Leben zwischen Geburt und Tod betrachtet, daß sich im Geistig-Seelischen dasjenige entwickelt, was durch die Pforte des Todes geht, was aber der Keim, der Kern eines neuen Lebens ist. So gewiß wie der Pflanzenkeim die Anlage hat, eine neue Pflanze zu werden, so gewiß hat dasjenige, was sich in dem Alltagsleben als Seelisch-Geistiges verbirgt, was sich aber der Geisteswissenschaft zeigt, die Anlage zu einem neuen Menschen. Und durch eine solche Betrachtung gelangt man in voller Übereinstimmung mit der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart zu den wiederholten Erdenleben. Man weiß, daß das gesamte Menschenleben besteht aus dem Leben zwischen Geburt und Tod und aus dem Leben, das verläuft zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, aus dem dann der Mensch wiederum in ein neues Erdenleben eintritt. Das einzige, was eingewendet werden könnte gegen das eben Gesagte, ist, daß ja der Pflanzenkeim auch zugrunde gehen könnte, wenn die Bedingungen nicht da sind, die ihn zu einer neuen Pflanze aufrufen. Dieser Einwand erledigt sich für die Geisteswissenschaft dadurch, daß allerdings der Pflanzenkeim, weil er angewiesen ist auf die äußere Welt, auch zugrunde gehen kann. In der geistigen Welt aber, in der der menschliche Seelenwesenskern heranreift zu einem neuen Erdenleben, da gibt es kein Hindernis dafür, daß dasjenige, was als Seelenkern im Erdenleben reift, in einem anderen Erdenleben wiederum zum Vorschein kommt. Ich kann nur flüchtig in kurzen Worten andeuten, wie der Geistesforscher, festhaltend an der naturwissenschaftlichen Forschungsart, zu der Anschauung der wiederholten Erdenleben kommt.

Man hat die Geisteswissenschaft angeklagt des Buddhismus, weil sie von den wiederholten Erdenleben spricht. Nun, die Geisteswissenschaft holt das, was sie zu sagen hat, wahrhaftig nicht aus dem Buddhismus, sondern sie steht voll und ganz auf dem Boden der neueren Naturwissenschaft. Aber, sie dehnt diese neuere Naturwissenschaft auf das geistige Leben aus. Und sie kann nichts dafür, daß sie, ohne irgendwie auf den Buddhismus Rücksicht zu nehmen, zu der Anschauung von den wiederholten Erdenleben kommt. Sie kann nichts dafür, daß der Buddhismus in uralten Zeiten aus alten Traditionen heraus gesprochen hat von den wiederholten Erdenleben.In diesem Zusammenhange möchte ich darauf aufmerksam machen, daß Lessing aus seinem reifen und erfahrungsreichen Denken heraus dazu gekommen ist, von den wiederholten Erdenleben zu sprechen. Nach einem arbeitsreichen Leben hat Lessing seine Abhandlung «Über die Erziehung des Menschengeschlechts» geschrieben, und da vertritt er diese Lehre von den wiederholten Erdenleben. Er sagt ungefähr das Folgende: Sollte denn diese Lehre deshalb zu verwerfen sein, weil sie in den ersten Morgenstunden der Menschheit aufgetreten ist, als noch keine Vorurteile der Schulen sie getrübt haben? So wenig Lessing sich beirren ließ dadurch, daß diese Lehre von den wiederholten Erdenleben in der Morgenröte der Menschheit aufgetreten ist und dann später durch die Vorurteile der Schulen in den Hintergrund gedrängt worden ist, so wenig braucht die Geisteswissenschaft vor dieser Lehre zurückzuschrecken, weil diese Lehre auch im Buddhismus vorkommt. Es ist durchaus unbegründet, die Geisteswissenschaft deshalb des Buddhismus zu zeihen. Geisteswissenschaft bekennt sich zu der Lehre von den wiederholten Erdenleben aus ihren eigenen Quellen heraus, und der Mensch wird hingewiesen durch diese Geisteswissenschaft darauf, daß er mit dem gesamten Menschheitsleben auf Erden in Zusammenhang steht. Denn diese Seelen, die in uns leben, sie waren schon oftmals da, sie werden noch oftmals da sein. Wir blicken zurück auf uralte Kulturepochen, auf Zeiten zum Beispiel, wo die Augen der Menschen hinauf geblickt haben zu den Pyramiden. Wir wissen: Unsere Seelen haben schon dazumal gelebt, und wiederum werden sie erscheinen in der Zukunft; sie nehmen teil an allen Menschheitsepochen...

Nun, in welchem Sinne will die Geisteswissenschaft dasjenige, was soeben auseinandergesetzt worden ist, vor die ganze Menschheitskultur hintragen? In keinem anderen Sinne, als die neuere Naturwissenschaft ihre Erkenntnisse vor die Menschheit bringt...

Und Geisteswissenschaft will nicht etwas sein, was zu tun hat mit einer neuen Religionsstiftung. Sie will keine neue Sekte stiften. Sie will keine Propheten und keine Religionsstifter hervorbringen. Die Zeit der Religionsstiftungen, die Zeit der Propheten ist vorüber. Die Menschheit ist reif geworden. Und Menschen, die mit Prophetennatur in der Zukunft vor die Menschheit hintreten wollten, sie werden ein anderes Schicksal haben als die alten Propheten. Die alten Propheten, sie sind mit Recht nach den Eigenarten ihrer Zeit als hervorragende Menschen verehrt worden. Propheten der Gegenwart, die es in dem alten Sinne sein wollten, werden ihr Schicksal erfahren: sie werden ausgelacht werden! Geisteswissenschaft braucht keine Propheten, denn Geisteswissenschaft steht ihrer ganzen Natur nach auf dem Boden, daß dasjenige, was sie zu sagen hat, Eigentum ist der Tiefen der Menschenseele, derjenigen Tiefen, in welche die Menschenseele nur nicht immer hinunterleuchten kann. Und dasjenige, was der Geistesforscher sagt, will er als schlichter Forscher erforschen. Er will aufmerksam machen auf dasjenige, was notwendig ist. Der Geistesforscher sagt: Ich habe es gefunden; wenn du suchst, findest du es selbst! Und immer mehr und mehr werden sich die Zeiten nähern, wo der Geistesforscher anerkannt werden wird als schlichterForscher, so wie der Chemiker, der Biologe als Forscher anerkannt werden auf ihrem Gebiete; nur daß der Geistesforscher auf dem Gebiete forscht, das jeder Menschenseele nahegeht...

Geisteswissenschaft will nicht das Christentum ersetzen, aber ein Instrument zum Ergreifen des Christentums will sie sein. Und gerade dadurch wird uns durch die Geisteswissenschaft klar, daß dasjenige Wesen, das wir den Christus nennen, in den Mittelpunkt alles Erdendaseins zu stellen ist, daß dasjenige, was wir das christliche Bekenntnis nennen, die letzte der Religionen ist, die für die Erdenzukunft ewige Religion ist. Gerade das zeigt uns die Geisteswissenschaft, daß die vorchristlichen Religionen aus ihrer Einseitigkeit herausgewachsen sind, zusammengewachsen sind in die Religion des Christentums. Geisteswissenschaft will nicht etwas anderes an die Stelle des Christentums setzen, sondern sie will nur dazu helfen, das Christentum tiefer, inniger zu verstehen...

Ein gewaltiger Unterschied ist vorhanden in bezug auf das Verhältnis der Menschenseele zu der geistigen Welt gegenüber den vorchristlichen Zeiten. Dasjenige, was ich Ihnen heute erzählt habe, und was jede Seele vornehmen kann mit sich, um ihren Einzug in die geistige Welt zu halten, das ist erst möglich in der Welt seit der Begründung des Christentums. Seither erst kann jede Seele, die dasjenige anwendet, was ich heute und in den genannten Büchern dargestellt habe, durch Selbsterziehung hinaufgelangen in die geistige Welt. Vor der Begründung des Christentums brauchte man die Mysterien, brauchte man die autoritativen Anweisungen der Lehrer. Selbsteinweihung hat es in alten Zeiten nicht gegeben. Und wenn die Geisteswissenschaft gefragt wird: Worauf beruht dieser Umschwung? - dann hat sie aus ihren Forschungen heraus zu antworten: Dieser Umschwung ist möglich geworden durch das Mysterium von Golgatha. Durch die Begründung des Christentums ist eine Tatsache, die nur im Geiste erforscht werden kann, in die Menschheit eingetreten. Etwas, was vorher nur im Geistigen zu finden war, wenn der Mensch den Leib verlassen hatte durch die Mysterien, der Christus selbst, er ist nach der Begründung des Christentums von jeder Menschenseele durch eigene Anstrengung zu finden. Dasjenige, was gleichsam die Mysterien in die Menschenseelen hineinbrachten, das liegt seit dem Mysterium von Golgatha in jeder Menschenseele, das ist allen Menschenseelen zuteil geworden...

Unsere Menschenseelen haben durchgemacht Erdenleben in Zeiten, wo der Christus noch nicht mit der Erde vereinigt war, und sie werden durchmachen noch fernere Erdenleben, in denen der Christus mit der Erde vereint ist. Der Christus lebt nunmehr in den Menschenseelen selbst. Dann aber, wenn die Menschenseele sich immer mehr und mehr vertieft, wenn die Menschenseele immer wieder und wiederum durch wiederholte Erdenleben geht, dann wird sie immer selbständiger und selbständiger, immer innerlich freier und freier. Daher ist es so, daß sie immer neue Instrumente braucht, um die alten Wahrheiten zu verstehen, daß sie aus dieser inneren Freiheit heraus immer weiter und weiter vorzudringen hat. So muß gesagt werden: Das Christentum wird gerade durch die Geisteswissenschaft in einer solchen Tiefe erkannt, in einer solchen Wahrheit, in einer solchen Wichtigkeit erkannt, daß die Geisteswissenschaft Vertrauen haben darf, wenn sie in einer neuen Form diese alten christlichen Wahrheiten verkündigt. Mögen diejenigen, die nur bei ihren Vorurteilen stehenbleiben wollen, glauben, daß Geisteswissenschaft dem Christentum Abbruch tue. Wer in die Kultur der Gegenwart eindringt, der wird finden, daß gerade diejenigen Menschen, die nicht mehr in der alten Weise Christen sein können, durch Geisteswissenschaft wiederum von der Wahrheit des Christentums überzeugt werden. Denn dasjenige, was die Geisteswissenschaft über das Christentum zu sagen hat, das darf sie sagen zu jeder Seele, weil den Christus, von dem sie spricht, jede Seele in sich selbst finden kann. Aber sie darf auch sagen, daß sie den Christus findet als das Wesen, das einmal wirklich durch die Tatsache des Mysteriums von Golgatha eingetreten ist in die Menschenseelen, in die Erdenwelt. Der Glaube hat nichts zu fürchten von dem Wissen, denn die Gegenstände des Glaubens, wenn sie zum Geiste aufsteigen, haben das Licht des Wissens nicht zu scheuen. Und so wird Geisteswissenschaft dem Christentum diejenigen Seelen erobern, die ihm nicht anders werden gewonnen werden können als dadurch, daß man zu ihnen nicht spricht wie ein prophetischer Religionsstifter, sondern wie ein schlichter Wissenschafter, der aufmerksam macht auf dasjenige, was auf geisteswissenschaftlichem Gebiete gefunden werden kann, und der die Saiten, die in jeder Seele sind, zum Mitschwingen bringt.

Geistesforscher kann zwar ein jeder Mensch werden; die Wege dazu können Sie in den genannten Büchern angegeben finden. Aber auch derjenige, der nicht Geistesforscher ist, kann, wenn er die Wahrheit in unbefangener Weise auf sich wirken läßt, von dieser Wahrheit durchdrungen werden. Und wenn er das nicht tut, dann kann er sich eben nicht frei machen von Vorurteilen. In der Seele des Menschen liegen alle Wahrheiten. Es hat vielleicht nicht jeder Mensch Gelegenheit, als Geistesforscher die Wahrheit des Geistigen zu überschauen; aber so wahr wir schon mit dem Denken aus dem Gebiet der Sinneswelt heraus sind, so wahr geht das Denken mit, wenn der Geisteswissenschafter auf das aufmerksam machen will, was er auf seinen geistigen Wegen erforscht. Und nur aufmerksam machen will er darauf, daß es Wahrheiten gibt, die in jeder Seele keimen können, weil sie in jeder Seele vorhanden sind."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Christus und die menschliche Seele. Über den Sinn des Lebens. Theosophische Moral. Anthroposophie und Christentum., GA 155 (1982), S 215 ff., Norrköping, 13. Juli 1914


Link: http://www.anthroposophie.net/steiner/leitsaetze/bib_steiner_leitsaetze.htm
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=1letzte Änderung: 2005-03-05


Apokalyptische Siegel
die für den Münchner Kongreß (1907) geschaffenen Siegel und Säulen

Die Apokalyptischen Siegel wurden nach Angaben Rudolf Steiners für den Kongreß der «Föderation europäischer Sektionen der Theosophischen Gesellschaft», der vom 18. - 21. Mai 1907 in München stattfand, von Frl. Clara Rettig gestaltet. Die zwischen den Siegelbildern befindlichen Säulen wurden von Karl Stahl ausgeführt. Über die tiefere Bedeutung der Siegelbilder und der Säulen sagt Rudolf Steiner:

"Sie sind nicht beliebige «Sinnbilder», welche man verstandesmäßig deuten kann, sondern geisteswissenschaftliche «Schriftzeichen», die so genommen werden müssen, wie es der wahren Geisteswissenschaft entspricht. Diese erfindet nicht aus dem Verstande oder der willkürlichen Phantasie heraus solche «Zeichen», sondern gibt in ihnen nur wieder, was der geistigen Wahrnehmung in den übersinnlichen Welten wirklich als Anschauung vorliegt. Keine Spekulation, keine – wenn auch noch so geistreiche – Verstandeserklärung ist gegenüber solchen Zeichen angebracht, da sie eben nicht ausgedacht sind, sondern lediglich eine Beschreibung dessen liefern, was der sogenannte «Seher» in den unsichtbaren Welten wahrnimmt. Bei den hier wiedergegebenen Zeichen handelt es sich um die Beschreibung von Erlebnissen der «astralen» und der «geistigen» (devachanischen) Welt. Die «Siegel» der ersten sieben Tafeln stellen solche wirkliche Tatsachen der astralen Welt dar, und die sieben «Säulen» ebensolche der geistigen Welt. Während aber die Siegel unmittelbar die Erlebnisse des «geistigen Schauens» wiedergeben, ist das bei den sieben Säulen nicht in gleicher Art der Fall. Denn die Wahrnehmungen der geistigen Welt lassen sich nicht mit einem «Schauen», sondern eher mit einem «geistigen Hören» vergleichen. Bei diesem muß beachtet werden, daß man es nicht zu sehr dem «Hören» in der physischen Welt ähnlich denken soll, denn obwohl es sich damit vergleichen läßt, ist es ihm doch sehr unähnlich. In einem Bilde lassen sich die Erlebnisse dieses geistigen Hörens nur ausdrücken, wenn man sie aus dem «Tönen» in die Form übersetzt. Das ist bei diesen «Säulen» geschehen, deren Wesen aber nur verständlich ist, wenn man sich die Formen plastisch (nicht malerisch) denkt.

Im Sinne der Geisteswissenschaft sind die Ursachen zu den Dingen der physischen Welt im Übersinnlichen, Unsichtbaren gelegen. Was sich physisch offenbart, hat seine Urbilder in der astralischen Welt und seine geistigen Urkräfte (Urtöne) in der geistigen Welt. Die sieben Siegel geben die astralischen Urbilder der Menschheitsentwicklung auf der Erde im Sinne der Geisteswissenschaft. Wenn der «Seher» auf dem «Astralplane» diese Entwicklung in die Zeiten ferner Vergangenheit und ferner Zukunft verfolgt, so stellt sich ihm diese in den gegebenen sieben Siegelbildern dar. Er hat nichts zu erfinden, sondern lediglich die von ihm geistig wahrgenommenen Tatsachen zu verstehen...

Siegel I stellt umfassend die ganze Erdenentwicklung des Menschen dar. Dieses sowie andere Siegel der Serie kann man in einem gewissen Sinne auch beschrieben finden in der «Offenbarung St. Johannis» (Apokalypse). Denn wer diese Schrift im geisteswissenschaftlichen Sinne zu verstehen vermag, der sieht in ihr nichts anderes als die in Worten gegebene Beschreibung dessen, was der «Seher» als Menschheitsentwicklung auf dem astralischen Plane urbildlich wahrnimmt. So versteht ein solcher auch die ersten Worte dieser Schrift, die (annähernd richtig wiedergegeben) so lauten: «Die Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm dargeboten hat, seinen Dienern zu veranschaulichen, wie in Kürze sich das notwendige Geschehen abspielt; dieses ist in Zeichen gesandt durch Gottes Engel seinem Diener Johannes. Dieser hat zum Ausdruck gebracht das ,Wort' Gottes und dessen Offenbarung durch Jesus Christus, in der Art, wie er es geschaut hat.» Die «Zeichen», die er geschaut hat, sind von dem Aufzeichner der «geheimen Offenbarunge dargestellt worden. – Man kann an den folgenden Siegeln finden, daß sie in vieler Beziehung ähnlich sind dem, was in der Apokalypse beschrieben ist, doch nicht ganz. Denn unseren Bildern liegt eine geisteswissenschaftliche Methode zugrunde, welche zwar mit allen Überlieferungen im Einklange ist, in ihrer eigenen Gestalt sich aber, den modernen geistigen Bedürfnissen der Menschheit entsprechend, seit dem vierzehnten Jahrhundert in jenen Kreisen ausgebildet hat, die seit jener Zeit die Aufgabe haben, diese Dinge zu pflegen. Dennoch soll hier, wo es darauf ankommt, die Beschreibung unter Hinweis auf die «Offenbarung St. Johannis» gegeben werden. Ausdrücklich bemerkt soll werden, daß manches von den sieben Siegeln schon in diesem oder jenem Werke der neueren Zeit . veröffentlicht ist; doch wird der in solchen Dingen Eingeweihte finden können, daß diese anderen Wiedergaben in manchen Punkten abweichen von der hier gegebenen Gestalt, welche die echte geisteswissenschaftliche Grundlage zur Darstellung bringen will.

Zum ersten Siegel kann man vergleichen dessen Beschreibung in der Apokalypse. «Und ich wandte mich hin, zu vernehmen die Laute, welche zu mir drangen; und da schaute ich sieben güldene Lichter, und inmitten der Lichter des Menschensohnes Bild, mit langem Gewande und mit einem goldenen Gürtel um die Lenden; und sein Haupt und Haar waren weißglänzend wie weiße Wolle oder Schnee, und seine Augen funkelnd im Feuer. Und seine Füße waren feuerflüssig wie im feurigen Ofen erglüht, und seine Stimme glich dem Zusammenklange rauschender Wassermassen. Und in seiner Rechten waren sieben Sterne, und aus seinem Munde kam ein zweischneidiges scharfes Schwert, und sein Antlitz in seinem Glanze glich der leuchtenden Sonne.» In allgemeinen Bildern wird da auf umfassendste Geheimnisse der Menschheitsentwicklung gedeutet. Wollte man in ausführlicher Art darstellen, was der Seher aus diesen Bildern sehen kann, so müßte man ein dickes Buch schreiben. Nur ein paar Andeutungen seien gemacht. Jedes Zeichen, jede Form an den Siegelbildern ist vielsagend, und was hier gesagt wird, kann nur Etwas von Vielem sein. Unter den Organen und Ausdrucksmitteln des Menschen sind solche, welche in ihrer gegenwärtigen Gestalt die abwärtsgehenden Entwicklungsstufen früherer Formen darstellen, die also ihren Vollkommenheitsgrad bereits überschritten haben; andere aber stellen die Anfangsstufen einer Entwicklung dar, die in aufsteigender Richtung sich bewegt. Solche Glieder am Menschen sind heute erst noch unvollkommen und werden künftig ganz andere höhere Aufgaben zu erfüllen haben. Ein Organ, das in der Zukunft etwas viel Höheres, Vollkommeneres sein wird als es gegenwärtig ist, stellt das Sprachorgan dar, mit allem, was am Menschen zu ihm gehört. Indem man dieses andeutet, rührt man an ein großes Geheimnis des Daseins, welches auch das «Mysterium des schaffenden Wortes» genannt wird. Es ist damit eine Hindeutung auf den Zukunftszustand dieses Organs gegeben, das einmal, wenn der Mensch vergeistigt sein wird, Produktions- (Zeugungs-) Organ sein wird.

In den Mythen und religiösen Erzählungen wird diese zukünftige vergeistigte Produktionsform durch das sachgemäße Bild von dem aus dem Munde kommenden feurigen «Schwert» angedeutet. Die ersten Stufen der Erdenentwicklung des Menschen verliefen in einer Zeit, als die Erde noch «feurig» war; und aus dem Elemente des Feuers haben sich die ersten menschlichen Verkörperungen herausgestaltet; am Ende seiner Erdenlaufbahn wird der Mensch selbst sein Inneres durch die Kraft des Feuerelementes schöpferisch nach außen strahlen. Dieses Fortentwickeln vorn Erdenanfang zum Erdenende erschließt sich dem «Seher», wenn er auf dem Astralplan das Urbild des werdenden Menschen erblickt, wie es im ersten Siegel wiedergegeben ist. Der Anfang der Erdenentwicklung steht da in den feurigen Füßen, das Ende in dem feurigen Antlitz und die vollkommene zuletzt zu erringende Kraft des «schöpferischen Wortes» in dem feurigen Schwert, das aus dem Munde kommt. Während diese Entwicklung abläuft, steht des Menschen Werden und seine dabei entfalteten Kräfte nacheinander unter dem Einfluß von Kräften, die sich in den sieben Sternen der Rechten ausdrücken. So stellt jede Linie, jeder Punkt gewissermaßen auf dem Bilde etwas dar, was mit dem umfassenden Entwicklungsgeheimnis des Menschen zusammenhängt.

Siegel II stellt einen der ersten Entwicklungszustände der Erdenmenschheit dar, mit allem was dazugehört. Der Erdenmensch hat in ferner Urzeit nämlich noch nicht das gehabt, was man Individualseele nennt. Es war damals bei ihm das vorhanden, was gegenwärtig noch die auf einer früheren Entwicklungsstufe der Menschheit zurückgebliebenen Tiere haben: die Gruppenseele. Wenn durch imaginatives Hellsehen in der Rückschau auf die Vorzeit die menschlichen Gruppenseelen auf dem Astralplan verfolgt werden, so ergibt sich, daß die verschiedenen Formen derselben auf vier Grundtypen zurückgeführt werden können. Und diese sind in den vier apokalyptischen Tieren des zweiten Siegels wiedergegeben: dem Löwen, dem Stier, dem Adler und jener Gestalt, die sich auch als Gruppenseele der individuellen Seele des gegenwärtigen Menschen nähert, und die deshalb auch: der «Mensch» heißt. Damit ist an die Wahrheit dessen gerührt, was oftmals so trocken allegorisch bei den vier Tieren «ausgedeutet» wird.

Siegel III stellt die Geheimnisse der sogen. Sphärenharmonie dar. Der Mensch erlebt diese Geheimnisse in der Zwischenzeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt (im «Geisterlande» oder dem, was in der gebräuchlichen theosophischen Literatur «Devachan» genannt wird). Es ist aber bei allen diesen Siegeln festzuhalten, daß sie nur die Erfahrungen der astralischen Welt darstellen. Doch können auch andere Welten als diese astralische selbst, in dieser beobachtet werden. Unsere physische Welt kann man nach ihren Urbildern auf dem Astralplan beobachten. Und die geistige Welt ist in ihren Nachbildern auf diesem Plan zu schauen. So stellt das dritte Siegel die astralischen Nachbilder des «Geisterlandes» dar. Die posaunenblasenden Engel stellen die geistigen Urwesen der Welterscheinungen dar; die Posaunentöne selbst die Kräfte, die von diesen Urwesen aus in die Welt strömen und durch welche die Wesen und Dinge aufgebaut und in ihrem Werden und Wirken erhalten werden. Die «apokalyptischen Reiter» stellen die Hauptentwicklungspunkte dar, durch welche eine Menschenindividualität im Laufe vieler Verkörperungen durchgeht und die sich auf dem Astralplan in den Reitern auf den Pferden darstellen: ein weißglänzendes Pferd, eine sehr frühe Stufe der Seelenentwicklung ausdrückend; ein feuerfarbenes Pferd, auf die kriegerische Entwicklungsstufe der Seele deutend; ein schwarzes Pferd, entsprechend jener Seelenstufe, wo nur das äußere physische Wahrnehmen der Seele entwickelt ist; und ein grünschimmerndes Pferd, das Bild der reifen Seele, welche die Herrschaft über den Leib hat (daher die grüne Farbe, welche sich als Ausdruck der von innen nach außen wirkenden Lebenskraft ergibt).

Siegel IV stellt unter anderem zwei Säulen dar, deren eine aus dem Meer, die andere aus dem Erdreich aufragt. In diesen Säulen ist das Geheimnis angedeutet von der Rolle, welche das rote (sauerstoffreiche) Blut und das blaurote (kohlensäurereiche) Blut in der menschlichen Entwicklung spielen. Das menschliche «Ich» macht im Erdenkreislauf seine Entwicklung dadurch durch, daß es sein Leben physisch zum Ausdruck bringt in der Wechselwirkung zwischen rotem Blut, ohne das es kein Leben, und dem blauen Blut, ohne das es keine Erkenntnis gäbe. Blaues Blut ist der physische Ausdruck der Erkenntnis gebenden Kräfte, die aber für sich allein in ihrer menschlichen Form mit dem Tode zusammenhängen, und rotes Blut ist der Ausdruck des Lebens, das aber in der menschlichen Form keine Erkenntnis für sich allein geben könnte. Beide in ihrem Zusammenwirken stellen dar den Baum der Erkenntnis und den Baum des Lebens, oder auch die beiden Säulen, auf denen sich das Leben und die Erkenntnis des Ich fortentwickeln bis zu jenem Vollkommenheitgrade, wo der Mensch Eins werden wird mit den universalen Erdenkräften. Dieser letztere Zustand der Zukunft kommt auf dem Siegel durch den Oberleib zur Anschauung, der aus Wolken besteht, und durch das Gesicht, das sich die geistigen Kräfte der Sonne angeeignet hat. Das «Wissen» wird dann der Mensch nicht mehr von außen in sich aufnehmen, sondern in sich «verschlungen» haben, was in dem Buche in der Mitte des Siegels angedeutet ist. Erst durch solches «Verschlingen» auf höherer Daseinsstufe öffnen sich die sieben Siegel des Buches, wie sie auch auf Siegel III angedeutet sind. In der «Offenbarung St. Johannis» findet man darüber die bedeutungsvollen Worte: «Und ich nahm das Büchlein aus des Engels Hand und verzehrte es.....»

Siegel V stellt dar eine höhere Entwicklungsstufe des Menschen, wie sie eintreten wird, wenn die Erde sich wieder mit der Sonne vereinigt haben und der Mensch nicht mehr bloß mit den Erdenkräften, sondern mit den Sonnenkräften arbeiten wird. Das «Weib, das die Sonne gebiert» bezieht sich auf diesen Zukunftsmenschen. Gewisse Kräfte niederer Natur, welche im Menschen leben und ihn an der vollen Entfaltung seiner höheren Geistigkeit hindern, wird er dann aus sich herausgesetzt haben. Diese Kräfte stellen sich im Siegel einerseits dar in dem Tiere mit den «sieben Köpfen und zehn Hörnern», anderseits in dem Monde zu Füßen des Sonnenmenschen. Der Mond ist für die Geisteswissenschaft der Mittelpunkt gewisser niederer Kräfte, welche heute noch in der menschlichen Wesenheit wirken, und die der Mensch der Zukunft «unter sich» zwingen wird.

Siegel VI stellt den gereinigten, nicht nur vergeistigten, sondern in der Geistigkeit stark gewordenen Menschen dar, welcher die niederen Kräfte nicht nur überwunden, sondern sie so umgewandelt hat, daß sie als verbesserte zu seinen Diensten stehen. Das gezähmte «Tier» drückt dieses aus. In der «Offenbarung St. Johannis» ist darüber zu lesen: «Und ich schaute, wie dem Himmel ein Engel entstieg, der den Schlüssel des Abgrunds hielt und eine große Kette in der Hand hatte. Und er brachte den Drachen, die Schlange der Vorzeit, in seine Gewalt, welche der Teufel und Satan ist, und er band ihn auf tausend Jahre.»

Siegel VII ist Wiedergabe des «Mysteriums vom heiligen Gral». Es ist dasjenige astralische Erlebnis, welches den universellen Sinn der Menschheitsentwicklung wiedergibt. Der Würfel stellt die «Raumeswelt» dar, die noch von keinem physischen Wesen und keinem physischen Ereignis durchsetzt ist. Für die Geisteswissenschaft ist nämlich der Raum nicht bloß die «Leere», sondern er ist der Träger, der auf noch unsichtbare Art die Samen alles Physischen in sich birgt. Aus ihm heraus schlägt sich gleichsam die ganze physische Welt nieder, wie sich ein Salz niederschlägt aus der noch ganz durchsichtigen Lösung. Und was – in bezug auf den Menschen – sich aus der Raumeswelt herausbildet, das macht die Entwicklung vom Niedern zum Höhern durch. Es wachsen heraus aus den «drei Raumesdimensionen», welche im Würfel ausgedrückt sind, zuerst die niedrigeren Menschenkräfte, veranschaulicht durch die beiden Schlangen, die aus sich wieder die geläuterte höhere geistige Natur gebären, was in den Weltenspiralen sich darstellt. Durch das Aufwärtswachsen dieser höheren Kräfte kann der Mensch Empfänger werden (Kelch) für die Aufnahme der rein geistigen Weltwesenheit, ausgedrückt durch die Taube. Dadurch wird der Mensch Beherrscher der geistigen Weltmächte, deren Abbild der Regenbogen ist. Das ist eine ganz skizzenhafte Beschreibung dieses Siegels, das unermeßliche Tiefen in sich birgt, die sich demjenigen offenbaren können, der es in der hingebungsvollen Meditation auf sich wirken läßt. Umschrieben ist dieses Siegel mit dem Wahrheitsspruch der modernen Geisteswissenschaft: «Ex deo nascimur, in Christo morimur, per spiritum sanctum reviviscimus», «Aus Gott bin ich geboren; in Christo sterbe ich; durch den Heiligen Geist werde ich wiedergeboren». In diesem Spruch ist ja der Sinn der menschlichen Entwicklung voll angedeutet.

Zwischen je zwei dieser Siegel befand sich im Kongreßraume eine der sieben Säulen, welche in der zweiten Serie der Bilder wiedergegeben sind. In den Kapitälen dieser Säulen sind, wie oben bereits angedeutet, Erfahrungen des «Sehers» (was auf diesem Gebiete eigentlich nicht mehr ein passender Name ist) in der «geistigen Welt» dargestellt. Es handelt sich um die Wahrnehmung der Urkräfte, welche in geistigen Tönen bestehen. Die plastischen Formen der Kapitäle sind Übersetzungen dessen, was der «Seher» hört. Doch sind diese Formen keineswegs willkürlich, sondern so, wie sie sich auf ganz natürliche Art ergeben, wenn der «sehende Mensch» die «geistige Musik» (Sphärenharmonie), die sein ganzes Wesen durchströmt, auf die formende Hand wirken läßt. Die plastischen Formen sind hier wirklich eine Art «gefrorener Musik», welche die Weltgeheimnisse zum Ausdruck bringt. Daß diese Formen als Säulenkapitäle auftreten, erscheint für den, welcher die Sachlage durchschaut, wie selbstverständlich. Die Grundlage der physischen Entwicklung der Erdenwesen liegt in der geistigen Welt. Von dort aus wird sie «gestützt». Nun beruht alle Entwicklung auf einem Fortschreiten in sieben Stufen. (Die Zahl sieben soll dabei nicht als Ergebnis eines «Aberglaubens» aufgefaßt werden, sondern als der Ausdruck einer geistigen Gesetzmäßigkeit, wie die sieben Regenbogenfarben der Ausdruck einer physischen Gesetzmäßigkeit sind). Die Erde selbst schreitet in ihrer Entwicklung durch sieben Zustände, die mit den sieben Planetennamen bezeichnet werden: Saturn-, Sonne-, Mond-, Mars-, Merkur-, Jupiter- und Venuszustand. (Über den Sinn dieser Sache vergleiche man meine «Geheimwissenschaft» oder die Aufsätze Zur Akasha-Chronik. Doch nicht allein ein Himmelskörper schreitet in seiner Entwicklung so vorwärts, sondern jede Entwicklung durchläuft sieben Stufen, die man im Sinne der modernen Geisteswissenschaft mit den Ausdrücken für die sieben planetarischen Zustände bezeichnet. In der oben gekennzeichneten Weise sind die geistigen Stützkräfte dieser Zustände durch die Formen der Säulenkapitäle wiedergegeben. Man wird aber zu keinem wahren Verständnis dieser Sache kommen, wenn man nur die verstandesmäßige Erklärung beim Beschauen der Formen zugrunde legt. Man muß künstlerisch-empfindend sich in die Formen hineinschauen und die Kapitäle eben als Form auf sich wirken lassen. Wer dies nicht beachtet, wird glauben, nur Allegorien, oder im besten Falle Symbole vor sich zu haben. Dann hätte er alles mißverstanden. Dasselbe Motiv geht durch alle sieben Kapitäle: eine Kraft von oben und eine von unten, die sich erst entgegenstreben, dann, sich erreichend, zusammenwirken. Diese Kräfte sind in ihrer Fülle und in ihrem inneren Leben zu empfinden und dann ist von der Seele selbst zu erleben, wie sie lebendig gestaltend sich breiten, zusammenziehen, sich umfassen, verschlingen, aufschließen usw. Man wird diese Komplikation der Kräfte fühlen können, wie man das «sich-gestalten» der Pflanze aus ihren lebendigen Kräften fühlt, und man wird empfinden können, wie die Kraftlinie erst senkrecht nach oben wächst in der Säule, wie sie sich entfaltet in den plastischen Gestalten der Kapitäle, welche sich den von oben ihnen entgegenkommenden Kräften öffnen und aufschließen, so daß ein sinnvoll tragendes Kapitäl wird. Erst entfaltet sich die Kraft von unten in der einfachsten Art, und ihr strebt ebenso einfach die Kraft von oben entgegen (Saturn-Säule); dann füllen sich die Formen von oben an, schieben sich in die Spitzen von unten hinein und bewirken so, daß die unteren Formen nach den Seiten ausweichen. Zugleich schließen sich diese unteren Formen zu lebendigen Gebilden auf (Sonnensäule). Im ferneren wird das obere mannigfaltiger; eine Spitze, die hervorgetrieben war, wächst wie zu einem befruchtenden Prinzip aus, und das untere gestaltet sich zu einem Fruchtträger um. Das andere Kraftmotiv zwischen beiden ist zu einer tragenden Stütze geworden, weil das Verhältnis der Zwischenglieder nicht genug stark als Tragkraft empfunden würde (Mond-Säule). Weiterhin tritt eine Abscheidung des Unteren und Oberen ein, die starken Träger des Mondkapitäls sind selbst säulenartig geworden, das dazwischenliegende Obere und Untere sind verwachsen zu einem Gebilde, von oben deutet sich ein neues Motiv an (Mars-Säule). Die aus der Verbindung des Oberen und Unteren entstandenen Gebilde haben Leben angenommen, erscheinen daher als von Schlangen umwundener Stab. Man wird empfinden müssen, wie dieses Motiv aus dem vorigen organisch herauswächst. Die mittleren Gebilde des Marskapitäls sind verschwunden; ihre Kraft ist von dem stützenden inneren Teile des Kapitäls aufgesogen; die vorher von oben kommenden Andeutungen sind voller geworden (Merkur-Säule). Nun geht es wieder zu einer Art Vereinfachung, die aber die Frucht der vorhergängigen Vermannigfaltigung in sich schließt. Das Obere schließt sich kelchartig auf, das Untere vereinfacht das Leben in einer keuschen Form (Jupiter-Säule). Der letzte Zustand zeigt diese «innere Fülle» bei der äußeren Vereinfachung aufs höchste. Die Wachstumsumgestaltungen von unten haben von obenher ein fruchttragendes Kelchartiges hervorgelockt (Venus-Säule).

Wer alles das empfinden kann, was in diesen «Säulen» des Weltgeschehens ausgedrückt ist, der fühlt umfassende Gesetze alles Seins, welche die Lebensrätsel in ganz anderer Weise lösen als abstrakte «Naturgesetze».

Es soll in diesen Abbildungen eine Probe gegeben sein, wie die geistige Anschauung Form, Leben, künstlerische Gestaltung werden kann. Man beachte, daß die Abbildungen lebendige Daseinskräfte der höheren Welten wiedergeben; und diese höheren Geisteskräfte wirken auf den Betrachter der Bilder. Sie wirken direkt auf Kräfte, die, ihnen entsprechend, in jedem Menschen schlummern. Aber ihre Wirkung ist nur eine richtige, wenn man diese Bilder mit der rechten inneren Seelenverfassung betrachtet.

Wer mit spirituellen Vorstellungen im Kopfe und mit devotionellen Gefühlen im Herzen die Bilder betrachtet, der wird aus ihnen ein Heiligstes empfangen. Wer sie sich an einen beliebigen Ort hängen oder stellen wollte, wo er ihnen mit alltäglichen Gedanken und Empfindungen gegenübertritt, der wird eine ungünstige Wirkung verspüren, die bis zur schlimmen Beeinflussung des körperlichen Lebens gehen kann. Man richte sich darnach und trete zu den Bildern nur in ein Verhältnis, das im Einklange steht mit einer Hingabe an die geistigen Welten. Zum Schmucke eines dem höheren Leben gewidmeten Raumes sollen solche Bilder dienen; nimmermehr soll man sie an Orten finden oder betrachten, wo die Gedanken der Menschen nicht mit ihnen im Einklange sind."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Bilder okkulter Siegel und Säulen, GA 284


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=243letzte Änderung: 2008-05-05


Apokalyptische Tiere
die Sphinxtiere Stier, Löwe, Adler und die menschliche Gestalt

"Halten wir nochmal fest, daß unsere Erdenentwickelung so begonnen hat, daß ihr vorangegangen ist die Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung, daß diese ein Ergebnis geliefert haben und daß dieses Ergebnis der Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung sozusagen in der vorlemurischen Zeit der Erdgestaltung zu einem ätherischen Menschen geführt hat. Bevor der Mensch in die lemurische Entwickelung eingetreten ist, war er auch in bezug auf seine physischen Kräfte nur eine Äthergestalt. Einen solchen physischen dichten Menschen, wie wir ihn heute mit dem physischen dichten Blut, Nervensystem, Knochensystem und so weiter haben, gab es in der vorlemurischen Zeit noch nicht. Alle die Kräfte, die heute auch im physischen Leibe sind, waren dazumal noch in ihrer Ätherform vorhanden. Diese Äthergestalt des Menschen war also in bezug auf den späteren Menschen in einer gewissen Beziehung schatten- und schemenhaft, war gleichsam nur eine Andeutung dessen, was später dann als der dichtere Mensch sich herauskristallisierte. Erst durch die lemurische, durch die atlantische und nachatlantische Zeit geschah die Verdichtung des Menschen...

Machen wir uns heute einmal schemenhaft sinnbildlich klar, wie der Mensch in der vorlemurischen Zeit war. Da würden wir eine Art Schattenbild, nur andeutend die spätere Menschenform, haben. In dieses Schattenbild des Menschen würden die mannigfaltigsten Strömungen hineingehen, es würden die Wesenheiten der höheren Hierarchien da hineinwirken. Es war dazumal so, daß der Mensch nicht etwa mit seinen Füßen auf der Erde ging, sondern im Umkreise der Erde als Schattenbild schwebte; erst später stieg er sozusagen auf die Erde herab. Die Erde war selbst noch in einem dünneren Zustande. Alles was die höheren Hierarchien auf den Menschen wirkten, das strömte in allerlei Strömungen auf den Menschen ein. Während der Mensch so auf der Erde als ein Schattenbild lebte, entwickelte sich aber auch die Erde, die keineswegs jenes dichte Stück Materie ist, als welches die Geologen oder Mineralogen oder die Physiker sie beschreiben. Die Erde zu beschreiben, wie die Physiker, die Mineralogen es tun, ist ungefähr so, als wenn man von einem Menschen nur das Knochengerüst beschreiben wollte. Das alles, was die physische Wissenschaft beschreibt, ist nur ein Teil, ist das Gerüst der Erde. Mit der Erde sind noch ganz andere Kräfte, ganz andere substantielle Dinge verbunden, welche die Erde zu einem Organismus machen, in dem wir eingebettet sind. Die Erde also setzte ihre Entwickelung fort, und aus der Erde selbst strömten den Menschen fortwährend und immer andere Kräfte zu im Verlaufe der lemurischen, der atlantischen und nachatlantischen Entwickelung. Diese Kräfte wollen wir einmal näher ins Auge fassen.

Da müssen wir zuerst gewisse Kräfte beachten, welche durch die geistigen Wesenheiten der höheren Hierarchien gleichsam der unterirdischen Strömung angehören, die ich gestern angeführt habe. Diese Kräfte strömten in den Menschen ein, und zwar, wenn wir es örtlich beschreiben wollen, von unten, von der Erde nach oben gerichtet. Der Mensch wird im Laufe der Erdenentwickelung von unten her durchzogen von den Kräften der höheren Hierarchien; und wenn wir in Beziehung auf das Äußerliche der Wissenschaft, auch der Geisteswissenschaft, sprechen wollen, so können wir heute nicht anders sagen, als daß die Kräfte, welche da vorzugsweise während der lemurischen Zeit, aber dann auch fortwährend weiter, in den Menschen einströmten und mitwirkten an seiner Gestaltung, Kräfte sind, die sozusagen die Erde in ihrem Wesen durchwirkten. Überall auf der Oberfläche der Erde, wohin man kommen mag, sind diese Kräfte vorhanden. Diese Kräfte nun, welche auch noch anderes zu bewirken hatten in der Erdenentwickelung, wollen wir uns zuerst dadurch anschaulich machen, daß wir auf die Wesenheiten eines anderen Reiches hinweisen, in dessen Gestaltung diese Kräfte vorzugsweise tätig waren.

Die Zoologen, die äußeren Naturforscher werden einmal recht erstaunen, wenn sie sehen werden, auf welch komplizierte Weise aus der geistigen Welt heraus alles das gestaltet worden ist, was sie jetzt so einfach in ihren von einer gewissen Seite ganz richtigen Stammbäumen so abstrakt und niedlich, möchte ich sagen, in den Büchern figurieren lassen. Das, was sie recht verwandt denken, ist unter Umständen von den verschiedensten geistigen Seiten her durch die kompliziertesten geistigen Strömungen zustande gekommen. In der Tat, wir dürfen das, was wir in der Zoologie die Säugetiere nennen, durchaus nicht so darstellen, wie eine äußere darwinistische Zoologie dies heute tun möchte. Wir dürfen durchaus nicht glauben, daß eine so gerade Linie von den einfachsten Säugetieren bis herauf zu den kompliziertesten zu ziehen ist. Bei zwei verschiedenen Säugetierwesen finden auch ganz verschiedene Gestaltungskräfte Anwendung. Alles das, was da unter den Säugetieren um uns herum ist und in einer gewissen Weise verwandt ist mit alledem, was wir unsere Wiederkäuer nennen — Tiere, welche, wie Sie ja wissen, vorzugsweise zu unseren Haustieren gehören —, stand im Laufe der Entwickelung unter ganz anderen geistigen Bedingungen als zum Beispiel das, was zu den katzenartigen, zu den löwenartigen Tieren gehört. Wir müssen uns das so vorstellen, daß die geistigen Kräfte namentlich auf die Gruppenseelen und damit auch auf die physische Gestalt gewirkt haben. Was zu den löwenartigen Tieren gehört, fing erst gegen die atlantische Zeit hin und namentlich in der atlantischen Zeit an auf die Erde zu wirken, indem es so zur Erde kam, wie wenn es vom Innern der Erde an die Oberfläche herausgedrungen wäre. Alles das, was aber auf den Menschen selbst gewirkt hat während der lemurischen Zeit, das ist verwandt mit dem, was auf unsere wiederkäuenden Tiere gestaltend einwirkte und was die Esoterik zusammenfaßt in dem Bilde des Stieres. Das ist alles das, was in der lemurischen Zeit auch anfing, auf den Menschen seinen Einfluß zu gestalten, was dazumal eingriff, wie vom Innern der Erde nach der Oberfläche hin wirkend in die menschliche Gestaltung. Es darf Ihnen nicht als etwas besonders Schockierendes erscheinen, wenn ich sage, meine lieben Freunde: Wenn nichts anderes in der ferneren Zeit auf den Menschen eingewirkt hätte, dann wäre der Mensch in seiner äußeren Gestaltung stierähnlich geworden. Denn diese Kräfte wirkten so, daß, wenn sie allein gewirkt hätten auf den Menschen, sie ihn in dieser Weise gestaltet hätten. — Es griffen aber nach und nach andere Kräfte in die menschliche Organisation vom Innern der Erde heraus ein. Das sind dieselben Kräfte, welche auf die andere Säugetierreihe ihre besonderen Einflüsse ausübten, und in der Esoterik werden sie zusammengefaßt unter dem Namen des Löwen. Diese Kräfte griffen in der Erdenentwickelung etwas später ein. Wenn die früheren Kräfte nicht dagewesen wären, sondern nur allein diese Kräfte auf den Menschen gewirkt hätten, so wäre die äußere Form des Menschen löwenähnlich mit all den Merkmalen der Löwenorganisation geworden. Nur dadurch ist die komplizierte Gestalt des Menschen zustande gekommen, daß nicht eine Strömung bloß auf ihn eingegriffen hat, sondern daß verschiedene Strömungen aufeinanderfolgend eingegriffen haben.

Und jetzt können Sie sich eine Vorstellung machen, warum die stierähnlichen Tiere stierähnlich geblieben und die löwenähnlichen Tiere löwenähnlich geworden sind. Aus dem Grunde, weil die ihnen zugrunde liegenden Schemen- oder Schattengestalten nicht so organisiert waren wie die vorlemurischen Schattengestalten des damaligen Menschen. Diese Schemengestalten waren durch ihre vorausgehende Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung so organisiert, daß sie immer die richtigen Zeiten abgewartet haben, daß sie die aufeinanderfolgenden verschiedensten Strömungen auf sich einwirken ließen, um die eine Strömung durch die andere zu paralysieren und dadurch im höheren Sinne auch zu harmonisieren. Ein Stier würde kein Stier bleiben, wenn auf ihn einwirken würde die Löwennatur und die Stiergestaltung umgestalten würde. Der Mensch ist so auf der Erde angekommen, daß er all diese Strömungen hat auf sich einwirken lassen können. Und erst im Laufe der atlantischen Zeit ist etwas anderes eingetreten, was, wenn es einmal erkannt wird und fruchtbar gemacht wird für die äußere Wissenschaft, unendliches Licht auf unsere Tierkunde werfen wird.

Im Laufe der atlantischen Zeit traten ganz andere Verhältnisse ein. Merken Sie wohl, daß ich gesagt habe: diese Stierkräfte, diese Löwenkräfte wirkten so, als wenn sie vom Innern der Erde nach der Oberfläche wirkten, gleichsam ausströmten vom Innern der Erde. Die Kräfte, welche sich während der atlantischen Zeit mit diesen von der Erde ausströmenden Kräften verbanden, kamen nun von außen, gleichsam aus dem Umkreis herein, so daß während der atlantischen Zeit solche Kräfte eingriffen, die wir uns von unten nach oben in den Menschen hineingreifend und gestaltend zu denken haben, und von oben nach unten gehend andere Kräfte in den Menschen hereinfließend aus dem Weltenraum. Da wurde also jener Schemen oder Schatten des Menschen wiederum ausgesetzt anderen Kräften, die aber jetzt von anderer, ganz entgegengesetzter Richtung her auf den Menschen einwirkten.

Um uns eine Vorstellung von diesen Kräften zu machen, müssen wir uns fragen: In welchen Wesenheiten auf der Erde wirkten vorzugsweise, unbeirrt durch die anderen Kräfte, diese Kräfte, die also wie aus dem Himmelsraume auf die Erde einströmten? Auch da können wir gewisse Wesenheiten in unserer Umgebung aufzeichnen, von denen wir sagen können: bei ihnen waren die Stierkräfte, die Löwenkräfte, die vom Innern der Erde kommen, möglichst gering wirksam, möglichst schwach wirksam. Dagegen waren bei ihnen fast ausschließlich wirksam die aus dem Weltenraum auf die Erde herunterwirkenden, in die Erdensubstanz einströmenden Kräfte. Diese Wesenheiten sind die dem Vogelreich angehörenden. Und unsere abstrakte Zoologie wird einmal recht sehr staunen müssen, wenn sie sich wird sagen müssen: Ganz anders geartet als bei den Säugetieren sind die Kräfte, die auf das Vogelreich hauptsächlich wirken und im weiteren Sinne auch auf alles dasjenige, was sich fortpflanzt durch nach außen abgelegte Eier. Bei all den Wesenheiten also, wo die Fortpflanzung so geschieht, besonders aber im Vogelreich, wirken im wesentlichen auf die Gestaltung aus dem Weltenraum hereindringende Strömungen. Diese Kräfte werden esoterisch zusammengefaßt unter dem Namen Adler.

Wenn wir nun diese Kräfte, die vorzugsweise in der Gestaltung der Vogelwelt zum Ausdruck kommen, harmonisiert denken mit den Löwen- und Stierkräften im Menschen, so daß sich das alles einfügt der ursprünglichen Schemen- oder Schattengestalt, dann haben wir in dieser Harmonisierung dasjenige gegeben, was als ein Ergebnis die gegenwärtige Menschengestalt liefert. Wenn Sie das ganz anders Geartete der Vogelwelt ins Auge fassen, so werden Sie nicht lange daran zweifeln können, daß die ganze Vogelgestaltung etwas wesentlich anderes ist als die Gestaltung zum Beispiel der Säugetiere. Ich will heute auf die anderen Wesen des Tierreichs nicht eingehen. In der Vogelgestaltung liegt etwas, was auch dem hellseherischen Blick sich in ganz besonderer Weise aufdrängt. Während wir bei den Säugetieren überall, wohin wir hellseherisch blicken mögen, ganz besonders mächtig ausgebildet finden den astralischen Leib, tritt uns hellseherisch in der Vogelwelt als das Hervorstechendste ganz besonders der Ätherleib entgegen. Der Ätherleib, der von außen herein durch die Kräfte des Weltenraumes angeregte Ätherleib, ist es, der die Federn der Vögel zum Beispiel zum Ausdruck bringt, die Feder, das Gefieder. Von außen wird das alles gestaltet, und eine Vogelfeder kann nur dadurch entstehen, daß die Kräfte, welche von dem Weltenraum auf die Erde herunterwirken und mitwirken bei der Ausbildung der Vogelfeder, stärker sind als die Kräfte, die aus der Erde kommen. Dasjenige, was der Feder zugrunde liegt, was man als den Schaft der Feder bezeichnen kann, unterliegt allerdings gewissen Kräften, die aus der Erde kommen. Dann aber sind es die Kräfte, die aus dem Weltenraum wirken, die dasjenige angliedern, was sich an den Schaft der Feder anfügt und was konstituiert das äußere Gefieder des Vogels. Ganz anders ist es bei den mit Haaren bedeckten Wesenheiten. Da wirken bis in die Haare hinein vorzugsweise die Kräfte, die von der Erde nach auswärts, also in der entgegengesetzten Richtung wirken als bei der Vogelfeder. Und weil da nur im geringeren Maße die Kräfte aus dem Weltenraum auf die Haare der Tiere und der Menschen wirken können, so kann das Haar nicht zur Feder werden, wenn ich diesen paradoxen Ausdruck gebrauchen darf. Er entspricht völlig der Wirklichkeit, und man könnte, wenn man die Paradoxie fortsetzen wollte, sagen: Jede Vogelfeder hat die Tendenz, ein Haar zu werden, aber sie ist kein Haar, weil die Kräfte des Weltenraums von allen Seiten auf die Vogelfeder einwirken. Und jedes Haar hat die Tendenz, eine Feder zu werden, und es wird das Haar keine Feder aus dem Grunde, weil die Kräfte, welche von der Erde nach aufwärts wirken, stärker sind als die Kräfte, die von auswärts hereinwirken. — Wenn man sich solche Paradoxien wirklich ernsthaft vorhält, dann kommt man auf gewisse grundlegende Geheimnisse in der Konstitution unseres Weltalls. Nehmen wir einmal an, es hätte ein Mensch mit alter Hellsichtigkeit nicht den Menschen darstellen wollen, der eigentlich die verschiedenen Strömungen, die in ihn eingeflossen sind, verbirgt, indem er sie harmonisiert und sie nur in ihrer Wechselwirkung zeigt, sondern denken wir, er hätte gerade diese verschiedenen Strömungen anschaulich machen wollen. Dann hätte er sagen müssen: Dem Menschen liegt etwas zugrunde, was man nicht physisch sehen kann: die ursprüngliche Schemen- oder Schattengestalt, die heute nur deshalb auch in der äußeren physischen Gestalt herauskommt, weil der Mensch harmonisiert hat, was man die Adler-, Stier- und Löwenströmung nennt. Derjenige, der den Menschen in bezug auf seinen Werdegang betrachtet, müßte die ursprüngliche Schemen- oder Schattengestalt des Menschen als übersinnlich betrachten, dafür aber müßte er dasjenige, was beim Menschen zusammengeflossen ist, sondern, auseinander bringen, das heißt, er müßte sich denken: der ganzen Menschwerdung liegt zugrunde eine ätherische Schemengestalt, und in diese fließen ein, vermischen sich so, daß sie beim fertigen Menschen der Gegenwart nicht mehr zu unterscheiden sind, ein Stier-, ein Löwen-, ein Vogelelement.

Nehmen wir nun einmal an, eine Kulturepoche wie etwa die altägyptische hätte das Bestreben gehabt, vor den Menschen die Menschwerdung hinzustellen, die ganze große Rätselfrage der Menschwerdung, dann hätte der eigentliche Mensch, die ursprüngliche, als Ergebnis von Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung herübergekommene Schemengestaltung des Menschen als Mensch, unsichtbar bleiben müssen. Aber wie aus dem Unsichtbaren heraus hätte sich bilden müssen ein Kompositum, zusammengefügt aus Stier- und Löwengestalt und mit Flügeln, wie sie der Adler hat, wie sie überhaupt der Vogel hat. Wenn Sie sich an die Sphinxgestalt in ihrem umfassendsten Sinn erinnern, die uns darstellen soll das große Rätsel vom Menschwerden, dann haben Sie tatsächlich das, was eine hellseherische Kultur, die im Innern wußte, wie es um die Menschheit steht, vor diese Menschheit hingestellt hat. Was in der Sphinx gesondert auftritt, ist innig verwoben in der menschlichen Natur. Und man kann sagen, daß für den hellseherischen Blick sich die Menschengestalt auf eine ganz sonderbare Weise ergibt. Wenn man nämlich eine solche Sphinx, die tatsächlich zusammengesetzt ist aus einer Löwengestalt und einer Stiergestalt mit Vogelflügeln, auf den hellseherischen Sinn wirken läßt und sie durch das ergänzt, was als menschliche Schemen- oder Schattengestalt dahinter steht, und das innig miteinander verwebt, dann entsteht die menschliche Gestalt vor uns, dann wird das, was wir heute als Mensch vor uns haben. Daher kann das hellseherische Bewußtsein eine Sphinx, die zunächst gar nicht menschenähnlich ist, nicht ansehen, ohne daß es sich sagt: Du bist ich selber.

Wir haben nun im Verlaufe dieser Betrachtung etwas sehr Merkwürdiges gesagt. Wir haben ja die viergliedrige Wesenheit des Menschen von einem anderen Standpunkt aus beleuchtet. Eine Schemen- oder Schattengestalt, die esoterisch als der Mensch bezeichnet wird, kommt herüber als das Ergebnis der alten Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung. Im Laufe der Verdichtung dieser Schemen- oder Schattengestalt wirken die Strömungen, die man esoterisch bezeichnet als die Löwen-, als die Stier- und als die Adlerströmung. Hier haben wir jene vier esoterischen Symbole, die tatsächlich zusammen den Menschen ausmachen und die mit der menschlichen Entwickelung am tiefsten, am bedeutsamsten zu tun haben. Nun haben wir erwähnt, daß im Laufe der Menschheitsentwickelung auf der Erde sowohl in diesen Menschen selber wie auch in die anderen Wesenheiten, namentlich also in die Wesenheiten der Vogelwelt, Kräfte von draußen, vom Weltenraum eingriffen. In der Tat fand das während der atlantischen Zeit statt, so daß man sagen kann, in diejenigen Teile der menschlichen Organisation, bis zu denen das menschliche Normalbewußtscin allerdings jetzt nicht mehr hinunterreicht, trat eine Strömung ein in den Menschen, die aus dem Weltenraum hinunterkam. Diese Strömung war in der atlantischen Zeit, war natürlich auch in der nachatlantischen Zeit vorhanden. Das war diejenige Strömung, die aus dem Bereich kam, welchen ich gestern als die oberen Götter bezeichnet habe, die in gewisser Weise die Vorstellungen der unterirdischen Götter, der chthonischen Götter sind. Das sind Wesenheiten, welche denjenigen Schülern der griechischen Mysterien entgegentraten, die sich an das große Rätsel der Sphinx heranmachen mußten. Sie mußten in der Tat den unterbewußten Teil der menschlichen Wesenheit in dieser Weise erschauen, daß sie durch die Selbsterkenntnis auch in dieser Beziehung zur viergliederigen Menschheit gekommen waren. Dasjenige nun, was in das Unterbewußtsein des Menschen seit der atlantischen Zeit vom Weltenraum hereinströmte, was, man möchte sagen, selbst in bezug auf seine niedrigeren Teile in es eindrang, strömte nun in bezug auf seine höchsten geläuterten Teile in die Erdenentwickelung des Menschen bei der Johannestaufe am Jordan ein. Das ist in der Tat ein bedeutsames Ereignis. Da strömen in der reinsten Weise jetzt nicht nur in den unterbewußten Teil des Menschen, sondern so, daß immer mehr und mehr der bewußte Teil des Menschen ergriffen werden kann, diejenigen Kräfte ein, die seit der atlantischen Zeit als die Strömung aus dem Weltenraum fortwährend schon auf unsere Erden- und Menschheitsgestaltung gewirkt haben. Daher mußte das Bild auftreten, welches auch tatsächlich unter den großen, durch die okkulten und religiösen Schriften auf uns gekommenen Symbolen vorhanden ist: das Symbolum, das wir in den Evangelien finden. Wie konnte man nun diese Einströmung von oben aus dem Weltenraum in ihrer reinsten Gestalt darstellen? Wir wissen, was dazumal bei der Johannestaufe stattgefunden hat, daß dazumal der dreigliedrige Leib des Jesus von Nazareth, welcher durch die zwei Jesusknaben vorbereitet worden ist, wie Sie das in dem Büchelchen «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» finden, verlassen wurde von seinem Ich, welches das Ich des Zarathustra war. Dieses Ich strömte nach oben, und in dieses Ich strömte ein bei seinem Fortgehen der reinste Teil jener Strömung, die schon fortwährend aus dem Weltenraum einströmte, aber nur zu den heute unterbewußten Gliedern des Menschen. Deshalb wird als ein richtiges Symbolum angegeben eine Vogelgestalt, die Gestalt der reinen weißen Taube, die gleichsam den reinsten Extrakt dessen darstellt, was das Adler- oder Cherubhafte der alten Sphinxgestalt war. Und es gehört im wesentlichen zu der Vollendung der Menschheit auf der Erde, daß in den bewußten Teil des Menschen einströmt diese kosmische, diese Weltenströmung. In dem Bilde des Jesus von Nazareth am Jordan, mit der Taube über ihm, finden wir in der Tat ausgedrückt das Geheimnis, das jetzt zu einem gewissen Abschluß gekommen war.

Diese Strömung vom Weltenraum herein haben wir ja in ihrer Geschichte, ihrer kosmischen Geschichte gestern ein wenig verfolgen können. Warum konnte diese Strömung aus dem Weltenraum herein so sich gestalten, daß sie zu jener Christus-Kraft wurde, zu jenem Christus-Impuls, der, indem er immer weiter und weiter auf der Erde wirkt, die menschliche Wesenheit ganz ausfüllen, ganz durchdringen wird? Indem der Mensch diesen Impuls in sein Inneres aufnimmt, wird er in der Tat immer mehr und mehr die Wahrheit des Paulinischen Wortes in sich erfüllen: Nicht Ich, sondern der Christus in mir. Gegenüber den anderen drei Strömungen, die da waren als Ergebnis der früheren Entwickelung, wird die neue Strömung, welche die geläutertste Strömung von oben ist, den Menschen immer mehr und mehr ergreifen, immer mehr umspannen, wird immer mehr ihn aber auch loslösen von dem, was ihn an die Erde bindet. Wir haben das geschichtliche Werden dieser Strömung gestern dadurch charakterisiert, daß wir sagten, sie hat eigentlich nur so sein können, wie sie geworden ist, dadurch, daß sie sich schon auf der alten Sonne vorbereitet hat.

Während die oberirdischen Götterwesenheiten, die in unserem gestrigen Sinne die Vorstellungen der anderen Götterwesenheiten sind, nur in den feineren Elementen, in dem Wärmeelement, in dem Lichtelement, dem chemischen Element, dem Lebenselement leben wollten, nahm diese Wesenheit, die später durch die Johannestaufe im Jordan herunterstieg, aus innerster Weisheit die Kräfte mit, zu denen dazumal während der alten Sonnenentwickelung unsere Entwickelung schon vorgeschritten war. Wir wissen ja aus der Geisteswissenschaft, daß während der alten Sonnenentwickelung schon jene Verdichtung des Wärmeelementes, das noch auf dem alten Saturn das Wesentlichste war, zum Luftelemente stattgefunden hatte. Während die anderen Wesenheiten der überirdischen Götterwelten sich nicht darauf einließen, bei ihrem Hinausgehen aus der Gesamtentwickelung in den Weltenraum etwas Luftartiges mitzunehmen, hat diese Wesenheit das Element der Luft mitgenommen, so daß sie verwandt blieb mit der Erde, also bei aller kommenden Entwickelung draußen im Weltenraum durch diese Wesenheit fortwährend ein der Erde verwandtes Element war: das, was sich auf der alten Sonne schon zur Luft oder zum Gas verdichtet hatte. Wenn wir in dem Weltenraum wie mit dem Auge des alten Zarathustra hinausblicken zur Sonne, dann müssen wir in ihr zunächst ein Überbleibsel der alten Sonne sehen, gleichsam die wiederbelebte alte Sonne, die in der Gegenwart gleichsam nachahmt dasjenige, was auf der alten Sonne war. Wir haben also in der Sonne geheimwissenschaftlich zu sehen den Wohnplatz oder wenigstens einen Teil des Wohnplatzes — unsere übrigen Planeten gehören auch zu diesem Wohnplatz —, aber den wesentlichsten Teil des Wohnplatzes der oberen Göttergestalten, die wir gestern als die eine Strömung der Götterwelt angeführt haben. Wenn Sie aber diese ganze Sonne mit hellseherischem Blick anschauen, so ist alles das, was diese oberen Götter sind, nur ätherisch in der Sonne vorhanden, von den Wärmeelementen nach aufwärts nur als Wärme-, als Lichtäther, chemischer und Lebensäther. Aber die Sonne, wie sie heute im Weltenraum draußen schwebt, ist nicht nur für den hellseherischen Blick als ätherische Gestalt da, sondern sie ist als ein Gasball, als ein bis zur Luftigkeit Verdichtetes vorhanden. Die Sonne wäre niemals bis zur Luftsubstanz verdichtet worden, wenn nicht während der alten Sonnenentwickelung jene Wesenheit, von der ich gestern gesprochen habe und die mit der Taube bei der Johannestaufe im Jordan wiederum herunterkam, sich in einem Luftleib und nicht bloß in einem Ätherleib von der Sonne getrennt hätte. Wenn wir also die Sonne ansehen, so müssen wir sagen: Was in der Sonne Wärme-, Licht-, chemische Impulse sind, was Lebensimpulse sind, das hängt zusammen auch mit den anderen Wesenheiten, die nur die Vorstellungen der unteren Göttergestalten sind. Was in der Sonne gasig ist, ist in der Tat Körper des Christus.

Darin wird unsere heutige so materialistische Wissenschaft einmal die alte Zarathustralehre wiederum kennenlernen, wird sich sagen müssen: Die Sonne als Gasball im Weltenraum draußen ist nicht nur dasjenige, was unsere Astrochemie aus derselben machen will, nicht bloß, was unsere Spektralanalyse entdeckt, sondern die Sonne als Luft- oder Gasball draußen im Weltenraum ist der ursprüngliche Leib des Christus, der im Verein mit den anderen oberen Göttern aber eine dem Erdenwesen verwandte Göttergestalt war. — Das empfand Zarathustra, als er das Geheimnis von dem Christus in der Sonne mit dem Worte ausdrückte: Aura oder Ahura Mazdao, der große weisheitsvolle Geist, die große Weisheit, die große Aura. — In der Tat, das, was vorher bloß in der Sonne war, verwandt mit der Erdenwesenheit, ergriff in dem mysteriösen Moment der Johannestaufe im Jordan Besitz von dem physischen, dem Ätherleib und astralischen Leib des Jesus von Nazareth. Und in diesem Leibe des Jesus von Nazareth vereinigte sich zuerst auf unserer Erde die gereinigte, geläuterte Strömung aus dem kosmischen Weltenraum mit dem aus dem menschlichen Herzen nach dem Gehirn zu strömenden neu entstehenden Ätherleib. Mit jener ätherischen Strömung, die fortwährend als feinste Ätherteile aus dem Blut vom Herzen nach dem Kopfe zu strömt, vereinigte sich während der Johannestaufe im Jordan das, was als eine wirkliche, auch von Luftsubstanz durchzogene Strömung von draußen aus dem Weltenraum hereinkam. Damit war der Anfang dazu gegeben, daß für jede Menschenseele seither die Möglichkeit vorliegt, sich zu durchdringen mit jenem Elemente aus dem Weltenraum, das in der Signatur der Taube uns vorgestellt wird bei der Johannestaufe im Jordan. Da war in der Tat eine Korrespondenz geschaffen zwischen dem ganzen Weltenall, soweit es uns zugänglich ist, und seinem reinsten Extrakt, der vorher, vorläufig möchte man sagen, mitgewirkt hat in dem, was man esoterisch die Adlerströmung nennt. Es war eine Kommunikation, ein Zusammenwirken zwischen alledem, was die Strömung der Erde war, die den menschlichen Leib von unten herauf gestaltet hat, und demjenigen, was von außen herein als die makrokosmische Strömung auf den Menschen einwirkte. Sie sehen daraus, daß man in der Tat das Mysterium von Palästina immer mehr und mehr vertiefen kann. Je weiter wir selbst vorrücken in der Erkenntnis dessen, was die Welt ist, desto mehr kommen wir auch dazu, das Mysterium von Palästina zu begreifen.

Nun müssen wir uns die Frage vorlegen, meine verehrten Freunde: Warum sieht heute der Mensch gar nichts mehr, empfindet gar nichts mehr von Ätherströmungen, die von seinem Herzen gegen sein Gehirn zu fließen? Die heutige Wissenschaft ist oberflächlich. Daher nimmt sie auch die Geschichte höchst oberflächlich und nimmt das, was uralte Wahrheiten sind, oftmals als uralte Irrtümer. Wenn Sie den Aristoteles, den alten griechischen Philosophen, studieren würden, so würden Sie eine merkwürdige Menschennaturlehre finden, eine merkwürdige Darstellung des Weltenwunders, der menschlichen Wesenheit. Sie würden da die Darstellung finden, daß vom Herzen feinste Ätherteile nach dem Kopfe strömen und, indem diese Ätherteile das Gehirn berühren, abgekühlt werden. Natürlich sagt die heutige Wissenschaft: Aristoteles war zwar für die alten Griechen recht gescheit, aber heute weiß jeder Schulbube, daß das ein Irrtum ist. — Ein Irrtum ist aber das, was diejenigen glauben, die so über Aristoteles sprechen. In Wahrheit hat zwar Aristoteles nicht das hellseherische Bewußtsein besessen, um über diese Dinge selbst etwas zu wissen, aber er hat noch aus alten Traditionen heraus gewußt, was man in noch älteren Zeiten durch ein ursprüngliches natürliches Hellsehen hat beobachten können. Und dies Bewußtsein von den Ätherströmungen, die vom Herzen zu dem Gehirn heraufziehen, war in einer gewissen Weise bis tief in unser Mittelalter herein noch vorhanden, bis ins fünfzehnte, sechzehnte Jahrhundert, und wir finden ein gewisses Bewußtsein dafür noch in den Werken des Cartesius. Nur daß die Geschichte der Philosophie sagt: Nun ja, das ist halt etwas, was der Cartesius da so phantastisch erzählt von den sogenannten Lebensgeistern, die vom Herzen nach dem Gehirn strömen, das sind eben alte Vorurteile. Glücklich, daß wir darüber hinaus sind! — Es sind aber nicht alte Vorurteile, es sind alte Wahrheiten, die von der Zeit herrühren, wo man durch natürliches Hellsehen dergleichen Dinge hat wahrnehmen können. Der späteren Zeit ist das Bewußtsein von diesen Dingen eben verlorengegangen. Wie müssen wir denn vom Gesichtspunkt des heutigen Hellsehens, der heutigen okkulten Wissenschaft, diese Dinge darstellen? Man kann sich vielleicht, weil Aristoteles notwendigerweise nur aus den Überlieferungen schöpfen mußte, da ihm selbst nicht mehr die alten hellseherischen Kräfte zur Verfügung standen, etwas schwer abfinden mit der Art und Weise, wie er diese Dinge ausdrückt. Wenn man aber durch die heutige, seit dem dreizehnten Jahrhundert gangbare Esoterik sich wiederum einläßt auf die Prüfung der vollen Menschenwesenheit, dann bemerkt man, daß in der Tat eine solche Ätherströmung vom Herzen nach dem Kopfe strömt."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen, GA 129 (1977), S 182 ff., Neunter Vortrag, München, 26. August 1911


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=220letzte Änderung: 2002-10-18


Arbeit
das Verhältnis des Menschen zur Arbeit im Wandel der Kulturepochen

(siehe dazu auch -> Soziales Hauptgesetz)

"In der vierten Unterrasse [griechisch-römische Kulturepoche] wurde die Arbeit als Tribut geleistet (Sklavenarbeit).
In der fünften Unterrasse [unsere gegenwärtige germanisch-angelsächsische Kulturepoche] wird die Arbeit als Ware geleistet (verkauft).
In der sechsten Unterrasse [slawische Kulturepoche] wird die Arbeit als Opfer geleistet (freie Arbeit).

Die wirtschaftliche Existenz wird dann getrennt sein von der Arbeit; es wird kein Eigentum mehr geben, alles ist Gemeingut. Man arbeitet dann nicht mehr für seine eigene Existenz, sondern leistet alles als absolutes Opfer für die Menschheit."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Grundelemente der Esoterik, GA 93a (1972), S 231


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=83letzte Änderung: 2002-09-07


Archai
Urengel, Urbeginne, Urkräfte, Zeitgeister, Geister der Persönlichkeit, auch Geister der Finsternis, Asuras

Die Archai, Urkräfte oder Geister der Persönlichkeit haben ihre Menschheitsstufe bereits auf dem alten Saturn (siehe -> Planetarische Weltentwicklungsstufen) absolviert und stehen dadurch in der Rangordnung der geistigen Hierarchien drei Stufen über dem Menschen. Sie weisen auf den Urbeginn der Schöpfung zurück, sie sind Engel des Urbeginns. Die Zeit ist ihr Lebenselement. Gegenwärtig bilden sie als höchstes geistiges Wesenglied den Geistesmenschen aus. Als Zeitgeister geben sie die nötigen Impulse für ganze Kulturepochen (siehe -> Weltentwicklungsstufen).

Ihr erhabenes Bewusstsein reicht nicht bis zu der irdischen Mineral-, Pflanzen- und Tierwelt herunter. Das niederste Reich, zu dem sie herabblicken, ist das Menschenreich:

"Es sind das noch erhabenere Wesenheiten, deren Bewußtsein nicht einmal mehr bis zu den Tieren herunterreicht. Wenn der Eingeweihte sich erhebt zu dem Verkehr mit den Urkräften, teilt er ihnen nicht aus seinem Menschenbewußtsein mit, wie die Gestalten der Tiere auf der Erde sind. Denn sie selbst reichen mit ihrem Bewußtsein nur herunter bis zu den Menschen. Dann kennen sie das Reich der Engel, das Reich der Erzengel und ihr eigenes Reich; zu sich selbst sagen sie «Ich», und die Menschen sind es, welche sie zuletzt wahrnehmen. Was der Stein, das mineralische Reich für den Menschen ist, das ist der Mensch für die Urkräfte: das unterste Reich. Damit ist schon gesagt, daß sie aus einer sehr hohen Höhe den Gang der Menschheit leiten. Die Menschen spüren das hier und da, daß es so etwas gibt wie eine Art «Geist der Zeiten», der so verschieden ist je nach den verschiedenen Epochen. Die Menschen spüren, daß es einen «Geist der Epochen» gibt. Wir haben hier öfters gesprochen von dem Geist der Epochen. Wir haben zum Beispiel gesagt, daß in der ersten Kultur der nachatlantischen Zeit, im alten indischen Volke, der Geist der Epoche darin bestand, daß die Menschen das Bewußtsein gehabt haben, daß sie sich wieder zurücksehnten nach den alten atlantischen Zeiten, wo sie um sich herum höhere Reiche dämmerhaft wahrnahmen. Das bildete sich zu dem Jogasystem aus, durch das sie wieder hinauf wollten in die höheren Welten. Mit diesem alten Bewußtsein war verknüpft, daß die Menschen wenig hielten von der äußeren Wirklichkeit, von dem physischen Plan. Maja, Illusion wird für die Menschen der physische Plan. Die uralt indische Kultur hatte sozusagen sehr wenig Interesse für den physischen Plan. Es wird Ihnen sonderbar erscheinen, aber es ist wirklich wahr: Wäre die uralt indische Kultur geblieben, so würde es Eisenbahnen, Telephone und solche Dinge, die es heute auf dem physischen Plan gibt, nie gegeben haben; denn es wäre gar nicht so wichtig erschienen, sich so stark mit den Gesetzen der physischen Welt zu befassen, um diese physische Welt mit alledem zu bevölkern, was sich uns heute als Kulturerrungenschaften darstellt.

Dann kam der Geist der persischen Epoche. Der Mensch lernte durch ihn in der Materie ein widerstrebendes Element kennen, das er bearbeiten mußte. Er verband sich mit dem guten Geist Ormuzd gegen den Geist der Materie, Ahriman. Aber der Perser hatte schon Interesse am physischen Plan. Dann kommt der Geist jener Epoche, der auf der einen Seite sich auslebt in der babylonisch-assyrisch-chaldäischen, auf der anderen Seite in der ägyptischen Kultur. Es wird menschliche Wissenschaft begründet. Mit Geometrie sucht man die Erde für den Menschen geeignet zu machen. Man sucht den Sinn des Ganges der Sterne in Astrologie, in Astronomie kennenzulernen, und man richtet das, was auf der Erde geschieht, nach dem Gange der Sterne ein. Gerade im sozialen Leben richtete man sich im alten Ägypten sehr ein nach dem Gange der Sterne. Was man als die Geheimnisse der Sterne erkundete, darnach richtete man sich. Wenn der alte Inder den Weg zu den Göttern abzulauschen versuchte, indem er ganz die Aufmerksamkeit ablenkte von der äußeren Wirklichkeit, studierte der Ägypter die Gesetze, die in der äußeren Wirklichkeit herrschen, um zu untersuchen, wie sich der Wille und der Geist der Götter in den Gesetzen der äußeren Natur zum Ausdruck bringen. Das war wieder eine andere Epoche. So haben Sie für jede Epoche einen bestimmten Geist, und die Entwickelung auf der Erde kommt dadurch zustande, daß ein Geist der Epochen einen anderen Geist der Epochen ablöst. Das ist im einzelnen der Fall. Die Menschen schwingen sich auf zu den Anschauungen der Zeiten, aber sie wissen nicht, daß hinter diesem ganzen Gange der Zeiten Epochalgeister stehen; und die Menschen wissen nicht, daß sie hier auf der Erde, um den Geist ihrer Epoche zum Ausdruck zu bringen, sozusagen nur die Werkzeuge sind dieser hinter ihnen stehenden Geister der Epochen. Denken Sie einmal an Giordano Bruno. Wäre Giordano Bruno als solcher im 8. Jahrhundert geboren worden, er wäre nicht derjenige geworden, der er geworden ist in dem Zeitalter, in dem der Epochalgeist herrschte, dessen Ausdruck er dann wurde. Er war das Werkzeug des Zeitgeistes, und ebenso ist es bei anderen Geistern. Und ebenso die umgekehrte Möglichkeit: Wenn Giordano Bruno im 8. Jahrhundert geboren worden wäre, unmöglich hätte der Epochalgeist einen solchen Ausdruck finden können, wie er ihn in Giordano Bruno gefunden hat. An diesen Dingen sehen wir, wie die Menschen die Werkzeuge der Epochalgeister sind, die die lenkenden Wesenheiten der großen Epochen sind und auch der «Geister der Meinungen und Anschauungen» der kleineren Epochen. Das sind die Urkräfte. Sie reichen hinunter bis zum Menschen. Sie lenken nicht etwas, was den Menschen zusammenbringt mit anderen Reichen der Natur; denn bis zum Tierreich reicht ihr Bewußtsein nicht mehr. Die Ordnungen, gemäß denen aus den Zeitgeistern heraus die Menschen sich ihr Leben zubereiten, Staaten gründen, Wissenschaften gründen, ihren Acker bebauen - alles, was aus dem Menschen stammt -, dieser Gang der Kultur von Anfang bis zu Ende steht unter der Leitung der Urkräfte. Sie leiten die Menschen insofern, als die Menschen es zu tun haben mit den Menschen selber."[1]

Geistige Wesenheiten, egal welcher Hierarchie sie auch angehören mögen, können hinter dem für sie vorgesehenen Entwicklungsziel zurückbleiben. Sie wirken dann als Widersachermächte hemmend auf die Gesamtentwicklung ein. Rudolf Steiner bezeichnet die zurückgebliebenen Archai als Asuras - ein Name, der der indischen Terminologie entlehnt ist, dort aber auch die normal fortgeschrittenen Archai benennt. In die Kategorie dieser entwicklungshemmenden Mächte zählt auch jener Widersacher, der als Satan bekannt ist.

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Das Hereinwirken geistiger Wesenheiten in den Menschen, GA 102 (1984), S 145 ff., Achter Vortrag, Berlin, 20. April 1908


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=131letzte Änderung: 2002-09-12


Archangeloi
Erzengel

siehe -> Erzengel


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=133letzte Änderung: 2002-09-09


Architektur
Sakralbauten: Pyramide - Tempel - Krypta - Dom

"Lassen Sie uns charakterisieren, was der Ägypter empfand. Er sagte sich: Ich sehe den Leichnam hier liegen, den Staub von dem Menschen, der der Träger eines Ich war; ich weiß, denn aus uralter Überlieferung weiß ich es, aus den Erlebnissen meiner Vorfahren weiß ich es, daß da etwas bleibt, was in andere Welten geht. Das würde seine Aufgabe nicht erfüllen, so sagte der alte Ägypter, wenn es einzig und allein in jener geistigen Welt lebte; es muß ein Anziehungsband geknüpft werden zwischen der Welt des Geistigen und der Welt des Irdischen, Physischen. Wir müssen sozusagen ein magnetisches Band haben für die Seele, die im Tode in höhere Regionen zieht, um in ihr ein dauerndes Gefühl zu erregen, auf daß sie wieder zurückkehren und erscheinen kann auf dieser Erde. Wir wissen heute aus der Geisteswissenschaft, daß die Menschheit schon durch sich selbst dafür sorgt, daß die Seele immer wieder zu neuen und neuen Inkarnationen zurückkehrt; wir wissen, daß der Mensch, wenn er im Tode in andere Sphären übergeht, in der Zeit von Kamaloka, in der Zeit, wo er sich abgewöhnt das Irdische, mit gewissen Kräften an das Physische gefesselt ist. Wir wissen, daß diese Kräfte es sind, die ihn nicht gleich aufsteigen lassen in die Regionen des Devachan, daß sie es auch sind, die ihn wieder herunterziehen in eine neue Inkarnation. Aber wir sind heute Menschen, die in Abstraktionen leben, die so etwas als Theorie darstellen. Im alten Ägypten lebte das als Tradition; der Ägypter war das Gegenteil eines Theoretikers, eines bloßen Denkers, er wollte mit den Sinnen sehen, wie die Seele ihren Weg macht vom toten Leibe heraus bis in die höheren Regionen. Er wollte das vor sich aufgebaut haben, und diesen Gedanken baute er in der Pyramide auf: den Weg, wie die Seele aufsteigt, wie sie aus dem Leibe heraustritt, wie sie teilweise noch gefesselt ist und wie sie hinaufgeführt wird in höhere Regionen. Sehen können wir in der Architektur der Pyramide die Fesselung der Seele an das Irdische, wie ein Bild von Kamaloka tritt sie uns mit ihren geheimnisvollen Formen entgegen, wir können sagen, in der äußeren Anschauung ist sie uns ein Bild der vom Leibe verlassenen und in höhere Regionen ziehenden Seele...

Und wieder schreiten wir weiter in unserer Betrachtung. Wir dringen von der ägyptischen Pyramide vor zum griechischen Tempel. Verstehen wird einen solchen Tempel nur derjenige, der ein Gefühl dafür hat, daß im Räume Kräfte walten. Die Griechen hatten ein solches Raumgefühl. Der Mensch, der vom Standpunkte der Geisteswissenschaft aus den Raum studiert, der weiß, daß dieser Raum nicht jene abstrakte Leere ist, von der unsere gewöhnlichen Mathematiker und Physiker träumen, sondern daß er vielmehr sehr differenziert ist. Er ist etwas, was in sich selbst von Linien erfüllt ist, von Kraftlinien hierhin, dorthin, von oben nach unten, von rechts nach links, gerade, runde Linien in allen Richtungen. Man kann den Raum fühlen, gefühlsmäßig durchdringen. Wer ein solches Raumgefühl hat, weiß, warum gewisse alte Maler so wunderbar naturgetreu die frei schwebenden Engelgestalten auf Madonnenbildern malten, er weiß, daß sich diese Engel gegenseitig halten, wie die Weltenkörper im Räume durch ihre Anziehungskraft sich halten. Ganz anders ist es, wenn Sie zum Beispiel das Bild von Böcklin «Pieta» betrachten. Es soll nichts gegen die sonstige Vortrefflichkeit dieses Bildes eingewendet werden, aber wer sich das lebendige Raumgefühl bewahrt hat, der hat die Empfindung, als ob jene merkwürdigen Engelgestalten jeden Augenblick herunterfallen müßten. Die alten Maler hatten noch das Gefühl für den Raum von dem früheren Hellsehertum; in neuerer Zeit ist das verlorengegangen.

Als die Kunst noch okkulte Traditionen hatte, wußte man von solchen gegenseitig sich tragenden Kräften, die im Räume darinnen sind, die da hin- und herströmen. Solche Kräfte fühlten diejenigen, in deren Geist der Gedanke des griechischen Tempels entstanden ist. Sie dachten ihn nicht aus, sondern sie nahmen die Kräfte wahr, die den Raum durchströmten, und gaben das Gesteinsmaterial hinein: was okkult schon da war, füllten sie mit Materie. So ist der griechische Tempel eine materielle Ausgestaltung von Kräften, die im Räume wirken; ein griechischer Tempel ist ein kristallisierter Raumgedanke, im reinsten Sinne des Wortes. Die Folge davon ist etwas sehr Wichtiges. Weil der Grieche die Raumkräfte materiell ausgestaltet hat, hat er den göttlich-geistigen Wesenheiten Gelegenheit gegeben, diese materielle Form zu benutzen. Es ist keine Redensart, sondern Wirklichkeit, daß der Gott in jener Zeit herunterstieg in den griechischen Tempel, um unter den Menschen auf dem physischen Plan zu sein. Wie heute ein Elternpaar die physische Form, das Fleischliche des Kindes zur Verfügung stellt, so daß das Geistige sich auf physischem Plane ausleben kann, so geschah etwas Ähnliches bei dem griechischen Tempel. Da wurde Gelegenheit gegeben, daß göttlich-geistige Wesenheiten herunterströmten und sich verkörperten in dem architektonischen Tempelbau. Das ist das Geheimnis des griechischen Tempels: der Gott war da im Tempel. Wer die griechische Tempelform richtig fühlte, fühlte auch, daß weit und breit kein Mensch zu sein brauchte, und auch nicht im Tempel selbst, und daß der Tempel doch nicht leer war, denn der Gott war wirklich anwesend im Tempel. Der griechische Tempel ist für sich ein Ganzes, weil er die Formen enthält, die den Gott in ihn hineinbannen.

Und wenn wir nun den römischen Kirchenbau betrachten, vorzugsweise den mit einer Krypta, da sehen wir schon eine Art von Fortentwickelung. In der Pyramide sehen wir dargestellt den Weg, den die Seele nach dem Tode nimmt, die äußere architektonische Form für die entfliehende Seele. Für die göttliche Seele, die gern auf dem physischen Plan weilt, ist der griechische Tempel der Ausdruck. Der römische Bau mit der Krypta entspricht dem Kreuz, an dem der tote Jesuskörper hängt. Die Menschheit ist fortgeschritten zu einem gesteigerten Bewußtsein in geistigen Sphären. Die Fesselung an das Irdische, die Kamalokazeit ist dargestellt in der Pyramide; der Sieg über die physische Form, der Sieg über den Tod ist ausgedrückt im Kreuze, an dem der tote Jesus hängt und das uns erinnern soll an den geistigen Sieg über den Tod, an Christus. Und wiederum ein Stück weiter kommen wir zum gotischen Bau. Er ist nicht vollständig, wenn nicht die gläubige Gemeinde drinnen ist. Wenn wir alles zusammen fühlen wollen, da müssen sich mit den Spitzbögen vereinigen die gefalteten Hände und die Gefühle, die sich darin ausdrücken, die nach oben strömen. Aber nicht Gefühle wie in der Krypta, wo das Andenken gefeiert wurde an den geistigen Sieg über den Tod, sondern sieghafte Gefühle, wie sie die Seele empfindet, die sich im Leibe schon Sieger fühlt über den Tod. Die im Leibe sieghafte Seele gehört hinein in den gotischen Bau; er ist nicht vollständig, wenn nicht solche Gefühle ihn durchströmen. Der griechische Tempel ist der Leib des Gottes, er steht allein für sich da. Die gotische Kirche stellt sich dar als etwas, was die Gemeinde ruft; sie ist kein Tempel, sondern ein Dom. Dom ist dasselbe Wort, das sich in der Nachsilbe «tum» ausdrückt, wie zum Beispiel in dem Worte Menschentum oder Volkstum. Auch dem russischen Worte Duma liegt das Wort «tum» zugrunde. Ein Dom, ein «Tum» ist das, wo einzelne Glieder zu einer Gemeinde zusammengerufen werden."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Welt, Erde und Mensch, GA 105, S 26 f., Erster Vortrag, Stuttgart, 4. August 1908


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=187letzte Änderung: 2002-09-26


Astralleib
auch Trieb- und Empfindungsleib

Eines der 4 grundlegenden Wesensglieder des Menschen. Der Astralleib ist der eigentliche Seelenleib des Menschen, gleichsam die Substanz, aus der die menschliche Seele gewoben ist. Er ist der Träger des Bewusstseins, der Triebe und Empfindungen - und des Egoismus. Die Ausdrücke "Leib" und "Substanz" dürfen dabei allerdings nicht im physisch-materiellen Sinn missverstanden werden, sondern sollen nur vergleichsweise auf die eigenständige, in sich geschlossene Existenz des menschlichen Seelenwesens hinweisen. Als solche relativ eigenständige Wesenheit wird der Astralleib erst mit der Geschlechtsreife um das 14. Lebensjahr geboren, während er bis dahin noch in eine viel weitere Astralsphäre eingebettet ist. Ebenso wie der Mensch durch seinen physischen Leib in der physischen Umwelt lebt, so lebt er durch seinen Seelenleib in einer seelischen Umgebung. Allerdings hat der Mensch heute davon kein klares Bewusstsein, da ihm dafür die entsprechenden seelischen Wahrnehmungsorgane fehlen. Durch entsprechende Seelenübungen können diese aber entwickelt werden, wodurch der Mensch zu einem bewussten Mitbewohner der Seelenwelt wird.

Wenn der individuelle Menschengeist zu einer irdischen Verkörperung herabsteigt, umkleidet er sich, ehe er noch den belebten physischen Leib ergreift, zunächst mit dem Astralleib. Substanziell ist er den verschiedenen Bereichen der Seelen- oder Astralwelt entnommen. Als solche Bereiche nennt Rudolf Steiner (vgl. GA 9, im Kapitel Die Seelenwelt):

1. Region der Begierdenglut
2. Region der fließenden Reizbarkeit
3. Region der Wünsche
4. Region von Lust und Unlust
5. Region des Seelenlichtes
6. Region der tätigen Seelenkraft
7. Region des Seelenlebens.

Im Astralleib bilden sich im Kleinen die grossen überirdischen kosmischen Gesetzmässigkeiten ab, er wird daher zurecht als Sternenleib oder Astralleib bezeichnet. Paracelsus nannte ihn dementsprechend den «siderischen» Menschen. Sehr deutlich drücken sich diese kosmischen Gesetze im Leben, in den Instinkten der Tiere aus, die ebenso wie der Mensch mit einem Astralleib begabt sind. Eine ungeheure kosmische Weisheit waltet im Astralleib - die der Mensch aber in seinem gegenwärtigen Entwicklungsstand nicht ins Bewusstsein heben kann.

Durch die luziferische Versuchung, durch den Sündenfall, wurde der menschliche Astralleib allerdings korrumpiert durch überschäumende oder fehlgeleitete sinnliche Triebe und Begierden, und seine kosmische Weisheit dadurch teilweise in Unordnung gebracht. Es lebt in unserem Astralleib aber weiterhin die ungeheure Sehnsucht, wieder zu dieser ungebrochenen, heilen kosmischen Weisheit zurückzufinden. Aus eigener Kraft kann das dem Astralleib nicht gelingen, sondern nur durch die bewusste Tätigkeit des menschlichen Ichs. Aus den unbewussten Tiefen heraus leitet der Astralleib aber das Ich während des irdischen Lebens immer wieder in schicksalshafte Situationen, die gleichsam eine deutliche Aufforderung und zugleich eine Chance sind, vom Ich aus diese Verwandlung des Astralleibes voranzutreiben. Der Astralleib führt uns so, zwar oft sehr leidvoll, aber doch ungemein weisheitsvoll, unserem Schicksal zu; er ist der eigentliche Träger des Karma.

Zur menschlichen Seele wird der Astralleib erst durch die Tätigkeit des menschlichen Ichs, das den Astralleib nach und nach so verwandelt, dass sich darin immer mehr seine eigene geistige Individualität widerspiegelt und gewissermassen an die Stelle der makrokosmischen Bestimmungen setzt. Dadurch differenzieren sich die Seelenfähigkeiten des Denkens, Fühlens und Wollens immer mehr voneinander und unterstellen sich der bewussten Herrschaft der menschlichen Individualität. Der Mensch bildet sich dadurch seelisch zu einem eigenständigen Mikrokosmos aus, der sich, anders als das Tier, aus eigener bewusster Kraft mit dem grossen Makrokosmos in Einklang versetzen muss.

Obwohl Pflanzen keinen eigenen Astralleib haben, so steht der Astralleib doch auch in inniger Beziehung zur Pflanzenwelt. Der Astralleib ist in gewisser Weise ein Kompendium der Formen des Pflanzenreiches. Es ist daher durchaus zutreffend, dass jeder Seelenregung, die wir innerlich seelisch erleben, eine ganz bestimmte Pflanzenform draußen in der Natur entspricht, die durch ihre Gestalt, durch ihre Wachstumsgeste gleichsam der realsymbolische Ausdruck dieser inneren Empfindung ist.

Die erste Anlage des Astralleibes wurde auf der planetarischen Entwicklungsstufe des alten Mondes geschaffen. Er ist damit entwicklungsgeschichtlich jünger als der Ätherleib und der physische Leib und daher noch vergleichsweise wenig entwickelt. Die Seelenorgane des Astralleibes, die Lotosblumen oder Chakras können aber, wie oben erwähnt, durch entsprechende geistige Schulung bewusst weiter entfaltet werden.


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=10letzte Änderung: 2003-07-02


Astralleib
den Pflanzen zugehörig

"Wenn der Hellseher eine Pflanze betrachtet, wie sie mit der Wurzel im Boden wurzelt, Blätter und Blüten ansetzt, hat er zunächst vor sich die Pflanze, bestehend aus dem physischen Leibe und dem Atherleib. Das Tier hat noch den Astralleib. Nun können Sie einmal die Frage aufwerfen: Haben die Pflanzen gar nichts von einem Astralleibe? Es wäre falsch, würde man das behaupten; er ist nur nicht drinnen, wie er in dem Tiere drinnen ist. Wenn das hellseherische Bewußtsein die Pflanze beschaut, so sieht es namentlich oben, wo die Blüten sind oder entstehen, die ganze Pflanze eingetaucht in eine astrale Wolke, eine helle Wolke, die die Pflanze namentlich an diesen Teilen umgibt und einhüllt, wo sie blüht und Früchte trägt. Also die Astralität senkt sich gleichsam auf die Pflanze nieder und hüllt einen Teil der Pflanze ein. Der Astralleib der Pflanze ist eingebettet in diese Astralität. Und das Eigentümliche davon ist, daß, wenn Sie sich die ganze Pflanzendecke der Erde denken, so werden Sie finden, daß die Astralleiber der Pflanzen einer an den anderen grenzen und sie ein Ganzes bilden, von dem die Erde eingehüllt ist wie von physischer Luft, von der Pflanzenastralität. Wenn die Pflanzen nur einen Atherleib hätten, würden sie so wachsen, daß sie nur Blätter, keine Blüten ansetzen würden, denn das Prinzip des Ätherleibes ist Wiederholung. Wenn eine Wiederholung abgeschlossen und ein Abschluß gebildet werden soll, muß ein Astralleib dazukommen.

So können Sie am Menschenleibe selbst betrachten, wie das Ätherische und das Astrale zusammenwirken. Denken Sie sich die aufeinanderfolgenden Ringe des Rückgrats. Da gliedert sich Ring an Ring. Solange dies geschieht, wirkt hauptsächlich das ätherische Prinzip im Organismus. Oben, wo die knöcherne Schädelkapsel eintritt, dort überwiegt das Astrale, nämlich dort hat das Astrale das Übergewicht. Also das Prinzip der Wiederholung ist das Prinzip des Ätherischen, und das Prinzip des Abschlusses ist dasjenige des Astralen. Die Pflanze würde oben nicht abgeschlossen sein in der Blüte, wenn sich nicht in das Ätherische das Astrale der Pflanzennatur senken würde.

Wenn Sie eine Pflanze verfolgen, wie sie den Sommer hindurch wächst und dann im Herbste Früchte trägt und dann anfängt zu welken, also wenn die Blüte anfängt zu ersterben, dann zieht sich das Astrale wieder aus der Pflanze zurück nach oben. Das ist ganz besonders schön zu beoachten. Während das physische Bewußtsein des Menschen im Frühling seine Freude haben kann an dem Erblühen der Pflanzen, wie sich Flur um Flur mit herrlichen Blüten bedeckt, gibt es für das hellseherische Bewußtsein noch eine andere Freude. Wenn gegen den Herbst zu die Pflanzen, die einjährig sind, absterben, dann leuchtet es und huscht hinauf wie huschende Gestalten, die sich als astrale Wesenheiten herausbegeben aus den Pflanzen, die sie den Sommer hindurch versorgt haben. Hier ist wieder eine Tatsache, die uns in dem poetischen Bilde entgegentritt, das nicht verstanden werden kann, wenn nicht hierin das hellseherische Bewußtsein verfolgt werden kann. Da sind wir schon in einem intimen Felde des astralen Bewußtseins. Aber bei Völkern der Vorzeit, wo solche intime Hellseher vorhanden waren, da war auch schon dieses Sehen im Herbst vorhanden. Sie finden bei dem hellseherischen Volke Indiens in der Kunst das wunderbare Phänomen dargestellt, daß ein Schmetterling oder ein Vogel hinausfliegt aus einem Blütenkelch. Wiederum ein solches Beispiel, wie in der Kunst etwas aufsteigt, wo durchaus das hellseherische Bewußtsein zugrunde liegt aus jenen fernen Zeiten her, wo entweder das hellseherische Bewußtsein in den Künstlern gewirkt hat oder als eine Tradition beachtet wurde."[1]

[1]Rudolf Steiner, Die Beantwortung von Welt- und Lebensfragen durch Anthroposophie, GA 108, Erster Vortrag, Wien, 21. November 1908


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=55letzte Änderung: 2004-12-10


Astralleib
ein Kompendium der Formen des Pflanzenreichs

Die äußere Pflanzenwelt gibt uns in ihren mannigfaltigen Erscheinungsformen ein sinnlich sichtbares Bild der Seelenwelt oder Astralwelt (siehe auch -> Pflanzenwelt, der äußere Naturspiegel des menschlichen Gewissens). Und so kann auch der menschliche Astralleib in gewisser Weise als Kompendium der Formen des Pflanzenreichs aufgefasst werden:

"... wenn wir unseren astralischen Leib betrachten, wenn wir ihn so absondern könnten, wie ich das jetzt angegeben habe für das Absondern des ätherischen Leibes (-> Ätherleib, zusammengedrängte Formen des Tierreichs), da würde er zerfallen, denn auch er ist nur durch die Elastizität des physischen und Ätherleibes zusammengehalten; da würde er zerfallen und würde etwas darstellen, was so ähnlich wäre, wie das gesamte Pflanzenreich. Wirklich, in uns steckt dadurch, daß wir einen astralischen Leib haben, alles, was in den Formen des Pflanzenreiches in Mannigfaltigkeit draußen in der Welt sich ausbreitet. Wenn Sie die ganze Pflanzenwelt studieren in der Art und Weise, wie sich Form neben Form stellt, so haben Sie ein äußeres Bild, ein auseinandergefächertes Bild desjenigen, was zusammengezogen ist im menschlichen astralischen Leibe. Auch das gehört zum verlorengegangenen Worte. In der Urweisheit war Bewußtsein von diesen Dingen vorhanden. Daher hat man sich gesagt: Also ist im Menschen etwas, was seine tief-innerste Verwandtschaft mit der Baum-, mit der Pflanzennatur zum Ausdrucke bringt. Lesen Sie die germanische Mythologie; Mythologien sind ja nur ein später Ausdruck der Ur-Weisheiten der Menschen. Da sehen Sie, wie das erste Menschengeschlecht gewonnen wird aus Esche und Ulme, und Sie haben darinnen steckend etwas von einem Bewußtsein dieser Verwandtschaft des Menschen mit der Pflanzennatur, die ja ihre Grundlage darinnen hat, daß der Mensch selber während der Sonnenzeit auf der Stufe des Pflanzenreiches, während der Mondenzeit auf der Stufe des Tierreiches gestanden hat."[1]

"Auch Pflanzen «sprechen» nicht nur zu den Sinnen und dem Verstand. Sie berühren das menschliche Gemüt. Ein Maiglöckchen «wirkt» innig, der blaue Eisenhut streng. Wir sprechen von der kraftvollen Eiche, der lieblichen Birke und dem bescheidenen Veilchen. Das alles sind Anmutungserlebnisse im Bereich der ästhetischen Naturerfahrung. Ihnen haftet sicher Subjektives an. Aber eines ist unabweisbar: die Dimension des Rätselhaften. Wo der Mensch Rätsel erlebt, weiß er, daß in den Dingen etwas enthalten ist, was in dem bisher Erkannten, möglicherweise aber auch in den verfügbaren Erkenntnismethoden nicht aufgeht.

Wenn es gelingt, das, was man in solchen Anmutungserlebnissen als Rätsel empfindet, mit dem erkennenden Bewußtsein zu durchdringen, dann wird die Kluft zwischen rationaler Klarheit und den unbestimmten Dimensionen des ästhetischen Erlebens überwunden; denn die Klarheit des Erkennens wird in das Gebiet des bisher nur Erlebten ausgeweitet. Wie aber kann man das, was man als Anmutung beim Betrachten von Pflanzen erlebt, bewußt erfassen? Man muß jenen Bereich, der beim ästhetischen Anschauen im eigenen Innern auflebt, genau kennenlernen. Das sind innere Seelenzustände, vor allem Gefühle. Man wird auch die Pflanzen in ihren Formen und Farben eingehend betrachten. Dann kann sich zeigen, inwieweit sich im Menschen bisher verschlossene Bereiche der Pflanzenwelt aussprechen.

Man betritt ein neues Gebiet des Forschens, indem man das Objektivitätspostulat der modernen Naturwissenschaft, die Forderung, die Natur objektiv, d.h. unter Ausschluß des Menschen zu untersuchen, aufgibt. Wir wollen nicht erörtern, inwieweit dieses Postulat schon immer eine Fiktion war, sondern darauf hinweisen, daß eine methodische Erweiterung des Naturerkennens nur möglich ist, wenn man die von diesem Postulat bestimmten Grenzen überschreitet. Man muß allerdings, um nicht ins Ungewisse und Unüberprüfbare zu kommen, mit großer Sorgfalt vorwärtsschreiten und sich von jedem Schritt Rechenschaft geben."[2]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste, GA 167 (1962), Siebenter Vortrag, Berlin, 25. April 1916
[2]Ernst-Michael Kranich, Pflanzen als Bilder der Seelenwelt, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart (1996), S 10


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=81letzte Änderung: 2002-09-20


Astralwelt
auch Astralplan oder Seelenwelt; ihre substanzielle Grundlage und ihr spiegelbildlicher Charakter

In der Astral- oder Seelenwelt sind Lust und Leid, Zuneigung und Haß, Triebe und Begierden genau so wirklich vorhanden, wie in der physischen Welt die äußeren materiellen Gegenstände. Zurecht kann man von einer eigenständigen Seelensubstanz sprechen - nur darf der Begriff Substanz nicht im physisch-materiellen Sinn mißverstanden werden. Den physischen Sinnen bleibt die Seelenwelt notwendig verborgen, sie eröffnet sich nur dem imaginativen Seelenblick. Sympathie und Antipathie sind die beiden Pole, zwischen denen sich die Seelenkräfte dynamisch entfalten.

Substanziell ist die Astralwelt aus den gleichen seelischen Kräften gewoben, die in unseren Gefühlen, Emotionen und Empfindungen walten. Nur erleben wir während unseres Erdenlebens in unseren Gefühlen diese astralen Kräfte nicht unmittelbar so wie sie sind, sondern nur als abgeblaßtes Spiegelbild. Der imaginativen Schau zeigt sich die Astralwelt daher vielfach wie ein Spiegelbild der Erlebnisse in der physischen Welt. Die Zahl 563 müsste beispielsweise in der Astralwelt als 365 gelesen werden. Ein Haßgefühl, das wir ausströmen, erscheint uns dort so, als wenn es uns von dem Menschen zukäme, an den wir es gesandt haben. Unsere eigenen ungebändigten tierhaften Triebe zeigen sich in der Imagination als wilde Tiere, die auf uns losstürzen. Alle Farben erscheinen in der Astralwelt als Komplementärfarben, dem ruhigen Grün der Pflanzenwelt entspricht etwa auf dem Astralplan die energiegeladene Purpurfarbe (von Goethe auch als Pfirsichblüt bezeichnet). Was in der Seelenwelt sich als glühende Seelenwärme auslebt, erscheint uns hier als eigentümliches Kältegefühl usw.

"Eine andere Erscheinung ist, daß die Zeit und die Ereignisse nach rückwärts gehen. Zum Beispiel sehen wir im Physischen zuerst die Henne und dann das Ei. Im Astralischen sieht man umgekehrt erst das Ei und dann die Henne, welche das Ei gelegt hat. Im Astralen bewegt sich die Zeit zurück; erst sieht man die Wirkung und dann die Ursache. Daher der prophetische Geist; niemand könnte künftige Ereignisse voraussehen ohne dieses Rückwärtsgehen von Zeitereignissen.

Es ist nicht wertlos, diese Eigentümlichkeiten der Astralwelt kennenzulernen. Viele Mythen und Sagen aller Völker haben sich mit wunderbarer Weisheit damit beschäftigt, zum Beispiel die Sage vom Herkules auf dem Scheidewege. Es wird gesagt, daß er sich einst hingestellt fühlte vor zwei weibliche Gestalten, die eine schön und verlockend ; sie versprach ihm Lust, Glück und Seligkeit, die zweite einfach und ernst, von Mühsal, schwerer Arbeit und Entsagung sprechend. Die beiden Gestalten sind das Laster und die Tugend. Diese Sage sagt uns richtig, wie im Astralen des Herkules eigene zwei Naturen vor ihn treten, die eine, die ihn zum Bösen, die andere Natur, die ihn zum Guten drängt. Und diese erscheinen im Spiegelbilde als zwei Frauengestalten mit entgegengesetzten Eigenschaften: das Laster schön, üppig, bestrickend, die Tugend häßlich und abstoßend. Ein jedes Bild erscheint im Astralen umgekehrt."[1]

Die Sinnesqualitäten, durch die uns die äußere physische Welt zum bewussten seelischen Erleben gebracht wird, sind ihrer wahren Natur nach ebenfalls in der Astralwelt beheimatet. Sie bilden hier einen von aller Gegenständlichkeit losgelösten Strom flutender Reizbarkeit von Farben, Formen, Klängen, Geruchs- und Geschmacksempfindungen usw. Nur beseelten Wesen sind diese Sinnesqualitäten zugänglich. Rein physikalische Apparate erfahren zwar etwa die physikalischen Wirkungen des Lichtes oder des Schalls, aber sie erleben dabei keine Farben oder Töne. Unsere sinnliche Wahrnehmung beruht darauf, dass uns die rein seelischen Sinnequalitäten durch die physische Welt bzw. durch unsere physischen Sinnesorgane in das seelische Erleben zurückgespiegelt werden. Die physische Welt bzw. unsere Sinne dienen uns gleichsam als Spiegelungsapparate, die uns die Farben, Töne, Gerüche usw. erst zum Bewusstsein bringt. Die wahre seelische Natur der Sinnesqualitäten wird dadurch aber abgeschattet und verzerrt. Ihre eigentliche unverfälschte Wirklichkeit eröffnet sich nur dem imaginativen Blick. Tatsächlich sind gerade diese frei flutenden, rein seelischen Sinnesqualitäten gleichsam das "Rohmaterial", aus dem die imaginativen seelischen Bilder gewoben sind. In diesem Sinne sind beispielweise auch die Farben der menschlichen Aura zu verstehen, die sich dem hellsichtigen imaginativen Blick zeigen.

"Die Astralwelt ist in der Hauptsache aus Formen und Farben zusammengesetzt. Solche gibt es auch in der physischen Welt; wir sind aber gewohnt, auf dem physischen Plan die Farben immer mit einem Gegenstand verbunden zu sehen. In der astralen Welt schwebt diese Farbe wie ein Flammenbild frei in der Luft. Es gibt eine Erscheinung der physischen Welt, die an diese schwebenden Farben erinnert, das ist der Regenbogen. Aber die astralischen Farbenbilder sind frei im Raum beweglich, sie vibrieren wie eine Flut von Farben, ein Farbenmeer in immer wechselnden, verschiedenartigen Linien und Formen.

Allmählich aber kommt der Schüler dazu, eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der physischen und astralen Welt zu erkennen. Zuerst erscheint ihm diese Glut, dieses Farbenmeer sozusagen als herrenlos, es haftet nicht an Gegenständen. Dann aber treten die Farbenflocken zusammen und heften sich, zwar nicht an Gegenstände, aber an Wesenheiten. Während vorher nur eine schwebende Form gesehen wurde, offenbaren sich jetzt durch diese Farben geistige Wesenheiten, die man Götter, Devas nennt. Es sprechen sich darin geistige Wesenheiten aus. Eine Welt von Wesenheiten, die durch Farben zu uns spricht, ist die Astralwelt."[1]

Der menschliche Astralleib, von Rudolf Steiner auch als Trieb- und Empfindungsleib bezeichnet, ist aus den Substanzen der astralischen Welt gewoben. Der Mensch umhüllt dadurch seinen geistigen Wesenskern mit teilweise sehr niederen Astralkräften, was aber unumgänglich notwendig für die physische Inkarnation ist. Nur durch diese auf das rein Irdische ausgerichteten Kräfte können wir überhaupt als irdischer verkörperter Mensch leben. Ohne Nahrungstrieb, Fortpflanzungstrieb usw. könnten wir auf Erden nicht existieren. Allerdings müssen wir spätestens nach dem Tod, wenn wir wieder in die geistigen Weltbereiche aufsteigen sollen, diese triebhafte Bindung an das irdische Dasein abstreifen. Der größte Teil unseres Astralleibes wird dadurch wieder der astralen Welt übergeben und löst sich in ihr auf. Das geschieht während der Läuterungszeit der menschlichen Seele im Kamaloka (in christlicher Terminologie als Fegefeuer bezeichnet). Welche Seelenkräfte wir dabei in die Astralwelt übergehen lassen, bessere oder schlechtere, hängt wesentlich von unserer irdischen Lebensführung ab. Wir schaffen dadurch zugleich bessere oder schlechtere Bedingungen für jene menschlichen Individualitäten, die gerade zu einer neuen irdischen Verkörperung herabsteigen - denn diese müssen die seelischen Kräfte, aus denen sie ihren Trieb- und Empfindungsleib aufbauen, aus eben dieser Astralwelt schöpfen.

Die Seelenwelt ist in sich mannigfaltig gestaltet und gliedert sich nach den Angaben Rudolf Steiners in folgende Bereiche:

1. Region der Begierdenglut
2. Region der fließenden Reizbarkeit
3. Region der Wünsche
4. Region von Lust und Unlust
5. Region des Seelenlichtes
6. Region der tätigen Seelenkraft
7. Region des Seelenlebens

siehe dazu Rudolf Steiner, Theosophie, GA 9, das Kapitel Die Seelenwelt.

Die Art der Wahrnehmung der astralen Welt ist sehr ähnlich der Traumwahrnehmung (siehe auch -> Traum, das Traumbewusstsein und seine Veränderung durch geistige Schulung):

"Zunächst können Sie sich eine Vorstellung bilden von dem, was um Sie herum ist in der Astralwelt, wenn Sie sich den letzten Rest, den der Mensch noch von seinem früheren Hellsehen in alten Zeiten hat, das ist das Traumleben, einmal vor die Seele rufen. Sie kennen ja alle dieses Traumleben aus der Erfahrung, und Sie kennen es als eine Welt chaotischer Bilder. Woher kommt es nun, daß der Mensch überhaupt träumt? Wir wissen ja, daß während dieses Traumlebens im Bette der physische Leib und der Ätherleib liegt, während der Astralleib darüber schwebt. Beim vollen, tiefen, traumlosen Schlafe ist der Astralleib ganz aus dem Ätherleibe herausgehoben; beim Traumschlaf stecken noch Fühlfäden des Astralleibes im Ätherleib drinnen, und dadurch nimmt der Mensch dann die mehr oder weniger verworrenen Bilder der Astralwelt wahr. Die astrale Welt ist so durchlässig wie die Traumbilder, sie ist wie aus Träumen gewoben. Aber diese Träume unterscheiden sich von den gewöhnlichen Träumen dadurch, daß diese Bilder eine Wirklichkeit sind, genau so eine Wirklichkeit, wie die physische Welt. Die Art der Wahrnehmung ist sehr ähnlich der Traumwahrnehmung: sie ist nämlich auch symbolisch. Sie wissen ja alle, daß die Traumwelt symbolisch ist. Alles, was von der Außenwelt in den Schlaf aufgenommen wird, das wird im Traum symbolisiert. Ich will Ihnen einige typische Beispiele von Träumen sagen, und daran werden Sie ohne weiteres sehen können, wie sich der Traum auf Grund eines einfachen äußeren Eindruckes symbolisiert. Sie sehen zum Beispiel im Traume, wie Sie einen Laubfrosch fangen. Sie fühlen ganz genau den glitschigen Laubfrosch: beim Aufwachen fühlen Sie, daß Sie den kalten Bettlakenzipfel in der Hand halten. Oder Sie träumen, Sie wären in einem dumpfen Kellerloch voller Spinnweben; Sie wachen auf, und haben Kopfschmerzen. Oder Sie sehen im Traum Schlangen, und merken beim Aufwachen, daß Sie Schmerzen in den Därmen haben. Oder ein Akademiker träumt eine lange Geschichte von einem Duell vom Anfang der Anrempelung bis zum Schluß des Austragens in der Pistolenforderung: der Schuß fällt — da wacht er auf und merkt, daß der Stuhl umgefallen ist. Aus dem ganzen Ablauf dieses letzten Traumbildes ersehen Sie auch, daß die Zeitverhältnisse ganz andere sind. Nicht nur, daß die Zeit sozusagen nach rückwärts konstruiert wird, sondern auch, daß der ganze Zeitbegriff im Traumerlebnis seine Bedeutung verliert. Man träumt im Bruchteil einer Sekunde ein ganzes Leben, wie ja auch im Augenblick eines Absturzes oder des Ertrinkens unser ganzes Leben vor unserem Seelenauge vorüberzieht. Worauf es aber jetzt in all den angeführten Traumbildern besonders ankommt, ist eben, daß sie Bilder darstellen zu dem, was die Veranlassung dazu ist. So ist es überhaupt in der Astralwelt. Und wir haben Veranlassung, diese Bilder zu deuten. Dasselbe astrale Erlebnis erscheint auch immer als dasselbe Bild, darin ist durchaus Regelmäßigkeit und Harmonie, während die gewöhnlichen Traumbilder chaotisch sind. Man kann sich schließlich in der Astralwelt genausogut wie in der sinnlichen zurechtfinden.

Aus lauter solchen Bildern ist die Astralwelt gewoben, aber diese Bilder sind der Ausdruck für seelische Wesenheiten. Alle Menschen sind nach dem Tode selbst in solche Bilder gehüllt, die zum Teil sehr farben- und formenreich sind. So ist auch, wenn ein Mensch einschläft, dessen Astralleib in flutenden und wechselnden Formen und Farben zu sehen. Alle astralen Wesenheiten erscheinen in Farben. Kann der Mensch astral schauen, so nimmt er diese astralen Wesenheiten in einem flutenden Farbenmeer wahr.

Nun hat diese astrale Welt eine Eigentümlichkeit, die dem, der das zum ersten Male hört, eigenartig erscheint: Es ist in der Astralwelt alles wie im Spiegelbild vorhanden, und daher müssen Sie als Schüler sich erst nach und nach daran gewöhnen, richtig zu sehen. Sie sehen zum Beispiel die Zahl 365, die entspricht der Zahl 563. So ist es mit allem, was man in der Astralwelt wahrnimmt. Alles, was zum Beispiel von mir selbst ausgeht, das scheint auf mich zuzukommen. Das zu berücksichtigen, ist außerordentlich wichtig. Denn wenn zum Beispiel durch Krankheitszustände solche astralen Bilder zustande kommen, muß man wissen, was man davon zu halten hat. Im Delirium treten sehr häufig solche Bilder auf, und es können solche Menschen alle möglichen Fratzen und Bildgestalten sehen, die auf sie zukommen, da in solch krankhaften Zuständen die astrale Welt für den Menschen geöffnet ist. Diese Bilder sehen natürlich so aus, als ob die Dinge auf den Menschen zustürzten, während sie doch in Wirklichkeit von ihm ausströmen. Das müssen die Ärzte in Zukunft wissen, weil derartige Dinge durch die verdrängte religiöse Sehnsucht in der Zukunft immer häufiger sein werden. Einem solchen Astralbilderlebnis liegt auch zum Beispiel das Motiv zu dem bekannten Gemälde «Die Versuchung des heiligen Antonius» zugrunde. Wenn Sie das alles bis zum letzten Ende durchdenken, so wird es Ihnen nicht mehr drollig erscheinen, daß auch die Zeit sich in der Astralwelt umkehrt. Einen Anklang daran geben Ihnen ja schon die Erfahrungen des Traumes. Erinnern Sie sich an das eben erwähnte Beispiel des geträumten Duells. Alles läuft hier rückwärts, und so auch die Zeit. So kann man im astralen Erleben am Baum zuerst die Frucht, dann die Blüte und zurück bis zum Keim verfolgen.

Und so verläuft auch nach dem Tode - das ist also die Zeit des Abgewöhnens - das ganze Leben durch die Astralwelt rückwärts, und Sie durchleben Ihr Leben noch einmal von rückwärts nach vorn und schließen es ab mit den ersten Eindrücken Ihrer Kindheit. Dieses geht aber wesentlich schneller als hier in der physischen Welt und dauert etwa ein Drittel des Erdenlebens. Man erlebt nun da auch noch manches andere bei diesem Rückwärtsdurchlaufen des Lebens. Nehmen wir an, Sie sind mit achtzig Jahren gestorben und leben nun das Leben zurück bis zum vierzigsten Lebensjahr. Da haben Sie zum Beispiel einmal einem eine Ohrfeige gegeben, wodurch seinerzeit dieser Mensch von Ihnen einen Schmerz erfahren hat. Nun ist es so in der Astralwelt, daß auch diese Schmerzempfindung sozusagen wie im Spiegelbild auftritt; das heißt: nun erleben Sie den Schmerz, den damals der andere durch Ihre Ohrfeige erfahren hat. Und dasselbe ist natürlich auch der Fall bei allen freudigen Ereignissen. — Und dann erst, wenn der Mensch sein ganzes Leben durchlebt hat, tritt er ein in die himmlische Welt. Religiöse Urkunden sind immer wörtlich zu nehmende Wahrheiten. Wenn Sie das soeben Gesagte sich vor Augen halten, werden Sie ohne weiteres einsehen, daß der Mensch wirklich erst in die geistige Welt - und mit der geistigen Welt ist das gemeint, was in der Bibel mit «Himmelreich» oder «das Reich der Himmel» bezeichnet wird - eintreten kann, wenn er eben vorher sein ganzes Leben rückläufig durchlebt hat bis zur Kindheit. Und dieses liegt in Wahrheit dem Worte Christi zugrunde: «So ihr nicht werdet wie die Kindlein, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.» Dann nämlich, wenn der Mensch rückläufig wieder an der Stufe seiner Kindheit angekommen ist, streift er den Astralleib ab und tritt in die geistige Welt ein."[2]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Vor dem Tore der Theosophie, GA 95 (1978), Zweiter Vortrag, Stuttgart, 23. August 1906
[2]Rudolf Steiner, Menschheits-Entwickelung und Christus-Erkenntnis, GA 100 (1981), S 48 ff., Vierter Vortrag, Kassel, 19. Juni 1907


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=31letzte Änderung: 2002-08-30


Asuras

(siehe auch -> Widersacher)

"Was da genannt ist der physische Leib, das ist auf dem alten Saturn veranlagt worden, was genannt ist der Ätherleib, das ist auf der Sonne veranlagt, und dasjenige, was da genannt ist der Seelen- oder Empfindungsleib, ist auf dem alten Monde veranlagt. Jetzt sind auf der Erde nach und nach dazugekommen die Empfindungsseele, die eigentlich eine unbewußte Umänderung, eine unbewußte Bearbeitung des Empfindungsleibes ist. In der Empfindungsseele hat sich verankert Luzifer; da hinein hat er sich geschlichen, da sitzt er drinnen. Weiter ist entstanden durch die unbewußte Umarbeitung des Ätherleibes die Verstandesseele. Genaueres ist darüber gesagt in der Abhandlung über «Die Erziehung des Kindes». In diesem zweiten Glied der menschlichen Seele, der Verstandesseele, also in dem umgearbeiteten Stück des Ätherleibes, da hat sich festgesetzt Ahriman. Da ist er drinnen und führt den Menschen zu falschen Urteilen über das Materielle, führt ihn zu Irrtum und Sünde und Lüge, zu allem, was eben aus der Verstandes- oder Gemütsseele kommt. In alledem zum Beispiel, daß der Mensch sich der Illusion hingibt, mit der Materie sei das Richtige gegeben, haben wir Einflüsterungen des Ahriman, des Mephistopheles zu sehen. Drittens kommt an die Reihe die Bewußtseinsseele, die in einer unbewußten Umarbeitung des physischen Leibes besteht. Es ist Ihnen ja erinnerlich, wie diese Umarbeitung geschah. Gegen das Ende der atlantischen Zeit trat der Ätherleib des Kopfes ganz hinein in den physischen Kopf und gestaltete allmählich den physischen Leib so um, daß er eine selbstbewußte Wesenheit wurde. An dieser unbewußten Umarbeitung des physischen Leibes, an der Bewußtseinsseele, arbeitet der Mensch heute noch immer im Grunde genommen. Und in der Zeit, die jetzt kommen wird, werden sich hineinschleichen in diese Bewußtseinsseele und damit in das, was man das menschliche Ich nennt - denn das Ich geht auf in der Bewußtseinsseele -, diejenigen geistigen Wesenheiten, die man die Asuras nennt. Die Asuras werden mit einer viel intensiveren Kraft das Böse entwickeln als selbst die satanischen Mächte der atlantischen oder gar die luziferischen Geister der lemurischen Zeit.

Das Böse, das die luziferischen Geister den Menschen zugleich mit der Wohltat der Freiheit brachten, das werden sie alles im Verlaufe der Erdenzeit ganz abstreifen. Dasjenige Böse, das die ahrimanischen Geister gebracht haben, kann abgestreift werden in dem Ablauf der karmischen Gesetzmäßigkeit. Das Böse aber, das die asurischen Mächte bringen, ist nicht auf eine solche Weise zu sühnen. Haben die guten Geister dem Menschen Schmerzen und Leiden, Krankheit und Tod gegeben, damit er sich trotz der Möglichkeit des Bösen aufwärts entwickeln kann, haben die guten Geister die Möglichkeit des Karma gegenüber den ahrimanischen Mächten gegeben, um den Irrtum wieder auszugleichen - gegenüber den asurischen Geistern wird das im Verlaufe des Erdendaseins nicht so leicht sein. Denn diese asurischen Geister werden bewirken, daß das, was von ihnen ergriffen ist - und es ist ja des Menschen tiefstes Innerstes, die Bewußtseinsseele mit dem Ich -, daß das Ich sich vereinigt mit der Sinnlichkeit der Erde. Es wird Stück für Stück aus dem Ich herausgerissen werden, und in demselben Maße, wie sich die asurischen Geister in der Bewußtseinsseele festsetzen, in demselben Maße muß der Mensch auf der Erde zurücklassen Stücke seines Daseins. Das wird unwiederbringlich verloren sein, was den asurischen Mächten verfallen ist. Nicht, daß der ganze Mensch ihnen zu verfallen braucht, aber Stücke werden aus dem Geiste des Menschen herausgeschnitten durch die asurischen Mächte. Diese asurischen Mächte kündigen sich in unserem Zeitalter an durch den Geist, der da waltet und den wir nennen könnten den Geist des bloßen Lebens in der Sinnlichkeit und des Vergessens aller wirklichen geistigen Wesenheiten und geistigen Welten. Man könnte sagen: Heute ist es erst mehr theoretisch, daß die asurischen Mächte den Menschen verführen. Heute gaukeln sie ihm vielfach vor, daß sein Ich ein Ergebnis wäre der bloßen physischen Welt. Heute verführen sie ihn zu einer Art theoretischem Materialismus. Aber sie werden im weiteren Verlauf - und das kündigt sich immer mehr an durch die wüsten Leidenschaften der Sinnlichkeit, die immer mehr und mehr auf die Erde herniedersteigen - dem Menschen den Blick umdunkeln gegenüber den geistigen Wesenheiten und geistigen Mächten. Es wird der Mensch nichts wissen und nichts wissen wollen von einer geistigen Welt. Er wird immer mehr und mehr nicht nur lehren, daß die höchsten sittlichen Ideen des Menschen nur höhere Ausgestaltungen der tierischen Triebe sind, er wird nicht nur lehren, daß das menschliche Denken nur eine Umwandlung dessen ist, was auch das Tier hat, er wird nicht nur lehren, daß der Mensch nicht bloß seiner Gestalt nach mit dem Tier verwandt ist, daß er auch seiner ganzen Wesenheit nach vom Tier abstamme, sondern der Mensch wird mit dieser Anschauung Ernst machen und so leben.

Heute lebt ja noch niemand im Sinne des Satzes, daß der Mensch seiner Wesenheit nach vom Tiere abstamme. Aber diese Weltanschauung wird unbedingt kommen, und sie wird im Gefolge haben, daß die Menschen mit dieser Weltanschauung auch wie Tiere leben werden, heruntersinken werden in die bloßen tierischen Triebe und tierischen Leidenschaften. Und in mancherlei von dem, was hier nicht weiter charakterisiert zu werden braucht, was sich jetzt namentlich an den Stätten der großen Städte als wüste Orgien zweckloser Sinnlichkeiten geltend macht, sehen wir schon groteskes Höllenleuchten derjenigen Geister, die wir als die asurischen bezeichnen."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Geisteswissenschaftliche Menschenkunde, GA 107, S 247 ff., Sechzehnter Vortrag, Berlin, 22. März 1909


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=148letzte Änderung: 2002-09-11


Atemrhythmus
seine Beziehung zum platonischen Weltenjahr

(siehe auch -> Platonisches Weltenjahr und -> Kentaur, der übersinnliche ätherische Kentaur im Zusammenhang mit dem Atemrhythmus des Menschen)

"Durch unsere Lunge stehen wir mit dem ganzen Kosmos in Beziehung, und der ganze Kosmos schafft an unserem Ätherleib. Den Ätherleib selbst legen wir ab, wenn wir durch die Pforte des Todes treten, aber wir treten ein in dasjenige, was hineinspielt in unser Lungensystem; das steht mit dem ganzen Kosmos in Verbindung. Daher jene merkwürdige Übereinstimmung im Rhythmus des Menschenlebens und im Rhythmus der Atmung. Sie wissen ja - ich habe das schon einmal hier ausgeführt -, wenn Sie die 18 Atemzüge, die der Mensch in der Minute hat, ausrechnen, so daß Sie die Zahl der Atemzüge in einem Tage bekommen, so sind es also 18 mal 60 in der Stunde, für den Tag mal 24 sind 25920 Atemzüge in einem Tage. Der Mensch atmet ein und atmet aus; das gibt seinen Rhythmus, seinen kleinsten Rhythmus zunächst. Dann aber ist ein anderer Rhythmus in unserem Leben da, wie ich Ihnen schon einmal angedeutet habe: der besteht darinnen, daß wir unser Seelisches, das Ich und den astralischen Leib, an jedem Morgen beim Aufwachen in unser physisches System gewissermaßen einatmen, beim Einschlafen wiederum ausatmen. Das machen wir durch unser ganzes physisches Leben hindurch. Nehmen wir ein Durchschnittsmaß des menschlichen Lebens an, so haben wir das so zu berechnen, daß wir sagen: 365mal während eines Jahres atmen wir uns selbst aus und uns selbst ein. Das gibt, wenn wir das menschliche Leben, sagen wir durchschnittsmäßig auf 71 Jahre annehmen, 25915. Sie sehen, im wesentlichen dieselbe Zahl - das Leben ist ja nicht gleich bei den einzelnen Menschen -, wiederum 25920 mal während eines Lebens zwischen Geburt und Tod wird aus- und eingeatmet dasjenige, was wir unser eigentliches Selbst nennen. So daß wir sagen können: Wie wir uns mit einem Atemzug verhalten zu den Elementen ringsherum, so verhalten wir uns zu der Welt, der wir selbst angehören. In demselben Rhythmus zum Kosmos leben wir während des Lebens, in welchem wir durch unser Atmen während des Tages stehen. Und wiederum, wenn wir unser Leben nehmen, sagen wir also ungefähr 71 Jahre, und wir betrachten dieses Leben des Menschen als einen kosmischen Tag - nennen wir einmal ein Menschenleben einen kosmischen Tag -, so würde ein kosmisches Jahr 365 mal soviel sein, 25920, also annähernd wiederum ein Jahr. Das aber ist die Zeit, in welcher die Sonne wiederum zurückkehrt zu demselben Sternbilde: 25920 Jahre. Wenn in einem bestimmten Jahre die Sonne im Widder erscheint, nach 25920 Jahren erscheint sie wiederum im Widder im Aufgang, denn die Sonne bewegt sich durch den ganzen Tierkreis im Laufe von 25920 Jahren. So also ist ein ganzes Menschenleben herausgeatmet aus dem Kosmos, ein Atemzug des Kosmos, der sich genau zum kosmischen Werden, zum kosmischen Umschwung der Sonne im Tierkreis verhält, wie ein Atemzug zum Tagesleben. Eine tiefe innerliche Gesetzmäßigkeit! Sie sehen, alles ist auf Rhythmus aufgebaut. Wir atmen dreifach oder wenigstens stehen dreifach in einem Atmungsprozeß drinnen. Wir atmen zunächst durch unsere Lunge in den Elementen - in einem Rhythmus, der durch die Zahl 25920 angegeben wird. Wir atmen im ganzen Sonnensystem, wenn wir Auf- und Untergang der Sonne als parallellaufend zählen unserem Einschlafen und Aufwachen. Wir atmen durch unser ganzes Leben hindurch in einem Rhythmus, der wiederum durch die Zahl 25920 bestimmt ist. Und endlich, das Weltenall atmet uns aus, atmet uns wieder ein in einem Rhythmus, der wiederum durch die Zahl 25920 bestimmt ist, bestimmt durch den Umlauf der Sonne um den Tierkreis.

So sind wir hineingestellt in den ganzen sichtbaren Kosmos, dem nun der unsichtbare Kosmos zugrunde liegt. In diesen unsichtbaren Kosmos treten wir ein, wenn wir durch die Pforte des Todes treten. Rhythmisches Leben ist dasjenige Leben, das unserem Gefühlsleben zugrunde liegt. In das rhythmische Leben des Kosmos treten wir ein in der Zeit, die wir durchleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Dieses rhythmische Leben liegt als unser ätherisches Leben bestimmend hinter dem Sinnesteppich ausgebreitet. Sehen würde man in dem Augenblicke, wo man zum schauenden Bewußtsein kommt, diesen Weltenrhythmus, der gewissermaßen ein rhythmisch wogendes Weltenmeer ist, jetzt astralisch geartet. Und in diesem rhythmisch wogenden astralischen Meere sind auch die sogenannten Toten vorhanden, sind die Wesenheiten der höheren Hierarchien vorhanden, ist dasjenige vorhanden, was zu uns gehört, was aber unter der Schwelle liegt, aus der nur die Gefühle heraufwogen, die verträumt werden, die Willensimpulse heraufwogen, die in ihrer eigenen Wirklichkeit verschlafen werden."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Geschichtliche Notwendigkeit und Freiheit. Schicksalseinwirkungen aus der Welt der Toten., GA 179 (1977), S 74 ff., Vierter Vortrag, Dornach, 11. Dezember 1917


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=204letzte Änderung: 2002-09-30


Atemübungen
über die Gefahren von Atemübungen und die damit verbundene Verantwortung

"Indem der Mensch mit den Lungen atmet und seine Atmungsvorgänge umgestalten kann zu jenen Konfigurationen, die durch den Kehlkopf bewirkt werden, Sprache und Gesang, ist ihm etwas gegeben, was höchster Ausbildung fähig ist. Daher ist es wohl begründet, wenn dasjenige, was die Krönung sein wird, wenn der Mensch sich höher und höher entwickelt, in der orientalischen Theosophie «Atma» genannt wird. Das Wort «Atma» hat die gleiche Wurzel wie «Atmen». Atma oder Geistesmensch ist das höchste Glied, das der Mensch in der Zukunft einmal ausbilden wird. Er muß aber die Ausbildung des Atma oder Geistesmenschen selbst bewirken, der heute erst in der Anlage vorhanden ist. Er muß mitarbeiten an dem, was sich als modifizierter Atmungsprozeß darlebt in Sprache und Gesang. Das steht erst im Anfang und wird sich immer weiter und weiter entwickeln und immer weitere Kreise umfassen.

Wenn wir das bedenken, dann werden wir sagen: Sobald der Mensch in sachgemäßer Weise eingreifen kann in seinen Atmungsprozeß, so wird das eine höhere Einwirkung sein als alle anderen. Aber weil es sich hier um hohe geistige Kräfte handelt, für die der Mensch mit seiner gegenwärtigen Konstitution noch nicht reif ist, so ist es klar, daß dabei auch am leichtesten Unheil hervorgerufen werden kann. Wenn also unter den verschiedenen Übungen, die der Mensch vornehmen kann, um sich zu vervollkommnen, auch solche sind, die den Atem regeln, so ist es wichtig, bei solchen Übungen die allergrößte Sorgfalt zu verwenden, und der Lehrer muß dem Schüler gegenüber die größtmögliche Verantwortung empfinden. Denn die göttlich-geistigen Wesenheiten selber waren es, welche aus ihrer Weisheit heraus den Atmungsprozeß modifizierten, um den Menschen aus einer niederen Stufe zu einem sprachbegabten Wesen zu machen, und sie mußten, weil der Mensch dazu nicht reif ist, die Sprache nicht in die Willkür seiner Individualität stellen, sondern sie mußten sie außerhalb derselben stellen. Alle Atemübungen bedeuten also ein Einwirken auf eine höhere Sphäre, und wir müssen uns klar darüber sein, daß damit die größte Verantwortung verbunden sein muß. Leider werden heute vielfach leichtfertige Anweisungen auf diesem Gebiete gegeben, und wer diese Dinge versteht, blickt mit Grauen darauf, daß zahlreiche Menschen sich heute mit Atemübungen abgeben, ohne genügende Vorbereitung vorgenommen zu haben. Dem Geistesforscher erscheinen sie wie Kinder, die mit dem Feuer spielen. Niemand soll glauben, daß äußere anatomische Kenntnisse und physische Rücksichten dazu fähig machen, über das Atmen Vorschriften zu geben. Der wahre Lehrer auf diesem Gebiete weiß: Wenn man in den Atmungsprozeß bewußt eingreift, so appelliert man an das Göttlich-Geistige in der menschlichen Natur. Und weil das der Fall ist, können die Gesetze dazu nur aus dem höchsten heute erreichbaren geistigen Erkennen herausgeholt werden. Anweisungen über Eingriffe in den Atmungsprozeß können daher nur einem solchen Lehrer anvertraut werden, von dem die allergrößte Sorgfalt und Vorsicht erwartet werden kann. In unserer Zeit, wo man sich so wenig bewußt ist, daß allem Materiellen ein Geistiges zugrunde liegt, wird man auch leichten Herzens glauben, diese oder jene Atemübungen vorschreiben zu können. Wenn man aber weiß, daß allem Physischen ein Geistiges zugrunde liegt, dann wird man auch zu der Erkenntnis kommen, daß zu den edelsten Offenbarungen des Geistigen im Physischen die Modifikation des menschlichen Atmungsprozesses gehört und daß das Eingreifen in den Atmungsprozeß nur verbunden sein kann mit einer Stimmung der Seele, die wie eine gebetartige ist. Wer in den Atmungsprozeß eingreifen will, darf dies nur tun aus der Erkenntnis heraus, daß dem Schüler Erkenntnis Gebet wird, daß er sich erfüllt mit tiefer Andacht. Anders sollten überhaupt nicht Anweisungen gegeben werden für diese verantwortungsvollsten Dinge. Der Erkennende wird ein Andächtiger, der sich erfüllt mit der Gnade derjenigen Wesenheiten, denen wir uns zwar nähern, zu denen wir aber heute noch hinaufsehen müssen, weil sie ihre Weisheit heruntersenden aus Höhen des Makrokosmos, die höher sind, als wir mit unserem gewöhnlichen Wissen erfassen können. Das ist es, was sich ergibt aus der Geisteswissenschaft als ein letztes Resultat, daß sie ausklingt wie ein selbstverständliches Gebet:

Gottes schützender segnender Strahl
Erfülle meine wachsende Seele,
Daß sie ergreifen kann
Stärkende Kräfte allüberall.
Geloben will sie sich,
Der Liebe Macht in sich
Lebensvoll zu erwecken,
Und sehen so Gottes Kraft
Auf ihrem Lebenspfade
Und wirken in Gottes Sinn
Mit allem, was sie hat."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Makrokosmos und Mikrokosmos, GA 119 (1988), S 278 ff., Elfter Vortrag, Wien, 31. März 1910


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=79letzte Änderung: 2002-08-25


Atlantis
die 7 atlantischen Rassen

Zwischen dem heutigen Europa und Amerika lag einstmals das atlantische Festland. Ganz anders als heute war damals das Klima. Die kühle eiszeitliche Luft war mit Wasserdampf gesättigt und erfüllt von Nebeldünsten. Erst am Ende des atlantischen Zeitalters begannen sich diese Nebelmassen niederzuschlagen und der Meeresspiegel stieg sehr schnell infolge der raschen Erwärmung, sodass die Atlantis schließlich in einer gewaltigen Flutkatastrophe unterging. Der Boden dieses Landes bildet heute den Grund des Atlantischen Ozeans. Plato erzählt noch von dem letzten Rest dieses Landes, der Insel Poseidonis, die westwärts von Europa und Afrika lag.

In der Frühzeit der Atlantis war die Menschengestalt noch weich beweglich, wässrig-knorpelig. Noch war die Arbeit der regelmäßigen Geister der Form (-> Hierarchien) nicht abgeschlossen, das Knochensystem noch nicht verhärtet. Der Ätherleib ragte noch weit über den physischen Leib hinaus, namentlich im Kopfbereich. Unser alltäglich gewohntes, gegenständliches Sinnesbewusstsein war noch kaum entfaltet, und ein natürliches Hellsehen war den Menschen eigen.

Bereits auf der alten Lemuria (siehe -> Wurzelrassen), wo der Mensch die feste Erde betrat, erwarb er sich - als Folge des Mondenaustrittes - die aufrechte Haltung. Zu dieser Zeit trat auch die Geschlechtertrennung ein. Die Sprache wurde dann vornehmlich auf der alten Atlantis ausgebildet, wenngleich die Anfänge bereits in der spätlemurischen Zeit liegen. Die dafür nötige Ausbildung des Kehlkopfes setzt einerseits bereits die aufrechte Haltung voraus, hängt aber anderseits eng mit der West-Wanderung der Menschheit von der Lemuria auf die Atlantis zusammen.

Die regelmäßigen Geister der Form wirkten von der Sonne bzw. vom Mond (Jahve) aus. Diese Kräfte, entweder mehr sonnenhaft männlich, oder stärker mondenhaft weiblich, liegen auch der Geschlechtertrennung zugrunde, und sie prägten dem Menschenleib die allseitige ichhafte Form auf.

Einseitig und frühzeitig verhärtend wirkten nun aber die abnormen Geister der Form von den restlichen fünf Planeten herein. Weil sie zurückgebliebene Geister sind, wirkten sie, wie es noch auf dem alten Mond üblich war, auf den Astralleib und nicht Ich-bildend wie die Elohim. Dadurch entstanden zunächst die 7 atlantischen Rassen, wobei allerdings die Rassemerkmale anfangs noch nicht physisch verhärtet, sondern erst ätherisch vorgebildet waren. Entsprechend konnte sich der physische Menschenleib zunächst noch leicht an wechselnde Bedingungen anpassen, wie bereits oben erwähnt wurde. Erst mit dem fortschreitenden Untergang der Atlantis entstanden die heutigen Rassen, und zwar dadurch, dass die atlantischen ätherisch beweglichen Rassen geeignet durchmischt wurden, teilweise auch noch mit Resten der ehemals lemurischen Bevölkerung, namentlich in den südlichen und südöstlichen Erdgebieten. Diese sekundär gebildeten Rassen wurden dann auf bestimmten Territorien, die im wesentlichen unseren heutigen Kontinenten entsprechen und die ihre heutige Form erst im Zuge des Untergangs der Atlantis erhalten haben, festgehalten und zu ihrer jetzigen Gestalt verhärtet. 7 ist, wie auch die Zahl der Erdentwicklungsperioden zeigt, die Zahl der zeitlichen, d.h. aber zugleich der ätherischen Entwicklung. Daher gab es auch 7 sich auf der Atlantis entfaltende Rassen, von denen Rudolf Steiner in seinen Berichten Aus der Akasha-Chronik ausführlich spricht, so dass hier eine kurze Übersicht genügen mag:

  1. Rmoahals (Gefühle, Sinnesgedächnis, Sprache)
  2. Tlavatli (Erinnerung, Ahnenkult)
  3. Ur-Tolteken (persönliche Erfahrung)
  4. Ur-Turanier (persönliche Machtfülle)
  5. Ur-Semiten (Urteilskraft, Rechnen)
  6. Ur-Akkadier (Anwendung der Urteilskraft, "Gesetze")
  7. Ur-Mongolen (verlieren die Macht über die Lebenskräfte, behalten aber den Glauben daran)

Sieben ist die Zahl der ätherischen Entwicklung; in der Fünfzahl vollendet sich die physische Gestaltung des Menschenwesens, die frei beweglichen Bildekräfte gerinnen zur festen, der Außenwelt angepaßten Form. Nicht zufällig ist die heutige feste Erde in fünf für die Menschheitsentwicklung wesentliche Kontinente geteilt, nicht zufällig zeigt die menschliche Gestalt mit Kopf und vier Gliedmaßen einen fünfstrahligen Bau, und nicht zufällig sind Hände und Füße, mit denen wir am stärksten der äußeren Welt begegnen, fünfzählig. Und so entstanden auch durch Durchmischung und Erstarrung aus den 7 ätherischen atlantischen Rassen unsere heutigen 5 physischen Hauptrassen. Sie sind ebenso entwicklungsnotwendig wie die fünf Finger für die Gebrauchsfähigkeit der Hand unerläßlich sind.

Auf der alten Atlantis waren die Menschen noch wenig für die Sinneswelt erwacht, verfügten dafür aber, wie erwähnt, über ein natürliches Hellsehen, das wesentlich von der körperlichen Konstitution abhängig war, die sich in den verschiedenen Rassen ausdrückt. Es war zugleich ein Naturhellsehen, das jene geistigen Kräfte zu schauen vermochte, die die Natur gestalten und auch bei der Rassebildung mitwirkten. In den atlantischen Orakelstätten befaßte man sich mit diesen Kräften ganz besonders. In den Orakelstätten wurden gewissenhaft jene Gleichgewichtspunkte auf der Erde gesucht, die für die Bildung der verschiedenen Rassen in Betracht kamen, und danach wurden gezielt die Auswanderungs- und Kolonisationsströme gelenkt.

Alle Atlantier hatten großen Einfluss auf die Lebenskräfte, sowohl auf die ihres eigenen Leibes, als auch auf die ihrer natürlichen Umgebung. Die gewaltige Flutkatastrophe, durch die die Atlantis schließlich unterging, wurde durch den Mißbrauch dieser Ätherkräfte hervorgerufen.

Fähigkeiten, die sehr stark auf diesen ätherischen Bildekräften beruhen, konnten von den Atlantiern ausgebildet werden, insbesondere das Gedächtnis, die Sprache und eine anfängliche, aber noch keineswegs ichbewusste, sondern vielmehr instinktive Urteilskraft. Diese letztere Fähigkeit bildete sich vor allem bei den unter dem Einfluss der Sonnenkräfte stehenden Ur-Semiten aus, von denen ein kleines Häuflein die nachatlantische Zeit nach den Eiszeitkatastrophen vorbereitete und den Grundstein zu der späteren arischen Rasse legte. Die hier bereits vorbereitete Urteilskraft in das wache Ich-Bewusstsein zu heben ist die hauptsächliche Aufgabe unserer nachatlantischen Kulturepochen. Dieser geradezu instinktive, treffsichere Intellekt ist auch heute noch gerade bei den semitischen Völkern sehr rege und hat das abendländische Geistesleben vielfältig befruchtet und erst zu dem gemacht, was es heute ist. Mit der erwachenden Urteilskraft verdämmerte aber zugleich das natürliche ätherische Hellsehen und das sinnliche Gegenstandsbewusstsein wurde immer klarer.

Eine äußere Kultur gab es auf der alten Atlantis, abgesehen von einigen primitiven Werkzeugen, noch kaum.

"Eine atlantische Ansiedlung - das geht wohl schon aus allem Beschriebenen hervor - trug einen Charakter, der in nichts dem einer modernen Stadt glich. In einer solchen Ansiedlung war vielmehr noch alles mit der Natur im Bunde. Nur ein schwach ähnliches Bild gibt es, wenn man etwa sagt: In den ersten atlantischen Zeiten - etwa bis zur Mitte der dritten Unterrasse - glich eine Ansiedlung einem Garten, in dem die Häuser sich aufbauen aus Bäumen, die in künstlicher Art mit ihren Zweigen ineinandergeschlungen sind. Was Menschenhand damals erarbeitete, wuchs gleichsam aus der Natur heraus. Und der Mensch selbst fühlte sich ganz und gar mit der Natur verwandt. Daher kam es, daß auch sein gesellschaftlicher Sinn noch ein ganz anderer war als heute. Die Natur ist ja allen Menschen gemeinsam. Und was der Atlantier auf der Naturgrundlage aufbaute, das betrachtete er ebenso als Gemeingut, wie der heutige Mensch nur natürlich denkt, wenn er das, was sein Scharfsinn, sein Verstand erarbeitet, als sein Privatgut betrachtet."[1]

In allgemeinen Umrissen schildert Rudolf Steiner den atlantischen Menschen und seine Umwelt so:

"Wenn wir einige tausend Jahre in Europa selbst zurückgehen, so finden wir Europa vereist. Die Gletscher der Alpen ragten damals tief herunter bis in die norddeutsche Tiefebene hinein. Die Gegenden, in denen wir jetzt leben, waren damals kalt und rauh. Darin lebte ein Menschengeschlecht, welches sich noch höchst einfacher und primitiver Werkzeuge bediente. Gehen wir etwa eine Million Jahre zurück, so finden wir aut demselben Boden ein tropisches Klima, wie es heute nur in den heißesten Gegenden Afrikas zu finden ist; in einzelnen Teilen mächtige Urwälder, darin Papageien, Affen, besonders der Gibbon, und Elefanten lebten. Kaum aber würden wir, wenn wir diese Wälder durchschweiften, etwas von dem jetzigen Menschen und auch nicht von dem der späteren Perioden vor einigen tausend Jahren antreffen. Die Naturwissenschaft kann aus gewissen Erdschichten, die entstanden sind zwischen jenen beiden Zeitaltern, einen Menschen nachweisen, bei dem sich das Vorderhirn noch nicht so ausgebildet hatte wie jetzt, und bei dem die Stirne weit zurückliegend war. Nur der hintere Teil des Gehirns war ausgebildet. Wir kommen da zurück in Zeiten, in denen die Menschen noch nicht das Feuer gekannt haben und sich Waffen durch Abschleifen von Steinen herstellten. Der Naturforscher vergleicht diesen Zustand des Menschen gerne mit dem Entwickelungszustand der Wilden oder demjenigen des unbeholfenen Kindes. Überreste von solchen Menschen hat man im Neandertal und in Kroatien gefunden. Sie haben einen affenähnlichen Schädel, und an den Funden in Kroatien ist zu erkennen, daß sie, ehe sie gestorben sind, gebraten worden sind, daß also damals dort Kannibalen gewohnt haben.

Nun sagt sich der materialistische Denker: Wir verfolgen so den Menschen bis in die Zeiten, in denen er noch unentwickelt und unbeholfen war, und nehmen an, daß sich der Mensch von dieser kindlichen Stufe des Daseins bis zur heutigen Kulturstufe der Menschheit entwickelt hat, und daß sich dieser primitive Mensch herausentwickelt hat aus menschenähnlichen Tieren. - Er macht also da einfach einen Sprung in dieser Entwickelungstheorie vom primitiven Menschen zu den menschenähnlichen Tieren. Der Naturforscher nimmt an, daß sich immer das Vollkommenere aus dem Unvollkommeneren entwickelt hat. Dies ist aber nicht immer der Fall. Verfolgen wir zum Beispiel den einzelnen Menschen zurück bis zur Kindheit, so kommt dann nichts Unvollkommeneres mehr, denn das Kind stammt ja von Vater und Mutter ab. Das heißt, wir kommen also zu einem primitiven Zustand, der wieder von einem höheren Zustand kommt. Das ist wichtig, denn das hängt damit zusammen, daß das Kind schon bei der Geburt die Anlage zu einem späteren Vollkommenheitsgrad hat, während das Tier auf der unteren Stufe zurückbleibt.

Wenn der Naturforscher bis zu der Stufe zurückgegangen ist, auf der der Mensch noch kein Vorderhirn und noch keinen Verstand hatte, dann sollte er sich sagen: Ich muß voraussetzen, daß der Ursprung des Menschen anderswo zu suchen ist.

Geradeso wie ein Kind von einem Elternpaar abstammt, so stammen alle jene primitiven Menschen von anderen Menschen ab, die schon einen gewissen Vollkommenheitsgrad erreicht hatten. Diese Menschen nennen wir die Atlantier. Sie haben gelebt auf dem Boden, der jetzt bedeckt ist mit den Fluten des Atlantischen Ozeans. Die Atlantier hatten noch weniger Vorderhirn und eine noch weiter zurückliegende Stirne. Aber sie hatten noch etwas anderes als die späteren Menschen. Sie hatten noch einen viel stärkeren, kräftigeren Ätherkörper. Der Ätherkörper der Atlantier hatte gewisse Verbindungen mit dem Gehirn noch nicht ausgebildet gehabt; sie entstanden erst später. So war noch über dem Kopf ein mächtig großer Ätherkopf entwickelt; der physische Kopf war verhältnismäßig klein und in einen mächtigen Ätherkopf eingebettet. Die Funktionen, die die Menschen jetzt mit Hilfe des Vorderhirns ausführen, wurden bei den Atlantiern mit Hilfe von Organen im Ätherkörper ausgeführt. Dadurch konnten sie mit Wesenheiten in Verbindung treten, zu denen uns der Zugang heute versperrt ist, weil eben der Mensch das Vorderhirn entwickelt hat. Bei den Atlantiern war sichtbar eine Art feuriger farbiger Bildung, die ausströmte aus der Öffnung des physischen Kopfes zu dem Ätherkopf hin. Er war zugänglich für eine Menge psychischer Einflüsse. Ein solcher Kopf, der als Ätherkopf denkt, hat Gewalt über das Ätherische, während ein Kopf, der im physischen Gehirn denkt, allein über das Physische Gewalt hat, über das Zusammenfügen rein mechanischer Dinge. Er kann sich physische Werkzeuge machen. Dagegen kann ein Mensch, der noch im Äther denkt, ein Samenkorn zum Aufblühen bringen, so daß es wirklich wächst. Die atlantische Kultur hing wirklich noch mit dem Wachstum des Natürlichen, Vegetabilischen zusammen, über das der heutige Mensch die Macht verloren hat. Der Atlantier hat zum Beispiel nicht die Dampfkraft zur Bewegung von Fahrzeugen gebraucht, sondern die Samenkraft der Pflanzen, mit der er seine Fahrzeuge vorwärtsgetrieben hat. Erst vom letzten Drittel der atlantischen Zeit, von der Zeit der Ursemiten an bis zu der Zeit, als Atlantis von den Fluten des Atlantischen Ozeans bedeckt wurde, hat das ätherische Vorderhaupt das Vorderhirn ausgebildet. Dadurch verlor der Mensch die Macht, das Pflanzenwachstum zu beeinflussen und bekam nun die Fähigkeit des physischen Gehirns, den Verstand. Mit vielen Dingen mußte er nun neu anfangen. Er mußte anfangen mechanische Verrichtungen zu erlernen. Da war er noch wie ein Kind, unbeholfen und ungeschickt, während er es in der Entfaltung des Vegetabilischen vorher schon zu einer großen Geschicklichkeit gebracht hatte. Der Mensch muß durch die Intelligenz hindurchgehen und dann das wiedergewinnen, was er früher schon konnte. Höhere geistige Mächte hatten damals einen Einfluß auf den unfreien Willen; durch das offen gelassene ätherische Haupt wirkten sie durch ihren Verstand."[2]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Aus der Akasha-Chronik, GA 11 (1904 - 1908), im Kapitel Unsere atlantischen Vorfahren
[2]Rudolf Steiner, Grundelemente der Esoterik, GA 93a (1976), S 137 ff., Berlin, 16. Oktober 1905


Link: http://www.anthroposophie.net/steiner/ga/bib_steiner_ga_011_02.htm
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=167letzte Änderung: 2002-09-18


Atma
Geistesmensch, «Vater»

Im indischen Sanskrit die Bezeichnung für den Geistesmenschen, sprachlich und dem Sinn nach verwandt mit dem deutschen Wort «Atem», da die Vergeistigung des physischen Leibes zu Atma wesentlich mit der Regulierung des Atemprozesses zusammenhängt, wovon man in der indischen Yoga-Schulung ein deutliches Bewusstsein hatte. In der christlichen Terminologie wird Atma auch als «Vater» bezeichnet.


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=70letzte Änderung: 2002-08-24


Atom
gefrorene Elektrizität

(siehe dazu auch -> Elektrizität, -> Substanzen, chemische, -> Atom, ein verkleinerter Plan der planetarischen Entwicklung und -> [1])

"Letztes Mal habe ich Ihnen aus einer Rede des englischen Premierministers Balfour vorgelesen[2]. Es ist da bereits aufmerksam darauf gemacht, daß gewisse Dinge heute physikalische Wahrheiten sind, die uralte okkulte Erkenntnisse sind. Wenn Sie in Blavatskys «Geheimlehre» nachlesen, werden Sie dort eine Stelle finden über die Elektrizität, welche buchstäblich dasselbe besagt wie das, worauf die Physiker jetzt nach und nach kommen. Was Sie aber finden, ist eine bloße Ahnung von dem, um was es sich handelt. Es handelt sich um das physikalische Atom. Bis vor vier, fünf Jahren ist von aller äußeren - nicht der okkultistischen - Wissenschaft dieses verkannt worden. Man hat es für eine raumerfüllende Masse gehalten. Heute fängt man an, dieses physikalische Atom als dasjenige zu erkennen, was es wirklich ist. Man kommt darauf, daß dieses physikalische Atom sich so verhält zur Kraft der Elektrizität, wie sich ein Klumpen Eis verhält zum Wasser, aus dem es gefroren ist. Wenn Sie sich Wasser vorstellen, das zu Eis gefriert, so ist das Eis auch Wasser. Und so ist das physikalische Atom nichts anderes als gefrorene Elektrizität. Wenn Sie dies ganz begreifen und die Mitteilungen, die bis vor wenigen Jahren in sämtlichen wissenschaftlichen Schriften über die Atome enthalten waren, durchgehen und sie für Blech ansehen, dann werden Sie ungefähr die richtige Vorstellung gewinnen. Erst seit dieser kurzen Zeit kann sich die Physik eine Vorstellung bilden von dem, was das physikalische Atom ist. Es verhält sich nämlich wie ein Eisklumpen zu der Wassermenge, aus der er gefroren ist. Das physikalische Atom ist kondensierte Elektrizität. Die Rede von Balfour betrachte ich als etwas außerordentlich Wichtiges.

Es ist ... [Lücke] etwas, was seit dem Jahr 1875 [1879?] herausgebracht ist. Die Tatsache ist bei den Okkultisten schon seit Jahrtausenden bekannt. Nun fängt man an zu wissen, daß das physikalische Atom kondensierte Elektrizität ist. Aber es handelt sich noch um ein zweites: zu wissen, was Elektrizität selber ist. Das ist noch unbekannt. Sie wissen nämlich eines nicht: wo das Wesen der Elektrizität gesucht werden muß. Dieses Wesen der Elektrizität kann nicht gefunden werden durch irgendwelche äußere Experimente oder durch äußere Anschauung. Das Geheimnis, welches gefunden werden wird, ist, daß Elektrizität genau dasselbe ist - wenn man auf einem gewissen Plan zu beobachten versteht -, was der menschliche Gedanke ist. Der menschliche Gedanke ist dasselbe Wesen wie die Elektrizität: das eine Mal von innen, das andere Mal von außen betrachtet.

Wer nun weiß, was Elektrizität ist, der weiß, daß etwas in ihm lebt, das in gefrorenem Zustande das Atom bildet. Hier haben Sie die Brücke vom menschlichen Gedanken zum Atom. Man wird die Bausteine der physischen Welt kennenlernen, es sind kleine kondensierte Monaden, kondensierte Elektrizität. In dem Augenblicke, wo die Menschen diese elementarste okkulte Wahrheit von Gedanke, Elektrizität und Atom erkannt haben werden, in dem Augenblicke werden sie etwas erkennen, was das Wichtigste sein wird für die Zukunft und für die ganze sechste Unterrasse. Sie werden mit den Atomen bauen können durch die Kraft des Gedankens.

Dies wird die geistige Strömung sein, die wieder hineingegossen werden muß in die Formen, die seit Jahrtausenden von den Okkultisten geschaffen worden sind. Aber weil die menschliche Rasse die Verstandesentwickelung durchmachen mußte und absehen mußte von der eigentlichen inneren Arbeit, sind sie Hülsen geworden, aber als Formen geblieben, und es wird die richtige Erkenntnis hineingegossen werden müssen.

Der okkulte Forscher gewinnt die Wahrheit von der einen Seite, der physische Forscher von der anderen Seite. Ebenso wie die Maurerei aus der Werkmaurerei, aus dem Dom- und Tempelbau hervorgegangen ist, ebenso wird man künftig bauen müssen mit den kleinsten Bausteinen, mit den kondensierten Elektrizitätsmengen. Das wird eine neue Maurerei nötig haben. Dann wird sich die Industrie nicht mehr so abspielen können wie jetzt. Sie wird so chaotisch werden und nur auf reinen Kampf ums Dasein hinarbeiten können, solange man nicht weiß ... [Lücke]. Dann würde möglich sein, daß in Berlin jemand mit der Droschke in der Stadt fahren kann, während in Moskau stattfindet das Unheil, das er von Berlin aus verursacht hat. Und kein Mensch würde eine Ahnung davon haben, daß dieser Mensch das verursacht hat. Die drahtlose Telegraphie ist ein Anfang davon. Was ich ausgeführt habe, ist Zukunft. Nur zwei Möglichkeiten sind vorhanden: Entweder die Dinge gehen chaotisch weiter, so wie die Industrie und Technik bisher vorgegangen ist. Dann führt es dazu, daß der, welcher im Besitze dieser Dinge ist, großes Unheil anrichten kann, oder es wird in die moralische Form der Maurerei gegossen.*"[3]

* Dieser letzte Satz lautet in den Notizen von Marie Steiner-von Sivers: «Diese Dinge gehen entweder chaotisch so weiter wie bisher Industrie und Technik, oder harmonisch, wie es das Ziel der Maurerei ist, dann wird die höchste Entwickelung erreicht.»

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Über das Wesen einiger naturwissenschaftlicher Grundbegriffe. Fragenbeantwortung aus dem Jahre 1919., in GA 320 (1987), Anhang (Faksimilie)
[2]Rudolf Steiner, Der englische Premierminister Balfour, die Naturwissenschaft und die Theosophie (Lucifer-Gnosis, November 1904), in GA 34 (1987), S 467 ff.
[3]Rudolf Steiner, Die Tempellegende und die Goldene Legende, GA 93 (1982), S 112 ff., Berlin, 16. Dezember 1904


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=180letzte Änderung: 2002-09-23


Atom
ein verkleinerter Plan der planetarischen Entwicklung

(siehe auch -> Atom, gefrorene Elektrizität)

"Wenn man über das Atom nachdenkt, so fällt uns ein, daß das Atom ein sehr kleines Ding ist. Jedem ist klar, daß das kleine Ding, das man Atom nennt, niemals von irgendeinem Mikroskop, selbst wenn es sehr vollkommen ist, gesehen worden ist. Die okkulten Bücher geben aber Beschreibungen der Atome, Bilder von Atomen. Wo sind diese Bilder hergenommen? Wie kann man nun als Okkultist etwas über die Atome wissen?

Nun, stellen Sie sich vor, wenn es möglich wäre, das, was ein Atom ist, zum Wachsen zu bringen, so daß es immer größer und größer werden würde, bis es so groß ist wie die Erde, dann würde man eine sehr komplizierte Welt finden. Innerhalb dieses kleinen Dinges würde man viele Bewegungen und mancherlei Erscheinungen wahrnehmen. Man halte diesen Vergleich fest, daß das Atom so vergrößert wäre wie die Erde. Wenn es wirklich möglich wäre, das Atom so zum Wachsen zu bringen, so könnten wir alle einzelnen Vorgänge darin beobachten. Nur der Okkultist ist imstande, das Atom so zum Wachsen zu bringen und es im Inneren zu betrachten.

Betrachten wir zweitens alles menschliche Treiben auf der Erde, von den untersten Bildungsstufen des Menschen angefangen, mit seinen Trieben und Leidenschaften, aufsteigend zu sittlichen Idealen, Religionsgemeinschaften und so weiter, so sehen wir, daß die Menschen gleichsam Fäden zwischen sich spinnen, die sich von Mensch zu Mensch schlingen und immer höhere und höhere Gemeinschaften entstehen: die Familie, der Stamm und weiter ethnische und staatliche Gemeinschaften, und schließlich Religionsgemeinschaften. In diesen kommt schon zum Ausdruck die Wirkung der höheren Individualitäten. Solche Gemeinschaften sind aus der Quelle und dem Born der einheitlichen Weltenweisheit heraus entstanden durch einen Religionsstifter. Die Religionen stimmen alle [im tieferen] überein, weil sie Stifter haben, die zu der großen Loge gehören.

Es gibt eine besondere weiße Loge, welche zwölf Mitglieder hat, von denen sieben besonders wirken, und von diesen werden dann Religionsgemeinschaften begründet. Solche waren Buddha, Hermes, Pythagoras und so weiter. Der große Plan der ganzen Menschheitsentwickelung wird tatsächlich spirituell ausgebaut in der weißen Loge, die so alt wie die ganze Menschheit ist. Ein gleichmäßiger Plan der Führung des ganzen Menschheitsfortschrittes tritt uns da entgegen. Alle anderen Gemeinschaften sind nur Verzweigung; auch Familiengemeinschaften und so weiter sind alle verknüpft mit dem großen Plan, der uns hinaufführt in die Loge der Meister. Da wird gesponnen und gewoben der Plan, nach dem sich die ganze Menschheit entwickelt.

Verfolgen wir alles das, was weiter geschieht. Da müssen wir erst einen Spezialplan, nämlich den Plan unserer Erde, kennenlernen. Betrachten wir die vierte Erdenrunde, in der wir stehen. Sie ist dazu bestimmt, das Reich des Minerals immer mehr und mehr menschlich umzuwandeln. Man bedenke, wie der menschliche Verstand die mineralische Welt schon umgewandelt hat, bis zu der Umwandlung hinauf, die wir im Kölner Dom sehen, bis zur technischen Maschine. Unsere Menschheit hat die Aufgabe, die ganze mineralische Welt zu einem reinen Kunstwerk umzugestalten. Die Elektrizität weist uns schon hin in okkulte Tiefen des Stoffes.

Wenn der Mensch die mineralische Welt neu aufgebaut hat aus seinem Inneren heraus, dann wird das Ende unserer Erde gekommen sein; dann ist die Erde ans Ende der physischen Entwickelung gelangt. Der Spezialplan, nach dem das Mineralreich umgewandelt wird, lebt in der Loge der Meister. Heute ist dieser Plan schon fertig, so daß, wenn man diesen einsieht, man sehen kann, was für Wunderbauten, Wundermaschinen und so weiter aus dieser mineralischen Welt noch entstehen werden. Wenn die Erde am Ende des physischen Globus angelangt sein wird, wird die ganze Erde eine innere Struktur, ein inneres Gefüge haben, das der Mensch selbst ihr gegeben hat, so daß sie ein Kunstwerk geworden ist, nach dem Plane der Meister der weißen Loge. Ist das geschehen, dann geht die Erde in ihren astralen Zustand über. Das ist etwas Ähnliches, wie wenn die Pflanze anfängt zu verwelken. Das Physische vergeht; alles geht ins Astrale hinein. Bei dem Hineingehen in die astrale Welt geht das Physische immer mehr zusammen, wird ein immer kleinerer Kern, der umgeben ist vom Astralischen, in den Rupa- und dann in den Arupa-Zustand übergeht und dann verschwindet in einen schlafähnlichen Zustand.

Was ist dann vom Physischen übrig? Wenn die Erde in den Arupa-Zustand übergegangen ist, so ist darin noch ganz zusammengedrängt ein kleiner Abdruck der ganzen physischen Entwickelung von dem, was unter dem Plane der Meister aufgebaut, gleichsam eine ganz kleine Miniaturausgabe dessen, was die mineralische Erde einstmals war. Dies ist das, was [vom Physischen] herübergeht. Das Physische ist da nur als diese kleine Miniaturausgabe früherer Entwickelungen vorhanden, das Arupa aber groß. Wenn dies herübergeht aus dem Devachanzustande, vermehrt es sich in unzählige gleiche Dinge nach außen. Und wenn die Erde wieder in den physischen Zustand herübergeht, dann besteht sie aus unzähligen solcher kleinen Kügelchen, welche ein Abdruck sind dessen, was die Erde früher war. Aber alle sind verschieden geartete Kügelchen, führen jedoch auf dasselbe zurück. So wird die neue physische Erde der fünften Runde aus solchen unzähligen kleinen Teilen bestehen, welche alles das enthalten, was die Meister als Ziel der mineralischen Welt, als Plan in ihrer Loge haben. Jedes Atom der fünften Runde enthält den ganzen Plan der Meister. Heute arbeiten die Meister das Atom der fünften Runde im großen aus. Alles was in der Menschheit vorgeht, das wird zusammengedrängt in ein Resultat: das ist das Atom der fünften Runde.

Daher, wenn wir den Blick richten auf das Atom, das heute besteht, und gehen zurück in der Akasha-Chronik, dann sehen wir, daß das Atom von heute einen Wachstumsprozeß durchmacht. Es wächst immer mehr und mehr; es geht immer mehr und mehr auseinander ... [Lücke im Text] ... und es enthält die in der dritten Runde durcheinanderwogenden Kräfte der Menschheit. Daran können wir den Plan der Meister der dritten Erdenrunde betrachten. Was erst ganz außerhalb ist, das wird ganz innerhalb, und im kleinsten Atom sehen wir ein Spiegelbild des Planes der Meister. Diese kleinen Spezialplane sind nichts anderes als ein Stück des ganzen Menschheitsplanes. Wenn man das so betrachtet, daß der Plan der einen Runde das Atom der nächsten Runde ist, dann sieht man das Gefüge des großen Weltenplanes. So geht der große Weltenplan hinauf in immer höhere Stufen, zu Wesenheiten, die immer höhere Pläne des Weltenbaues haben.

Wenn wir diesen Plan betrachten, so haben wir den dritten Logos. So schlüpft der Logos fortwährend hinein in das Atom. Erst ist er draußen und wird zum Anordnungsplan für das Atom, und dann wird das Atom ein Abbild dieses Planes. Der Okkultist zeichnet einfach den Plan aus der Akasha-Chronik über die früheren Runden auf und erforscht so das Atom.

Woher haben nun höhere Wesen diesen Plan? Darauf bekommen wir eine Antwort, wenn wir bedenken, daß es noch höhere Stufen der Entwickelung gibt, wo die Pläne entworfen werden. Da wird die Weltentwickelung vorgezeichnet. Hingewiesen wird auf die höheren Stufen bei den Alten, zum Beispiel bei Dionysius, dem Schüler des Apostels Paulus, und auch bei Nicolaus Cusanus. Er erkannte: Höher als alles Wissen und Erkennen ist das Nichterkennen. Aber dieses Nichtwissen ist ein Überwissen und dieses Nichterkennen ist ein Übererkennen.

Wenn wir nicht mehr auf das sehen, was wir als Gedanken und Begriffe von der Welt erhalten, sondern uns zu dem wenden, was hinaufsprießt, zu der Kraft im Inneren, dann finden wir etwas noch Höheres. Die Meister können den [dritten] Logos spinnen, weil sie noch höher gestiegen sind, als es die Natur des Denkens ist. Wenn die höheren Kräfte entwickelt sind, dann erscheint das Gedachte bei solchen Wesenheiten als etwas anderes. Es ist dann so wie bei uns das ausgesprochene Wort. Der Gedanke, der für den Meister die innerste Wesenheit ausmacht, kann selbst der Ausdruck einer höheren Wesenheit sein, wie das Wort der Ausdruck des Gedankens ist. Wenn wir selbst den Gedanken ansehen als das Wort eines noch höheren Wesens, dann nähern wir uns dem Begriff des Logos. Das Wissen, aus dem Gedanken herausgeholt, steht auf einem noch höheren Plan.

Auf dem einen Ende der Welt befindet sich das Atom. Es ist ein Abbild des aus der Tiefe des Geistes der Meister hervorgegangenen Planes, der der Logos ist.

Wenn wir nun die Umgestaltung der Menschheit selbst in der großen Weltenperiode suchen, dann werden wir wieder hineingeführt in die Welt.

Wie der Mensch heruntergestiegen ist, hinabgetaucht bis auf den physischen Plan, so ist es auch mit der ganzen Welt. Was das menschliche Selbst vorwärtsbringt, das liegt um den Menschen herum in der Welt.

Dann aber werden wir heruntergeführt in die niederen Pläne, die aber selbst die höheren Pläne enthalten ... die Loge der Meister.

Bei den Meistern lebt heute der Geist der Erde, und dieser Geist der Erde wird sein das physische Kleid des nächsten Planeten. Das Kleinste was wir tun, wird seine Wirkung im kleinsten Atom des nächsten Planeten haben. Dies Gefühl gibt uns erst einen vollen Zusammenhang mit der Loge der Meister. Das soll einen Mittelpunkt der Theosophischen Gesellschaft geben, weil wir wissen, was die Wissenden wissen.

Wenn Goethe vom Erdgeist spricht, so spricht er eine Wahrheit. Der Erdgeist, er webt an dem Kleide des nächsten Planeten. «In Lebensfluten - im Tatensturm» webt der Geist [der Erde] das Kleid der nächsten planetarischen Gottheit."[1]

"Sie alle wissen, daß die Erde geführt wird in einer gewissen Beziehung von der sogenannten weißen Loge, in der hochentwickelte Menschen-Individualitäten und Individualitäten noch höherer Art vereinigt sind. Was tun die da? Sie arbeiten; sie führen die Erdenentwickelung ; während der Führung der Erdenentwickelung arbeiten sie einen ganz bestimmten Plan aus. Das ist tatsächlich der Fall, daß während der Entwickelung eines jeden Planeten von den führenden Mächten ein bestimmter Plan ausgebildet wird. Während sich die Erde entwickelt, wird in der sogenannten weißen Loge der Erde der Plan für das Einzelnste dessen aufgestellt, wie sich der Jupiter entwickeln muß, der die Erde ablöst. Der ganze Plan wird in allen Einzelheiten entwickelt. Und darin besteht der Segen und das Heil der Fortentwickelung, daß im Einklang mit diesem Plan gehandelt wird.

Wenn nun eine planetarische Entwickelung zu Ende geht, wenn also unsere Erde am Ende ihrer planetarischen Entwickelung angelangt sein wird, dann werden auch die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen fertig sein mit dem Plan, den sie für den Jupiter auszuarbeiten haben. Und jetzt am Ende einer solchen Planetenentwickelung geschieht etwas höchst Eigentümliches.

Dieser Plan wird durch eine Prozedur zu gleicher Zeit unendlich verkleinert und unendlich vervielfältigt. So daß von dem ganzen Jupiterplan unendlich viele Exemplare, aber ganz «en miniature», vorhanden sind. So war es auch auf dem Monde: der Plan der Erdenentwickelung war da, unendlich vervielfältigt und verkleinert. Und wissen Sie, was das ist, dieser verkleinerte Plan, was da im Geistigen ausgearbeitet worden ist? Das sind die wirklichen Atome, die der Erde zugrunde liegen. Und die Atome, die dem Jupiter zugrunde liegen werden, sie werden wiederum der ins Kleinste umgesetzte Plan sein, der jetzt in der führenden weißen Loge ausgearbeitet wird. Nur wer diesen Plan kennt, kann auch wissen, was ein Atom ist.

Wenn Sie dieses Atom, das der Erde zugrunde liegt, nach und nach erkennen wollen, so werden Ihnen zur Erkenntnis dieses Atoms eben diejenigen Weisheiten entgegentreten, die von den großen Magiern der Welt ausgehen.

Nun können wir natürlich über diese Dinge nur andeutungsweise sprechen, aber wir können wenigstens etwas geben, was uns einen Begriff gibt von dem, um was es sich hier handelt.

Die Erde ist in gewisser Weise zusammengesetzt aus diesen ihren Atomen. Ein jedes Wesen, Sie selbst alle sind zusammengesetzt aus diesen Atomen. Und Sie stehen dadurch in Einklang mit der ganzen Erdenentwickelung, daß Sie in unendlicher Zahl den verkleinerten Erdenplan in sich tragen, der früher ausgearbeitet worden ist. Dieser Erdenplan konnte auf dem vorhergehenden planetarischen Zustand unserer Erde, dem Monde, nur dadurch ausgearbeitet werden, daß führende Wesenheiten gewirkt haben in Einklang mit der ganzen planetarischen Entwickelung durch Saturn, Sonne, Mond hindurch. Nun handelte es sich aber darum, den unendlich vielen Atomen das mitzugeben, was sie in die richtigen Verhältnisse bringt, sie in der richtigen Weise zusammenordnet. Ihnen das mitzugeben, war den führenden Geistern des Mondes nur möglich, wenn sie die Erdenentwickelung in eine ganz bestimmte Bahn lenkten, was ich öfter schon gesagt habe.

Als die Erde nach der Mondentwickelung wieder hervortrat, da war sie eigentlich noch nicht «Erde», sondern Erde plus Sonne plus Mond; ein Körper, den Sie erhalten würden, wenn Sie die Erde mit Sonne und Mond zusammenrührten und einen einzigen Körper daraus machten. Das war die Erde zunächst. Dann trennte sich zuerst die Sonne und damit auch alle diejenigen Kräfte, die für den Menschen zu dünn und geistig waren und unter deren Einfluß er sich viel zu schnell vergeistigt haben würde. Wenn der Mensch nur gestanden haben würde unter dem Einfluß der Kräfte, die in diesem Sonnen-Monden-Erdenkörper zusammen enthalten waren, dann hätte er sich nicht bis in die physische Materialität herunterentwickelt und er hätte dann nicht jenes Selbst-, jenes Ich-Bewußtsein erlangen können, das er erlangen mußte."[2]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Die Tempellegende und die Goldene Legende, GA 93 (1982), S 189 ff., Berlin, 21. Oktober 1905
[2]ebd. S 194 ff., Berlin, 21. Oktober 1907 (in leicht abgewandelter Form auch abgedruckt in: Rudolf Steiner, Mythen und Sagen. Okkulte Zeichen und Symbole, GA 101, S 133 ff., Berlin, 21. Oktober 1907)


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=181letzte Änderung: 2002-09-23


Aura
aurisches Ei

"Wieviel sich von dem, was wirklich ist, einem Wesen offenbart, das hängt von dessen Empfänglichkeit ab. Niemals darf somit der Mensch sagen: nur das sei wirklich, was er wahrnehmen kann. Es kann vieles wirklich sein, für dessen Wahrnehmung ihm die Organe fehlen. – Nun sind die Seelenwelt und das Geisterland ebenso wirklich, ja in einem viel höheren Sinne wirklich als die sinnliche Welt. Zwar kann kein sinnliches Auge Gefühle, Vorstellungen sehen; aber sie sind wirklich. Und wie der Mensch durch seine äußeren Sinne die körperliche Welt als Wahmehmung vor sich hat, so werden für seine geistigen Organe Gefühle, Triebe, Instinkte, Gedanken und so weiter zu Wahmehmungen. Genau wie durch das sinnliche Auge zum Beispiel räumliche Vorgänge als Farbenerscheinungen gesehen werden können, so können durch die inneren Sinne die genannten seelischen und geistigen Erscheinungen zu Wahrnehmungen werden, die den sinnlichen Farbenerscheinungen analog sind. Vollkommen verstehen, in welchem Sinne das gemeint ist, kann allerdings nur derjenige, welcher auf dem im nächsten Kapitel zu beschreibenden Erkenntnispfad gewandelt ist und sich dadurch seine inneren Sinne entwickelt hat. Für einen solchen werden in der ihn umgebenden Seelenwelt die Seelenerscheinungen und im geistigen Gebiet die geistigen Erscheinungen übersinnlich sichtbar. Gefühle, welche er an anderen Wesen erlebt, strahlen wie Lichterscheinungen für ihn von dem fühlenden Wesen aus; Gedanken, denen er seine Aufmerksamkeit zuwendet, durchfluten den geistigen Raum. Für ihn ist ein Gedanke eines Menschen, der sich auf einen andern Menschen bezieht, nicht etwas Unwahrnehmbares, sondern ein wahrnehmbarer Vorgang. Der Inhalt eines Gedankens lebt als solcher nur in der Seele des Denkenden; aber dieser Inhalt erregt Wirkungen in der Geistwelt. Diese sind für das Geistesauge der wahrnehmbare Vorgang. Als tatsächliche Wirklichkeit strömt der Gedanke von einer menschlichen Wesenheit aus und flutet der andern zu. Und die Art, wie dieser Gedanke auf den andern wirkt, wird erlebt als ein wahrnehmbarer Vorgang in der geistigen Welt. So ist für den, dessen geistige Sinne erschlossen sind, der physisch wahrnehmbare Mensch nur ein Teil des ganzen Menschen. Dieser physische Mensch wird der Mittelpunkt seelischer und geistiger Ausströmungen. Nur angedeutet kann die reich-mannigfaltige Welt werden, die sich vor dem «Seher» hier auftut. Ein menschlicher Gedanke, der sonst nur in dem Denkverständnisse des Zuhörenden lebt, tritt zum Beispiel als geistig wahrnehmbare Farbenerscheinung auf. Seine Farbe entspricht dem Charakter des Gedankens. Ein Gedanke, der aus einem sinnlichen Trieb des Menschen entspringt, hat eine andere Färbung als ein im Dienste der reinen Erkenntnis, der edlen Schönheit oder des ewig Guten gefaßter Gedanke. In roten Farbennuancen durchziehen Gedanken, welche dem sinnlichen Leben entspringen, die Seelenwelt. In schönem hellem Gelb erscheint ein Gedanke, durch den der Denker zu einer höheren Erkenntnis aufsteigt. In herrlichem Rosarot erstrahlt ein Gedanke, der aus hingebungsvoller Liebe stammt. Und wie dieser Inhalt eines Gedankens, so kommt auch dessen größere oder geringere Bestimmtheit in seiner übersinnlichen Erscheinungsform zum Ausdruck. Der präzise Gedanke des Denkers zeigt sich als ein Gebilde von bestimmten Umrissen; die verworrene Vorstellung tritt als ein verschwimmendes, wolkiges Gebilde auf.

Und die Seelen- und Geisteswesenheit des Menschen erscheint in dieser Art als übersinnlicher Teil an der ganzen menschlichen Wesenheit.

Die dem «geistigen Auge» wahrnehmbaren Farbenwirkungen, die um den in seiner Betätigung wahrgenommenen physischen Menschen herumstrahlen und ihn wie eine Wolke (etwa in Eiform) einhüllen, sind eine menschliche Aura. Bei verschiedenen Menschen ist die Größe dieser Aura verschieden. Doch kann man sich – im Durchschnitt – etwa vorstellen, daß der ganze Mensch doppelt so lang und viermal so breit erscheint als der physische.

In der Aura fluten nun die verschiedensten Farbentöne. Und dieses Fluten ist ein getreues Bild des inneren menschlichen Lebens. So wechselnd wie dieses sind einzelne Farbentöne. Doch drücken sich gewisse bleibende Eigenschaften: Talente, Gewohnheiten, Charaktereigenschaften auch in bleibenden Grundfarbtönen aus." [1]

"Die Persönlichkeit ist dasjenige, was die drei Leiber - physischer Leib, Ätherleib und Astralleib - vom Ich durchstrahlt sein läßt. Das kann auch unklar, schattenhaft sein - und wenn dies der Fall ist, so ist der betreffende Mensch eine schwache Persönlichkeit.

Für den Hellseher ist dies durchaus erkennbar. Er sieht den Menschen von einer farbigen Aura umflossen, in der sich seine Stimmungen, Leidenschaften, Gefühle, Empfindungen in Farbströmungen und Farbwolken genau ausdrücken. Versetzen wir uns in die Zeit, in welcher die drei Wesensglieder erst bereit waren, das menschliche Ich aufzunehmen, so würden wir auch bei diesem noch nicht ganz Mensch gewordenen Wesen eine Aura finden. Es würden aber darin die gelben Strömungen fehlen, in denen die höhere Natur des Menschen zum Ausdruck gelangt. Starke Persönlichkeiten haben eine stark gelb strahlende Aura. Nun kann man eine starke Persönlichkeit sein, aber ohne Aktivität, man kann innerlich stark reagieren, ohne ein Tatenmensch zu sein. Dann zeigt die Aura gleichwohl viel Gelb. Ist man aber ein Tatenmensch und wirkt sich die Persönlichkeit in der Außenwelt aus, so geht das Gelb allmählich in ein strahlendes Rot über. Eine rot strahlende Aura ist die eines Tatenmenschen; sie muß aber strahlen.

Doch gibt es eine Klippe, wenn die Persönlichkeit zu Taten drängt. Das ist der Ehrgeiz, die Eitelkeit. Davon können besonders leicht starke Naturen befallen werden. Der Hellseher sieht dies in der Aura. Ohne den Ehrgeiz geht das Gelb unvermittelt in Rot über. Ist der Mensch jedoch ehrgeizig, so hat er viel Orange in der Aura. Diese Schwelle muß man überwinden, um zur objektiven Tat zu gelangen.

Schwache Persönlichkeiten sind solche, die mehr darauf gerichtet sind, daß man ihnen gibt, als daß sie geben und etwas tun. Da sehen Sie dann hauptsächlich blaue Farben, und wenn die Menschen besonders bequem sind, die Indigofarbe. Es bezieht sich dies mehr auf die innerliche Bequemlichkeit als auf die äußere.

Sie sehen, wie sich in der Aura des Menschen die starke oder schwache Persönlichkeit abspiegelt."[3]

"Sie wissen daß der Astralleib, in dem die inneren Triebe, Begierden und Leidenschaften des Menschen leben, für den Hellseher als Lichtleib sichtbar wird. In diesem Lichtleib erscheinen die mannigfaltigsten Figuren und Farben. Jede Leidenschaft, jeder Trieb hat eine bestimmte Farbe. Das alles, sogar die Grundstimmung prägt sich in diesem Lichtleib aus. Wenn Sie bei einem Menschen, der sehr nervös ist, den Lichtleib ansehen, so haben Sie denselben ganz geschwängert mit aufglitzernden und leuchtenden Punkten. Das alles glänzt auf und verschwindet und spielt in den verschiedensten Farben.

Wenn ein furchtbarer Affekt vorliegt, so finden Sie solche Strahlen:

Ein Mensch, der einen verhaltenen Groll hat, hat in sich Figuren wie Schlangen.

Es ist das aber schwer zu zeichnen, da es wie etwa der Blitz fortwährend in Bewegung ist. Innerlich ist also Zorn oder Groll oder Nervosität da, wenn die Seele innerlich zappelt. Was der Mensch da innerlich erlebt, ist sein Seelenzustand. Äußerlich wird dieser Seelenzustand für den Hellsehenden als Lichterscheinung sichtbar."[4]

(siehe auch -> Aura des wachenden und schlafenden Menschen, -> Heiligenschein, Kopfaura und Gewand, Bekleidung, Gewandformen und -farben als Abbild der menschlichen Aura)

Lit.:
[1]Rudolf Steiner in GA 9 (Theosophie) im Kapitel VI. Von den Gedankenformen und der menschlichen Aura)
[2]Rudolf Steiner, Über die Aura des Menschen (ein Vortrag aus Grundelemente der Esoterik,GA 93a, Berlin, 5. Oktober 1905)
[3]Rudolf Steiner, Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft, GA 96, S 322, Berlin, 12. Juni 1907
[4]ebd., S 130, Berlin, 19. Oktober 1906


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=26letzte Änderung: 2003-02-10


Aura
Ich-Aura und Astralaura des wachenden und schlafenden Menschen

"Wenn wir im täglichen Wachzustande sind, dann ist, können wir sagen, im menschlichen Wesen in einer gewissen geregelten Verbindung dasjenige, was wir die vier Glieder der menschlichen Natur nennen: physischer Leib, Ätherleib, astralischer Leib und Ich. Wir treffen das, was die richtige Verbindung zwischen den vier Gliedern der menschlichen Natur ausmacht, am besten, wenn wir es etwa so zeichnen, wie das hellseherische Bewußtsein die sogenannte Aura des Menschen sieht. Was ich Ihnen dabei zeichnen kann, ist selbstverständlich nur ganz skizzenhaft. Wenn wir also den gewöhnlichen Wachzustand des Menschen ins Auge fassen, dann würden wir den aurischen Zusammenhang des Menschen etwa in der folgenden Weise zeichnen:

der physische Leib die schärfere Linie; innerhalb der punktierten Linie der Ätherleib; was dichter schraffiert ist, ist der astralische Leib; und die Ich-Aura würde etwa so zu zeichnen sein, daß sie den ganzen Menschen durchdringt, aber ich zeichne sie als Strahlen, die ihn, ohne eigentliche Grenzen, nach oben und unten strahlenartig umgeben.

Daneben werde ich nun zeichnen den Unterschied in der aurischen Zusammensetzung beim Schlafzustande eines Menschen, der etwa um die Mitternachtsstunde schlafen würde, beziehungsweise das aurische Bild desselben (siehe Zeichnung): physischer Leib und Ätherleib wie in der ersten Zeichnung; das dunkel Schraffierte wäre der Astralleib;

dessen nach unten unbestimmte Fortsetzung würde sich herausheben, aber bliebe doch in einer vertikalen Lage. Die Ich-Aura würde ich dann strahlenförmig in der Weise zu zeichnen haben, wie man es hier sieht. In der Halsgegend ist die Ich-Aura unterbrochen und beginnt erst wieder in der Kopfgegend, aber so, daß sie strahlenförmig nach außen gerichtet ist und ins Unbestimmte nach oben geht, wenn der Mensch in der horizontalen Lage ist, aber nach aufwärts gerichtet ist, vom Kopf nach aufwärts. So daß im wesentlichen der Anblick der Aura des schlafenden Menschen so wäre, daß der Astralleib wesentlich verdichtet und dunkel ist - in der in der Zeichnung dunkel schraffierten Gegend -, in den oberen Teilen ist er dünner als am Tage. In der Halsgegend ist die Ich-Aura unterbrochen, unten ist sie wieder strahlenförmig und geht dann ins Unbestimmte fort.

Das Wesentliche ist, daß sich bei einem solchen Schlafzustande das, was man das aurische Bild des Ich nennen kann, in der Tat in zwei Teile gliedert. Während des Wachzustandes hängt die Ich-Aura wie ein Oval zusammen, trennt sich während eines solchen Schlafzustandes in der Mitte auseinander und besteht während des Schlafes aus zwei Stücken, von denen das eine durch eine Art von Schwere nach unten gedreht wird und sich nach unten ausbreitet, so daß man es nicht mit einer sich schließenden, sondern mit einer nach unten sich ausbreitenden Ich-Aura zu tun hat. Dieser Teil der Ich-Aura ergibt sich für das hellseherische Bewußtsein dem Anblick nach als ein wesentlich sehr dunkler Aurenteil, der dunkle Fäden hat, aber in starken, zum Beispiel dunkelrötlichen Nuancen tingiert ist. Was sich davon nach oben abtrennt, ist wieder so, daß es von der Kopfgegend aus schmal läuft, dann aber ins Unbestimmte sich ausbreitet, sozusagen oben in die Sternenwelt hin sich ausbreitet. In gleicher Weise in der Mitte auseinandergeteilt ist die astralische Aura nicht, so daß man von einer wirklichen Teilung derselben nicht sprechen kann, während die Ich-Aura, wenigstens für den Anblick, zerteilt wird.

So haben wir auch in diesem okkulten Anblick eine Art von bildhaftem Ausdruck dafür, daß der Mensch mit demjenigen, was ihn als Ich-Kräfte während des tagwachenden Zustandes durchdringt, hinausgeht in den Weltenraum, um den Anschluß zu gewinnen an die Sternenwelt, um die Kräfte aus der Sternenwelt sozusagen hereinzusaugen.

Nun ist derjenige Teil der Ich-Aura, der sich nach unten hin abschnürt und dunkel wird, mehr oder weniger wie undurchsichtig sich ausnimmt, während der nach oben gehende hell leuchtend und glänzend ist, in hellem Lichte erstrahlt, zugleich der, welcher am meisten dem Einfluß der ahrimanischen Gewalten ausgesetzt ist. Der angrenzende Teil der astralischen Aura ist am meisten den luziferischen Kräften ausgesetzt. Wir können daher sagen: Die Charakteristik, die man von einem gewissen Standpunkte aus mit Recht gibt, daß das Ich und der astralische Leib den Menschen verlassen, ist für die oberen Partien der Ich- und astralischen Aura absolut zutreffend. Für diejenigen Teile der Ich- und astralischen Aura, die mehr den unteren Teilen, besonders den unteren Teilen des Rumpfes der menschlichen Gestalt entsprechen, ist es nicht eigentlich richtig; sondern für diese Teile ist es sogar so, daß während des Schlafens die Aura des Ich und des Astralleibes mehr drinnen sind, mehr verbunden sind mit dem physischen Leibe und dem Ätherleibe, als es im Wachzustande der Fall ist, daß sie nach unten dichter, kompakter sind. Denn man sieht auch, wie beim Aufwachen das, was ich unten so stark gezeichnet habe, wieder herausgeht aus den unteren Teilen der menschlichen Wesenheit. Gerade wie der obere Teil beim Einschlafen herausgeht, so geht der untere Teil der Ich- und astralischen Aura beim Aufwachen in einer gewissen Weise heraus, und es bleibt nur eine Art von Stück von diesen beiden Auren drinnen, wie ich es in der ersten Figur gezeichnet habe.

Nun ist es eben so außerordentlich wichtig zu wissen, daß durch die Evolution unserer Erde, durch alle die Kräfte, die dabei mitgespielt haben und die Sie aus der «Geheimwissenschaft im Umriß» ersehen können, die Einrichtung getroffen ist, daß der Mensch dieses regere Arbeiten der unteren Aura während des Schlafes nicht mitmacht, das heißt dieses Arbeiten nicht als Zeuge mitmacht. Denn von diesen Teilen der unteren Ich-Aura und der unteren astralischen Aura werden die belebenden Kräfte angeregt, die der Mensch braucht, damit das wieder ausgebessert werden kann, was während des Wachzustandes abgenutzt ist. Die wiederherstellenden Kräfte müssen von diesen Teilen der Aura ausgehen. Daß sie nach aufwärts wirken und den ganzen Menschen wieder herstellen, das hängt dann davon ab, daß der nach oben hinausgehende Teil der Aura Anziehungskräfte entwickelt, die er aus der Sternenwelt hereinsaugt, und dadurch die Kräfte, die von unten kommen, anziehen kann, so daß sie regenerierend auf den Menschen wirken. Das ist der objektive Vorgang.

Nun gibt uns das Verständnis dieser Tatsache auch gewissermaßen das beste Verständnis für gewisse Mitteilungen, die der Mensch empfängt, wenn er die verschiedenen okkulten oder auf Okkultismus gebauten Urkunden verfolgt. Sie haben ja die, wie ich eben gesagt habe, von einem gewissen Gesichtspunkte aus durchaus gerechtfertigte Charakteristik immer gehört, daß der Schlaf darin besteht, daß der Mensch seinen physischen Leib und Ätherleib im Bette liegen läßt und mit seinem astralischen Leib und Ich herausgeht; was also für die oberen Partien der Ich- und astralischen Aura in einem gewissen Sinne durchaus richtig ist, namentlich für die Ich-Aura. Wenn Sie aber morgenländische Schriften verfolgen, dann finden Sie diese Charakteristik nicht, sondern gerade das Umgekehrte. Sie finden da charakterisiert, daß während des Schlafzustandes das, was sonst im menschlichen Bewußtsein lebt, sich tiefer in den Leib hineinzieht. Also Sie finden dort die umgekehrte Charakteristik des Schlafes. Und namentlich in gewissen Vedanta-Schriften können Sie die Sache so charakterisiert finden, daß dieses, von dem wir sagen, daß es sich aus dem physischen Leib und Ätherleib herauszieht, sich während des Schlafes tiefer in die physische und ätherische Leiblichkeit hineinsenkt, daß das, was das Sehen sonst bewirkt, sich in tiefere Partien des Auges hineinzieht, so daß das Sehen nicht mehr zustande kommen kann. Warum wird dieses in morgenländischen Schriften so charakterisiert? Das ist deshalb, weil der Morgenländer eben noch auf einem anderen Standpunkte steht. Er sieht durch seine Art von Hellsichtigkeit mehr das, was im Innern des Menschen vorgeht, was sich da im Innern abspielt. Er achtet weniger auf den Vorgang des Herausgehens der oberen Aura und mehr auf die Tatsache des Durchdrungenseins während des Schlafes mit der unteren Aura. Daher hat er von seinem Standpunkte aus selbstverständlich recht."[1]

(siehe auch -> Aura des Menschen und -> Ich-Leib)

[1]Rudolf Steiner, Das Leben zwischen Tod und neuer Geburt im Verhältnis zu den kosmischen Tatsachen, GA 141, Vierter Vortrag, Berlin, 10. Dezember 1912


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=61letzte Änderung: 2002-08-22


Autoritätsglaube
falscher Autoritätsglaube in spirituellen Belangen

"Gerade unsere geisteswissenschaftliche Bewegung sollte die Menschen zu freiem Urteilen aufrufen, sollte hinwegfegen alles, was bloß auf äußeren Autoritätsglauben hin herrscht. Solange in der Gesellschaft noch das Gefühl herrscht, es käme auf den Mund an, durch den gesprochen wird, solange ist noch nicht unser Ideal erreicht. Wir sollen nur hören auf das, was dieser Mund spricht, weil die Dinge uns einleuchten, wenn wir mit Wahrheitssinn und unbefangener Logik ihm zuhören. Es ist unsere Bewegung im höchsten Maße geeignet, das freie Urteil des Menschen keimen zu lassen und zu entwickeln; aber es geht durch unsere Zeit ein starker Zug, den man nennen kann: Bequemlichkeit in bezug auf den Glauben. Durch die Bequemlichkeit des Glaubens werden der geisteswissenschaftlichen Bewegung große Hindernisse geschaffen. Dadurch, daß man etwas glaubt, weil es dieser oder jener gesagt hat, wird das freie Urteilen verzögert, das freie menschliche Seelenleben, die Verselbständigung auch in bezug auf die Verstandesseele. Es ist so bequem, nicht denken zu brauchen, und irgendeine Wahrheit nur anzunehmen, weil sie dieser oder jener gesagt hat; es ist viel bequemer, der Person glauben zu können, als zu prüfen, was die Person sagt.

Ich habe öfter ausgesprochen: Es ist zunächst nur möglich, innerhalb der spirituellen Bewegung Anregungen zu geben. Aber, nehmt alles, was wir in der Geschichte zum Beispiel über Zarathustra finden können: es wird nichts von dem widerlegt werden, was hier über Zarathustra gesagt wird, wenn man nur wirklich alles nimmt. Geprüft kann werden, und je strenger man prüft, desto angenehmer ist es dem, der in objektiver Weise die spirituelle Bewegung vertreten will. Der Wille zur Prüfung ist das, was er will. Aber es ist unendlich bequemer, zu glauben, einfach sich darauf zu berufen: das hat dieser oder jener Hellseher gesagt. - Das ist eine Gefahr für den wirklichen oder sogenannten Hellseher, wenn er noch nicht wirklich fest steht. Da ist schon eine Versuchung, das zu sagen, was die Leute glauben. Er gleitet leicht hinein in dasjenige, in das man überhaupt leicht gleiten kann, wenn es sich um den Aufstieg in die übersinnliche Welt handelt. Man steigt hinauf in eine Welt, in der wirklich nicht so leicht wie in der physischen Welt kontrolliert werden kann. Wenn man kontrollieren will mit dem Verstand, daß an den Grenzgebieten Engel und Erzengel eingreifen, so gehört ziemlich viel dazu, um das zu prüfen. Beim Glauben hängt es oft nur von dem Eindruck ab, den man von dem Menschen bekommen hat. Wie leicht die Menschen zu beeinflussen sind in bezug auf den Glauben, ist zu sehen an der Massensuggestion.

Massensuggestion ist etwas, worüber die wunderbarsten Entdeckungen erst in der Zukunft gemacht werden können. In früheren Zeiten war das etwas ganz anderes, weil die Bewußtseinsseele noch nicht so frei war. Heute steht der Mensch in der Befreiung der Bewußtseinsseele, steckt aber in der Unfreiheit der Verstandesseele noch ganz drinnen. Wodurch wird suggeriert? Nicht nur durch das, was sympathisch oder unsympathisch ist an einer Persönlichkeit; auch dadurch, daß zum Beispiel jemand in ein Amt getreten ist, daß er für fünf Kinder zu sorgen hat und nun sich gezwungen glaubt, im Amt bleiben zu müssen. Es ist dem Menschen heute oft lieber zu hören auf alles das, was auf scharlatanhafte Weise aus der übersinnlichen Welt herausgeholt wird, als auf das, was auf gediegener Forschung beruht. Denn das erstere hat zweierlei Eigenschaften. Zunächst ist es ungeheuer trivial. Das zum Beispiel, was Schreibmedien niederschreiben, ist meistens so, daß man sich das Betreffende ebensogut selber denken könnte, nur wird es dem Menschen glaubhaft gemacht durch die Art, wie es ihm beigebracht wird. Der Mensch glaubt dann, es spiele etwas hinein aus der geistigen Welt. Gerade durch ihre Trivialität werden diese Dinge dem Menschen angenehm. Oder sie haben die andere Eigenschaft, daß sie so unverständlich sind, daß überhaupt niemand etwas davon verstehen kann. Die Dinge, die besonders unverständlich sind, gelten dann oft als besonders mystisch. An den Grenzgebieten von Übersinnlichem und Sinnlichem kann das Scharlatanhafte verquickt werden mit dem, was auf ernster Forschung beruht. Das muß betont werden, daß nur derjenige seine Pflicht erfüllt, der wachsam ist in bezug auf die eigene Seele, der namentlich achtgibt auf alles das, was die Instinkte trüben kann, so daß wir die Angelegenheiten der Menschheit zu fördern glauben, während wir nur die eigenen fördern, oder, daß sich unvermerkt in das, was wir sprechen, das Unwahre hineinmischt, die Lüge, die Versuchung Ahrimans.

Nur wer fortwährend wachsam ist in bezug auf all dieses, nur wer sich immer sagt: Trittst du in eine spirituelle Bewegung ein, so ist große Gefahr vorhanden, daß du eitel und hochmütig wirst - nur der kann weiterkommen. Das ist selbstverständlich. Einen Vorwurf darf man dem Menschen deshalb noch nicht machen, nur dann, wenn der Betreffende gar nichts tut, um diese Eigenschaften herunterzudrängen. Eine ungeheure Versuchung liegt vor, nicht so ganz bei der Wahrheit zu bleiben, wenn man es zu tun hat mit Menschen, die einem glauben. Man kann den Menschen alles mögliche aufbinden, wenn sie auf Autorität hin glauben. Dann hat man es leicht. - Man darf auch niemandem Vorwürfe machen darüber, daß bei Annäherung an die spirituelle Welt in ihm das Lügenhafte auftritt, aber das soll ihn nicht vor sich selbst entschuldigen, sondern er soll alle Anstalten treffen, das herauszuwerfen aus seiner Seele. Das ist der Sinn des: Erkenne dich selbst. Man muß die einsamen Stunden suchen, wo man dazu kommt, sich zu sagen: Da droht wieder eine Gefahr, also sei auf deiner Hut. - Wenn man sie nicht hat, diese einsamen Stunden, wenn es einem unangenehm ist, sich etwas nicht Gutes gestehen zu können, wenn sie nicht der Ausgangspunkt sind, um die Fehler zu bekämpfen mit aller Gewalt, dann ist man auf der schiefen Ebene, dann rollt man hinunter, anstatt hinaufzusteigen.

Das sind solche Dinge, die wir ins Auge fassen müssen, wenn wir unsere Stellung zur okkulten Forschung erkennen wollen, zu der Forschung, die das höchste Gnadengeschenk ist, welches in die physische Welt hineinfließt aus den spirituellen Welten, denen gegenüber wir das größte Verantwortungsgefühl haben sollen.

Die Pflicht, mit einem Teile der Menschheit in die spirituelle Welt hineinzugehen, weil nur dadurch der Fortschritt möglich ist, und zugleich das Gefühl der Verantwortlichkeit sollen in uns wach werden, das Gefühl: es ist eine Pflicht, wenn ich einmal die Sache kennengelernt habe, daran teilzunehmen. Es wird oft den Vertretern der Geisteswissenschaft vorgeworfen, daß sie nicht genug Rücksicht auf moralische Betrachtungen nehmen. Sie werden oft gemacht, so wie auch heute, damit im Fortgang unserer spirituellen Bewegung, durch welche zu den geistigen Quellen geführt werden soll, auch von den Impulsen, die aus jenen geistigen Quellen kommen, gehört werde."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Die Mission der neuen Geistesoffenbarung. Das Christus-Ereignis als Mittelpunktsgeschehen der Erdenevolution., GA 127 (1989), S 51 ff., Frankfurt, 8. Januar 1911


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=257letzte Änderung: 2002-12-23


Baum der Erkenntnis - Baum des Lebens
physischer Leib - Ätherleib

"Dieser Baum des Lebens und dieser Baum der Erkenntnis muß mit dem Menschenwesen selbst etwas zu tun haben. Das Verbot, von dem Baum der Erkenntnis zu essen, das heißt ja - das werden Sie zuletzt herausbekommen -, daß die Seele des Menschen nicht Erkenntnis suchen soll, die am physischen Leib haftet; daraus ist ja die jetzige sinnliche Anschauung entstanden. «Essen von dem Baum der Erkenntnis» heißt, eben so sich verbinden mit dem physischen Leib, daß dadurch die jetzige - und ich habe sie ja neulich geschildert - von Luzifer bewirkte Art von Erkenntnis entstanden ist. Also meinten die Elohim etwas am Menschenwesen selber, indem sie vom Baum der Erkenntnis sprachen. Und wiederum müssen sie etwas am Menschenwesen selber meinen, wenn sie vom Baum des Lebens sprechen. Da muß man sich fragen: Ja, wodurch sieht denn der Mensch so, wie er heute sieht? Wodurch nimmt er denn so wahr? Indem sein Geistig-Seelisches, durchtränkt von Luzifers Wesenheit, eingebettet ist in den physischen Leib und an diesem zehrt. Dies war nicht von vornherein bestimmt, daß die Seele so wie jetzt eingebettet ist in den physischen Leib. Dieser physische Leib ist der Baum der Erkenntnis, und der Baum des Lebens ist der Ätherleib. Die Menschen sollten, nachdem sie sich von Luzifer haben verführen lassen, ihren physischen Leib zu der uns gewohnten Erkenntnis benützen, nun wenigstens nicht auch noch dazu haben die Erkenntnis durch den Ätherleib. Es wird ihnen dies verwehrt.

Wenn man wirklich denkt, meine lieben Freunde, so kann man zu solchen Gedankengängen kommen. Und dann muß man sich fragen: Warum aber nennen denn nun die Götter in ihrer Sprache den physischen Leib den Baum der Erkenntnis? Warum sprechen sie von einem Baum? Und warum nennen sie denn den Ätherleib den Baum des Lebens? Warum sprechen sie denn von Bäumen?

Nun, man kann leicht begreifen, was in der Sprache der Götter gemeint ist, wenn man bedenkt, daß die Götter, von denen die Rede ist, ihre besondere Evolution während der Sonnenzeit hatten, also gerade vom Sonnenwesen etwas Wesentliches aufgenommen haben. Nun überlegen Sie sich einmal: alte Saturnzeit - alles steht auf dem Standpunkt des Mineralischen; alte Sonnenzeit - alles steht auf der Stufe des Pflanzlichen. Wenn die Götter, die wir die Elohim nennen, sich den Charakter ihrer Sprache also während der Sonnenzeit angeeignet haben, so werden sie, wenn sie sich aussprechen, nicht von dem sprechen, was man erst auf dem Mond und auf der Erde erleben kann, sondern von dem, wozu sich der Kosmos bis zur Sonnenzeit entwickelt hat, nämlich dem Pflanzenhaften. Deshalb sprechen sie, wenn sie in ihrer Sprache sprechen, von Bäumen, weil sie in der Sonnensprache sprechen."[1]

(siehe auch -> Physischer Leib, -> Ätherleib und -> Planetarische Weltentwicklungsstufen)

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Probleme des Zusammenlebens in der Anthroposophischen Gesellschaft, GA 253 (1989), S 60 f., Dritter Vortrag, Dornach, 12. September 1915


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=88letzte Änderung: 2002-08-27


Baum des Lebens
die Beschränkung der Kräfte des Ätherleibs als Folge des Sündenfalls

Infolge des Sündenfalls, des Essens vom Baum der Erkenntnis, zogen die luziferischen Kräfte in den Astralleib des Menschen ein und öffneten ihm die Augen für die sinnliche Wahrnehmung und für die Verstandeserkenntnis. Zugleich breitete sich ein immer dichterer Schleier über die geistigen Wahrnehmungsorgane. Der Mensch wurde zunehmend der geistigen Welt entfremdet. Um den Menschen vor weiterem Schaden zu bewahren, wurde ihm verwehrt, so heißt es in der Bibel, auch noch vom Baum des Lebens zu essen (siehe auch -> Baum der Erkenntnis - Baum des Lebens). Was ist damit gemeint?

"Das können wir begreifen, wenn wir etwas genauer noch jenes Ereignis verstehen, das uns im Alten Testament als der Sündenfall dargelegt wird. Dieses Ereignis besteht darin, daß gewisse Wesenheiten, die auf der Stufe der alten Mondenentwickelung stehengeblieben waren, in der alten lemunschen Zeit ihren Einzug hielten in den menschlichen Astralleib. Derselbe ist damals durchdrungen worden von den luziferischen Wesenheiten. Das wird uns bildlich dargestellt in dem Sündenfalle des Paradieses. Dadurch, daß diese Kräfte in den menschlichen Astralleib eindrangen, ist der Mensch tiefer in die Erdenangelegenheiten verstrickt worden, als es sonst geschehen wäre. Wenn er diesen luziferischen Einfluß nicht erhalten hätte, würde er gleichsam in höheren Sphären, weniger in die Erdenmaterie hineinverstrickt, seine Entwickelungslaufbahn auf der Erde vollendet haben. Der Mensch ist dadurch früher heruntergestiegen auf die Erde, als er eigentlich hätte heruntersteigen sollen. Wäre nun sonst nichts eingetreten, wäre nur das alles geschehen, was eben jetzt angedeutet worden ist, so hätte sich damals die ganze Wirkung der luziferischen Kräfte, welche im Astralleib des Menschen verankert waren, auch im menschlichen Ätherleibe geltend gemacht. Das aber mußten die Weltenmächte verhindern. Daher mußte etwas ganz Besonderes eintreten. - Was damit gemeint ist, wird noch von einer anderen Seite her klarwerden durch meine demnächst erscheinende «Geheimwissenschaft». - Der Mensch durfte nicht so bleiben, wie er war, nachdem er die luziferischen Kräfte in seinen Astralleib aufgenommen hatte. Er mußte behütet werden vor der Wirkung der luziferischen Kräfte auf seinen Ätherleib. Das wurde dadurch erreicht, daß der Mensch damals unfähig gemacht wurde, seinen vollen Ätherleib zu benutzen. Es wurde ein Teil des Ätherleibes der Willkür des Menschen entzogen. Wäre diese Wohltat der Götter nicht gekommen, hätte der Mensch die Kraft über seinen vollen Ätherleib beibehalten, so hätte er nimmermehr den Weg durch die Erdenentwickelung in entsprechender Weise finden können. Gewisse Teile des menschlichen Ätherleibes haben damals herausgezogen werden müssen, um aufgespart zu werden für spätere Zeiten. Versuchen wir jetzt einmal uns vor das geistige Auge zu führen, welche Teile dieses waren.

Der Mensch besteht zunächst aus den Teilen, die wir auch draußen in der Welt sehen, aus dem Erdigen oder Festen, aus Wasser oder Flüssigem und aus Luft oder Gasförmigem. Das sind die Elemente, die den physischen Menschenleib bilden, wie sie auch alles Physische bilden. Das Ätherische beginnt mit dem ersten Ätherzustande, den wir den Zustand des Feueräthers oder des Feuers schlechtweg nennen. Feuer oder Wärme, was die heutige Physik nicht als ein Substantielles, sondern nur als eine bloße Bewegung ansieht, ist aber der erste Zustand des Äthers. Der zweite Ätherzustand ist der Lichtäther oder Licht schlechtweg, und der dritte Zustand ist das, was für den Menschen zunächst gar nicht in seiner ursprünglichen Gestalt erscheint; nur einen Abglanz, gleichsam einen Schatten dieses Äthers kann der Mensch in der physischen Welt wahrnehmen als Ton, als Schall. Aber dem, was äußerlich Schall ist, liegt etwas Feineres, Ätherisches, etwas Geistiges zugrunde, so daß wir den physischen Ton nur als ein Schattenbild des geistigen Tones, des Tonäthers oder auch Zahlenäthers zu bezeichnen haben. Das vierte Äthergebiet ist der Lebensäther, das, was allem eigentlichen Leben zugrunde liegt.

Wie nun der heutige physische Mensch ist, so prägt sich alles, was sein Seelenhaftes ist, in seiner physischen Leiblichkeit und in seiner ätherischen Leiblichkeit aus. Aber alles Seelische ist sozusagen gewissen Substanzen des Ätherischen zugeteilt. Was wir den Willen nennen, drückt sich ätherisch aus in dem, was wir das Feuer nennen. Wer nur ein wenig empfänglich ist für gewisse empfindungsgemäße Zusammenhänge, der wird fühlen, daß man ein gewisses Recht hat, so von dem Willen zu sprechen, daß dieser Wille, der sich physisch im Blute ausdrückt, in dem Feuerelement des Ätherischen lebt; physisch drückt er sich im Blute aus, beziehungsweise in der Bewegung des Blutes. Was wir Gefühl nennen, drückt sich aus in dem Teile des Ätherleibes, der dem Lichtäther entspricht. Weil das so ist, deshalb sieht auch der Hellseher die Willensimpulse des Menschen wie Feuerflammen, die seinen Ätherleib durchzucken und in den Astralleib hineinstrahlen, und die Gefühle sieht er als Lichtformen. Was aber der Mensch als sein Denken in seiner Seele erlebt und was wir in den Worten aussprechen, das sind auch nur Schattenbilder des Denkens, wie Sie sich ja leicht denken können, weil ja der physische Ton auch nur ein Schattenbild eines Höheren ist. Die Worte haben ihr Organ in dem Tonäther. Unseren Worten liegen zugrunde die Gedanken, die Worte sind Ausdrucksformen für die Gedanken. Diese Ausdrucksformen erfüllen den ätherischen Raum, indem sie ihre Schwingungen durch den Tonäther schicken. Was Ton ist, das ist eben nur die Abschattung der eigentlichen Gedankenschwingungen. Das aber, was das Innerliche aller unserer Gedanken ist, was unseren Gedanken Sinn gibt, das gehört seinem ätherischen Zustande nach dem eigentlichen Lebensäther an.

Sinn - Lebensäther
Denken - Tonäther

Gefühl - Lichtäther
Wille - Feueräther
    Luft
    Wasser
    Erde

Von diesen vier Ätherformen wurden in der lemurischen Zeit nach dem luziferischen Einflüsse dem Menschen nur die zwei unteren zur freien, willkürlichen Verfügung gelassen: Feueräther und Lichtäther; dagegen wurden die zwei oberen Ätherarten dem Menschen entzogen. Das ist der innere Sinn, wenn uns gesagt wird: Nachdem die Menschen durch den luziferischen Einfluß die Unterscheidung von Gut und Böse erlangt hatten - bildlich ausgedrückt durch den Genuß vom «Baume der Erkenntnis» -, wurde ihnen entzogen der Genuß vom «Baume des Lebens». Das heißt, es wurde ihnen entzogen, was frei, willkürlich durchdrungen hätte den Gedankenäther und den Sinnesäther. Dadurch mußten sich die Menschen nun in folgender Weise entwickeln: In jedes Menschen Willkür war das gestellt, was seinem Willen entspricht. Der Mensch kann seinen Willen als seinen persönlichen geltend machen, ebenso auch seine Gefühle. Gefühl und Wille ist dem einzelnen Menschen für das Persönliche freigegeben, daher das Individuelle der Gefühlswelt und der Willenswelt. Das Individuelle hört aber sofort auf, wenn wir aufsteigen vom Gefühl zum Denken, ja sogar schon zu dem Ausdruck der Gedanken, zu den Worten auf dem physischen Plan. Während jeder Mensch seine Gefühle und seinen Willen persönlich hat, kommen wir sofort in etwas Allgemeines hinein, wenn wir in die Wortwelt und in die Gedankenwelt hinaufrücken. Es kann nicht jeder sich seine eigenen Gedanken machen. Wenn die Gedanken so individuell wären wie die Gefühle, so würden wir uns nie verstehen. Es wurden also Gedanke und Sinn der menschlichen Willkür entzogen und vorläufig in der Göttersphäre aufbewahrt, um später erst dem Menschen gegeben zu werden. Daher können wir auf dem Erdenkreis überall individuelle Menschen finden mit individuellen Gefühlen und individuellen Willensimpulsen, aber wir haben überall gleiches Denken, gleiche Sprache bei den Völkern. Wo eine gemeinsame Sprache ist, da herrscht eine gemeinsame Volksgottheit. Diese Sphäre ist der menschlichen Willkür entzogen; da wirken vorläufig die Götter hinein."[1]

"Da handelt es sich darum, in aller Tiefe einzusehen und allmählich ins Leben überzuführen, daß dasjenige, was menschlicher Ätherleib ist, nicht so ist - und darum handelt es sich ja eigentlich, denn davon geht alles übrige aus —, zunächst nicht so ist, wie es ursprünglich für den Menschen bestimmt war. Denn dieser menschliche Ätherleib, der enthält unter dem verschiedenen Ätherischen, das er ursprünglich enthielt - und er enthielt ursprünglich alle Äthersorten in völliger Lebendigkeit —, heute die Wärme. Daher hat der Mensch mit den Tieren, die er in seinen «Fall» mit hineingebracht hat, warmes Blut. Da hat der Mensch die Möglichkeit, den Wärmeäther in besonderer Weise zu verarbeiten. Aber schon mit dem Lichtäther ist es nicht so. Den Lichtäther nimmt der Mensch zwar auf, aber er strahlt ihn so aus, daß nur ein gewisses niederes Hellsehen dazu kommt, in der Aura die ätherischen Farben im Menschen zu sehen. Die sind vorhanden. Aber außerdem ist der Mensch auch für einen eigenen Ton veranlagt gewesen, in der ganzen Harmonie der Sphären mit seinem eigenen Ton und mit einem ursprünglichen Leben, so daß der Ätherleib immer die Möglichkeit gehabt hätte, den physischen Leib unsterblich zu erhalten, wenn dieser Ätherleib seine ursprüngliche Lebendigkeit beibehalten hätte. Es würden andere Dinge nicht gekommen sein. Denn wäre dieser Ätherleib in seiner ursprünglichen Gestalt geblieben, so wäre der Mensch ja in der oberen Region geblieben, von der er in die untere heruntergestiegen ist. Er wäre dann nicht der luzifenschen Versuchung verfallen. In dieser oberen Region wären ganz andere Verhältnisse gewesen. Die waren aber einmal. Und solche Geister wie Samt-Martin hatten noch ein gewisses Bewußtsein, daß solche Verhältnisse einmal waren. Daher sprechen sie von diesen Verhältnissen wie von einer einstmaligen Realität.

Lassen wir nur eines von diesen Verhältnissen einmal vor unsere Seele treten. So, wie der Mensch heute spricht, hätte er nicht sprechen können, denn er hätte sein Wort niemals so geprägt, daß die Sprache in verschiedene Sprachen differenziert worden wäre. Denn daß die Sprache in verschiedene Sprachen differenziert worden ist, das rührt nur davon her, daß die Sprache etwas Bleibendes wurde. Aber die Sprache war dazumal nicht veranlagt, etwas Bleibendes zu sein, sondern sie war zu etwas ganz anderem veranlagt. Sie müssen sich nur lebendig vorstellen, wozu der Mensch veranlagt war. Wird einmal wirklich ein Funke von Goethescher Weltanschauung - ich meine jetzt nicht bloß der Theorie, sondern der Seele nach - in der Menschheit sein, so wird man emsehen, was mit einem solchen Satz gemeint ist, auch aus der Goethe-schen Weltanschauung heraus. Stellen Sie sich nur einmal vor, der Mensch hätte die ursprünglichen Anlagen, die ihm zugedacht waren. Da würde er hingeschaut haben auf dasjenige, was von außen auf ihn Eindrücke machen kann. Aber es würden nicht bloß Farben, Töne herankommen an ihn, nicht bloß dasjenige, was von außen die Eindrücke sind, sondern es würde überall Geist herausfließen aus den Dingen: mit der roten Farbe zugleich der Geist des Rot, mit der grünen Farbe der Geist des Grün und so weiter. Überall würde der Geist an ihn herankommen, wovon Goethe nur eine Ahnung hatte, indem er sagte: Ja, wenn diese Pflanze nur eine Idee sein soll, so sehe ich meine Ideen, dann sind sie draußen wie Farben. - Das ist eine ahnungsvolle Idee. Dies bitte ich Sie, sich in konkreter, vollsubstantieller Wirklichkeit vorzustellen: daß wirklich der Geist lebendig herankommt. Wenn aber die äußeren Eindrücke so lebendig herangekommen wären, dann würde -es begegnet sich immer mit dem, was durch unser Haupt, durch unsere Sinne hereinkommt, dasjenige, was in unserer Atmung lebt -, es würde sich mit jedem äußeren Eindruck der Atmungsprozeß begegnen. Ein Rot: der Eindruck kommt von außen herein; von innen kommt ihm die Atmung entgegen, die aber dann Ton wäre. Mit jedem einzelnen Eindruck würde der Ton aus dem Menschen entspringen. Eine Sprache, die bleibt, gäbe es nicht, sondern es würde immer jedes Ding, jeder Eindruck unmittelbar mit einer tönenden Geste von innen beantwortet. Man stünde mit dem Worte ganz in der äußeren Wesenheit darinnen. Von dieser lebendig-flüssigen Sprache ist dasjenige, was sich als Sprache dann ausgebildet hat, nur die irdische Projektion, das Heruntergefallene, das Abgefallene. Und an diese ursprüngliche Sprache, die man spricht mit der ganzen Welt, erinnert der Ausdruck, der heute so wenig verstanden wird, der Ausdruck von dem «verlorengegangenen Wort». Aber an diesen ursprünglichen Geist, wo der Mensch nicht nur Augen hatte zu sehen, sondern Augen hatte, den Geist wahrzunehmen, und wo er im Innern seines Atmungsprozesses auf die Wahrnehmung des Auges antwortete mit der tönenden Geste - an dieses lebendige Mit-dem-Geiste-Zusammensein erinnert das Wort: «Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort.» Von diesem Leben in dem Göttlichen spricht der Beginn des Johannes-Evangeliums.

Ja, das ist das eine. Das andere aber ist das: Beim Atmungsprozeß, insofern er sich nach dem Haupte hinauf fortsetzt, indem wir einatmen und ausatmen, geht ja nicht bloß im Wechselverkehr mit der Außenwelt etwas vor sich, sondern da kommt eine Pulsation unseres ganzen Organismus zustande. Es begegnet sich der Atmungsprozeß im Haupte mit den Eindrücken, die wir von außen haben. Aber auch im unteren Organismus begegnet sich der Atmungsprozeß mit dem Stoffwechselprozeß. Hätte der Mensch die ursprüngliche Belebung seines Ätherleibes noch, dann würde mit dem Prozeß des Atmens etwas ganz anderes noch verbunden sein, als heute damit verbunden ist. Denn das, was der Stoffwechselprozeß ist, ist nicht so ganz unabhängig vom Atmungsprozeß, nur liegt die Abhängigkeit, ich möchte sagen, hinter den Kulissen des Daseins, im Okkulten. Aber sie würde auf einem ganz anderen Plane liegen, wenn der Mensch seinen ursprünglich belebten Ätherleib weiter behalten hätte, wenn der nicht gewissermaßen abgedämpft worden wäre in seinem Leben, was ja auch von innen heraus, nicht nur durch den äußeren physischen Leib, sondern von innen heraus, gerade den Tod bewirkt. Hätte der Mensch seine ursprüngliche Veranlagung beibehalten, dann würde er einen solchen Stoffwechsel haben, daß hervorgebracht würde etwas Substantielles durch den Menschen. Und dieses Substantielle würde der eine Pol sein. Nicht Absonderungen bloß würde der Mensch hervorbringen, sondern ein Substantielles durch den Stoffwechsel. Das würde der eine Pol sein. Der andere Pol würde die vom Menschen ausgeatmete Luft sein, die aber Formgewalten in sich haben würde. Das Substantielle, das der Mensch entwickelt, würde ergriffen von den Formgewalten seines Ausgeatmeten. Das würde in seiner Umgebung durch ihn dasjenige hervorbringen, was die Tierwelt ursprünglich hat werden sollen. Denn die Tierwelt ist eine Absonderung vom Menschen, sollte eine Absonderung sein, damit der Mensch gewissermaßen die Herrschaft seines Daseins über sich hinaus verbreitete. Die Tiere sind durchaus so zu denken. Das geht ja aus all den Betrachtungen, die ich Ihnen gegeben habe, hervor." (siehe dazu auch -> Ätherleib, zusammengedrängte Formen des Tierreichs)

"Darauf kommt übrigens heute schon ein wenig die Naturwissenschaft, daß die Tiere ursprünglich viel verwandter waren mit dem Menschen, wie ich es auch schon erwähnt habe; also nicht so, wie es sich der grobe materialistische Darwinismus vorstellt, daß der Mensch heraufgestiegen ist, sondern die Tiere sind herabgestiegen. Heute kann man dem ganzen Zusammenhang des Menschen mit der Tierwelt nicht den ursprünglichen Geist mehr ansehen. So wie die Pflanzenwelt nicht an ihr Ende kommt mit der Entwickelung, so offenbart die Tierwelt nicht ihren Ursprung. Die Tiere sind da neben dem Menschen. Die Naturforscher denken nach, wie sie sich hätten entwickeln können. Die Gründe, warum sie da sind neben dem Menschen, die liegen erst in der Region, aus welcher der Mensch heruntergestiegen ist. Daher kann man sie nicht finden da, wo sie Darwin und seine materialistischen Ausleger suchen. Sie liegen in den großen vorgeschichtlichen Ereignissen. Und nehmen Sie dazu die Tatsache, die ich Ihnen neulich sagte, daß für denjenigen, der die Dinge geisteswissenschaftlich durchschaut, das klar wird, daß im sechsten, siebenten Jahrtausend die Menschheit in ihrem gegenwärtigen Sinne anfängt, unfruchtbar zu werden. Die Frauen, sagte ich, werden unfruchtbar. Es wird auf die gegenwärtige Art die Menschheit sich nicht fortpflanzen können. Das muß eine Metamorphose durchmachen, das muß wieder den Anschluß finden an eine höhere Welt. Damit dies geschehen kann, daß die Welt nicht nur in die Dekadenz kommt, wo «geheilt» würde alles Gesinntsein zum Guten und Bösen, damit das Gute und Böse, alles Sich-Bekennen zum Guten und Bösen, nicht bloß als Staats-, als Menschensatzung angesehen würde, damit das nicht zustande komme in der Zeit, wo die gegenwärtige Naturordnung innerhalb des Menschengeschlechts mit Notwendigkeit aufhört, ein Menschengeschlecht zu erhalten - denn mit derselben Notwendigkeit, mit der bei der Frau in einem gewissen Alter eine Fruchtbarkeit aufhört, so hört in der Erdenentwickelung mit einem bestimmten Zeitpunkte die Möglichkeit auf, daß die Menschen sich fortpflanzen in der bisherigen Weise -, damit das nicht eintrete, dazu kam der Christus-Impuls."[2] (siehe dazu auch -> Fortpflanzung, über die drohende Unfruchtbarkeit der Menschheit ab dem 6. / 7. Jahrtausend)

Indem der Christus auf Erden eingezogen ist, ist das «Wort» Fleisch geworden, das heißt in diesem Zusammenhang: Dadurch, dass der Christus nach und nach Einzug hält im menschlichen Ätherleib, nehmen die Menschen den Baum des Lebens in sich auf. Diese Entwicklung wird sich aber nicht von selbst vollziehen, sondern bedarf der aktiven Mitarbeit des Menschen. Inwieweit sich die Menschen aus freiem Antrieb öffnen werden, um diese durch den Christus erneuerten Kräfte in ihren Ätherleib aufzunehmen, davon wird das künftige Schicksal der Menschheit abhängen.

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Das Lukas-Evangelium, GA 114 (1985), S 146 ff., Siebenter Vortrag, Basel, 21. September 1909
[2]Rudolf Steiner, Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha, GA 175, S 242 ff., Berlin, 12. April 1917


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=89letzte Änderung: 2008-05-06


Bewegungssinn
Eigenbewegungssinn

siehe -> Sinne


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=271letzte Änderung: 2003-06-21


Bewusstseinsseele

(siehe auch -> Seele, menschliche und -> Seele, die seelischen Wesensglieder des Menschen und ihr Zusammenhang mit der sinnlichen und geistigen Welt)

"Durch das Denken wird der Mensch über das Eigenleben hinausgeführt. Er erwirbt sich etwas, das über seine Seele hinausreicht. Es ist für ihn eine selbstverständliche Überzeugung, daß die Denkgesetze in Übereinstimmung mit der Weltordnung sind. Er betrachtet sich deshalb als ein Einheimnischer in der Welt, weil diese Übereinstimmung besteht. Diese Übereinstimmung ist eine der gewichtigen Tatsachen, durch die der Mensch seine eigene Wesenheit kennenlernt. in seiner Seele sucht der Mensch nach Wahrheit; und durch diese Wahrheit spricht sich nicht allein die Seele, sondern sprechen sich die Dinge der Welt aus. Was durch das Denken als Wahrheit erkannt wird, hat eine selbständige Bedeutung, die sich auf die Dinge der Welt bezieht, nicht bloß auf die eigene Seele. Mit meinem Entzücken über den Sternenhimmel lebe ich in mir; die Gedanken, die ich mir über die Bahnen der Himmelskörper bilde, haben für das Denken jedes anderen dieselbe Bedeutung wie für das meinige. Es wäre sinnlos, von meinem Entzücken zu sprechen, wenn ich selbst nicht vorhanden wäre; aber es ist nicht in derselben Weise sinnlos, von meinen Gedanken auch ohne Beziehung auf mich zu sprechen. Denn die Wahrheit, die ich heute denke, war auch gestern wahr und wird morgen wahr sein, obschon ich mich nur heute mit ihr beschäftige. Macht eine Erkenntnis mir Freude, so ist diese Freude so lange von Bedeutung, als sie in mir lebt; die Wahrheit der Erkenntnis hat ihre Bedeutung ganz unabhängig von dieser Freude. In dem Ergreifen der Wahrheit verbindet sich die Seele mit etwas, das seinen Wert in sich selbst trägt. Und dieser Wert verschwindet nicht mit der Seelenempfindung, ebensowenig wie er mit dieser entstanden ist. Was wirklich Wahrheit ist, das entsteht nicht und vergeht nicht: das hat eine Bedeutung, die nicht vernichtet werden kann. – Dem widerspricht es nicht, daß einzelne menschliche «Wahrheiten» nur einen vorübergehenden Wert haben, weil sie in einer gewissen Zeit als teilweise oder ganze Irrtümer erkannt werden. Denn der Mensch muß sich sagen, daß die Wahrheit doch in sich selbst besteht, wenn auch seine Gedanken nur vergängliche Erscheinungsformen der ewigen Wahrheiten sind. Auch wer – wie Lessing – sagt, er begnüge sich mit dem ewigen Streben nach Wahrheit, da die volle, reine Wahrheit doch nur für einen Gott da sein könne, der leugnet nicht den Ewigkeitswert der Wahrheit, sondern er bestätigt ihn gerade durch solchen Ausspruch. Denn nur was eine ewige Bedeutung in sich selbst hat, kann ein ewiges Streben nach sich hervorrufen. Wäre die Wahrheit nicht in sich selbständig, erhielte sie ihren Wert und ihre Bedeutung durch die menschliche Seelenempfindung, dann könnte sie nicht ein einiges Ziel für alle Menschen sein. Indem man nach ihr streben will, gesteht man ihr ihre selbständige Wesenheit zu.

Und wie mit dem Wahren, so ist es mit dem wahrhaft Guten. Das Sittlich-Gute ist unabhängig von Neigungen und Leidenschaften, insofern es sich nicht von ihnen gebieten läßt, sondern ihnen gebietet. Gefallen und Mißfallen, Begehren und Verabscheuen gehören der eigenen Seele des Menschen an; die Pflicht steht über Gefallen und Mißfallen. So hoch kann dem Menschen die Pflicht stehen, daß er für sie das Leben opfert. Und der Mensch steht um so höher, je mehr er seine Neigungen, sein Gefallen und Mißfallen dahin veredelt hat, daß sie ohne Zwang, ohne Unterwerfung durch sich selbst der erkannten Pflicht folgen. Das Sittlich-Gute hat ebenso wie die Wahrheit seinen Ewigkeitswert in sich und erhält ihn nicht durch die Empfindungsseele.

Indem der Mensch das selbständige Wahre und Gute in seinem Innern aufleben läßt, erhebt er sich über die bloße Empfindungsseele. Der ewige Geist scheint in diese herein. Ein Licht geht in ihr auf, das unvergänglich ist. Sofern die Seele in diesem Lichte lebt, ist sie eines Ewigen teilhaftig. Sie verbindet mit ihm ihr eigenes Dasein. Was die Seele als Wahres und Gutes in sich trägt, ist unsterblich in ihr. – Das, was in der Seele als Ewiges aufleuchtet, sei hier Bewußtseinsseele genannt. – Von Bewußtsein kann man auch bei den niedrigeren Seelenregungen sprechen. Die alltäglichste Empfindung ist Gegenstand des Bewußtseins. Insofern kommt auch dem Tiere Bewußtsein zu. Der Kern des menschlichen Bewußtseins, also die Seele in der Seele, ist hier mit Bewußtseinsseele gemeint. Die Bewußtseinsseele wird hier noch als ein besonderes Glied der Seele von der Verstandesseele unterschieden. Diese letztere ist noch in die Empfindungen, in die Triebe, Affekte und so weiter verstrickt. Jeder Mensch weiß, wie ihm zunächst das als wahr gilt, was er in seinen Empfindungen und so weiter vorzieht. Erst diejenige Wahrheit aber ist die bleibende, die sich losgelöst hat von allem Beigeschmack solcher Sympathien und Antipathien der Empfindungen und so weiter. Die Wahrheit ist wahr, auch wenn sich alle persönliehen Gefühle gegen sie auflehnen. Derjenige Teil der Seele, in dem diese Wahrheit lebt, soll Bewußtseinsseele genannt werden."[1]

"Das «Ich» als Bezeichnung für ein Wesen hat nur dann einen Sinn, wenn dieses Wesen sich diese Bezeichnung selbst beilegt. Niemals kann von außen an eines Menschen Ohr der Name «Ich» als seine Bezeichnung dringen; nur das Wesen selbst kann ihn auf sich anwenden. «Ich bin ein Ich nur für mich; für jeden andern bin ich ein Du; und jeder andere ist für mich ein Du.» Diese Tatsache ist der äußere Ausdruck einer tief bedeutsamen Wahrheit. Das eigentliche Wesen des «Ich» ist von allem Äußeren unabhängig; deshalb kann ihm sein Name auch von keinem Äußeren zugerufen werden. Jene religiösen Bekenntnisse, welche mit Bewußtsein ihren Zusammenhang mit der übersinnlichen Anschauung aufrechterhalten haben, nennen daher die Bezeichnung «Ich» den «unaussprechlichen Namen Gottes». Denn gerade auf das Angedeutete wird gewiesen, wenn dieser Ausdruck gebraucht wird. Kein Äußeres hat Zugang zu jenem Teile der menschlichen Seele, der hiermit ins Auge gefaßt ist. Hier ist das «verborgene Heiligtum» der Seele. Nur ein Wesen kann da Einlaß gewinnen, mit dem die Seele gleicher Art ist. «Der Gott, der im Menschen wohnt, spricht, wenn die Seele sich als Ich erkennt.» Wie die Empfindungsseele und die Verstandesseele in der äußeren Welt leben, so taucht ein drittes Glied der Seele in das Göttliche ein, wenn diese zur Wahrnehmung ihrer eigenen Wesenheit gelangt.

Leicht kann demgegenüber das Mißverständnis entstehen, als ob solche Anschauungen das Ich mit Gott für Eins erklärten. Aber sie sagen durchaus nicht, daß das Ich Gott sei, sondern nur, daß es mit dem Göttlichen von einerlei Art und Wesenheit ist. Behauptet denn jemand, der Tropfen Wasser, der dem Meere entnommen ist, sei das Meer, wenn er sagt: der Tropfen sei derselben Wesenheit oder Substanz wie das Meer? Will man durchaus einen Vergleich gebrauchen, so kann man sagen: wie der Tropfen sich zu dem Meere verhält, so verhält sich das «Ich» zum Göttlichen. Der Mensch kann in sich ein Göttliches finden, weil sein ureigenstes Wesen dem Göttlichen entnommen ist. So also erlangt der Mensch durch dieses sein drittes Seelenglied, ein inneres Wissen von sich selbst, wie er durch den Astralleib ein Wissen von der Außenwelt erhält. Deshalb kann die Geheimwissenschaft dieses dritte Seelenglied auch die Bewußtseinsseele nennen. Und in ihrem Sinne besteht das Seelische aus drei Gliedern: der Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewußtseinsseele, wie das Leibliche aus drei Gliedern besteht, dem physischen Leib, dem Ätherleib und dem Astralleib...

In der Bewußtseinsseele enthüllt sich erst die wirkliche Natur des «Ich». Denn während sich die Seele in Empfindung und Verstand an anderes verliert, ergreift sie als Bewußtseinsseele ihre eigene Wesenheit. Daher kann dieses «Ich» durch die Bewußtseinsseele auch nicht anders als durch eine gewisse innere Tätigkeit wahrgenommen werden. Die Vorstellungen von äußeren Gegenständen werden gebildet, so wie diese Gegenstände kommen und gehen; und diese Vorstellungen arbeiten im Verstande weiter durch ihre eigene Kraft. Soll aber das «Ich» sich selbst wahrnehmen, so kann es nicht bloß sich hingeben; es muß durch innere Tätigkeit seine Wesenheit aus den eigenen Tiefen erst heraufholen, um ein Bewußtsein davon zu haben. Mit der Wahrnehmung des «Ich» - mit der Selbstbesinnung - beginnt eine innere Tätigkeit des «Ich». Durch diese Tätigkeit hat die Wahrnehmung des Ich in der Bewußtseinsseele für den Menschen eine ganz andere Bedeutung als die Beobachtung alles dessen, was durch die drei Leibesglieder und durch die beiden andern Glieder der Seele an ihn herandringt. Die Kraft, welche in der Bewußtseinsseele das Ich offenbar macht, ist ja dieselbe wie diejenige, welche sich in aller übrigen Welt kundgibt. Nur tritt sie in dem Leibe und in den niederen Seelengliedern nicht unmittelbar hervor, sondern offenbart sich stufenweise in ihren Wirkungen. Die unterste Offenbarung ist diejenige durch den physischen Leib; dann geht es stufenweise hinauf bis zu dem, was die Verstandesseele erfüllt. Man könnte sagen, mit dem Hinansteigen über jede Stufe fällt einer der Schleier, mit denen das Verborgene umhüllt ist. In dem, was die Bewußtseinsseele erfüllt, tritt dieses Verborgene hüllenlos in den innersten Seelentempel. Doch zeigt es sich da eben nur wie ein Tropfen aus dem Meere der alles durchdringenden Geistigkeit. Aber der Mensch muß diese Geistigkeit hier zunächst ergreifen. Er muß sie in sich selbst erkennen; dann kann er sie auch in ihren Offenbarungen finden."[2]

"In der Verstandesseele geht uns das Ich auf, der eigentliche Mittelpunkt unseres Seelenlebens.

In der weiteren Entwickelung des Ich, wo wir uns so recht als innerliche, im Mittelpunkt sich behauptende Menschen fühlen, formen wir unsere Vorstellungen und Gedanken zu großen Ideen, mit denen wir die Natur begreifen, oder zu Pflichtideen oder moralischen Ideen. Bei allem, mit dem wir uns so in Beziehung setzen, sprechen wir von der Bewußtseinsseele. Es sind nicht Scheidewände zwischen den einzelnen Seelengliedern, aber es ist notwendig, daß diese drei Glieder unterschieden werden, weil ein jedes auf eine andere Art zur Außenwelt in Beziehung steht.

Wenn Sie zunächst die Bewußtseinsseele nehmen, so ist das für uns Menschen vorerst das höchste Seelenglied, aber zugleich das Seelenglied, das in gewisser Weise sich am meisten von der ganzen übrigen Welt abgesondert hat. Es ist das selbständigste Seelenglied.

Wenn der Mensch sich in die Bewußtseinsseele versenkt, kann er in seinem Seelenleben am meisten einsam sein, sich absperren gegen die äußere Welt. Es ist das Seelenglied, welches seiner Natur nach am meisten Grenzen aufgerichtet hat gegenüber der Umwelt, so daß es am stärksten dazu veranlagt ist, in Irrtum und Fehler zu verfallen. Es ist am meisten aus dem Universum losgelöst. Aber dieses Seelenglied kann doch nur in beschränktem Maße in Irrtum verfallen. Das ist das Wichtigste in dem, was wir Bewußtseinsseele nennen. Sie äußert sich vor allem als logisches Denken, als Begriffszergliederung, geht auch als rechnerisches Denken vor, als alles das, was der Mensch in gewisser Beziehung als eine ihm eigene Fähigkeit hat, und was sich nicht bei den Tieren findet."[3]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Theosophie, GA 9 (1904), im Kapitel Leib, Seele und Geist
[2]Rudolf Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriß, GA 13 (1910), im Kapitel Wesen der Menschheit
[3]Rudolf Steiner, Die Mission der neuen Geistesoffenbarung. Das Christus-Ereignis als Mittelpunktsgeschehen der Erdenevolution., GA 127 (1989), S 42 ff., Frankfurt, 8. Januar 1911


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=22letzte Änderung: 2002-12-22


Bewusstseinszustände
7 Stufen des menschlichen Bewusstseins

Rudolf Steiner spricht von sieben Bewusstseinsstufen, die der Mensch im Zuge seiner Entwicklung nach und nach entfalten soll. Jede dieser Bewusstseinsstufen entspricht einer ganz bestimmten planetarischen Weltentwicklungsstufe, während der sich der Mensch diesen Bewusstseinsgrad erwerben soll. Damit sich ein neuer Bewusstseinszustand entwickeln und ausreifen kann, müssen zuvor 7 Lebenszustände durchlaufen werden (siehe -> Weltentwicklungsstufen).

Von den 7 Bewusstseinsstufen werden die ersten 3 rein subjektiv erlebt – es wird keine Trennung zwischen Innen- und Außenwelt erfahren, zwischen Ich und Nicht-Ich. Das heisst keineswegs, dass sich in diesen subjektiven Bewusstseinszuständen kein Bezug zur Aussenwelt finden würde - das ist nämlich sehr wohl für alle Stufen des Bewusstseins der Fall -, nur wird die Aussenwelt nicht als solche abgesondert erlebt.

Bis zum vierten Zustand wird das Bewusstsein stufenweise immer enger, aber zugleich auch heller, indem sich das geistige Weltenlicht zunehmend verdichtet. In der Mitte der 4. Stufe beginnt das Bewusstsein objektiv zu werden. Das so entstandene Ichbewusstsein wird dann durch die weiteren 3 höheren Bewusstseinsgrade mitgenommen, die zunehmend heller und weiter werden, weil das Licht des Ichbewusstseins immer stärker und weiter strahlt, bis es schließlich den ganzen Kosmos durchleuchtet. Die drei niederen Bewusstseinsstufen sind rein passiv empfangende, während die drei höheren aktiv schaffende sind.

Mineralisches Bewusstsein (Tieftrance- oder Todesbewusstsein, Allbewusstsein)

Das dumpfe All-Bewusstsein, das dem Physischen Leib eigen ist und durch das er den ganzen physischen Kosmos wahrnimmt und sich zum mehr oder weniger allseitig harmonisch ausformte Abbild desselben gestaltet. Es ist gleichsam ein dumpf bewusstes Darinnensein (Intuition) in den geistigen Formkräften die den ganzen physischen Kosmos bauen. Wie der physische Leib überhaupt grundsätzlich zu einem bestimmten Zeitpunkt sein kann, hängt von der jeweiligen kosmischen Konstellation ab. Die Fixsternwelt (Tierkreis) prägt die Gesamtgestalt, die Planetenkräfte differenzieren die verschiedenen Rassen. Das männliche Geschlecht hängt stärker mit der Sonne, das weibliche mehr mit den Mondenkräften zusammen. Aber auch die unmittelbare irdische physische Umgebung und vor allem die Physis der Mitmenschen, in deren Nähe der Mensch aufwächst, spielt eine bedeutende Rolle. Auf welchen kosmischen Wegen der Mensch zu einer neuen Inkarnation herabsteigt, hängt von seinem individuellen Schicksal ab und individualisiert die menschliche Gestalt von Inkarnation zu Inkarnation immer mehr. Vorallem in den ersten 7 Kindheitsjahren bewirkt dann diese unterbewusste Intuition die grundlegende Ausgestaltung des Physischen Leibes. 

Medial veranlagte Menschen sprechen vor allem aus diesem Bewusstseinszustand, wobei das Ichbewusstsein ganz ausgeschaltet ist, und schildern dann oft ganze Weltenketten. Alle Mineralien haben ein derartiges Bewusstsein – oder besser gesagt, sie sind ein derartiger Bewusstseinzustand. Das mineralische Bewusstsein ist eben kein bloß schemenhaftes, bildhaftes Seelenleben, sondern die Bewusstseinserlebnisse sind sozusagen real handgreiflich geworden. So gesehen ist unser Physischer Leib zugleich das mineralische Bewusstsein unseres Physischen Leibes. Die mineralischen Bewusstseinserlebnisse sind also ganz und gar nicht flüchtig vorübergehend, sondern äußerst beharrend. Was wir äußerlich als Materie erleben, sind im Grunde die aufeinandergetürmten Erlebnisse des ganzen Kosmos bis in die allerfernste Vergangenheit hin – und das heißt konkret, bis zum alten Saturn hin! Jedes Atom ist eigentlich ein winziges Archiv der ganzen Schöpfungsgeschichte (siehe meinen Aufsatz über Die dritte Kraft), und je weiter man in die Tiefen der Materie hineingräbt, desto weiter blickt man in längst vergangene kosmische Zustände hinein. Das Schwergewicht des Bewusstseins liegt hier auf dem Sein.

Das mineralische Bewusstsein entstand bereits auf der planetarischen Entwicklungsstufe des alten Saturns

Schlafbewusstsein (Tiefschlafbewusstsein, traumloses Bewusstsein)

Eine unterbewusste Inspiration, die uns die ganzen kosmischen Lebenskräfte erleben und in uns nachbilden lässt. Somnambule entwerfen aus diesem Bewusstseinszustand gerne Flechtmuster, Arabesken usw. Besonders erleben wir mit diesem Bewusstsein, das unserem Ätherleib angehört, die bildenden Kräfte der Landschaft mit, in der wir leben, aber auch die lebendige Kräfte der Muttersprache und des Volkes, in dem wir aufwachsen. Auch empfängt das soziale Leben von hier aus wesentliche Impulse. Sehr entscheidend wirken diese Impulse in der Zeit vom 7.-14. Lebensjahr.

Das Schlafbewusstsein wurde auf der alten Sonne entwickelt.

Traumbewusstsein (Bilderbewusstsein)

Eine unterbewusste Imagination, deren Träger der Astralleib ist und die uns alles Seelische erleben lässt. Aber auch Mineralisches und Lebendiges erscheinen hier als seelische Bilder. Dem unentwickelten Menschen erscheinen in seinen Träumen oft die Spiegelbilder seiner geheimen Leidenschaften und Begierden, die sich in entsprechenden Tiergestalten symbolisieren. Der Traum ist der große Symboliker; alles drückt sich in diesem Bewusstseinszustand in bildhaften Symbolen aus, die ursprünglich unmittelbar aus den frei flutenden Sinnesqualitäten gewoben waren, die die astrale Welt durchziehen. Heute kleidet sich das Traumbewusstsein meist in vielfach umgestaltete Erinnerungsbilder, die aus dem Tagesbewusstsein zurückgeblieben sind. Die seelischen Bilder des Traumbewusstseins sind wirklichkeitsgesättigter als die Erlebnisse des wachen Tagesbewusstsein, denn sie haben im Gegensatz zu diesen eine reale seelenumgestaltende Wirkung. Entscheidende Anregungen erfährt der Mensch aus diesem Bewusstseinszustand vom 14. – 21. Lebensjahr.

Das Traumbewusstsein entstand auf dem alten Mond.

Gegenstandsbewusstsein / Selbstbewusstsein / Wachbewusstsein

Von allen Bewusstseinszuständen ist dieser Zustand der engste und zugleich unwirklichste. Hier ist der Seinscharakter völlig zum unwirklichen, d.h. in keiner Weise mehr wirksamen Bild verblasst. Er ist aber zugleich der erste objektive Bewusstseinszustand, der uns die Welt von außen erleben lässt und zugleich das Selbstbewusstsein ermöglicht. Gerade aufgrund seines unwirklichen, kraftlosen Charakters kann der Mensch in diesem Zustand zur Freiheit gelangen.

Ziel der Erdenentwicklung ist es, den Menschen zum wachen Selbstbewusstsein zu führen. Dieses kann nur dadurch entstehen, dass der Mensch während der Erdenentwicklung rhythmisch wechselnd in Zuständen größter Geistnähe und maximaler Geistferne lebt. Im großen Stil geschieht dies dadurch, dass der Mensch immer wieder die Tore von Geburt und Tod durchschreitet. Ohne immer wieder durch das «Stirb und werde!» zu gehen, könnte sich das Selbstbewusstsein nicht entwickeln. In gewissem Sinne ist die Tatsache, dass der Mensch fähig ist, sich seiner selbst bewusst zu werden, ein unumstößlicher Beweis dafür, dass die Individualität durch wiederholte Inkarnationen hindurchgeht – ohne Reinkarnation kann kein Selbstbewusstsein entstehen. Während des irdischen Lebens selbst wird das Ichbewusstsein dadurch immer wieder entfacht, dass der Mensch abwechselnd zum hellen Tagesbewusstsein erwacht, und dann wieder in die bewusstlose Tiefe des traumlosen Schlafes versinkt. Aber auch in das wache Tagesbewusstsein selbst, welches den Menschen heute in die allergrößte Geistferne rückt, mischen sich beständig scheinbar völlig bewusstlose Zustände, die uns wieder mit dem Geistigen verbinden: Am stärksten erwachen wir ihm Denken, und das Verstandesdenken führt uns auch zugleich am weitesten vom Geistigen weg. Den Willen verschlafen wir beinahe vollständig, denn wie er konkret unseren ganzen Organismus ergreift und in Bewegung setzt, davon erleben wir praktisch gar nichts; dafür verbindet uns der Wille aber immer wieder unbewusst mit dem Geistigen. Im Zuge der Menschheitsentwicklung ist der Unterschied zwischen dem Erdenleben und dem Leben nach dem Tod immer größer geworden. Ebenso haben sich Schlafen und Wachen immer deutlicher voneinander gesondert. Heute sind wir so weit, dass sich Denken, Fühlen und Wollen immer stärker voneinander trennen. Das wird künftig noch viel stärker werden. Durch den geistigen Schulungsweg wird diese Entwicklung in gewissem Sinne vorweggenommen.

Psychisches Bewusstsein (bewusstes Bilderbewusstsein, bewusste seelenbildende Imagination)

Der erste schöpferische Bewusstseinszustand, befähigt Seelisches zu erschaffen. Damit taucht das Bewusstsein wieder unmittelbar in die Wirklichkeit unter. Verwirklichen lässt sich dieser Zustand erst auf dem neuen Jupiter; was wir uns heute durch geistige Schulung an imaginativer Erkenntnis erringen können, ist ein bildhafter Vorgriff auf diesen Zustand. Das imaginative Bewusstsein entsteht, indem das wache Tagesbewusstsein bis in den Traumzustand hinein erhalten bleibt. Der Mensch erwacht dadurch in den tieferen Schichten seines Seelenlebens und lernt hier zu objektivieren: Wir lernen nun in unserem seelischen Erleben zwischen Eigenem und Fremden zu unterscheiden, d.h. wir begegnen nun anderen geistigen Wesenheiten, die ihre Wirkungen in unsere Seele hineinschicken. Dadurch eröffnet sich der imaginative Blick auf die astrale geistige Welt, die sich nun in Form imaginativer seelischer Bilder vor unserem inneren Auge entfaltet. Namentlich können wir durch diesen Bewusstseinszustand beurteilen, was uns nach dem Tod im Kamaloka erwartet. Wir lernen damit zugleich, unseren moralischen Wert objektiv zu beurteilen, was uns überhaupt erst eine wahrhafte Selbsterkenntnis ermöglicht. Ohne Imagination kann über das Rätsel des Guten und Bösen nicht wirklichkeitsgemäß gesprochen werden.

Vollkommen wird sich diese Bewusstseinstufe erst auf dem neuen Jupiter entwickeln können.

Überpsychisches Bewusstsein (bewusstes Schlafbewusstsein, Tonbewusstsein, bewusste lebensschaffende Inspiration)

Dieser schöpferische lebensschaffende Bewusstseinszustand wird erst auf der künftigen Venusverkörperung verwirklicht werden. Sein bildhafter Vorgriff, den wir uns heute durch geistige Schulung erwerben können, eröffnet uns den Blick für die über der Astralwelt stehende geistige Welt und insbesondere auf das geistige Leben zwischen Tod und neuer Geburt.

Spirituelles Bewusstsein (bewusstes Allbewusstsein, bewusste formgebende wesenschaffende Intuition)

Erst auf dem künftigen Vulkan wird sich dieser Bewusstseinszustand verwirklichen. Insofern wir heute durch die höhere Geistesschulung darauf bildhaft vorgreifen können, erhellt sich uns die geistige Sicht auf unsere vergangenen Erdenleben. Das Reinkarnationsgeschehen wird dadurch unmittelbar geistig anschaulich erfasst.

Diese sieben Bewusstseinsstufen sind für die menschliche Entwicklung zunächst relevant; das heißt aber nicht, dass damit alle möglichen Bewusstseinsarten schon ausgeschöpft sind. Tatsächlich weist Rudolf Steiner darauf hin, dass es in Wahrheit zwölf verschiedene Bewusstseinsebenen gibt:

"Die große Menschheitsentwickelung durch die sieben Bewußtseinsstufen hindurch vom Saturn bis zum Vulkan ist in einer der vorigen Schilderungen mit dem Gang durch das Leben zwischen Geburt und Tod, durch das Säuglingsalter, die Kindheit und so weiter bis zum Greisenalter verglichen worden. Man kann den Vergleich noch weiter ausdehnen. Wie bei der gegenwärtigen Menschheit sich die einzelnen Lebensalter nicht bloß folgen, sondern auch nebeneinander vorhanden sind, so ist es auch bei der Entfaltung der Bewußtseinsstufen. Der Greis, der reife Mann oder die reife Frau, der Jüngling und so weiter, sie wandeln nebeneinander. So waren auch auf dem Saturn nicht bloß die Menschenvorfahren als Wesen mit dem dumpfen Saturnbewußtsein vorhanden, sondern neben ihnen andere Wesen, welche die höheren Bewußtseinsstufen schon entwickelt hatten. Es gab also schon, als die Saturnentwickelung begann, Naturen mit Sonnenbewußtsein, andere mit Bilderbewußtsein (Mondbewußtsein), solche mit einem Bewußtsein, das dem gegenwärtigen Bewußtsein des Menschen gleicht, dann eine vierte Gattung mit selbstbewußtem (psychischem) Bilderbewußtsein, eine fünfte mit selbstbewußtem (überpsychischem) Gegenstandsbewußtsein, und eine sechste mit schöpferischem (spirituellem) Bewußtsein. Und auch damit ist die Reihe der Wesen noch nicht erschöpft. Nach der Vulkanstufe wird ja auch der Mensch sich noch weiter entwickeln und dann noch höhere Bewußtseinsstufen erklimmen. Wie das äußere Auge in nebelgraue Ferne, blickt das innere Auge des Sehers in Geisterweite auf noch fünf Bewußtseinsformen, von denen aber eine Beschreibung ganz unmöglich ist. Es kann also im ganzen von zwölf Bewußtseinsstufen die Rede sein.

Der Saturnmensch hatte also in seinem Umkreise elf andere Wesensarten neben sich. Die vier höchsten Arten haben auf Entwickelungsstufen ihre Aufgaben gehabt, welche dem Saturnleben noch vorangingen. Sie waren, als dieses Leben begann, bereits auf einer so hohen Stufe der eigenen Entwickelung angelangt, daß sich ihr weiteres Dasein in Welten nunmehr abspielte, die über die Menschenreiche hinausliegen. Von ihnen kann und braucht daher hier nicht gesprochen zu werden.

Die anderen Wesensarten jedoch - sieben außer dem Saturnmenschen - sind alle an der Entwickelung des Menschen beteiligt. Sie verhalten sich dabei als schöpferische Mächte ..."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Aus der Akasha-Chronik, GA 11 (1904 - 1908), im Kapitel Das Leben des Saturn


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=35letzte Änderung: 2002-09-03


Biogenetisches Grundgesetz
und Abstammungslehre

Das -> biogenetische Grundgesetz wurde zuerst von -> Ernst Haeckel (1834 - 1919) formuliert:

Die Ontogenesis ist eine kurze und schnelle Rekapitulation der Phylogenesis.

Mittlerweile ist es starker Kritik ausgesetzt. Rudolf Steiner hat zwar die Tatsachen, die diesem Gesetz zugrundeliegen, durchaus anerkannt, Haeckels Interpretation dieser Tatsachen hielt er aber für verfehlt:

"Nehmen wir jetzt ... einmal die Sinnesforschung, die sinnliche Abstammungslehre, die ja erst in der neueren Zeit ihren Ausbau gefunden hat. Da zeigt sich uns vor allen Dingen, daß ein wichtiges Gesetz aufgestellt worden ist ...: das biogenetische Grundgesetz, welches die äußeren Tatsachen in der Weise feststellt, daß der Mensch in seinem Keimeszustand kurz durchmacht alle diejenigen Formen, die erinnern an gewisse Tiergestalten; in gewissen Stadien erinnert er an ein Fischchen und so weiter. Er wiederholt, so könnte man sagen, die verschiedenen Formen des Tierreiches. Nun wissen Sie ja alle, daß insbesondere in demjenigen Stadium, wo diese Abstammungslehre wild geworden war, geschlossen worden ist aus dieser Tatsachenwelt, daß der Mensch nun wirklich in der Vorwelt diese Formen durchgemacht habe, welche sich da wiederholentlich zeigen in seinem Keimeszustand. Man möchte gegenüber dieser Tatsache sagen: Es war wahrhaftig für die Menschheit ein Glück, daß diese Beobachtung durch die Sorgfalt der Götter so lange verborgen geblieben ist bis in die Zeit hinein, wo sie gleichzeitig fast - die Dinge schieben sich ja fast immer übereinander-, nachdem sie in ihren wilderen Formen aufgestellt worden war, ihre Korrektur erfahren konnte durch die Geisteswissenschaft. - Das, was der Mensch durchmacht bis zu dem Zeitpunkt, wo er auf dem physischen Plan für die Sinneswahrnehmung erscheint, das wurde eingehüllt von den Göttern und konnte nicht beobachtet werden. Denn wäre es noch früher beobachtet worden, so hätte sich der Mensch vielleicht noch verkehrtere Begriffe darüber gemacht. Die Tatsachen sind selbstverständlich richtig, denn sie werden durch die Sinne beobachtet. Soll aber nun darüber geurteilt werden, dann kommt das in Betracht, was die Kraft der Verstandesseele ist. Die kann nicht heran an das, was nicht sinnlich gesehen werden kann. Sie ist daher, wenn sie nicht die Wahrheitsanlage im Innern hat, notwendigerweise dem Irrtum unterworfen. Und hier haben wir ein eklatantes Beispiel dafür, wie die Urteilskraft, die aus der Verstandesseele kommt, in den Irrtum hineinsegeln kann.

Was zeigt denn die Tatsache, daß der Mensch auf einer gewissen Stufe seines Keimeslebens einem Fischchen ähnlich sieht? Diese Tatsache zeigt, daß der Mensch dasjenige, was Fischnatur ist, nicht brauchen kann, daß er es ausstoßen mußte, bevor er sein Menschendasein antrat. Und die nächste Keimesgestalt ist wiederum eine solche, die der Mensch ausstoßen mußte, weil sie nicht zu ihm gehört, so wie der Mensch alle Tierformen ausstoßen mußte, weil sie nicht zu ihm gehören. Der Mensch hätte nicht Mensch werden können, wenn er jemals in einer solchen Gestalt auf der Erde erschienen wäre, wie diese Tierformen sind. Er mußte sie eben gerade von sich absondern, damit er hat Mensch werden können. Wenn Sie in richtiger Weise diese Gedanken verfolgen, so werden Sie auch zu einem richtigen Urteil kommen. Was zeigen die Tatsachen, daß der Mensch im Keimesstadium zum Beispiel wie ein Fischchen aussieht? Diese Tatsachen zeigen, daß er niemals einem Fischchen ähnlich gesehen hat im Verlaufe seiner Abstammungslinie, daß er gerade in der Linie seiner Entwickelung ausgestoßen hat die Fischform, sie nicht brauchen konnte, weil er ihr nicht ähnlich sehen durfte. Nehmen Sie nun alle die ändern aufeinanderfolgenden Gestalten, welche die moderne Wissenschaft in den Gestalten des Keimeslebens Ihnen zeigt. Was zeigen diese Formen? Sie zeigen alles dasjenige, was der Mensch in der Vorzeit nicht gewesen ist, was er gerade aus sich hat ausstoßen müssen. Sie zeigen alle diejenigen Bilder, denen er niemals ähnlich gesehen hat. So kann man in Wahrheit erfahren durch die Embryologie, wie der Mensch niemals in der Vorzeit ausgesehen hat. Alle die Dinge, die der Mensch nicht durchgemacht hat, sondern die er ausgestoßen hat, kann man dadurch kennenlernen. Wenn man aber daraus den Schluß zieht, daß der Mensch von alledem abstamme, daß er das durchgemacht habe, um auf seine heutige Entwickelungsstufe zu kommen, so steht man dann auf demselben Standpunkt wie jemand, der etwa sagte: Hier steht der Sohn, hier der Vater. Wenn ich beide vergleiche, so werde ich nimmermehr glauben, daß der Sohn vom Vater abstammt. Ich werde glauben, daß der Sohn von sich selber abstammt, oder der Vater vom Sohn. - Gerade die umgekehrte Reihenfolge der Evolution wurde durch das Hineinsegeln in den Irrtum angenommen, dadurch, daß der Verstand sich wirklich recht ungeeignet erwiesen hat, um diese Tatsachen der Wirklichkeit wahrhaftig zu durchdenken. Gewiß sind diese Bilder der Vorzeit für uns außerordentlich wichtig, weil wir eben daran erkennen, wie wir niemals ausgesehen haben.

Das kann man aber an etwas anderem viel besser erkennen. Man kann es erkennen an denjenigen Reichen, die uns durch die äußere Sinnenwelt selber geboten werden, die sich uns nicht entziehen. Nämlich alle diese Formen sind uns ja auch in der Außenwelt gegeben. Die kann man beobachten mit dem, was man die gewöhnliche, richtig verwertete menschliche Anschauung nennen kann. Solange die Menschen nur diese Beobachtung gehabt haben, solange sie ihren Verstand angewendet haben nicht auf das, was der Sinnesanschauung sich verschließt, sondern auf das, was vor der Sinnesanschauung ausgebreitet liegt, so lange sind sie zu jenem falschen Urteil nicht gekommen. Freilich haben dazumal die Menschen nicht aus dem Verstande geurteilt über ihre Abstammung, sondern sie haben aus ihrem natürlichen, geraden Wahrheitssinn geurteilt. Sie haben den Affen angeschaut und haben jenes eigentümliche Gefühl empfunden, das jeder gesunde Sinn empfindet, wenn er den Affen anschaut, und das man mit nichts anderem vergleichen kann als mit einem gewissen Schamgefühl. Und dieses Schamgefühl war wahrer als das, was nachher der irrende Verstand gesagt hat. In diesem Schamgefühl lag das Gefühlsurteil darinnen, daß eigentlich der Affe ein von der Menschenströmung abgefallenes Wesen ist, ein zurückgebliebenes Wesen ist, daß er herstammt aus der Menschenlinie und hat ausgesondert werden müssen. Also es lag das Gefühl darinnen, daß der Mensch nur hat auf seine heutige Höhe kommen können dadurch, daß er dasjenige, was die heutige Affengestalt geworden ist, erst aus sich aussondern mußte. Hätte er es behalten, so hätte er nie Mensch werden können. Das liegt in dem natürlichen, gesunden Gefühl. Dann wurden die Sachen durch den Verstand erforscht, und da zeigte sich durch den Verstand der Irrtum, daß der Mensch sagte, die Menschengestalt stamme her von der Affenströmung! Das ist ein Irrtum. Je weiter Sie nachdenken, desto mehr werden Sie finden, wie tief berechtigt gerade dasjenige ist, was eben jetzt gesagt worden ist. Daß der Mensch vom Affen herstamme, ist ein Irrtum ..."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Anthroposophie, Psychosophie, Pneumatosophie, GA 115 (1980), S 81 ff., Vierter Vortrag, Berlin, 27. Oktober 1909


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=228letzte Änderung: 2002-11-14


Buddhi
Lebensgeist, «Wort», «Sohn»

Im indischen Sankrit die Bezeichnung für den Lebensgeist; in der christlichen Terminologie auch «Wort» oder «Sohn» genannt.
Link: http://www.anthroposophie.net

http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=69letzte Änderung: 2002-08-24


Böse
Das Böse und seine Bedeutung für die gegenwärtige Kulturepoche

Der Mensch ist seiner Natur nach zur Freiheit veranlagt. Er muss sich aus Freiheit zwischen dem Guten und dem Bösen entscheiden. Damit muss aber die zunächst erschütternde Wahrheit ausgesprochen werden, dass das Böse ein notwendiger Bestandteil der menschheitlichen Entwicklung ist. Nur wenn sich der Mensch mit dem Bösen als eine realen Macht auseinandersetzen muss, kann er seine Freiheit entwickeln und sich frei auch für das Gute entscheiden. Auf diesen Umstand hat Rudolf Steiner immer wieder hingewiesen. Gerade unsere gegenwärtige Kulturepoche, das Zeitalter der Bewusstseinsseele, ist ganz wesentlich von der Auseinandersetzung mit dem Bösen geprägt.

"Selbst innerhalb der Grenzen, die gegenwärtig noch geboten sind, wenn man über solche Dinge spricht, kann man dasjenige, was von dem Mysterium des Bösen handelt in der fünften nachatlantischen Kulturperiode, der Periode der Bewußtseinsseele, in der wir leben, eigentlich nicht ohne tiefe Bewegung besprechen. Denn es wird damit etwas berührt, was zu den tiefsten Geheimnissen dieser fünften nachatlantischen Periode gehört, was, wenn es besprochen wird, heute noch auf sehr wenig entwickelte menschliche Fähigkeiten des Verständnisses gerade für solche Dinge stößt. Die Empfindungsmöglichkeiten, welche die heutige Menschheit für solche Dinge hat, sind noch wenig entwickelt. Dennoch muß man sagen, daß gewisse Hindeutungen auf das Mysterium des Bösen und das andere, das damit zusammenhängt, das Mysterium des Todes, in allen sogenannten Geheimgesellschaften der neueren Zeit immer wieder und wiederum bildhaft versucht worden sind...

Zwei Mysterien - wie gesagt, ich kann diese Dinge natürlich nur innerhalb gewisser Grenzen besprechen -, zwei Mysterien sind von ganz besonderer Bedeutung für die Entwicklung der Menschheit im Zeitraum der Bewußtseinsseele, in dem wir drinnenstehen seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts. Es ist das Mysterium des Todes und das Mysterium des Bösen. Dieses Mysterium des Todes, das für die jetzige Zeit eben mit dem Mysterium des Bösen von einer gewissen Seite her zusammenhängt, das führt zunächst zum Aufwerfen der bedeutungsvollen Frage: Wie steht es überhaupt mit dem Tode in bezug auf die menschliche Entwicklung?

Ich habe neulich erst wiederum wiederholt: Das, was sich gegenwärtig Wissenschaft nennt, macht es sich bequem in solchen Dingen. Tod ist Aufhören eines Lebens für die meisten Wissenschafter. Von diesem Punkte aus ist der Tod anzuschauen bei der Pflanze, beim«Tiere, beim Menschen. - Geisteswissenschaft hat es nicht so bequem, alles über einen Leisten zu schlagen. Denn sonst könnte man den Tod auch auffassen als Ende einer Taschenuhr, den Tod der Taschenuhr. Der Tod für den Menschen ist eben etwas ganz anderes als der sogenannte Tod anderer Wesen. Kennenlernen kann man nun dasjenige, was das Phänomen des Todes ist, nur dann, wenn man es gewissermaßen auf dem Hintergrunde jener Kräfte auffaßt, die im Weltenall tätig sind, und die über den Menschen, indem sie auch den Menschen ergreifen, den physischen Tod bringen. Es walten im Weltenall gewisse Kräfte, gewisse Impulse; wären sie nicht vorhanden, so könnte der Mensch nicht sterben. Diese Kräfte walten im Weltenall, der Mensch gehört zum Weltenall; sie durchwalten auch den Menschen, und indem sie im Menschen tätig sind, bringen sie ihm den Tod. Nun muß man sich fragen: Diese Kräfte, die im Weltenall tätig sind, was bewirken sie außer dem, daß sie den Menschen den Tod bringen? - Es wäre ganz falsch, wenn man etwa denken würde, diese Kräfte, die dem Menschen den Tod bringen, die seien im Weltenall dazu da, daß sie den Menschen sterben machen, daß sie ihm den Tod bringen. Das ist nicht der Fall. Daß diese Kräfte den Menschen den Tod bringen, ist gewissermaßen nur eine Nebenwirkung, wirklich nur eine Nebenwirkung. Nicht wahr, es wird keinem Menschen einfallen, zu sagen: Die Aufgabe der Lokomotive bei der Eisenbahn bestehe darin, nach und nach die Schienen kaputt zu machen. - Trotzdem tut das die Lokomotive, daß sie nach und nach die Schienen kaputt macht, und die Lokomotive kann nicht anders als die Schienen kaputt machen. Aber das ist jedenfalls nicht ihre Aufgabe; ihre Aufgabe ist etwas anderes. Und wenn einer definieren würde: Eine Lokomotive ist eine Maschine, welche die Aufgabe hat, die Schienen kaputt zu machen -, der würde natürlich einen Unsinn reden, trotzdem man nicht bestreiten kann, daß das Zerstören der Schienen durchaus mit dem Wesen der Lokomotive zusammenhängt. Ebensowenig denkt derjenige etwas Richtiges, der etwa sagen würde, die Kräfte im Weltenall, die den Menschen den Tod bringen, seien dazu da, um den Menschen den Tod zu bringen. Dieses ist nur eine Nebenwirkung, daß sie den Menschen den Tod bringen. Sie bewirken dies neben ihrer eigentlichen Aufgabe. Welches aber ist diese eigentliche Aufgabe der den Menschen den Tod bringenden Kräfte? Diese Aufgabe der den Menschen den Tod bringenden Kräfte ist gerade die, den Menschen zu begaben mit der vollen Fähigkeit der Bewußtseinsseele.

Sie sehen, wie innig das Mysterium des Todes gerade mit der Entwickelung des fünften nachatlantischen Zeitraums zusammenhängt, wie bedeutsam es ist, daß in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum allgemein das Mysterium des Todes enthüllt werde. Denn es sind eben die Kräfte, die in ihrer Nebenwirkung dem Menschen den Tod bringen, die eigentlich dazu bestimmt sind, dem Menschen einzupflanzen, einzuimpfen in seinen Werdegang gerade die Fähigkeit, ich sage die Fähigkeit, nicht die Bewußtseinsseele, sondern die Fähigkeit der Bewußtseinsseele.

Das führt Sie nicht nur zur Erfassung des Todesmysteriums, sondern es führt Sie auch dahin, in wichtigen Dingen exakt zu denken. Das heutige Denken ist in vieler Beziehung - das ist wieder keine Kritik, sondern eine Charakteristik —, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, aber er ist treffend, eben einfach schlampig. Das heutige Denken insbesondere in der landläufigen Wissenschaft ist fast durchweg so, wie wenn man sagen würde, die Lokomotive hat die Aufgabe, die Schienen kaputt zu machen. Denn, was in der heutigen Wissenschaft meistens gesagt wird über das eine oder das andere, das ist von dieser Qualität. Es ist von der Qualität, mit der man eben nicht auskommen wird, wenn man einen der Menschheit heilsamen Zustand für die Zukunft herbeiführen will. Und der kann ja im Zeitalter der Bewußtseinsseele nur in voller Bewußtheit herbeigeführt werden.

Man muß es immer wieder betonen, daß dies eine tiefe Zeitwahrheit ist. Man hört es ja immer wieder und wieder, daß da oder dort Leute auftauchen, welche aus einer scheinbar tiefbegründeten Weisheit heraus die einen oder die anderen sozialwirtschaftlichen Vorschläge machen, immer aus dem Bewußtsein heraus, daß man heute noch sozialwirtschaftliche Vorschläge machen kann ohne die Zuhilfenahme der Geisteswissenschaft. Nur derjenige denkt heute zeitgemäß, der da weiß, daß alles, was versucht wird zu sagen über irgendeine soziale Konfiguration der Menschheit gegen die Zukunft hin, ohne die Grundlage der Geisteswissenschaft Quacksalberei ist. Nur der, der dieses voll erfaßt, der denkt zeitgemäß. Wer heute noch hört auf allerlei Professorenweisheiten aus der Sozial-Ökonomie, die auf dem Boden einer geistlosen Wissenschaft stehen, der verschläft seine Zeit.

Diese Kräfte, von denen man sprechen muß als den Kräften des Todes, sie haben das menschliche Leibeswesen schon früher erfaßt. Wie, das können Sie aus meiner «Geheimwissenschaft» entnehmen. In das seelische Wesen haben sie sich da erst hineingefunden. Der Mensch muß für den Rest der Erdenentwickelung diese Kräfte des Todes in sein eigenes Wesen aufnehmen, und sie werden im Verlauf des gegenwärtigen Zeitraumes in ihm so wirken, daß er die Fähigkeit der Bewußtseinsseele in sich zum vollen Ausdruck, zur vollen Offenbarung bringt.

Indem ich so gefragt habe und so gesprochen habe über das Mysterium des Todes, das heißt über die Kräfte, die im Weltenall wirksam sind als den Menschen den Tod bringende Kräfte, kann ich auch in einer gleichen methodischen Weise hindeuten auf die Kräfte des Bösen. Auch diese Kräfte des Bösen, sie sind nicht solche, von denen man sagen kann, sie bewirken innerhalb der menschlichen Ordnung die bösen Handlungen. Das ist wiederum nur eine Nebenwirkung. Wenn es die Kräfte des Todes nicht gäbe im Weltenall, so würde der Mensch die Bewußtseinsseele nicht entwickeln können, er würde nicht entgegennehmen können in seiner weiteren Erdenentwickelung, so wie er sie entgegennehmen soll, die Kräfte des Geistselbstes, des Lebensgeistes und des Geistesmenschen. Der Mensch muß durch die Bewußtseinsseele gehen, wenn er in seiner Art die Kräfte des Geistselbstes, des Lebensgeistes, des Geistesmenschen aufnehmen will. Dazu muß er die Kräfte des Todes im Laufe des fünften nachatlantischen Zeitraums, also bis in die Mitte des vierten Jahrtausends hinein, vollständig mit seinem eigenen Wesen verbinden. Das kann er. Aber er kann nicht in der gleichen Weise die Kräfte des Bösen mit seinem eigenen Wesen verbinden. Die Kräfte des Bösen sind im Weltenall, im Kosmos so geartet, daß der Mensch sie in seiner Entwicklung erst während der Jupiterperiode so aufnehmen kann, wie er jetzt die Kräfte des Todes aufnimmt. Man kann also sagen: Mit einer geringeren Intensität, bloß einen Teil seines Wesens ergreifend, wirken die Kräfte des Bösen auf den Menschen. - Will man eindringen in das Wesen dieser Kräfte des Bösen, dann darf man nicht auf die äußeren Folgen dieser Kräfte sehen, sondern dann muß man das Wesen des Bösen da aufsuchen, wo es in seiner eigenen Wesenheit vorhanden ist, wo es so wirkt, wie es wirken muß, weil die Kräfte, die als das Böse im Weltenall figurieren, auch in den Menschen hereinspielen. Und da beginnt eben das, was man nur mit einer tiefen Bewegung sagen kann, was man nur sagen kann, wenn man zugleich die Voraussetzung erhebt, daß diese Dinge wirklich mit dem allertiefsten Ernste aufgenommen werden. Wenn man das Böse im Menschen suchen will, so muß man es suchen nicht in den bösen Handlungen, die innerhalb der menschlichen Gesellschaft vollzogen werden, sondern man muß es suchen in den bösen Neigungen, in den Neigungen zum Bösen. Man muß zunächst ganz abstrahieren, ganz absehen von den Folgen dieser Neigungen, die bei dem einen Menschen mehr oder weniger eintreten, man muß den Blick hinrichten auf die bösen Neigungen. Und dann kann man fragen: Bei welchen Menschen wirken die bösen Neigungen innerhalb der fünften nachatlantischen Periode, in der wir drinnen stehen, jene Neigungen, die, wenn sie in ihrer Nebenwirkung zum Ausdrucke kommen, eben in den bösen Handlungen so anschaulich sich darleben, bei welchen Menschen wirken die bösen Neigungen?

Ja, die Antwort darauf bekommt man, wenn man versucht, über die sogenannte Schwelle des Hüters zu gehen und das menschliche Wesen wirklich kennenzulernen. Da ergibt sich die Antwort auf diese Frage. Und die Antwort lautet: Bei allen Menschen liegen im Unterbewußtsein seit dem Beginne der fünften nachatlantischen Periode die bösen Neigungen, die Neigungen zum Bösen. - Ja, gerade darinnen besteht das Eintreten des Menschen in die fünfte nachatlantische Periode, in die neuzeitliche Kulturperiode, daß er in sich aufnimmt die Neigungen zum Bösen. Radikal, aber sehr richtig gesprochen, kann folgendes zum Ausdrucke gebracht werden: Derjenige, der die Schwelle zur geistigen Welt überschreitet, der macht die folgende Erfahrung: Es gibt kein Verbrechen in der Welt, zu dem nicht jeder Mensch in seinem Unterbewußtsein, insofern er ein Angehöriger der fünften nachatlantischen Periode ist, die Neigung hat. Die Neigung hat; ob in dem einen oder in dem anderen Fall die Neigung zum Bösen äußerlich zu einer bösen Handlung führt, das hängt von ganz anderen Verhältnissen ab als von dieser Neigung. Sie sehen, bequeme Wahrheiten hat man nicht zu sagen, wenn man heute eben ungeschminkt der Menschheit die Wahrheit sagen muß.

Um so mehr taucht dann die Frage auf: Ja, was wollen diese Kräfte, die im Menschen die bösen Neigungen bewirken, was wollen diese Kräfte denn eigentlich im Weltenall, indem sie zunächst in die menschliche Wesenheit hineinträufeln, indem sie in die menschliche Wesenheit hineinfließen? Was wollen diese Kräfte? - Sie sind wahrhaftig im Weltenall nicht dazu da, um böse Handlungen in der menschlichen Gesellschaft herbeizuführen. Diese führen jene Kräfte aus solchen Gründen herbei, die wir noch besprechen wollen. Sie sind, ebensowenig wie die Kräfte des Todes dazu da sind, den Menschen nur sterben zu machen, im Weltenall nicht vorhanden, diese Kräfte des Bösen, um den Menschen zu verbrecherischen Handlungen zu führen, sondern sie sind im Weltenall dazu vorhanden, um, wenn der Mensch aufgerufen ist zur Bewußtseinsseele, in ihm die Neigung hervorzurufen, das geistige Leben so zu empfangen, wie wir es gestern zum Beispiel und schon das vorige Mal charakterisiert haben.

Im Weltenall walten diese Kräfte des Bösen. Der Mensch muß sie aufnehmen. Indem er sie aufnimmt, pflanzt er in sich den Keim, das spirituelle Leben überhaupt mit der Bewußtseinsseele zu erleben. Sie sind also wahrhaftig nicht da, diese Kräfte, die durch die menschliche soziale Ordnung verkehrt werden, sie sind wahrhaftig nicht da, um böse Handlungen hervorzurufen, sondern sie sind gerade dazu da, damit der Mensch auf der Stufe der Bewußtseinsseele zum geistigen Leben durchbrechen kann. Würde der Mensch nicht aufnehmen jene Neigungen zum Bösen, von denen ich eben gesprochen habe, so würde der Mensch nicht dazu kommen, aus seiner Bewußtseinsseele heraus den Impuls zu haben, den Geist, der von jetzt ab befruchten muß alles übrige Kulturelle, wenn es nicht tot sein will, den Geist aus dem Weltenall entgegenzunehmen. Und wir tun am besten, wenn wir zunächst einmal hinsehen auf das, was werden soll aus jenen Kräften, die uns in ihrer Karikatur entgegentreten in den bösen Handlungen der Menschen; wenn wir uns fragen, was unter dem Einfluß dieser Kräfte, die zu gleicher Zeit die Kräfte für die bösen Neigungen sind, in der Entwickelung der Menschheit geschehen soll.

Sehen Sie, wenn man von diesen Dingen spricht, dann muß man sehr nahe an den Nerv der Menschheitsentwickelung herangehen. Alle diese Dinge hängen ja zu gleicher Zeit mit den Verhängnissen zusammen, die in der Gegenwart die Menschheit getroffen haben. Denn die Verhängnisse, die in der Gegenwart die Menschheit getroffen haben und noch treffen werden, die sind ja nur ein Wetterleuchten für ganz andere Dinge, die über die Menschheit kommen sollen; ein Wetterleuchten, das heute oftmals das Gegenteil von dem zeigt, was da kommen soll. Nicht zum Pessimismus ist aus allen diesen Dingen heraus ein Anlaß, wohl aber zum tatkräftigen Impulse, zum Aufwachen. Nicht zum Pessimismus, sondern zum Aufwachen ist Anlaß vorhanden. Alle diese Dinge werden nicht gesagt, um Pessimismus zu erzeugen, sondern um Aufwachen zu bewirken."[1]

Lit.:
[1] Rudolf Steiner, Geschichtliche Symptomatologie, GA 185 (1982), Dornach, 26. Oktober 1918


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=285letzte Änderung: 2004-05-24


Christlicher Schulungsweg

Der christliche Schulungsweg gründet sich auf das intensive gefühlsmäßige Nacherleben des Leidensweges Christi. Er umfaßt sieben Stufen:

1. Fußwaschung
2. Geißelung
3. Dornenkrönung
4. Kreuzigung
5. mystischer Tod
6. Grablegung und Auferstehung
7. Himmelfahrt

"Wir wollen den rein christlichen Weg charakterisieren. Er ist der Methode nach in dem tiefsten christlichen Buche, das von den Vertretern der christlichen Theologie am wenigsten verstanden wird, im Johannes-Evangelium, vorgeschrieben, und dem Inhalte nach in der Apokalypse oder geheimen Offenbarung.

Das Johannes-Evangelium ist ein wunderbares Buch; man muß es leben, nicht bloß lesen. Man kann es leben, indem man sich darüber klar ist, daß das, was darinnen steht, Vorschriften sind für das innere Leben und daß man sie in der richtigen Weise beobachten muß. Der christliche Weg verlangt von seinem Zögling, daß er das Johannes-Evangeliums als ein Meditationsbuch ansieht. Eine Grundvoraussetzung, die bei der Rosenkreuzer-Schulung mehr oder weniger fortfällt, ist die, daß man den strengsten Glauben hat an die Persönlichkeit des Christus Jesus. Man muß wenigstens die Möglichkeit des Glaubens in sich tragen, daß diese höchste Individualität, dieser Führer der Feuergeister der Sonnenzeit, als Jesus von Nazareth physisch verkörpert war; daß das nicht nur «der schlichte Mann aus Nazareth» war, nicht eine Individualität ähnlich wie Sokrates, Plato oder Pythagoras. Man muß seine grundsätzliche Verschiedenheit von allen ändern einsehen. Den Gottmenschen einzigartiger Natur muß man in ihm festhalten, wenn man eine rein christliche Schulung durchmachen will, sonst hat man nicht das richtige Grundgefühl, das weckend in der Seele auftritt. Dahei muß man wirklich glauben können an die ersten "Worte des Johannes-Evangeliums: «Im Anfang war der Logos, und der Logos war bei Gott, und ein Gott war der Logos» bis zu den Worten: «Und der Logos ward Fleisch und hat unter uns gewohnt.» Also derselbe Geist, der der Beherrscher der Feuergeister war, der mit der Umgestaltung der Erde verbunden war, den wir auch den Geist der Erde nennen, der hat wirklich unter uns gewohnt in einer fleischlichen Hülle, er war wirklich darinnen in einem physischen Leibe. Das muß man anerkennen. Kann man das nicht, dann mache man lieber eine andere Schulung durch. Wer aber in dieser Grundvoraussetzung sich die Worte des Johannes-Evangeliums bis zu der Stelle: «voller Hingabe und Wahrheit» jeden Morgen durch Wochen und Monate hindurch meditativ vor die Seele ruft, und zwar so, daß er sie nicht nur versteht, sondern daß er darin lebt, für den werden sie eine weckende Kraft für die Seele haben; denn dies sind nicht gewöhnliche Worte, sondern weckende Kräfte, die in der Seele andere Kräfte hervorrufen. Nur muß der Schüler die Geduld haben, sie immer wieder, jeden Tag, vor die Seele zu rufen. Dann werden die Kräfte, die die christliche Schulung braucht, durch Erweckung ganz bestimmter Gefühle wachgerufen. Der christliche Weg ist mehr ein innerlicher, während in der Rosenkreuzer-Schulung die Empfindungen an der Außenwelt entzündet werden.

Der christliche Weg ist ein Weg durch Wachrufen von Gefühlen. Es sind sieben Stufen von Gefühlen, die wachgerufen werden müssen. Dazu kommen andere Übungen, die nur von Mensch zu Mensch gegeben werden und auf den einzelnen Charakter zugeschnitten sind. Unerläßlich ist es aber, das 13. Kapitel des Johannes-Evangeliums zu erleben, so zu erleben, wie ich es jetzt schildern will. Der Lehrer sagt zum Schüler: Du mußt ganz bestimmte Gefühle in dir ausbilden. Stelle dir vor: Die Pflanze wächst heraus aus dem Erdboden. Sie ist höher als der mineralische Erdboden, aus dem sie herauswächst, aber sie braucht ihn. Sie, das Höhere, könnte nicht sein ohne das Niedere. Und wenn die Pflanze denken könnte, so müßte sie zur Erde sagen: Zwar bin ich höher als du, doch ohne dich kann ich nicht sein — und dankbar müßte sie sich zu ihr hinneigen. Ebenso müßte es das Tier der Pflanze gegenüber tun, denn ohne Pflanze könnte es nicht sein, und ebenso der Mensch dem Tier gegenüber. Und wenn der Mensch höher gestiegen sein wird, dann muß er sich sagen: Niemals könnte ich auf meiner Stufe stehen ohne die niedere. Dankbar muß er sich neigen gegen sie, denn sie hat es ihm möglich gemacht, daß er bestehen kann. Kein Wesen auf der Welt könnte bestehen ohne das Niedere, dem es dankbar sein müßte. So auch konnte der Christus, das Höchste, nicht bestehen ohne die Zwölfe, und gewaltig ist das Gefühl des sich dankbar zu ihnen Hinneigens dargestellt im 13. Kapitel des Johannes-Evangeliums: Er, der Höchste, wäscht seinen Jüngern die Füße.

Wenn man sich dies als Grundgefühl in der Menschenseele erwachend denkt, wenn der Schüler wochen- und monatelang in Betrachtungen und Kontemplationen lebt, die ihm dieses Grundgefühl in der Seele vertiefen, wie dankbar das Höhere herunterschauen soll zum Niederen, das es ihm möglich macht zu leben, dann erweckt man ein erstes Grundgefühl, und man hat es genügend durchkostet in dem Moment, wo gewisse Symptome auftreten: ein äußeres Symptom und eine innere Vision. Das äußere Symptom ist, daß der Mensch seine Füße wie von Wasser umspült fühlt; in einer inneren Vision sieht er sich selbst als Christus den Zwölfen die Füße waschen. Das ist die erste Stufe, die der Fußwaschung. Das ist nicht nur ein historisches Ereignis; ein jeder kann es erleben, das Ereignis des 13. Kapitels des Johannes-Evangeliums. Es ist ein äußerer symptomatischer Ausdruck dafür, daß der Mensch in seiner Gefühlswelt so weit hinaufgestiegen ist, um das erleben zu können, und er kann nicht in seiner Gefühlswelt so weit hinaufsteigen, ohne daß dieses Symptom auftritt.

Die zweite Stufe, die Geißelung, macht man durch, wenn man sich in folgendes vertieft: Wie wird es dir ergehen, wenn von allen Seiten die Schmerzen und Geißelhiebe des Lebens auf dich einstürmen? Aufrecht sollst du stehen, stärken sollst du dich gegen alles, was das Leben an Leiden bietet, und ertragen sollst du es. — Das ist das zweite Grundgefühl, das durchgemacht werden muß. Das äußere Gefühl dafür ist ein Jucken und Zucken an allen Stellen des äußeren Leibes, und ein mehr innerer Ausdruck ist eine Vision, in der man sich selbst gegeißelt sieht, zuerst im Traum, dann visionär. Dann kommt das dritte, das ist die Dornenkrönung. Da muß man wochen- und monatelang die Empfindung durchmachen: Wie wird es dir ergehen, wenn du nicht nur die Leiden und Schmerzen des Lebens durchmachen sollst, sondern wenn sogar das Heiligste, deine geistige Wesenheit, dir mit Spott und Hohn übergössen wird? — Und wieder darf es kein Klagen sein, sondern klar muß es dem Schüler sein, daß er trotzdem aufrecht stehen muß. Seine innere Stärke-Entwickelung muß es ihm möglich machen, daß er trotz Hohn und Spott aufrecht steht. Was auch immer seine Seele zu vernichten droht, er steht aufrecht! Dann sieht er in einer inneren astralen Vision sich selbst mit der Dornenkrone und empfindet einen äußeren Schmerz am Kopfe. Das ist das Symptom, daß er weit genug in seiner Gefühlswelt vorgeschritten ist, um diese Erfahrungen machen zu dürfen.

Das vierte ist die Kreuzigung. Da muß der Schüler wieder ein ganz bestimmtes Gefühl in sich entwickeln. Heute identifiziert der Mensch seinen Leib mit seinem Ich. Wer die christliche Einweihung durchmachen will, muß sich gewöhnen, seinen Leib so durch die Welt zu tragen, wie man einen fremden Gegenstand, etwa einen Tisch, trägt. Fremd muß ihm sein Leib werden. Wie ein Fremdes trägt er ihn zur Tür hinein, zur Tür hinaus. Wenn der Mensch in diesem Grundgefühl genügend weit vorgeschritten ist, zeigt sich ihm das, was man die Blutsprobe nennt. Gewisse Rötungen der Haut an bestimmten Stellen treten so auf, daß der Mensch die Wundmale Christi hervorrufen kann, an den Händen, den Füßen und an der rechten Seite der Brust. Wenn der Mensch durch die Wärme des Gefühls imstande ist, die Blutprobe in sich zu entwickeln, was das äußere Symptom ist, dann tritt auch das Innere, Astrale ein, daß der Mensch sich selbst gekreuzigt sieht.

Das fünfte ist der mystische Tod. Der Mensch schwingt sich immer mehr und mehr hinauf zu der Empfindung: Ich gehöre in die ganze Welt hinein. Ich bin so wenig ein selbständiges Wesen wie der Finger an meiner Hand. — Eingebettet fühlt er sich in die ganze übrige Welt, wie zu ihr gehörig. Dann erlebt er, als ob alles um ihn herum sich verdüstere, als ob eine schwarze Finsternis ihn einhülle, wie ein Vorhang, der sich um ihn verdichtet. Während dieser Zeit lernt der christlich Einzuweihende alles Leid und alle Schmerzen, alles Böse und alles Unheil, das der Kreatur anhaftet, kennen. Das ist das Hinabsteigen in die Hölle; das muß jeder erleben. Dann tritt etwas ein, wie wenn der Vorhang risse, und der Mensch sieht dann hinein in die geistigen Welten. Das nennt man das Zerreißen des Vorhangs.

Das sechste ist die Grablegung und Auferstehung. Wenn der Mensch so weit ist, muß er sagen können: Ich habe mich schon daran gewöhnt, meinen Leib als ein Fremdes anzusehen, aber jetzt betrachte ich alles auf der Welt als mir so nahestehend wie meinen eigenen Leib, der ja nur aus diesen Stoffen genommen ist. Eine jede Blume, ein jeder Stein steht mir so nahe wie mein Leib. — Dann ist der Mensch in dem Erdenplaneten begraben. Notwendig verbunden ist diese Stufe mit einem neuen Leben, mit dem Sich-vereinigt-Fühlen mit der tiefsten Seele des Planeten, mit der Christus-Seele, die da sagt: Die mein Brot essen, die treten mich mit Füßen.

Das siebente, die Himmelfahrt, läßt sich nicht beschreiben. Man muß eine Seele haben, die nicht mehr darauf angewiesen ist, durch das Instrument des Gehirns zu denken. Um das zu empfinden, was der Betreffende als das, was man Himmelfahrt nennt, durchmacht, muß man eine Seele haben, die dieses Gefühl erleben kann.

Das Durchgehen durch demütig hingebungsvolle Zustände stellt das Wesen der christlichen Einweihung dar. Wer sie so ernsthaftig durchgeht, der erlebt seine Auferstehung in den geistigen Welten. Nicht jeder kann das heute durchführen. Daher ist es notwendig, daß eine andere Methode besteht, die zu den höheren "Welten hinaufführt. Das ist die rosenkreuzerische Methode."[1]

[1]Rudolf Steiner, Die Theosophie des Rosenkreuzers, GA 99 (1985), Vierzehnter Vortrag, München, 6. Juni 1907


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=54letzte Änderung: 2002-08-21


Dante Alighieri
die Seelenverfassung, aus der seine «Göttliche Komödie» hervorgegangen ist

"Gehen wir um Jahrhunderte weiter, bis ins 13., 14. Jahrhundert der nachchrist­lichen Zeit zu jener gewaltigen Gestalt, die in der Mitte des Mittel­alters uns in so ergreifender Art hinaufführt in die Region, die das menschliche Ich erlangen kann, wenn es sich aus sich heraus hinauf­arbeitet zu der Anschauung der göttlich-geistigen Welt: gehen wir zu Dante. Dieser hat uns in seiner «Commedia» ein Werk geschaffen, über das Goethe, nachdem er es wiederholt auf sich hat wirken lassen, da es ihm im Alter wieder in der Übersetzung eines Bekannten vor Augen trat, die Worte niederschrieb, in denen er dem Übersetzer seinen Dank für die Zusendung der Übersetzung ausdrückte:  

 Welch hoher Dank ist Dem zu sagen, 
Der frisch uns an das Buch gebracht,  
Das allem Forschen, allen Klagen  
Ein grandioses Ende macht!
  

 Welche Schritte ist nun die Kunst gegangen von Äschylos bis zu Dante? Wie stellt uns Dante wieder eine göttlich-geistige Welt dar? Wie führt er uns durch die drei Stufen der geistigen Welt, durch Hölle, Fegefeuer und Himmel, durch die Welten, die hinter dem sinnlichen Dasein des Menschen liegen?   

Da sehen wir, wie allerdings in derselben Richtung, man möchte sagen, der Grundgeist der Menschheitsentwickelung weitergearbeitet hat. Bei Äschylos sehen wir noch klar, daß er überall die geistigen Mächte noch hat: es treten dem Prometheus die Götter entgegen, Zeus. Hermes und so weiter: dem Agamemnon treten die Götter entgegen. Da ist noch der Nachklang der alten Schauungen, dessen, was das alte, hellsehende Bewußtsein in uralten Zeiten aus der Welt heraussaugen konnte. Ganz anders Dante. Dante zeigt uns, wie er rein durch Versenkung in die eigene Seele, durch die Entwickelung der in der Seele schlummernden Kräfte und durch die Besiegung alles dessen, was die Entfaltung dieser Kräfte hindert, imstande geworden ist «in des Lebens Mitte», wie er charakteristisch sagt, das heißt im fünfunddreißigsten Jahre, seinen Blick hinzuwenden in die geistige Welt. Während also die Menschen mit dem alten Hellseherbewußtsein den Blick hinausrichteten in die geistige Umgebung, während es bei Äschylos noch so war, daß er wenigstens rechnete mit den alten Göttergestalten, sehen wir in Dante einen Dichter, der hinuntersteigt in die eigene Seele, der ganz in der Persönlichkeit und ihren inneren Geheimnissen verbleibt, und der durch den Weg dieser persönlichen Entwickelung hineinkommt in die geistige Welt, die er in so gewalti­gen Bildern in der «Commedia» entwickelt. Da ist die Seele der einzelnen Dante-Persönlichkeit ganz allein. Da nimmt sie nicht Rück­sicht darauf, was von außen offenbart ist. Niemand kann sich vorstel­len, daß Dante in einer ähnlichen Weise schildern könnte wie Homer oder Äschylos; daß er aus Überlieferungen übernommen hätte die Gestalten des alten Hellsehens; sondern Dante steht auf dem Boden dessen, was im Mittelalter entwickelt werden kann ganz innerhalb der Kraft der menschlichen Persönlichkeit. Und wir haben vor uns, was wir schon öfter betont haben, daß der Mensch dasjenige, was seinen hellseherischen Blick trübt, überwinden muß.   

Das stellt uns Dante dar in anschaulichen Bildern der Seele. Wo der Grieche noch Realitäten gesehen hat in der geistigen Welt, da sehen wir bei Dante nur noch Bilder. Bilder derjenigen Seelenkräf­te, die überwunden werden müssen. Diejenigen Kräfte, die aus der Empfindungsseele - wie wir dieses Seelenglied zu nennen pflegen -kommen, und die niedere Kräfte sein und das Ich von der Entwicke­lung zu höheren Stufen abhalten können, müssen überwunden wer­den. Darauf weist Dante hin; und ebenso müssen überwunden werden diejenigen Kräfte der Verstandesseele und Bewußtseinssee­le, welche die höhere Entwickelung des Ich hindern können. Auf die gegenteiligen Kräfte aber, insofern sie gute sind, weist schon Plato hin: Weisheit, die Kraft der Bewußtseinsseele; Starkmut in sich selber, die Kraft, welche der Verstandes- oder Gemütsseele ent­stammt, und Mäßigkeit, dasjenige, was die Empfindungsseele in ihrer höchsten Entfaltung erreicht. Wenn das Ich durchgeht durch eine Entwickelung, die getragen ist von der Mäßigkeit der Empfin­dungsseele, von der Starkheit oder inneren Geschlossenheit der Verstandes- oder Gemütsseele, von der Weisheit der Bewußtseins­seele, dann kommt es allmählich zu höheren Seelenerlebnissen, die in die geistige Welt hinaufführen. Aber jene Kräfte müssen erst überwunden werden, welche der Mäßigkeit, der inneren Geschlos­senheit und der Weisheit entgegenarbeiten. Der Mäßigkeit wirkt entgegen die Unmäßigkeit, die Gefräßigkeit, sie muß überwunden werden. Daß sie bekämpft werden muß, und wie man ihr begegnet, wenn der Mensch durch seine eigenen Seelenkräfte in die geistige Welt eintreten will, das stellt Dante dar. Eine Wölfin ist für Dante das Bild für die Unmäßigkeit, für die Schattenseiten der Empfin­dungsseele. Dann begegnen uns die Schattenseiten der Verstandes­seele als der Entwickelung widerstrebende Kräfte: Was nicht in sich geschlossener Starkmut ist, was sinnlos aggressive Kräfte der Ver­standesseele sind, das tritt uns in Dantes Phantasie als ein zu Bekämpfendes in dem Löwen entgegen. Und die Weisheit, die nicht nach den Höhen der Welt hinaufstrebt, die sich nur als Klugheit und Schlauheit auf die Welt richtet, tritt uns in dem dritten Bilde, in dem Luchs, entgegen. Die «Luchs-Augen» sollen darstellen Augen, die nicht Weisheitsaugen sind, die in die geistige Welt hineinsehen, sondern Augen, die nur auf die Sinnenwelt gerichtet sind. Und nachdem Dante zeigt, wie er sich gegen solche der Entwickelung widerstrebenden Kräfte wehrt, schildert er uns, wie er hinaufkommt in die Welten, die hinter dem sinnlichen Dasein liegen.   

Einen Menschen haben wir in Dante vor uns: auf sich selbst gestellt, in sich selber suchend, aus sich selber herausgestaltend die Kräfte, welche in die geistige Welt hineinführen. So ist das, was in dieser Richtung schafft, aus der Außenwelt ganz in das menschliche Innere hineingezogen.  

So schildert in Dante ein Dichter, was in dem Innersten der menschlichen Seele erlebt werden kann. Da hat die Dichtung auf ihrem Weiterschreiten das menschliche Innere um ein weiteres Stück ergriffen, ist intimer geworden mit dem Ich. hat sich wiederum mehr hineingezogen in das menschliche Ich. - So standen die Gestalten, die uns Homer geschaffen hat, eingesponnen in das Netz der göttlich-geistigen Gewalten; so fühlte sich Homer selbst noch darinnen einge­sponnen, indem er sagt: Die Muse singe das, was ich zu sagen habe! Dante steht vor uns - ein Mensch, allein mit seiner Seele, die jetzt weiß, daß sie aus sich selber die Kräfte entfalten muß, die in die geistige Welt hineinführen sollen. Wir sehen es namentlich immer unmöglicher werden, daß die Phantasie sich anlehnt an das, was von außen hereinspricht."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Metamorphosen des Seelenlebens - Pfade der Seelenerlebnisse, Zweiter Teil, GA 59 (1984), Berlin, 12. Mai 1910, Die Mission der Kunst, siehe auch TB 603 (1983), S 175 ff.


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=284letzte Änderung: 2004-12-31


Denken
Das Gehirn als Spiegelungsapparat für das Denken

(siehe auch -> Denken, die Vernunft als keimhafter Beginn des neuen Hellsehens)

"Wodurch verschafft sich denn der Mensch Erkenntnis, ganz gleichgültig, was die Erkenntnis bedeuten mag? Wodurch erlangen wir Erkenntnis? Nun — nicht wahr, Sie wissen alle, der Mensch könnte niemals Erkenntnis erlangen, wenn er nicht denken würde, wenn er in seiner Seele nicht so etwas vollziehen würde wie Vorstellungs- oder Denkarbeit. Erkenntnis kommt nicht von selber. Der Mensch muß im Innern arbeiten, muß Vorstellungen ablaufen lassen in seiner Seele, wenn er erkennen will, und wir müssen als Bekenner der Geisteswissenschaft uns fragen: Wo in der Menschennatur spielen sich nun jene Vorgänge ab, welche wir mit dem Vorstellen bezeichnen, das zu der Erkenntnis führt?

Der materialistische Erkenntnistraum unserer Zeit, die philosophische Phantastik unserer Zeit glauben, daß Erkenntnis dadurch zustande kommt, daß eine Gehirnarbeit verrichtet wird. Gewiß wird bei der Erkenntnis eine Gehirnarbeit verrichtet, aber wenn wir ins Auge fassen, daß zunächst die Hauptsache bei der Erkenntnis die innere Arbeit der Seele im Vorstellungsleben ist, dann müssen wir die Frage aufwerfen: Hat dieses Vorstellungsleben in seinem Inhalte, wohlgemerkt ich sage Inhalt, irgend etwas zu tun mit der Arbeit, die im Gehirn verrichtet wird? Das Gehirn ist ein Teil des physischen Leibes, und alles das, was Vorstellungsleben seinem Inhalte nach ist, was unsere, die Erkenntnis herbeiführende Vorstellungsarbeit der Seele ist, alles das geht nicht bis zum physischen Leib, alles das vollzieht sich in den drei höheren Gliedern der menschlichen Wesenheit, von dem Ich durch den Astralleib zum Ätherleib herunter. Und Sie werden in allen Elementen des Vorstellungslebens dem Inhalte nach nichts darin finden, was irgendwie im äußeren physischen Gehirn vor sich gehen würde. Wenn wir also bloß von dem Vorstellungsinhalt, von der Vorstellungsarbeit sprechen, so müssen wir diese lediglich in die drei höheren übersinnlichen Glieder der menschlichen Wesenheit verlegen, und dann können wir uns fragen: Was hat denn nun das Gehirn mit dem zu tun, was da übersinnlich sich abspielt in der menschlichen Wesenheit? - Die triviale Wahrheit gibt es allerdings, auf die sich die heutigen Philosophen und Psychologen berufen, daß, während wir erkennen, Vorgänge im Gehirn stattfinden. Gewiß, diese triviale Wahrheit ist richtig, kann und soll gar nicht abgeleugnet werden. Aber von der Vorstellung selbst lebt nichts im Gehirn. Welche Bedeutung hat das Gehirn, hat überhaupt die äußere leibliche Organisation für die Erkenntnis, sagen wir zunächst nur für das Vorstellungsleben?

Da ich eben kurz sein muß, so kann ich sie nur durch ein Bild andeuten. Gerade dieselbe Bedeutung hat die Arbeit des Gehirns zu dem, was eigentlich vorgeht in unserer Seele, wenn wir vorstellen, denken, wie der Spiegel für den Menschen, der sich darin sieht. Wenn Sie mit Ihrer Persönlichkeit durch den Raum gehen, da sehen Sie sich nicht zunächst. Wenn Sie einem Spiegel entgegengehen, da sehen Sie das, was Sie sind, wie Sie aussehen. Derjenige, der nun behaupten wollte, das Gehirn denke, es ginge die Vorstellungsarbeit im Gehirn vor sich, der redet gerade so gescheit wie der, der einem Spiegel entgegengeht und sagt: Ich, ich bin nicht da, wo ich gehe; das bin nicht ich; ich muß einmal da hereingreifen - in den Spiegel -, da drinnen stecke ich. - Da würde er sich bald davon überzeugen, daß er im Spiegel gar nicht darin steckt, daß der Spiegel allerdings der Veranlasser ist, daß das, was außerhalb des Spiegels ist, sich sieht. Und so ist es überhaupt mit aller physischen Leibesorganisation. Das was da durch die Arbeit des Gehirns erscheint, das ist innere übersinnliche Tätigkeit der drei höheren Glieder der menschlichen Organisation. Daß diese für den Menschen selber erscheinen kann, dazu ist der Spiegel des Gehirns notwendig, so daß wir das, was wir übersinnlich sind, wahrnehmen durch den Spiegel des Gehirns. Und es ist lediglich eine Folge der gegenwärtigen menschlichen Organisation, daß das so sein muß. Der Mensch würde seine Gedanken zwar denken, aber er könnte nichts wissen von ihnen als gegenwärtiger Erdenmensch, wenn er nicht den spiegelnden Leibesorganismus, zunächst das Gehirn hätte. Aber alles das, was die modernen Physiologen und zum Teil die Psychologen tun, um das Denken zu erkennen, ist eben gerade so gescheit, als wenn ein Mensch im Spiegel darin seiner Wirklichkeit nach sich suchen würde. Das alles, was ich Ihnen hier mit ein paar Worten gesagt habe, das kann man heute auch schon vollständig erkenntnistheoretisch begründen, kann es streng wissenschaftlich aufbauen. Eine andere Frage ist diejenige, ob man natürlich mit einer solchen Sache irgendwie verstanden werden kann. Die Erfahrungen sprechen heute noch dagegen. Man kann diese Dinge heute in einer noch so strengen Weise auch Philosophen auseinandersetzen, sie werden kein Sterbenswörtchen davon verstehen, weil sie auf diese Dinge eben nicht eingehen wollen, ich sage ausdrücklich wollen. Denn es ist heute noch in der äußeren exoterischen Welt gar kein Wille vorhanden, auf die ernsthaftesten Fragen des menschlichen Erkenntnisvermögens wirklich einzugehen.

Wollen wir in einer richtigen Weise uns ein schematisches Bild von dem menschlichen Erkenntnisprozesse machen, so müssen wir sagen — nehmen wir das als das Schema der äußeren physischen menschlichen Leibesorganisation —: In alledem, was äußere physische Leibesorganisation ist, geht gar nichts vor von dem, was Denken, was Erkennen ist, sondern das geht in dem anschließenden Ätherleib, Astralleib und so weiter vor. Da drinnen sitzen die Gedanken, die ich hier schematisch mit diesen Kreisen anzeichne. Und diese Gedanken gehen nicht etwa in das Gehirn hinein — das zu denken wäre ein völliger Unsinn —, sondern sie werden gespiegelt durch die Tätigkeit des Gehirns und wiederum zurückgeworfen in den Ätherleib, Astralleib und das Ich, und die Spiegelbilder, die wir selbst erst erzeugen und die uns sichtbar werden durch das Gehirn, die sehen wir, wenn wir als Erdenmenschen gewahr werden, was wir eigentlich treiben in unserem Seelenleben. Da drinnen im Gehirn ist gar nichts von einem Gedanken. So wenig ist

im Gehirn etwas von einem Gedanken, wie hinter dem Spiegel etwas von Ihnen ist, wenn Sie sich darin sehen. Aber das Gehirn ist ein sehr komplizierter Spiegel. Der Spiegel, in dem wir uns da draußen sehen, ist einfach, das Gehirn aber ist ein ungeheuer komplizierter Spiegel, und es muß eine komplizierte Tätigkeit stattfinden, damit das Gehirn das Werkzeug werden kann, um nicht unsere Gedanken zu erzeugen, sondern sie zurückzuspiegeln. Mit anderen Worten, bevor überhaupt von einem Erdenmenschen ein Gedanke zustande kommen konnte, mußte eine Vorbereitung geschehen. Und wir wissen, daß dies geschehen ist durch die alte Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit [-> Planetarische Weltentwicklungsstufen] und daß schließlich der heutige physische Leib, also auch das Gehirn, ein Ergebnis der Arbeit vieler geistigen Hierarchien ist. So daß wir sagen können: Mit dem Beginne der Erdenentwickelung war der Mensch auf der Erde so gestaltet, daß er sein physisches Gehirn ausbilden konnte, daß es werden konnte der spiegelnde Apparat für das, was der Mensch eigentlich ist und was erst in der Umgebung dieser physischen Leibesorganisation vorhanden ist."[1]

(siehe auch -> Heiligenschein, Kopfaura)

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen, GA 129 (1977), S 139 ff., Siebenter Vortrag, München, 24. August 1911


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=97letzte Änderung: 2002-10-08


Denken
die Vernunft als keimhafter Beginn des neuen Hellsehens

(siehe auch -> Denken, Das Gehirn als Spiegelungsapparat für das Denken und -> Denken, imaginatives Denken; platonische «Ideenschau» der geistigen Urbilder)

"Kein Mensch könnte eigentlich zu wirklichem Hellsehen kommen, wenn er nicht zunächst ein Winziges an Hellsehen in der Seele hätte. Wenn es wahr wäre, was ein allgemeiner Glaube ist, daß die Menschen, wie sie sind, nicht hellsichtig seien, dann könnten sie überhaupt nicht hellsichtig werden. Denn wie der Alchimist meint, daß man etwas Gold haben muß, um viele Mengen Goldes hervorzuzaubern, so muß man unbedingt etwas hellsehend schon sein, damit man dieses Hellsehen immer weiter und weiter ins Unbegrenzte hinein ausbilden kann.

Nun könnten Sie ja die Alternative aufstellen und sagen: Also glaubst du, daß wir schon alle hellsichtig sind, wenn auch nur ein Winziges, oder daß diejenigen unter uns, die nicht hellsichtig sind, es auch nie werden können? - Sehen Sie, darauf kommt es an, daß man versteht, daß der erste Fall der Alternative richtig ist: Es gibt wirklich keinen unter Ihnen, der nicht - wenn er sich dessen auch nicht bewußt ist - diesen Ausgangspunkt hätte. Sie haben ihn alle. Keiner von Ihnen ist in der Not, weil Sie alle ein gewisses Quantum Hellsehen haben. Und was ist dieses Quantum? Das ist dasjenige, was gewöhnlich gar nicht als Hellsehen geschätzt wird.

Verzeihen Sie einen etwas groben Vergleich: Wenn eine Perle am Wege liegt und ein Huhn findet sie, so schätzt das Huhn die Perle nicht besonders. Solche Hühner sind die modernen Menschen zumeist. Sie schätzen die Perle, die ganz offen daliegt, gar nicht, sie schätzen etwas ganz anderes, sie schätzen nämlich ihre Vorstellungen. Niemand könnte abstrakt denken, wirkliche Gedanken und Ideen haben, wenn er nicht hellsichtig wäre, denn in den gewöhnlichen Gedanken und Ideen ist die Perle der Hellsichtigkeit von allem Anfange an. Diese Gedanken und Ideen entstehen genau durch denselben Prozeß der Seele, durch den die höchsten Kräfte entstehen. Und es ist ungeheuer wichtig, daß man zunächst verstehen lernt, daß der Anfang der Hellsichtigkeit etwas ganz Alltägliches eigentlich ist: man muß nur die übersinnliche Natur der Begriffe und Ideen erfassen. Man muß sich klar sein, daß aus den übersinnlichen Welten die Begriffe und Ideen zu uns kommen, dann erst sieht man recht. Wenn ich Ihnen erzähle von Geistern der höheren Hierarchien, von den Seraphim, Cherubim, von den Thronen herunter bis zu den Archangeloi und Angeloi, so sind das Wesenheiten, die aus geistigen, höheren Welten zu der Menschenseele sprechen müssen. Aus eben diesen Welten kommen der Seele die Ideen und Begriffe, sie kommen geradezu in die Seele aus höheren Welten herein und nicht aus der Sinnenwelt.

Es wurde als ein großes Wort eines großen Aufklärers gehalten, das dieser gesagt hat im achtzehnten Jahrhundert: Mensch, erkühne dich, deiner Vernunft dich zu bedienen. - Heute muß ein größeres Wort in die Seelen klingen, das heißt: Mensch, erkühne dich, deine Begriffe und Ideen als die Anfänge deines Hellsehertums anzusprechen. - Das, was ich jetzt ausgesprochen habe, habe ich schon vor vielen Jahren ausgesprochen, ausgesprochen in aller Öffentlichkeit, nämlich in meinen Büchern «Wahrheit und Wissenschaft» und «Philosophie der Freiheit», wo ich gezeigt habe, daß die menschlichen Ideen aus übersinnlichem, geistigem Erkennen kommen...

Für den heutigen Menschen ist eines notwendig, wenn er zu einer innerlich erlebten Wahrheit kommen will. Wenn er wirklich einmal innerlich Wahrheit erleben will, dann muß der Mensch einmal durchgemacht haben das Gefühl der Vergänglichkeit aller äußeren Verwandlungen, dann muß der Mensch die Stimmung der unendlichen Trauer, der unendlichen Tragik und das Frohlocken der Seligkeit zugleich erlebt haben, erlebt haben den Hauch, den Vergänglichkeit aus den Dingen ausströmt. Er muß sein Interesse haben fesseln können an diesen Hauch des Werdens, des Entstehens und der Vergänglichkeit der Sinnenwelt. Dann muß der Mensch, wenn er höchsten Schmerz und höchste Seligkeit an der Außenwelt hat empfinden können, einmal so recht allein gewesen sein, allein gewesen sein nur mit seinen Begriffen und Ideen; dann muß er einmal empfunden haben: Ja, in diesen Begriffen und Ideen, da fassest du doch das Weltengeheimnis, das Weltgeschehen an einem Zipfel - derselbe Ausdruck, den ich einstmals gebraucht habe in meiner «Philosophie der Freiheit» -. Aber erleben muß man dieses, nicht bloß verstandesmäßig begreifen, und wenn man es erleben will, erlebt man es in völligster Einsamkeit.

Und man hat dann noch ein Nebengefühl. Auf der einen Seite erlebt man die Grandiosität der Ideenwelt, die sich ausspannt über das All, auf der anderen Seite erlebt man mit der tiefsten Bitternis, daß man sich trennen muß von Raum und Zeit, wenn man mit seinen Begriffen und Ideen Zusammensein will. Einsamkeit! Man erlebt die frostige Kälte. Und weiter enthüllt sich einem, daß die Ideenwelt sich jetzt wie in einem Punkte zusammengezogen hat, wie in einem Punkte dieser Einsamkeit. Man erlebt: Jetzt bist du mit ihr allein. - Man muß das erleben können. Man erlebt dann das Irrewerden an dieser Ideenwelt, ein Erlebnis, das einen tief aufwühlt in der Seele. Dann erlebt man es, daß man sich sagt: Vielleicht bist du das alles doch nur selber, vielleicht ist an diesen Gesetzen nur wahr, daß es lebt in dem Punkte deiner eigenen Einsamkeit. - Dann erlebt man, ins Unendliche vergrößert, alle Zweifel am Sein.

Wenn man dieses Erlebnis in seiner Ideenwelt hat, wenn sich aller Zweifel am Sein schmerzlich und bitter abgeladen hat auf die Seele, dann erst ist man im Grunde reif dazu, zu verstehen, wie es doch nicht die unendlichen Räume und die unendlichen Zeiten der physischen Welt sind, die einem die Ideen gegeben haben. Jetzt erst, nach dem bitteren Zweifel, öffnet man sich den Regionen des Spirituellen und weiß, daß der Zweifel berechtigt war, und wie er berechtigt war. Denn er mußte berechtigt sein, weil man geglaubt hat, daß die Ideen aus den Zeiten und Räumen in die Seele gekommen seien. Aber was empfindet man jetzt? Als was empfindet man die Ideenwelt, nachdem man sie erlebt hat aus den spirituellen Welten heraus? Jetzt fühlt man sich zum ersten Male inspiriert, jetzt beginnt man, während man früher wie einen Abgrund die unendliche Öde um sich ausgedehnt empfunden hat, jetzt beginnt man sich zu fühlen wie auf einem Felsen stehend, der aus dem Abgrunde emporwächst, und man fühlt sich so, daß man weiß: Jetzt bist du in Verbindung mit den geistigen Welten, diese und nicht die Sinnenwelt haben dich mit der Ideenwelt beschenkt."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Die okkulten Grundlagen der Bhagavad Gita, GA 146 (1962), S 34 ff., Zweiter Vortrag, Helsingfors, 29. Mai 1913


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=215letzte Änderung: 2002-12-02


Denken
der Schlafzustand des Kopfes und die künftige Metamorphose der Hände zu neuen Denkorganen

"Niemals besteht ein wirklich höherer Erkenntnisprozeß eigentlich in etwas anderem als in einem Bewußtmachen desjenigen, was sonst unbewußt vom Einschlafen bis zum Aufwachen im schlafenden Zustand verweilt.

Nun gibt es allerdings, was Sie vielleicht verwundern wird, einen Teil des Menschen, des leiblichen Menschen, der im Grunde immer im schlafenden Zustand ist, der immer schläft. Auf diese Dinge braucht man sich ja nicht gleich im Eingang des anthroposophischen Lebens einzulassen; gewissermaßen die Feinheiten der geisteswissenschaftlichen Forschung können uns erst langsam und allmählich zum Bewußtsein kommen. Wir denken ja natürlich, wenn geschildert wird, daß der Mensch bei Tage wacht und bei Nacht schläft, daß bei Tage sein Ich und sein Astralleib mit dem physischen Leibe und dem Ätherleib voll vereinigt seien, und daß bei Nacht Ich und Astralleib außerhalb des physischen Leibes und des Ätherleibes ihr Wesen haben. Wir denken auch zunächst ganz richtig so, denn nur allmählich können wir uns von der gröberen Auffassung der geisteswissenschaftlichen Tatsachen zu den spezielleren Wahrheiten hinwenden. Im groben also ist das richtig, daß der Mensch mit seinem Ich und Astralleibe im Schlafe außerhalb seines Ätherleibes und physischen Leibes ist. Aber für einen Teil des Leibes gilt es doch, daß im wesentlichen auch vom Aufwachen bis zum Einschlafen dieser Teil des Leibes schläft, wenigstens im wesentlichen schläft. Und das ist gerade merkwürdigerweise derjenige Teil des menschlichen Leibes, den wir das Haupt, den Kopf nennen. Der schläft gerade dann, wenn wir wachen. Und obwohl man leicht glauben könnte, daß der Kopf das Allerwachste sei, so ist er in Wirklichkeit dasjenige, was am wenigsten wach ist. Denn die wache Tätigkeit des menschlichen Denkens, überhaupt der Kopfverrichtungen, beruht gerade darauf, daß auch im Wachen das Ich und der Astralleib gegenüber den Kopforganen ein solches Verhältnis haben, daß sie nicht vollständig - also der Ichteil des Kopfes, der Astralteil des Kopfes - mit dem physischen und dem ätherischen Teile des Kopfes sich verbinden können, sondern immer gewissermaßen ein Eigenleben außerhalb des physischen und des ätherischen Teiles des Kopfes erleben. Nur dann findet eine innigere Verbindung noch statt zwischen dem astralischen Kopfleib und zwischen dem physischen, wenn man Kopfschmerzen hat. Und wenn man recht starke Kopfschmerzen hat, dann ist am allermeisten Verbindung zwischen dem astralischen Teil des Kopfes und dem physischen Teil des Kopfes. Dann kann man gerade am schlechtesten denken, wenn man Kopfschmerzen hat. Das rührt davon her, weil dann eine zu starke Verbindung eintritt zwischen dem astralischen, dem physischen und dem ätherischen Teile des Kopfes. Nun beruht aber unser waches Denken und auch das übrige wache Seelenleben eben gerade darauf, daß in einer gewissen Beziehung das Ich und der Astralleib des Kopfes außerhalb des physischen und Ätherleibes sind und sich gerade dadurch in dem physischen und ätherischen Leibe des Kopfes spiegeln; wie wir uns ja auch nur im Spiegel sehen können, wenn wir außerhalb sind. Diese Spiegelung gibt ja die Bilder unseres Alltagsbewußtseins. Das sind Spiegelbilder, die wir im Alltagsleben erleben, erkennend wahrnehmen. Und durch dieses Außerhalb-des-Kopfes-Leben, durch dieses Schlafen des Kopfes, und durch die durch die Härte des Schädels bewirkte Zurückwerfung der Tätigkeit des Ich und Astralleibes wird gemacht, daß wir eben das Innere des Ich und das Innere des Astralleibes empfinden als unser eigenes. Würde so, wie es bei den anderen Teilen des Organismus der Fall ist, die Tätigkeit des Ich und Astralleibes noch mehr hineinarbeiten in die Tätigkeit des physischen und Ätherleibes, dann würden wir verdauungsorganische Tätigkeit, vielleicht auch rhythmische Tätigkeit wie im Herzen, im Kopfe wahrnehmen, vielleicht auch nicht wahrnehmen - aber von einer Denktätigkeit würde nicht die Rede sein können, denn diese beruht darauf, daß diese Tätigkeit nicht aufgenommen, sondern zurückgestrahlt wird. Das Herz, die anderen Organe, welche absorbieren, die nehmen die Tätigkeit des Ich und Astralleibes auf. Die Kopforgane nehmen sie nicht auf, sie strahlen sie vielmehr zurück; daher kann sie dann erlebt werden im seelischen Innern.

Nun, in der Nacht, vom Einschlafen bis zum Aufwachen, da ist gewissermaßen das ganze Ich und der ganze Astralleib - auch das ist nicht einmal ganz richtig, aber ungefähr -, es ist also ein viel größerer Teil des Ich und des Astralleibes außerhalb des physischen und Ätherleibes. Der Mensch ist da in der Lage, vom Einschlafen bis zum Aufwachen, in bezug auf ein viel größeres Stück von Ich und Astralleib, sich so zu verhalten, wie er sich beim Wachen gegenüber seinem Kopfe verhält. Aber nun ist noch nicht der übrige Organismus so weit wie der Kopf; er ist noch nicht so weit gediehen, daß er zurückstrahlen könnte, wie es der Kopf kann. Daher kann keine Bewußtheit eintreten im Schlafe. Wenn wir die Bewegung unserer Hände betrachten, so müssen wir uns sagen: In diesen Händen haben wir, soweit wir sie bewegen können, wenn wir wach sind, natürlich die betreffenden Glieder, Ich, Astralleib, Ätherleib und physischen Leib. Das alles ist vorhanden, das alles ist in Tätigkeit, wenn wir die Hände bewegen. Nun denken Sie sich einmal, es würde ein Mensch in die Lage versetzt, daß seine Hände angebunden würden an seinen Organismus, und zwar so, daß er sie niemals würde bewegen können, sondern daß sie fest wären an dem Organismus, daß sie fest an den Organismus angebunden wären. Und nehmen wir an, es würde dem Menschen zugleich die Gabe verliehen, während er jetzt seine angebundenen physischen Hände nicht bewegen kann, daß er den Ätherleib oder wenigstens den Astralleib der Hände allein bewegen könnte. Das würde etwas sehr Bedeutendes zur Folge haben. Er würde dann gleichsam hinausstrecken seine Astral- beziehungsweise Ätherhände aus den physischen Händen, die er nicht bewegen könnte, die angebunden wären. Wir bemühen uns nicht, diese Prozedur überhaupt je auszuführen; wenn wir etwas vom Astralischen und Ätherischen der Hände bewegen, so bewegen wir eben die physischen Hände mit. Nun kann man das auf der Erde so ohne weiteres nicht gut durchführen als etwas Natürliches, aber im Laufe der Evolution wird es durchgeführt, nur etwas anders als in der groben Weise, wie ich es jetzt besprochen habe. So wird es durchgeführt, daß, indem sich der Mensch im Laufe der Erdenevolution weiter entfalten und zum Jupiter hinüberwachsen wird, in der Tat das eintreten wird, daß seine Hände, die physischen Hände, unbeweglich werden. Auf dem Jupiter wird der Mensch schon so erscheinen, daß seine physischen Hände nicht mehr bewegliche Organe sind, sondern festliegen, dafür aber eben die astralischen und auch die Ätherhände zum Teil sich heraus bewegen können. Also es wird auf dem Jupiter von den physischen Händen nur noch unbewegliche Andeutungen geben, dagegen werden sich die astralischen, respektive Ätherhände frei bewegen wie Flügel. Darauf wird es beruhen, daß dieser Jupitermensch nicht bloß ein Gehirndenker ist, sondern daß ihm dann seine festliegenden Hände die Möglichkeit geben, zurückzustrahlen in das, was jetzt mit den physischen Händen verbunden ist, und er wird dadurch ein viel lebendigeres, ein viel umfassenderes Denken haben. Dadurch, daß ein physisches Organ zur Ruhe kommt, dadurch kann das entsprechende geistig-seelische Glied, das zu dem physischen Organ dazugehört, befreit werden und kann dann eine geistig-seelische Tätigkeit entfalten. Es ist nämlich wirklich so mit unserem Gehirn: als wir noch Mondmenschen waren, da hatten wir solche Organe, die sich hier wie Hände bewegten, und diese Organe sind festgemacht worden. Auf dem Monde hatten wir noch keine feste Gehirnschale; da konnten sich die Organe, die jetzt im Gehirn zusammengefaltet sind, bewegen wie Hände. Dafür konnte der Mensch auf dem Monde noch nicht so denken wie auf der Erde. Aber für denjenigen, der hellsichtig das Denken prüft, ist es klar, daß sich da die im schlafenden Gehirn befindlichen Organe tatsächlich beim wachenden Menschen flügelartig bewegen, wie ich Ihnen beschrieben habe, daß sich Astral- und Ätherhände bewegen würden, wenn die physischen Hände festliegen könnten. Das ist also vom Übergang des Mondenzustandes zum Erdenzustand wirklich geschehen, daß hier gleichsam Hände gebändigt worden sind und jetzt noch festgehalten werden durch die feste Gehirnschale, und daß dadurch das Ätherische und Astralische frei ist. Aber die Organe müssen fortentwickelt werden. Diese Hände können nicht bleiben wie sie sind, wenn wir uns zum Jupiter entwickeln, sondern diese Hände werden in substantieller Beziehung eine Abänderung erfahren, wie sie unser Gehirn erfahren hat, so daß es zum Rückstrahlorgan geworden ist. Dieser Prozeß ist der, den man bezeichnen könnte als den der naturgemäßen Evolution."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Menschenschicksale und Völkerschicksale, GA 157 (1981), S 193 ff., Neunter Vortrag, Berlin, 9. März 1915


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=217letzte Änderung: 2002-10-09


Denken
das Denk-Erlebnis

Schon Aristoteles hat in seiner Metaphysik die Beobachtung des Denkens, das Denk-Erlebnis, beschrieben:

"Das Denken aber an sich hat zum Gegenstande das, was an sich das Wertvollste ist, und das reinste Denken hat auch den reinsten Gegenstand. Mithin denkt das Denken sich selbst; es nimmt teil an der Gegenständlichkeit; es wird sich selber Gegenstand, indem es ergreift und denkt, und so wird das Denken und sein Objekt identisch. Denn das was für den Gegenstand und das reine Wesen empfänglich ist, ist der denkende Geist, und er verwirklicht sein Vermögen, indem er den Gegenstand innehat.

Das Göttliche, das man dem denkenden Geiste als sein Eigentum zuschreibt, ist also mehr dieser Besitz als die bloße Empfänglichkeit; das Seligste und Höchste ist die reine Betrachtung. Ist nun Gottes Seligkeit ewig eine solche, wie sie uns wohl je einmal zu teil wird, wie wunderbar! Ist sie eine noch höhere, wie viel wunderbarer noch! So aber verhält es sich.

Und auch das Prädikat der Lebendigkeit kommt ihm zu. Denn die Wirksamkeit des denkenden Geistes ist Leben; Gott aber ist reine Wirksamkeit, und seine Wirksamkeit an und für sich ist ein höchstes, ein ewiges Leben. Und so sagen wir denn: Gott ist das ewige, absolut vollkommene Lebendige, und ihm kommt mithin ein zeitloses ewiges Leben und Dasein zu. Das nun ist Gottes Wesen und Begriff."[1]

Rudolf Steiner hat dieses Denk-Erlebnis zunächst in seinen philosophischen Hauptwerken näher beschrieben und weiter vertieft. Später hat er dazu noch weitere Erläuterungen aus anthroposophischer Sicht gegeben:

"Dieses Leben in Gedanken, das führt ja zuletzt zu dem, was Ihnen entgegentritt, wenn Sie in der richtigen Weise die «Philosophie der Freiheit» lesen wollen. Wenn Sie in der richtigen Weise die «Philosophie der Freiheit» lesen wollen, so müssen Sie dieses Gefühl eben kennen : in Gedanken zu leben. Die «Philosophie der Freiheit» ist ganz etwas, was aus der Wirklichkeit heraus erlebt ist; aber zu gleicher Zeit ist sie etwas, was ganz und gar eben aus dem wirklichen Denken hervorgegangen ist. Und daher sehen Sie eine Grundempfindung gerade in dieser «Philosophie der Freiheit». Diese «Philosophie der Freiheit», ich habe sie konzipiert in den achtziger Jahren, niedergeschrieben in dem Beginne der neunziger Jahre, und ich darf wohl sagen: bei denjenigen Menschen, die dazumal eigentlich sogar die Aufgabe gehabt hätten, den Grundnerv dieser «Philosophie der Freiheit» irgendwie wenigstens ins Auge zu fassen, fand ich mit dieser «Philosophie der Freiheit» überall Unverständnis. Und das liegt an einem bestimmten Punkte. Das liegt an folgendem: Die Menschen, auch die sogenannten denkenden Menschen der Gegenwart, kommen mit ihrem Denken eigentlich nur dazu, in ihm ein Abbild der sinnlichen Außenwelt zu erleben. Und dann sagen sie: Vielleicht könnte einem in dem Denken auch etwas kommen von einer überphysischen Welt; aber es müßte dann das auch so sein, daß geradeso, wie der Stuhl, wie der Tisch draußen ist, und von dem Denken vorausgesetzt wird, daß es drinnen ist, so müßte nun dieses Denken, das da drinnen ist, auch auf irgendeine Weise erleben können ein außerhalb des Menschen zu erfassendes Übersinnliches, wie der Tisch und der Stuhl außerhalb sind. - So ungefähr dachte sich Eduard von Hartmann die Aufgabe des Denkens.

Nun trat ihm gegenüber dieses Buch, die «Philosophie der Freiheit». Da ist das Denken so erlebt, daß innerhalb des Denk-Erlebnisses man dazu kommt, gar nicht anders vorstellen zu können, als: Wenn du im Denken richtig drinnen lebst, lebst du, wenn auch zunächst auf eine unbestimmte Weise, im Weltenall. Dieses Verbundensein im innersten Denk-Erlebnis mit den Weltgeheimnissen, das ist ja der Grundnerv der «Philosophie der Freiheit». Und deshalb steht in dieser «Philosophie der Freiheit» der Satz: In dem Denken ergreift man das Weltgeheimnis an einem Zipfel.

Es ist vielleicht einfach ausgedrückt, aber es ist so gemeint, daß man gar nicht anders kann, wenn man das Denken wirklich erlebt, daß man sich fühlt nicht mehr außer dem Weltgeheimnis, sondern im Weltgeheimnis drinnen, daß man sich fühlt nicht mehr außerhalb des Göttlichen, sondern im Göttlichen. Erfaßt man das Denken in sich, so erfaßt man das Göttliche in sich.

Diesen Punkt konnte man nicht erfassen. Denn erfaßt man ihn wirklich, hat man sich Mühe gegeben, das Denk-Erlebnis zu haben, dann steht man eben nicht mehr in der Welt drinnen, in der man vorher drinnen gestanden hat, sondern man steht in der ätherischen Welt drinnen. Man steht in einer Welt drinnen, von der man weiß: sie ist nicht von da und dort im physischen Erdenraum bedingt, sondern sie ist bedingt von der ganzen Weltensphäre. Man steht in der ätherischen Weltensphäre drinnen. Man kann nicht mehr zweifeln an der Gesetzmäßigkeit der Weltenäthersphäre, wenn man das Denken so erfaßt hat, wie es in der «Philosophie der Freiheit» erfaßt ist. So daß da erreicht ist dasjenige, was man ätherisches Erleben nennen kann. Daher wird es einem so, wenn man in dieses Erleben hineinkommt, daß man einen eigentümlichen Schritt in seinem ganzen Leben macht.

Ich möchte diesen Schritt so charakterisieren: Wenn man im gewöhnlichen Bewußtsein denkt, denkt man, wenn man hier in diesem Raume ist, Tische, Stühle, selbstverständlich Menschen und so weiter; man denkt vielleicht auch noch etwas anderes, aber man denkt die Dinge, die außerhalb sind. Also sagen wir - es sind da verschiedene Dinge außerhalb -, man umfaßt gewissermaßen mit seinem Denken von dem Mittelpunkt seines Wesens aus diese Dinge. Dessen ist sich ja jeder Mensch bewußt: er will mit seinem Denken die Dinge der Welt umfassen.

Kommt man aber dazu, dieses eben charakterisierte Denk-Erlebnis zu haben, dann ergreift man nicht die Welt; man hockt auch, möchte ich sagen, nicht in seinem Ichpunkte bloß drinnen, sondern es passiert etwas ganz anderes. Man bekommt das Gefühl, das ganz richtige Gefühlserlebnis, daß man mit seinem Denken, das eigentlich nicht an irgendeinem Orte ist, nach dem Innern alles erfaßt. Man fühlt: man tastet den inneren Menschen ab. So wie man mit dem gewöhnlichen Denken, ich möchte sagen, geistige Fühlfäden nach außen streckt, so streckt man mit seinem Denken, mit diesem Denken, das in sich selbst sich erlebt, fortwährend sich in sich selber hinein. Man wird Objekt, man wird sich Gegenstand.

Das ist eben ein sehr wichtiges Erlebnis, das man haben kann, daß man weiß: du hast früher immer die Welt erfaßt; jetzt mußt du, indem du das Denk-Erlebnis hast, dich selbst erfassen. Da ergibt sich im Laufe dieses recht starken Sich-selbst-Erfassens, daß man die Haut sprengt. Und ebenso, wie man sich innerlich erfaßt, so erfaßt man von innen aus eben den ganzen Weltenäther, nicht in seinen Einzelheiten selbstverständlich, aber man kommt zur Gewißheit: dieser Äther ist ausgebreitet über die Weltensphäre, in der man drinnen ist, in der man zugleich drinnen ist mit Sternen, Sonne und Mond und so weiter...

Nehmen wir die erste Empfindung, die man durch das Denken als inneres Erlebnis haben kann, dann wird es durch dieses Erlebnis weit; es hört ganz auf das Gefühl, im engen Räume dazustehen. Das Erleben des Menschen wird weit; man fühlt ganz bestimmt: in unserem Innern ist ein Punkt, der in die ganze Welt hinausgeht, der von derselben Substanz ist, wie die ganze Welt. Man fühlt sich eins mit der ganzen Welt, mit dem Ätherischen der Welt. Aber man fühlt auch, wenn man hier auf der Erde steht, da wird einem der Fuß, das Bein von der Schwerkraft der Erde hinuntergezogen; man fühlt, man ist mit seinem ganzen Menschen an diese Erde gebunden. In dem Momente, wo man dieses Denk-Erlebnis hat, fühlt man nicht mehr das Verbundensein mit der Erde, sondern man fühlt sich abhängig von den Weiten der Weltensphäre. Alles kommt von den Weiten herein (Zeichnung: Pfeile); nicht von unten herauf, gewissermaßen vom Mittelpunkt der Erde nach aufwärts, alles kommt von den Weiten herein. Und man fühlt schon am Menschen: es muß, gerade wenn man den Menschen verstehen will, auch dieses Gefühl des Von-den-Weiten-Hereinkommens da sein. (Siehe Zeichnung)

Das erstreckt sich eben bis in die Erfassung der Menschengestalt. Wenn ich bildhauerisch oder malerisch die Menschengestalt erfassen will, so kann ich eigentlich nur diesen unteren Teil des Kopfes der Menschengestalt so erfassen, daß ich ihn mir gebildet denke hervorgehend aus dem Räumlich-Inneren, aus dem Körperhaft-Inneren des Menschen. Ich werde nicht den rechten Geist in die Sache hineinbringen, wenn ich nun nicht in der Lage bin, den oberen Teil so zu machen, daß ich ihn mir von außen herangetragen denke. Das alles ist von innen nach außen (siehe Pfeile); das aber (oberer Kopfteil) ist von außen nach innen gebildet.

Unsere Stirne, unser Oberkopf ist eigentlich immer daraufgesetzt. Wer mit künstlerischem Verständnis die Malereien in der kleinen Kuppel gesehen hat in dem zugrunde gegangenen Goetheanum, der wird immer gesehen haben, wie dies überall durchgeführt war: das untere Antlitz gewissermaßen als etwas vom Menschen Herausgewachsenes, das Obere des Kopfes etwas von dem Kosmos ihm Gegebenes. In Zeiten, in denen man solche Dinge empfunden hat, war das besonders rege. Sie werden niemals eine wirkliche griechische plastische Kopfform verstehen, ohne daß Sie diese Empfindung in sie hineinzulegen verstehen, denn die Griechen haben aus solchen Empfindungen heraus geschaffen.

Und so fühlt man sich eben wie verbunden mit dem Umkreis im Denk-Erlebnis.

Und nun könnte man glauben, das setzte sich einfach so fort, man käme eben noch weiter hinaus, wenn man nun weitergeht vom Denken, vom Denk-Erlebnis bis zum Erinnerungserlebnis. Das ist aber nicht so, sondern es ist anders. Wenn Sie dieses Denk-Erlebnis wirklich in sich entwickeln, haben Sie ja durch das Denk-Erlebnis zuletzt den Eindruck der dritten Hierarchie: Angeloi, Archangeloi, Archai. So wie Sie sich in der Schwere, in der Verarbeitung der Nahrungsmittel durch die Verdauung und so weiter das menschliche körperliche Erlebnis hier auf Erden vorstellen können, so können Sie sich die Bedingungen, unter denen die Wesen der dritten Hierarchie leben, vorstellen, wenn Sie durch dieses Denk-Erlebnis, statt daß Sie auf der Erde herumgehen, sich fühlen als getragen von Kräften, die da aus dem Weltenende an Sie herankommen.

Denkerlebnis: 3. Hierarchie [2]

(siehe auch -> Denken, Das Gehirn als Spiegelungsapparat für das Denken, -> Denken, die Vernunft als keimhafter Beginn des neuen Hellsehens, -> Denken, der Schlafzustand des Kopfes und die künftige Metamorphose der Hände zu neuen Denkorganen)

Lit.:
[1]Aristoteles, Metaphysik, II. Teil, VII. Das Absolute, 2. Das absolute Prinzip
[2]Rudolf Steiner, Mysteriengestaltungen, GA 232 (1998), S 11 ff., Erster Vortrag, Dornach, 23. November 1923


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=237letzte Änderung: 2002-11-20


Denken
die Durchdringung des reinen Denkens mit dem Willen und des Willens mit dem Denken

"Ich möchte zurückverweisen auf mein Buch «Philosophie der Freiheit», das ja vor drei Jahrzehnten der Öffentlichkeit übergeben worden ist. Und ich möchte darauf aufmerksam machen, daß ich in diesem Buche bereits hingewiesen habe auf eine besondere Art des Denkens, die anders ist als diejenige, die man gewöhnlich heute zugibt. Wenn man heute vom Denken spricht, gerade wenn man in maßgebendsten Kreisen vom Denken spricht, dann verbindet man mit diesem Begriffe vom Denken den einer gewissen Passivität in der Haltung des Menschengeistes. Man übergibt sich als Menschengeist der äußeren Beobachtung, man beobachtet oder experimentiert, und man verknüpft die Beobachtungen durch das menschliche Denken, kommt dabei zu Naturgesetzen, streitet vielleicht auch über die Geltung dieser Naturgesetze, über ihre metaphysische oder bloß physische Bedeutung. Aber etwas anderes ist, diese Gedanken, die man sich so an der Natur macht, zu haben - oder sich nun wirklich aufzuklären darüber, wie man sich als Mensch verhält zu diesen Gedanken, die man sich bildet über die Natur, die man sich, so wie man sie heute über die Natur sich bildet, erst in der neuesten Zeit bilden kann. Denn die Naturgedanken einer älteren Zeit - noch des 13., 12., 11. nachchristlichen Jahrhunderts - waren eben in bezug auf die menschliche Seelenhaltung ganz andere. Denken heißt für den Menschen von heute, passiv die Erscheinungen verfolgen und über ihre Regelmäßigkeit oder Unregelmäßigkeit sich eben Vorstellungen zu bilden. Man läßt die Gedanken gewissermaßen an den Erscheinungen auftreten, man läßt sie passiv anwesend sein in der menschlichen Seele. Demgegenüber habe ich in meiner «Philosophie der Freiheit» das aktive Element im menschlichen Denken betont, habe betont, wie der Wille einschlägt in das Gedankenelement, wie man gewahr werden kann die eigene innere Tätigkeit im sogenannten reinen Denken, indem ich zugleich gezeigt habe, daß aus diesem reinen Denken herausfließt alles dasjenige, was in Wirklichkeit moralische Impulse sein können. So daß ich also den Einschlag des Willens in die passive Gedankenwelt, dadurch die Auferweckung der passiven Gedankenwelt zu etwas, was der Mensch innerlich tätig, aktiv verrichtet, aufzuzeigen versucht habe.

Was für eine Art von Lesen war nun vorausgesetzt bei dieser «Philosophie der Freiheit»? Bei dieser «Philosophie der Freiheit» war eine besondere Art des Lesens vorausgesetzt. Es war vorausgesetzt, daß der Leser, während er das Buch liest, eine Art inneren Erlebnisses durchmacht, welches man wirklich äußerlich vergleichen kann mit dem Aufwachen, das man morgens früh erlebt, wenn man vom Schlaf- in den Wachzustand übergeht. Man sollte sich gewissermaßen so fühlen: In dem passiven Denken habe ich auf einer höheren Stufe der Welt gegenüber doch nur geschlafen, jetzt wache ich auf -, so wie man des Morgens, wenn man aufwacht, weiß: Du bist passiv im Bette gelegen, du hast dich hingegeben dem Lauf des Naturgeschehens in deinem Leibe, du fängst jetzt an, innerlich tätig zu sein, du verbindest jetzt die Tätigkeit deiner Sinne mit dem, was draußen in der tönenden, farbigen Welt vorgeht, du verbindest jetzt die Tätigkeit deines eigenen Leibes mit deinen Intentionen. - Dieses Moment des Übergehens aus einem bloßen Erleiden in ein Tätigsein, das ist es, was auf einer höheren Stufe in ähnlicher Weise beim Lesen der «Philosophie der Freiheit» in dem Menschen auftauchen sollte. Er sollte sich gewissermaßen sagen: Ja, ich habe bisher gedacht, aber dieses Denken bestand eigentlich darin, daß ich die Gedanken in mir strömen ließ, ich gab mich hin dem Strom der Gedanken. Jetzt beginne ich Stück für Stück meine innere Tätigkeit zu verbinden mit dem Gedanken; jetzt ist es so mit den Gedanken, wie wenn ich des Morgens aufwache und die Tätigkeit meiner Sinne verbinde mit der Farben- und Tonwelt oder die Tätigkeit meines Organismus verbinde mit meinem Willen. - Dadurch aber, daß man ein solches Aufwache-Erlebnis hat - ich habe darauf hingedeutet in meinem Buche «Vom Menschenrätsel», da wo ich über Johann Gottlieb Fichte spreche -, kommt man zu einer Seelenhaltung, die eben durchaus eine andere Seelenhaltung ist als diejenige, die heute die gewöhnliche ist. Diese Seelenhaltung aber, zu der man da kommt, die führt einen nach und nach nicht bloß zu einer Erkenntnis, die man auf Autorität hinzunehmen hat, sondern sie führt einen dazu, sich zu sagen: Ja, was sind denn diese Gedanken, die du früher gehabt hast, und was ist denn die Tätigkeit, die du jetzt in deine passiven Gedanken, in die Gedanken, die du bloß zu erleiden hattest, hast hineinschlagen lassen? Was ist denn dasjenige, was da in dein früheres Denken hineingefahren ist, so wie das seelisch-geistige Leben des Morgens in den Leib fährt? -Ich meine damit nichts anderes als die äußere Tatsache des Aufwachens. Da kommt man eben dazu, ein Erlebnis zu haben über das Denken, welches man gar nicht haben kann, solange man nicht das Denken auch als Lebendiges, als Aktives kennenlernt.

Solange man bloß auf das passive Denken hinblickt, ist einem eben das Denken dasjenige, was sich im Menschenleibe entwickelt, wenn dieser Menschenleib durch seine Sinne die äußeren Dinge ansieht. Läßt man aber in dieses passive Denken hineinfahren die Aktivität des inneren Menschen, dann kann man dasjenige, was man früher gehabt hat, mit etwas anderem vergleichen; dann kann man erst anfangen, über das Wesen dieses passiven Denkens sich aufzuklären. Und dann kommt man dazu, daß dieses passive Denken ja eigentlich im Seelenleben sich so ausnimmt wie ein Leichnam eines Menschen in der physischen Welt. Wenn man den Leichnam eines Menschen in der physischen Welt hat, dann sagt man sich: So etwas kann ja nicht primär entstehen; es kann durch keine gewöhnlichen Naturgesetze eine solche Zusammenfügung der Materien stattfinden, wie sie da in einem Leichnam vor mir liegt. Diese Zusammenfügung der Materien ist nur dadurch möglich, daß der Leichnam früher belebt war von einem Menschenwesen, daß er ein Rest ist, daß er übriggeblieben ist von einem belebten Menschen, der diesen Leib an sich getragen hat. - Der Leichnam als solcher ist nur erklärlich unter der Voraussetzung des früher vorhandenen lebendigen Menschen. Vor seinem passiven Denken steht der Mensch so, wie ein Wesen, das niemals Menschen gesehen hätte, sondern nur Leichname. Ein solches Wesen müßte alle Leichname als ebenso viele Wunder empfinden; denn sie könnten gar nicht entstehen aus dem, was in der übrigen Natur um die Leichname herum ist. So lernt man - in dem Augenblicke, wo das aktive Element des Seelenlebens in das Denken hineinschießt - das Denken erst erkennen als etwas, was ein Rest ist. Man lernt es erkennen als Rest von etwas. Das gewöhnliche Denken ist tot, es ist ein Seelenleichnam, und man muß aufmerksam werden auf diesen Seelenleichnam dadurch, daß man das eigene Leben der Seele hineinschießen läßt und den Leichnam, das abstrakte Denken nun in seiner Lebendigkeit kennenlernt. Will man einen Leichnam verstehen, so muß man daneben einen lebendigen Menschen anschauen. Will man das gewöhnliche Denken verstehen, so muß man sich sagen: Es ist tot, es ist ein Seelenleichnam, und das Lebendige davon war in dem vorirdischen Leben; da lebte die Seele ohne den Leib in der Lebendigkeit dieses Denkens, und das, was mir geblieben ist hier im irdischen Leben, das muß ich betrachten wie den Seelenleichnam der lebendigen Seele des vonrdischen Lebens.

Das wird innere Erfahrung. Darüber kann man sich innerlich aufklären, wenn man eben den Willen hineinschießen läßt in das Denken. In der Art muß man dieses Denken schon betrachten, indem man im Sinne der heutigen Menschheitsentwickelung die ethischen, die moralischen Impulse im reinen Denken aufsucht. Dann kommt man dazu, durch das reine Denken selber hinausgehoben zu werden aus seinem Leib in eine Welt, die nicht die irdische ist, und man weiß jetzt: Das, was du in deinem lebendigen Denken hast, das geht eigentlich diese physische Welt zunächst nichts an, aber es ist eine Realität; das geht eine Welt an, die deine Augen hier nicht sehen, in der du warst, bevor du in deinen physischen Leib heruntergestiegen bist. Das geht eine geistige Welt an. Und man kommt zuletzt dazu, sich aufzuklären darüber, daß auch die Gesetze unseres Planetensystems solche sind, daß sie mit der Welt, in die man nun hineinversetzt ist durch das belebte Denken, nichts zu tun haben. So daß man bis zum Ende des Planetensystems - ich will absichtlich im alten Sinne die Sache charakterisieren - gehen muß, um in eine Welt zu kommen, für die dasjenige eine Bedeutung hat, was man im lebendigen Denken erfaßt. Das heißt, man muß über den Saturn hinaus gehen, um die Welt zu finden, auf die jetzt die lebendigen Gedanken anwendbar sind, aber in der dasjenige zu finden ist, was aus dem Universum herein auch auf unserer Erde schöpferisch ist. - Jetzt hat man einen ersten Schritt gemacht in dem Zeitalter, das sich sonst nur versetzt fühlt auf das Staubkorn Erde im Weltenraum, jetzt hat man einen ersten Schritt gemacht, um wiederum hinauszugehen in das Weltenall, um ein Mittel zu haben, da draußen wiederum etwas schauen zu können, etwas schauen zu können mit dem lebendigen Denken. Man kommt jenseits des Planetensystems.

Und betrachtet man in der Weise, wie ich es in meiner «Philosophie der Freiheit» getan habe, weiter den menschlichen Willen - ich habe in dieser «Philosophie der Freiheit» mich beschränken wollen auf die bloß sinnengemäße Welt, bin erst in den folgenden Schriften weitergegangen, weil die Dinge ja nach und nach entwickelt werden mußten -, so kommt man dazu, daß ebenso wie in das passive Denken, in das Denken, das man nur zu erleiden hat, der Wille einschlägt und man hinausgeführt wird über den Saturn in das Universum, daß man ebenso, indem man in den Willen sich hineinvertieft, so, daß man gewissermaßen mit seinem ganzen Wesen ruhig wird, wie ein ruhender Pol in der Bewegtheit der Willenswelt, die man sonst entfaltet, man nach der andern Seite weiterkommt. Wenn wir innerhalb unseres Leibes wollen, sind wir eigentlich in Bewegung. Selbst wenn das Wollen nur ein Wunsch ist, so liegt eine innere Stoffbewegung vor. Wollen ist, so wie es beim Menschen für das gewöhnliche Bewußtsein auftritt, Bewegung. Der Mensch ist gewissermaßen in die Bewegung der Welt hineinversetzt, indem er will. Gelingt es einem nun durch jene Übungen, die ich angegeben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», dieser Bewegung, in der man innerhalb des Wollens steht, die Ruhe des eigenen Wesens entgegenzusetzen, gelingt es einem, wenn ich mich bildlich ausdrücken will, in der Seele stehenzubleiben, während man mit dem Leibe im Räume geht - es ist nur ein Bild, es muß angewendet werden auf alle Betätigungen des Willens -, gelingt es einem, in der Welt tätig zu sein und in der Seele ruhig zu bleiben, gewissermaßen die eigene Tätigkeit sich fortbewegen zu lassen und ruhig zuzuschauen seiner eigenen Tätigkeit: dann trägt man das Denken in den Willen hinein wie früher den Willen in das Denken. Dann kommt man nach der andern Seite aus der Welt heraus. Man kommt nämlich dadurch dazu, den Willen zu erkennen als etwas, das nun wiederum sich loslöst von dem physischen Leibe, das sogar einen herausführt aus der gewöhnlichen Erdengesetzmäßigkeit, und man lernt auf diese Weise kennen eine ganz besonders bedeutsame Tatsache bezüglich des Zusammenhanges des Menschen mit dem Universum. Man lernt sich sagen: Du hast in dir allerlei Triebe, Instinkte, Leidenschaften, die schon innerhalb des Willensmäßigen liegen. Aber diese Triebe, Instinkte, Leidenschaften, die beim Leichnam fehlen, die gehören gar nicht der Welt an, die du mit deinen Experimenten erkennen kannst, indem du dich auf die irdische Sinnenwelt beschränkst. Das gehört einer andern Welt an, die in diese Welt hineingestellt ist und die von ihrer Wirksamkeit alles dasjenige zurückwirft, was in dieser Sinneswelt liegt...

Man kommt dazu, nach der andern Seite in das Universum hineinzukommen, nämlich nach der Seite, die äußerlich-physisch durch den Mond charakterisiert wird. So wie der Mond das Sonnenlicht zurückwirft, es nicht aufnimmt, sondern in sich das Sonnenlicht freiläßt, indem er alles zurückstrahlt, so strahlt er auch andere Kräfte des Universums zurück. Er schließt sie aus, er gehört einer andern Welt an, als diejenige ist, durch die wir die Dinge sehen. Wir sehen die Dinge durch das Licht, der Mond strahlt uns das Licht zurück, er nimmt es nicht in sich auf. Wir werden auf der einen Seite durch das Denken, das sich selbst erfaßt in innerer Tätigkeit, bis auf den Saturn hinaufgeführt. Wir werden auf der andern Seite, indem wir den Willen erfassen, in die Mondentätigkeit hineingeführt, lernen den Menschen in Beziehung setzen zum Universum, werden hinausgeführt über das Staubkorn Erde, schwingen wieder unsere Erkenntnis auf zum Universum, finden wiederum etwas im Universum, was verwandt ist demjenigen, was in uns seelisch-geistig lebt. Und wenn wir dann auf der einen Seite das vom Willen durchtränkte aktive Denken in unserer Seelenhaltung haben, auf der andern Seite den vom Denken durchtränkten Willen und uns bewußt geworden sind: auf der einen Seite kommen wir an die Grenze des Planetensystems bis ins Saturnische, auf der andern Seite, innerhalb des Irdischen, aus dem Planetensystem hinaus über das Universum in das Mondenhafte, wenn wir uns fühlen mit unserem Bewußtsein im Universum, so wie wir uns hier auf der Erde mit unserem Bewußtsein im Irdischen fühlen, und dann mit diesem Bewußtsein, das nun, so wie das gewöhnliche Bewußtsein das Irdische miterlebt, das Universell-Himmlische miterlebt, wenn wir mit einem solchen Bewußtsein im Himmlischen darinnenstehen und da das Selbstbewußtsein erlangen, dann taucht die Erinnerung auf an die früher zugebrachten Erdenleben, dann werden die wiederholten Erdenleben eine Tatsache des Weltengedächtnisses, das wir uns angeeignet haben. Man braucht sich nicht zu wundern darüber, daß im Irdischen nicht erinnert werden können die wiederholten Erdenleben; denn dasjenige, was dazwischen liegt, wird ja nicht auf der Erde durchgemacht, und die Wirksamkeit des einen Erdenlebens in das spätere kommt nur dadurch zustande, daß der Mensch sich vom Irdischen erhebt. Wie sollte der Mensch sich an die früheren Erdenleben erinnern, wenn er nicht sich zuerst aufschwingen würde zu einem himmlischen Bewußtsein!

Ich habe heute nur skizzenhaft darüber reden wollen, denn ich habe ja über solche Dinge hier auch schon oftmals geredet. Ich habe gewissermaßen andeuten wollen die Regionen, in denen sich die anthroposophische Forschung bewegt, namentlich in den letzten Jahren bewegt hat. Diejenigen, die prüfen wollen, was hier vorgegangen ist, die werden wissen, wie sich die Haltung meiner Vorträge in den letzten Jahren gerade in solchen Regionen bewegt hat. Es hat sich darum gehandelt, allmählich eine Klärung darüber hervorzurufen, wie man aus dem gewöhnlichen Bewußtsein in ein erhöhtes Bewußtsein hineinkommen kann. Und obwohl ich immer wieder gesagt habe, der gewöhnliche, unbefangene Menschenverstand kann die Ergebnisse der Anthroposophie einsehen, so habe ich auch betont, daß für jeden heute zugänglich ist eine solche Bewußtseinshaltung, durch die er unmittelbar selber ein neues Denken und ein neues Wollen erreicht, wodurch er sich hineinversetzt fühlt in diejenige Welt, von der Anthroposophie redet. Dasjenige, was notwendig gewesen wäre, das ist, daß man abgekommen wäre davon, so etwas wie meine «Philosophie der Freiheit» mit derselben Seelenhaltung zu lesen, wie man etwa andere philosophische Darstellungen liest. Man hätte sie in der Seelenhaltung lesen müssen, durch die man aufmerksam wird darauf, daß man in eine ganz andere Art des Denkens, des Anschauens und des Wollens hineinkommt. Dann aber würde man gewußt haben: Man erhebt sich mit dieser andern Bewußtseinshaltung von der Erde in eine andere Welt hinein, und dann entspringt aus dem Bewußtsein einer solchen Seelenhaltung eben jene innere Festigkeit, welche mit Überzeugung reden darf von demjenigen, was die Geistesforschung ergründen kann. Liest man die «Philosophie der Freiheit» in richtigem Sinne, dann redet man über das, was der Geistesforscher zu sagen hat, der eben mehr ergründen kann als dasjenige, was der Anfänger kann, mit Sicherheit, mit innerer Überzeugung. Aber ein solcher Anfänger, wie ich ihn jetzt charakterisiert habe, kann eben schon durch das richtige Lesen der «Philosophie der Freiheit» jeder werden. Dieser Anfänger kann dann von dem Ausführlicheren, das der entwickelte Geistesforscher sagen kann, so reden wie derjenige, der Chemie gelernt hat, von Forschungsresultaten redet, die er auch nicht angesehen hat, von denen er aber weiß aus dem, was er gelernt hat, aus dem, wie man über die Sachen redet und wie sie der realen Sphäre des Lebens angehören. Immer kommt es darauf an, wenn es sich um Anthroposophie handelt, daß eine gewisse Seelenhaltung eintritt, nicht bloß das Behaupten eines andern Weltbildes, als man es im gewöhnlichen Bewußtsein hat. Das hat man eben nicht mitgemacht, die «Philosophie der Freiheit» anders zu lesen, als andere Bücher gelesen werden. Und das ist es, worauf es ankommt, und das ist es, worauf jetzt mit aller Schärfe hingewiesen werden muß, weil sonst eben einfach die Entwickelung der Anthroposophischen Gesellschaft ganz und gar zurückbleibt hinter der Entwickelung der Anthroposophie. Dann muß die Anthroposophie auf dem Umwege durch die Anthroposophische Gesellschaft von der Welt ja gänzlich mißverstanden werden, und dann kann nichts anderes herauskommen als Konflikt über Konflikt!"[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Anthroposophische Gemeinschaftsbildung, GA 257 (1989), S 51 ff., Dritter Vortrag, Stuttgart, 6. Februar 1923


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=242letzte Änderung: 2002-11-30


Denken
imaginatives Denken; platonische «Ideenschau» der geistigen Urbilder

"Dieses Denken, das fassen ... eigentlich als unser bloßes Eigentum auf, denn nicht nur, daß das Sprichwort besteht, Gedanken seien zollfrei, womit angedeutet werden soll, daß Gedanken wirklich nur Bedeutung haben für unser Einzelindividuum, sondern es besteht ja auch in weitesten Kreisen das Bewußtsein, daß jeder mit seinem Denken nur einen inneren Vorgang ausführt, daß dieses Denken mehr oder weniger nur eine Bedeutung für ihn selbst hat. Die Wirklichkeit ist aber eine ganz andere. Dieses Denken ist eigentlich ein Vorgang unseres Ätherleibes. Und von dem, was eigentlich geschieht beim Denken, weiß der Mensch das Allerwenigste. Das Allerwenigste von dem, was geschieht in seinem Denken, begleitet der Mensch mit seinem Bewußtsein. Indem der Mensch denkt, weiß er ja einiges von dem, was er denkt. Aber unendlich viel mehr wird als begleitendes Denken entfaltet schon beim Tagesdenken. Und dazu kommt, daß wir in der Nacht, wenn wir schlafen, fortdenken. Es ist nicht wahr, daß das Denken mit dem Einschlafen aufhört und mit dem Aufwachen wieder anfängt. Das Denken dauert fort. Und unter den mancherlei Traumesvorgängen, Vorgängen des Traumlebens, sind auch diese, daß der Mensch beim Aufwachen mit seinem Ich und astralischen Leib in seinen Ätherleib und physischen Leib untertaucht. Da taucht er unter und kommt in ein Gewoge hinein, in ein webendes Leben, von dem er, wenn er nur ein wenig zuschaut, wissen kann: das sind webende Gedanken, da tauche ich unter wie in ein Meer, das nur aus webenden Gedanken besteht. Mancher hat schon beim Aufwachen dann sich gesagt: Wenn ich mich nur erinnern könnte, was ich da gedacht habe, das war etwas sehr Gescheites, das würde mir ungeheuer viel helfen, wenn ich es mir jetzt erinnern könnte! Das ist kein Irrtum. Da unten ist wirklich etwas wie ein wogendes Meer; das ist eben die wogende, webende, ätherische Welt, die nicht so bloß eine etwas dünnere Materie ist, wie es so gerne die englische Theosophie darstellt, sondern die webende Gedankenwelt selbst ist, wirklich Geistiges ist. Man taucht in eine webende Gedankenwelt unter.

Das, was wir als Menschen sind, ist wirklich viel gescheiter als das, was wir als bewußte Menschen sind. Da bleibt nichts übrig, als es zu gestehen. Es wäre auch traurig, wenn wir nicht unbewußt gescheiter wären, als wir bewußt sind, denn sonst könnten wir nichts tun, als uns in jedem Leben auf der gleichen Stufe der Gescheitheit zu wiederholen. Aber wir tragen in der Tat schon im gegenwärtigen Leben mit uns, was wir werden können im nächsten Leben; denn das wird die Frucht sein. Und würden wir wirklich immer imstande sein, das zu erhäschen, in das wir da untertauchen, so würden wir viel erhaschen von dem, was wir im nächsten Leben sein werden. Also da unten wogt es und webt es; da ist der Keim für unsere nächste Verkörperung, und das nehmen wir in uns auf. Daher das Prophetische des Traumlebens. Das Denken ist etwas ungeheuer Kompliziertes, und nur einen Teil von dem, was da im Denken vor sich geht, nimmt der Mensch in sein Bewußtsein auf. Denn im Gedanken geht vor sich, was einen Zeitenprozeß bedeutet. Indem wir wachen Sinnes wahrnehmen, sind wir zugleich kosmische Menschen. Unser Vorgang des Sehens bewirkt das Leuchten, da sind wir kosmische Raumesmenschen. Durch das, was im Denken sich vollzieht, sind wir kosmische Zeitenmenschen, da wirkt alles mit, was schon vor unserer Geburt geschehen ist, was nach unserem Tode geschieht und so weiter. So nehmen wir durch unser Denken am ganzen kosmischen Prozeß der Zeit teil, durch unser Sinneswahrnehmen am ganzen kosmischen Prozeß des Raumes. Und nur der irdische Prozeß des Sinneswahrnehmens ist für uns selber...

Sowie man dem Denken jene Abstraktheit abstreift, die es für unser Bewußtsein hat, und untertaucht in jenes Meer der webenden Gedankenwelt, kommt man in die Notwendigkeit, dadrinnen nicht nur solche abstrakte Gedanken zu haben wie der Erdenmensch, sondern dadrinnen Bilder zu haben. Denn aus Bildern ist alles geschaffen, Bilder sind die wahren Ursachen der Dinge, Bilder liegen hinter allem, was uns umgibt, und in diese Bilder tauchen wir ein, wenn wir in das Meer des Denkens eintauchen. Diese Bilder hat Plato gemeint, diese Bilder haben alle gemeint, die von geistigen Urgründen gesprochen haben, diese Bilder hat Goethe gemeint, wenn er von seiner Urpflanze sprach. Diese Bilder findet man im imaginativen Denken. Aber dieses imaginative Denken ist eine Wirklichkeit, und darin tauchen wir ein, wenn wir in das wogende, im Strom der Zeit dahingehende Denken eintauchen."[1]

Ohne selbst über geisteswissenschaftliche Kenntnisse zu verfügen, kam der österreichische Quantenphysisker -> Wolfgang Pauli (1900 - 1958) aus seinen persönlichen Erfahrungen zu einer ähnlichen Darstellung:

"Wenn man die vorbewusste Stufe der Begriffe analysiert, findet man immer Vorstellungen, die aus «symbolischen» Bildern mit im allgemeinen starkem emotionalen Gehalt bestehen. Die Vorstufe des Denkens ist ein malendes Schauen dieser inneren Bilder, deren Ursprung nicht allgemein und nicht in erster Linie auf Sinneswahrnehmungen ... zurückgeführt werden kann ...

Die archaische Einstellung ist aber auch die notwendige Voraussetzung und die Quelle der wissenschaftlichen Einstellung. Zu einer vollständigen Erkenntnis gehört auch diejenige der Bilder, aus denen die rationalen Begriffe gewachsen sind. ... Das Ordnende und Regulierende muss jenseits der Unterscheidung von «physisch» und «psychisch» gestellt werden - so wie Platos's «Ideen» etwas von Begriffen und auch etwas von «Naturkräften» haben (sie erzeugen von sich aus Wirkungen). Ich bin sehr dafür, dieses «0rdnende und Regulierende» «Archetypen» zu nennen; es wäre aber dann unzulässig, diese als psychische Inhalte zu definieren. Vielmehr sind die erwähnten inneren Bilder («Dominanten des kollektiven Unbewussten» nach Jung) die psychische Manifestation der Archetypen, die aber auch alles Naturgesetzliche im Verhalten der Körperwelt hervorbringen, erzeugen, bedingen müssten. Die Naturgesetze der Körperwelt wären dann die physikalische Manifestation der Archetypen. ... Es sollte dann jedes Naturgesetz eine Entsprechung innen haben und umgekehrt, wenn man auch heute das nicht immer unmittelbar sehen kann."[2]

Rudolf Steiner charakterisiert das Wesen dieser Urbilder so:

Vor allen Dingen muß betont werden, daß diese Welt aus dem Stoffe (auch das Wort «Stoff» ist natürlich hier in einem sehr uneigentlichen Sinne gebraucht) gewoben ist, aus dem der menschliche Gedanke besteht. Aber so wie der Gedanke im Menschen lebt, ist er nur ein Schattenbild, ein Schemen seiner wirklichen Wesenheit. Wie der Schatten eines Gegenstandes an einer Wand sich zum wirklichen Gegenstand verhält, der diesen Schatten wirft, so verhält sich der Gedanke, der durch den menschlichen Kopf erscheint, zu der Wesenheit im «Geisterland», die diesem Gedanken entspricht. Wenn nun der geistige Sinn des Menschen erweckt ist, dann nimmt er diese Gedankenwesenheit wirklich wahr, wie das sinnliche Auge einen Tisch oder einen Stuhl wahrnimmt. Er wandelt in einer Umgebung von Gedankenwesen. Das sinnliche Auge nimmt den Löwen wahr und das auf Sinnliches gerichtete Denken bloß den Gedanken des Löwen als ein Schemen, als ein schattenhaftes Bild. Das geistige Auge sieht im «Geisterland» den Gedanken des Löwen so wirklich wie das sinnliche den physischen Löwen. Wieder kann hier auf das schon bezüglich des «Seelenlandes» gebrauchte Gleichnis verwiesen werden. Wie dem operierten Blindgeborenen auf einmal seine Umgebung mit den neuen Eigenschaften der Farben und Lichter erscheint, so erscheint demjenigen, der sein geistiges Auge gebrauchen lernt, die Umgebung mit einer neuen Welt erfüllt, mit der Welt lebendiger Gedanken oder Geistwesen. – In dieser Welt sind nun zunächst die geistigen Urbilder aller Dinge und Wesen zu sehen, die in der physischen und in der seelischen Welt vorhanden sind. Man denke sich das Bild eines Malers im Geiste vorhanden, bevor es gemalt ist. Dann hat man ein Gleichnis dessen, was mit dem Ausdruck Urbild gemeint ist. Es kommt hier nicht darauf an, daß der Maler ein solches Urbild vielleicht nicht im Kopfe hat, bevor er malt; daß es erst während der praktischen Arbeit nach und nach vollständig entsteht. In der wirklichen «Welt des Geistes» sind solche Urbilder für alle Dinge vorhanden, und die physischen Dinge und Wesenheiten sind Nachbilder dieser Urbilder. – Wenn derjenige, welcher nur seinen äußeren Sinnen vertraut, diese urbildliche Welt leugnet und behauptet, die Urbilder seien nur Abstraktionen, die der vergleichende Verstand von den sinnlichen Dingen gewinnt, so ist das begreiflich; denn ein solcher kann eben in dieser höheren Welt nicht wahrnehmen; er kennt die Gedankenwelt nur in ihrer schemenhaften Abstraktheit. Er weiß nicht, daß der geistig Schauende mit den Geisteswesen so vertraut ist wie er selbst mit seinem Hunde oder seiner Katze und daß die Urbilderwelt eine weitaus intensivere Wirklichkeit hat als die sinnlich-physische.

    Allerdings ist der erste Einblick in dieses «Geisterland» noch verwirrender als derjenige in die seelische Welt. Denn die Urbilder in ihrer wahren Gestalt sind ihren sinnlichen Nachbildern sehr unähnlich. Ebenso unähnlich sind sie aber auch ihren Schatten, den abstrakten Gedanken. – In der geistigen Welt ist alles in fortwährender beweglicher Tätigkeit*, in unaufhörlichem Schaffen. Eine Ruhe, ein Verweilen an einem Orte, wie sie in der physischen Welt vorhanden sind, gibt es dort nicht. Denn die Urbilder sind schaffende Wesenheiten. Sie sind die Werkmeister alles dessen, was in der physischen und seelischen Welt entsteht. Ihre Formen sind rasch wechselnd; und in jedem Urbild liegt die Möglichkeit, unzählige besondere Gestalten anzunehmen. Sie lassen gleichsam die besonderen Gestalten aus sich hervorsprießen; und kaum ist die eine erzeugt, so schickt sich das Urbild an, eine nächste aus sich hervorquellen zu lassen. Und die Urbilder stehen miteinander in mehr oder weniger verwandtschaftlicher Beziehung. Sie wirken nicht vereinzelt. Das eine bedarf der Hilfe des andern zu seinem Schaffen. Unzählige Urbilder wirken oft zusammen, damit diese oder jene Wesenheit in der seelischen oder physischen Welt entstehe."[3]

Immanuel Kant hielt einen solchen intellectus archetypus, der der unmittelbaren Anschauung der Urbilder fähig ist zwar prinzipiell für möglich, meinte jedoch, dass sich der Mensch niemals zu diesem erheben könne. Goethe dachte anders:

"Als ich die Kantische Lehre, wo nicht zu durchdringen, doch möglichst zu nutzen suchte, wollte mir manchmal dünken, der köstliche Mann verfahre schalkhaft ironisch, in dem er bald das Erkenntnisvermögen aufs engste einzuschränken bemüht schien, bald über die Grenzen, die er selbst gezogen hatte, mit einem Seitenwink hinausdeutete. Er mochte freilich bemerkt haben, wie anmaßend und naseweis der Mensch verfährt, wenn er behaglich, mit wenigen Erfahrungen ausgerüstet, sogleich unbesonnen abspricht und voreilig etwas festzusetzen, eine Grille, die ihm durchs Gehirn läuft, den Gegenständen aufzuheben trachtet. Deswegen beschränkt unser Meister seinen Denkenden auf eine reflektierende diskursive Urteilskraft, untersagt ihm eine bestimmende ganz und gar. Sodann aber, nachdem er uns genugsam in die Enge getrieben, ja zur Verzweiflung gebracht, entschließt er sich zu den liberalsten Äußerungen und überläßt uns, welchen Gebrauch wir von der Freiheit machen wollen, die er einigermaßen zugesteht. In diesem Sinne war mir folgende Stelle höchst bedeutend:

«Wir können uns einen Verstand denken, der, weil er nicht wie der unsrige diskursiv, sondern intuitiv ist, vom synthetisch Allgemeinen, der Anschauung eines Ganzen als eines solchen, zum Besondern geht, das ist, von dem Ganzen zu den Teilen: Hierbei ist gar nicht nötig zu beweisen, daß ein solcher intellectus archetypus möglich sei, sondern nur, daß wir in der Dagegenhaltung unseres diskursiven, der Bilder bedürftigen Verstandes (intellectus ectypus) und der Zufälligkeit einer solchen Beschaffenheit auf jene Idee eines intellectus archetypus geführt werden, diese auch keinen Widerspruch enthalte.»[4]

Zwar scheint der Verfasser hier auf einen göttlichen Verstand zu deuten, allein wenn wir ja im sittlichen, durch Glauben an Gott, Tugend und Unsterblichkeit uns in eine obere Region erheben und an das erste Wesen annähern sollen: so dürft' es wohl im Intellektuellen derselbe Fall sein, daß wir uns, durch das Anschauen einer immer schaffenden Natur zur geistigen Teilnahme an ihren Produktionen würdig machten. Hatte ich doch erst unbewußt und aus innerem Trieb auf jenes Urbildliche, Typische rastlos gedrungen, war es mir sogar geglückt, eine naturgemäße Darstellung aufzubauen, so konnte mich nunmehr nichts weiter verhindern, das Abenteuer der Vernunft, wie es der Alte vom Königsberge selbst nennt, mutig zu bestehen."[5]

Rudolf Steiner machte aber auch deutlich, dass diese Art des imaginativen Denkens, die geistige Wahrnehmung der Urbilder, zeitweise in den Hintergrund treten musste, damit sich der Mensch im abstrakten bildlosen -> Intellekt zum selbstständigen Denken emporringen konnte. Die Reste des alten Hellsehens, das in der platonischen Ideenschau noch nachwirkte, mussten zunächst verblassen:

"Die alte Zeit hat noch Überbleibsel gehabt vom alten Hellsehen, durch das in uralter Zeit die Menschen hineingeschaut haben in die geistige Welt, wo sie wirklich gesehen haben, wie es der Mensch tut, wenn er mit Ich und astralischem Leib draußen ist aus dem physischen und Ätherleib und im Kosmos draußen. Da würde der Mensch nie zur vollen Freiheit gekommen sein, zur Individualität; Unselbständigkeit wäre eingetreten, wenn es beim alten Hellsehen geblieben wäre. Der Mensch mußte das alte Hellsehen verlieren; er mußte gleichsam Besitz ergreifen von seinem physischen Ich. Das Denken, das er entwickeln würde, wenn er das ganze Gewoge unter dem Bewußtsein sehen würde, das als Denken, Fühlen, Wollen dort vorhanden ist, das würde ein himmlisches Denken sein, aber nicht das selbständige Denken. Wie kommt der Mensch zu diesem selbständigen Denken? Nun, denken Sie sich, daß Sie in der Nacht schlafen, Sie liegen im Bette. Das heißt, im Bette liegt der physische Leib und Ätherleib. Nun kommen beim Aufwachen von außen das Ich und der astralische Leib herein. Da wird fortgedacht im Ätherleib. Da tauchen jetzt das Ich und der astralische Leib unter, die fassen nun zunächst den Ätherleib. Aber es dauert nicht lange, denn in diesem Augenblick kann aufblitzen jenes: Was habe ich da nur gedacht, was war das doch Gescheites? Aber der Mensch hat die Begierde, gleich auch den physischen Leib zu ergreifen, und in diesem Moment entschwindet das alles; jetzt ist der Mensch ganz in der Sphäre des Erdenlebens darinnen. Es kommt also daher, daß der Mensch gleich den Erdenleib ergreift, daß er das feine Gewoge des ätherischen Denkens sich nicht zum Bewußtsein bringen kann. Der Mensch muß eben, um das Bewußtsein entwickeln zu können «ich bin es, der da denkt», seinen Erdenleib als Instrument ergreifen, sonst würde er nicht das Bewußtsein haben «ich bin es, der da denkt», sondern «der mich beschützende Engel ist es, der da denkt». Dieses Bewußtsein «ich denke» ist nur möglich durch das Ergreifen des Erdenleibes. Darum ist es notwendig, daß im Erdenleben der Mensch befähigt wird zum Gebrauche seines Erdenleibes. In der nächsten Zeit wird er immer mehr und mehr durch das, was die Erde ihm gibt, diesen Erdenleib ergreifen müssen. Sein berechtigter Egoismus wird immer größer und größer werden. Dem muß eben das Gegengewicht geschaffen werden dadurch, daß man auf der anderen Seite die Erkenntnisse gewinnt, die die Geisteswissenschaft gibt. Im Ausgangspunkt dieser Zeit stehen wir."[6]

Heute ist die Zeit reif, um das imaginative Denken, das mit der platonischen Ideenschau verdämmerte, auf neuer, höherer Stufe mit voll entwickletem Selbstbewusstsein wiederzugewinnen (siehe dazu auch -> Denken, die Vernunft als keimhafter Beginn des neuen Hellsehens).

*Es wäre unrichtig, wenn man deswegen eine rastlose Unruhe in der geistigen Welt annehmen wollte, weil es in ihr «eine Ruhe, ein Verweilen an einem Orte, wie sie in der physischen Welt vorhanden sind», nicht gibt. Es ist dort, wo «die Urbilder schaffende Wesenheiten» sind, zwar nicht das vorhanden, was «Ruhe an einem Orte» genannt werden kann, wohl aber jene Ruhe, welche geistiger Art ist und welche mit tätiger Beweglichkeit vereinbar ist. Sie läßt sich vergleichen mit der ruhigen Befriedigung und Beseligung des Geistes, die im Handeln, nicht im Untätigsein sich offenbaren.

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Menschenschicksale und Völkerschicksale, GA 157 (1981), S 296 ff., Vierzehnter Vortrag, Berlin, 6. Juli 1915
[2]H. Atmanspacher, H. Primas, E. Wertenschlag-Birkhäuser (Hrsg.), Der Pauli-Jung-Dialog, Springer Verlag, Berlin Heidelberg 1995, S 219
[3]Rudolf Steiner, Theosophie, GA 9 (1904), im Kapitel III. Das Geisterland
[4]Immanuel Kant, Kritik der reinen Urteilsktaft, § 77
[5]Johann Wolfgang von Goethe, Anschauende Urteilskraft
[6]GA 157, S 300 f.


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=245letzte Änderung: 2002-12-02


Denken
lebendiges Denken als Aufstieg vom Reich der Geister der Form zu dem der Geister der Bewegung

(siehe auch -> Hierarchien, Geistige Hierarchien (Schema))

"Der Mensch erlebt in sich das, was wir den Gedanken nennen können, und in dem Gedanken kann sich der Mensch als etwas unmittelbar Tätiges, als etwas, was seine Tätigkeit überschauen kann, erfühlen. Wenn wir irgendein äußeres Ding betrachten, zum Beispiel eine Rose oder einen Stein, und wir stellen dieses äußere Ding vor, so kann jemand mit Recht sagen: Du kannst niemals eigentlich wissen, wieviel du in dem Steine oder in der Rose, indem du sie vorstellst, von dem Ding, von der Pflanze, eigentlich hast. Du siehst die Rose, ihre äußere Röte, ihre Form, wie sie in einzelne Blumenblätter abgeteilt ist, du siehst den Stein mit seiner Farbe, mit seinen verschiedenen Ecken, aber du mußt dir immer sagen: Da kann noch etwas drinnenstecken, was dir nicht nach außen hin erscheint. Du weißt nicht, wieviel du in deiner Vorstellung von dem Steine, von der Rose eigentlich hast.

Wenn aber jemand einen Gedanken hat, dann ist er es selber, der diesen Gedanken macht. Man möchte sagen, in jeder Faser dieses seines Gedankens ist er drinnen. Daher ist er für den ganzen Gedanken ein Teilnehmer seiner Tätigkeit. Er weiß: Was in dem Gedanken ist, das habe ich so in den Gedanken hineingedacht, und was ich nicht in den Gedanken hineingedacht habe, das kann auch nicht in ihm drinnen sein. Ich überschaue den Gedanken. Keiner kann behaupten, wenn ich einen Gedanken vorstelle, da könnte in dem Gedanken noch so und so viel anderes drinnen sein wie in der Rose und in dem Stein; denn ich habe ja selber den Gedanken erzeugt, bin in ihm gegenwärtig, weiß also, was drinnen ist.

Wirklich, der Gedanke ist unser Ureigenstes. Finden wir die Beziehung des Gedankens zum Kosmos, zum Weltall, dann finden wir die Beziehung unseres Ureigensten zum Kosmos, zum Weltall... Das also, was eben gesagt worden ist, verspricht uns, daß der Mensch, wenn er sich an das hält, was er im Gedanken hat, eine intime Beziehung seines Wesens zum Weltall, zum Kosmos, finden kann.

Nur hat die Sache eine Schwierigkeit, wenn wir uns auf diesen Gesichtspunkt begeben wollen, eine große Schwierigkeit. Ich meine nicht für unsere Betrachtung, aber für den objektiven Tatbestand hat es eine große Schwierigkeit. Und diese Schwierigkeit besteht darin, daß es zwar wahr ist, daß man in jeder Faser des Gedankens drinnen lebt und daher den Gedanken, wenn man ihn hat, vor allen Vorstellungen am intimsten kennen muß; aber, ja aber - die meisten Menschen haben keine Gedanken! Und dies wird gewöhnlich nicht mit aller Gründlichkeit durchdacht, daß die meisten Menschen keine Gedanken haben. Aus dem Grunde wird es nicht mit aller Gründlichkeit durchdacht, weil man dazu - eben Gedanken brauchte! Auf eines muß zunächst aufmerksam gemacht werden. Was im weitesten Umkreise unseres Lebens die Menschen verhindert, Gedanken zu haben, das ist, daß die Menschen für den gewöhnlichen Gebrauch des Lebens gar nicht immer das Bedürfnis haben, wirklich bis zum Gedanken vorzudringen, sondern daß sie statt des Gedankens sich mit dem Worte begnügen. Das meiste von dem, was man im gewöhnlichen Leben Denken nennt, verläuft nämlich in Worten. Man denkt in Worten. Viel mehr, als man glaubt, denkt man in Worten. Und viele Menschen sind, wenn sie nach einer Erklärung von dem oder jenem verlangen, damit zufrieden, daß man ihnen irgendein Wort sagt, das einen für sie bekannten Klang hat, das sie an dieses oder jenes erinnert; und dann halten sie das, was sie bei einem solchen Wort empfinden, für eine Erklärung und glauben, sie hätten dann den Gedanken.

Ja, das, was ich eben gesagt habe, das hat in der Entwickelung des menschlichen Geisteslebens zu einer bestimmten Zeit dazu geführt, eine Ansicht heraufzubringen, welche heute noch viele Menschen, die sich Denker nennen, teilen. In der Neuauflage meiner «Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert» habe ich versucht, dieses Buch ganz gründlich umzugestalten, indem ich eine Entwickelungsgeschichte des abendländischen Gedankens vorausgeschickt habe, angefangen vom 6. vorchristlichen Jahrhundert bis herauf ins 19. Jahrhundert, und indem ich dann am Schlüsse zu dem, was gegeben war, als das Buch zuerst erschien, hinzufügte eine Darstellung des, sagen wir, gedanklichen Geisteslebens bis in unsere Tage herein. Auch der Inhalt, der schon da war, ist vielfach umgestaltet worden. Da habe ich denn zu zeigen gehabt, wie der Gedanke in einem bestimmten Zeitalter eigentlich erst entsteht. Er entsteht wirklich erst, man könnte sagen, um das 6. oder 8. vorchristliche Jahrhundert. Vorher erlebten die menschlichen Seelen gar nicht das, was man im rechten Sinne des Wortes Gedanken nennen kann. Was erlebten die menschlichen Seelen vorher? Sie erlebten vorher Bilder. Und alles Erleben der Außenwelt geschah in Bildern. Von gewissen Gesichtspunkten aus habe ich das oftmals gesagt. Dieses Bilder-Erleben ist die letzte Phase des alten hellseherischen Erlebens. Dann geht für die menschliche Seele das Bild in den Gedanken über.

Was ich in diesem Buche beabsichtigte, ist, dieses Ergebnis der Geisteswissenschaft einmal rein durch Verfolgung der philosophischen Entwickelung zu zeigen. Ganz nur auf dem Boden der philosophischen Wissenschaft bleibend, wird gezeigt, daß der Gedanke einmal im alten Griechenland geboren worden ist, daß er entsteht dadurch, daß er herausspringt für das menschliche Seelenerleben aus dem alten sinnbildlichen Erleben der Außenwelt. Dann versuchte ich zu zeigen, wie dieser Gedanke weitergeht in Sokrates, in Plato, Aristoteles, wie er bestimmte Formen annimmt, wie er sich weiter heraufentwickelt und dann im Mittelalter zu dem führt, was ich jetzt erwähnen will.

Zu dem Zweifel führt die Entwickelung des Gedankens, ob es dasjenige überhaupt geben könne in der Welt, was man allgemeine Gedanken, allgemeine Begriffe nennt, zu dem sogenannten Nominalismus, zu der philosophischen Anschauung, daß die allgemeinen Begriffe nur Namen sein können, also überhaupt nur Worte. Es gab also für diesen allgemeinen Gedanken sogar die philosophische Anschauung, und viele haben sie noch heute, daß diese allgemeinen Gedanken überhaupt nur Worte sein können.

Nehmen wir einmal, um uns das zu verdeutlichen, was eben gesagt worden ist, einen leicht überschaubaren und zwar allgemeinen Begriff; nehmen wir den Begriff «Dreieck» als allgemeinen Begriff. Derjenige nun, der da mit seinem Standpunkte des Nominalismus kommt, der nicht hinwegkommen kann von dem, was als Nominalismus sich in dieser Beziehung ausgebildet hat in der Zeit des 11. bis 13. Jahrhunderts, der sagt etwa folgendes: Zeichne mir ein Dreieck hin! - Gut, ich werde ihm ein Dreieck hinzeichnen, zum Beispiel ein solches:

Schön, sagt er, das ist ein besonderes, spezielles Dreieck mit drei spitzen Winkeln, das gibt es. Aber ich werde dir ein anderes hinzeichnen. - Und er zeichnet ein Dreieck hin, das einen rechten Winkel hat, und ein solches, das einen sogenannten stumpfen Winkel hat.

So, jetzt nennen wir das erste ein spitzwinkliges Dreieck, das zweite ein rechtwinkliges und das dritte ein stumpfwinkliges. Da sagt der Betreffende: Das glaube ich dir, es gibt ein spitzwinkliges, ein rechtwinkliges und ein stumpfwinkliges Dreieck. Aber das alles ist ja nicht das Dreieck. Das allgemeine Dreieck muß alles enthalten, was ein Dreieck enthalten kann. Unter den allgemeinen Gedanken des Dreiecks muß das erste, das zweite und das dritte Dreieck fallen. Es kann aber doch nicht ein Dreieck, das spitzwinklig ist, zugleich rechtwinklig und stumpfwinklig sein. Ein Dreieck, das spitzwinklig ist, ist ein spezielles, ist nicht ein allgemeines Dreieck; ebenso ist ein rechtwinkliges und ein stumpfwinkliges Dreieck ein spezielles. Ein allgemeines Dreieck kann es aber nicht geben. Also ist das allgemeine Dreieck ein Wort, das die speziellen Dreiecke zusammenfaßt. Aber den allgemeinen Begriff des Dreiecks gibt es nicht. Das ist ein Wort, das die Einzelheiten zusammenfaßt.

Das geht natürlich weiter. Nehmen wir an, es spricht jemand das Wort Löwe aus. Nun sagt der, welcher auf dem Standpunkt des Nominalismus steht: Im Berliner Tiergarten ist ein Löwe, im Hannoverschen Tiergarten ist auch ein Löwe, im Münchner Tiergarten ist auch einer. Die einzelnen Löwen gibt es; aber einen allgemeinen Löwen, der etwas zu tun haben sollte mit dem Berliner, Hannoverschen und Münchner Löwen, den gibt es nicht. Das ist ein bloßes Wort, das die einzelnen Löwen zusammenfaßt. Es gibt nur einzelne Dinge, und es gibt außer den einzelnen Dingen, so sagt der Nominalist, nichts als Worte, welche die einzelnen Dinge zusammenfassen.

Diese Anschauung, wie gesagt, ist heraufgekommen; sie vertreten heute noch scharfsinnige Logiker. Und wer sich die Sache, die jetzt eben auseinandergesetzt worden ist, ein wenig überlegt, wird sich auch im Grunde genommen gestehen müssen: Es liegt da doch etwas Besonderes vor; ich kann nicht so ohne weiteres darauf kommen, ob es nun wirklich diesen «Löwen im allgemeinen» und das «Dreieck im allgemeinen» gibt, denn ich sehe es ja nicht recht. Wenn nun wirklich jemand käme, der sagen würde: Sieh einmal, lieber Freund, ich kann dir nicht zubilligen, daß du mir den Münchner, den Hannoverschen oder den Berliner Löwen zeigst. Wenn du behauptest, es gäbe den Löwen «im allgemeinen», so mußt du mich irgendwo hinführen, wo es den «Löwen im allgemeinen» gibt. Wenn du mir aber den Münchner, den Hannoverschen und den Berliner Löwen zeigst, so hast du mir nicht bewiesen, daß es den «Löwen im allgemeinen» gibt. - Wenn jemand käme, der diese Anschauung hat, und man sollte ihm den «Löwen im allgemeinen» zeigen, so würde man zunächst etwas in Verlegenheit geraten. Es ist nicht so leicht, die Frage zu beantworten, wo man den Betreffenden hinführen soll, dem man den «Löwen im allgemeinen» zeigen soll.

Nun, wir wollen jetzt nicht zu dem gehen, was uns die Geisteswissenschaft gibt; das wird schon noch kommen. Wir wollen einmal beim Denken bleiben, wollen bei dem bleiben, was durch das Denken erreicht werden kann, und wir werden uns sagen müssen: Wenn wir auf diesem Boden bleiben wollen, so geht es eben nicht recht, daß wir irgendeinen Zweifler zum «Löwen im allgemeinen» hinführen. Das geht wirklich nicht. Hier liegt eine der Schwierigkeiten vor, die man einfach zugeben muß. Denn will man auf dem Gebiete des gewöhnlichen Denkens diese Schwierigkeit nicht zugeben, dann läßt man sich eben nicht auf die Schwierigkeit des menschlichen Denkens überhaupt ein.

Bleiben wir beim Dreieck; denn schließlich ist es für die allgemeine Sache gleichgültig, ob wir uns die Sache am Dreieck, am Löwen oder an etwas anderem klarmachen. Zunächst erscheint es aussichtslos, daß wir ein allgemeines Dreieck hinzeichnen, das alle Eigenschaften, alle Dreiecke enthält. Und weil es aussichstlos nicht nur erscheint, sondern für das gewöhnliche menschliche Denken auch ist, deshalb steht hier alle äußere Philosophie an einer Grenz -scheide und ihre Aufgabe wäre es, sich einmal wirklich zu gestehen, daß sie als äußere Philosophie an einer Grenzscheide steht. Aber diese Grenzscheide ist eben nur diejenige der äußeren Philosophie. Über diese Grenzscheide gibt es doch eine Möglichkeit, hinüberzukommen, und mit dieser Möglichkeit wollen wir uns jetzt einmal bekanntmachen.

Denken wir uns, wir zeichnen das Dreieck nicht einfach so hin, daß wir sagen: Jetzt habe ich dir ein Dreieck hingezeichnet, und da ist es. - Da wird immer der Einwand gemacht werden können: Das ist eben ein spitzwinkliges Dreieck, das ist kein allgemeines Dreieck. Man kann das Dreieck nämlich auch anders hinzeichnen. Eigentlich kann man es nicht; aber wir werden gleich sehen, wie sich dieses Können und Nichtkönnen zueinander verhalten. Nehmen wir an, dieses Dreieck, das wir hier haben, zeichnen wir so hin und erlauben jeder einzelnen Seite, daß sie sich nach jeder Richtung, wie sie will, bewegt. Und zwar erlauben wir ihr, daß sie sich mit verschiedenen Schnelligkeiten bewege. (An der Tafel zeichnend gesprochen):

Diese Seite bewegt sich so, daß sie im nächsten Augenblick diese Lage einnimmt, diese so, daß sie im nächsten Augenblick diese Lage einnimmt. Diese bewegt sich viel langsamer, diese bewegt sich schneller und so weiter. Jetzt kehrt sich die Richtung um.

Kurz, wir begeben uns in die unbequeme Vorstellung hinein, daß wir sagen: Ich will nicht nur ein Dreieck hinzeichnen und es so dann stehen lassen, sondern ich stelle an dein Vorstellen gewisse Anforderungen. Du mußt dir denken, daß die Seiten des Dreiecks fortwährend in Bewegung sind. Wenn sie in Bewegung sind, dann kann ein rechtwinkliges oder ein stumpfwinkliges Dreieck oder jedes andere gleichzeitig aus der Form der Bewegungen hervorgehen. Zweierlei kann man machen und auch verlangen auf diesem Gebiete. Das erste, was man verlangen kann, ist, daß man es hübsch bequem hat. Wenn jemand einem ein Dreieck aufzeichnet, dann ist es fertig, und man weiß, wie es aussieht; jetzt kann man hübsch ruhen in seinen Gedanken, denn man hat, was man will. Man kann aber auch das andere machen: Das Dreieck gleichsam als einen Ausgangspunkt betrachten und jeder Seite erlauben, daß sie sich mit verschiedenen Geschwindigkeiten und nach verschiedenen Richtungen dreht. In diesem Falle hat man es aber nicht so bequem, sondern man muß in seinen Gedanken Bewegungen ausführen. Aber dafür hat man auch wirklich den allgemeinen Gedanken Dreieck darinnen; er ist ja nur nicht zu erreichen, wenn man bei einem Dreieck abschließen will. Der allgemeine Gedanke Dreieck ist da, wenn man den Gedanken in fortwährender Bewegung hat, wenn er versatil ist.

Weil die Philosophen das, was ich eben jetzt ausgesprochen habe, den Gedanken in Bewegung zu bringen, nicht gemacht haben, deshalb stehen sie notwendigerweise an einer Grenzscheide und begründen den Nominalismus. Jetzt wollen wir uns das, was ich eben jetzt ausgesprochen habe, in eine uns bekannte Sprache übersetzen, in eine uns längst bekannte Sprache.

Gefordert wird von uns, wenn wir von dem speziellen Gedanken zu dem allgemeinen Gedanken aufsteigen sollen, daß wir den speziellen Gedanken in Bewegung bringen, so daß der bewegte Gedanke der allgemeine Gedanke ist, der von einer Form in die andere hineinschlüpft. Form sage ich; richtig gedacht ist: Das ganze bewegt sich, und jedes einzelne, was da herauskommt durch die Bewegung, ist eine in sich abgeschlossene Form. Früher habe ich nur Einzelformen hingezeichnet, ein spitzwinkliges, ein rechtwinkliges und ein stumpfwinkliges Dreieck. Jetzt zeichne ich etwas auf - ich zeichne es eigentlich nicht auf, das sagte ich schon, aber vorstellen kann man sich das -, was die Vorstellung hervorrufen soll, daß der allgemeine Gedanke in Bewegung ist und die einzelne Form durch sein Stillestehen erzeugt - «die Form erzeugt», sage ich.

Da sehen wir, die Philosophen des Nominalismus, die notwendig an einer Grenzscheide stehen, bewegen sich in einem gewissen Reiche, in dem Reiche der Geister der Form. Innerhalb des Reiches der Geister der Form, das um uns herum ist, herrschen die Formen; und weil die Formen herrschen, sind in diesem Reiche einzelne, streng in sich abgeschlossene Einzeldinge. Daraus ersehen Sie, daß die Philosophen, die ich meine, niemals den Entschluß gefaßt haben, aus dem Reiche der Formen herauszugehen, und daher in den allgemeinen Gedanken nichts anderes haben können als Worte, richtig bloße Worte. Würden sie herausgehen aus dem Reiche der speziellen Dinge, das heißt der Formen, so würden sie in ein Vorstellen hineinkommen, das in fortwährender Bewegung ist, das heißt, sie würden in ihrem Denken eine Vergegenwärtigung des Reiches der Geister der Bewegung haben, der nächsthöheren Hierarchie. Dazu lassen sich aber die meisten Philosophen nicht herbei. Und als sich einmal einer in der letzten Zeit des abendländischen Denkens herbeigelassen hat, so recht in diesem Sinne zu denken, da wurde er wenig verstanden, obwohl viel von ihm gesprochen und gefaselt wird. Man schlage auf, was Goethe in seiner «Metamorphose der Pflanzen» geschrieben hat, was er die «Urpflanze» nannte; man schlage dann das auf, was er das «Urtier» nannte, und man wird finden, daß man mit diesen Begriffen «Urpflanze», «Urtier» nur zurechtkommt, wenn man sie beweglich denkt. Wenn man diese Beweglichkeit aufnimmt, von der Goethe selber spricht, dann hat man nicht einen abgeschlossenen, in seinen Formen begrenzten Begriff, sondern man hat das, was in seinen Formen lebt, was durchkriecht in der ganzen Entwickelung des Tierreiches oder des Pflanzenreiches, was sich in diesem Durchkriechen ebenso verändert, wie das Dreieck sich in ein spitzwinkliges oder ein stumpfwinkliges verändert, und was bald «Wolf» und «Löwe», bald «Käfer» sein kann, je nachdem die Beweglichkeit so eingerichtet ist, daß die Eigenschaften sich abändern in dem Durchgehen durch die Einzelheiten. Goethe brachte die starren Begriffe der Formen in Bewegung. Das war sein große, zentrale Tat. Das war das Bedeutsame, was er in die Naturbetrachtung seiner Zeit eingeführt hat. Sie sehen hier an einem Beispiele, wie das, was wir Geisteswissenschaft nennen, tatsächlich dazu geeignet ist, die Menschen aus dem herauszuführen, woran sie notwendig heute haften müssen, selbst wenn sie Philosophen sind. Denn ohne Begriffe, die durch die Geisteswissenschaft gewonnen werden, ist es gar nicht möglich, wenn man ehrlich ist, etwas anderes zuzugeben, als daß die allgemeinen Gedanken bloße Worte seien. Das ist der Grund, warum ich sagte: Die meisten Menschen haben nur keine Gedanken. Und wenn man ihnen von Gedanken spricht, so lehnen sie das ab.

Wann spricht man zu den Menschen von Gedanken? Wenn man zum Beispiel sagt, die Tiere und Pflanzen hätten Gruppenseelen. Ob man sagt allgemeine Gedanken oder Gruppenseelen - wir werden im Laufe der Vorträge sehen, was für eine Beziehung zwischen den beiden ist -, das kommt für das Denken auf dasselbe hinaus. Aber die Gruppenseele ist auch nicht anders zu begreifen als dadurch, daß man sie in Bewegung denkt, in fortwährender äußerlicher und innerlicher Bewegung; sonst kommt man nicht zur Gruppenseele. Aber das lehnen die Menschen ab. Daher lehnen sie auch die Gruppenseele ab, lehnen also den allgemeinen Gedanken ab.

Zum Kennenlernen der offenbaren Welt braucht man aber keine Gedanken; da braucht man nur die Erinnerung an das, was man gesehen hat im Reiche der Form. Und das ist das, was die meisten Menschen überhaupt nur wissen: was sie gesehen haben im Reiche der Form. Da bleiben dann die allgemeinen Gedanken bloße Worte. Daher konnte ich sagen: Die meisten Menschen haben keine Gedanken. Denn die allgemeinen Gedanken bleiben für die meisten Menschen nur Worte. Und wenn es unter den mancherlei Geistern der höheren Hierarchien nicht auch den Genius der Sprache geben würde, der die allgemeinen Worte für die allgemeinen Begriffe bildet, die Menschen selber würden das nicht tun. Also richtig aus der Sprache heraus bekommen die Menschen zunächst ihre allgemeinen Gedanken, und sie haben auch nicht viel anderes als die in der Sprache aufbewahrten allgemeinen Gedanken.

Daraus ersehen wir aber, daß es doch etwas Eigenes sein muß mit dem Denken von wirklichen Gedanken. Daß es etwas ganz Eigentümliches damit sein muß, das können wir uns daraus verständlich machen, daß wir sehen, wie schwer es eigentlich den Menschen wird, auf dem Felde des Gedankens zur Klarheit zu kommen. So im äußeren trivialen Leben wird man vielleicht oftmals behaupten, wenn man ein bißchen renommieren will, das Denken sei leicht. Aber es ist nicht leicht. Denn es erfordert das wirkliche Denken immer ein ganz enges, in gewisser Beziehung unbewußtes Berührtsein von einem Hauch aus dem Reiche der Geister der Bewegung. Würde das Denken so ganz leicht sein, so würden nicht so kolossale Schnitzer auf dem Gebiete des Denkens gemacht werden, und man plagte sich nicht so lange mit allerlei Problemen und Irrtümern herum. So plagt man sich jetzt seit mehr als einem Jahrhundert mit einem Gedanken, den ich schon öfter angeführt habe und den Kant ausgesprochen hat.

Kant wollte den sogenannten ontologischen Gottesbeweis aus der Welt schaffen. Dieser ontologische Gottesbeweis stammt auch aus der Zeit des Nominalismus, wo man sagte, daß es für die allgemeinen Begriffe nur Worte gäbe und daß nicht etwas Allgemeines existiere, das den einzelnen Gedanken entsprechen würde wie die einzelnen Gedanken den Vorstellungen. Diesen ontologischen Gottesbeweis will ich als ein Beispiel anführen, wie gedacht wird.

Er sagt ungefähr: Wenn man einen Gott annehme, so müsse er das allervollkommenste Wesen sein. Wenn er das allervollkommen-ste Wesen ist, dann dürfe ihm nicht das Sein fehlen, die Existenz; denn sonst gäbe es ja ein noch vollkommeneres Wesen, das diejenigen Eigenschaften hätte, die man denkt, und das außerdem existieren würde. Also muß man das vollkommenste Wesen so denken, daß es existiere. Man kann also den Gott gar nicht anders denken als existierend, wenn man ihn als allervollkommenstes Wesen denkt. Das heißt, man kann aus dem Begriffe selbst ableiten, daß es nach dem ontologischen Gottesbeweis den Gott geben muß.

Kant wollte diesen Beweis widerlegen, indem er zu zeigen versuchte, daß man aus einem Begriffe heraus überhaupt nicht die Existenz eines Dinges beweisen kann. Er hat dazu das berühmte Wort geprägt, das ich auch schon öfter angedeutet habe: Hundert wirkliche Taler seien nicht mehr und nicht weniger als hundert mögliche Taler. Das heißt, wenn ein Taler dreihundert Pfennige hat, so müsse man hundert wirkliche Taler zu je dreihundert Pfennigen rechnen, und ebenso müsse man hundert mögliche Taler zu je dreihundert Pfennigen rechnen. Es enthalten also hundert mögliche Taler ebensoviel wie hundert wirkliche Taler; das heißt, es ist kein Unterschied, ob ich hundert wirkliche oder hundert mögliche Taler denke. Daher darf man nicht aus dem bloßen Gedanken des allervollkommensten Wesens die Existenz herausschälen, weil der bloße Gedanke eines möglichen Gottes dieselben Eigenschaften hätte wie der Gedanke eines wirklichen Gottes.

Das erscheint sehr vernünftig. Und seit einem Jahrhundert plagen sich die Menschen herum, wie es mit den hundert möglichen und den hundert wirklichen Talern ist. Nehmen wir aber einen naheliegenden Gesichtspunkt, nämlich den des praktischen Lebens. Kann man von diesem Gesichtspunkte aus sagen, daß hundert wirkliche Taler nicht mehr enthalten als hundert mögliche? Man kann sagen, daß hundert wirkliche Taler just um hundert Taler mehr enthalten als hundert mögliche Taler! Es ist doch ganz klar: Hundert mögliche Taler auf der einen Seite gedacht und hundert wirkliche auf der anderen Seite, das ist ein Unterschied! Es sind auf der anderen Seite gerade hundert Taler mehr. Und auf die hundert wirklichen Taler scheint es doch gerade in den meisten Fällen des Lebens anzukommen.

Aber die Sache hat doch auch einen tieferen Aspekt. Man kann nämlich die Frage stellen: Worauf kommt es denn an bei dem Unterschied von hundert möglichen und hundert wirklichen Talern? Ich denke, es wird jeder zugeben: Für den, der die hundert Taler haben kann, ist zweifellos ein großer Unterschied zwischen hundert möglichen und hundert wirklichen Talern vorhanden. Denn denken Sie sich, Sie brauchen hundert Taler, und jemand stellt Ihnen die Wahl, ob er Ihnen hundert mögliche oder hundert wirkliche Taler geben soll. Wenn Sie sie haben können, scheint es doch auf den Unterschied anzukommen. Aber nehmen Sie an, Sie wären in dem Fall, daß Sie die hundert Taler wirklich nicht haben könnten; dann könnte es sein, daß es für Sie höchst gleichgültig ist, ob Ihnen jemand hundert mögliche oder hundert wirkliche Taler nicht gibt. Wenn man sie nicht haben kann, dann enthalten tatsächlich hundert wirkliche und hundert mögliche Taler ganz gleich viel.

Das hat doch eine Bedeutung. Die Bedeutung hat es nämlich, daß so, wie Kant über den Gott gesprochen hat, nur in einer Zeit gesprochen werden konnte, als man durch menschliche Seelenerfahrung den Gott nicht mehr haben konnte. Als er nicht erreichbar war als eine Wirklichkeit, da war der Begriff des möglichen Gottes oder des wirklichen Gottes gerade so einerlei, wie es einerlei ist, ob man hundert wirkliche Taler oder hundert mögliche Taler nicht haben kann. Wenn es für die Seele keinen Weg gibt zu dem wirklichen Gott, dann führt ganz gewiß auch keine Gedankenentwickelung dazu, die im Stile Kants gehalten ist.

Da sehen Sie, daß die Sache doch auch eine tiefere Seite hat. Ich führe es aber nur an, weil ich dadurch klarmachen wollte, daß, wenn die Frage nach dem Denken kommt, man schon etwas tiefer schürfen muß. Denn Denkfehler schleichen sich durch die erleuchtetsten Geister fort, und man sieht lange nicht ein, worin eigentlich das Brüchige eines solchen Gedankens besteht, wie zum Beispiel des kantischen Gedankens von den hundert möglichen und den hundert wirklichen Talern. Es kommt beim Gedanken auch immer darauf an, daß man die Situation berücksichtigt, in welcher der Gedanke gefaßt wird.

Aus der Natur des allgemeinen Gedankens zuerst und dann aus dem Dasein eines solchen Denkfehlers wie des kantischen im besonderen versuchte ich Ihnen zu zeigen, daß die Wege des Denkens dennoch nicht so ganz ohne Vertiefung in die Dinge betrachtet werden können. Ich will noch von einer dritten Seite aus mich der Sache nähern.

Nehmen wir einmal an, hier wäre ein Berg oder ein Hügel (siehe Zeichnung, rechts) und hier sei ein schroffer Abhang (Zeichnung, links). An diesem schroffen Abhänge entspringe eine Quelle; die Quelle stürzt senkrecht wie ein richtiger Wasserfall den Abhang hinunter. Unter den ganz gleichen Verhältnissen wie da sei auf der andern Seite auch eine Quelle. Die will ganz dasselbe wie die erstere; aber sie tut es nicht. Sie kann nämlich nicht als Wasserfall hinunterstürzen, sondern rinnt ganz hübsch in Form eines Baches oder Flusses hinunter. - Hat das Wasser andere Kräfte bei der zweiten Quelle als bei der ersten? Ganz offenbar nicht. Denn die zweite Quelle würde ganz dasselbe tun wie die erste, wenn der Berg sie nicht hinderte und nicht seine Kräfte hinaufschicken würde. Sind die Kräfte, die der Berg hinaufschickt, die Haltekräfte, nicht vorhanden, so wird sie wie die erste Quelle hinunterstürzen. Es kommen also zwei Kräfte in Betracht: Die Haltekraft des Berges und die Schwerkraft der Erde, vermöge der die eine Quelle hinunterstürzt. Die ist aber bei der anderen Quelle genau ebenso vorhanden, denn man kann sagen: Sie ist da, ich sehe, wie sie die Quelle herunterzieht. Wenn nun jemand ein Skeptiker wäre, so könnte er dies bei der zweiten Quelle leugnen und sagen: Da sieht man zunächst nichts, während bei der ersten Quelle jedes Wasserstäubchen heruntergezogen wird. Man muß also bei der zweiten Quelle in jedem Punkte hinzufügen die Kraft, welche der Schwerkraft entgegenwirkt, die Haltekraft des Berges.

Nehmen wir nun an, es käme jemand und sagte: Was du mir da von der Schwerkraft erzählst, glaube ich nicht recht, und das, was du mir von deiner Haltekraft sagst, glaube ich dir auch nicht. Ist der Berg dort die Ursache, daß die Quelle jenen Weg nimmt? Ich glaube es nicht. - Nun könnte man diesen fragen: Was glaubst du denn dann? - Er könnte antworten: Ich glaube, da unten ist etwas von dem Wasser; gleich darüber ist ebenso etwas von dem Wasser, darüber wieder und so weiter. Ich glaube, daß das Wasser, welches unten ist, von dem Wasser darüber hinuntergestoßen wird, und dieses obere Wasser wird von dem über ihm hinuntergestoßen. Jede darüberliegende Wasserpartie stößt immer die vordere hinunter. - Das ist ein beträchtlicher Unterschied. Der erste Mensch behauptet: Die Schwerkraft zieht die Wassermassen herunter. Der zweite dagegen sagt: Das sind Wasserpartien, die schieben immer die unter ihnen liegenden hinunter, und dadurch geht dann das darüberliegende Wasser hinterher.

Nicht wahr, es wäre ein Mensch recht albern, der von einer solchen Schieberei sprechen würde. Aber nehmen wir an, es handle sich nicht um einen Bach oder einen Strom, sondern um die Geschichte der Menschheit, und es würde ein solcher zuletzt Charakterisierter sagen: Das einzige, was ich dir glaube, ist dies: Jetzt leben wir im 20. Jahrhundert, da haben sich gewisse Ereignisse abgespielt; die sind bewirkt von solchen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts; diese letzteren sind wieder verursacht von denen im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts und diese wieder von denen aus dem ersten Drittel. - Das nennt man pragmatische Geschichtsauffassung, wo man in dem Sinne von Ursachen und Wirkungen spricht, daß man immer aus den betreffenden vorhergehenden Ereignissen die folgenden erklärt. So wie jemand die Schwerkraft leugnen und sagen kann, da schiebe bei den Wasserpartien immer jemand nach, so ist es auch, wenn jemand pragmatische Geschichte treibt und den Zustand im 19. Jahrhundert als eine Folge der Französischen Revolution erklärt. Wir freilich sagen: Nein, es sind noch andere Kräfte da außer denen, die da hinten schieben, die überhaupt gar nicht einmal im richtigen Sinne vorhanden sind. Denn geradesowenig wie jene Kräfte beim Bergstrome dahinten schieben, sowenig schieben die dahinterstehenden Ereignisse in der Geschichte der Menschheit; sondern es kommen immer neue Einflüsse aus der geistigen Welt, wie bei der Quelle die Schwerkraft immerfort wirkt; und mit anderen Kräften kreuzen sie sich, wie sich die Schwerkraft bei dem Strom kreuzt mit der Haltekraft des Berges. Wäre nur die eine Kraft vorhanden, dann würdest du sehen, daß die Geschichte ganz anders verläuft. Aber du siehst nicht die einzelnen Kräfte darin. Du siehst nicht das, was physische Weltentwickelung ist, was beschrieben wurde als Folge der Saturn-, Sonnen-, Mond- und Erdenentwickelung; und du siehst nicht das, was fortwährend mit den Menschenseelen vorgeht, welche die geistige Welt durchleben und wieder herunterkommen, was aus den geistigen Welten immer wieder in diese Entwickelung hereinkommt. Das leugnest du einfach.

Aber wir haben eine solche Geschichtsauffassung, die sich ausnimmt, wie wenn jemand mit solchen eben charakterisierten Anschauungen kommen würde, und sie ist nicht so besonders selten. Sie wurde sogar im 19. Jahrhundert als ungeheuer geistreich aufgefaßt. Was würden wir aber dazu sagen können von dem eben gewonnenen Gesichtspunkte aus? Wenn jemand von dem Bergstrome dasselbe behauptete wie von der Geschichte, so würde er einen absoluten Unsinn behaupten. Was liegt denn aber da vor, daß er denselben Unsinn behauptet in bezug auf die Geschichte? - Die Geschichte ist so kompliziert, daß man nicht merkt, daß sie als pragmatische Geschichte fast überall so vorgetragen wird; man merkt es nur nicht.

Wir sehen daraus, daß allerdings die Geisteswissenschaft, welche für die Auffassung des Lebens gesunde Prinzipien zu gewinnen hat, auf den mannigfaltigen Gebieten des Lebens etwas zu tun hat; daß tatsächlich eine gewisse Notwendigkeit besteht, das Denken erst zu lernen, sich erst bekanntzumachen mit den inneren Gesetzen und Impulsen des Denkens. Sonst kann einem nämlich allerlei Groteskes passieren. So zum Beispiel holpert, stolpert, humpelt einer gerade an dem Problem Denken und Sprache heute daher. Das ist der berühmte Sprachkritiker Fritz Mauthner, der jetzt auch ein großes philosophisches Wörterbuch geschrieben hat. Die dicke Mauthnersche «Kritik der Sprache» hat jetzt schon die zweite Auflage erlebt; es ist also ein berühmtes Buch für unsere Zeitgenossen geworden. Viel Geistreiches ist in diesem Buche enthalten, aber auch schreckliehe Dinge. So zum Beispiel kann man darin den kuriosen Denkfehler finden - und man stolpert fast nach jeder fünften Zeile über einen solchen Denkfehler -, daß der gute Mauthner die Nützlichkeit der Logik anzweifelt. Denn für ihn ist Denken überhaupt nur Sprechen, und dann hat es keinen Sinn, Logik zu treiben, dann treibt man nur Grammatik. Aber außerdem sagt er: Da es also eine Logik mit Recht gar nicht geben kann, so sind also die Logiker alle Toren gewesen. Schön. Und dann sagt er: Im gewöhnlichen Leben entstehen ja aus Schlüssen Urteile und aus Urteilen erst Vorstellungen. So machen es die Menschen. Wozu braucht man dann erst eine Logik, wenn die Menschen es so machen, daß sie aus Schlüssen Urteile, aus Urteilen Vorstellungen entstehen lassen? Wozu brauchen wir da eine Logik? - Es ist das ebenso geistreich, als wenn jemand sagte: Wozu braucht man eine Botanik? Im vorigen Jahr und vor zwei Jahren sind noch immer die Pflanzen gewachsen! - Aber solche Logik findet man bei dem, der die Logik verpönt. Es ist ja begreiflich, daß er sie verpönt. Man findet noch viel merkwürdigere Dinge in diesem sonderbaren Buche, das mit Bezug auf das Verhältnis zwischen Denken und Sprechen nicht zur Klarheit, sondern zur Konfusion kommt.

Ich sagte, daß wir einen Unterbau brauchen für die Dinge, die uns allerdings zu den Höhen geistiger Betrachtung führen sollen. Ein Unterbau, wie er heute ausgeführt worden ist, mag manchem etwas abstrakt erscheinen; aber wir werden ihn brauchen. Und ich denke, ich versuche die Sache doch so leicht zu machen, daß durchsichtig sein kann, worauf es ankommt. Besonders möchte ich Wert darauf legen, daß man schon durch solche einfachen Betrachtungen einen Begriff davon bekommen kann, wo die Grenze liegt zwischen dem Reiche der Geister der Form und dem Reiche der Geister der Bewegung. Daß man aber einen solchen Begriff bekommt, hängt innig damit zusammen, ob man überhaupt allgemeine Gedanken zugeben darf, ober ob man nur Vorstellungen oder Begriffe von einzelnen Dingen zugeben darf. Ich sage ausdrücklich: zugeben darf."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Der menschliche und der kosmische Gedanke, GA 151 (1980), S 9 ff., Erster Vortrag, Berlin, 20. Januar 1914


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=246letzte Änderung: 2002-12-02


Denken - Fühlen - Wollen
im Zusammenhang mit Ahrimans und Luzifers Wirken im Ätherleib;
die Entstehung der Märchen durch die Beziehung zur äußeren Ätherwelt

"In bezug auf dieses Denken, Fühlen und Wollen hat es wieder die rein äußere Wissenschaft etwas schwierig, und wenn man die philosophischen Weltanschauungen durchgeht, wird man sehen, daß bald der eine Philosoph das Wollen voranstellt und bald ein anderer das Denken. Auch solche gibt es, welche das Fühlen als die hauptsächlichste Kraft betrachten. Aber wie eigentlich dieses Denken, Fühlen und Wollen im Menschen eine Einheit bildet, darüber können sich diese philosophischen Weltanschauungen keinen rechten Begriff bilden. Dieses Sich-keinen-rechten-Begriff-bilden-Können über das Verhältnis von Denken, Fühlen und Wollen in dem menschlichen Seelenleben ist gerade so, als wenn der Mensch Schwierigkeiten empfinden würde, in dem Auseinandersetzen mit dem Begriffe des Menschen überhaupt zurechtzukommen. Ich weiß nicht recht - sagen die Philosophen -, ist die menschliche Seele mehr willensartiger, mehr gefühlsartiger oder mehr denkerischer Natur? Ist sie mehr das eine oder das andere? - Das ist gerade so, wie wenn jemand sagen wollte: Nun weiß ich wirklich nicht mehr recht, was ein Mensch ist. Da hat mir eben einer gesagt, er wolle mir einen Menschen bringen, und da bringt er mir ein kleines Wesen, ein fünfjähriges Kind, und sagt: Das ist ein Mensch. - Dann ist ein anderer gekommen und sagte auch, er wolle mir einen Menschen zeigen und da hat er mir ein Wesen gebracht, das viel größer ist als das erste, also ein Wesen in den mittleren Menschenjahren. Ein dritter ist endlich gekommen und hat mir auch gesagt, er wolle mir ein Menschenwesen zeigen. Er zeigte mir ein ganz anderes Wesen, das runzelig im Gesichte war, graue Haare hatte und so weiter. Und jetzt weiß ich wirklich nicht mehr, was ein Mensch ist. Drei verschiedene Wesen hat man mir gezeigt! - Ja, alle drei, nicht wahr, sind Menschen. Nur ist der eine ganz jung, der andere ist etwas älter, und der dritte ist schon ganz alt geworden. Sie sind sehr verschieden in ihrer Erscheinung. Aber sobald man die drei Alter zusammenhält, weiß man, was ein Mensch ist.

So ist es aber auch mit dem Wollen, Fühlen und Denken. Der Unterschied ist nur der, daß das Wollen wohl dieselbe Seelentätigkeit ist wie das Denken, nur ganz jung noch, kindlich. Und wenn das Wollen älter wird, dann wird es Fühlen, und das ganz alte Wollen ist das Denken. Es ist nur ein Unterschied im Alter beim Wollen, Fühlen und Denken, nur daß sie in unserer Seele zusammenleben, die Lebensalter für diese Seelentätigkeiten, das macht die Sache schwierig. Aber wir haben schon auseinandergesetzt - Sie brauchen es nur nachzulesen in meinem Buche «Die Schwelle der geistigen Welt» -, daß, sobald wir aus der physischen Welt hinauskommen, das Gesetz der Verwandlung gilt, nicht das der Starrheit. Da verwandelt sich alles. Das Alte wird plötzlich jung, das Junge wird alt und so weiter. So daß wirklich gleichzeitig in uns auftreten können die drei Seelentätigkeiten: das Wollen, das sich bald als junges Wollen zeigt, bald als älteres Wollen, das heißt als Fühlen, und auch als ältestes Wollen, als ganz altes Wollen, das heißt als Denken. Da gehen die Lebensalter durcheinander, es wird dann alles flüssig. So ist es im Ätherleib des Menschen.

Aber diese Verwandlung kann nicht so ohne weiteres durch sich selbst zustande kommen. Dasjenige, was einheitliche Seelentätigkeit wäre, das kommt uns überhaupt im gewöhnlichen Leben nicht zum Bewußtsein, das können wir gar nicht ins Bewußtsein hereinbringen. Wenn wir - weil ja das Ganze im Ätherleib beobachtet werden muß, und der Ätherleib etwas Bewegliches, Flüssiges ist - den Ätherleib wie einen fortlaufenden Strom symbolisch zeichnen, so kommt uns dieser Strom der Seelentätigkeit im gewöhnlichen Leben überhaupt nicht zum Bewußtsein, sondern in diesen Strom, in dieses fortwährende Bewegen des Ätherleibes, das mit der Zeit fortfließt, gliedert sich hinein einmal luziferische und dann wieder ahrimanische Tätigkeit. Die luziferische Tätigkeit macht das Wollen jung. Unsere Seelentätigkeit, durchzogen von Luziferischem, ist Wollen. Wenn das Luziferische in unserer Seelentätigkeit überwiegt, wenn in unserer Seele nur Luzifer seine Kräfte geltend macht, so ist das Wollen. Luzifer wirkt verjüngend auf den Gesamtstrom unserer Seelentätigkeit. Wenn Ahriman dagegen hauptsächlich seine Wirkungen äußert in unserer Seelentätigkeit, dann verhärtet er unsere Seelentätigkeit, sie wird alt, und das ist das Denken. Dieses Denken, dieses Gedankenhaben ist gar nicht möglich im gewöhnlichen Leben, ohne daß in dem ätherischen Leibe Ahriman seine Kräfte entfaltet. Man kann im Seelenleben, insofern es sich im Ätherleibe äußert, nicht ohne Ahriman und Luzifer auskommen.

Würde Luzifer sich ganz zurückziehen von unserem ätherischen Leibe, dann würden wir kein luziferisches Feuer haben zum Wollen. Würde Ahriman sich ganz zurückziehen von unserem Seelenleben, dann würden wir niemals die Kühle des Denkens entwickeln können. In der Mitte von beiden ist eine Region, wo sie miteinander kämpfen. Hier durchdringen sie sich, Luzifer und Ahriman, hier spielen ihre Tätigkeiten ineinander. Das ist die Region des Fühlens. In der Tat, so erscheint der menschliche Ätherleib, daß man darinnen wahrnehmen kann das luziferische Licht und die ahrimanische Härte. Wenn man den menschlichen Ätherleib überblickt, so ist das natürlich nicht so angeordnet, wie hier (auf der Zeichnung) symbolisch, sondern da ist ein Durcheinander. Da sind Einschiebsel, in denen der Ätherleib undurchsichtig erscheint, so, wie wenn er, ich möchte sagen, Eiseinschläge hätte. Figuren treten im Ätherleibe auf, die man vergleichen kann mit Eisfiguren, wie sie auf Fensterscheiben erscheinen. Das sind die Verhärtungen in dem Ätherleibe. An solchen Stellen wird er undurchsichtig. Das sind aber die Auslebungen des Gedankenlebens im Ätherleibe. Dieses Gefrieren des Ätherleibes an gewissen Stellen rührt von Ahriman her, der seine Kräfte da hineinschickt durch das Denken.

An andern Stellen des Ätherleibes ist es so, als wenn er Vakuolen, ganz lichte Stellen in sich hätte, die durchsichtig sind, die glänzend, lichtglitzernd sind. Da sendet Luzifer seine Strahlen, seine Kräfte hinein, das sind die Willenszentren im Ätherleibe. Und in dem, was dazwischen liegt, wo gleichsam fortwährende Tätigkeit ist im Ätherleibe, ist es so, daß man sieht, hier ist eine harte Stelle, aber nun wird sie sogleich von einer solchen Lichtstelle gefaßt und aufgelöst. Ein fortwährendes Festwerden und Wiederauflösen. Das ist der Ausdruck der Gefühlstätigkeit im Ätherleibe.

So können wir sagen: Nicht nur die Form des physischen Leibes ist durch das Ineinanderspielen der das Gleichgewicht störenden oder bewirkenden luziferischen und ahrimanischen Kräfte hervorgerufen, sondern auch im ganzen Ätherleibe spielen luziferische und ahrimanische Kräfte. Wenn die ahrimanischen Kräfte die Überhand haben, so ist das ein Ausdruck des Denkens, wenn die luziferischen Kräfte die Überhand haben, so ist das ein Ausdruck des Wollens, und wenn sie sich gegenseitig raufen, könnte man sagen, so ist das ein Ausdruck des Fühlens. Da haben wir die Art, wie im Ätherleibe luziferische und ahrimanische Kräfte ineinanderspielen. Wir sind gewissermaßen ganz das Ergebnis von solchen Kräften, und sind eigentlich in der Zwischenlage zwischen solchen Kräften darinnen.

Nun müssen wir uns darüber klar sein, daß wir in dem, was da spielt, nicht mit unserem vollen Ich immer darinnen sind. Unser Ich, unser irdisches Ich, das wir uns erst im Laufe der Erdenentwickelung erworben haben, kann seine volle Tätigkeit und sein volles Bewußtsein zunächst nur im physischen Leibe entfalten. Im Ätherleibe wird es sich erst während der Jupiterzeit voll entfalten können, so daß in alledem, was im Ätherleibe spielt, das eigentliche Ich des Menschen nicht unmittelbar tätig ist. Würde zu der fortschreitenden Weltevolution nichts hinzugekommen sein von ahrimanischen und luziferischen Kräften, dann würde der Mensch ein ganz anderes Wesen sein, dann würde der Mensch in seinem physischen Leibe Wahrnehmungen haben können, aber er würde nicht eigentlich Gedanken haben können. Gedanken hat er dadurch, daß auf seinen Ätherleib Ahriman Einfluß gewinnen kann. Willensimpulse hat er dadurch, daß auf seinen Ätherleib luziferische Kräfte Einfluß gewinnen können. Diese Kräfte müssen also da sein.

Wir müssen uns also klar darüber sein, daß wir für unser irdisches Bewußtsein nicht voll hinunter können in den Ätherleib. Wir können nur im physischen Leibe unser volles Ich-Bewußtsein ausleben. In den Ätherleib können wir nicht vollständig hinunter. Mit diesem Ätherleib tauchen wir daher unter in eine Welt, worin wir selbst nicht vollständig sind. Und mit Ahriman, der gedankenbildend in unseren Ätherleib eintritt, treten nicht nur unsere Gedanken in unseren Ätherleib ein. Mit Luzifer, der willensbildend in unserem Ätherleib ist, treten nicht nur unsere Willensimpulse in unseren Ätherleib ein. Und so ist es auch mit den Gefühlen, dem Gebiet, wo sich die beiden raufen. Insofern nun Ahriman in unserem Ätherleibe lebt, tauchen wir mit dem Ätherleibe unter in die Sphäre der Naturgeister, der elementanschen Naturgeister, der Erd-, Wasser-, Luft- und Feuergeister. Wir wissen das nur nicht, weil wir mit unserem Ich nicht voll in unseren Ätherleib hinunter können. Aber es ist immer so, daß in diesem Ätherleibe nicht nur dasjenige als Gedankenmacht lebt, was wir selbst denken, sondern da dringen auch die Einflüsse der Naturgeister ein. Insbesondere jedesmal wenn der Mensch diesen Naturgeistern gegenübertritt, weiß er zu erzählen davon, daß er etwas erlebt hat, was er im gewöhnlichen Ich-Bewußtsein nicht erlebt hat, und zwar tritt er diesen Naturgeistern dann gegenüber, wenn irgend etwas Abnormes bei ihm eintritt, wenn der Ätherleib gleichsam etwas losgerissen wird aus dem physischen Leibe.

Wodurch kann so etwas geschehen? Sehen Sie, der Ätherleib des Menschen steht in Verbindung mit der ganzen umliegenden ätherischen Welt, also auch mit der ganzen Sphäre der Naturgeister um uns herum. Nehmen wir nun einmal an, um ein Beispiel anzuführen, ein Mensch ginge bei Tage auf der Straße. Wenn er mit seinem gewöhnlichen Bewußtsein auf der Straße geht, dann ist sein Ätherleib richtig in seinem physischen Leibe darinnen, und er nimmt mit seinem Ich-Bewußtsein wahr, was man eben mit dem Ich-Bewußtsein wahrnehmen kann.

Nehmen wir aber einmal an, er geht in der Nacht über einen Weg. Wenn man nachts über einen Weg geht, so ist es gewöhnlich finster, was ja bei manchem Menschen schon grauselig-gruselige Zustände bewirkt. Dadurch nun, daß er in einen solchen grauselig-gruseligen Zustand kommt, lockert sich durch diese eigentümlichen Empfindungen, die da kommen, in denen Luzifer ihn besonders ergreift, der ätherische Leib aus dem physischen Leib heraus, und dadurch kann jetzt dieser befreite ätherische Leib, der sich herausgelöst hat aus dem physischen Leib, in Beziehung treten zu der umliegenden ätherischen Welt.

Nehmen wir nun an, der Betreffende komme in die Nähe eines Kirchhofes, wo noch Ätherleiber sind auf den Gräbern eben Verstorbener. Da kann er vielleicht in diesem Zustand, wenn sich sein Ätherleib herausgelockert hat, irgend etwas von den Gedanken, die noch in den Ätherleibern der Verstorbenen sitzen, wahrnehmen. Nehmen wir an, es sei jemand verstorben vor kurzer Zeit, der habe Schulden hinterlassen und sei mit dem Gedanken, Schulden gemacht zu haben, gestorben. Dieser Gedanke nun kann noch darinnensitzen in dem Ätherleibe des Verstorbenen. Man nimmt selbstverständlich diese Gedanken im Ätherleibe des andern nicht wahr, wenn der eigene Ätherleib nicht gelockert ist, aber in dem Zustande, den ich geschildert habe, kann man es wahrnehmen. Man kann mit dem Ätherleibe des andern in Beziehung treten und kann daher diesen Gedanken: Ich habe Schulden gemacht - wahrnehmen. Und jetzt, weil durch dieses die luziferisChe Macht in ihm verstärkt wird, regt sich in ihm das Gefühl: Ich muß diesem die Schuld bezahlen. So ein Mensch erlebt also etwas in seinem ätherischen Leibe, was er niemals im physischen Leibe im normalen Leben erleben würde. Man erlebt so etwas nicht alle Tage im gewöhnlichen Menschenleben, daher bringt es auch etwas sehr Bedeutsames im Bewußtsein hervor, wenn man das erlebt. Es bringt das im Bewußtsein hervor, daß man weiß, jetzt hast du etwas erlebt, das hast du nicht in deinem Leibe erlebt, das kannst du in deinem Leibe nicht erleben. Man fühlt, man ist irgendwo anders als in seinem Leibe, und das empfindet man als eine ungewohnte Lage. Man ist woanders als in seinem Leibe, und man fühlt dann den Drang, in seinen Leib wieder zurückzukehren; man sehnt sich nach Hilfe, um in seinen Leib wieder zurückzukehren.

Solch ein Gefühl, das man da hat, das Gefühl der Sehnsucht, in seinen Leib wieder zurückzukehren, ruft irgendwelche Elementargeister, Naturgeister heran, für die das Gefühl des Menschen gleichsam Speise, Nahrung ist. Sie kommen dadurch heran, daß sie gleichsam angezogen werden durch das Gefühl: Ich möchte in meinen physischen Leib herein. - Sie verhelfen einem dazu, den Weg zurückzufinden in den physischen Leib. Wenn man in gewöhnlicher Art schläft, findet man den Weg leicht zurück; wenn man aber so etwas erlebt wie das, was ich geschildert habe, findet man ihn schwer zurück. Aber man nimmt es nicht so wahr, wie man es im physischen Leibe wahrnimmt, sondern man nimmt es imaginativ, in Bildern wahr. Es kommt irgendeiner heran, der eigentlich ein Naturgeist ist, der vielleicht in der Gestalt eines Hirten, in der Gestalt eines Schäfers erscheint und der einem den Rat gibt: Gehe hin zu irgendeinem Schlosse. Ich werde dich dahin bringen auf einem Wagen - und dergleichen mehr.

Mit solchen Vorstellungen kann sich noch etwas anderes verknüpfen. Es kann sich damit verknüpfen, daß einem der Leib, den man verlassen hat, außerhalb dessen man das Erlebnis hatte, wie ein verzaubertes Schloß erscheint, aus dem man jemanden erlösen muß, wenn man hineinkommt. So imaginiert man diese Sehnsucht nach dem physischen Leibe und das Helfen der Naturgeister. Dann kommt man wieder in den physischen Leib zurück, das heißt, man wacht auf.

Solche Erlebnisse erzählen die Menschen dann, die es in der Realität erlebt haben, weil sie das Gefühl haben, auf diese Weise gleichsam mit den Gedanken eines Verstorbenen in Beziehung getreten zu sein. Sie sagen sich: Das war ein Gefühl von etwas, das nicht bloß in mir war, das nicht bloß etwas Geträumtes in mir war; das war ein Gefühl, das mir einen Vorgang draußen in der Welt vermittelt hat. - Das drückt sich natürlich in Bildern aus, aber es entspricht einem Vorgange. Ich will Ihnen ein solches Bild vorlesen, wo einer nacherzählt hat, was er da erlebt hat, und zwar etwas Ähnliches wie das, was ich eben erzählt habe. Das schildert er etwa so: «Als ich von den Soldaten verabschiedet wurde, traf ich auf meinem Wege drei Männer. Die wollten einen Toten ausgraben, weil er ihnen drei Mark schuldig war. Da wurde ich von Mitleid ergriffen und berichtigte die Schuld, damit der Verstorbene Ruhe habe und nicht mehr gestört werde in seinem Grabe. Ich wanderte weiter. Da schloß sich mir ein fremder Mann mit bleichem Gesichte an und lud mich ein, ein bleiernes Fahrzeug zu besteigen, und er überredete mich, zu einem Schloß mit ihm zu fahren. In dem Schloß wohne eine Prinzessin, die erklärt habe, sie wolle nur den Menschen heiraten, der auf einem bleiernen Wagen zu ihr käme. Dann ging er zu dem Kutscher und sagte:

"Fahre, was das Zeug hält, nach der Seite, wo der Sonnenaufgang ist." Da kam ein Schäfer und sagte: "Ich bin der Graf von Ravensburg." Er befahl dem Kutscher, schneller zu fahren. Wir kamen an ein Tor, und es wurde ein Tumult hörbar. Das Tor wurde aufgeschlossen. Die Prinzessin fragte nun den Mann, woher er sei, wie er mit dem alten Manne hätte fahren können, und ich merkte, daß der, welcher mich dahin geführt hatte, ein Geist sei. Da kam ich dann in das Tor hinein. Ich trat ein und war Besitzer des Schlosses.» Das heißt, er kam zurück in seinen Leib. Da finden Sie ein solches Erlebnis geschildert, wie ich es angeführt habe.

Und was ist denn das, wenn es einem andern passiert, und der erzählt es dann weiter? Das ist ein Märchen.

Auf keine andere Art als auf diese Weise sind die Märchen entstanden. Alles andere, was über die Märchenentstehung gesagt wird, ist nichts weiter als eine wüste Phantasie. Alle wirklichen Märchen sind ein Beweis dafür, daß es Erlebnisse außerhalb des physischen Leibes des Menschen gibt, wenn der Ätherleib in gewisser Weise gelockert wird und der Mensch in Beziehung zur äußeren ätherischen Welt tritt. Das ist die eine Art, wie der Mensch durch seinen Ätherleib mit der äußeren Welt in Beziehung tritt."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt, GA 158 (1980), S 132 ff., Sechster Vortrag, Dornach, 22. November 1914


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=199letzte Änderung: 2002-10-03


Denksinn

siehe -> Sinne


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=279letzte Änderung: 2003-06-21


Devachan, niederes
unteres Devachan, geistige Welt, «himmlische Welt», «Himmelreich»

"Und so verläuft auch nach dem Tode - das ist also die Zeit des Abgewöhnens - das ganze Leben durch die Astralwelt rückwärts, und Sie durchleben Ihr Leben noch einmal von rückwärts nach vorn und schließen es ab mit den ersten Eindrücken Ihrer Kindheit. Dieses geht aber wesentlich schneller als hier in der physischen Welt und dauert etwa ein Drittel des Erdenlebens... Wenn Sie das soeben Gesagte sich vor Augen halten, werden Sie ohne weiteres einsehen, daß der Mensch wirklich erst in die geistige Welt - und mit der geistigen Welt ist das gemeint, was in der Bibel mit «Himmelreich» oder «das Reich der Himmel» bezeichnet wird - eintreten kann, wenn er eben vorher sein ganzes Leben rückläufig durchlebt hat bis zur Kindheit. Und dieses liegt in Wahrheit dem Worte Christi zugrunde: «So ihr nicht werdet wie die Kindlein, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.» Dann nämlich, wenn der Mensch rückläufig wieder an der Stufe seiner Kindheit angekommen ist, streift er den Astralleib ab und tritt in die geistige Welt ein.

Nun muß ich Ihnen einmal diese geistige Welt erzählungsweise schildern. Dieses Reich der Himmel ist noch mehr verschieden von der physischen Welt als die Astralwelt. Da man aber selbstverständlich alles nur mit Ausdrücken schildern kann, die dieser physischen Welt entnommen sind, so gilt es noch mehr als für die obige Beschreibung der Astralwelt, daß alle diese Schilderungen nur vergleichsweise gelten dürfen.

Auch in diesem Reich der Himmel gibt es eine Dreiheit, wie hier auf der Erde. Wie man hier die drei Aggregatzustände hat: fest, flüssig und luftförmig, und danach die Erde einteilt in das Kontinentale, die Ozeane und das Luftgebiet, so kann man auch im Geisterlande, wenn auch wie gesagt nur vergleichsweise, drei derartige Gebiete unterscheiden; nur ist das Gebiet der Kontinente aus etwas anderem zusammengesetzt als unsere Felsen und Steine. Was nämlich dort der feste Boden des Geisterlandes ist, das sind die Urbilder alles Physischen. Alles Physische hat ja seine Urbilder, auch der Mensch. Diese Urbilder nehmen sich für den Hellseher aus wie eine Art Negativ, das heißt, man sieht den Raum wie eine Art Schattenfigur, und rings um ihn ist strahlendes Licht. Dieser Schatten ist aber, entsprechend zum Beispiel dem Blut und den Nerven, nicht gleichmäßig, während ein Stein oder ein Mineral im Urbild einen gleichmäßig leeren Raum erscheinen läßt, um den herum auch eine Lichtstrahlung zu sehen ist. Wie Sie auf der Erde auf festen Felsen gehen, so gehen Sie dort auf den Urbildern der physischen Dinge herum. Daraus ist das Land dieser geistigen Welt zusammengesetzt. Wenn der Mensch dieses Land zuerst betritt, dann hat er immer einen ganz bestimmten Anblick: das ist der Moment, in dem er das Urbild seines eigenen physischen Leibes erblickt. Da sieht er zuerst klar daliegen seinen eigenen Leib. Denn er selbst ist ja Geist. Das geschieht bei einem normal verlaufenen Erdenleben etwa dreißig Jahre nach dem Tode; und dabei hat man die Grundempfindung: Das bist du. - Aus dieser Erkenntnis heraus hat die Vedantaphilosophie das «Tat tvam asi - Das bist du», als einen grundlegenden Erkenntnissatz geprägt. Alle derartigen Ausdrücke sind tief aus dem geistigen Erkennen herausgeholt.

Das zweite Gebiet des geistigen Landes ist das Ozeangebiet. Alles, was hier in der physischen Welt Leben ist, alles also, was einen Ätherleib besitzt, das ist in dem Geisterland wie ein fließendes Element. Fließendes, flutendes Leben durchströmt so das Geisterland. Es sammelt sich auch wie in einem Meerbecken, wie das Wasser im Meer, oder besser gesagt, wie das Blut, das durch die Adern fließt und sich im Herzen sammelt.

Und drittens haben wir das Luftgebiet des Geisterlandes, welches gebildet wird durch alle Leidenschaften, Triebe, Gefühle und so weiter. Alles das haben Sie da oben als äußere Wahrnehmung, wie die atmosphärischen Erscheinungen hier auf der Erde. Alles das durchbraust die Atmosphäre des Devachan. Als Seher können Sie so im Geisterlande wahrnehmen, was hier auf der Erde gelitten wird, und was für Freude hier herrscht. Jede Leidenschaft, jeder Haß und dergleichen wirkt sich im Geisterlande aus wie ein Sturm. Eine Schlacht zum Beispiel wirkt sich so aus, daß der Seher das Erlebnis eines Gewitters in derDevachanwelt hat. So ist das ganze geistige Gebiet durchzogen sowohl mit dahinziehenden wunderbaren Freuden wie auch furchtbaren Leidenschaften. Und so kann man auch von geistigen Ohren sprechen. Wenn Sie so weit vorgeschritten sind, daß Sie sich den Einblick in diese Devachanwelt errungen haben, dann können diese hinwogenden Erscheinungen von Ihnen gesehen und gehört werden, und das also Gehörte ist die Sphärenharmonie.

So haben wir das Gebiet des Geistigen bis zu dieser Stufe charakterisiert. Aber es gibt noch ein viertes Gebiet im Devachan. Wir haben bisher gesehen:

die Urbilder aller physischen Form
alles Leben
alles Seelenleben, Gefühle und so weiter
= Kontinent
= Meer
= Luftgebiet
} des Devachan

Es gibt nun etwas im Menschenleben, was nicht in der Außenwelt angelegt werden kann, und der geistige Inhalt dessen bildet das vierte Gebiet des Devachan. Dahin gehört jeder originelle Einfall, bis zum Schöpferischen des Genies. Alles, was originell ist, das heißt, alles, was der Mensch in diese Welt hinein schafft, wodurch die Welt bereichert wird, alle diese Urbilder bilden das vierte Gebiet des Devachan. Damit haben wir das abgeschlossen, was die Beschreibung der unteren Partien des Devachan ist.

Darüber hinaus kommen noch drei höhere Gebiete, die aber der Mensch hier während des Lebens nur durch höhere Einweihung - also nur der Eingeweihte - erreichen kann, und die nach dem Tode auch nur höher entwickelten Individualitäten wahrnehmbar sind. Wenn nun aber ein solch vorgeschrittener Eingeweihter in dieses nächstfolgende höhere Gebiet des Devachan einzutreten vermag, was erlebt er denn da? Zunächst etwas, was man in der Geheimwissenschaft bezeichnet als die Akasha-Chronik."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Menschheits-Entwickelung und Christus-Erkenntnis, GA 100 (1981), S 48 ff., Vierter Vortrag, Kassel, 19. Juni 1907
für eine grundlegende Darstellung siehe auch:
[2]Rudolf Steiner, Theosophie - Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung, GA 9 (1904), im Kapitel III. Das Geisterland


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=101letzte Änderung: 2002-10-10


Dharma
das Gesetz der Seele

„Durch Buddha ist der Menschheit das geworden, was die Seele als ihre eigene Gesetzmäßigkeit finden kann, was sie aufstellen kann, um sich zu läutern und sich zu einer hohen moralischen Höhe hinaufzuorganisieren, wie sie auf der Erde erreicht werden kann. Das Gesetz der Seele, Dharma, wurde durch den Buddha verkündet, wurde so verkündet, wie es der Mensch auf der höchsten Entwickelungsstufe der Menschennatur aus der menschlichen Seele selber heraus finden kann. Und Buddha war derjenige, der es zuerst herausgelöst hat.“ [1]

„Dharma hat viele Bedeutungen, die sich aber gegenseitig ergänzen und alle zueinander in Beziehung stehen. Dharma ist mit Karma eng verknüpft; sie verhalten sich zueinander wie Frucht und Samen. Dharma ist das Gewordene, das Resultat des vergangenen Karmas, der vergangenen Tätigkeit, und Dharma ist das gegenwärtige schaffende Prinzip in uns und erzeugt wieder das Karma der Zukunft. Dharma ist die Richtkraft unseres eigenen Denkens und Handelns, unsere eigene, persönliche Wahrheit. Es bezeichnet unsere innere Natur, charakterisiert durch den erreichten Grad der Entwicklung; es ist das Gesetz, welches das Wachstum für die zukünftige Entwicklungsperiode bestimmt, der fortlaufende Lebensfaden. Wie Ring an Ring reiht sich Inkarnation an Inkarnation, eine kontinuierliche Kette. Dharma ist unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich und wirkt in uns als Vater, Mutter und Sohn. Der Vater als Übersein, als höheres Selbst, als seine Wahrheit und sein Gesetz; die Mutter als das sich entwickelnde Wesen und der Sohn als das Künftige. Eine Inkarnation ist wertlos und verloren, die nicht durch Tätigkeit eine Übergangsstufe zur höheren Entwicklung wird; ebenso zwecklos ist das Streben, der Wunsch nach einer Vervollkommnung, die nicht durch vorangegangene Tätigkeit erworben ist. Es gibt in der Entwicklung keinen Sprung; geduldig weben wir uns Kleid auf Kleid auf dem Webstuhl der Zeit. Was auf einer vergangenen Stufe geübt wurde, wird Anlage auf einer künftigen, und Tätigkeit in einer früheren Periode wird Fertigkeit in einer späteren.

Schwer ist es für uns immer, unser eigenes Dharma, das Gesetz unseres persönlichen Daseins zu finden, das Gebot «Erkenne dich selbst» zu erfüllen. Man muß sich lange gewöhnen, um unbeeinflußt von den Dingen der Sinnenwelt, von unseren eigenen Wünschen und bewunderten Vorbildern, sich still in sich selbst versenken zu können und auf die innere Stimme zu horchen, die uns den Weg unserer Pflicht weist, die unsere Stellung, unsere Beziehungen, der Kreis, in den wir hineingeboren sind, uns auferlegen. Wenn wir die Stufe unseres Seins, unseren Unvollkommenheitsgrad richtig erkennen, wenn wir uns über das, was Wahrheit und Pflicht auf unserer Entwicklungstufe ist, recht klarwerden, dann dient Selbsterkenntnis nicht dem Egoismus, sondern das ist Dharma, denn Dharma ist die Befolgung des Gesetzes im Sinne wahrer Selbsterkenntnis. Wir finden dann unsere persönliche Note und können sie in der ewigen Weltharmonie zum kräftigen Mittönen bringen. Wir müssen unseren innigen Zusammenhang mit dem Kosmos, als einen Teil desselben, begreifen lernen; unsere Schwingungen müssen harmonisch zu der rhythmischen Bewegung des Kosmos stimmen. Unrecht und Sünde ist ja nichts anderes als Disharmonie, wenn unsere unregelmäßigen Schwingungen Stockungen und Störungen in dem gesetzmäßigen Gang des kosmischen Geschehens verursachen. Je mehr wir uns eins mit dem Kosmos fühlen, je mehr wird er uns offenbaren. Nur der Geist spricht zu uns, den zu verstehen wir gelernt haben. Nach dem Maße unserer Erkenntnis wird uns göttliche Inspiration zuteil, offenbart sich uns das höhere Selbst, das göttlicher Natur ist.

Wir können ja nur einen Teil jener großen, ewigen Wahrheit erkennen, in dem Umfange und der Größe, als wir durch unsere eigene Tätigkeit, durch unser Karma, in uns zur Offenbarung gebracht haben. Leben für Leben steigert sich in unserem Entwicklungsgang dieser Umfang, wir schreiten in Wissen und Erkenntnis fort, denn unsere Bestimmung ist es, den ganzen Ideeninhalt unserer Welt, unseres Kosmos, nach und nach in uns aufzunehmen. Wir können das nie, ohne stufenweise in uns den ganzen Reichtum der Erscheinungswelt als Erfahrung zu durchleben. Die Natur lebt in uns, wenn wir sie ganz erfassen. Ruhe, Friede und Zufriedenheit mit seinem Lebenslose muß jeden überkommen, der klar erkennt, daß er in den Kreis hineingeboren ist, für den er sich durch sein vergangenes Karma selbst vorbereitet hatte und den er nun mit der ganzen Treue auszufüllen und dessen ganzen Umfang er durch seine Tätigkeit zu erschöpfen hat. Damit hat er durch eigenes Erleben ein Wissensgebiet sich errungen und arbeitet nun in seiner eigenen Linie an der Erweiterung desselben, um sich höhere und bessere Daseinsbedingungen für künftig zu schaffen. So wird er auch dem Bruder, der unter ihm auf der Stufenleiter der Wesen emporzuklimmen versucht, in liebevollem Verständnis die Hand reichen, um ihm zu helfen, denn er selbst stand ja vor kurzem noch auf derselben Sprosse und rang sich mühsam empor, die Hände ausstreckend nach den Brüdern, die ihm voraus emporgeschritten waren.

...

So sehen wir, wie jede Entwicklungsstufe ihr eigenes Dharma erfüllen muß. Was auf der einen Stufe als gut gilt, hat die andere als böse zu meiden. Gut und Böse hat in der ewigen Weltordnung seinen Platz; in ihr verlieren sie jene Bedeutung, welche wir ihnen beilegen. Sie sind notwendig, denn sie sind die Pole der Entwicklung, sie sind aus einem Ursprung hervorgegangen. Gut und Böse, Wirkung und Gegenwirkung, bedingen und ergänzen sich wie Schlaf und Wachen, wie Ruhe und Tätigkeit, wie Licht und Schatten, wie Hell und Dunkel, und sie gehören zueinander wie Geist und Materie. Es ist Atma als reinstes Licht, Urquell alles Seins, und Atma als Spiegelbild, dunkelster Punkt und Keimkraft m der dichtesten Materie, welches den Anstoß zur Entwicklung und Verfeinerung der Materie in ewigem Wechsel der Formengebilde gibt, bis sich die Gegensätzlichkeit zur Lichtquelle des Geistes emporgerungen hat und in Nirwana sich mit seinem Ausganspunkt wieder vereinigt. Aus der ursprünglichen Einheit der Weltharmonie, des ewigen Grundes aller Dinge, des Seins, löst sich die Gegensätzlichkeit los - das ewige Werden der Materie, die sich in zahllosen wechselnden Formen aus sich heraus und hinauf entwickelt zur Erfüllung, um aus der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, dem Vielen, wieder zu einer Einheit zu verschmelzen, bereichert mit den unzähligen Erfahrungen der getrennten Einheiten. Mit Nirwana schließt sich der Kreis: Ausgang und Rückkehr zum ewigen Urgeist.

Für die abendländische Weltanschauung, welche in der Entwicklung des gegenwärtigen Seins ihr höchstes Ziel sieht, bedeutet Nirwana das Nichts. Von dem, was ihr als vollkommenes Sein gilt, ist in Nirwana allerdings nichts vorhanden. Nirwana ist das Nichts von Karma; es kann kein Karma mehr entstehen, weil Dharma offenbar geworden ist.

Vergangene Weltanschauungen sahen auf das, was noch nicht ist, und das gegenwärtige Sein war ihnen ein unvollkommener Übergang zu Höherem. Jeden Tätigkeitszustand sahen sie als Zwischenglied zwischen der Unvollkommenheit und der absoluten Vollkommenheit in Nirwana an. Das Ziel und das Ideal für sie war der Zustand einer Wesenheit, die ihr ganzes Dharma offenbart und damit ihr Karma verbrannt hat und in Nirwana eingeht.“ [2]



[1] Rudolf Steiner, Das Lukas-Evangelium, GA 114 (1985), S 116 f. (Basel, 20. September 1909)

[2] Rudolf Steiner, Über die astrale Welt und das Devachan, GA 88 (1999), S 160ff

[Aufzeichnungen von Marie von Sivers (Marie Steiner) von der zweiten privaten Lehrstunde für Marie von Sivers, Olga von Sivers und Maria von Strauch-Spettini, Berlin-Schlachtensee, Sommer 1903]


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=36letzte Änderung: 2002-08-15


Dreigliederung des menschlichen Organismus

Deutlich lassen sich drei sehr unterschiedliche Glieder des menschlichen Organismus unterscheiden:

Nerven-Sinnessystem
Rhythmisches System
Stoffwechsel-Gliedmassensystem

Das Nerven-Sinnessystem ist hauptsächlich im Kopf zentriert und ist das physische Werkzeug für die sinnliche Wahrnehmung, das Vorstellen und Denken. Es gibt dem Menschen die Grundlage für sein waches, der sinnlichen Welt hingegebenes Tagesbewusstsein.

Das Rhythmische System umfasst Atmung und Kreislauf und ist daher entsprechend im Brustbereich zentriert. Es ist das wesentlichste physische Werkzeug des Gefühlslebens und der im lebendig strömenden Atem tönenden menschlichen Sprache. Jede Stimmungsschwankung, jede Freude, jedes Leid spiegeln sich in einer leise veränderten Atmung und einem sich beschleunigenden oder verzögernden Pulsschlag wider, wie auch jede körperlich bedingte Veränderung in Atmung und Herzrhythmus sogleich auf unser Gefühlsleben zurückschlägt. Allerding erleben wir diese Gefühle nicht so klar und wach wie das, was wir durch unser Nerven-Sinnessystem erfahren. In unserem Gefühlsleben träumen wir eigentlich beständig.

Noch unbewusster bleiben uns die inneren Vorgänge des Stoffwechsel-Gliedmassensystems, das grundlegend für die Entfaltung unseres Willens ist. Insbesondere ist auch der aufrechte Gang des Menschen in diesem System begründet. Was tatsächlich in den Tiefen unseres Organismus vorgeht, wenn wir aufrecht durch die Welt schreiten, oder mit den dadurch freigewordenen Händen willentlich einen Gegenstand ergreifen, entzieht sich weitestgehend unserem Bewusstsein. Gerade darin liegt aber erst die eigentliche Realität des menschlichen Willens, und nicht in der blossen gedanklichen Vorstellung, die ihn begleitet. Im Willen schlafen wir eigentlich beständig.

Bei den Tieren, namentlich bei den höheren Tieren, zeichnet sich diese Dreigliederung des Organismus zwar schon deutlich ab, ist aber nirgends so ausgewogen wie beim Menschen. Nur die fein abgestimmte Harmonie, mit der diese drei Glieder, einander lebendig durchdringend, beim Menschen zusammenwirken, ermöglicht ihm seine aufrechte Haltung, die artikulierte Lautsprache und das verstandesmässige Denken.


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=13letzte Änderung: 2002-07-15


Dritte Hierarchie
Engel, Erzengel, Urengel

(siehe auch -> Hierarchien)

3. Hierarchie

Archai, Urengel, Urbeginne, Urkräfte, Geister der Persönlichkeit, Geister der Finsternis, Asuras; siehe auch -> Zeitgeister
Archangeloi, Erzengel, Feuergeister, Geister od. Söhne des Feuers, Erzboten; siehe auch -> Volksgeister
Angeloi, Engel, Geister od. Söhne des Zwielichts, Geister der Dämmerung, Söhne des Lebens, Boten, Lunar Pitris

Das Seelenleben dieser unmittelbar über dem Menschen stehenden geistigen Hierarchien gestaltet sich grundlegend anders als das des Menschen. Es gibt allerdings einzelne Erlebnissphären des menschlichen Seelenlebens, die ähnlich wie das jener Engelwesenheiten geartet sind und die uns daher eine erste vage Vorstellung von ihrem Seelenwesen geben können:

"Der Mensch ist ausgestattet mit der Möglichkeit, ein von allem Äußeren unabhängiges Innenleben zu führen. Diese Möglichkeit tritt uns ja in jeder Stunde unseres wachen Tageslebens vor Augen. Wir wissen, daß wir in bezug auf dasjenige, was wir sehen mit unseren Augen, hören mit unseren Ohren, etwas Gemeinschaftliches haben mit allen anderen Wesenheiten, die sich auch ihrer Sinne bedienen können. Ein inneres Leben gegenüber der Außenwelt haben wir als Menschen mit anderen Menschen und vielleicht auch mit anderen Wesenheiten gemeinsam. Jeder für sich, das wissen wir ja nur zu gut als Menschen, hat seine besonderen Leiden, seine besonderen Freuden, hat seine Bekümmernisse und Sorgen, hat seine besonderen Hoffnungen und Ideale; und in einer gewissen Weise sind diese Sorgen, diese Leiden, diese Bekümmernisse, diese Hoffnungen und Ideale ein besonderes Reich, das man mit physischem Blicke nicht sogleich dem anderen Menschen ansehen kann, das er eben als ein selbständiges inneres Leben mit sich durch die Welt trägt. Wenn wir mit einem Menschen in demselben Raum sind, so wissen wir, was auf seine Augen, was auf seine Ohren wirken kann. Was in seiner Seele vorgeht, was er da drinnen erlebt, darüber können wir vielleicht Ahnungen haben aus demjenigen, was er uns äußern will durch seine Mienen, durch seine Gesten oder aber durch seine Sprache; wenn er aber sein Innenleben als seine besondere Welt für sich haben will, dann können wir nicht ohne weiteres in diese seine besondere Innenwelt eindringen.

Wenn wir nun mit okkultem Blick in die Welten schauen, die zunächst für die äußere physische Welt verborgen sind, dann treffen wir da Wesenheiten an, welche gerade in bezug auf diejenigen Eigenschaften, die jetzt eben charakterisiert worden sind, ganz anders geartet sind. Wir treffen Wesenheiten an, welche ein solches selbständiges Innenleben nicht so führen können, wie der Mensch es führt. Wir treffen als eine nächste Gruppe, als eine nächste Kategorie von geistigen Wesenheiten nämlich solche an, wrelche dann, wenn sie ihr Innenleben führen, sogleich durch dieses innere Leben in einen anderen Zustand versetzt werden, in einen anderen Bewußtseinszustand als dasjenige Leben, das sie in der Außenwelt und mit der Außenwelt führen. Versuchen wir uns zu verständigen. Nehmen wir an, es müßte ein Mensch so leben, daß, wenn er in seinem Inneren leben und den Blick nicht auf die Außenwelt lenken wollte, die ihn umgibt, wenn er nicht mit dieser Außenwelt leben wollte, er dann sogleich einfach durch diesen seinen Willen in einen anderen Bewußtseinszustand übergehen müßte. Wir wissen, daß der Mensch ohne seinen Willen in einen anderen Bewußtseinszustand in seinem normalen Leben übergeht, wenn er sich im Schlaf befindet. Aber wir wissen auch, daß dieser Schlaf dadurch herbeigeführt wird, daß sich der astralische Leib und das Ich des Menschen von dem ätherischen und physischen Leib absondern. Wir wissen also, daß mit dem Menschen etwas vorgeht, wenn er in einen anderen Bewußtseinszustand kommen soll. Dadurch, daß der Mensch zum Beispiel einfach sagt: Hier habe ich vor mir eine Wiese, mit vielen Blumen bedeckt; indem ich sie anschaue, macht sie mir Freude —, dadurch kommt der Mensch noch nicht in einen anderen Bewußtseinszustand; er erlebt sozusagen für sich selber seine Freude an der Wiese, an den Blumen, in der Gemeinschaft mit der Außenwelt. Diejenigen Wesenheiten nun, welche durch den okkulten Blick als die nächste Kategorie in einer höheren Welt angetroffen werden, verändern jedesmal ihren Bewußtseinszustand, wenn sie ihre Wahrnehmung, ihr Tun ablenken von ihrer Außenwelt und auf sich selber hinlenken. Bei ihnen braucht also keine Trennung einzutreten zwischen verschiedenen Wesensgliedern, sondern in ihnen selbst, so wie sie sind, bewirken sie einfach durch ihren Willen einen anderen Bewußtseinszustand.

Nun sind die Wahrnehmungen dieser Wesenheiten, von denen wir hier sprechen als der nächsten Kategorie über dem Menschen, nicht so wie die Wahrnehmungen des Menschen. Der Mensch nimmt dadurch wahr, daß eine Außenwelt an ihn herantritt für seine Sinne. Er gibt sich sozusagen dieser Außenwelt hin. Diese Wesenheiten, von denen wir hier zu sprechen haben, nehmen nicht eine solche Außenwelt wahr, wie der Mensch sie wahrnimmt mit seinen Sinnen, sondern sie nehmen so wahr, wie der Mensch — das ist aber vergleichsweise —, wenn er zum Beispiel selber spricht oder eine Handbewegung macht und seine eigene Handbewegung wahrnimmt, oder wenn er, sagen wir, in irgendeiner Mimik sein Inneres äußert, kurz, wenn er seine eigene Natur zum Ausdruck bringt. Es ist also in einer gewissen Weise bei jenen Wesenheiten einer höheren Welt, von denen wir hier zu sprechen haben, alle Wahrnehmung zugleich eine Offenbarung ihres eignen Wesens. Das bitte ich Sie zu berücksichtigen, meine lieben Freunde, daß, indem wir aufsteigen zu der höheren Kategorie von Wesenheiten, die nicht mehr äußerlich wahrnehmbar sind für den Menschen, wir solche Wesenheiten vor uns haben, welche wahrnehmen, indem sie offenbaren, indem sie zum Ausdruck bringen das, was sie selber sind. Und sie nehmen ihr eigenes Wesen eigentlich nur so lange wahr, solange sie offenbaren wollen, solange sie es in irgendeiner Weise nach außen zum Ausdruck bringen. Sie sind, wir könnten sagen, nur wach, indem sie sich offenbaren. Und wenn sie sich nicht offenbaren, wenn sie durch ihren Willen also nicht zu der Umwelt, zu der äußeren Welt in eine Beziehung treten, dann tritt für sie ein anderer Bewußtseinszustand ein, dann schlafen sie in einer gewissen Weise. Nur ist ihr Schlaf kein bewußtloser Schlaf wie beim Menschen, sondern ihr Schlaf bedeutet für sie eine Art Herabminderung, eine Art Verlust ihres Selbstgefühles. Sie haben ihr Selbstgefühl so lange, als sie nach außen sich offenbaren, und sie verlieren in einer gewissen Weise ihr Selbstgefühl, wenn sie sich nicht mehr offenbaren. Sie schlafen dann nicht wie die Menschen, sondern dann tritt in ihr eigenes Wesen etwas herein wie die Offenbarung von geistigen Welten, die höher sind als sie selber. Sie sind dann ausgefüllt in ihrem Innern von höheren geistigen Welten. Also wohlgemerkt, wenn der Mensch den Blick nach außen richtet und wahrnimmt, dann lebt er mit der Außenwelt, dann verliert er sich an die Außenwelt. Er verliert sich zum Beispiel auf unserem Planeten an die verschiedenen Naturreiche. Wenn er den Blick von außen ablenkt, dann kommt er in sein Inneres hinein und lebt ein selbständiges Innenleben, dann wird er frei von dieser Außenwelt. Wenn diejenigen Wesenheiten, von denen wir als einer nächsten Kategorie über dem Menschen sprechen, nach außen wirken, dann offenbaren sie sich, und dann haben sie ihr Selbstgefühl, ihr eigentliches Selbsterlebnis in diesem Offenbaren, und wenn sie in ihr Inneres kommen, dann kommen sie nicht an ein selbständiges Innenleben wie der Mensch, sondern dann kommen sie dafür in ein Leben mit anderen Welten. Wie der Mensch zu einem solchen kommt, wenn er die Außenwelt wahrnimmt, so nehmen sie andere geistige Welten, die über ihnen stehen, wahr, wenn sie in sich hineinblicken; dann kommen sie zu diesem anderen Bewußtseinszustand, wo sie sich erfüllt rinden von anderen Wesenheiten, die höher sind als sie selbst. So daß wir sagen können, wenn wir den Menschen ins Auge fassen: Der Mensch hat, indem er sich selbst an die Außenwelt verliert, sein Wahrnehmen, indem er sich von der Außenwelt zurückzieht, sein selbständiges Innenleben. Diejenigen Wesenheiten, die zu der nächsthöheren Kategorie gehören — wir nennen sie im allgemeinen die Wesenheiten der sogenannten dritten Hierarchie —, haben statt des Wahrnehmens die Offenbarung, und im Offenbaren erleben sie sich. Statt des Innenlebens haben sie das Erlebnis höherer geistiger Welten, das heißt, sie haben statt des Innenlebens Geist-Erfüllung. Dies ist der wesentlichste Unterschied zwischen dem Menschen und den Wesenheiten der nächsthöheren Kategorie.

Dritte Hierarchie:
Mensch:

Offenbarung, Geist-Erfüllung
Wahrnehmen, Innenleben

Wir können an einem, ich möchte sagen, krassen Fall des Lebens den Unterschied angeben zwischen dem Menschen und diesen Wesenheiten der nächsthöheren Kategorie. Der krasse Fall ist der, daß der Mensch in die Lage kommt, innerlich Erlebnisse zu haben, welche mit dem, was er äußerlich wahrnimmt, nicht stimmen, und wenn innere Erlebnisse des Menschen mit der Wahrnehmung der Außenwelt nicht zusammenstimmen, so haben wir als krassesten Fall die Lüge. Und wir können, um uns zu verständigen, eine für den Menschen mögliche Eigentümlichkeit dadurch ausdrücken, daß wir sagen: Der Mensch ist fähig, etwas wahrzunehmen und andere Vorstellungen in seinem Inneren zu erwecken, auch zu äußern, als sie den Wahrnehmungen entsprechen. Der Mensch kann durch diese seine Eigenschaft der Außenwelt durch die Lüge widersprechen. Das ist eine Möglichkeit, welche, wie wir später hören werden im Verlauf dieser Vorträge, dem Menschen gerade deshalb gegeben werden mußte, damit er durch seinen freien Willen zur Wahrheit kommen könne. Indem wir aber den Menschen so, wie er einmal ist in der Welt, betrachten, müssen wir diese Eigenschaft ins Auge fassen, daß der Mensch in seinem inneren Leben Vorstellungen ausbilden und auch äußern kann, welche mit den Wahrnehmungen, mit den Tatsachen nicht übereinstimmen. Dies ist als eine Möglichkeit bei den Wesenheiten der höheren Kategorie, die hier angeführt worden sind, solange sie ihre Natur behalten, nicht gegeben. Die Möglichkeit der Lüge besteht bei den Wesenheiten der dritten Hierarchie, wenn sie ihre Natur beibehalten, nicht. Denn was würde erfolgen, wenn eine Wesenheit der dritten Hierarchie lügen wollte? Dann müßte sie in ihrem Innern etwas erleben, was sie in einer anderen Weise, als sie es erlebt, in die Außenwelt übertrüge. Aber dann würde diese Wesenheit der nächsthöheren Kategorie dies nicht mehr wahrnehmen können, denn alles das, was diese Wesenheiten in ihrem Innern erleben, ist Offenbarung, tritt sogleich in die Außenwelt über. Diese Wesenheiten müssen im Reich der absoluten Wahrheit leben, wenn sie sich überhaupt erleben wollen. Nehmen wir an, diese Wesenheiten würden lügen, das heißt, etwas in ihrem Innern haben, was sie so umsetzen würden in ihren Offenbarungen, daß es mit den Offenbarungen nicht zusammenstimmt, dann würden sie es nicht wahrnehmen können, denn sie können nur ihre innere Natur wahrnehmen. Sie würden unter dem Eindruck einer Lüge sogleich betäubt werden, sogleich in einen Bewußtseinszustand versetzt werden, der eine Herabdämmerung, eine Herabstimmung wäre ihres gewöhnlichen Bewußtseins, das eben nur in der Offenbarung ihres Innern leben kann. So haben wir über uns eine Klasse von Wesenheiten, welche durch ihre eigene Natur leben müssen im Reich der absoluten Wahrheit und Wahrhaftigkeit, wenn sie diese Natur nicht verleugnen wollen. Und jede Abweichung von der Wahrhaftigkeit würde diese Wesenheiten betäuben, ihr Bewußtsein herabstimmen...

Ein Gebiet — es ist freilich ein trockenes, nüchternes Gebiet — haben ja ganz zweifellos alle Menschen gemeinsam in bezug auf solche Innenoffenbarungen. Das ist dasjenige, was sich bezieht auf die Zahlen und ihre Verhältnisse, kurz, auf das Mathematische, auf Zählen und Rechnen. Daß dreimal drei neun ist, können wir niemals von der Außenwelt erfahren, das müssen wir durch unser Inneres uns offenbaren lassen. Daher gibt es auch keine Möglichkeit, darüber zu streiten über den Erdball hin. Ob irgend etwas schön oder häßlich ist, darüber kann man über den ganzen Erdball hin viel streiten, wenn aber einer nur einmal in seinem Innern sich hat offenbaren lassen, daß dreimal drei neun ist, oder daß das Ganze gleich ist der Summe seiner Teile, oder daß ein Dreieck als Summe seiner Winkel 180° hat, so weiß er es, weil ihm das keine Außenwelt offenbaren kann, sondern nur sein Inneres. Es beginnt schon bei der trockenen, nüchternen Mathematik dasjenige, was wir Inspiration nennen können. Nur merken die Menschen gewöhnlich nicht, daß die Inspiration bei der trockenen Mathematik beginnt, weil die meisten Menschen diese trockene Mathematik für etwas ungeheuer Langweiliges halten und sich daher nicht gerne etwas von ihr offenbaren lassen. Aber in bezug auf das innere Offenbaren ist es im Grunde genommen auch mit den moralischen Wahrheiten nicht anders. Wenn der Mensch etwas als recht erkannt hat, so wird er sagen: Dies ist recht und das Gegenteil ist unrecht, und keine äußere Macht der Welt auf dem physischen Plan kann mir beibringen, daß das, was sich mir als das Rechte offenbart, in meinem Innern unrichtig wäre. - Auch die moralischen Wahrheiten im höchsten Sinne offenbaren sich durch das Innere. Man kann, wenn man den geistigen Blick gefühls- und empfindungsmäßig hinlenkt auf diese Möglichkeit der Innenoffenbarung, sich daran erziehen. Es ist sogar die Erziehung durch die bloße Mathematik sehr gut. Wenn der Mensch zum Beispiel öfter einmal sich dem Gedanken hingibt: Ob dieses oder jenes Essen gut ist, darüber kannst du deine Meinung haben und ein anderer kann einer anderen Meinung sein. Das steht in der Willkür des einzelnen. Die Mathematik, die moralischen Verpflichtungen aber stehen nicht in solcher Willkür. Bei ihnen weiß ich, daß sie mir etwas offenbaren, dem gegenüber ich mich, wenn ich es nicht als wahr anerkennen will, als unwürdig der Menschlichkeit erweise. — Diese Anerkennung einer Offenbarung durch das Innere, als Gefühl, als innerer Impuls gefaßt, ist eine mächtige pädagogische Kraft in dem Innern des Menschen, wenn er sich ihm meditativ hingibt. Wenn er sich zunächst sagt: In der Sinnenwelt ist vieles, worüber meine Willkür bloß entscheidet, aber aus dem Geiste heraus offenbaren sich mir Dinge, über die meine Willkür nichts vermag und die mich doch angehen, deren ich mich würdig erweisen muß als Mensch —, wenn der Mensch diesen Gedanken immer stärker und stärker werden läßt, so daß der Mensch bezwungen werden kann durch sein eigenes Inneres, dann wächst er über den bloßen Egoismus hinaus, dann überwindet, wie wir auch sagen, ein höheres Selbst, das sich eins weiß mit dem Geist der Welt, das gewöhnliche willkürliche Selbst. So etwas müssen wir in uns als Stimmung entwickeln, wenn wir dahin kommen wollen, das Tor zu erreichen, das hineinführt in die geistige Welt. Denn wenn wir oftmals uns solchen Stimmungen, wie sie charakterisiert worden sind, hingeben, dann erweisen sie sich fruchtbar. Sie erweisen sich namentlich dann fruchtbar, wenn wir sie so konkret wie möglich in die Gedanken hineinbringen, und namentlich, wenn wir solche Gedanken hegen, solche Gedanken in uns aufnehmen, die als wahr uns einleuchten und die doch der äußeren Sinnenwelt widersprechen. Solche Gedanken können zunächst nur Bilder sein, aber solche Bilder sind außerordentlich nützlich für die okkulte Entwickelung des Menschen.

Ich will Ihnen ein solches Bild sagen, will Ihnen an einem solchen Bild zeigen, wie der Mensch seine Seele über sich selber hinaufrücken kann. Nehmen Sie zwei Gläser, in dem einen ist Wasser und in dem anderen keines. Das Glas, in dem Wasser ist, soll nicht ganz angefüllt sein, sondern nur zur Hälfte. Nehmen wir jetzt an, Sie beobachten in der Außenwelt diese zwei Gläser. Wenn Sie aus dem Glas mit Wasser nun etwas in das leere Glas herüberschenken, so wird das leere Glas etwas mit Wasser gefüllt sein, das andere aber wird nachher weniger Wasser haben. Wenn Sie ein zweites Mal aus diesem Glas, das zuerst halb mit Wasser gefüllt war, in das zuerst leere Glas Wasser herübergießen, wird das erste Glas noch weniger Wasser haben, kurz, durch das Herübergießen wird immer weniger und weniger in dem Glas sein, das zuerst halb mit Wasser gefüllt war. Das ist für die äußere physisch-sinnliche Welt eine wahre Vorstellung.

Jetzt bilden wir uns eine Vorstellung, die ganz anders ist. Denken Sie sich einmal, Sie würden probeweise sich die umgekehrte Vorstellung bilden, Sie würden sich vorstellen, Sie gießen aus dem halbgefüllten Glas Wasser in das leere Glas ein. Da kommt in das letztere Glas Wasser hinein, in dem halbvollen Glas aber, da, stellen Sie sich vor, würde durch das Herübergießen das Wasser mehr, und wenn Sie ein zweites Mal ausgießen würden, so würde wieder etwas hinübergehen in das früher leere Glas, aber das zuerst halbgefüllte Glas würde dadurch noch mehr Wasser haben. Durch das Ausgießen würde immer mehr und mehr Wasser in dem ersten Glas sein. Denken Sie sich, Sie bilden sich diese Vorstellung. Selbstverständlich wird jeder Mensch, der sich in unserer Gegenwart zu den absolut vernünftigen Menschen rechnet, sagen: Nun, das ist ein rechter Wahnsinn, den du dir da vorstellst. Du stellst dir vor, daß du Wasser ausgießest und daß dadurch immer mehr Wasser in das Glas kommt, aus dem du herausgießest. — Ja, wenn man diese Vorstellung anwendet auf die physische Welt, dann ist sie natürlich eine wahnsinnige Vorstellung, aber merkwürdigerweise läßt sie sich auf die geistige Welt anwenden. In einer sonderbaren Weise läßt sie sich anwenden. Nehmen wir einmal an, ein Mensch habe ein liebevolles Herz, und er erweist aus seinem liebevollen Herzen einem anderen Menschen, der der Liebe bedarf, eine liebende Tat, so gibt er etwas dem anderen Menschen ab, aber er wird dadurch nicht leerer, sondern indem er Liebestaten dem anderen Menschen hinübergibt, erhält er mehr, er wird voller, und wenn er ein zweites Mal eine Liebestat verrichtet, wird er noch voller, hat er noch mehr. Man wird nicht arm, nicht leer dadurch, daß man Liebestaten verrichtet, sondern man wird reicher, man wird voller. Man gießt in den anderen Menschen etwas hinüber, was einen selbst voller macht.

Wenden wir nun unser Bild, das für die gewöhnliche physische Welt unmöglich, wahnsinnig ist, auf das Ausgießen der Liebe an, dann ist es anwendbar, dann können wir es als ein Sinnbild, als ein Symbolum für geistige Tatsachen auffassen. Was Liebe ist, ist etwas so Kompliziertes, daß kein Mensch den Hochmut besitzen sollte, Liebe zu definieren, Liebe ihrem Wesen nach ohne weiteres zu durchschauen. Liebe ist kompliziert. Wir nehmen sie wahr, aber keine Definition kann die Liebe ausdrücken. Aber ein Sinnbild, ein einfaches Sinnbild, ein Glas Wasser, das, indem es ausgegossen wird, voller wird, das gibt uns eine Eigenschaft des Liebeswirkens wieder. Wir tun im Grunde genommen, wenn wir uns so das Komplizierte der Liebestaten vorstellen, nichts anderes, als was der Mathematiker in seiner trockenen Wissenschaft tut. Nirgends ist ein wirklicher Kreis, nirgends ein wirkliches Dreieck; die müssen wir uns nur denken. Wenn wir einen Kreis aufzeichnen und ihn nur ein wenig durch ein Mikroskop besehen, so sehen wir lauter Kreide- oder andere Punkte; solcher Kreis wird nie die Regelmäßigkeit eines wirklichen Kreises haben. Wir müssen zu unserer Vorstellung, zu unserem Innenleben gehen, wenn wir den Kreis oder das Dreieck oder sonst etwas vorstellen wollen. So müssen wir, um uns so etwas wie eine geistige Tat vorzustellen — die Liebe zum Beispiel —, auch zum Bilde greifen und an eine Eigenschaft uns halten...

Dadurch kommt der Mensch dazu, etwas anzuerkennen, was als eine Welt über ihm steht, die ihn inspiriert, die er nicht in der Außenwelt wahrnehmen kann, die aber in ihn hereindringt. Wenn er immer mehr und mehr dieser Vorstellungswelt sich hingibt, dann kommt er dazu, anzuerkennen, daß durch ihn, durch jeden Menschen etwas geistig Wesenhaftes lebt, das höher ist als er selbst, der Mensch, in dieser einen Inkarnation mit seinem Egoismus.

Wenn man anzuerkennen beginnt, daß so etwas über uns ist wie ein uns gewöhnliche Menschen leitendes Wesen, dann hat man in der Reihe der Wesenheiten der dritten Hierarchie die erste Form, diejenigen Wesenheiten, die man da nennt Engel oder Angeloi. Der Mensch erlebt zunächst, indem er über sich selber in der geschilderten Weise hinausgeht, das Hereinwirken eines Engelwesens in seine eigene Wesenheit. Wenn man sich nun dieses Wesen, das uns inspiriert, verselbständigt denkt, so daß es die Eigenschaften hat, die geschildert worden sind als Offenbarung und als Geist-Erfüllung, dann kommt man zu dem Begriff der unmittelbar über dem Menschen stehenden nächsten Wesen der dritten Hierarchie. So daß man die ersten Wesenheiten über dem Menschen ansprechen kann als diejenigen, die jeden einzelnen, individuellen Menschen führen, leiten und lenken.

Auf diese Weise habe ich Ihnen ein wenig den Weg geschildert, wie der Mensch sich zunächst zu den ersten Wesen, die über ihm stehen, hinauferheben kann, so daß er eine Vorstellung von ihnen bekommt. So wie nun der einzelne auf diese Weise seinen Führer hat und der okkulte Blick, wenn wir über uns selber hinauskommen, über unsere egoistischen Interessen, uns darauf aufmerksam macht: Du hast deinen Führer —, so gibt es nun auch die Möglichkeit, daß sich der okkulte Blick hinrichtet auf Menschengruppen, Stämme, Völker und so weiter. Solche zusammengehörigen Menschengruppen haben ebenso eine Führerschaft, wie der einzelne Mensch sie in der geschilderten Weise hat. Nur sind diejenigen Wesen, welche ganze Völker oder ganze Stämme führen, eben mächtiger als die Führer des einzelnen Menschen. In der abendländischen Esoterik nennt man solche Völker- oder Stammesführer, die in der geistigen Welt leben und Offenbarungen als ihre Wahrnehmungen, Geist-Erlebnisse als ihr Inneres haben und deren Taten zum Ausdruck kommen in dem, was ein ganzes Volk oder ein ganzer Stamm tut, Erzengel oder Archangeloi. Wenn der Mensch in seiner okkulten Entwickelung immer weiterschreitet, dann kann er dazu kommen, daß sich ihm nicht nur enthüllt, was ihn selbst speziell führt, sondern dann enthüllt sich ihm das, was die Gruppe von Menschen, zu der er zunächst gehört, führt.

Und dann, wenn unsere okkulte Entwickelung noch weiter geht, dann finden wir Wesenheiten als Führer der Menschen, welche nichts mehr zu tun haben mit einzelnen Stämmen, mit einzelnen Völkern, sondern welche Führer sind in den aufeinanderfolgenden Zeiten. Wenn der okkult geschulte Mensch verfolgt zum Beispiel jenes Zeitalter, in dem die alten Ägypter oder die alten Chaldäer gelebt haben, dann erscheint ihm das ganze Gepräge, der ganze Charakter der Zeit unter einer gewissen Führerschaft. Diese Führerschaft ändert sich. Wenn der okkulte Blick hinschaut auf das, was zum Beispiel auf die ägyptische, auf die chaldäische Zeit folgte, wenn der okkulte Blick sich hinrichtet auf das Zeitalter, in welchem die Griechen, die Römer den Ton angegeben haben in der abendländischen Geisteswelt, da zeigt sich, daß über einzelne Völker hinaus, mächtiger als die Erzengel, die Völkerführer, Geister walten, die ganze zusammengehörige Völkergruppen gleichzeitig leiten und die dann abgelöst werden nach einer bestimmten Zeit von anderen Zeitlenkern. So wie wir also im Raum verteilt finden die einzelnen Gebiete der Archangeloi, der Erzengel, die gleichzeitig Menschengruppen leiten, aber einzelne Menschengruppen, so finden wir, wenn wir den okkulten Blick hinschweifen lassen über die laufende Zeit, daß die einzelnen Zeitalter von ihren realen Zeitgeistern, die mächtiger sind als die Erzengel, geleitet werden und daß unter ihnen die verschiedensten Völker zugleich stehen. Diese dritte Kategorie der dritten Hierarchie nennen wir Zeitgeister oder Archai mit einem Ausdruck der abendländischen Esoterik.

All die Wesenheiten, die zu diesen drei Klassen der dritten Hierarchie gehören, haben die Eigenschaften, die Ihnen heute charakterisiert worden sind, sie alle haben das, was hier genannt worden ist als Offenbarung und als innere Geist-Erfüllung. Das nimmt der okkulte Blick wahr, wenn er sich zu diesen Wesenheiten erheben kann. Wir können also sagen: Wenn wir dasjenige, was in der geistigen Welt den Menschen umgibt, was gleichsam um den Menschen herum als sein eigener individueller Führer ist, wenn wir das, was da geistig lebt, unsichtbar waltet und uns eigentlich anstiftet zu unseren unpersönlichen Handlungen und zu unserem unpersönlichen Denken und Fühlen, wenn wir das beobachten, so haben wir darin zunächst die Wesenheiten der dritten Hierarchie. Der okkulte Blick nimmt diese Wesenheiten wahr. Für ihn sind sie Realitäten. Aber auch das normale Bewußtsein lebt unter ihrer Gewalt, wenn auch dieses Bewußtsein den Engel nicht wahrnimmt, denn es steht unter seiner Führerschaft, wenn auch unbewußt. Und so stehen unter ihrem Erzengel die Menschengruppen und in der Führerschaft der Zeitgeister die Zeiten und die Menschen ihrer Zeiten.

Diese Wesenheiten nun der dritten Hierarchie, wir finden sie so, wie sie heute geschildert worden sind, in unserer geistigen Umgebung, in der allernächsten geistigen Umgebung. Wenn wir aber zurückgehen würden in der Entwickelung unseres Planeten bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, den wir in den nachfolgenden Vorträgen kennenlernen werden, dann würden wir immer mehr und mehr finden, daß diese Wesenheiten, die so eigentlich nur in dem Kulturprozeß des Menschen leben, fortwährend aus sich selber andere Wesenheiten hervorbringen. Geradeso, wie eine Pflanze einen Keim von sich abstößt, so bringen die Wesenheiten der dritten Hierarchie, die ich Ihnen geschildert habe, andere Wesenheiten hervor. Es ist nun nur ein gewisser Unterschied zwischen dem, was die Pflanze als Keim hervorbringt, wenn wir das als Vergleich heranziehen, und zwischen diesen Wesenheiten, die sich absondern von den Wesenheiten der dritten Hierarchie. Wenn die Pflanze einen Keim hervorbringt, so ist dieser gewissermaßen gerade so viel wert wie die ganze Pflanze, denn aus ihm kann wiederum eine ganze Pflanze gleicher Art werden. Diese Wesenheiten sondern gleichfalls andere ab, die sich gleichsam abschnüren, wie sich die Keime von den Pflanzen abschnüren: sie bekommen gleichsam Nachkommen, die aber jetzt in gewisser Beziehung von niedrigerer Sorte sind als sie selbst. Sie müssen von einer niedrigeren Sorte sein, weil sie andere Aufgaben bekommen, die sie nur verrichten können, wenn sie von einer niedrigeren Art sind. Das, was wir, wie es geschildert worden ist, geistig in unserem Umkreis haben als Engel, Erzengel und Zeitgeister, das sondert von sich ab gewisse Wesenheiten [siehe -> Elementarwesen], welche aus der Umgebung des Menschen hinuntersteigen in die Naturreiche, und der okkulte Blick belehrt uns darüber, daß die Wesenheiten, welche wir gestern und vorgestern kennengelernt haben als Naturgeister, solche von den Wesenheiten der dritten Hierarchie, die wir heute kennengelernt haben, abgeschnürte Wesenheiten sind. Sie sind Nachkommen, die zu anderem Dienst als zum Menschheitsdienst, nämlich zum Naturdienst bestimmt worden sind. Und zwar sind gewisse Nachkommen der Archai diejenigen Wesenheiten, welche wir kennengelernt haben als die Naturgeister der Erde. Diejenigen, welche sich abschnüren von den Erzengeln und hinuntergesendet werden in die Natur, das sind die Naturgeister des Wassers, und solche, die sich von den Engeln abschnüren, haben wir als die Naturgeister der Luft anzusehen. Die des Feuers oder der Wärme werden wir noch kennenlernen. So sehen wir, daß gewissermaßen durch eine Spaltung der Wesenheiten, welche als dritte Hierarchie unsere Verbindung mit der nächsthöheren Welt darstellen, gewisse Wesenheiten hinuntergeschickt werden in die Reiche der Elemente, in Luft, Wasser, Erde, in das Gasförmige, Flüssige und Feste, um da unten Dienste zu leisten, um innerhalb der Elemente zu arbeiten und gewissermaßen als niedrigere Abkömmlinge der Wesenheiten der dritten Hierarchie, als Naturgeister zu füngieren. Wir können also sprechen von einer Verwandtschaft der Naturgeister mit den Wesenheiten der dritten Hierarchie."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und Naturreichen, GA 136 (1984), S 48 ff., Dritter Vortrag, Helsingfors, 5. April 1912


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=157letzte Änderung: 2002-09-13


Elektrizität
Licht im untermateriellen Zustand

"Elektrizität ist Licht in untermateriellem Zustand. Da ist das Licht in der schwersten Weise zusammengepreßt. Dem Licht muß man auch Innerlichkeit zusprechen, es ist in jedem Punkte es selbst. Wärme kann sich in drei Richtungen des Raumes ausdehnen, beim Licht müssen wir von einer vierten sprechen: Es ist vierfach ausgedehnt; es hat Innerlichkeit als viertes."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit, GA 130 (1987), S 103, Basel, 1. Oktober 1911 (aus der an den Vortrag sich anschließenden Fragenbeantwortung)


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=151letzte Änderung: 2002-09-12


Elementarreiche
Lebenszustände, Reiche, Runden

Sieben Lebenszustände müssen im Zuge der Weltentwicklungsstufen durchlaufen werden, um einen neuen Bewusstseinszustand auszubilden. Diese Lebenszustände werden auch als Elementarreiche bezeichnet (für eine allgemeine Charakterisierung dieser Elementarreiche siehe -> Lebenszustände). Über Die Elementarreiche, ihre Wesensarten und ihre Wirkungen[1] hat Rudolf Steiner sehr ausführlich gesprochen:

"Was man seit alten Zeiten die Elementarreiche zu nennen gewohnt worden ist, ist nicht so leicht verständlich, wie man nach einer oberflächlichen Betrachtung gewöhnlich denkt. Denn es gehören diese Elementarreiche zu dem, was hinter der Wahrnehmungswelt liegt, hinter dem, was den Sinnen sich unmittelbar aufdrängt.

Am besten verschaffen wir uns den Eingang zu der Betrachtung, wenn wir ausgehen von dem, was sinnlich anschaulich ist, von denjenigen Reichen, die in der Sinnenwelt der menschlichen Beobachtung vorliegen. Da haben wir vier Reiche vor den Sinnen um uns herum auf dem physischen Plan ausgebreitet: das Mineralreich, das Pflanzenreich, das Tierreich und das Menschenreich. Das ist das, was jeder kennt. Nun wollen wir uns klarwerden darüber, was man genau als diese vier Reiche bezeichnet, weil die genauere Begriffsbestimmung keineswegs ein jeder klar übersieht. Darum ist es auch nicht so leicht, zu dem Verständnis des ersten, zweiten und dritten Elementarreichs vorzudringen. Gerade, wenn man über solche schwierigen Dinge redet, muß man von vornherein darauf achten, daß man zu keinem wirklichen Ziele kommt, wenn man glaubt, einen Begriff, den man einmal hingepfahlt, den man einmal eingeschachtelt hat, den könne man nun in dieser Einschachtelung auch beibehalten. In der physisch-sinnlichen Welt geht das noch; da stehen die Dinge nebeneinander, sind hübsch gegeneinander abgegrenzt, wie ein Buch, eine Kreide, eine Rose, da können wir dabei bleiben, dieses einzelne Ding mit dem Begriff zu belegen. Wenn wir einen Gegenstand benannt haben, dann dürfen wir darauf rechnen, daß wir etwas Bestimmtes, Abgegrenztes haben. Gehen wir aber zum Astralplan, der an unsere Welt direkt angrenzt, sie als nächster durchdringt, da ist das nicht mehr so: da ist eine Welt ewiger Beweglichkeit. Betrachten Sie den Astralleib des Menschen, das, was als die Aura den Menschen umflutet und der Ausdruck ist für Triebe, Begierden und so weiter, so sehen Sie, daß dieser Astralleib des Menschen in einem fortwährenden Auf-und-Abfluten von Farben und Formen ist, die sich in jedem Augenblick verändern: neue Farben glänzen auf, andere verschwinden. Das ist so beim Menschen. Nun gibt es Wesen, die schwirren auf der Astralebene herum. Ihre Astralleiber gehören nicht zu einem physischen Körper, doch sind sie nicht weniger veränderlich und wechselnd, sie sind in jeder Sekunde von anderer Form, Farbe und Leuchtkraft. Alles ist auf diesem Astralplan der fortwährende Ausdruck dessen, was das Innere dieser Wesen ist. Wir würden schon sehr in die Enge kommen, wenn wir dort unsere Begriffe so starr und unveränderlich machen wollten wie für den physischen Plan; wir müssen uns der Beweglichkeit der Gestalten anpassen, wir müssen bewegliche Begriffe haben, einen Begriff bald in dieser, bald in jener Weise anwenden können.

Das ist noch in viel höherem Maße in den noch höheren Welten der Fall. Für eine höhere Weltbetrachtung ist alles das, was auf der physischen Welt ist, ein Ausdruck für die Kräfte und Wesenheiten jener höheren Welten. In allem, was wir ringsherum sehen, sind solche Kräfte und Wesenheiten verborgen. Das macht gerade die Verschiedenheit der Wesen in der physischen Welt aus. Sie sehen um sich herum zum Beispiel das Mineralreich; alle anscheinend leblosen Wesen auf unserer Erde, alle Mineralien, gehören dazu. Man sagt Ihnen zunächst, diese Mineralien auf der Erde hätten für sich keinen Ätherleib, keinen Astralleib, kein Ich. Das gilt aber nur für die physische Welt. Man muß das wissen, damit man zur Klarheit kommt über das, was auf dem physischen Plane ist. Kommt nun aber jemand und sagt: Das Mineral ist etwas, was nur einen physischen Leib hat —, so ist das ebenso falsch, wie es richtig ist, wenn jemand sagt: Das Mineralreich ist etwas, was auf dem physischen Plane nur einen physischen Leib hat. - Denn für die wirkliche, geistige Betrachtungsweise ist das Mineral so, daß es hier auf dem physischen Plan seinen physischen Leib hat und nichts sonst. Wollen wir den Ätherleib suchen, so müssen wir bis zum Astralplan hinaufsteigen; da ist der Ätherleib zu finden. In dem Augenblick, wo der Mensch astralischer Hellseher wird, sieht er auf dem Astralplan den Ätherleib des Minerals und hier auf dem physischen Plan nur dessen physischen Leib. Und weiter umfassend betrachtet, hat das Mineral auch einen Astralleib; aber dieser ist nicht auf dem Astralplan zu finden, sondern man muß ihn in den niederen Partien des Devachans suchen. Im höheren Mentalplan, im Arupa-Mentalplan ist das Ich des Minerals; von da aus wird das Mineral von seinem Ich dirigiert. Wollen Sie sich das in grober Weise vorstellen, so müssen Sie sich sagen: Ich denke mir einen Menschen, der hellsehend ist bis zum Devachanplan. Für diesen Hellseher, der auf dem Arupaplan noch sieht, erscheinen die Mineralien ähnlich den Nägeln der Menschen, denn die Mineralien sind gleichsam die Nägel von Wesen, die auf dem oberen Devachan ihr Ich haben. Sie können sich die Nägel gar nicht ohne den Menschen vorstellen; so ist es auch mit dem Mineral und seinem Ich.

Betrachten wir hier auf der Erde einen Bergkristall: sieht man von ihm weg, so ist dort in der Astralwelt der Ätherleib, der den physischen Leib belebt. Aber Sie würden dort nicht wahrnehmen können, daß dem Mineral irgend etwas wehe tut, wenn Sie ihm etwas zufügen. Im Devachan erst finden Sie Lust und Freude, Leid und Schmerz des Minerals, aber ganz anders, als man es sich gewöhnlich vorstellt. Das Schmerzempfinden des Minerals ist nicht so wie bei den Tieren; man muß sich nicht vorstellen, daß das Mineral Schmerz fühlt, wenn man es zerhämmert und zerschlägt. Wenn in einem Steinbruche die Arbeiter die Mineralien zersplittern, sie scheinbar schädigen, so ist das im Devachan geradezu ein Wohlgefühl, ein Wollustgefühl für die Mineralien. Es ist für sie also gerade umgekehrt wie im Menschen- und Tierreich. Wenn Sie auf den Devachanplan kommen, so können Sie dort den Geistern der Mineralien begegnen. Doch gehört da zu einer mineralischen Persönlichkeit nicht nur ein Mineral, sondern ein ganzes System, wie auch Ihre einzelnen Fingernägel keine besonderen Seelen haben. Wenn jemand sich vorstellen wollte, daß alles Astrale auf dem Astralplan sein müßte, so wäre er auf dem Irrweg. Es liegt so nahe, das Astrale immer auf dem Astralplan zu suchen; es ist aber wohl zu unterscheiden zwischen der inneren Natur einer Wesenheit und der Umgebung, in der sie lebt. Gerade wie Ihr Ich keine physische Natur hat und doch auf dem physischen Plane lebt, so lebt der Astralleib des Minerals nicht auf dem Astralplan, sondern in dem niederen Devachan. Wir dürfen die Begriffe nicht schematisch nehmen, sondern wir müssen uns durcharbeiten zu der genaueren Bestimmung der Dinge.

Nehmen wir jetzt die Pflanze, wie sie uns vorliegt; sie hat hier auf dem physischen Plan den physischen Leib und den Ätherleib. Die beiden hat sie hier, wo aber müssen Sie den Astralleib der Pflanze suchen? - In der astralischen Welt, und das Ich in den unteren Partien des Devachan. Gehen wir weiter, zum Tier hinauf. Das Tier hat in der physisch-sinnlichen Welt den physischen Leib, den Ätherleib und den Astralleib, aber das Ich hat es auf dem Astralplan. Das heißt, wie Sie dem Menschen hier als Person begegnen, als Einzelperson abgeschlossen, so finden Sie die tierischen Iche auf dem astralischen Plan als abgeschlossene Persönlichkeiten. Wir haben sie so aufzufassen: Alle Gruppen, die gleiche Gestalten haben, haben ein gemeinsames Ich. Der Mensch unterscheidet sich dadurch von ihnen, daß ein jeder ein individuelles Ich hat. Auf dem Astralplan sind das Löwen-Ich, das Tiger-Ich und so weiter; da sind sie abgeschlossene Wesenheiten; die einzelnen Gattungs-Iche bevölkern den astralischen Plan geradeso wie die Menschen die physischsinnliche Welt. Für den Menschen aber gilt, daß für ihn herabgestiegen ist physischer Leib, Ätherleib, Astralleib und Ich bis auf den physischen Plan. Aber nur im Wachzustande, beim schlafenden Menschen ist das anders. Da ist in der physischen Welt der physische Leib und der Ätherleib, auf dem Astralplan der Astralleib und das Ich. So verteilt sich die viergliedrige menschliche Wesenheit im Schlafzustande auf den physischen Plan und den nächsthöheren, den Astralplan. Der Mensch ist dann auf dem physischen Plan vom Werte einer Pflanze (siehe Schema).

Mineral

Pflanze

Tier

Mensch wachend

Mensch schlafend

  

ICH

  

  

  

  

Höheres Geistesgebiet

Astralleib

ICH

  

  

  

Niederes Geistgebiet

Ätherleib

Astralleib

ICH

  

ICH

Astralleib

Astralplan

Phys. Leib

Ätherleib Phys. Leib

Astralleib Ätherleib Phys. Leib

ICH

Astralleib Ätherleib Phys. Leib

Ätherleib Phys. Leib

Physischer Plan

Nun haben wir schon hier kennengelernt die verschiedene Art, wie wir die Ausdrücke «astralisch» und so weiter anwenden müssen. Wir kommen erst zu einem durchgreifenden Verständnis, wenn wir uns klar sind, daß die Dinge sich nicht umherschieben lassen wie Figuren auf dem Schachbrett. Wenn wir nun den Menschen selbst betrachten, so müssen wir diesen Menschen in der folgenden Weise ansehen. Wir haben den physischen Leib, den Äther- und Astralleib und das Ich. Öfter ist es hier schon betont worden, daß es darauf ankommt, daß wir uns über das Verhältnis der vier Glieder nicht im Unklaren sind. Man denkt leicht, der physische Leib sei der unvollkommenste und der niedrigste. In einer gewissen Beziehung aber ist er der vollkommenste, denn er hat vier aufeinanderfolgende Entwik-kelungsstufen durchgemacht: auf dem Saturn, der Sonne, dem Monde und der Erde. Der Ätherleib hat nur drei Grade der Vollkommenheit erreicht, er kam erst auf der Sonne zum physischen Leib hinzu; er soll einst höher steigen, obwohl er heute noch nicht so vollkommen ist wie der physische Leib. Der astralische Leib kam erst auf dem Mond hinzu, er hat nur einen zweifachen Vollkommenheitsgrad erreicht. Das Ich ist das «Baby» unter den vier Gliedern des Menschen, es ist erst auf der Erde hinzugekommen, es steht erst im Anfang seiner Entwickelung; es wirkt fortwährend korrumpierend auf die anderen Leiber. Wer als Anatom den wunderbar organisierten physischen Körper betrachtet, der staunt über die Vollkommenheit des Herzens und des Gehirns. Wie unvollkommen sind dagegen die Begierden, die Triebe des Ich! Das Ich hat Begierde nach Wein, Bier und so weiter, die zerstörend wirken das ganze Leben hindurch, und doch hält der physische Leib jahrzehntelang stand gegen diese Angriffe. Nun müssen wir uns einmal klarmachen, wie das Ich hineingearbeitet worden ist in den physischen Leib und wie dieser zuerst entstanden ist.

Da war zuerst die Saturnentwickelung. Das war die erste Entwickelungsphase für den Vorläufer unseres physischen Leibes. Damals war dieser physische Leib des Menschen von dem kosmischen Werte eines Minerals. Sehen Sie ein heutiges Mineral an, so haben Sie in ihm eine zurückgebliebene Stufe des Daseins; es hat die Stufe bewahrt, die der physische Leib auf dem Saturn hatte. Dabei dürfen Sie sich nicht vorstellen, daß der physische Leib so ausgeschaut hätte wie unsere heutigen Mineralien, das wäre ganz falsch; die heutigen Mineralien sind die jüngsten Gebilde der Entwickelung. Besonders war der Menschenleib damals nicht so dicht; die Dichte des physischen Menschenleibes war sehr gering.

Wir müssen uns die Beziehungen der materiellen Stufen vorstellen. Die erste ist das, was wir Erde nennen, das heißt alles, was heute etwa ein fester Körper genannt wird, Eisen, Kupfer, Zink und so weiter, alles was fest ist, ist Erde. Zweitens: alles was flüssig ist, ist Wasser, zum Beispiel Quecksilber; auch wenn Sie Eisen flüssig machen, so ist es Wasser. Jedes flüssige Metall ist Wasser im Sinne der Geisteswissenschaft. Drittens: bringen Sie das Wasser zur Verdampfung oder irgend etwas in Dampfform, auch Metalldampf, so ist es Luft. Die Geisteswissenschaft geht noch weiter: sie zeigt, daß Luft als solche noch verdünnt werden kann, in dünnere Zustände übergehen kann. Da muß man über das heutige Physische hinausgehen; da nimmt der Geistesforscher Wärmeäther oder Feuer an. Feuer ist für den Geistesforscher etwas, was in die Linie Erde, Wasser, Luft gehört, während die heutige Wissenschaft darin nur einen Zustand der Körper sieht.

Auf dem Saturn war die Wärme die Substanz des physischen Leibes des Menschen. Auf der Sonne wurde der physische Menschenleib verdichtet zu der Dichte der Luft, da lagerte sich in ihm ein der Äther- oder Lebensleib und gestaltete den physischen Leib um; da haben wir einen physischen Menschenleib und in ihn hineingearbeitet einen Ätherleib; dieser Ätherleib ist eingliedrig, der physische Leib ist zweigliedrig auf der Sonne. Wir müssen im physischen Leib auf der Sonne einen vollkommeneren und einen unvollkommeneren Teil unterscheiden, einen solchen, der vom Ätherleib noch nicht durchdrungen ist. Bei diesem Bilde des physischen Leibes auf der Sonne müssen wir uns denken: das Innere hat nichts abbekommen vom Ätherleib; das ist von demselben Wert, wie der physische Leib schon auf dem Saturn war. So daß wir einen Teil schon auf der Pflanzenstufe haben, der durchsetzt ist von einem anderen Teil, der noch auf der Mineralstufe steht; aber die beiden durchdringen sich vollständig (siehe Zeichnung 1).

Wir gehen nun über zum physischen Körper auf dem Monde. Hier war er schon bis zum Wasser verdichtet. Hineingegliedert ist der Äther- und der astralische Leib. Dreierlei verschiedene Teile sind hier zu unterscheiden. Einer ist vom Äther- und Astralleib durchdrungen, einer nur vom Ätherleib, und einer ist mineralisch geblieben (siehe Zeichnung 2).

Jetzt betrachten wir den physischen Leib auf der Erde. Da kommt das Ich dazu. Auf der Erde sind vier ineinandergearbeitete Glieder. Der erste Teil ist durchzogen vom Ätherleib, Astralleib und Ich, der zweite Teil vom Äther- und Astralleib, der dritte Teil nur vom Ätherleib, und ein viertes Glied ist noch auf der mineralischen Stufe. Es hat den Wert eines Minerals, steht heute noch auf der Saturnstufe. Diese vier Glieder sind genau zu unterscheiden am physischen Leibe. Das erste Glied, in das alle vier Glieder hineingearbeitet sind, das sind die roten Blutkörperchen. Überall da, wo wir rotes Blut haben, da sind die vier Glieder hineingearbeitet (siehe Zeichnung 3).

Die Nerven sind das zweite Glied. Überall, wo Nerven sind, da sind physischer Leib, Äther- und Astralleib hineingearbeitet. Überall, wo Drüsen sind, da sind physischer Leib und Ätherleib hineingearbeitet. Alle Sinneswerkzeuge, alle physikalischen Apparate am Menschen haben nur die Stufe eines Minerals erreicht. Sie folgen ganz denselben Gesetzen wie die Mineralien. Auge und Ohr gehören zu den mineralischen Einschlüssen; auch im Gehirn sind noch solche Teile. Sie sehen, wie verführerisch es so manchmal ist, Materialist zu werden, weil etwas, was mineralisch ist, den ganzen Körper durchzieht. Wenn der Materialist sagt, das Gehirn sei mineralisch, so hat er zum Teil recht, wenn er nur den einen Teil betrachtet. Besonders sind es ganz bestimmte Partien im Vorderhirn, die zwar durchzogen sind von anderen Einstrahlungen, in denen aber nur mineralische Kräfte tätig sind. Würden wir Knochen und Muskeln betrachten, so würde es noch komplizierter werden.

Als das Ich in den Menschen eingezogen war, da hat es angefangen, Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewußtseinsseele aus zuarbeiten, und da arbeitete es die Knochen und Muskeln aus. Man braucht Jahre allein dazu, um diese Dinge nur recht auseinanderzuhalten, will man diese Dinge genau betrachten. Man muß geduldig Stück für Stück verfolgen.

Wenn wir nun einen schlafenden Menschen vor uns haben, so liegen im Bette physischer Leib und Ätherleib. Aber dieser physische Leib ist sehr kompliziert. An ihm arbeiten im wachen Zustande astralischer Leib und Ich im Blute. Wenn nun der physische Leib im Bette liegt und der Mensch schläft, was ist dann geschehen? - Es wird wohl noch das versorgt, was der Ätherleib versorgen kann; aber an der Erhaltung des Blutes müßten Astralleib und Ich mitwirken, so daß für das Blut jede Nacht der Tod eintreten würde, denn es ist auf Ich und Astralleib angewiesen; aber diese verlassen den Körper treulos. Auch das ganze Nervensystem wird schnöde verlassen, für das der astralische Leib auch mitwirken müßte. Wir haben also die merkwürdige Tatsache vor uns, daß eigentlich in jeder Nacht Blut und Nervensystem absterben müßten; sie wären dem Tode ausgeliefert, wenn es auf den Menschen ankäme. Da müssen andere Wesen eintreten, da müssen andere Wesenheiten die Arbeit des Menschen übernehmen. Hereinwirken aus anderen Welten müssen andere Wesenheiten, damit sie ihm das ordentlich erhalten, was er schnöde verläßt. Was das für Wesenheiten sind, die hereinwirken, die dem Menschen die Möglichkeit geben, daß sein Blut erhalten bleibt, wollen wir versuchen, uns zu erklären.

Wir können uns auf folgende Weise eine Vorstellung machen von diesen Wesenheiten. Wir fragen uns einmal: Wo lebt denn eigentlich des Menschen Ich, wenn es hier auf dem physischen Plane lebt? In welchem der drei Reiche? - Da müssen Sie sich fragen: Was können wir eigentlich erkennen, ohne hellseherisch wahrzunehmen? — Wir können nur das Mineralreich erkennen. Das ist das Eigenartige im Menschen, daß der Mensch nicht einmal die Pflanze ganz begreift, solange er nicht astralisch hellsehend ist. Dadurch, daß der Mensch jetzt nur das Mineralische an der Pflanze erkennt, behaupten die Materialisten, daß die Pflanze nur ein Konglomerat von mineralischen Vorgängen ist. Wenn der Mensch einmal so weit an sich gearbeitet haben wird, daß er auf der ersten Stufe des Hellsehens ist, dann wird ihm das Leben der Pflanzen, werden ihm die Gesetze des Lebens geradeso klar sein, wie es uns jetzt die Gesetze der mineralischen Welt sind.

Setzen Sie eine Maschine zusammen, bauen Sie ein Haus, so sind diese nach den Gesetzen der mineralischen Welt gebaut. Eine Maschine ist nach den Gesetzen der mineralischen Welt gebaut, eine Pflanze aber können wir nicht so bauen. Wenn Sie eine Pflanze haben wollen, müssen Sie diese Arbeit den Wesenheiten überlassen, die der Natur zugrunde hegen. Später wird man Pflanzen im Laboratorium herstellen können, aber erst dann, wenn das für den Menschen ein Sakrament, eine heilige Handlung sein wird. Alle Darstellung des Lebendigen wird dem Menschen erst dann erlaubt sein, wenn er so ernst und geläutert sein wird, daß ihm der Laboratoriumstisch zum Altar wird. Vorher wird nicht das Geringste davon verraten werden, wie die lebendigen Wesen zusammengefügt sind. Mit anderen Worten: Das Ich als erkennendes lebt im Mineralreich und wird aufsteigen zum Pflanzenreich und wird dieses dann ebenso begreifen lernen wie heute das Mineralreich. Später wird es auch die Gesetzmäßigkeit des Tierreiches und dann die des Menschenreiches begreifen lernen. Alle Menschen werden lernen, das Innere der Pflanze, des Tieres und des Menschen zu begreifen; das sind Zukunftsperspektiven. Was man wirklich begreift, das kann man auch darstellen, zum Beispiel eine Uhr. Der heutige Mensch wird niemals etwas aus der lebendigen Natur darstellen können ohne Hilfe der Wesenheiten, die hinter der Natur stehen, solange es nicht eine sakramentale Handlung für ihn sein wird. Dann erst wird er aufsteigen vom Mineralreich zum Reiche des Pflanzlichen. Der Mensch ist heute Mensch, aber er erkennt nur im Mineralreich. Des Menschen Ich lebt in menschlicher Gestalt, aber wenn des Menschen Ich in die Umwelt schaut, so erkennt es nur im Mineralreich. Dieses Ich bringt also nur die Fähigkeit zunächst auf, das Blut mineralisch zu durchleben, denn mehr kann es nicht. Wenn auch bei Tage das Ich im Blute lebt, es bewohnt und durchlebt, so tut es das nur mineralisch.

Wie tut es das? - Wenn Sie hinausschauen in die Welt, da eröffnet Ihnen Ihre Erkenntnis die Gesetze des mineralischen Reiches. Beachten Sie diese eigentümliche Art der menschlichen Tätigkeit. Sie schauen hinaus mit Ihren Sinnen und Sie nehmen die Gesetze des Mineralischen auf und prägen diese Gesetze dem Blute ein während des Wachens, Sie drängen sie in das ganze Blut hinein, Sie beleben das Blut mineralisch. Das ist der eigentümliche Gang dessen, was geschieht bei der Erkenntnis. Stellen Sie sich den Menschen schematisch vor (siehe Zeichnung), so strömen von allen Seiten die Gesetzmäßigkeiten der mineralischen Welt auf ihn ein. Sie bleiben aber nicht stehen bei den Sinnesorganen, sondern rinnen mit dem Blute durch den ganzen Körper des Menschen im wachen Zustande.

Was tut die pflanzliche Welt? - Wie es mit der Pflanze ist, darauf kommen Sie, wenn Sie sich folgendes genau überlegen. Es ist Ihnen immer gesagt worden, daß das Ich an den anderen Leibern arbeitet und den Astralleib umgestaltet zum Geistselbst. In demselben Maße, wie das geschieht, fließen die Gesetze des Pflanzenreichs in das Nervensystem des Menschen ein. Wenn der Mensch die nächste Stufe des Hellsehens erreicht, so fließen die Gesetze des Tierreichs in sein Drüsensystem ein, und wenn der Mensch umgestaltend am physischen Leibe arbeitet, so fließen die Gesetze des Menschenreichs selbst in den menschlichen Leib ein. Das ist alles für den Wachzustand gedacht und für die Zustände des höheren hellseherischen Bewußtseins. Der Mensch ist also jetzt auf der Stufe angelangt, wo das Ich die Gesetze des Mineralreichs einströmen läßt in das Blut. Das kann das Ich nur im Wachzustande, dann nur kommen die mineralischen Gesetze in das Blut. Wenn der Mensch schläft, muß auch das Blut versorgt werden. Und weil an diesem Blute gearbeitet worden ist durch vier Stufen hindurch, so müssen drei andere Gewalten eintreten. Zunächst eine Gewalt, die am nächsten verwandt ist der Art und Weise, wie das Ich hineinarbeitet in das Blut; diese Gewalt ist eine, die nicht bis zum physischen Plan herabgestiegen ist. Das Blut würde absterben, wenn nicht ein anderes Ich daran arbeitete, während der Mensch schläft. Ein anderes Ich, das oben auf dem Astralplan geblieben ist, das greift ein und übernimmt einstweilen die Arbeit an dem Blute. Wenn wir das menschliche Blut, diesen «besonderen Saft» betrachten, so wirkt während des Wachens ein das Ich des Menschen auf dem physischen Plan, in der Nacht wirkt auf das Blut ein Ich, das auf dem Astralplan ist. Es gibt solche Iche.

Nun habe ich Ihnen vorher angeführt Iche auf dem astralischen Plan, die Gruppen-Iche der Tiere; jetzt haben wir eine andere Gattung von Ichen, die auf dem astralischen Plane leben und hereinwirken auf den Menschen und das Blut beleben, während das menschliche Ich es verlassen hat. Womit? Was bringen sie in das Blut hinein? - Das, was seit dem Saturn im Menschenleibe sein muß: Feuer, Wärme. Das sind Geister, die nie bis zum physischen Plan heruntergestiegen sind, geistige Wesenheiten, die auf dem Astralplan leben und einen Leib von Feuer haben. Im mineralischen Reich erscheint uns jedes Ding in einem gewissen Wärmezustand. So treffen Sie die Wärme in Ihrer Umgebung als Eigenschaft von festen, flüssigen und luftförmigen Körpern. Denken Sie sich die Wärme einmal abgesondert - das gibt es auf dem physischen Plane nicht. Aber auf dem Astralplan würden Sie solche hin- und herflutende Wärme, solches Feuer finden, das als selbständiges Wesen hin- und herzieht, und darin Wesenheiten verkörpert, so wie wir selbst waren auf dem Saturn. Diese ziehen in der Nacht in das Blut ein und beleben es mit ihrer Wärme. Aber auch noch etwas anderes muß stattfinden, denn das Blut ist auch verlassen vom astralischen Leib, und auch dieser ist zu seiner Bildung notwendig. Es genügt also nicht, daß diese Ich-Wesen sich heranmachen in der Nacht und mit ihrem Wärmeleib am Menschen arbeiten, sondern es müssen noch solche Wesenheiten hinzukommen, die das Blut so bearbeiten können, wie es der Astralleib tut. Diese Wesenheiten haben ihr Ich auf dem Devachanplane; dieses Ich hat einen viel höheren Leib, der sich nicht einmal bis zur Wärme verdichtet hat. Das Ich, das ich zuerst beschrieben habe, ist niemals bis zur physischen Welt heruntergestiegen; es ist auf dem Astralplan geblieben. Das zweite Ich ist noch weniger tief heruntergestiegen; es hat nie den Astralplan betreten und ist auf dem Devachanplane geblieben. Es durchdringt das Blut und bewirkt in ihm dasselbe, was der menschliche Astralleib bei Tage tut.

So sehen Sie also, wie wir in der Tat in der Nacht behütet und beschützt werden von höheren Wesenheiten, die nicht im Mineralreich leben. Das Ich des Menschen stieg bis zum Mineralreich herunter und wird dann aufsteigen bis zum Pflanzenreich und so weiter. Diese anderen Iche sind stufenweise zurückgeblieben hinter dem Menschenreich: sie bilden die verborgenen Reiche, die Elementarreiche, die hinter unserer physischen Welt liegen und die hereinwirken in unsere physische Welt. Das erste Wesen, welches nachts im Blute wirkt, hat einen Wärmeleib, gerade wie Sie einen physischen Leib haben; es durchdringt das Blut mit Wärme und lebt indes auf dem Astralplan im Wärmeleib, und durch diesen Wärmeleib gehört es dem dritten Elementarreich an. Diese Wesen des dritten Elementarreichs sind die Genossen der Gruppenseelen der Tiere; zu derselben Region gehören sie. Und diese Iche, was können sie denn eigentlich? - Sie brauchen das nicht zu können, was des Menschen Ich kann, das heruntergestiegen ist bis in die physisch-sinnliche Welt; aber sie können das Menschen-Ich ersetzen vom Astralplan aus. Diese Iche wirken vom Astralplan herein wie die tierischen Gruppen-Iche auf die Tiere, daher gewahren wir sie als ähnliche Wesen wie die tierischen Gruppen-Iche, das heißt, sie beleben den Astralleib des Menschen mit Trieben, Begierden und Leidenschaften. Wenn wir nun einen Astralleib vor uns haben, was lebt in diesem Astralleib? - Es leben darin außer dem Ich noch Wesenheiten, die ihr Ich haben auf dem Astralplan. Sie durchsetzen den astralischen Leib wie die Maden den Käse. Das ist das dritte Elementarreich; dieses Reich gestaltet die Triebe und Leidenschaften, die tierisch sind.

Dahinter liegt ein anderes Reich: das zweite Elementarreich. Es wirkt und formt in einem reineren Element, es formt und gliedert die Gestalten der Pflanzen; es wirkt auch auf den Menschen auf seine vielen pflanzlichen Elemente: Nägel, Haare und so weiter. Diese sind nicht vom Astralleib durchdrungen, sondern nur vom Ätherleib, daher sind sie nicht schmerzempfindlich. Die Haare und Nägel sind solche Produkte, von denen sich der Astralleib schon wieder zurückgezogen hat, man kann sie schneiden, ohne Schmerz zu verursachen; früher war der Astralleib darin. Vieles im Menschen ist pflanzlicher Natur, und in all dieses Pflanzliche wirken die Wesen des zweiten Elementarreichs hinein. So daß das, was an der Pflanze den Leib aufbaut, Kräfte des zweiten Elementarreichs sind. In den Pflanzen wirken zusammen das Pflanzen-Ich, das den Äther- und Astralleib durchzieht, und diese Wesen des zweiten Elementarreichs. Das Pflanzen-Ich auf dem Devachanplan ist ein Genösse der Wesenheiten des zweiten Elementarreichs. Und während das Pflanzen-Ich von innen auf die Pflanze wirkt, wirken diese Wesenheiten von außen, formen sie, bringen sie zum Erschließen, zum Aufblühen. Die ganze Pflanze ist durchzogen vom Ätherleib. Einen eigenen Astralleib hat die Pflanze aber nicht, sondern der ganze Astralleib des Erdplaneten ist der gemeinsame Astralleib der Pflanzen. Das Ich der Pflanzen ist im Mittelpunkt der Erde für alle Pflanzen. Alle Gruppen-Iche der Pflanzen sind zentralisiert im Mittelpunkt der Erde. Daher ist es auch so, daß, wenn Sie die Pflanze ausreißen, Sie der Erde wehe tun; aber wenn Sie eine Blume abpflücken, so ist das ein solches Wohlgefühl für die Erde, wie es für die Kuh ist, wenn das Kalb die Milch saugt. Ein wunderbarer Eindruck ist es auch, wenn man die Saaten und das Getreide im Herbst mäht, wie dann große Ströme von Wohlgefühl über die Erde hinziehen! Die Wesenheiten, welche aus dem zweiten Elementarreich wirken und die Pflanzen in die Gestalt schießen lassen, fliegen von allen Seiten auf die Pflanze ein wie Schmetterlinge. Sie arbeiten an der Wiederholung der Blätter, Blüten und so weiter. Das ist das, was aus dem zweiten Elementarreich einwirkt.

Es gibt ebenso ein erstes Elementarreich, und das gibt den Mineralien die Gestalt. Die Tiere haben ihre Triebgestalt von den Wesenheiten des dritten Elementarreiches. Die Blätter und so weiter der Pflanzen werden von dem zweiten Elementarreich gestaltet; es arbeitet hauptsächlich in Wiederholungen. Die Gestaltungskräfte der Mineralien, die aus dem Gestaltlosen herauswirken, die sind im höheren Devachan zu finden. Diese drei Elementarreiche durchdringen sich, strömen ineinander. Wer sich alles getrennt vorstellt, kann nie zu realen Vorstellungen kommen. Im Pflanzenreich haben Sie Pflanzenreich und Mineralreich, im Tierreich haben Sie Tierreich, Pflanzenreich und Mineralreich ineinandergeschoben. Beim Menschen kommt noch das Ich hinzu. Mit dem Einziehen des Ich ist erst auf der Erde das Menschenreich entstanden. Das Ich macht erst den Menschen zum Menschen; es findet seinen Ausdruck im Blute.

Das Ich kann aber erst das Mineralreich erkennend durchdringen; es muß die anderen Reiche den Wesen der Elementarreiche überlassen. Im Mineralreich steckt außer dem Mineralreich auch noch das erste Elementarreich, daher haben wir ein gestaltetes Mineralreich. Die Pflanze ist nur eine gestaltete Pflanze durch das zweite Elementarreich, sonst wäre sie kugelförmig. Das Tier ist mit Trieben und so weiter ausgestattet, weil außerdem noch das dritte Elementarreich hinzukommt. Unsere Welt ist etwas, was ineinandergeschoben ist; nur wenn wir unsere Begriffe flüssig machen, kommen wir allmählich dahin, die Sache zu begreifen.

Wenn wir uns vorstellen wollen, wie sich das verhält mit dem dritten Elementarreich im Tierreich, so können wir es uns an einem Beispiel klarmachen. Sie alle kennen den Vogelflug. Die Vögel haben ganz bestimmte Bahnen für ihre Züge, von Nordosten nach Südwesten, von Südwesten nach Nordosten. Diese Züge, von wem werden sie dirigiert? - Von den Gruppenseelen der Vögel. In diesen Zügen kommt der Trieb zum Ausdruck für die regelmäßigen Wanderungen über die Erde hin; da dirigieren die Gattungs- oder Gruppenseelen der Tiere. Dagegen geben dem Tiere die Gestalt, so daß es diesen Trieb haben kann, so daß es einen Träger für den Trieb hat, die Wesenheiten des dritten Elementarreichs, die Genossen der tierischen Gruppenseelen. Trivial würde man sagen: Diejenigen Iche, die die Gruppenseelen der Tiere sind, sind eine Gesellschaft auf dem Astralplan; eine andere Gesellschaft sind die Wesenheiten des dritten Elementarreichs. Aber sie müssen in holder Eintracht zusammenwirken, die einen geben die Triebe, die anderen dafür die Körper, formen und gestalten sie, damit der Trieb sich ausleben kann.

Die physischen Gestalten der Pflanzen rühren her von den Wesen des zweiten Elementarreichs. Alles, was in den Mineralien gestaltet, das sind die Wesen des ersten Elementarreichs. Die Kräfte der Mineralien, was als Abstoßung und Anziehung wirkt, die atomistischen Kräfte, rühren her von den Gruppen-Ichen der Mineralien. Was die Mineralien gestaltet, das sind die Wesen des ersten Elementarreichs.

Hier wird eine Perspektive eröffnet, wo man zu suchen hat die Wirkungen der Reiche in unserer Welt. Man muß sich aber sehr genau einlassen auf diese Dinge. So kann man zur Pflanze sagen: Du bist ein lebendes Wesen; das verdankst du dem Pflanzen-Ich. Aber die Gestalt geben dir die Wesen des zweiten Elementarreichs.

Damit schließen sich nun die verschiedenen Reiche zusammen. Es sind deren sieben. Das erste Elementarreich ist dasjenige, das den Mineralien die Form gibt, zum Beispiel den Kristallen. Das zweite Elementarreich wirkt in der Gestaltung der Pflanzengestalten. Das dritte Elementarreich belebt das Blut im Schlafe und gestaltet zugleich das Triebleben der Tiere. Das Mineralreich ist dasjenige, wo ein Ich im Mineralreich hineinarbeiten kann, das Pflanzenreich ein solches, wo ein Ich eine Pflanzenwelt hineinformen kann, das Tierreich dasjenige, wo ein Ich eine Tierwelt hineinformen kann, das Menschenreich dasjenige, wo ein Ich eine Menschenwelt hineinformen kann. Daraus sieht man, daß Geduld gehört zur Durchdringung der Geisteswissenschaft. Die Welt ist kompliziert gebaut, die höchsten Wahrheiten sind nicht die einfachsten. Es ist eine maßlos törichte Rederei, zu behaupten, daß man die höchsten Dinge mit den einfachsten Begriffen fassen könne. Es kommt das nur aus der Bequemlichkeit. Man sieht ein, daß man eine Uhr nicht gleich verstehen kann, aber die Welt will man sofort verstehen. Will man das Göttliche erkennen, so braucht man eine endlose Geduld, da das Göttliche alles enthält. Um die Welt zu verstehen, will man die einfachsten Begriffe anwenden. Das ist Bequemlichkeit, so fromm es auch die Seele sagt. Das Göttliche ist tief, und ewige Zeit braucht man, um es zu erkennen. Der Mensch trägt wohl den Funken der Gottheit in sich, aber erst im Sammeln der Weltentatsachen kann man das Wesen der Gottheit erkennen..."[1]

Dem Geistesblick zeigen sich die Elementarreiche teils als eine tönende, teils als eine Welt der Farben:

Eine solche Welt, wo alle Wesen in strahlenden Farben leben, nennt man das erste Elementarreich. Wenn die Materie dieser Wesen etwas dichter wird, ins Rupische hinuntersteigt, fangen sie an, durch Töne sich bemerkbar zu machen: Das ist das zweite Elementarreich. Die Wesen, die darin leben, sind sehr beweglich. Im dritten Elementarreich kommt zu dem übrigen die Gestalt hinzu. Die Innenfarbe ist gestaltet. Leidenschaft zeigt sich in Blitzform, erhabene Gedanken in Pflanzenform. In höheren Gebieten sind es Funken und Scheine, hier sind es Formen von einfarbiger und tönender Welt.

Alle unsere Wesen sind durch drei Elementarreiche gegangen. Gold, Kupfer und so weiter sind jetzt ins Mineralreich übergegangen. Gold sah in der Mondrunde nicht so aus wie jetzt, sondern wie ein nach verschiedenen Seiten strahlender Stern, durch den man durchgreifen konnte. Durch einen ähnlichen Prozeß wird Wasser, wenn es zu Schnee gefriert, zu einem kleinen Kristall. Die Metalle sind die verdichteten Formen des dritten Elementarreiches. Deshalb ist Metall nicht innerlich gleichförmig, sondern innerlich gestaltet (Chladnische Klangfiguren). Nach Linien und Figuren ist das ganze Mineralreich belebt, und im dritten Elementarreich wird es gefärbt. Dadurch, daß die Formen erstarren, wird Oberfläche, und nun entsteht die Farbe an der Oberfläche.

Wir haben also:

1. Elementarreich der strahlenden Farben
2. Elementarreich der freien Töne
3. Elementarreich der farbigen Formen
4. Mineralreich der farbigen Körper.

Die physische Welt enthält alle drei Elementarreiche wie geronnen in sich. Der Ton hängt mit dem Innern eines Wesens viel mehr zusammen als die Farbe, letztere ist mehr Oberfläche. Noch innerlicher hängen die strahlenden Farben zusammen."[2]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Natur- und Geistwesen. Ihr Wirken in unserer sichtbaren Welt., GA 98 (1983), S 130 ff., München, 4. Dezember 1907
[2]Rudolf Steiner, Farbenerkenntnis, GA 291a (1990), S 188 f., (Berlin?), 6. August 1905 Notizen von einem Privatvortrag für Marie von Sivers


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=111letzte Änderung: 2002-09-06


Elementarwesen
Elementargeister, Naturgeister

Die Elementarwesen sind die unmittelbar in der Natur lebendig gestaltend wirkenden Werkmeister. Sie auch als "Elementargeister" zu bezeichnen, ist eigentlich irreführend, denn sie haben gerade kein «Ich», keinen eigenständigen geistigen Wesenskern, sondern sind dienende Glieder der höheren geistigen Hierarchien. Elementarwesen entstehen als Abschnürungen höherer geistiger Wesenheiten, die der dritten Hierarchie (Archai, Archangeloi, Angeloi) angehören (-> Hierarchien). Auch der Mensch bringt durch seine Tätigkeit unbewusst vielerlei Elementarwesen hervor. Entsprechend ihrem unselbstständigen Charakter darf ihnen niemals irgendeine moralische Verantwortlichkeit für ihr Tun zugesprochen werden. Den physischen Sinnen bleiben die Elementarwesen verborgen, sie offenbaren sich nur der imaginativen seelichen Wahrnehmung. Sie leben in der niederen ätherischen, elementarischen Welt und wirken in den Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde (es gibt allerdings auch höhere Elementarwesen, die im Lichtäther, Klangäther usw. walten).

Zu den Elementarwesen gehören all die unzähligen bezaubernden oder bedrohlichen Wesen, die in den Märchen und Mythen als Feen, Elfen, Nixen, Fluß- und Quellengeister, Meerjungfrauen, Alben, Kobolde, Zwerge usw. bildhaft beschrieben werden und die, sofern es sich um echte Märchen handelt, die noch aus einer natürlichen niederen Hellsichtigkeit schöpfen, durchaus als geistige Wirklichkeiten aufgefasst werden müssen. Ein falscher, materialistischer Aberglaube würde nur entstehen, wenn man sie als physisch-sinnlich erfahrbare Realitäten auffassen wollte.

Rudolf Steiner nennt häufig folgende den Elementen zuzuordnende Gruppen von Elementarwesen:

Salamander Feuer
Sylphen Luft
Undinen Wasser
Gnome Erde

Diese Elementarwesen wirken tätig in der Natur, sie sind aber zugleich eng verwandt mit den inneren Kräften des menschlichen Seelenlebens, mit Denken, Fühlen und Wollen:

"Wir dürfen nicht bloß reden von den festen Elementen, Natrium, Kalzium und so weiter, sondern von dem, was mit allem Festen, Irdischen als Geistiges verbunden ist. Da müssen wir sagen: Dasjenige, was uns in der Außenwelt als Festes, Irdisches entgegentritt, ist durchaus so geartet, daß Geist damit verbunden ist, und zwar ein Geist, welcher eine besondere Neigung zur Vielheit hat, so zur Vielheit sie hat, daß wir diese Vielheit gar nicht ermessen können. Überall, wo wir hinschauen auf das Feste, da finden wir auch, wenn wir es in der richtigen Weise anschauen, Geistiges, und zwar viele und mannigfaltige geistige Wesenheiten.

Eine alte instinktive Weisheit hat hier von Gnomen und dergleichen gesprochen. Wir brauchen, um nicht gar zu sehr zu schockieren, gar nicht diese alten Ausdrücke beizubehalten, wir können durchaus in einer Sprache reden, die uns geläufig ist, müssen aber dennoch hinschauen auf das, was uns in gewissen Gegenden der Erde ganz besonders aus jedem Klumpen der Materialität als Geistiges entgegenleuchtet. Und wenn wir also, wie heute, etwas mehr esoterisch beisammen sind, dann darf es in dieser schnelleren Form ausgesprochen werden: Derjenige, der heutigen Tages mit geistiger Anschauung ausgerüstet ist, der tritt dann diesem Klumpen Erde so entgegen, daß geistige Wesenheiten herausspringen, die nicht im Physischen verkörpert sind, so daß wir sie mit äußeren Augen nicht sehen, die aber geistig wahrgenommen werden können. Und man kann sagen, sie sind so sehr auf die Vielheit hin angelegt, daß aus dem kleinsten Klumpen unermeßlich viele solcher Wesenheiten herausspringen können. Sie sind so geartet, daß sie fast ganz bestehen aus dem, was im menschlichen Verstand wirkt, sind listige, kluge, überverständige Wesen. So daß um uns herum waltet, ich möchte sagen, geistig-lebendige Klugheit, Listigkeit, schnelleres geistiges Erfassen als in intellektueller, verständiger Form, denn dieses wie zur Substanz gewordene Intellektuelle lebt in allem festen irdischen Element. Und ehe man nicht wissen wird, wie zusammenarbeiten diese geistigen Wesenheiten, die in dem festen irdischen Element sind, wird es auch keine wahre Chemie geben. Was wir heute als Chemie haben, dem kann Anthroposophie begreifend gegenüberstehen, aber die Wahrheit wird erst erfaßt werden, wenn das, was für übersinnliches Schauen faßbar ist, wenn Geistiges in all dem Irdischen gefunden werden kann. Da müssen wir dann den Willen haben, selbst die festesten Grundsäulen der Intellektualität bei menschlicher Besonnenheit zu verlassen. Wenn wir dem Irdischen gegenüberstehen, sei es was auch immer zu zählen haben: l, 2, 3, 4 ..., so sind wir gewohnt, wenn wir bis vier gezählt haben, zu sehen, daß eben die Summe von vier vor uns liegt. Dasjenige, was wir aus Festem an geistigen Wesenheiten herauslösen, was uns in seiner Erpichtheit auf die Mannigfaltigkeit entgegentritt, das können wir beginnen zu zählen, aber dann stellt sich heraus, daß das gar nicht mehr drei oder vier ist, sondern schon sieben geworden ist: All unser Zählen verläßt uns bei dieser Gelegenheit. Innerhalb dessen, was die Menschheit als ato-mistische Welt kennt, kann man abzählen; innerhalb der wirklichen Welt ist alles auf eine viel größere Mannigfaltigkeit gestellt, da ist alles lebendig, da müssen wir gewahr werden, daß selbst unserem Zählen von der höheren Intelligenz Hohn gesprochen wird. Da müssen wir mit unserem Intellekt, trotzdem er bei Besonnenheit bleibt, nicht in die Gedankenflüchtigkeit hineinkommen, da müssen wir mit dem Intellekt voll gegenüberstehen demjenigen, was uns die Wirklichkeit bietet. Viele werden sagen: Wenn einem so etwas in der Wirklichkeit entgegentritt, da kann man ja wahnsinnig werden! - Deshalb wird eben die große Bedeutung darauf zu legen sein, daß, bevor der Mensch eintritt in diese Welt, er zur vollen Besonnenheit gekommen ist und die irdischen Verhältnisse mit aller Trockenheit zu beurteilen in der Lage ist.

Wenn Sie bedenken, daß unser waches Leben nicht in der Ordnung sein kann, wenn wir nicht in der richtigen Weise schlafen, wenn Sie sich überlegen, daß dasjenige, was wir hier auf der Erde erleben, wie ein Schlaf ist gegenüber dem, was das Reale ist beim Eintreten in die geistige Welt, so müssen Sie sagen: Derjenige, der hier auf der Erde nicht voll feststeht, der trägt, wenn er hier phantastisch, spiritistisch und so weiter ist, krankhafte Elemente in das Geistige hinein. Und es ist so, wenn er sich in der geistigen Welt bewegt, wie wenn sich ein Mensch im wachen Zustand mit der Nervosität bewegt, die er aus einem kranken Schlafe bekommt. Das ist jedoch, was durch einheitliches harmonisches Streben durch alle anthroposophische Bewegung geht: Die anthroposophische Bewegung kann zu größerer Gesundung des Menschen führen, nicht aber zu einem Nicht-darinnenstehen im vollen Menschenleben zwischen Geburt und Tod.

Aber wenn wir heraufdringen zu dem Flüssigen, so finden wir wiederum eine andere Art von geistigen Wesenheiten. Während mit unserem Verstande ähnlich sind die Elementarwesen des Festen, sind mehr unserem Gefühl ähnlich die Elementarwesen, die im Flüssigen leben. Wir stehen ja mit unseren Empfindungen außerhalb der Dinge. Der schöne Baum ist draußen, ich stehe hier, ich bin von ihm getrennt; ich lasse das, was er ist, in mich einfließen. Das, was an Elementarwesen im Flüssigen ist, durchströmt den Baum in seinem Safte selber. Es strömt hinein mit seiner Empfindung in jedes Blatt. Es empfindet nicht nur von außen das Rot, das Blau, es erlebt innerlich diese Farbe, es trägt seine Empfindungen in alles Innerliche hinein. Dadurch ist wiederum das Empfindungsleben viel intensiver bei diesen geistigen Wesenheiten, als das sehr intensive Verstandesweben bei den Elementarwesen des Festen.

Und ebenso ist im Luftförmigen eine Summe von Elementarwesen enthalten. Alle diese Wesenheiten verlieren, je mehr sie sich dem Luftförmigen nähern, immer mehr und mehr ihre Sehnsucht nach Mannigfaltigkeit. Wir haben das Gefühl, daß selbst die Zahl uns nichts mehr hilft, indem wir zu dem Luftförmigen heraufdringen. Einheit wird erstrebt immer mehr und mehr. Dennoch leben in einer großen Mannigfaltigkeit - und verwandt mit dem menschlichen Willen - die Elementarwesen der Luft. Mit dem menschlichen Verstand sind verwandt, innerlich verwandt, die Elementarwesen des Festen, mit dem menschlichen Gefühl die Elementarwesen des Flüssigen, mit dem menschlichen Willen die Elementarwesen des luftförmigen Elementes."[3]

Mit jedem Gedanken, den wir bilden, erzeugen wir neue Elementarwesen. Was wir als Gedächtnisschatz dadurch in uns tragen, ist in Wahrheit eine grosse Summe von uns selbst geschaffener Elementarwesen. Hier auf Erden erleben wir sie nur als schattenhafte Erinnerungsgedanken; ihr wahres Wesen zeigt sich erst im -> Leben zwischen Tod und neuer Geburt oder durch geistige Schulung (siehe z.B. -> Rosenkreuzer-Schulung). Unser ganzes Seelenleben wird von den verschiedensten Elementarwesen begleitet. Das Denken, Fühlen und Wollen des Menschen, überall, wo er ernsthaft nach dem Wahren, Schönen und Guten strebt, ist sogar mit ganz eigentümlich gestalteten Elementarwesen verbunden, die in vieler Hinsicht den in der Natur schaffenden Elementarwesen entgegengesetzt sind (siehe dazu -> Elementarwesen, und Denken, Fühlen und Wollen).

Ohne die unermüdliche Tätigkeit der Natur-Elementarwesen würde es die irdische Pflanzenwelt nicht geben. Die lebendig sich entwickelnde Pflanzengestalt wird nicht nur durch rein irdische Kräfte bestimmt, sondern sehr wesentlich durch kosmische Einflüsse geprägt. Diese kosmisch-ätherischen Kräfte werden der Pflanze durch die in der Natur wirkenden Elementarwesen einverleibt. Sie tragen das in den feineren kosmischen Ätherkräften webende lebendige ätherische Urbild der Pflanze (die Urpflanze im Sinne Goethes) in den Bereich der irdischen Elemente hinein. Die Gnomen oder Wurzelgeister führen die Lebensätherkräfte, in denen ungeheure kosmische Intelligenz waltet, bis dorthin, wo die Pflanzenwurzel in die mineralische Erde übergeht. Kosmische Weisheit wird so zu irdischer Gestaltungskraft. Die Undinen sind die eigentlichen «Weltenchemiker», welche die Klangätherkräfte (in denen sich die «Sphärenharmonie» ausdrückt) bis in das flüssige Element hineintragen und vorallem die Laubblätter der Pflanzen ausgestalten. Die Sylphen umschweben die Blüten und durchfluten das Pflanzenleben mit den Lichtätherkräften. Die feurigen Salamander schließlich durchglühen die Pflanze mit der lebendigen Energie des Wärmeäthers und lassen die Früchte und Samen reifen. So wird insgesammt ein lebendiges irdisches Abbild der urbildlichen kosmischen Lebenskräfte geschaffen.

Auch an der Gestaltung des Tierreiches sind die Elementarwesen wesentlich mitbeteiligt. Insbesondere offenbaren sie sich aber überall dort, wo einander die verschiedenen Naturreiche berühren:

"Man redet heute viel von Naturkräften, aber von Wesenheiten, die hinter diesen Naturkräften stehen, redet man recht wenig. Wenn man von Naturwesenheiten spricht, dann betrachtet der heutige Mensch das als Aufwärmung eines alten Aberglaubens. Daß jene Worte, die unsere Vorfahren gebrauchten, auf Wirklichkeit sich gründen - wenn jemand behauptet, daß Gnomen, Undinen, Sylphen und Salamander etwas Wirkliches bedeuten -, das gilt als alter Aberglaube. Was die Menschen für Theorien und Vorstellungen haben, ist in gewissem Sinne zunächst gleichgültig; wenn aber die Menschen durch diese Theorien verführt werden, gewisse Dinge nicht zu sehen und ihre Theorien im praktischen Leben anzuwenden, dann beginnt die Sache erst ihre volle Bedeutung zu gewinnen.

Nehmen wir ein groteskes Beispiel: Wer glaubt an Wesenheiten, deren Dasein an die Luft gebunden ist oder die im Wasser verkörpert sind? Wenn zum Beispiel jemand sagt: Unsere Vorfahren haben an gewisse Wesenheiten geglaubt, an Gnomen, Undinen, Sylphen, Salamander, aber das ist alles phantastisches Zeug! - dann möchte man erwidern: Fragt einmal die Bienen. — Und könnten die Bienen reden, so würden sie antworten: Für uns sind die Sylphen kein Aberglaube, denn wir wissen ganz gut, was wir von den Sylphen haben! - Und derjenige, dessen geistige Augen geöffnet sind, kann verfolgen, welche Kraft es ist, die das Bienlem hinzieht zur Blume. «Instinkt, Naturtrieb», wie der Mensch antwortet, sind leere Worte. Wesenheiten sind es, welche die Bienen hinleiten zum Blütenkelch, um sich dort Nahrung zu suchen, und im ganzen Bienenschwarm, der nach Nahrung ausschwärmt, sind Wesenheiten tätig, die unsere Vorfahren Sylphen nannten. Überall da, wo verschiedene Naturreiche sich berühren, wird eine Gelegenheit geboten, daß sich gewisse Wesenheiten offenbaren. Zum Beispiel im Innern der Erde, da, wo sich der Stein mit der Metallader berührt, da setzen sich besondere Wesenheiten an. An der Quelle, wo das Moos den Stein bedeckt und somit das Pflanzenreich das Mineralreich berührt, setzen sich solche Wesenheiten fest. Wo Tier und Pflanze sich berühren, im Blumenkelch, bei der Berührung der Biene mit der Blüte, da verkörpern sich bestimmte Wesenheiten, ebenso da, wo der Mensch sich mit dem Tierreiche berührt. Nicht im gewöhnlichen Verlauf der Berührung ist das der Fall. Wenn zum Beispiel der Fleischer das Rind schlachtet, oder wenn der Mensch das Fleisch der Tiere ißt, nicht im normalen Verlauf des Lebens, da ist so etwas nicht der Fall. Aber wo im außernormalen Verlauf, wie bei Bienen und Blume, sich wie durch einen Überschuß von Leben die Reiche berühren, da verkörpern sich Wesenheiten. Und insbesondere da, wo des Menschen Gemüt, sein Intellekt, im Umgang mit den Tieren besonders engagiert ist, bei einem Verhältnis, wie es zum Beispiel der Schäfer zu den Schafen hat, ein Gemütsverhältnis, da verkörpern sich solche Wesenheiten.

Solche intimere Verhältnisse des Menschen zum Tiere finden wir häufiger, wenn wir zurückgehen, in alten Zeiten. In Zeiten niederer Kulturen hatte man vielfach solch ein Verhältnis, wie es der Araber zu seinem Pferde hat, nicht wie ein Rennstallbesitzer zu seinen Pferden. Da finden wir jene Gemütskräfte, die hinüberspielen von Reich zu Reich, wie zwischen dem Schäfer und den Lämmern. Oder wo Geruchs- und Geschmackskräfte entwickelt werden und hinüberstrahlen, wie zwischen der Biene und der Blume, da wird Gelegenheit geschaffen, daß sich ganz gewisse Wesenheiten verkörpern können. Wenn die Biene an der Blume saugt, dann kann der Hellseher beobachten, wie sich am Rande der Blüte eine kleine Aura bildet. Das ist die Wirkung des Geschmackes: der Stich der Biene in den Blütenkelch ist ein gewisses Geschmacksmittel geworden, die Biene empfindet den Geschmack und strahlt aus wie eine Blütenaura, und die ist Nahrung für sylphenhafte Wesenheiten. Ebenso ist das Gefühlselement, das zwischen Schäfer und Schafen spielt, Nahrung für Salamander.

Jene Frage gilt nicht für den, der die geistige Welt versteht: Warum sind dann die Wesenheiten da und sonst nicht? Nach dem Ursprung dürfen wir nicht fragen; ihr Ursprung liegt im Weltenall. Gibt man ihnen aber Veranlassung zur Nahrung, so sind die Wesenheiten da. Zum Beispiel ziehen schlechte Gedanken, die der Mensch ausströmt, schlechte Wesenheiten in die Aura des Menschen, weil sie dort Nahrung finden. Dann verkörpern sich gewisse Wesenheiten in seiner Aura.

Überall, wo sich verschiedene Naturreiche berühren, bietet sich Gelegenheit, daß gewisse geistige Wesenheiten sich verkörpern. Wo Metall an den Stein sich anschmiegt im Innern der Erde, da sieht der Seher, wenn der Bergmann das Erdreich abhackt, an verschiedenen Stellen merkwürdige Wesen wie zusammengekauert beieinander-. hocken, in einem ganz kleinen Raum. Sie stieben, sie sprühen auseinander, wenn die Erde entfernt wird. Es sind merkwürdige Wesenheiten, die zum Beispiel in gewisser Beziehung dem Menschen ganz und gar nicht unähnlich sind. Sie haben zwar keinen physischen Leib, aber sie haben Verstand. Doch der Unterschied zwischen ihnen und den Menschen ist, daß sie Verstand haben ohne Verantwortung. Daher haben sie auch nicht das Gefühl eines Unrechtes bei dem mancherlei Schabernack, den sie den Menschen spielen. Gnomen heißen diese Wesenheiten, und zahlreiche Arten von ihnen beherbergt die Erde, und sie sind da zu Hause, wo sich der Stein mit dem Metall berührt. Recht sehr gedient haben sie früher den Menschen beim alten Bergbau, nicht beim Kohlenbergwerk, aber im Metallbergbau. Die Art, wie man in alten Zeiten Bergwerke angelegt hat, die Kenntnis davon, wie sich die Schichten lagern, die wurde durch diese Wesenheiten vernommen. Und die am besten veranlagten Flöze kannten diese Wesenheiten, die da wissen, wie sich im Innern der Erde die Schichten lagern, und die daher die beste Anleitung geben konnten, wie man das bearbeiten soll. Wenn man nicht mit den geistigen Wesenheiten arbeiten will und sich nur auf das Sinnliche verläßt, dann gerät man in eine Sackgasse. Von diesen geistigen Wesenheiten muß man ein gewisses Verfahren lernen, um die Erde zu erforschen. Ebenso findet eine Verkörperung statt von Wesenheiten an der Quelle. Wo der Stein die Quelle berührt, da verkörpern sich die Wesen, die an das Element des Wassers gebunden sind: die Undinen. Da wo Tier und Pflanze sich berühren, da wirken die Sylphen. Die Sylphen sind gebunden an das Element der Luft, sie leiten die Bienen zu den Blüten. So verdanken wir fast alle nützlichen Erkenntnisse der Bienenzucht den alten Traditionen, und gerade bei der Bienenzucht können wir viel von ihnen lernen. Denn was heutzutage als Wissenschaft über die Bienen existiert, ist vollständig von Irrtum durchzogen, und die alte Weisheit, die sich fortgepflanzt hat durch Tradition, wird dadurch nur beirrt. Die Wissenschaft erweist sich da als etwas Unbrauchbares. Nützlich sind nur die alten Handgriffe, deren Ursprung unbekannt ist, weil der Mensch damals als Leitfaden die geistige Welt benützte.

Die Salamander kennen die Menschen heutzutage auch, denn wenn einer sagt: Es strömt mir etwas zu, ich weiß nicht woher -, so ist das meistens die Wirkung der Salamander.

Wenn der Mensch zu den Tieren in intime Verbindung tritt, wie der Schäfer zu seinen Schafen, dann erhält er Erkenntnisse zugeraunt von Wesenheiten, die in seiner Umgebung leben. Dem Schäfer wurde zugeraunt sein Wissen, das er in bezug auf seine Schafherde hat, von den Salamandern in seiner Umgebung. Diese alten Erkenntnisse sind heutzutage geschwunden und müssen nun durch wohlgeprüfte okkulte Erkenntnisse wieder gewonnen werden.

Denken wir diese Gedanken weiter, so werden wir uns sagen müssen: Wir sind ganz umgeben von geistigen Wesenheiten! Wir gehen durch die Luft, und sie ist nicht nur chemische Substanz, sondern jeder Windhauch, jeder Luftstrom ist die Offenbarung geistiger Wesenheiten. Wir sind umgeben und ganz und gar durchdrungen von diesen geistigen Wesenheiten, und der Mensch muß in Zukunft, wenn er nicht ein ganz trauriges, sein Leben ausdörrendes Schicksal erfahren soll, eine Kenntnis haben von dem, was um ihn lebt. Ohne diese Erkenntnis wird er nicht mehr weiterkommen können."[4]

Es gibt aber auch, wie oben erwähnt, andere Elementarwesen, die vom Menschen (unbewusst) künstlich erzeugt werden. Dazu zählen etwa die Phantome, Spektren, Dämonen, Geister, die sich als Abschnürungen der menschlichen Wesensglieder bilden. Namentlich werden durch die Technik und das moderne Wirtschaftsleben Elementarwesen hervorgebracht (-> Elementarwesen, in Zusammenhang mit Technik und modernem Wirtschaftsleben). Es besteht zunehmend die Gefahr, dass die Elementarwesen den luziferischen und ahrimanischen Einflüssen unterworfen werden (-> Elementarwesen, Bündnis mit Luzifer und Ahriman).

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Die Schwelle der geistigen Welt, GA 17, im Kapitel VON DEM ÄTHERISCHEN LEIB DES MENSCHEN UND VON DER ELEMENTARISCHEN WELT
[2]Rudolf Steiner, Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes, GA 230 (1985), 7. - 9. Vortrag
[3]Rudolf Steiner, Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung, GA 211 (1986), S 203 ff., Wien, 11. Juni 1922
[4]Rudolf Steiner, Natur- und Geistwesen. Ihr Wirken in unserer sichtbaren Welt., GA 98 (1983), S 88 ff., Köln, 7. Juni 1908


Link: http://www.anthroposophie.net/peter/bildekraefte.htm
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=30letzte Änderung: 2003-02-10


Elementarwesen
in Zusammenhang mit Technik und modernem Wirtschaftsleben

"... im Grunde genommen ist all dieses maschinelle Arbeiten in der abendländischen Zivilisation entstanden. Es ist in der abendländischen Zivilisation heraufgekommen, hat sich erst ganz spät nach dem Orient hingezogen, und ist da eben durchaus nicht in derselben Weise eingewöhnt, wie es in der abendländischen Zivilisation eingewöhnt ist. Aber das ist eine Übergangszeit. Und jetzt fassen Sie einen Gedanken, aber so sonderbar Ihnen der Gedanke erscheinen wird, fassen Sie ihn ernst: Nehmen wir an, der alte Mensch hatte eine Wolke, er hatte viel leicht einen Fluß, allerlei Gewächse und so weiter vor sich. Er sah darinnen nicht bloß dasjenige, was der heutige Mensch sieht, tote Natur; er sah darinnen geistige Elementarwesen, bis hinauf zu den göttlich-geistigen Wesenheiten der höheren Hierarchien. Das sah er gewissermaßen durch die Natur hindurch. Die Natur spricht eben nicht mehr von diesen göttlich-geistigen Wesen. Wir müssen sie als Geistiges erfassen, jenseits von der Natur, dann können wir es wiederum auf die Natur beziehen. Die Übergangszeit kam. Der Mensch schuf zu der Natur hinzu die Maschinen. Diese sieht der Mensch zunächst in aller Abstraktion an. Er wirtschaftet mit ihnen in aller Abstraktion. Er hat seine Mathematik, er hat seine Geometrie, seine Mechanik. Er konstruiert damit seine Maschinen und sieht sie so in aller Abstraktion an. Aber er wird sehr bald eine gewisse Entdeckung machen. So sonderbar es dem heutigen Menschen noch erscheinen mag, daß diese Entdeckung gemacht wird, der Mensch wird die Entdeckung machen, daß bei all dem Maschinellen, das er dem Wirtschaftsleben einverleibt, die Geister wieder wirken werden, die er früher in der Natur wahrgenommen hat. In seinen technischen Wirtschaftsmechanismen wird er wahrnehmen: er hat sie fabriziert, er hat sie gemacht, aber sie gewinnen ein eigenes Leben nach und nach, zunächst allerdings nur ein Leben, das er noch ableugnen kann, weil es sich im Wirtschaftlichen kundgibt. Aber er wird es immer mehr und mehr bemerken durch das, was er da selber schafft, wie das ein eigenes Leben gewinnt, wie er es, trotzdem er es aus dem Intellekt heraus geboren hat, mit dem Intellekt nicht mehr erfassen kann. Vielleicht kann man sich heute noch nicht einmal eine gute Vorstellung davon machen, dennoch wird es so sein. Die Menschen werden nämlich entdecken, wie ihre Wirtschaftsobjekte durchaus die Träger von Dämonen werden.

Sehen wir dieselbe Sache von einer anderen Seite her an. Aus dem bloßen Intellekt, aus dem ödesten Verstande heraus ist das Lenin-Trotzkijsche System entstanden, das ein Wirtschaftsleben in Rußland bauen will. Geistesleben, trotz Lunatscharskij, interessiert die Leute nicht. Das soll ja nur Ideologie aus dem Wirtschaftsleben sein. Daß gerade das Dialektisch-Juristische sehr stark ist im Trotzkij-Lenin-System, wird man ja nicht behaupten können. Aber auf das Wirtschaftliche soll alles hinorientiert sein. Man will den Intellekt gewissermaßen verkörpern im Wirtschaftsleben. Würde man es können eine Zeitlang - dieses erste Experiment wird gar nicht gehen -, aber nehmen wir an, man würde es können, dann würde einem das Wirtschaftsleben über den Kopf wachsen, dann würde das Wirtschaftsleben überall zerstörerische, dämonische Kräfte aus sich hervorbringen. Es würde nicht gehen, weil der Intellekt das nicht handhaben kann, was überall hervordringen würde an wirtschaftlichen Forderungen! So wie der alte Mensch auf die Natur und die Naturerscheinungen hingesehen hat und in ihnen Dämonisches gesehen hat, so muß der neuere Mensch lernen, bei dem, was er selber hervorbringt im Wirtschaftsleben, auf Dämonisches zu sehen. Vorläufig sind diese Dämonen, die die Leute nicht in die Maschinen abgeleitet haben, noch in die Menschen gefahren und machen sich als die zerstörenden in sozialen Revolutionen geltend. Nichts anderes sind diese zerstörenden sozialen Revolutionen als das Ergebnis der Nichtanerkennung des Dämonischen in unserem Wirtschaftsleben. Elementarische Geistigkeit muß im Wirtschaftsleben gesucht werden, wie in der Natur in alten Zeiten elementarische Geistigkeit gesucht worden ist. Und das bloße intellektuelle Leben ist nur ein Zwischenzustand, der überhaupt für die Natur und das, was der Mensch hervorbringt, keine Bedeutung hat, sondern nur für den Menschen selbst. Die Menschen haben den Intellekt ausgebildet, damit sie frei werden können. Die Menschen müssen gerade eine Fähigkeit ausbilden, die gar nichts zu tun hat weder mit der Natur noch mit der Maschine, sondern die nur mit dem Menschen selbst zu tun hat. Wenn der Mensch Fähigkeiten ausbildet, die zu der Natur in einem Verhältnis stehen, ist er ja nicht frei. Will er ins Wirtschaftsleben fliehen, ist er auch nicht frei, denn die Maschinen überwältigen ihn nur. Wenn er aber Fähigkeiten ausbildet, die weder mit der Erkenntnis noch mit dem praktischen Leben etwas zu tun haben, wie die reine Intelligenz, kann er sich die Freiheit im Laufe der Kulturentwickelung anerziehen. Gerade durch eine ohne in Beziehung zur Welt stehende Fähigkeit, wie der Intellekt es ist, könnte die Freiheit heraufkommen. Aber zu diesem Intellekt muß, damit der Mensch nicht abreißt von der Natur, damit er in die Natur wiederum herauswirken kann, wiederum die Imagination, muß alles dasjenige hinzukommen, was geisteswissenschaftliche Forschung finden will."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Die neue Geistigkeit und das Christus-Erlebnis des zwanzigsten Jahrhunderts, GA 200 (1980), S 91 ff., Fünfter Vortrag, Dornach, 29. Oktober 1920


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=105letzte Änderung: 2002-09-01


Elementarwesen
Bündnis mit Luzifer und Ahriman

(siehe auch -> Elementarwesen, Elementargeister, Naturgeister, -> Phantome, Spektren, Dämonen, Geister und -> Elementarwesen, in Zusammenhang mit Technik und modernem Wirtschaftsleben)

"Aber dieser ganze Chor von Wesenheiten, der ebenso um uns herum ist wie Steine, Pflanzen, Tiere und physische Menschen, dieser ganze Chor, der kann entweder offenbarend an uns herandringen, indem wir das Geistige heute willig aufnehmen, oder aber er kann sich unserem Bewußtsein verschließen. Wollen wir nichts wissen von der geistigen Welt, dann ist dieser ganze Chor verfallen den ahrimanischen Mächten, dann kommt das Bündnis zwischen Ahriman und den Naturgeistern zustande. Das ist heute das, was in der geistigen Welt schwebt als überragender Entschluß: das Bündnis zustande zu bringen zwischen den ahrimanischen Mächten und den Naturkräften. Es ist sozusagen der Kompromiß im Werke zwischen den ahrimanischen Mächten und den Naturgeistern, und es gibt keine andere Möglichkeit, dies zu verhindern, als dadurch, daß sich die Menschen in ihrer Erkenntnis an die geistige Welt wenden und dadurch bekannt werden mit den Naturgeistern, ebenso wie sie bekannt wurden mit Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff, Kalzium, Natrium und so weiter. Es muß also hingesetzt werden neben eine Wissenschaft des Sinnlichen, des Physischen, eine Wissenschaft des Geistes. Und zwar müssen wir mit dieser Wissenschaft des Geistigen absolut Ernst machen. Indem wir bloß in pantheistischer Weise herumreden vom Geist, kommen wir ihm nicht nahe. Wir dürfen nicht jene Mutlosigkeit haben, die sich davor zurückhält, von konkreten geistigen Wesenheiten zu reden. Wohin wäre die Menschenentwickelung gekommen, wenn zum Beispiel das Volk des Alten Testaments und andere Völker so mutlos gewesen wären, nicht zu sprechen von einzelnen geistigen Wesenheiten, sondern von einer verschwommenen allgemeinen geistigen Wesenheit in pantheistischer Weise? Für die Menschheit wurde der Übergang geschaffen in der Entwickelung, indem die katholische Kirche zu den Heiligen gegriffen hat, gewissermaßen dasjenige zum Ausgangspunkt ihrer Verehrung genommen hat, was als Geistig-Seelisches geblieben ist von den Menschen selber in der geistigen Welt. Sie legt das nach ihrer Art aus, ein tiefer Impuls liegt dem aber zugrunde. Wir müssen uns jedoch in die Lage versetzen, nicht nur im Menschen das zu finden, was wir so in die geistige Welt versetzen können, sondern den Mut haben, in der ganzen Umgebung den Geist zu suchen, wie wir das Natürliche durch die Sinne suchen. Wenn wir das tun, dann kommen wir zu dem hinauf, was uns als Licht entgegentritt, als das die Welt durchpulsende Leben, da kommen wir hinauf zu den Wesen, die nach der Einheit streben, die eben gerade den Menschen dazu verführen, ein bloß Einheitliches in der Welt zu empfinden. Der Monotheismus ist entsprungen der Offenbarung der ätherischen Welt an die Erdenmenschheit. Aber indem wir zu diesen Lichtwesen hinaufgehen, zu den elementarischen Wesen des Äthers, kommen wir zu einer anderen äußeren Welt. Diese Welt ist jedoch nicht nur im physischen Licht enthalten, sondern auch in demjenigen, was als Geistiges zu uns herniederströmt mit jedem Sonnenstrahl: Da finden wir solche Wesenheiten, wie wir sie in den irdischen Elementen finden. Aber in jenen ätherischen Elementen finden wir Wesenheiten, die nun wiederum die Menschheit nicht so mit der Erde verbinden wollen, wie es in der Absicht der ahrimanischen Mächte liegt, welche die Erde in ihrer Entwickelung aufhalten, sondern sie wollen den Menschen nicht zur vollen Erkenntnis des Irdischen kommen lassen, sie möchten dessen Entwickelung aufhalten, bevor die Erde an ihr Ziel gelangt. Die ahrimanischen Wesenheiten möchten die Erde so weit bringen als es ihren Zwecken dienlich ist; die anderen Wesenheiten sind darauf aus, das, was in der Menschheitsentwickelung vom Anbeginn veranlagt ist, nicht bis zur vollen Entfaltung kommen zu lassen, es in früheren Stadien festzuhalten. Da aber konnten sie den Entschluß fassen - und das ist der andere Entschluß, der uns entgegentritt, wenn wir hinaufschauen in die höheren Sphären - eines Bündnisses nun zwischen Luzifer und den Elementarmächten des Ätherischen. Während Ahriman mit seinen Mächten einziehen kann in die menschliche Wesenheit, wenn sich der Mensch der Erkenntnis des Geistigen verschließt, kann Luzifer mit den Mächten, die im Ätherischen sind, in den Menschen einziehen, wenn der Mensch die rechte Vertiefung in sein Inneres versäumt. Und so stehen heute die feindlichen Mächte von oben und unten da vor dem Menschen.

Und die Mächte, die in der Wärme leben, die im Wechsel von Sommer und Winter fluten, diese in der flutenden Wärme lebenden Feuergeister, die aber auch in unserem Blute leben, das uns mit Wärme durchpulst, die bilden die Vermittler zwischen dem luziferischen und ahrimanischen Element. Aber gerade so kreist in der äußeren Welt - nur nicht so unregelmäßig, wie es die Meteorologie darstellt, sondern so, wie unser Blutkreislauf ist -, so kreist in der Welt das Wärmeelement auf und ab, die Vermittlung bildend zwischen ahrimanischen und luziferischen Wesenheiten. Und wir stehen darinnen in der Objektivität des Blutkreislaufes, in seinem Wärmewallen und Weben, wir stehen darinnen in dem Wogenden nicht nur dieser Elementargeister, sondern der ganzen elementarischen Welt. Wir kommen nur heraus, wenn wir uns in die geistige Welt mit voller Bewußtheit hineinleben. Wir können uns aber nur da hineinleben, wenn wir nicht davor zurückschrecken, dieser geistigen Welt wirklich unbefangen ins Auge zu schauen."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung, GA 211 (1986), S 206 ff., Wien, 11. Juni 1922


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=106letzte Änderung: 2002-09-01


Elementarwesen
und Denken, Fühlen und Wollen

(siehe auch -> Elementarwesen, Elementargeister, Naturgeister)

"Wir wollen unser Augenmerk richten auf die Gedanken, durch die der Mensch sich in der Welt die Wahrheit aneignen will, wir wollen unser Augenmerk dann richten auf die Gefühle, insofern sich der Mensch in und durch seine Gefühlswelt das Schöne aneignen will, und wir wollen auf die Willensnatur des Menschen unser Augenmerk richten, insofern der Mensch durch seine Willensnatur das Gute verwirklichen soll.

Wenn man von Gedanken spricht, so meint man dasjenige Gebiet, durch das sich der Mensch die Wahrheit aneignen kann. Aber Gedanken selbst können nichts Wirkliches sein. Gerade wenn wir uns klar sind darüber, daß wir uns durch unsere Gedanken über die Wahrheit des Wirklichen unterrichten sollen, dann muß auch zugegeben werden, daß Gedanken als solche nichts Wirkliches sein können. Denn nehmen Sie einmal an, Sie würden in Ihren Gedanken so darinnenstecken wie in Ihrem Gehirn oder in Ihrem Herzen, dann würden diese Gedanken selber etwas Wirkliches sein. Sie würden nicht durch diese Gedanken die Wirklichkeit sich aneignen können. Man könnte nicht einmal durch die menschliche Sprache das ausdrücken, was ausgedrückt werden soll, wenn die menschliche Sprache im gewöhnlichen irdischen Sinne eine volle Wirklichkeit enthielte.

Wenn wir jedesmal, wenn wir einen Satz sprechen, ein ganz schweres Wirkliches aus dem Munde herausarbeiten müßten, würden wir nicht etwas ausdrücken können, sondern etwas hervorbringen. In diesem Sinne ist das Gesprochene nicht ein Wirkliches selbst, sondern «bedeutet» ein Wirkliches, so wie Gedanken auch nicht selbst ein Wirkliches sind, sondern ein Wirkliches bedeuten.

Wenn wir auf das Gute schauen, dann werden wir finden: dasjenige, was sich durch die physische Wirklichkeit von selber macht, das kann nicht als ein Gutes angesprochen werden. Wir müssen aus der Tiefe unseres Wesens heraus zunächst als ein volles Unwirkliches den Impuls zum Guten holen und ihn dann verwirklichen. Wenn der Impuls zum Guten so auftreten würde wie der Hunger, als ein äußeres Wirkliches, so würde es nicht das Gute sein können.

Und wenn Sie eine Statue ansehen, so kommen Sie nicht auf den Gedanken, daß Sie mit der sich besprechen können. Sie ist ein bloßes Scheingebilde. Im Schein spricht sich etwas aus, was Schönheit ist. So daß wir in der Wahrheit zwar die Wirklichkeit «bedeutet» haben, daß aber die Wahrheit selber in einem unwirklichen Element sich bewegt, ebenso die Schönheit, ebenso die Güte.

Aber so notwendig es für den Menschen ist, daß seine Gedanken nicht selber Wirkliches sind - denken Sie, wenn die Gedanken im Kopfe wie Bleifiguren herumwandern würden, dann würden Sie zwar ein Wirkliches verspüren, aber diese Bleigedanken würden Ihnen nichts bedeuten können, sie wären selber etwas Wirkliches -, so wahr also die Gedanken, so wahr auch das Schöne und das Gute nichts unmittelbar Wirkliches sein können, so wahr ist es dennoch, daß ein Wirkliches notwendig ist in dieser physisch-irdischen Welt, damit wir Gedanken haben können, damit wir das Schöne in der Welt durch die Kunst verwirklichen können, und damit wir auch das Gute verwirklichen können.

Und indem ich dieses bespreche, komme ich heute auf ein Gebiet geisteswissenschaftlicher Betrachtung, das uns recht tief hineinführen kann in dasjenige, was auch auf Erden hier an geistiger Wesenheit um uns herum ist, was sehr nötig ist zu unserem irdischen Dasein, was sich aber der Beobachtung, die den Sinnen möglich ist, eben durchaus entzieht und daher auch vom gewöhnlichen Bewußtsein, das sich nur auf die sinnliche Wahrnehmung stützt, nicht gedacht werden kann. Wir sind überall umgeben in Wahrheit von geistigen Wesen der verschiedensten Art, nur daß das gewöhnliche Bewußtsein diese geistigen Wesen nicht sieht. Aber sie sind notwendig, damit wir als Menschen unsere Tätigkeiten entfalten können, damit wir die Gedanken in ihrer unwirklichen Leichtigkeit und Flüchtigkeit haben können, so daß sie nicht selbst wie Bleigewichte in unserem Kopfe vorhanden sind, nicht selbst etwas sind, sondern etwas bedeuten können. Dazu ist notwendig, daß in der Welt Wesen vorhanden sind, welche verursachen, daß unsere Gedanken mit ihrer Unwirklichkeit uns nicht fortwährend gleich entschwinden. Wir Menschen sind eigentlich mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, ich möchte sagen zu schwerhaltige Wesen, zu plumpe Wesen, als daß wir so ohne weiteres mit diesem gewöhnlichen Bewußtsein die Gedanken festhalten könnten, und es müssen Elementarwesen da sein, die uns fortwährend helfen, unsere Gedanken festzuhalten. Solche Elementarwesen sind auch da, nur sind sie außerordentlich schwer zu entdecken, weil sie, ich möchte sagen, sich fortdauernd verstecken.

Wenn man sich fragt: Wodurch kommt es denn eigentlich, daß man einen Gedanken festhalten kann, trotzdem er gar kein Wirkliches ist, wer hilft einem dabei? - dann wird man sehr leicht gerade bei der geisteswissenschaftlichen Anschauung getäuscht. Denn in demselben Momente, wo man sich darauf verlegt, zu fragen: Wer hält die Gedanken für den Menschen fest? - wird man schon durch diese Tendenz, von den geistigen Wesenhaftigkeiten wissen zu wollen, welche die Gedanken festhalten, in das Reich der ahrimanischen Wesenheiten hineingetrieben. Und man taucht unter in das Reich der ahrimanischen Wesenheiten und beginnt sehr bald zu glauben - aber es ist ein täuschender Glaube -, daß man von den ahrimanischen Geistern unterstützt werden muß, um die Gedanken festzuhalten, damit sie einem nicht gleich, wenn man sie faßt, entschwinden. Daher sind auch die meisten Menschen unbewußt den ahrimanischen Wesenheiten sogar dankbar dafür, daß sie sie in ihrem Denken unterstützen. Aber es ist eigentlich ein schlecht angebrachter Dank, denn es gibt ein ganzes Reich von Wesenheiten, welche uns gerade in bezug auf unsere Gedankenwelt unterstützen und die durchaus nicht ahrimanischer Wesenheit sind.

Diese Wesenheiten sind auch für das schon vorgerückte Schauen in der geistigen Welt schwer zu entdecken. Man findet sie zuweilen, wenn man zum Beispiel einen sehr gescheiten Menschen in seinem Tun und Treiben beobachtet. Wenn man nämlich in seinem Tun und Treiben einen sehr gescheiten Menschen beobachtet, dann hat eigentlich dieser Mensch eine flüchtige Gefolgschaft. Er geht eigentlich nirgends allein herum, sondern er hat eine flüchtige Gefolgschaft von geistigen Wesenheiten, die nicht dem ahrimanischen Reich angehören, die aber eine ganz merkwürdige Eigenschaft haben, die man eigentlich erst kennenlernt, wenn man jene Wesenheiten beobachten kann, welche den elementarischen Reichen angehören, die also nicht für die sinnlichen Augen erscheinen, die sich betätigen, wenn Formen in der Natur, Kristallformen zum Beispiel und dergleichen, entstehen. Alles Formhafte unterliegt ja der Tätigkeit dieser Wesenheiten, die Sie auch in meinen Mysterien in ihrer Tätigkeit als Wesenheiten geschildert finden, die feste Formen prägen und hämmern. Wenn Sie in dem einen Mysterienspiel die gnomenartigen Wesen verfolgen, so haben Sie da diese Wesen, welche Formen hervorbringen. Nun sind - wie Sie das schon aus der Art und Weise, wie ich das in meinen Mysteriendramen dargestellt habe, ersehen können - diese Wesenheiten schlau, und aus ihrer Schlauheit heraus spotten sie über den geringen Verstand, den die Menschen haben. Vergegenwärtigen Sie sich diese Szene, wenn Sie sie aus meinem Mysterienspiel kennen.

Wenn man nun einen wirklich gescheiten Menschen verfolgt, wie er in seinem Gefolge ein ganzes Heer solcher Wesenheiten haben kann, wie ich vorhin gesagt habe, so findet man, daß diese Wesenheiten außerordentlich geringgeachtet werden von den Gnomengeistern der elementarischen Welt, weil sie plump sind, und vor allen Dingen, weil sie furchtbar töricht sind. Das Törichte ist ihre hauptsächlichste Eigenschaft. Und so kann man sagen: Gerade gescheiteste Leute in der Welt, wenn man sie daraufhin beobachten kann, werden von ganzen Trupps von Toren verfolgt aus der geistigen Welt. - Es ist, wie wenn diese Toren zu einem gehören wollten. Und diese Toren werden, wie gesagt, außerordentlich geringgeachtet von den Wesenheiten, welche Formen in der Natur verfertigen in der in den Mysterien geschilderten Weise. So daß man sagen kann: In den Welten, die zunächst dem gewöhnlichen Bewußtsein unbekannt sind, ist eine, die von einem Volk, von einem Geistervolk von Toren bevölkert ist, von Toren, die sich insbesondere zur menschlichen Weisheit und Klugheit hindrängen.

Diese Wesen haben im gegenwärtigen Zeitalter eigentlich kein eigenes Leben. Sie kommen dadurch zu einem Leben, daß sie das Leben derjenigen benutzen, welche sterben, welche durch Krankheiten sterben, aber noch Lebenskräfte in sich haben. Vergangenes Leben nur können sie benutzen. Es sind also Geistertoren, welche das Leben, das von Menschen übrigbleibt, benützen, die also sozusagen sich vollsaugen von dem, was von übrigbleibendem Leben noch an Kirchhöfen und dergleichen aufsteigt. Gerade wenn man eindringt in solche Welten, dann bekommt man einen Begriff, wie unendlich stark die Welt, die hinter der menschlichen Sinneswelt ist, bevölkert ist, und wie mannigfaltig die Klassen von solchen geistigen Wesenheiten sind, und wie diese geistigen Wesenheiten durchaus im Zusammenhang mit unseren Fähigkeiten stehen. Denn der gescheite Mensch, den man da in seiner Tätigkeit verfolgt, kann, wenn er nicht hellsichtig, sondern bloß gescheit ist, seine gescheiten Gedanken gerade dadurch besonders festhalten, daß er von diesem Troß von geistigen Toren verfolgt ist. Die klammern sich an seine Gedanken, zerren sie und geben ihnen Gewicht, so daß sie bei ihm bleiben, während er sonst die Gedanken rasch verschwinden haben würde.

Diese Wesenheiten werden also außerordentlich stark verspottet von den gnomenhaften Wesenheiten. Die gnomenhaften Wesenheiten wollen sie in ihrem Reiche nicht dulden, aber sie gehören demselben Reiche an. Sie vertreiben sie fortwährend, und es ist ein harter Kampf zwischen dem Gnomenvolke und diesem Volke von geistigen Toren, die eigentlich erst dem Menschen die Weisheit möglich machen, denn sonst wäre die Weisheit flüchtig, würde in dem Moment vergehen, wo sie entsteht, könnte nicht bleiben. Wie gesagt, sie sind schwer zu entdecken, diese Wesenheiten, weil man sehr leicht sofort ins Ahrima-nische hinunterkollert, wenn man die entsprechende Frage aufstellt. Aber man kann sie bei solchen Gelegenheiten finden, wie ich sie angedeutet habe, durch Verfolgen besonders gescheiter Menschen, die einen ganzen Troß von solchen Wesenheiten hinter sich haben. Außerdem aber, wenn nicht genug gescheite Gedanken da sind, die am Menschen haften, findet man diese Wesenheiten auf allerlei Denkmälern der Weisheit. Sie halten sich zum Beispiel - aber sie sind dort auch schwer zu finden - in Bibliotheken auf, wenn etwas Gescheites in den Büchern darinnensteht. Wenn in den Büchern Dummes steht, dann sind diese Wesenheiten nicht zu finden, sie sind eben nur dort zu finden, wo Gescheites ist; daran klammern sie sich.

Wir gewinnen da gewissermaßen Einblick in ein Reich, das uns durchaus umgibt, das wie die Naturreiche vorhanden ist, und das mit unseren eigenen Fähigkeiten etwas zu tun hat, das aber auch von uns schwer zu beurteilen ist. Daher muß man sich, wenn man es beurteilen will, schon auf diese gnomenhaften Wesen verlassen und auf ihre Aussagen etwas geben, und die finden sie außerordentlich dumm und frech. Aber sie haben noch eine Eigenschaft, diese Wesen. Wenn sie gar zu sehr von den Naturgeistern gnomenhafter Art verfolgt werden, dann flüchten sie sich in die menschlichen Köpfe, und während sie eigentlich draußen in der Natur fast Riesen sind - sie sind nämlich außerordentlich groß -, werden sie ganz klein, wenn sie in den menschlichen Köpfen sind. Man könnte sagen, daß sie eine Art abnormer Naturgeister sind, die aber mit der ganzen menschlichen Entwickelung auf der Erde innig zusammenhängen.

Eine andere Art ist diejenige, welche vorzugsweise im wäßrigen und luftförmigen Elemente lebt, so wie jene Wesenheiten, die Sie in den angedeuteten Mysteriendramen als die sylphenartigen Wesenheiten und so weiter von mir geschildert finden. Diese Wesenheiten, die ich jetzt meine, haben es vorzugsweise mit der Welt des Scheines, des schönen Scheines zu tun, sie hängen sich weniger an die gescheiten Leute als an die künstlerischen Naturen an. Aber auch sie sind wiederum sehr schwer zu entdecken, weil sie sich leicht verstecken können.

Sie sind da zu finden, wo wirkliche Kunstwerke sind, wo also im Scheine vorhanden ist die menschliche Gestalt oder natürliche Gestalten oder dergleichen. Da sind sie zu finden. Diese Wesenheiten können wir, wie gesagt, auch wieder nur schwer entdecken. Wenn wir uns nämlich fragen: Wie kommt es, daß der schöne Schein uns interessiert, daß wir unter Umständen ein größeres Vergnügen an einer schönen Statue haben als an einem lebendigen Menschen - allerdings ein Vergnügen anderer Art, aber eben größeres Vergnügen -, oder daß wir uns an der melodischen oder harmonischen Ausgestaltung von Tönen erbauen und erfreuen? - so kollern wir wieder sehr leicht in ein anderes Reich hinein, in das Reich der luziferischen Wesenheiten. Aber es sind nicht nur die luziferischen Wesenheiten, welche das Künstlerische tragen, sondern wiederum ein solches Reich von elementarischen Wesenheiten, welche den Menschen, der sonst immer geneigt sein würde, dem künstlerisch schönen Scheine gegenüber kein Interesse zu haben, weil er unwirklich ist, in diesem Interesse wachhalten, welche überhaupt das künstlerische Interesse anregen.

Nun ist es deshalb so schwierig, diese Wesenheiten zu entdecken, weil sie sich noch leichter als die Toren in der Geisterwelt verstecken können, denn sie sind eigentlich nur da, wo das Schöne sich geltend macht. Und wenn man dem Schönen hingegeben ist, wenn man das Schöne genießt, dann sieht man diese Wesen ganz gewiß nicht. Warum?

Man muß tatsächlich, um dieser Wesen auf eine normale Weise ansichtig zu werden, versuchen, wenn man irgendwie künstlerischen Eindrücken hingegeben ist, den hellseherischen Blick auf diejenigen Wesenheiten zu richten, die Sie in derselben Szene als nymphen- oder sylphenartige Wesen geschildert finden, die auch in den Elementarreichen der Natur vorhanden sind, und man muß sich in diese hineinversetzen. Man muß gewissermaßen mit diesen Luft- und Wasserwesen die andern anschauen, die da vorhanden sind im Genüsse des Schönen. Und da das schwer ist, so muß man sich noch auf eine andere Weise helfen. Nun, zum Glück, möchte ich sagen, kann man diese Wesen dann leicht entdecken, wenn man irgend jemandem zuhört, der ziemlich schön spricht und dessen Sprache man nicht ordentlich versteht, wo man nur die Laute hört, ohne daß man sie in ihrer Bedeutung versteht. Wenn man sich dem hingibt, diesem Schön-Sprechen - aber es muß schön gesprochen sein, es muß oratorisch gesprochen sein, und man muß es doch nicht ordentlich verstehen -, dann kann man sich die Fähigkeit aneignen, es ist eine intime, zarte Fähigkeit, diese Wesenheiten zu sehen. Also man muß sozusagen versuchen, das Talent der Sylphen sich anzueignen und es zu verstärken durch jenes Talent, das sich dann ausbildet, wenn man Reden zuhört, die schön gesprochen werden und die man nicht versteht, wobei man auch nicht hinhört auf das, was sie bedeuten sollen, sondern nur auf das schöne Sprechen. Dann entdeckt man diese Wesenheiten, welche überall da sind, wo das Schöne ist, und ihre Unterstützung gewähren, so daß der Mensch das rechte Interesse an dem Schönen haben kann.

Und dann folgt das große Enttäuschtsein, dann folgt das große furchtbare Erstaunen. Diese Wesen sind nämlich urhäßlich, das Häßlichste, was man entdecken kann, schauderhafte Wesen, die Urbilder der Häßlichkeit. Und hat man einmal sich den geistigen Blick für diese Wesen angeeignet und besucht dann mit diesem geistigen Blick irgendein Atelier, in dem Künstlerisches geschaffen wird, dann findet man, daß es diese Wesenheiten sind, die wie Spinnen eigentlich auf dem Grunde des Weltendaseins auf Erden sind, damit der Mensch an der Schönheit Interesse hat. Diese schauderhaften Spinnenwesen elementarischer Art sind es, durch die das Interesse an der Schönheit gerade wach wird. Der Mensch würde gar nicht das richtige Interesse an der Schönheit haben können, wenn er nicht mit seiner Seele in eine Welt von urhäßlichen Spinnenwesen eingesponnen wäre.

Man ahnt gar nicht, wenn man so durch eine Galerie geht - denn das, was ich erzählt habe, ist alles nur zum Entdecken der Formen dieser Wesenheiten, sie sind jedesmal da, wenn der Mensch das Schöne genießt -, wie man in seinem Interesse für die schönsten Bilder dadurch unterstützt wird, daß in allen Ohren und in allen Nasenlöchern diese häßlichsten Spinnen aus- und einkriechen. Auf dem Grunde der Häßlichkeit erhebt sich des Menschen Begeisterung für die Schönheit. Das ist ein Weltengeheimnis. Man braucht, ich möchte sagen, die Aufstachelung durch das Häßliche, damit gerade das Schöne zum Vorschein kommt. Und die großen künstlerischen Naturen waren solche, die durch ihre starke Leiblichkeit das Durchsetztsein mit diesen Spinnen ertragen konnten, um eine Sixtinische Madonna oder dergleichen hervorzubringen. Was in der Welt an Schönem hervorgebracht wird, wird eben durchaus so hervorgebracht, daß es sich aus einem Meere von Häßlichkeit durch den Enthusiasmus der menschlichen Seele heraushebt.

Man darf nicht glauben, daß, wenn man hinter den Schleier des Sinnlichen kommt, wenn man an das Gebiet jenseits der Schwelle kommt, man da in lauter Schönes kommt. Glauben Sie nicht, daß von irgend jemandem, der diese Dinge kennt, es etwa leichtsinnig ausgesprochen ist, wenn er sagt: Die Menschen müssen, wenn sie nicht ordentlich vorbereitet sind, an der Schwelle der geistigen Welt zurückgehalten werden. - Denn zunächst muß man für alles, was man als das Erhebende und Erbauende gewissermaßen vor dem Vorhang hat, kennenlernen die durchaus nicht erbaulichen Untergründe. Und wenn Sie daher in der elementarischen Welt, die der Luft und dem Wasser angehört, sich schauend ergehen, dann sehen Sie wiederum den großen Kampf der flüchtigen Sylphenwelt und Undinenwelt gegenüber diesen Urbildern der Häßlichkeit. Ich sage Spinnentiere; sie bestehen nicht aus dem Spinnengewebe, sondern sie sind aus dem Elemente des Wassers und aus dem Elemente des Wasserdunstes gebaut. Sie sind flüchtig gestaltete Luftgestalten, die ihre Häßlichkeit noch dadurch erhöhen, daß sie in jeder Sekunde eine andere Häßlichkeit haben, wodurch man immer das Gefühl hat, jede nächstfolgende Häßlichkeit, die auf eine vorhergehende aufgesetzt wird, ist noch größer als die vorhergehende. Das ist die Welt, welche ebenso in der Luft und im Wasser vorhanden ist wie dasjenige, was erfreulich ist in Luft und Wasser.

Und damit der Mensch den Enthusiasmus für das Gute entwickeln kann, findet noch ein anderes statt. Bei den andern Wesen kann man sagen, sie sind mehr oder weniger da, aber bei den Wesenheiten, von denen ich jetzt sprechen will, muß man eigentlich sagen, sie entwickeln sich fortwährend, und zwar entwickeln sie sich gerade dann, wenn der Mensch eine gewisse innere Wärme für das Gute hat. Da entwickeln sich in dieser Wärme jene Wesenheiten, die nun feuriger, warmer Natur sind, Wesenheiten, die in der Gegenwart leben, die aber eigentlich eine solche Natur haben, wie ich sie in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» für das Saturndasein des Menschen beschrieben habe.

So wie der Mensch im alten Saturndasein war, so sind diese Wesenheiten heute. Nur sind sie nicht so gestaltet wie der Mensch, aber sie haben solch eine Natur. Man kann von ihnen nicht sagen, daß sie schön oder häßlich sind oder dergleichen; man muß sie beurteilen von dem Gesichtspunkte aus, der einem von den gewöhnlichen elementarischen Wärmewesen gegeben wird, die auch vorhanden sind. Die ganze geistige Untersuchung ist außerordentlich schwer, denn man kommt an diese Wesenheiten, die bloß in der Wärme, also - im alten Sinne gesprochen - im «Feuer» leben, man kommt als Mensch außerordentlich schwer an sie heran, und wenn man herankommt, so ist es nicht angenehm. Man kommt zum Beispiel heran, wenn man im heftigen Fieber liegt. Aber da ist man in der Regel kein sehr objektiver Beobachter. Sonst handelt es sich darum, daß man sich durch die weitere Ausbildung der Mittel, die in meinen Büchern angegeben sind, die Anschauung für solche Wärmewesen entwickelt. Aber diese Wärmewesen haben schon ein gewisses Verhältnis zu jenen Wesenheiten, die namentlich dann erscheinen, wenn der Mensch einen warmen Enthusiasmus für das Gute entwickelt. Aber das Verhältnis ist ganz eigentümlicher Art.

Ich will hypothetisch annehmen - denn nur so kann ich eigentlich die Sache schildern -, es seien solche Wärmewesen normaler Art da, die überhaupt von der menschlichen physischen Wärme herrühren, die ja größer ist als die Wärme der Umgebung. Der Mensch hat Eigenwärme. Dadurch sind in seiner Nähe diese Wesenheiten. Und nun werden in einem Menschen, der für das Gute enthusiasmiert ist, diese andern Wesenheiten, die auch Wärmewesen, aber anderer Art sind, hervorgebracht. Wenn sie aber in der Nähe der normalen Feuerwesen sind, ziehen sie sich gleich vor ihnen zurück und schlüpfen in das Innerste des Menschen hinein. Wenn man sich nämlich viel Mühe gibt, vom Standpunkt der normalen Wärmewesen aus die Eigenschaften dieser Wesenheiten zu entdecken, dann rindet man: diese Wesenheiten haben ein intimes, aber furchtbar stark ausgebildetes Schamgefühl. Sie wollen absolut nicht beobachtet werden von andern Wesen der geistigen Welt und fliehen vor ihnen, weil sie sich schämen, gesehen zu werden, fliehen vor allen Dingen in das Innerste der Menschen hinein, so daß sie schwer zu entdecken sind. Sie sind eigentlich nur zu entdecken, wenn man, sagen wir, sich selbst beobachtet in gewissen Momenten, die man eigentlich willkürlich nicht so leicht herbeiführen kann. Nehmen Sie einmal an, Sie lesen irgend etwas und werden einfach dadurch, daß Sie eine Szene lesen, die Sie dramatisch sehr ergreift, ohne daß Sie ein sentimentaler Mensch sind, zu Tränen gerührt. Irgendeine große, gute Handlung, meinetwillen im Roman, wird geschildert, Sie werden bis zu Tränen gerührt. Wenn Sie dann Selbstbeobachtung haben, da können Sie entdecken, wie ganze Scharen solcher Wesenheiten - die ein so fein und intim ausgebildetes Schamgefühl haben, daß sie von allen anderen Wesen der geistigen Welt nicht gesehen sein wollen - sich in Ihr Herz, überhaupt in Ihre ganze innere Brust hineinflüchten, wie sie zu Ihnen kommen, wie sie Schutz suchen vor den andern Wesen der elementarisch-geistigen Welten und namentlich vor den andern Wärmewesen.

Es ist eine bedeutsame Abstoßungskraft zwischen den normalen Wärmewesen und diesen mit so außerordentlich starkem Schamgefühl ausgestatteten Wärmewesen, die nur in der moralischen Sphäre der Menschen leben und sich vor der Berührung mit andern Geistwesen flüchten. Diese Wesenheiten sind in viel größerer Anzahl vorhanden, als man gewöhnlich meint, und sie sind es, die gerade den Menschen mit dem Enthusiasmus für das moralisch Gute ausgestalten. Der Mensch würde nicht leicht diesen Enthusiasmus für das moralisch Gute bekommen, wenn diese Wesenheiten ihm nicht zu Hilfe kämen. Und wenn der Mensch das Moralische liebt, dann steht er eigentlich im Bunde, im unbewußten Bunde mit diesen Wesenheiten.

Gewisse Eigenschaften dieser Wesenheiten sind durchaus so, daß man leicht dieses ganze Reich mißverstehen kann. Denn in der Tat, warum schämen sich denn diese Wesen? Sie schämen sich wirklich aus dem Grunde, weil die ganze übrige geistige Welt des Elementarreiches, in dem diese Wesenheiten sind, sie eigentlich verachtet, nichts wissen will von ihnen. Und das spüren diese Wesenheiten, und dadurch, daß sie so verachtete Wesenheiten sind, wirken sie gerade zum Enthusiasmus für das Gute.

Gewisse andere Eigenschaften dieser Wesenheiten möchte ich gar nicht gerne berühren, weil man schon sehen kann, wie eigentümlich die Menschenseele berührt wird, wenn man von den urhäßlichen Spinnenwesen berichtet. Deshalb möchte ich gewisse Eigenschaften dieser Wesenheiten unberührt lassen. Aber wir haben gesehen, wie dasjenige, was sich hier im Reiche des Sinnenwesens entwickelt als das Wahre, das Schöne, das Gute, sich durchaus herausentwickelt aus Grundlagen, die diese drei geistigen Reiche, die ich geschildert habe, brauchen, so wie wir als Menschen auf Erden den Boden brauchen, auf dem wir gehen. Nicht, als ob diese Wesenheiten das Wahre, Schöne und Gute erzeugen würden, das tun sie nicht. Aber die Gedanken, die das Wahre ausdrücken, die das Wahre bedeuten, brauchen die geistigen Dummköpfe, damit sie sich auf ihren Schultern bewegen können. Und das Schöne, das der Mensch hervorbringt, braucht die häßlichen Wasser- und Luftspinnen, damit es sich aus diesem Meere von Häßlichkeit erheben kann. Und das Gute braucht ein Reich von Wesenheiten, das sich gar nicht unter den andern anständigen Wärmewesen zeigen kann, das sich immer scheuen muß, und das gerade dadurch den Enthusiasmus für die Impulse des Guten hervorruft.

Wenn all diese Wesen nicht wären, dann müßten wir statt unserer Gedanken im Kopfe, wenn auch nicht gerade bleierne Soldaten, so wenigstens schwere Dünste haben. Es würden nicht sehr gescheite Dinge sein, die dabei herauskämen. Und um das Schöne hervorzubringen, müßten wir schon die Gabe haben, dieses Schöne auch ein wenig lebendig zu machen, damit die Menschen Interesse daran hätten und so weiter. Damit hier im Reiche der Sinnenwelt dasjenige vorhanden ist, was wir brauchen für unsere Gedankentätigkeit, für unsere Gefühlstätigkeit im Schönen, für unsere Willenstätigkeit im Guten, dazu sind drei solche elementarische Reiche notwendig.

Wenn wir die normalen elementarischen Reiche betrachten, also -wenn wir uns des volkstümlichen Ausdruckes bedienen - die Reiche der Gnomen, Sylphen, Undinen, Salamander, so haben wir in ihnen eigentlich Reiche, die erst noch etwas in der Welt werden wollen. Sie gehen ähnlichen Gestaltungen entgegen, die wir in unserer Sinnenwelt haben, nur anders werden sie sein, aber sie werden für solche Sinne, wie die Menschen sie heute haben, einmal wahrnehmbar werden, während sie heute in ihrem elementaren Dasein nicht für die gewöhnlichen Sinne wahrnehmbar sind.

Die Wesenheiten aber, welche ich Ihnen jetzt geschildert habe, sind über die Stufe, die heute Menschen und Tiere oder Pflanzen haben, schon hinübergeschnappt, sind weiter als diese, sind schon hinübergeschnappt. So daß wir, wenn wir zum Beispiel zum alten Monden-wesen zurückgehen könnten, das dem Erdendasein vorangegangen ist, wir dort diese Wesenheiten finden würden, die wir heute hier als jene schamhaft moralisch anspornenden Wesenheiten auf Erden finden. Die würden wir auf dem alten Monde als richtige Tierwelt, die auch für irdische Augen sichtbar wäre, sich so herumspinnen sehen, so von Baum zu Baum, sagen wir. Aber Sie müssen sich das Mondendasein ins Gedächtnis rufen, wie ich es geschildert habe in meiner «Geheimwissenschaft». Dieses Mondendasein ist natürlich ein weiches und flüchtiges, und die Dinge metamorphosieren sich, bilden sich um. Und zwischen diesen Wesenheiten, da spinnen sich hin dann jene häßlichen Wesen, die ich geschildert habe, diese Urspinnen, von denen der alte Mond ganz durchsetzt war und die da sichtbar waren. Und dann waren auch vorhanden jene Wesenheiten, die heute als die Dummköpfe den Weisen begleiten. Die waren dort vorhanden, und sie haben es bewirkt, daß der alte Mond zerstoben ist, so daß die Erde daraus werden konnte. Auch hier noch während des Erdendaseins haben diese Wesenheiten keine Freude an der Entstehung der Kristalle, aber an allem Zerhacken des Mineralischen.

Also während wir von den andern, normalen Elementarwesen sagen können, sie werden einmal sichtbar, sinnenfällig wahrnehmbar werden, müssen wir von diesen Wesenheiten sagen, sie waren einmal sinnenfällig wahrnehmbar und sind allerdings nun durch ahrimanische und luziferische Geistigkeit ins Geistige herübergeschnappt. So daß wir also zweierlei Arten von elementarischen Wesen haben, eine auf steigende und eine absteigende Art. Und ich möchte sagen: Auf dem Moder der alten Mondenhäßlichkeit - denn die war reichlich während des alten Mondendaseins vorhanden - erwächst unsere Welt der Schönheit.

Sie haben ein Analogon in der Natur, wenn Sie den Mist, den Dünger auf die Äcker hinausführen, und dann daraus die schönsten Pflanzen erblühen. Da haben Sie das Analogon der Natur, nur daß da Ihnen auch der Dünger, der Mist sinnlich entgegentritt. So ist es, wenn man dasjenige geistig betrachtet, was nur halb wirklich ist als Welt des Schönen. Dieses, was nur halb wirklich ist als Welt des Schönen, lassen Sie es vor sich stehen, ohne Rücksicht zu nehmen darauf, was sonst lebendig in den drei Reichen der Natur auf der Erde wimmelt, lassen Sie meinetwillen vor Ihrem Geiste auftauchen alles das, was an schönen Nachwirkungen aus der Erde hervorsprießt. Jedenfalls, wie auf einer Wiese die schönsten Blumen hervorsprießen, so müssen Sie sich darunter jenen Moder, jenen Dünger, den Mondendünger geistig denken, der diese häßlichen Spinnen, die ich geschildert habe, enthält. So wie Ihnen Ihr Kohl nicht wächst, ohne daß Sie misten, ebensowenig kann Schönheit auf der Erde erblühen, ohne daß die Götter die Erde mit Häßlichkeit düngen. Das ist die innere Notwendigkeit des Lebens, und diese innere Notwendigkeit des Lebens muß man kennen, denn die gibt allein die Fähigkeit, wissend gegenüberzustehen dem, was eigentlich in der Natur uns umgibt.

Wer glaubt, daß auf Erden die Schönheit in der Kunst hervorgebracht werden kann ohne die Grundlage dieser Häßlichkeit, gleicht einem Menschen, der sagt: Es ist aber doch eigentlich schauderhaft, daß die Leute düngen, sie sollen doch lieber die schönen Dinge wachsen lassen ohne Mist. - Es ist eben nicht möglich, daß die Schönheit hervorgebracht wird ohne die Grundlage der Häßlichkeit. Und will man sich nicht Illusionen über die Welt hingeben, das heißt, will man wahrhaftig erkennen das Wirkliche und nicht das Illusorische, dann muß man diese Dinge erkennen. Das ist schon notwendig. Wer da glaubt, daß in der Welt die Kunst ist ohne die Häßlichkeit, der kennt die Kunst auch nicht. Warum nicht? Nun, einfach aus dem Grunde, weil nur derjenige, der eine Ahnung hat von dem, was ich Ihnen heute geschildert habe, erst in der richtigen Weise die Kunstwerke genießen wird, denn er weiß, um was sie im Weltendasein erkauft sind. Und wer Kunstwerke genießen will ohne dieses Bewußtsein, der gleicht eigentlich einem Menschen, der das Düngen der Äcker abschaffen möchte. Er kennt dann nicht das, was in der Natur wächst, sondern er hat in Wirklichkeit nur die Illusion vor sich, gewissermaßen Pflanzen aus Papiermache. Wenn er auch wirkliche Pflanzen hat, hat er nur Pflanzen aus Papiermache! Wer die Häßlichkeit nicht in seinen Untergründen fühlt, hat nicht das rechte Entzücken an der Schönheit."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt. Die geistige Kommunion der Menschheit., GA 219 (1984), S 73 ff., Fünfter Vortrag, Dornach, 16. Dezember 1922


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=115letzte Änderung: 2002-10-08


Elementarwesen
ihre Beziehung zum Tierreich

(siehe auch -> Elementarwesen, Elementargeister, Naturgeister, Elementargeister, Naturgeister)

"Der Mensch ist ... in der gegenwärtigen Situation der Erdenentwickelung darauf angewiesen, zum Gebrauche seiner Seele sich des ätherischen Leibes, zum Gebrauche seines Geistes sich des physischen Leibes zu bedienen. Der physische Leib, der für den Geist die Werkzeuge liefert, die Sinnesapparate, ist eben nicht imstande, sich in Verbindung zu setzen mit den Wesenheiten, die der physischen Welt zugrunde liegen. Ebenso nicht der ätherische Leib des Menschen, und den braucht der Mensch, um sich als Seelenwesen zu entfalten. Dadurch entgeht dem Menschen, wenn ich mich so ausdrücken darf, eigentlich die Hälfte seiner irdischen Umgebung. Alles das, was jene Elementarwesen, von denen ich gestern gesprochen habe, umschließt, entgeht ihm. An das kommt der physische und der Ätherleib nicht heran. Man wird eine Idee bekommen von dem, was dem gegenwärtigen Menschen da eigentlich entgeht, wenn man sich klar darüber ist, was solche Gnomen, Undinen und so weiter eigentlich sind.

Sehen Sie, wir haben da das ganze Heer der niederen, gegenwärtig niederen Tiere, jener Tiere, welche sozusagen nur aus einer weichen Masse bestehen, im flüssigen Elemente sich betätigen, im flüssigen Elemente leben, die kein irgendwie geartetes Skelett haben, also nichts, was ihnen eine innerliche Stütze gibt. Es sind Wesenheiten, die zu den spätes! entstandenen der Erde gehören, Wesenheiten, die eigentlich jetzt erst unter der schon entwickelten Erde das ausführen, was das älteste Erden wesen, der Mensch, in bezug auf seine Kopfstruktur während der alten Saturnzeit ausgeführt hat. Dadurch kommen diese Wesenheiten nicht dahin, jene Verhärtungen m sich zu bilden, die zur Skelettstütze werden können.

Nun sind die Gnomen diejenigen Wesen, die gewissermaßen äußerlich in der Welt auf geistige Art das ergänzen, was dieser ganz niederen Tierwelt bis herauf zu Amphibien und Fischen selber, die ja nur Andeutungen des Skelettes haben - besonders die Fische -, fehlt, so daß gewissermaßen diese niedere Tierstufe ein Ganzes erst dadurch wird, daß es Gnomen gibt.

Und weil schon einmal die Beziehungen der Wesen in der Welt sehr verschieden sind, so spielt eben zwischen diesen niederen Wesen und den Gnomen etwas, was ich gestern als die Antipathie charakterisiert habe. Die Gnomen wollen nicht so werden wie diese niederen Wesen. Sie wollen sich immerdar behüten, die Gestalt dieser niederen Wesen anzunehmen. Diese Gnomen sind, wie ich Ihnen beschrieben habe, außerordentlich kluge, intelligente Wesen. Mit der Wahrnehmung haben sie schon die Intelligenz gegeben; sie sind wirklich in allem das Gegenbild der niederen Tierwelt. Und während sie die Bedeutung für das Pflanzenwachstum haben, das ich gestern charakterisiert habe, bilden sie für die niedere Tierwelt wirklich eine Ergänzung. Sie schaffen sozusagen das hinzu zu der niederen Tierwelt, was diese niedere Tierwelt nicht hat. Diese niedere Tierwelt hat ein dumpfes Bewußtsein; sie, die Gnomen, haben ein hellstes Bewußtsein. Diese niedere Tierwelt hat kein Knochenskelett, keine Knochenstütze; diese Gnomen binden zusammen, möchte ich sagen, alles, was an Schwerkraft vorhanden ist, und formen sich aus der flüchtigen, unsichtbaren Schwerkraft ihren Körper, der übrigens fortwährend in Gefahr ist zu zerfallen, seine Substanz zu verlieren. Die Gnomen müssen sich sozusagen immer wieder und wieder aus der Schwere schaffen, weil sie immerdar in der Gefahr stehen, ihre Substanz zu verlieren. Dadurch sind diese Gnomen, um ihre eigene Existenz zu retten, fortwährend aufmerksam auf das, was um sie herum vor sich geht. Es gibt für die Erdenbeobachtung keine aufmerksameren Wesen als solch einen Gnom. Der paßt auf alles auf, weil er alles kennen muß, alles auffassen muß, um sein Leben zu retten. Er muß immer wachen; wenn er schläfrig würde, wie die Menschen oftmals schläfrig sind, würde er sogleich an seiner Schläfrigkeit sterben.

Es gibt ein deutsches Sprichwort, das eigentlich, aus sehr alter Zeit stammend, sehr gut ausdrückt diese Eigenschaft der Gnomen, immer aufmerksam sein zu müssen. Man sagt: Gib acht wie ein Wichtelmann. - Und Wichtelmänner sind eben die Gnomen. Also wenn man jemanden zur Aufmerksamkeit mahnen will, dann sagt man ihm: Gib acht wie ein Gnom. - Der ist wirklich ein aufmerksames Wesen. Könnte man als Musterbeispiel in eine Schulklasse so in die erste Bank, daß alle es sehen, einen Gnomen setzen, dann würde der ein vorzügliches Wesen für die Nachahmung aller Schüler in der Klasse sein.

Außer dieser Eigenschaft haben die Gnomen noch die andere, daß sie von einem schier unbesieglichen Freiheitstriebe erfüllt sind. Sie kümmern sich sozusagen wenig umeinander und geben sich mit ihrer Aufmerksamkeit eigentlich nur der anderen Welt, der Welt der Umgebung hin. Ein Gnom interessiert den anderen wenig. Aber alles, was sonst in dieser Welt, in der sie leben, um sie herum ist, das interessiert sie besonders.

Nun, ich sagte Ihnen, der Körper bildet eigentlich ein Hindernis, um solches Volk wahrzunehmen. In dem Augenblicke, wo der Körper ein solches Hindernis nicht mehr bietet, sind diese Wesen da, wie andere Wesen der Natur für die Sichtbarkeit da sind. Und wer es dahin gebracht hat, in voller Bewußtheit den Einschlafetraum zu erleben, der kennt gut diese Gnomen. Sie brauchen sich nur daran zu erinnern, was ich gerade über den Traum im «Goetheanum» ausgeführt habe. Ich sagte, daß der Traum eigentlich durchaus nicht in seiner wahren Gestalt vor das gewöhnliche Bewußtsein tritt, sondern er trägt eine Maske. Der Einschlafetraum trägt auch eine Maske. Wir kommen nicht gleich heraus aus dem, was wir im gewöhnlichen Bewußtsein am Tage erlebt haben, oder was wir sonst erlebt haben; Reminiszenzen, Erinnerungsbilder aus dem Leben, oder aber Symbole, Sinnbilder der inneren Organe, das Herz als Ofen, die Lunge als Flügel und so weiter symbolisieren sich. Das sind Masken. Würde der Mensch den Traum maskenlos sehen, würde er hinüberschlafen und in die Welt eben wirklich eintreten, ohne daß die Wesen, die dort sind, sich maskieren, dann würde der Mensch gerade im Einschlafen dieses ganze Heer der Wichtelmänner schauen; sie würden ihm entgegenkommen.

Aber der Mensch ist eben für das gewöhnliche Bewußtsein sozusagen behütet, diese Dinge unvorbereitet wahrzunehmen, weil er erschrecken würde davor. Denn sie bildeten in der Gestalt, in der sie einem da entgegentreten, eigentlich tatsächliche Abbilder von alledem im Menschen, was in diesem Menschen an zerstörenden Kräften arbeitet. Der Mensch würde alles das zugleich in seiner Wesenheit wahrnehmen, was in ihm als zerstörende Kräfte arbeitet, was fortwährend abbaut. Und diese Gnomen wären, unvorbereitet wahrgenommen, lauter Symbole des Todes. Der Mensch würde davor ungeheuer erschrecken, wenn er von ihnen etwa gar nichts gehört hätte für seinen gewöhnlichen Verstand, und sie nun beim Einschlafen ihm entgegenkommen würden und ihn gewissermaßen begraben würden, denn so nimmt sich die Sache aus, ihn gewissermaßen begraben würden drüben in der Astralwelt. Denn es ist eine Art Begrabenwerden durch die Gnomen, was da beim Einschlafen, von drüben aus gesehen, vor sich geht.

Nun, das ist eigentlich für den Moment des Einschlafens nur. Eine weitere Ergänzung für die physisch-sinnliche Welt sind die Undinen, die Wasserwesen, diese sich fortwährend verwandelnden, mit dem Wasser ebenso lebenden Wesen, wie die Gnomen mit der Erde leben. Diese Undinen - wir haben wiederum kennengelernt, welche Rolle sie spielen im Pflanzen Wachstum; aber sie stehen auch in Beziehung als ergänzende Wesen zu den Tieren, die schon auf einer etwas höheren Stufe stehen, zu den Tieren, welche schon einen mehr differenzierten Erdenleib aufgenommen haben. Diese Tiere, die dann in das höhere Fischwesen hineinwachsen oder auch in das höhere Amphibienwesen, brauchen Schuppen, brauchen irgendeinen harten Panzer. Sie brauchen außen eine harte Schale. Das, was an Kräften vorhanden ist, um diese Außenstütze, gewissermaßen dieses Außenskelett, gewissen Tieren, wie den Insekten, zu verschaffen, das verdankt die Welt der Tätigkeit der Undinen. Die Gnomen stützen gewissermaßen geistig diejenigen Tiere, welche ganz niedrig sind. Diese Tiere, die nun von außen geschützt werden müssen, die zum Beispiel mit einem Panzer umkleidet werden müssen, die verdanken ihre schützenden Hüllen der Tätigkeit der Undinen. Die Undinen sind es dann, welche zu diesen etwas höheren Tieren auf eine primitive Art das hinzufügen, was wir in unserer Schädeldecke haben. Sie machen sie gewissermaßen zum Kopf, All diese Wesen, die da als unsichtbare hinter der sichtbaren Welt sind, haben ihre große Aufgabe im ganzen Zusammenhange des Daseins, und Sie werden überall sehen, wo die materialistische Wissenschaft irgend etwas von der Art erklären soll, wie ich es jetzt angeführt habe, da versagt sie. Sie ist zum Beispiel nicht imstande, zu erklären, wie die niederen Wesenheiten, die kaum viel härter sind als das Element, in dem sie leben, dazu kommen, sich in ihm fortzubewegen, weil sie nicht weiß, daß diese geistige Stützung von den Gnomen vorhanden ist, die ich eben beschrieben habe. Auf der anderen Seite wird die Tatsache des Umpanzertwerdens für eine rein materialistische Wissenschaft immer eine Schwierigkeit bilden, weil nicht bekannt ist, wie im Sensitivwerden, im Vermeiden des eigenen niederen Tierwerdens die Undinen das von sich abstoßen, was dann als Schuppen oder sonstiger Panzer über die etwas höheren Tiere kommt.

Und wiederum, auch für diese Wesenheiten ist es in bezug auf das gewöhnliche Bewußtsein vom heutigen Menschen nur der Körper, der ein Hindernis bildet, sie so zu schauen wie zum Beispiel die Pflanzenblätter oder die etwas höheren Tiere.

Aber wenn der Mensch nun in tiefen traumlosen Schlaf kommt, und nicht der Schlaf für ihn traumlos ist, sondern durch die Gabe der Inspiration dieser Schlaf durchschaut werden kann, dann tauchen empor vor dem geistigen Blicke, vor dem geistigen Menschenblicke aus jenem Meere des Astralischen, in das beim Einschlafen die Gnomen den Menschen gewissermaßen begraben, verborgen haben, diese Wesenheiten der Undinen, und sie werden im tiefen Schlaf sichtbar. Der Schlaf löscht das gewöhnliche Bewußtsein aus. Das für den Schlaf erhellte Bewußtsein hat diese wunderbare Welt des werdenden Flüssigen, des sich in aller möglichen Weise zu den Metamorphosen der Undinen aufbäumenden Flüssigen zum Inhalte. Geradeso wie wir die Wesenheiten mit festen Konturen für das Tagesbewußtsein um uns haben, würde das erhellte Bewußtsein der Nacht diese sich immer wandelnden, diese selber wie ein Meer wellenwerfenden, sich wieder senkenden Wesenheiten darbieten. Der ganz tiefe Schlaf ist eigentlich ausgefüllt davon, daß in der Umgebung des Menschen ein bewegtes Meer von Lebewesen ist, ein bewegtes Meer von Undinen ist.

Anders liegt die Sache für die Sylphen. Für die Sylphen ist die Sache so, daß sie auch in einer gewissen Weise die Ergänzung bilden von gewissen Tierwesen, aber jetzt nach der anderen Seite hin. Man möchte sagen: Gnomen und Undinen fügen das Kopf mäßige zu denjenigen Tieren hinzu, die des Kopfes entbehren. Die Vögel sind nun, wie ich Ihnen dargestellt habe, eigentlich reiner Kopf; sie sind ganz Kopf Organisation. Die Sylphen fügen hinzu zu dem Vogel auf geistige Art, was ihm gewissermaßen als die körperliche Ergänzung der Kopforganisation fehlt. Sie sind also die Ergänzung des Vogelgeschlechts nach demjenigen Gebiete der Organisation, das beim Menschen das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem ist. Fliegen die Vögel mit verkümmerten Beinen in der Luft herum, so haben um so mehr die Sylphen mächtig ausgebildete Gliedmaßen, und sie stellen auf geistige Art, ich möchte sagen das in den Lüften dar, was die Kuh unten in der physischen Materie darstellt. Daher konnte ich gestern sagen, die Sylphen haben an dem Vogelgeschlechte ihr Ich, das, was sie mit der Erde verbindet. Der Mensch bekommt auf der Erde sein Ich. Was die Sylphen mit der Erde verbindet, das ist das Vogelgeschlecht. Dem Vogelgeschlechte verdanken sie ihr Ich, wenigstens das Bewußtsein ihres Ich.

Wenn der Mensch nun die Nacht durchschlafen hat, um sich gehabt das astralische Meer, das sich in der mannigfaltigsten Undinenform gestaltet, und dann aufwacht und den Aufwachetraum hat, dann würde er, wenn dieser Aufwachetraum sich nicht wiederum maskierte in Lebensreminiszenzen oder in Sinnbildern von inneren Organen, wenn er den unmaskierten Traum sehen würde, der Welt der Sylphen gegenüberstehen. Aber diese Sylphen würden für ihn eine merkwürdige Gestalt annehmen. Sie würden so sein, wie wenn die Sonne etwas schicken wollte, aber etwas schicken wollte, was eigentlich in einer schwierigen Art auf den Menschen wirkt, was den Menschen in einer gewissen Weise geistig einschläfert. Wir werden gleich nachher hören, warum das der Fall ist. Dennoch würde der Mensch, wenn er den unmaskierten Aufwachetraum wahrnehmen würde, in ihm etwas sehen wie das Hereinflattern, das wesenhafte Hereinflattern des Lichtes. Er würde es unangenehm auch aus dem Grunde empfinden, weil die Gliedmaßen dieser Sylphen ihn gewissermaßen umspinnen, umwehen. Er fühlt so, wie wenn das Licht ihn angreifen würde von allen Seiten, wie wenn das Licht etwas wäre, das einen befällt, gegen das man außerordentlich sensitiv ist. Vielleicht würde der Mensch auch hie und da dies wie ein Streicheln des Lichtes empfinden. Aber in all diesen Dingen will ich Ihnen ja nur andeuten, wie dieses tragende, tastende Licht eigentlich herankommt in der Sylphenform.

Wenn wir dann zu den Feuerwesen kommen, dann ist es bei den Feuerwesen so, daß sie die Ergänzung bilden zu der flüchtigen Schmetterlingsnatur. Der Schmetterling entwickelt sozusagen selber so wenig wie möglich von seinem physischen Leibe, von dem eigentlich physischen Leibe; er läßt ihn ja so dünn sein wie nur möglich; dagegen ist er ein Lichtwesen. Die Feuerwesen stellen sich heraus als Wesen, welche den Schmetterlingsleib ergänzen, so daß man den folgenden Eindruck bekommen kann. Wenn man auf der einen Seite einen physischen Schmetterling sieht und ihn sich entsprechend vergrößert denkt, und auf der anderen Seite ein Feuerwesen - zusammen sind ja diese Wesen selten, nur in den Fällen, die ich Ihnen gestern angeführt habe -, dann hat man das Gefühl, wenn man diese zueinanderbackt, dann bekommt man eigentlich so etwas wie einen geflügelten Menschen, wirklich einen geflügelten Menschen. Man muß nur den Schmetterling entsprechend vergrößern und die Feuerwesen dem Größenmaß des Menschen angepaßt finden, dann bekommt man so etwas wie einen geflügelten Menschen daraus (Tafel VI, Mitte).

Das zeigt Ihnen wiederum, wie die Feuerwesen eigentlich die Ergänzung dieser ja dem Geistigen am nächsten stehenden Tierwesen sind; sie sind sozusagen die Ergänzung nach unten hin. Gnomen und Undinen sind die Ergänzung nach oben hin, nach der Kopfseite; Sylphen und Feuerwesen sind die Ergänzung von Vögeln und Schmetterlingen nach unten hin. Also die Feuerwesen muß man mit den Schmetterlingen zusammenbringen.

Auf dieselbe Art nun, wie der Mensch sozusagen den schlafenden Traum durchdringen kann, kann der Mensch auch das wache Tagesleben durchdringen. Da bedient sich der Mensch aber eben in einer ganz robusten Art seines physischen Leibes. Auch das habe ich dargestellt in Aufsätzen im «Goetheanum». Da kommt der Mensch schon ganz und gar nicht dazu, einzusehen, wie er eigentlich fortwährend während des Taglebens die Feuerwesen sehen könnte, denn die Feuerwesen stehen in einer inneren Verwandtschaft mit den Gedanken des Menschen, mit alledem, was aus der Organisation des Kopfes hervorgeht. Und wenn der Mensch es dazu bringt, vollständig im wachen Tagesbewußtsein zu sein und dennoch in einem gewissen Sinne außer sich zu sein, also ganz vernünftig zu sein, fest mit den beiden Beinen auf der Erde zu stehen, und dann wiederum außer sich zu sein gleichzeitig - also er zu sein und sein Gegenüber zu sein, das heißt, sich selber als Gedankenwesen betrachten zu können: dann nimmt der Mensch wahr, wie die Feuerwesen in der Welt dasjenige Element bilden, das, wenn wir es wahrnehmen, nach der anderen Seite unsere Gedanken wahrnehmbar macht.

So kann die Wahrnehmung der Feuerwesen den Menschen dazu bringen, sich selber als Denker zu sehen, nicht bloß der Denker zu sein und die Gedanken da auszukochen, sondern sich anzuschauen, wie die Gedanken verlaufen. Nur hören dann die Gedanken auf, an den Menschen gebunden zu sein; sie erweisen sich dann als Weltgedanken; sie wirken und weben als Impulse in der Welt. Man merkt dann, daß der Menschenkopf nur die Illusion hervorruft, als ob da drinnen in diesem Schädel die Gedanken eingeschlossen wären. Da sind sie nur gespiegelt; ihre Spiegelbilder sind da. Das, was den Gedanken zugrunde liegt, gehört der Sphäre der Feuerwesen an. Kommt man in diese Sphäre der Feuerwesen hinein, dann sieht man in den Gedanken nicht bloß sich selber, sondern man sieht den Gedankengehalt der Welt, der eigentlich zugleich ein imaginativer Gehalt ist. Es ist also die Kraft, aus sich herauszukommen, welche einem die Gedanken als Weltgedanken vorstellt. Ja, vielleicht darf ich sagen: Wenn man nun nicht vom menschlichen Körper aus, sondern von der Sphäre der Feuerwesen, also gewissermaßen von der in die Erde hereinragenden Saturnwesenheit das, was auf der Erde zu sehen ist, anschaut, dann bekommt man genau das Bild, das ich geschildert habe von der Erdenevolution in der «Geheimwissenschaft im Umriß». Dieser Umriß einer Geheimwissenschaft ist so aufgezeichnet, daß die Gedanken als der Gedankengehalt der Welt erscheinen, von der Perspektive der Feuerwesen aus gesehen.

Sie sehen, diese Dinge haben schon eine tief reale Bedeutung. Sie haben aber eine tief reale Bedeutung auch noch sonst für den Menschen. Nehmen Sie die Gnomen und Undinen; sie sind sozusagen in der Welt, die an die Welt des menschlichen Bewußtseins angrenzt, sie liegen schon jenseits der Schwelle. Das gewöhnliche Bewußtsein ist davor geschützt, diese Wesenheiten zu sehen, weil diese Wesenheiten eigentlich nicht alle gutartig sind. Gutartige Wesenheiten sind diejenigen, die ich gestern geschildert habe, die zum Beispiel am Pflanzenwachstum in der verschiedensten Weise arbeiten. Aber nicht alle sind gutartige Wesen. Und in dem Augenblicke, wo man einbricht in die Welt, wo diese Wesenheiten wirken, sind nicht bloß die gutartigen da, sondern es sind auch die bösartigen da. Man muß sich da erst eine Auffassung davon verschaffen, welche von ihnen nun gutartig, welche bösartig sind. Das ist nicht so ganz leicht. Sie werden das daraus sehen, wie ich Ihnen die bösartigen schildern muß. Die bösartigen Wesenheiten unterscheiden sich vor allen Dingen dadurch von den gutartigen Wesenheiten, daß die gutartigen sich mehr an das Pflanzenreich und an das Mineralreich halten; aber die bösartigen Wesenheiten wollen immer heran an das Tierreich und an das Menschenreich; noch bösere dann auch an das Pflanzenreich und an das Mineralreich. Aber man bekommt schon einen ganz respektablen Begriff von der Bösartigkeit, die Wesenheiten dieses Reiches haben können, wenn man sich auf diejenigen einläßt, die an den Menschen und an die Tiere heran wollen und im Menschen eigentlich das vollbringen wollen, was durch die höheren Hierarchien zugeteilt ist den gutartigen für die Pflanzen- und Mineralwelt. Sehen Sie, da gibt es eben solche bösartigen Wesenheiten aus dem Gnomen- und dem Undinenreich, welche sich an Menschen und Tiere heranmachen und bei Menschen und Tieren bewirken, daß das, was sie eigentlich zu den niederen Tieren hinzufügen sollen, sich im Menschen auf physische Art verwirklicht; im Menschen ist es ohnedies schon da. Im Menschen soll es sich auf physische Art verwirklichen, auch im Tiere. Dadurch, durch die Anwesenheit dieser bösartigen Gnomen- und Undinenwesenheiten, leben dann im Menschen und im Tiere niedrigere Tier- oder Pflanzenwesen, Parasiten. Und so sind die bösartigen Wesenheiten die Hervorbringer der Parasiten. Aber, ich möchte sagen, in dem Augenblicke, wo der Mensch die Schwelle zur geistigen Welt übertritt, kommt er gleich in die Finessen dieser Welt hinein. Da sind überall eigentlich Fallstricke, und man muß schon von den Wichtelmännern erst etwas lernen, nämlich aufzupassen. Das können zum Beispiel die Spiritisten nie. Es sind überall Fallstricke. Es könnte nun einer sagen: Wozu sind denn nun überhaupt diese bösartigen Gnomen- und Undi-nenwesen da, wenn sie parasitäre Wesenheiten hervorrufen? Ja, wären sie gar nicht da, diese Wesenheiten, dann würde nämlich der Mensch nicht in sich die Kraft entwickeln können, seine Gehirnmasse auszubilden. Und da kommt man auf etwas, was außerordentlich bedeutungsvoll ist.

Ich will Ihnen das schematisch skizzieren (Tafel VI, links). Wenn Sie sich den Menschen denken als Stoffwechsel-Gliedmaßenmenschen, als Brust-, also als rhythmischen Menschen, und dann als Kopfmenschen, also als Nerven-Sinnesmenschen, so müssen Sie sich durchaus klar sein: hier unten gehen Prozesse vor sich - lassen wir den rhythmischen Menschen aus -, hier oben gehen wiederum Prozesse vor sich. Wenn Sie zusammennehmen die Prozesse, die sich unten abspielen, so ist im wesentlichen ein Ergebnis da, das im gewöhnlichen Leben meistens mißachtet wird: es sind die Ausscheidungsprozesse, Ausscheidungen durch den Darm, Ausscheidungen durch die Nieren und so weiter, alle Ausscheidungsprozesse, die sich nach unten ergießen. Diese Ausscheidungsprozesse betrachtet man meistens eben nur als Ausscheidungsprozesse. Aber das ist ein Unsinn. Es wird nicht bloß ausgeschieden, damit ausgeschieden werden soll, sondern in demselben Maße, in dem Ausscheidungsprodukte erscheinen, erscheint im unteren Menschen geistig etwas Ähnliches, wie oben physisch das Gehirn ist. Das, was im unteren Menschen geschieht, ist ein Vorgang, der auf halbem Wege stehenbleibt in bezug auf seine physische Entwickelung. Es wird ausgeschieden, weil die Sache ins Geistige übergeht. Oben wird der Prozeß vollendet. Da bildet sich physisch das herein, was da unten nur geistig ist. Oben haben wir physisches Gehirn, unten ein geistiges Gehirn. Und wenn man das, was unten ausgeschieden wird, einem weiteren Prozeß unterwerfen würde, wenn man fortfahren würde, es umzubilden, dann würde die letzte Metamorphose vorläufig sein das menschliche Gehirn.

Die menschliche Gehirnmasse ist weitergebildetes Ausscheideprodukt. Das ist etwas, was ungeheuer wichtig zum Beispiel auch in medizinischer Beziehung ist, und was im 16., 17. Jahrhundert die damaligen Ärzte noch durchaus gewußt haben. Gewiß, man redet heute in einer sehr abfälligen Weise, und in bezug auf manches auch mit Recht, von der alten «Dreckapotheke». Aber weil man nicht weiß, daß in dem Drecke eben noch vorhanden waren die sogenannten Mumien des Geistes. Natürlich soll das nicht eine Apotheose sein auf das, was in den allerletzten Jahrhunderten als Dreckapotheke figuriert hat, sondern ich weise hin auf viele Wahrheiten, die einen so tiefen Zusammenhang haben wie den, den ich eben ausgeführt habe.

Das Gehirn ist durchaus höhere Metamorphose der Ausscheidungsprodukte. Daher der Zusammenhang der Gehirnkrankheiten mit den Darmkrankheiten; daher auch der Zusammenhang der Heilung der Gehirnkrankheiten und der Darmkrankheiten.

Sehen Sie, indem nun Gnomen und Undinen da sind, überhaupt eine Welt da ist, wo Gnomen und Undinen leben können, sind die Kräfte vorhanden, welche gewiß vom unteren Menschen aus Parasiten bewirken können, die aber zu gleicher Zeit die Veranlassung sind, im oberen Menschen die Ausscheidungsprodukte ins Gehirn umzumetamorphosieren. Wir könnten gar nicht ein Gehirn haben, wenn die Welt nicht so eingerichtet wäre, daß es Gnomen und Undinen geben kann. Das, was für Gnomen und Undinen in bezug auf die Zerstörungskräfte gilt - Zerstörung, Abbau geht ja dann wiederum vom Gehirn aus -, das gilt für Sylphen- und Feuerwesen in bezug auf die Aufbaukräfte. Wiederum, die gutartigen Sylphen- und Feuerwesen halten sich ferne von Menschen und Tieren und beschäftigen sich mit dem Pflanzenwachstum in der Weise, wie ich es angedeutet habe; aber es gibt eben bösartige. Diese bösartigen tragen vor allen Dingen das, was nur in den oberen, in den Luft- und Wärmeregionen sein soll, hinunter in die wäßrigen und irdischen Regionen.

Wenn Sie nun studieren wollen, was da geschieht, wenn diese Sylphenwesen zum Beispiel aus den oberen Regionen in die niederen Regionen des wäßrigen und erdigen Elementes das hinuntertragen, was da oben hinaufgehört, dann schauen Sie sich die Belladonna an. Die Belladonna ist diejenige Pflanze, welche in ihrer Blüte, wenn ich mich so ausdrücken darf, von der Sylphe geküßt worden ist, und welche dadurch das, was gutartiger Saft sein kann, in den Giftsaft der Belladonna umgewandelt hat.

Da haben Sie das, was man eine Verschiebung der Sphäre nennen kann. Oben ist es richtig, wenn die Sylphen ihre Umschlingungskräfte entwickeln, wie ich sie vorhin beschrieben habe, wo man vom Lichte förmlich betastet wird - denn das braucht die Vogelwelt. Kommt sie aber herunter, die Sylphe, und verwendet sie das, was sie oben anwenden sollte, unten in bezug auf die Pflanzenwelt, dann entsteht ein scharfes Pflanzengift. Parasitäre Wesen durch Gnomen und Undinen; durch Sylphen die Gifte, die eigentlich das zu tief auf die Erde geströmte Himmlische sind. Wenn der Mensch oder manche Tiere die Belladonna essen, die aussieht wie eine Kirsche, nur daß sie sich verbirgt im Kelch drinnen - es wird hinuntergedrückt, man kann es noch der Form der Belladonna ansehen, was ich jetzt eben beschrieben habe -, wenn der Mensch oder gewisse Tiere die Belladonna essen, so sterben sie davon. Aber sehen Sie einmal Drosseln und Amseln an: die setzen sich auf die Belladonna und haben daran ihre beste Nahrung in der Welt. In deren Region gehört das, was in der Belladonna ist.

Es ist doch ein merkwürdiges Phänomen, daß die Tiere und die Menschen, die eigentlich mit ihren unteren Organen erdgebunden sind, das, was an der Erde in der Belladonna verdorben ist, als Gift aufnehmen, daß dagegen so repräsentative Vögel wie die Drosseln und Amseln, die also auf geistige Art durch die Sylphen gerade das haben sollen - und durch die gutartigen Sylphen haben sie es auch -, daß die es vertragen können, auch wenn das, was da oben in ihrer Region ist, hinuntergetragen wird. Für sie ist Nahrung, was für die mehr an die Erde gebundenen Wesenheiten Gift ist.

So bekommen Sie eine Anschauung davon, wie auf der einen Seite durch Gnomen und Undinen das Parasitäre von der Erde nach den anderen Wesen hinauf strebt, wie die Gifte eigentlich von oben herunterträufeln. Wenn dagegen die Feuerwesen sich mit jenen Impulsen durchdringen, welche in die Region der Schmetterlinge gehören, welche den Schmetterlingen zu ihrer Entwickelung sehr nützlich sind, und das heruntertragen in die Früchte, dann entsteht zum Beispiel das, was wir innerhalb einer Reihe von Mandeln als giftige Mandeln haben. Da wird dieses Gift durch die Tätigkeit der Feuerwesen in die Mandelfrucht hineingetragen. Und wiederum würde die Mandelfrucht überhaupt nicht entstehen können, wenn nicht auf gutartige Weise von denselben Feuerwesen sozusagen das, was wir bei den anderen Fruchten essen, verbrannt würde. Sehen Sie sich doch die Mandel an. Bei den anderen Früchten haben Sie in der Mitte den weißen Kern und ringsherum das Fruchtfleisch. Bei der Mandel haben Sie mitten drinnen den Kern, und ringsherum das Fruchtfleisch ist ganz verbrannt. Das ist die Tätigkeit der Feuerwesen. Und artet diese Tätigkeit aus, wird das, was die Feuerwesen vollführen, nicht bloß in die braune Mandelschale hineingearbeitet, wo es noch gutartig sein kann, sondern geht nur etwas von dem, was Schale erzeugen soll, innerlich in den weißen Kern der Mandel hinein, dann wird die Mandel giftig (Tafel VI, rechts).

So haben Sie ein Bild davon, wie diese Wesenheiten, die da angrenzen in der Welt, die unmittelbar jenseits der Schwelle liegt, eigentlich, wenn sie ihre Impulse durchführen, zu den Trägern des parasitären Wesens, des Giftwesens, und damit zu Trägern von Krankheiten werden. Auf diese Art wird deutlich, inwiefern sich der Mensch als gesundes Wesen heraushebt aus dem, was ihn ergreifen kann in der Krankheit. Denn es hängt das zusammen mit der Entfaltung des Bösartigen in diesen Wesenheiten, die andererseits da sein müssen, um den ganzen Aufbau, um Wachsen und Sprossen der Natur und wiederum Zerstören der Natur möglich zu machen. Das sind die Dinge, die im Grunde genommen aus dem instinktiven Hellsehen heraus solchen Intuitionen zugrunde lagen, wie der indischen von Brahma, Vishnu, Shiva. Brahma stellte dar die wirkende Wesenheit in der Weltensphäre, die an den Menschen heran darf. Vishnu stellte dar diejenige Weltensphäre, die an den Menschen nur heran darf, insofern er fortwährend das Aufgebaute wiederum abtragen muß, insofern das sich fortwährend verwandeln muß. Und Shiva stellte dar alles das, was mit den zerstörenden Kräften zusammenhängt. Und in den älteren Zeiten der indischen Hochkultur sagte man: Brahma ist innig verwandt mit allem, was Feuerwesennatur ist, was Sylphennatur ist; Vishnu mit alledem, was Sylphen- und Undinennatur ist. Shiva mit all demjenigen, was Gnomen- und Undinennatur ist. Überhaupt findet man, wenn man in diese älteren Vorstellungen zurückgeht, überall die bildhaften Ausdrücke für das, was man heute wiederum suchen muß als den Geheimnissen der Natur zugrunde liegend."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes, GA 230 (1985), S 128 ff., Achter Vortrag, Dornach, 3. November 1923


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=214letzte Änderung: 2005-02-01


Empfindungsleib
Astralleib

auch Trieb- und Empfindungsleib -> siehe Astralleib


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=210letzte Änderung: 2002-10-03


Empfindungsseele

(siehe auch -> Seele, menschliche und -> Seele, die seelischen Wesensglieder des Menschen und ihr Zusammenhang mit der sinnlichen und geistigen Welt)

"Wenn wir zunächst von der Empfindungsseele sprechen, so meinen wir nicht nur dasjenige in unserer Seele, was sich durch Wahrnehmung, durch Sinneseindrücke in Verbindung zu setzen vermag mit der äußeren Welt, sondern wir meinen auch den Sitz von allem, was wir nennen können Triebe, Begierden, Leidenschaften, auch den Sitz von allem, was Willensimpulse in der menschlichen Seele sind. Am zweckmäßigsten ist es sogar, will man sich eine Vorstellung verschaffen von dem, was eigentlich innerhalb unseres seelischen Lebens die Empfindungsseele ist, daß man sich vorstellt, wie alles Willensartige, alles was uns von innen heraus Anstöße gibt, ein Verhältnis zur Außenwelt zu suchen, das Wesentliche in der Empfindungsseele ist, und wie es an der Empfindungsseele hängt, daß sie die wichtigste Vermittlerin ist auch des Empfangens von äußeren Eindrücken des Wahrnehmens. Deshalb wird sie Empfindungsseele genannt. Wenn der Mensch einen Ton- oder einen Farbeneindruck empfängt, waltet die Empfindungsseele. Auch wenn die Leidenschaften aufsteigen, bei Affekten, Zorn, Furcht, Angst, waltet im wesentlichen die Empfindungsseele."[1]

"Mit dem ersten Regen der Empfindung antwortet das Innere selbst auf die Reize der Außenwelt. Man mag dasjenige, was man Außenwelt zu nennen berechtigt ist, noch so weit verfolgen: die Empfindung wird man nicht finden können. – Die Lichtstrahlen dringen in das Auge; sie pflanzen sich innerhalb desselben bis zur Netzhaut fort. Da rufen sie chemische Vorgänge (im sogenannten Sehpurpur) hervor; die Wirkung dieser Reize setzt sich durch den Sehnerv bis zum Gehirn fort; dort entstehen weitere physische Vorgänge. Könnte man diese beobachten, so sähe man eben physische Vorgänge wie anderswo in der Außenwelt. Vermag ich den Lebensleib zu beobachten, so werde ich wahrnehmen, wie der physische Gehirnvorgang zugleich ein Lebensvorgang ist. Aber die Empfindung der blauen Farbe, die der Empfänger der Lichtstrahlen hat, kann ich auf diesem Wege nirgends finden. Sie ersteht erst innerhalb der Seele dieses Empfängers. Wäre also das Wesen dieses Empfängers mit dem physischen Körper und dem Ätherleib erschöpft, so könnte die Empfindung nicht da sein. Ganz wesentlich unterscheidet sich die Tätigkeit, durch welche die Empfindung zur Tatsache wird, von dem Wirken der Lebensbildekraft. Ein inneres Erlebnis wird durch jene Tätigkeit aus diesem Wirken hervorgelockt. Ohne diese Tätigkeit wäre ein bloßer Lebensvorgang da, wie man ihn auch an der Pflanze beobachtet. Man stelle sich den Menschen vor, wie er von allen Seiten Eindrücke empfängt. Man muß sich ihn zugleich nach allen Richtungen hin, woher er diese Eindrücke empfängt, als Quell der bezeichneten Tätigkeit denken. Nach allen Seiten hin antworten die Empfindungen auf die Eindrücke. Dieser Tätigkeitsquell soll Empfindungsseele heißen...

Was hier Empfindung genannt wird, ist nur ein Teil des seelischen Wesens. (Der Ausdruck Empfindungsseele wird der Einfachheit halber gewählt.) An die Empfindungen schließen sich die Gefühle der Lust und Unlust, die Triebe, Instinkte, Leidenschaften. All das trägt denselben Charakter des Eigenlebens wie die Empfindungen und ist, wie sie, von der Leiblichkeit abhängig."[2]

"Für das «Ich» bedeuten Erinnerung und Vergessen etwas durchaus Ähnliches wie für den Astralleib Wachen und Schlaf. Wie der Schlaf die Sorgen und Bekümmernisse des Tages in ein Nichts verschwinden läßt, so breitet Vergessen einen Schleier über die schlimmen Erfahrungen des Lebens und löscht dadurch einen Teil der Vergangenheit aus. Und wie der Schlaf notwendig ist, damit die erschöpften Lebenskräfte neu gestärkt werden, so muß der Mensch gewisse Teile seiner Vergangenheit aus der Erinnerung vertilgen, wenn er neuen Erlebnissen frei und unbefangen gegenüberstehen soll. Aber gerade aus dem Vergessen erwächst ihm Stärkung für die Wahrnehmung des Neuen. Man denke an Tatsachen wie das Lernen des Schreibens. Alle Einzelheiten, welche das Kind zu durchleben hat, um schreiben zu lernen, werden vergessen. Was bleibt, ist die Fähigkeit des Schreibens. Wie würde der Mensch schreiben, wenn beim jedesmaligen Ansetzen der Feder alle die Erlebnisse in der Seele als Erinnerung aufstiegen, welche beim Schreibenlernen durchgemacht werden mußten.

Nun tritt die Erinnerung in verschiedenen Stufen auf. Schon das ist die einfachste Form der Erinnerung, wenn der Mensch einen Gegenstand wahrnimmt und er dann nach dem Abwenden von dem Gegenstande die Vorstellung von ihm wieder erwecken kann. Diese Vorstellung hat der Mensch sich gebildet, während er den Gegenstand wahrgenommen hat. Es hat sich da ein Vorgang abgespielt zwischen seinem astralischen Leibe und seinem Ich. Der Astralleib hat den äußeren Eindruck von dem Gegenstande bewußt gemacht. Doch würde das Wissen von dem Gegenstande nur so lange dauern, als dieser gegenwärtig ist, wenn das Ich nicht das Wissen in sich aufnehmen und zu seinem Besitztume machen würde. Hier an diesem Punkte scheidet die übersinnliche Anschauung das Leibliche von dem Seelischen. Man spricht vom Astralleibe, solange man die Entstehung des Wissens von einem gegenwärtigen Gegenstande im Auge hat. Dasjenige aber, was dem Wissen Dauer gibt, bezeichnet man als Seele. Man sieht aber zugleich aus dem Gesagten, wie eng verbunden im Menschen der Astralleib mit dem Teile der Seele ist, welcher dem Wissen Dauer verleiht. Beide sind gewissermaßen zu einem Gliede der menschlichen Wesenheit vereinigt. Deshalb kann man auch diese Vereinigung als Astralleib bezeichnen. Auch kann man, wenn man eine genaue Bezeichnung will, von dem Astralleib des Menschen als dem Seelenleib sprechen, und von der Seele, insofern sie mit diesem vereinigt ist, als der Empfindungsseele."[3]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Die Mission der neuen Geistesoffenbarung. Das Christus-Ereignis als Mittelpunktsgeschehen der Erdenevolution., GA 127 (1989), S 42 ff., Frankfurt, 8. Januar 1911
[2]Rudolf Steiner, Theosophie, GA 9 (1904), im Kapitel Leib, Seele und Geist
[3]Rudolf Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriß, GA 13 (1910), im Kapitel Wesen der Menschheit


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=20letzte Änderung: 2002-12-22


Engel
Angeloi, Geister od. Söhne des Zwielichts, Geister der Dämmerung, Söhne des Lebens, Boten, Lunar Pitris

Engel oder Angeloi stehen in der Rangordnung der geistigen Wesenheiten (siehe -> Hierarchien) eine Stufe über dem Menschen. Sie haben ihre Menschheitsstufe, d.h. die Entwicklung des Ichs bzw. des Ich-Bewusstseins, bereits auf dem alten Mond (siehe -> Planetarische Weltentwicklungsstufen absolviert. Gegenwärtig bilden sie ihr Geistselbst aus.

"Zunächst wollen wir versuchen, uns eine Vorstellung zu bilden von dem, was man die Wesen der Engel nennt. Wir werden uns über das Bewußtsein dieser Wesenheiten am leichtesten dadurch eine Vorstellung machen können, daß wir einmal dessen eingedenk sind, daß der Mensch in seinem äußeren physischen Bewußtsein heute vier Naturreiche umfaßt, die er sozusagen wahrnehmen kann: mineralische Wesenheiten, pflanzliche Wesenheiten, tierische Wesenheiten und das Menschenreich selber; so daß wir das menschliche Bewußtsein nach seinem Inhalte als ein solches beschreiben können, das diese vier für die äußeren Sinne wahrnehmbaren Reiche umfaßt. Alles was der Mensch wahrnimmt durch seine Sinne, was es auch sei, gehört einem dieser vier Reiche an. Wenn wir uns nun fragen: Wie ist das Bewußtsein der Engel Wesenheiten? - so bekommen wir zur Antwort: Es ist in einer gewissen Beziehung ein höheres Bewußtsein, und es ist dadurch als ein höheres Bewußtsein charakterisiert, daß es nicht bis zum mineralischen Reiche hinunterreicht. Bis dahin, wo die Steine sind, die Mineralien, reicht das Engelbewußtsein nicht herunter. Dagegen sind in diesem Engelbewußtsein pflanzliche Wesenheiten, tierische Wesenheiten, menschliche Wesenheiten und das eigene Reich der Engel, das dort die gleiche Rolle spielt wie das Reich der Menschen für uns. Daher können wir sagen: diese Engel nehmen mit ihrem Bewußtsein auch vier Reiche wahr, das Reich der Pflanzen, der Tiere, der Menschenwesen und das Reich der Engel.

Das ist das Eigentümliche der Engelwesen: sie haben keinen physischen Leib, und aus diesem Grunde also auch keine Organe des physischen Leibes, keine Augen und Ohren und so weiter. Deshalb nehmen sie das physische Reich nicht wahr. Sie haben als ihre niederste Wesenheit ihren ätherischen Leib. Dadurch haben sie eine gewisse Verwandtschaft mit den Pflanzen. Sie können also mit ihrem Bewußtsein herabsteigen bis zu den Pflanzen; sie können Pflanzen noch wahrnehmen. Dagegen wo ein Mineral ist, nehmen sie einen Hohlraum wahr, geradeso wie wir es beschrieben haben für den Menschen während des Devachanzustandes, wo der Mensch auch den Raum, den hier auf dem physischen Plan ein Mineral ausfüllt, als einen Hohlraum wahrnehmen wird. So nehmen diese Engel überall da, wo hier physisches Reich ist, einen Hohlraum wahr. Dagegen ragt ihr Bewußtsein da hinauf, wo des Menschen Bewußtsein heute noch nicht hinaufragt.

Aber wir wissen, daß auch die Menschen heute schon in einer gewissen Beziehung zueinander stehen als solche, die leiten, und solche, die geleitet werden. Ich will dabei auf gar nichts anderes anspielen als auf die Kinder und die erwachsenen Erzieher: Die Kinder müssen so lange geleitet werden, bis sie so reif sind wie die erwachsenen Erzieher. Die Menschen wachsen in ihrer jetzigen Entwickelung in das Jupiterbewußtsein hinein. Das wird das gleiche sein, das die Engel heute schon haben. Weil das Engelbewußtsein so ist, sind die Engel heute tatsächlich die Führer der Menschen, ihre Leiter, bereiten sie vor, und es besteht ein inniger Zusammenhang zwischen dem, was sich im Menschen allmählich ausbildet, und dem, was die Aufgabe dieser Engelwesen ist. Was bildet sich denn im Menschen für den Rest seines Erdendaseins? Das haben wir öfter besprochen. Wir haben gesagt, der Mensch hat einen physischen Leib, einen Ätherleib, einen astralischen Leib und ein Ich, und daß er jetzt gerade daran ist, seinen astralischen Leib so umzubilden, daß er nach und nach vollständig das Geistselbst sein wird. Zwar arbeitet der Mensch auch schon an seinen anderen Gliedern; aber das Wesentliche der Erdenentwickelung besteht darin, daß das Geistselbst voll entwickelt werde. Die Engel haben heute bereits das Geistselbst entwickelt; sie hatten es schon entwickelt, als das Erdendasein begonnen hat. Daher sind die Engel in der Hierarchie der Entwickelung diejenigen Geister, welche diese Arbeit, den astralischen Leib in das Geistselbst umzubilden, beim Menschen leiten.

Nun fragen wir uns: Wie tun sie das? - Da erinnern wir uns einmal daran, daß wir gesagt haben, wenn der Mensch stirbt, so hat er nach dem Tode zunächst das um sich herum, was wir genannt haben das lange Erinnerungstableau an das eben verflossene Leben. Das bleibt zwei bis drei Tage; für die einzelnen Menschen ist das etwas verschieden. Es bleibt in der Regel ungefähr so lange, wie der betreffende Mensch es im Leben aushaken konnte ohne zu schlafen. Die verschiedenen Menschen sind sehr verschieden darin. Der eine ist gewohnt, nach je zwölf Stunden zu schlafen, und es fallen ihm dann die Augen zu; andere dagegen können sich vier bis fünf Tage wachhalten. So lange wie sich der Mensch halten kann ohne zu schlafen, so lange dauert sein Erinnerungstableau. Dann löst sich der Ätherleib auf und es bleibt nur ein Extrakt davon zurück, die Lebensfrucht des vergangenen Lebens. Die wird mitgenommen für die ganzen folgenden Zeiten und wird seiner Wesenheit einverleibt, und bildet das, wonach sich der Mensch in der nächsten Inkarnation seinen physischen Leib aufbauen kann. Dadurch ist er imstande, seinen nächsten Leib vollkommener aufzubauen, weil er die Früchte seines vergangenen Lebens dazu benutzen kann. Also der Mensch hat diese Lebensessenz und bildet sich daraus im folgenden Leben seinen nächsten Leib. Nun wissen wir auch noch etwas anderes. Wir wissen, daß der Mensch nicht nur diesen seinen Leib bildet, sondern daß er auch im Devachan gar nicht untätig ist. Es ist eine falsche Vorstellung, wenn wir glauben würden, daß der Mensch sich nur mit sich selbst zu befassen hätte. So auf den Egoismus ist die Welt gar nicht gebaut. Sie ist so gebaut, daß der Mensch in jeder Lage mitzuarbeiten hat an der Erde; und er arbeitet mit in jener Zeit im Devachan an der Umgestaltung der Erdoberfläche. Wir wissen selbst, daß zum Beispiel der Boden, auf dem wir heute hier stehen, vor noch wenigen Jahrhunderten ganz anders ausgesehen hat als heute. Die Erde wird fortwährend umgestaltet. Zur Zeit, als der Christus Jesus noch auf der Erde wandelte, waren hier mächtige Waldungen; ganz andere Pflanzen und Tiere waren da. So wird das Antlitz der Erde fortwährend umgeändert. Wie die Menschen fortwährend, indem sie auf dem physischen Plan arbeiten, indem sie Städte bauen und so weiter, mit den Kräften arbeiten, die im Physischen wirken, ebenso wirken sie vom Devachan aus mit denjenigen Kräften, welche die Physiognomie der Erde, also auch das Pflanzenreich und das Tierreich, umgestalten. Darum trifft der Mensch in einer neuen Inkarnation wiederum einen Boden, der ein ganz anderes Bild bietet, so daß er also immer etwas Neues erlebt. Denn man wird nicht umsonst in eine neue Inkarnation hineingeboren, sondern damit man etwas Neues erleben soll. Der Mensch trägt selbst dazu bei, diese Erde umzugestalten; aber er kann das nicht ohne Anleitung tun. Er kann nicht die folgenden Inkarnationen bestimmen, denn dann brauchte er nicht erst zu erleben, was in der Zukunft geschehen soll. Und die nächsten leitenden Wesenheiten, die den Menschen anleiten, von den Kräften des Devachan aus an der Umgestaltung der Erde mitzuarbeiten, die den Einklang schaffen zwischen den einzelnen menschlichen Individualitäten und der Evolution der Erde, so wie sie diesen einzelnen Individualitäten entspricht, diese geistigen Wesenheiten sind die Engel. An den Steinen, an der festen Erdrinde können sie nicht mitarbeiten; denn bis zu den Steinen reicht ihr Bewußtsein nicht herunter. Wohl aber reicht es bis zu dem Pflanzenreich herunter, das die Erde trägt. Da können sie zwar nicht schöpferisch, aber doch umgestaltend wirken.

Und in der Tat, so ist es, daß mit jeder menschlichen Individualität ein solches Engelwesen wirkt, welches den Menschen leitet und lenkt bei seiner Arbeit, das Geistselbst im astralischen Leibe auszubilden, bis er es ausgebildet hat. Daher spricht man in einem Teil der christliehen Lehre von den menschlichen Schutzengeln. Das ist eine Vorstellung, die durchaus der gesetzmäßigen Realität entspricht. Es sind das die Wesen, die den Einklang schaffen zwischen der einzelnen menschlichen Individualität und dem Gange der Erdenentwickelung, bis der Mensch selbst am Ende der Erdenentwickelung so weit sein wird, daß er seinen Engel ablösen kann, weil er dann selbst ein solches Bewußtsein haben wird, wie es ein Engel hat."[1]

Dieses dem einzelnen Menschen zugeordnete Engelwesen bewahrt die Erinnerung an die einzelnen Erdenleben des Menschen und führt in durch die aufeinanderfolgenden Inkarnationen:

"Der Mensch entwickelt sich von Verkörperung zu Verkörperung. In der Weise, wie jetzt die menschliche Entwickelung vor sich geht, reicht sie ja zurück durch die alte atlantische Zeit, durch die lemurische Zeit und beginnt eigentlich in der alten lemurischen Zeit. Und diese Entwickelung durch Inkarnationen hindurch wird auch noch längere Zeit anhalten, bis gegen das Ende der Erdenentwickelung, wo dann andere Formen der Menschheitsentwickelung eintreten werden. Nun wissen Sie ja, daß dasjenige, was wir den eigentlichen ewigen Wesenskern des Menschen nennen, die Individualität, sich fortsetzt von Inkarnation zu Inkarnation. Sie wissen aber auch, daß für die weitaus größte Anzahl der Menschen heute noch ein Bewußtsein vom Leben in den vorhergehenden Verkörperungen nicht vorhanden ist, daß die Menschen sich heute noch nicht erinnern an dasjenige, was sich mit ihnen vollzogen hat in vorhergehenden Inkarnationen. Nur solche, die bis zu einem gewissen Grade bis zur Hellsichtigkeit sich entwickelt haben, blicken zurück in ihre vorhergehenden Inkarnationen.

Was würde nun für eine Zusammengehörigkeit sein zwischen den Inkarnationen eines Menschen auf der Erde, der sich noch nicht erinnert an seine früheren Verkörperungen, wenn nicht gewisse Wesenheiten da wären, die sozusagen die einzelnen Inkarnationen zusammenschließen, die da wachen über das Fortentwickeln von einer Inkarnation zur anderen? Für jeden Menschen müssen wir voraussetzen eine Wesenheit, welche dadurch, daß sie um eine Stufe höher ist als der Mensch, die Individualität von einer Inkarnation zur ändern hinüberleitet. Wohlgemerkt, das sind nicht jene Wesenheiten, die das Karma regeln und auf die wir noch zurückkommen werden; das sind einfach wachsame Wesenheiten, die sozusagen das Gedächtnis bewahren von einer Inkarnation zur anderen, solange der Mensch selber es nicht kann. Und diese Wesenheiten sind eben die Angeloi oder Engel. So daß wir sagen können: jeder Mensch ist in jeder Inkarnation eine Persönlichkeit, aber über jeden Menschen wacht eine Wesenheit, welche ein Bewußtsein hat, das von Inkarnation zu Inkarnation geht. Das ist es ja auch, was möglich macht, daß für gewisse niedrigere Grade der Einweihung der Mensch, wenn er auch selbst noch nichts weiß von seinen vorhergehenden Verkörperungen, doch die Möglichkeit erhält, seinen Engel zu fragen. Das ist für gewisse niedere Grade der Initiation durchaus möglich. So also dürfen wir sagen: Die Wesen, die als Angeloi eine Stufe höher stehen als der Mensch, die haben Wache zu halten über den ganzen Menschheitsfaden, der sich für die einzelne Individualität von Verkörperung zu Verkörperung spinnt."[2]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Das Hereinwirken geistiger Wesenheiten in den Menschen, GA 102 (1984), S 138 ff., Achter Vortrag, Berlin, 20. April 1908
[2]Rudolf Steiner, Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physischen Welt, GA 110 (1981), S 92 f., Sechster Vortrag, Düsseldorf, 15. April 1909, abends


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=127letzte Änderung: 2002-09-12


Erdbebenkatastrophen
okkulte Hintergründe

"Es ist mir heute morgen eine Frage zugekommen, die sich auf Erdbebenkatastrophen bezieht. Diese Frage lautet:

«Wie sind Erdbebenkatastrophen okkult zu erklären? Sind sie vorherzusehen? Wenn die Katastrophen im einzelnen vorauszusehen wären, warum wäre es dann nicht möglich, vorher in unauffälliger Weise eine Warnung zu geben? Eine solche Warnung würde vielleicht das erstemal nicht gleich etwas nützen, gewiß aber später.»

Unsere älteren Mitglieder werden sich erinnern, was am Schlusse des Vortrages über «Das Innere der Erde» zuweilen gesagt worden ist, was gesagt worden ist über die Möglichkeit auf der Erde sich ereignender Erdbeben. Aber das soll jetzt nicht berücksichtigt werden, sondern es soll auf diese Frage in direkter Weise eingegangen werden. Die Frage besteht im Grunde genommen aus zwei Teilen. Der erste Teil ist der: Ob in einer gewissen Weise aus dem okkulten Zusammenhang, der überschaut werden kann, Erdbeben vorausgesehen werden können? Diese Frage muß dadurch beantwortet werden, daß gesagt wird, daß die Erkenntnis solcher Dinge zu den tiefsten Erkenntnissen des okkulten Wissens überhaupt gehört. Für ein einzelnes auf der Erde eingetretenes Ereignis, das im wesentlichen aus einem so tiefen Grunde heraus eintritt, wie es heute geschildert worden ist, das zusammenhängt mit weit über die Erde sich hinziehenden Ursachen, für ein solches Ereignis ist es im Grunde durchaus richtig, daß auch für solche einzelnen Dinge eine Zeitangabe gemacht werden kann. Der Okkultist hätte durchaus die Möglichkeit, eine solche Zeitangabe zu machen. Nun aber ist die andere Frage diese: Ob solche Angaben gemacht werden können, gemacht werden dürfen? Da wird es in der Tat für den, der den okkulten Geheimnissen äußerlich gegenübersteht, fast selbstverständlich klingen, daß das in einer gewissen Beziehung mit Ja beantwortet werden könnte. Und dennoch, die Sache liegt so, daß in bezug auf solche Ereignisse eigentlich im Grunde genommen nur zwei- bis dreimal in jedem Jahrhundert - im Höchstfalle zwei- bis dreimal - aus den Einweihungsstätten heraus etwas vorhergesagt werden kann. Denn Sie müssen bedenken, daß diese Dinge eben mit dem Menschheitskarma zusammenhängen und daß diese Dinge, wenn sie zum Beispiel auch im einzelnen vermieden würden, dann an einer anderen Stelle in einer anderen Erscheinung hervortreten müßten. Durch das Vorhersagen würde sich an der Tatsache nichts ändern. Und bedenken Sie, in welch furchtbarer Weise in das Karma der ganzen Erde eingegriffen würde, wenn menschliche Maßnahmen getroffen würden gegenüber solchen Ereignissen! In einer furchtbaren Weise würde die Reaktion eintreten, und zwar würde sie so stark eintreten, daß nur in seltenen Ausnahmefällen einer, der ein tiefer Eingeweihter wäre, für sich selbst oder für die, die ihm am nächsten stehen, wenn er eine Erdbebenkatastrophe voraussehen würde, von seinem Wissen einen Gebrauch machen könnte. Wissend würde er untergehen müssen, ganz selbstverständlich. Denn diese Dinge, die durch die Jahrtausende und Jahrmillionen im Menschheitskarma liegen, lassen sich nicht durch Maßnahmen, die innerhalb einer kurzen Menschheitsperiode fallen, paralysieren. Aber es kommt noch etwas anderes hinzu.

Es ist gesagt worden, daß zu den schwierigsten okkulten Untersuchungen gerade dieses Kapitel gehört. Als ich den Vortrag gehalten habe über das «Erdinnere», habe ich schon gesagt, daß es ungeheuer schwierig ist, über das Erdinnere etwas zu wissen, daß es viel leichter ist, über den astralischen Raum, über den devachanischen Raum, selbst über die fernsten Planeten etwas zu wissen als über das Erdinnere. Die meisten Dinge, die über das Erdeninnere zu hören sind, sind eben der reinste Humbug, weil das gerade zu den schwierigsten Dingen des Okkultismus gehört. In dieses Gebiet hinein gehören auch die Dinge, die mit diesen Elementarkatastrophen zusammenhängen. Und vor allen Dingen müssen Sie sich vor Augen halten, daß Hellsehen nicht etwas ist, wo sich irgendeiner hinsetzt und in einen besonderen Zustand kommt und dann sagen kann, was in der ganzen Welt bis in die höchsten Welten hinauf vorgeht. So liegen die Sachen nicht. Wer das glauben würde, der würde ebensosehr gescheit denken wie derjenige, der da sagen würde: Du hast doch die Fähigkeit, in der physischen Welt wahrzunehmen; es ist dir aber doch gar nicht aufgefallen, und du hast das gar nicht gesehen, als die Uhr zwölf war und du hier in dem Zimmer saßest, was um zwölf Uhr draußen an der Spree sich zugetragen hat? - Es gibt doch Hindernisse des Sehens. Wenn der Betreffende um zwölf Uhr draußen gerade spazieren gegangen wäre, dann hätte er vielleicht wohl das betreffende Ereignis wahrgenommen. Es ist nicht so, daß bloß durch den Entschluß, sich in den nötigen Zustand zu versetzen, nun auch alle Welten gleich offenliegen. Auch da muß der Betreffende erst zu den Dingen hingehen und die Dinge untersuchen, und diese Untersuchungen, um die es sich da handelt, gehören zu den schwierigsten Dingen, weil da die größten Hindernisse entgegenstehen. Und hier darf vielleicht gerade über diese Hindernisse gesprochen werden.

Sie können einem Menschen, der die Fähigkeit hat, physisch zu gehen mit seinen beiden Beinen, diese Fähigkeit nicht bloß dadurch nehmen, daß Sie ihm die Beine abschneiden, sondern auch dadurch, daß Sie ihn einsperren; dann kann er nicht herumgehen. Ebenso gibt es auch Hindernisse für okkulte Untersuchungen, und auf dem Gebiete, wovon wir sprechen, gibt es in der Tat gewaltige Hindernisse. Und eines der Haupthindernisse möchte ich Ihnen jetzt anführen. Ich will Sie hinführen auf einen geheimnisvollen Zusammenhang. Das größte Hindernis, das für die okkulten Forschungen auf diesem Gebiete besteht, das ist die gegenwärtige Art und Weise, wie heute materialistisch äußere Wissenschaft getrieben wird. Alles was an Unsummen von Illusionen, von Irrtümern heute in der materialistischen Wissenschaft aufgehäuft wird, all die unwürdigen Untersuchungen, die gemacht werden und die nicht nur zu nichts führen, sondern eigentlich nur aus der Eitelkeit der Menschen hervorgehen, das sind Dinge, die in ihren Wirkungen in den höheren Welten die Untersuchungen in diesen höheren Welten über solche Erscheinungen, den freien Ausblick geradezu unmöglich machen oder wenigstens sehr schwierig. Der freie Ausblick wird gerade dadurch getrübt, daß hier auf der Erde die materialistische Forschung vorgeht. Diese Dinge kann man gar nicht einmal so ohne weiteres überschauen. Ich möchte sagen: Lassen Sie erst einmal die Zeit kommen, in der die Geisteswissenschaft sich mehr ausbreiten wird und in der durch die Geisteswissenschaft und ihren Einfluß hinweggefegt wird der materialistische Aberglaube unserer Welt! Gerade das sinnlose Kombinieren und Hypothesen-Aufstellen, wobei man alles mögliche dann in das Innere der Erde hineinphantasiert - lassen Sie das alles hinweggefegt sein und Sie werden sehen: Wenn die Geisteswissenschaft sich erst einmal einfügen wird selber als ein Schicksal in das Menschheitskarma, wenn sie die Mittel und Wege finden wird, die Seelen zu ergreifen, und auf diesem Wege die gegnerischen Kräfte, den materialistischen Aberglauben wird besiegen können, wenn das, was mit dem ärgsten Feinde der Menschheit zusammenhängt, der den menschlichen Blick in die Sinneswelt hinein fesselt, weiter erforscht werden kann, dann werden Sie sehen, daß dann auch die Möglichkeit geboten werden wird, auch äußerlich auf das Menschheitskarma zu wirken, indem das Furchtbare solcher Ereignisse abgemildert wird. Suchen Sie in dem materialistischen Aberglauben der Menschen die Gründe, warum die Eingeweihten schweigen müssen über diejenigen Ereignisse, die mit dem großen Menschheitskarma zusammenhängen. Wir sehen einen wissenschaftlichen Betrieb, der vielfach nicht von dem faustischen Streben nach der Wahrheit beherrscht wird, sondern im umfänglichsten Maße mit Eitelkeit und Ehrsucht zusammenhängt. Wie vieles wird an wissenschaftlichen Forschungen dadurch in die Welt gesetzt, weil der einzelne nur etwas sucht für seine eigene Person. Wenn Sie das alles summieren, dann werden Sie sehen, wie stark die Kraft ist, die sich ausbreitet gegen den Ausblick in diejenige Welt, die sich hinter den äußeren sinnlichen Erscheinungen verbirgt. Wenn die Menschheit erst diesen Nebel wegschafft, dann wird die Zeit gekommen sein, in welcher in bezug auf gewisse geheimnisvolle Naturerscheinungen, die von den Feinden der Menschheit ausgehen und tief eingreifen in das menschliche Leben, der Menschheit in einem gewissen Grade umfänglich wird geholfen werden können. Bis dahin ist diese Möglichkeit nicht vorhanden."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Geisteswissenschaftliche Menschenkunde, GA 107 (1988), S 180 ff., Zwölfter Vortrag, Berlin, 1. Januar 1909


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=141letzte Änderung: 2002-09-10


Erdinneres
die 9 Schichten des Erdinneren und ihre Beziehung zu Vulkanismus und Erdbeben und zum physischen Leib des Menschen

Man wird die nachfolgenden Schilderungen Rudolf Steiners über die 9 Schichten des Erdinneren mißverstehen, wenn man sie einfach als Beschreibung der physischen Struktur der Erde interpretieren wollte. Was Rudolf Steiner gibt, ist die seelisch-geistige Gestalt des Erdinneren, die allerdings mit der rein physischen Erdstruktur in Wechselwirkung steht, so wie etwa die verschiedenen Schichten des menschlichen Seelenlebens mit bestimmten Körperfunktionen in Zusammenhang stehen. Aber ebensowenig wie man die Schichten des Seelenlebens einfach gleichsetzen kann mit irgendwelchen anatomischen Details des menschlichen Körpers, ebensowenig kann man Steiners Beschreibung des Erdinneren als "physische Anatomie" des Erdplaneten auffassen. Steiners Darstellung zeigt die Erde nicht als toten physischen Körper, sondern als lebendiges, durchseeltes und durchgeistigtes Wesen.

"Die physikalische Wissenschaft kennt lediglich erst die Erdrinde, die mineralische Schicht, die im Grunde nur eine dünne Haut auf der Oberfläche der Erde ist. In Wirklichkeit ist die Erde zusammengesetzt aus einer Folge konzentrischer Schichten, die wir jetzt beschreiben wollen.

Erstens: Die mineralische Schicht enthält die Metalle, deren Substanz sich im physischen Körper von alledem befindet, was auf der Oberfläche lebt. Diese Schicht, die gleichsam eine Haut um das lebende Wesen Erde bildet, hat nur eine Stärke von einigen Meilen.

Zweitens: Die zweite Schicht versteht man nur, wenn man sich durchringt zu der Idee einer Materie, die derjenigen, die wir kennen, entgegengesetzt ist. Es ist ein negatives Leben, der Gegensatz zum Leben. Alles Leben erstirbt hier. Eine Pflanze, ein Tier, das man da hinein versenkte, würde unmittelbar vernichtet werden, aufgelöst in der Masse. Diese zweite halbflüssige Umhüllung, welche die Erde umgibt, ist in Wahrheit ein Todesbezirk.

Drittens: Die dritte Schicht ist ein Bezirk umgekehrten Bewußtseins. Jedes Leid erscheint hier als eine Freude, jede Freude als ein Leid. Ihre Substanz, aus Dämpfen bestehend, verhält sich hinsichtlich unserer Gefühle in der gleichen negativen Art wie die zweite Schicht hinsichtlich des Lebens.

Streichen wir diese drei Schichten in Gedanken, so finden wir die Erde wieder in dem Zustand, in dem sie war, bevor der Mond sich von ihr trennte. Kann man sich durch Konzentration bis zu einer bewußten astralen Vision erheben, so sieht man diese zwei Schichten in Tätigkeit: die Zerstörung allen Lebens auf der zweiten, die Umwandlung der Gefühle auf der dritten Schicht.

Viertens: Der vierte Kreis heißt Wasser-Erde, Seelen-Erde, Form-Erde. Er besitzt eine bemerkenswerte Eigentümlichkeit. Man stelle sich einen Würfel vor, der seiner Substanz nach umgekehrt erschiene: da, wo diese Substanz war, wäre nichts; der durch den Würfel eingenommene Raum wäre leer, aber um ihn herum wäre diese Substanz, die substantielle Form. Daher kommt dieser Name Form-Erde. Hier ist dieser Wirbel von Formen, anstatt eine negative Leere zu sein, eine positive Substanz.

Fünftens: Diese Schicht heißt Erde der Wachstumskräfte. Sie enthält die Ursprungsquelle des irdischen Lebens, eine Substanz knospender, reichlich sich vermehrender Energien.

Sechstens: Die sechste Schicht ist die Feuer-Erde, eine Substanz, die aus purem Willen besteht, Element des Lebens, der Bewegung, ohne Unterlaß durchzogen von Impulsen, von Leidenschaften, ein wahrhaftes Reservoir von Willenskräften. Würde man einen Druck auf diese Schicht ausüben, so würde sie Widerstand leisten und sich verteidigen.

Sieht man in Gedanken von diesen drei neuen Schichten ab, so kommt man zu dem Zustand, in dem die Weltkugel sich befand, als Sonne, Mond und Erde zusammen noch einen Körper bildeten. Die folgenden Kreise sind nur der bewußten Beobachtung nicht nur des traumlosen Schlafes, sondern sogar des Tiefschlafs oder der Trance zugänglich.

Siebentens: Dieser Kreis ist der Spiegel der Erde. Ähnlich einem Prisma zerlegt er jedes Ding, das sich darin spiegelt, und läßt das Gegenbild dazu erscheinen. Sieht man durch einen Smaragd, erscheint er rot.

Achtens: In diesem Kreise erscheint alles zerstückelt und bis ins Unendliche wiedererzeugt. Nimmt man eine Pflanze oder einen Kristall und konzentriert sich auf diesen Kreis, so erscheint darin Pflanze und Kristall ins Unendliche vervielfacht.

Neuntens: Diese letzte Schicht besteht aus einer mit moralischer Aktivität ausgestatteten Substanz, aber ihre Moralität ist entgegengesetzt derjenigen, die sich auf der Erde entfalten muß. Denn ihr Wesen, die mit ihr verbundene Gewalt, das ist: die Trennung, die Zwietracht und der Haß. Hier in der Danteschen Hölle befindet sich Kain, der Brudermörder. Diese Substanz ist entgegengesetzt allem, was unter Menschen gut und schön ist. Die Bemühung der Menschheit zur Verbreitung der Brüderlichkeit auf der Erde vermindert in entsprechendem Maße die Macht dieser Sphäre. Es ist die Macht der Liebe, die in dem Grade, wie sie sich vergeistigen wird, sogar den Leib der Erde umbilden wird. Diese neunte Schicht ist der substantielle Ursprung von dem, was auf der Erde als schwarze Magie erscheint, das heißt als Magie, die auf den Egoismus begründet ist.

Alle diese Schichten sind miteinander verbunden durch Strahlen, die den Mittelpunkt der Erde mit ihrer Oberfläche verbinden. In der äußeren Schicht, im Schoß der festen Erde, finden sich in ziemlich großer Zahl gewisse unterirdische Räume, die mit der sechsten Schicht, der Feuer-Erde, in Verbindung stehen. Dieses Element der Feuer-Erde steht in enger Verwandtschaft mit dem menschlichen Willen. Sie ist es, die jene entsetzlichen Eruptionen hervorgebracht hat, die der lemurischen Epoche ein Ende bereitet haben. Die Kräfte, die den menschlichen Willen speisen, gingen zu dieser Zeit durch eine Krise, welche die Entfesselung jener Feuergewalt herausforderte, in welcher der lemurische Kontinent unterging. Im Laufe der Entwickelung senkte sich diese sechste Schicht immer mehr gegen den Erdmittelpunkt, und aus diesem Grunde wurden die vulkanischen Eruptionen weniger zahlreich. Aber sie finden immer noch statt unter der Einwirkung des menschlichen Willens, der magnetisch auf die Erdschicht wirkt und sie in Unordnung bringt, wenn er schlecht und irregeleitet ist. Gereinigt vom Egoismus kann der menschliche Wille im Gegenteil dieses Feuer besänftigen. Insbesondere die materialistischen Epochen sind begleitet und gefolgt von Erdkatastrophen, Erdbeben und so weiter. Eine stärkere Befolgung der fortschreitenden Entwickelung ist die einzige Alchimie, die nach und nach den Organismus und die Seele der Erde verwandeln könnte.

Folgendes Beispiel zeigt die Relation zwischen dem menschlichen Willen und den Erdbewegungen: Bei den Menschen, die infolge von Erdbeben oder vulkanischen Eruptionen starben, kann man im Laufe ihrer folgenden Inkarnation ganz andere Eigenschaften beobachten. Sie bringen bei ihrer Geburt große spirituelle Veranlagungen mit, denn sie sind durch ihren Tod in Beziehung getreten zu einem Element, das ihnen das wahre Gesicht der Dinge und das Illusionäre eines bloß materiellen Lebens gezeigt hat.

Man hat auch eine Beziehung beobachtet zwischen bestimmten Geburten und den Erdbeben- und Vulkankatastrophen. In Katastrophenzeiten inkarnieren sich gerne materialistische Seelen, die sich sympathisch angezogen fühlen durch die vulkanischen Phänomene wie durch die konvulsivischen Bewegungen der böswilligen Erdseele. Und ihrerseits können diese Geburten neue Katastrophen herbeiführen. Denn umgekehrt haben die schlimmen Seelen einen erregenden Einfluß auf das Erdfeuer. Die Entwickelung unseres Planeten ist eng verbunden mit der Entwickelung der menschlichen Kräfte und der Zivilisationen."[1]

"Nun möchte ich ohne weitere Umschweife von dem Inneren der Erde sprechen. Das kann natürlich nur schematisch geschehen. Sie können sich wohl denken, daß dieses Erdinnere von verschiedenen Stellen der Erdoberfläche aus betrachtet, jeweils ein wenig anders aussehen wird. Es ist also nur eine schematische Darstellung möglich. Für den Geistesforscher ist ein Planet durchaus nicht jenes tote Produkt, als das ihn die Naturwissenschaft hinstellt. Er ist belebt und von Seele und Geist durchdrungen, so wie der menschliche Leib nicht allein dasjenige ist, was die Anatomie uns liefert. Wie dieser Menschenleib durchseelt und durchgeistigt ist, so ist auch der ganze Erdenkörper durchseelt und durchgeistigt. Und wie das Blut nicht nur dasjenige ist, was der Chemiker an diesem Blute feststellen kann, so sind gewisse Substanzen und Materialschichten in unserer Erde keineswegs bloß das, was der Metallurg, der Kristallograph, der Chemiker an ihnen feststellen kann. Ebensowenig wie die Nerven bloß dasjenige sind, was man anatomisch erkennen kann, sondern wie das, was anatomisch festzustellen ist, eine ganz besondere Bedeutung als Ausdruck eines Seelischen besitzt, so entspricht auch allem, was unsere Erde zusammensetzt, etwas Seelisch-Geistiges.

Im übrigen kann die physikalische Forschung nur bis zu einer sehr geringen Tiefe in das Erdinnere vordringen. Wie wenig bedeuten die paar tausend Meter, in die man hinunterdringen kann. Die Naturforschung kann nur die alleräußerste Schale des Erdkörpers behandeln. Der hellseherischen Forschung sind dagegen nicht bestimmte Grenzen gesetzt, wenn sie unseren Erdkörper durchforscht. Tatsächlich ist es ihr möglich, in den Erdenplaneten bis zu seinem Mittelpunkt einzudringen. Auch für die hellseherische Forschung besteht die Erde aus Schichten, und es stellt sich heraus, daß diese Schichten stufenweise wahrnehmbar werden.Diejenigen, welche die Vorträge über das Johannes-Evangelium gehört haben, werden sich erinnern, daß es sieben Stufen der christlichen Einweihung gibt. Diese bestehen erstens in der Fußwaschung, zweitens in der Geißelung, drittens der Dornenkrönung, viertens der Kreuztragung, fünftens im mystischen Tod, sechstens in der Grablegung, siebentens in der Auferstehung. In der Tat tritt für jede dieser Einweihungsstufen in bezug auf die Erforschung der Erde etwas besonders Merkwürdiges zutage, nämlich für jede dieser Einweihungsstufen erweist sich eine jeweils um einen Grad tiefer liegende Schicht unserer Erde als durchsichtig, so daß derjenige, welcher die erste Stufe der Einweihung erreicht hat, zunächst die erste Schicht der Erde durchschauen kann. Wer die zweite Stufe erreicht hat, durchschaut eine zweite Schicht, die ganz anders aussieht. Derjenige, der die Dornenkrönung erlebt hat, sieht eine dritte Schicht. Dann kommt die Stufe der Kreuztragung, welche die vierte Schicht sichtbar macht. Die fünfte Stufe, der mystische Tod, erschließt eine weitere Schicht. Dann kommt die sechste Stufe, die Stufe der Grablegung. Die siebente Schicht entspricht der Auferstehung, so daß Sie sieben aufeinanderfolgende Schichten haben. Dann liegen jenseits dieser sieben Schichten für diejenigen Stufen, auf die sich der Mensch erhebt, wenn er diese sieben Stufen der Einweihung absolviert hat, noch zwei weitere Schichten des Erdenplaneten, eine achte und eine neunte Schicht des Erdeninneren, so daß wir unser Erdinneres aus neun übereinanderliegenden Schichten aufgebaut haben. Ich habe diese Schichten im wesentlichen gleich breit gezeichnet (siehe Zeichnung); sie sind es in Wirklichkeit nicht, sondern sie sind verschieden breit. Aber die Breite der Schichten wird uns heute weniger interessieren können.

Wir wollen versuchen, diese neun aufeinanderfolgenden Schichten ein wenig zu beschreiben. Die oberste Schicht ist diejenige, in welcher alles dasjenige enthalten ist, was die Naturwissenschaft einzig und allein kennt, alles, was an festem Gestein oder Material zu festem Gestein vorhanden ist. Alles Mineralische ist in dieser obersten Schicht enthalten, alles, was als Materie die feste Erdrinde bildet.

Dann kommt die zweite Schicht Diese unterscheidet sich äußerlich von der darüberliegenden im wesentlichen dadurch, daß sie in einem verhältnismäßig weichen, flüssigen Zustand ist. Alles, was sie enthält, ist derart, daß man sie im Okkultismus die Schicht der flüssigen oder weichen Erde nennt. Die äußere Schicht heißt feste oder mineralische Erde. Alles das, was diese zweite Schicht der Erde enthält, sind Dinge, von denen die gewöhnliche Physik keine Ahnung haben kann, denn es ist zunächst nicht möglich, auf der Oberfläche unserer Erde Zustände herbeizuführen, in denen das, was innerhalb dieser Schicht als Substanz vorhanden ist, überhaupt enthalten sein könnte. Das kann gar nicht an der Oberfläche der Erde enthalten sein, denn es bedarf jenes ungeheuren Druckes, der von der obersten Schicht ausgeübt wird, um das in der zweiten Schicht Enthaltene zusammenzuhalten. Würden Sie die obere Schicht hinwegnehmen, so würde das, was darunterliegt, in einer unglaublichen Geschwindigkeit in den ganzen Weltenraum zerstieben. Das ist die zweite Schicht.

Die dritte Schicht nennt man den Erdendampf. Es ist eine Schicht, die noch schwerer zu charakterisieren ist als die zweite. Sie können sich dampfförmiges Wasser vorstellen. Außer seinem dampfförmigen Zustand ist es noch durch und durch belebt. Wir haben also eine Schicht, die im wesentlichen belebt ist, während die beiden anderen Schichten der Erde, also die erste und zweite Schicht, als solche nicht eigentliches Leben haben. Nur hat die zweite Schicht eine ungeheure Ausdehnungsmöglichkeit, eine Zersplitterungstendenz. Die dritte Schicht besitzt dagegen ein in jedem Punkte vorhandenes Leben.

Die vierte Schicht ist nun so beschaffen, daß alle diejenigen Dinge, die in den drei übergeordneten Schichten vorhanden sind und immerhin mehr oder weniger etwas von unseren gewöhnlichen Stoffen haben, keine Stofflichkeit mehr aufweisen, wie sie auf der Erde angetroffen werden kann. In dieser Schicht sind also die Substanzen so, daß sie für keinen äußeren Sinn wahrnehmbar werden. Sie sind in einem astralischen Zustand. Alles, was in den drei obersten Schichten der Erde existiert und doch noch in einer gewissen Weise mit dem auf der Erdoberfläche Befindlichen verwandt ist, das ist hier im astralischen Zustande vorhanden. Wir können in dem Sinne, wie es in der Bibel heißt, sagen: «Der Geist Gottes schwebte über den Wassern.» Nennen wir diese Schicht die Wassererde, wie sie auch im Okkultismus bezeichnet wird. Diese Wassererde ist zu gleicher Zeit der Ursprung, der Urquell alles auf der Erde befindlichen Stofflichen, alles äußerlichen Stofflichen, gleichgültig ob dieses im Mineral, in der Pflanze, im Tier oder im Menschen enthalten ist. Dieses Stoffliche, das jedes irdische Wesen in sich trägt, ist, bis ins Astralische verflüchtigt, in dieser Wassererde vorhanden. Sie müssen sich vorstellen, daß von allen unseren physischen Kräften auch astralische Urkräfte vorhanden sind, daß diese astralischen Urkräfte sich ins Physische verdichten und daß diese Urkräfte in der vierten Schicht, in der Wassererde, enthalten sind.

Die fünfte Schicht nennt man die Fruchterde. So heißt sie aus ganz besonderem Grunde. Die Naturforscher oder überhaupt die Menschen fragen danach: Wie ist das Leben entstanden? - Nicht nur bei populären Vorträgen, sondern auch in naturwissenschaftlichen Schriften wird das immer wieder diskutiert. Doch nur diejenigen, welche auf dem Gebiete der Geistesforschung blutige Dilettanten sind, stellen diese Frage. Für die Geistesforschung kann sich die Frage, wie das Lebendige entstanden ist, gar nicht stellen, sondern lediglich die Frage: Wie ist das Tote entstanden? - Ich habe Ihnen das schon einmal an einem Vergleich begreiflich zu machen versucht. Schauen Sie sich die Steinkohle an: sie ist jetzt nichts weiter als Stein, und dennoch, wenn Sie Jahrmillionen in unserer Erdentwickelung zurückverfolgen könnten, dann würden Sie feststellen, wie das, was da in der Steinkohle ist, von riesigen Farnwäldern herstammt, die verkohlt sind. Was ist also die Steinkohle? Aus ganzen Wäldern ist sie entstanden; ganz und gar lebendig war die heute tote Steinkohle.

Könnten Sie sich den Meeresboden anschauen, so würden Sie mancherlei Kalkgebilde finden. Wenn Sie Meerestiere beobachten würden, so könnten Sie sehen, daß diese Tiere fortwährend Kalk absondern. Diese Kalkschale ist das, was als festes Material bleibt. Sie haben hier wiederum das Tote als Produkt des Lebendigen. Hätten Sie die übersinnlichen Wahrnehmungsorgane entwickelt, um entsprechend weit in der Erdentwickelung zurückzugehen, so würden Sie finden, daß alles Tote vom Lebendigen kommt, daß auch der Bergkristall und der Diamant, überhaupt alles Tote, vom Lebendigen herstammt. In der äußeren Natur ist das Versteinern ein ähnlicher Prozeß wie die Entstehung des Knochensystems in uns. Sie wissen, es gibt auch Fische, die noch kein Knochensystem haben. Beim Menschen finden Sie in früheren Zuständen auch noch keine Knochen, nur Knorpel. Alles Knochensystem ist eine Art von beginnendem Leblosen im Menschen. Es ist derselbe Prozeß der Verdichtung.

So haben Sie sich auch den lebendigen Erdenkörper vorzustellen. Der ganze Erdenkörper ist ein lebendiger Organismus. Die richtige Frage ist also: Wie ist das Tote, das Leblose, entstanden? - Es ist eine der unsinnigsten Fragen: Wie ist das Lebendige aus dem Toten entstanden ? - weil das Lebendige zuerst war und das Tote sich als Versteinerung, als Verhärtung abgesondert hat. So gab es einst auf unserem ganzen Erdkörper Leben, und das Leben, das damals vorhanden gewesen ist, als es noch kein Totes gab, war ursprünglich lebendige Materie. Das ist noch enthalten in dieser Fruchterde. Sie lebt nicht nur so, wie die früheren Dinge, ein Leben, das dem jetzigen Leben ähnlich ist. Hier in der Fruchterde ist ursprünglichstes Leben vorhanden, wie es auch auf der Erdoberfläche vorhanden war, als es dort noch nichts Lebloses gab. So haben wir uns also die fünfte Schicht, die Fruchterde, vorzustellen.

Die sechste Schicht ist die Feuererde. Ebenso wie die Fruchterde alles Leben enthält, so enthält die Feuererde alles Triebartige. Alles dasjenige enthält sie in seinen ursprünglichen Quellen, was tierisches Leben ist, Leben, das Lust und Leid haben kann. Es mag Ihnen sonderbar vorkommen, aber wahr ist es, daß diese Feuererde empfindet, sobald sie ausgedehnt wird. Das kann beobachtet werden. Es ist eine richtig empfindende Schicht der Erde. Alles was auf der Erde vorhanden ist und die ganze Erde erfüllt hat, ist in bestimmten Schichten vorhanden. Ebenso wie das Tote aus dem Lebendigen stammt, so stammt alles bloß Lebendige aus dem Seelischen. Nicht stammt das Bloß-Lebendige aus dem Körperlichen. Das Empfinden, das Seelische, ist das erste, und aus diesem entsteht das Körperliche. Alles, was materiell ist, geht auf Seelisches zurück.

Die siebente Schicht wird der Erdspiegel, auch Erdrefraktor oder -reflektor genannt, und zwar aus einem ganz besonderen Grund. Nun kommt etwas, was sich vielleicht am allerschwersten vorstellen läßt. Wer nicht bekannt ist mit dem, was man die sogenannten sieben unaussprechlichen Geheimnisse des Okkultismus nennt, dem wird es grotesk erscheinen, was diese siebente Schicht des Erdinneren enthält. Sie birgt in sich alle Naturkräfte, ins Geistige umgesetzt. Ich möchte mich so verständlich machen: Denken Sie sich Magnetismus, Elektrizität, Wärme, Licht oder irgendeine Naturkraft, aber diese ins Geistige übertragen. Ein Magnet zieht beispielsweise Eisen an. Das ist eine unorganische Wirkung. Denken Sie sich diese ins Geistige umgesetzt so, als ob der Magnet aus einer inneren Seelensympathie das Eisen anziehen würde, und denken Sie sich die elektrische Leitung ins Geistig-Moralische umgewandelt so, als ob unsere Naturkräfte nicht mechanische, gleichgültige Kräfte wären, sondern moralische Wirkungen hätten. Die Kräfte der Erwärmung, der Abstoßung, der Anziehung stellen Sie sich als seelisch-moralisch vor, denken Sie sich dieselben so, als ob sie den Menschen eine Wohltat erweisen wollten und dabei eine seelische Empfindung hätten. So stellen Sie sich die ganze Natur zunächst moralisch vor.

Aber nun denken Sie sich die ganze Natur unmoralisch. Also alles, was Sie als moralisch in der Menschennatur vorstellen können, denken Sie sich ins Gegenteil verkehrt. Dann haben Sie dasjenige, was in diesem Erdspiegel erscheint. Also, es gibt dort zum Beispiel nichts von dem, was man hier auf der Erde als das Gute bezeichnet, sondern im Gegenteil, alle diejenigen Wirkungen sind dort am stärksten, die das Gegenteil dessen sind, was die Menschen als gut bezeichnen. Solche Eigenschaften haben die materiellen Bestandteile dieser Schicht unserer Erde. Sie hatte davon ursprünglich noch viel mehr, aber sie werden im Laufe der Entwickelung der Moral immer besser, so daß die moralische Entwickelung unserer Erde eine völlige Umsetzung der Kräfte in diesem Erdspiegel vom Unmoralischen ins Moralische bedeutet. Der moralische Prozeß in der menschlichen Gesellschaft hat nicht nur Bedeutung für diese Gesellschaft selbst, sondern auch für den ganzen Planeten. Sie kommt dadurch zum Ausdruck, daß sich die Kräfte dieser Schicht in moralische Naturkräfte verwandeln. Wenn unser Menschengeschlecht so weit sein wird, daß es die höchste Moral erzeugt haben wird, dann wird alles Antimoralische in diesem Erdspiegel überwunden und in Moralisches verwandelt sein. Das ist der Sinn dieser siebenten Schicht.

Den achten Teil des Erdinneren bezeichnet man mit verschiedenen Namen. In der Pythagoreischen Schule des Altertums trug diese achte Stufe den Namen Zahlenerzeuger. In der Rosenkreuzerschule wird sie der Zersplitterer genannt. Diese achte Schicht, die sich nun wieder aus einer Anzahl Kräften zusammensetzt, hat eine höchst merkwürdige Eigenschaft, die sich nur auf eine eigenartige Art herausfinden läßt. Wenn der Geistesschüler einen Grad erreicht hat, wie er in der christlichen Einweihung erst nach der Auferstehung erlangt wird, dann muß er, um überhaupt eine Vorstellung von dem zu bekommen, was hier vorgeht, folgendes tun. Er muß zum Beispiel eine Blume nehmen und diese sich geistig genau vorstellen, dann sich auf diesen Ort im Erdeninneren konzentrieren, und zwar so, als ob er durch die Blume hindurch in diesen Ort hineinsehen würde. Dann zeigt sich durch die Blume hindurch alles verhundertfacht und vertausendfacht. Deshalb der Name Zersplitterer. Wenn Sie etwas Formloses nehmen, etwa ein Stück Holz, so ist das nicht der Fall. Wenn Sie dagegen eine Pflanze, ein Tier oder auch einen Menschen nehmen, so erscheinen sie Ihnen dann in unzähligen Exemplaren. In ähnlicher Weise erscheint Ihnen auf diese Weise aber auch ein Kunstwerk vervielfältigt. Also nicht ein bloßes Stück ungeformter Materie, aber ein Kunstwerk, gleichgültig welcher Art es auch ist, wenn es nur materiell ist: das erscheint in unzähligen Exemplaren vervielfältigt. Das ist eine Eigenheit dieser Schicht; deshalb wird sie eben Zersplitterer oder in der Pythagoreischen Schule Zahlenerzeuger genannt, letzteres deshalb, weil sie in vielfacher Zahl zeigt, was auf der Erde in einem einzigen Exemplar vorhanden ist.

Dann kommt die neunte Schicht, welche unmittelbar den Erdmittelpunkt umgibt. Das ist für den heutigen Menschen, selbst für den schon vorgeschrittenen Geistesschüler, außerordentlich schwer zu durchschauen. Man kann nur sagen, daß man gewahr werden kann, wie bestimmte Teile des Erdinneren eine gewisse Beziehung zu einzelnen Organen des menschlichen und tierischen Leibes haben. Vor allem finden Sie da Kräfte, die an den Umkreis verlegt sind. Das sind Kräfte, deren Wirkensweise schwer zu beschreiben ist. Sie stehen in einem lebendigen Zusammenhang mit dem menschlichen Gehirn und weiter nach innen mit menschlichen Hirnfunktionen. Noch weiter nach innen liegen in dieser Sphäre solche Kräfte, die einen Zusammenhang mit den menschlichen und tierischen Fortpflanzungskräften besitzen.

Auf diese Weise haben wir den Aufbau unserer Erde, wie er sich der hellseherischen Beobachtung darstellt und wie er in allen okkulten Schulen, seit es überhaupt solche Schulen gibt, gelehrt worden ist. Was Sie hier aufgezeichnet finden, ist ein Mysterium, das in allen okkulten Schulen wirklich gelehrt wird.

Nun bestehen aber die mannigfaltigsten Verbindungen zwischen den einzelnen Schichten, genau wie im menschlichen Leibe die einzelnen Organe durch das Blut und die Nerven auf das mannigfaltigste verbunden sind. Von der Mitte gehen Verbindungen in die verschiedensten Richtungen aus. Namentlich gehen zwei deutlich aufeinander senkrecht stehende Kräfterichtungen genau durch den Mittelpunkt der Erde. Es sind nicht Stränge, sondern Kraftrichtungen. Dann sind noch mannigfaltige andere Richtungen zu bemerken. Wichtig für die Betrachtung sind folgende Tatsachen. Wenn wir die oberste Schicht durchforschen, finden wir sie durchbrochen von einem Hohlraum innerhalb dieser äußersten Schicht. Dieser Hohlraum steht durch eine Art von Kanal mit der fünften Schicht in Verbindung, die man die Fruchterde nennt.

Wenn es sich nun um eine solche Naturkatastrophe wie einen Vulkanausbruch handelt, so sind die tieferen Erdschichten, die ich hier aufgezeichnet habe, beteiligt. Das gilt sowohl für Vulkanausbrüche wie für Erderschütterungen. Das Material der obersten Schichten wird durch die Kräfte, die von der Fruchterde nach dem erwähnten Hohlraum hin ausgehen, in Bewegung gesetzt. Wir haben es mit Wirkungen zu tun, die ihren wesentlichen Ursprung in der fünften Schicht unseres Erdinneren haben. Beteiligt ist aber noch das, was wir die Feuererde nennen, indem diese in Unruhe gerät. Sie ist ja eigentlich in fortwährender Unruhe, wird aber besonders unruhig in den Zeiten, in denen so abnorme Erscheinungen wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche stattfinden. Nun steht diese Fruchterde - sie ist dasjenige, aus dem alles Leben hervorgegangen ist - im Zusammenhang mit allem Lebendigen. Die Feuererde aber steht im Zusammenhang mit dem, was empfindet, mit dem, was Lust und Leid erfährt, mit dem niederen Seelischen, seinen Leidenschaften und Trieben.

Auf das ganze große Gebiet kann ich nur ein paar Lichtblicke eröffnen, einiges, das den Zusammenhang dessen, was auf der Erde vorgeht, mit den Unruhen der Feuer- und Fruchterde zu erhellen vermag. Als der heutige Mensch auf unserer Erde zum erstenmal mit einem höheren Seelischen befruchtet wurde und anfing, Mensch zu sein, da waren noch mächtige Triebe unter dem Einfluß der Frucht- und Feuererde am Werk. Das alles stürmte und wütete in ganz anderer Weise, als das heute der Fall sein kann. Die Menschen der lemurischen Rasse waren in einer mächtigen Tätigkeit. Dieser ganze lemurische Kontinent, der sich in der Gegend zwischen dem heutigen Australien, Asien und Südafrika ausbreitete, ist durch vulkanischeruptive Katastrophen, durch ein starkes Wüten des Frucht- und Feuerelementes der Erde, untergegangen. Das hing mit dem zusammen, was sich in den dazumal noch ganz und gar in Trieben und Instinkten lebenden Menschen abspielte. Es war damals noch ein intimer Zusammenhang zwischen den Trieben, Begierden und Leidenschaften und den Kräften der vulkanischen Tätigkeit. Das Ende des lemurischen Kontinents wurde durch den grandiosen Egoismus der letzten lemurischen Rassen herbeigeführt, die eine schwarze Magie ausübten, von welcher wir heute keine Vorstellungen mehr haben können.

Ebenso hängt der Untergang der Atlantis, das was als die Sintflut beschrieben ist, mit der Moral der atlantischen Völker zusammen. Von alledem sind aber nur noch Spuren vorhanden. Trotzdem können wir bis zu einem gewissen Grade einen richtigen Zusammenhang zwischen dem Leben der Menschen und solchen Erscheinungen in der Natur nachweisen. Allerdings muß man bei dem Nachweis solcher Zusammenhänge höchst vorsichtig sein, denn natürlich können sich hier leicht Phantasien einschleichen. Es darf also nur auf okkult erforschten Tatsachen gefußt werden. Die Okkultisten versuchen festzustellen, was bei dem Ausbruch des Vesuv im Jahre 79 nach Christus, bei dem Erdbeben in Kalabrien, bei dem Erdbeben zur Zeit Christi oder bei dem Erdbeben in Lissabon im Jahre 1755 vorlag. Bei diesen Naturkatastrophen ist eine große Anzahl von Menschen zugrunde gegangen. Die Menschen, die dabei ums Leben gekommen sind, brauchen das in ihrem früheren Leben nicht verschuldet zu haben. Es gehört aber zum Karma der betreffenden Menschen, daß sie diesen Untergang erleiden. Das ist das eine, weshalb man das Karma der Untergegangenen untersucht. Das andere ist das Folgende: In den theosophischen Handbüchern finden Sie häufig Kamaloka und Devachan in einer Weise beschrieben, daß es lediglich wie eine Folge, wie eine Auswirkung des vorangegangenen Erdenlebens erscheint. Tatsächlich aber wirken die Toten noch in dieses Erdenleben herein. Bei Veränderungen auf der Erde, bei Kultur-und Naturerscheinungen spielen die toten Menschen eine Rolle. Denken Sie sich einmal, Sie wären in den ersten Jahren des Christentums und nun wieder in dieser jetzigen Zeit geboren worden. Da haben sich in Europa die Fauna und die Flora in gewaltiger Weise geändert. Viele Tiere und Pflanzenarten sind ausgestorben und durch andere ersetzt. Das alles wird im Sinne der Geistesforschung nicht durch Übernatürliches erklärt, sondern es wirken die Kräfte, welche der Mensch hat, wenn er nicht im Körper ist, bei den Naturkräften tatsächlich mit, so daß die Menschen mit den in Devachan oder Kamaloka befindlichen Kräften in ihr künftiges Leben hineinwirken. Wenn Sie in jetziger Zeit andere Tiere antreffen als vor Jahrtausenden, so sind sie also durch die Mitwirkung der Menschen entstanden. So sind in gewisser Weise die Menschen an dem, was wir Naturkraft nennen, beteiligt. Die Toten arbeiten an der Umgestaltung der Natur fortwährend mit, so daß wir in den Naturerscheinungen vielfach den Ausdruck für dasjenige zu sehen haben, was die toten Menschen in diese Welt hineinarbeiten.

So einfach liegt die Sache bei den Vulkanausbrüchen und den Erdbeben nicht. Dennoch haben sie etwas mit den noch nicht wiederverkörperten Menschen zu tun. Sie stehen in ganz deutlicher Beziehung zu den Seelen, die verkörpert, inkarniert werden sollen in der Zeit, in der solche Erdbeben stattfinden. Als Okkultist hat man also zweierlei Aufgaben zu lösen, erstens die Frage, was mit den Menschen geschieht, die bei den Erdbeben umkommen, und zweitens die Frage, was das für Menschen sind, die in der Zeit des Erdbebens geboren werden, um herabzukommen in diese sichtbare Erde. Beide Untersuchungen geben ein Bild von dem Zusammenhang zwischen den Kataklysmen und dem, was wir als moralisch und intellektuell innerhalb der Menschheit zu beobachten haben. Es stellt sich heraus, daß die Menschen, welche bei einem solchen erschütternden Ereignis zugrunde gehen, abgesehen von allen ihren übrigen karmischen Veranlagungen, durch Tatsachen karmischer Art mit Seelen an dem Ort, wo ein Erdbeben stattfindet, zusammengeführt werden. Alle Seelen, die durch solche Erschütterungen zugrunde gehen, finden dadurch die Möglichkeit, einen letzten Punkt zu überwinden, der ihnen in ihrem Karma noch im Wege liegt, um von einem Materialisten zu einem Idealisten zu werden und zur Erkenntnis des Geistigen zu kommen.

Diejenigen, die unter solchen Umständen geboren werden, sind dagegen merkwürdigerweise Seelen, bei denen eine bestimmte Anziehungskraft zu Trieben, Instinkten und Leidenschaften besteht und die zu richtigen Materialisten geboren werden. Diejenigen, die unter dem Einfluß eines solchen Ereignisses geboren werden, entwickeln sich zu Materialisten, und zwar zumeist zu praktischen, zu solchen, die es im Leben in bezug auf ihre Moral sind. Es hängt die Naturkraft mit dem zusammen, was die Menschen als ihre Kraft in Devachan entwickeln, und die Kräfte, welche als Reaktion von Feuer- und Fruchterde bei solchen Katastrophen auftreten, haben einen inneren Bezug auf solche Seelen, die bestimmt sind, im nächsten Leben eine praktisch-materialistische Gesinnung zu haben. Es sind also die unter den Auspizien von Vulkanausbrüchen geborenen Seelen die eigentlich materialistischen, die ungläubigen Menschen, diejenigen, die nichts von einem geistigen Leben wissen wollen.

Das sind die zwei Tatsachen, die man wirklich konstatieren kann, so daß Sie also leicht daraus entnehmen können, wie der Fortschritt in der Entwickelung der Erde in dieser Richtung sein wird: Je mehr der wirkliche Materialismus zurückgedrängt wird, desto weniger werden tatsächlich solche Katastrophen in unserer Erde auftreten. Es besteht nämlich diese Anziehung zwischen dem Materialismus und dem, was in der Feuer- und Fruchterde vorhanden ist, so daß unsere Erde ruhiger und harmonischer werden wird in demselben Maße, wie die Menschheit vom Materialismus frei wird.

Nun besteht aber eine merkwürdige Entwickelung in bezug auf den Materialismus in den letzten Jahrhunderten. Sie wissen, daß ich immer wieder betont habe, daß das Mittelalter spiritueller war als unser Zeitalter. Die Mehrzahl der Menschen hat, wenigstens innerhalb Europas, spiritueller empfunden. Die neuere Zeit mit dem heraufkommenden Materialismus brachte zahlreiche Vulkanausbrüche. Der Vesuv ist der einzige Vulkan auf dem europäischen Festland, der noch tätig ist. Vergleichen Sie einmal die Zahl der Vesuvausbrüche: besonders schwere Ausbrüche wurden in den Jahren 79, 203, 472, 512, 652, 982, 1036, 1139 ... 1872, 1885, 1891 ... 1906, verzeichnet.

Aus diesen Zahlen möge jeder dasjenige nehmen, was er aus ihnen entnehmen mag. Ich kann nur betonen, daß die Popularisierung der okkulten Lehren aus viel tieferen Gründen entstanden ist, als die Menschen gewöhnlich glauben. Diejenigen, die sie eingeleitet haben, wußten durchaus, was geschehen soll, nämlich eine intensive spirituelle Entwickelung der Menschheit im Einklang mit den großen kosmischen Vorgängen. Den Laien mag das alles unbedeutend erscheinen, was in der geisteswissenschaftlichen Bewegung an großen umfassenden Gedanken nicht nur über das Menschheitsgeschehen, sondern über das Weltengeschehen beschlossen ist. Scheinbar haben wir es mit einer Lehre zu tun, aber in Wirklichkeit handelt es sich um etwas von ungeheurer Tiefe und Bedeutung für den ganzen Kosmos.

Das sind Dinge, die man immer wieder und wieder betonen muß. Also noch einmal: Ich habe versucht, für diejenigen, die ein wenig gewohnt sind, spirituelle Mitteilungen so aufzunehmen, wie es der Sache entspricht, einmal etwas zu behandeln, was sonst kaum so leicht zur Sprache kommen wird, auch in unserer theosophischen Bewegung nicht. Ich habe versucht, auf einige Punkte hinzuweisen, die mit den tiefsten Geheimnissen des Okkultismus zusammenhängen. Sie sind geeignet, in innerlicher Weise Geschehnisse moralisch begreiflich erscheinen zu lassen, wie wir sie in den letzten Tagen erlebt haben. Etwas muß man sich freilich immer wieder vor Augen halten. Hüten Sie sich, wenn solche umfassenden Zusammenhänge in Betracht kommen, vor jeglicher Phantastik, die sich an derartiges anheften könnte. Nur das darf in Betracht kommen, was sich auf die guten Methoden stützen kann, die sich nicht erst seit Jahrtausenden, sondern schon seit Entstehen des Okkultismus bewährt haben. Was wirklich innerhalb der Einweihung seinen Ursprung hat, was zu solchen Geheimnissen Zugang hat, und nur das, was auf wirklicher Forschung beruht, darf hier in Betracht kommen. Auf wirklicher Forschung beruht es, was ich Ihnen heute über die Bedeutung solcher Ereignisse gesagt habe: ihre Bedeutung sowohl für den Menschen, der zugrunde geht, wie auch für den Menschen, der zur Zeit dieser Ereignisse geboren wird, der also aus seinem eigenen Drang heraus genötigt wird, sich zu verkörpern. Das sind Zusammenhänge, die uns tief hineinsehen lassen in die menschliche Natur.

Der Okkultist darf nicht davor zurückschrecken, auch Unglaubliches zu sagen. Und so möchte ich zum Abschluß noch etwas Unglaubliches mitteilen, was aber ganz sicher erforscht ist. Bei dem berühmten Ausbruch des Vesuv, durch den im Jahre 79 Herkulanum und Pompeji verschüttet wurden, hat sich etwas Bemerkenswertes zugetragen. Bekanntlich ist dabei der berühmte römische Schriftsteller Plinius der Ältere zugrunde gegangen. Dessen Schicksal okkult zu verfolgen, ist außerordentlich bedeutsam, doch soll in unserem jetzigen Zusammenhang nicht auf sein individuelles Karma eingegangen werden, sondern auf etwas anderes. Sie wissen alle, was man unter «Akasha-Chronik» versteht. Es ist Ihnen bekannt, daß man sich mit Hilfe der Akasha-Chronik in bestimmte Zeitpunkte zurückversetzen kann, so auch in den Zeitpunkt des ersten Vesuvausbruches. Da stellt sich nun etwas Merkwürdiges heraus. Ich habe im Verlauf des Vertrags über die Eigentümlichkeit der achten Schicht gesprochen, die man den Zersplitterer oder Zahlenerzeuger nennt. Diese Schicht hat nun auch für den physischen Leib des Menschen eine große Bedeutung. Was man gewöhnlich den menschlichen Leib nennt, geht nach dem Tode physisch-stofflich zugrunde. Es löst sich in den obersten Schichten der Erde auf, nicht aber die Kraftsumme, die den physischen Leib in der Form hält. Diese können Sie in der siebenten Schicht, dem sogenannten Erdspiegel, finden. Wenn Sie also in der Akasha-Chronik den Moment festhalten, in dem ein Mensch auf der Erde eben gestorben ist, und dann den Verbleib seiner einzelnen Wesensglieder verfolgen, werden Sie sehen, wie der physische Leichnam zugrunde geht, wie aber die physische Form als bleibend im Erdspiegel, in der siebenten Schicht, zu finden ist. Da sind die Dinge aufbewahrt, die in der Akasha-Chronik erforscht werden können. Tatsächlich ist dies eine Art von Reservoir für die Formen, die vorhanden bleiben. Die Materie geht zugrunde, aber die Form bleibt aufbewahrt.

Wenn Sie nun eine solche aufbewahrte Menschenform verfolgen, so sehen Sie, daß sie eine Zeitlang in dieser siebenten Schicht verbleibt. Dann wird sie in der achten Schicht, dem Zersplitterer oder Zahlenerzeuger, in der Tat zersplittert. Es entsteht wirklich genau dasselbe, was ich Ihnen vorhin für die bloße Betrachtung beschrieben habe für die Blume. Dieser Formleib eines Menschen wird Ihnen viele Male geteilt erscheinen. Er tritt dann wieder beim Aufbau späterer Menschen in Erscheinung. Also wohlgemerkt, der Mensch, wie er unter uns lebt, hat nicht bloß seine Individualität, sein Innerstes; er trägt auch andere Menschen der Form nach in sich, in seiner Mitte im Körper. Und tatsächlich ist es möglich, den Einfluß aufzuzeigen, den die zersplitterte leibliche Form des Plinius auf das Denken materialistischer Naturforscher gehabt hat, welche diese zersplitterte Form in sich aufgenommen haben.

So geheimnisvoll sind die Zusammenhänge, die sich uns ergeben, wenn wir in die Konstitution der Erde eindringen. Sie werden es jetzt begreiflich finden, daß in gewisser Beziehung auch das Äußere, der Aufbau unserer Körper, von solchen vorhergehenden Ereignissen karmisch abhängig ist. Ein Geschehen wie der Untergang des Plinius wirkt auf den Aufbau späterer Gehirne nach, wirkt nicht auf die Seelen nach, sondern auf die leiblichen Formen. Das sind besonders feine Vorgänge, die sehr wichtig sind, wenn man die Zusammenhänge zwischen Mensch und Erde verstehen will."[2]

"Des Menschen Schauplatz ist die Erde. Für den geistigen Blick stellt sich diese heraus als ein Zusammenhang von verschiedenen Schichten. Wir wissen, daß die äußerste Schicht unserer Erde genannt wird die mineralische Erde oder mineralische Schicht, da sie nur solche Stoffe enthält, wie wir sie unter unseren Füßen finden. Das ist die verhältnismäßig dünnste Schicht. Dann beginnt die weiche Erde. Diese Schicht hat ein ganz anderes materielles Gefüge als die über ihr befindliche mineralische Schicht. Diese zweite Schicht ist sozusagen mit einem inneren Leben begabt; und nur dadurch, daß die feste mineralische Schicht darübergebreitet ist, werden die inneren Kräfte dieser zweiten Schicht zusammengehalten. Denn in dem Augenblicke, wo man sie freilegen würde, würde sie sich zerstreuen in den ganzen Himmelsraum. Sie ist also eine Schicht, die unter einem ungeheuren Drucke liegt. Eine dritte Schicht ist die Dampfschicht. Aber sie ist nicht ein Dampf materieller Art, wie wir ihn auf der Oberfläche unserer Erde haben, sondern in dieser dritten Schicht ist die Substanz selbst mit inneren Kräften begabt, die wir nur vergleichen können mit den menschlichen Leidenschaften, mit den inneren Trieben des Menschen. Während auf der nur Wesen, die so geformte Wesen sind wie Tiere und Mensehen, Leidenschaften entwickeln können, ist diese dritte Schicht -aber doch ganz so, wie die Substanzen der Erde von magnetischen und Wärmekräften durchzogen sind - materiell durchzogen von Kräften, die dem gleich sind, was wir als menschliche und tierische Triebe und Leidenschaften kennen. Dann haben wir als vierte Schicht die Formenschicht, die so bezeichnet wird, weil sie das Material und die Kräfte enthält von dem, was uns in dem mineralischen Erdenteil als geformte Wesenheiten entgegentritt. Und die fünfte Schicht, die Fruchterde, hat die Eigentümlichkeit, daß sie als Material selbst von einer unendlichen Fruchtbarkeit ist. Wenn Sie einen Teil dieser Erdenschicht haben würden, so würde sie fortwährend aus sich heraus neue Triebe und Sprossen hervorsprießen lassen; strotzende Fruchtbarkeit ist das Element dieser Schicht. Nach dem kommen wir zu der sechsten Schicht, zu der Feuererde, welche Kräfte als Substanzen in sich enthält, die furchtbar verheerend und zerstörend werden können. Diese Kräfte sind es eigentlich, in welche die Urfeuer hineingebannt worden sind.

In dieser Schicht wirkt materiell im Grunde genommen das Reich des Ahriman und von dieser Schicht aus wirkt es. Was in den äußeren Naturerscheinungen zutage tritt in Luft und Wasser, in Wolkenbildungen, was als Blitz und Donner erscheint, das ist sozusagen ein letzter Rest - aber ein guter Rest - auf der Erdoberfläche von dem, was an Kräften schon mit dem alten Saturn verbunden war und das sich mit der Sonne abgetrennt hat. Von dem, was in diesen Kräften wirkt, sind die inneren Feuerkräfte der Erde in den Dienst des Ahriman gestellt. Da hat er das Zentrum seines Wirkens. Und während seine geistigen Wirkungen in der geschilderten Art zu den Menschenseelen hinziehen und sie zum Irrtum führen, sehen wir, wie er - in einer gewissen Weise gefesselt - im Inneren der Erde gewisse Angriffspunkte seines Wirkens hat. Wenn man die geheimnisvollen Zusammenhänge kennen würde von dem, was auf der Erde unter dem Einflüsse Ahrimans geschehen ist, und dem, was dadurch das eigene Karma Ahrimans geworden ist, so würde man in dem Beben der Erde den Zusammenhang erkennen zwischen dem, was als Naturereignisse in so furchtbar trauriger, tragischer Art vor sich geht, und dem, was auf der Erde waltet. Das ist zurückgeblieben seit den alten Zeiten als etwas, was auf der Erde in Reaktion tritt gegen die lichten, die guten Wesenheiten.

So wirken über die Erde hin diese oder jene Kräfte, die mit jenen Wesen verbunden sind, die herausgestoßen worden sind aus dem Zusammenhange mit der Erde zu der Zeit, als die lichten, die guten Wesenheiten die heilsamen Erscheinungen um den Erdkreis herum geführt haben, und wir können in einer gewissen Weise den Nachklang dieser Feuerwirkungen, die dem Menschen früher entzogen worden sind, in dem erkennen, was das Feuer anrichtet in solchen furchtbaren Naturerscheinungen. Wir brauchen uns nicht zu sagen, daß etwa diejenigen, die von dem betroffen werden, was durch Ahrimans Karma hervorgerufen wird - das aber seit der atlantischen Zeit im Zusammenhange steht mit dem Menschheitskarma -, etwa daran irgendwelche Schuld haben. Das hängt zusammen mit dem gesamten Menschheitskarma, an dem auch der einzelne mitzutragen hat. Und ganz woanders liegen oftmals die Ursachen, die dann an bestimmten Stellen als die Wirkungen des Karma Ahrimans zum Austrag kommen, weil gerade diese Stellen die Gelegenheit dazu bieten.

Da sehen wir einen Zusammenhang, der allerdings uns wie ein stehengebliebener Rest sonstiger uralter Menschheitskatastrophen erscheint. In der lemurischen Zeit wurde den Menschen die Gewalt entzogen, auf das Feuer zu wirken. Vorher konnte der Mensch auf das Feuer wirken. Daher ist das alte Lemurien zugrunde gegangen durch die Feuerleidenschaften der Menschen. Da war dasselbe Feuer, das jetzt unten ist, oben. Damals ist das Feuer zurückgetreten von der Erdoberfläche; dasselbe Feuer, das wie ein Extrakt aus dem Urfeuer herausgekommen ist, ist das unorganische Feuer, das mineralische Feuer von heute. Ebenso ist es gegangen mit den Kräften, die durch Luft und Wasser gehen und die durch die Leidenschaften der Menschen die Katastrophen von Atlantis herbeigeführt haben. Es war ein Gesamt-Menschheitskarma, das diese atlantischen Katastrophen hervorgerufen hat. Aber es ist ein Rest davon geblieben, und dieser Rest ruft die Nachklänge dieser Katastrophen hervor. Unsere Vulkanausbrüche und unsere Erderschütterungen sind nichts anderes als die Nachklänge dieser Katastrophen. Nur müssen wir in Betracht ziehen, daß niemandem auch nur beifallen dürfte, daß den gerade von einer solchen Katastrophe Betroffenen auch nur irgendein Teil der Schuld beizumessen sei und daß deshalb nicht in vollstem Umfange Mitleid für die dadurch Betroffenen hervorgerufen werden sollte. Das muß sich der Anthroposoph klarmachen, daß das Karma dieser Menschen nichts zu tun hat mit dem, was er tun darf, und daß er etwa einem Menschen nicht helfen dürfte, weil er - trivial gesprochen - an das Karma glaubt, daß der Mensch dieses Schicksal selbst herbeigeführt habe. Das ist es gerade, wozu uns das Karma auffordert: daß wir den Menschen helfen, weil wir sicher sein können, daß unsere Hilfe dann für den Menschen etwas bedeutet, was in sein Karma eingeschrieben wird, und wodurch sein Karma in eine günstigere Richtung kommt. Gerade zum Mitleid muß uns das Durchschauen der Welt führen, das auf Karma begründet ist. So wird uns das Verständnis gegenüber den unglücklich Leidenden und von einer solchen Katastrophe Betroffenen gerade um so mitleidiger machen, denn es besagt, daß es ein Gesamt-Menschheitskarma ist, an dem die einzelnen Menschheitsglieder zu leiden haben, und daß ebenso, wie die ganze Menschheit solche Ereignisse herbeiführt, auch die ganze Menschheit dafür aufzukommen hat, daß wir ein solches Schicksal als unser eigenes anzusehen haben, daß wir nicht einmal helfen, weil wir es freiwillig tun, sondern weil wir wissen: Wir stehen im Menschheitskarma drinnen, und was da verschuldet worden ist, das ist mit von uns verschuldet."[3]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Kosmogonie, GA 94 (1979), S 108 ff., Paris, 12. Juni 1906
[2]Rudolf Steiner, Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft, GA 96 (1989), S 31 ff., Berlin, Ostermontag, 16. April 1906
[3]Rudolf Steiner, Geisteswissenschaftliche Menschenkunde, GA 107 (1988), S 177 ff., Zwölfter Vortrag, Berlin, 1. Januar 1909


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=114letzte Änderung: 2004-02-08


Erinnerung
der Erinnerungsvorgang als Auseinandersetzung des Menschen mit dem ganzen Kosmos

(siehe auch -> Gedächtnis, seine organische Grundlage)

"Gehen Sie aus davon, daß Sie mit Ihren Augen eine Flamme sehen. Sie machen das Auge zu: Sie haben ein Nachbild dieser Flamme. Dieses Nachbild der Flamme, das Sie in Ihrem Auge mittragen, verschwindet nach und nach. Goethe, der sich immer anschaulich über diese Dinge ausspricht, sagt: Es tönt das Nachbild ab. - Es stellt sich die ursprüngliche Konstitution des Auges und des damit verbundenen Nervenapparates wiederum her, nachdem diese verändert worden sind durch den Lichteindruck, der auf das Auge gemacht worden ist. Das, was da in Ihrem Sinnesorgan sich abspielt, das ist nur der einfachere Vorgang für dasjenige, was sich mit Ihrem Gedächtnis, mit Ihrer Erinnerung abspielt, wenn Sie äußere Eindrücke im allgemeinen empfangen, sie überdenken und sie Ihnen bleiben als Erinnerungsvorstellungen. Der Unterschied ist nur der, wenn Sie mit Ihrem Auge einen Eindruck aufnehmen, ich will sagen also eine Flamme, dann die Vorstellung der Flamme haben, und das wiederum abklingt, so dauert das nur kurz. Wenn Sie mit dem ganzen Menschen etwas aufnehmen, es überdenken, sich später immer wieder erinnern können, wenn dieses große Nachbild der Erinnerung kommt, so dauert das lange, dauert unter Umständen für diese Erlebnisse Ihr ganzes Leben hindurch. Worauf beruht das? Ja, wenn Sie das einfache Abbild, das Sie im Auge haben, das vielleicht nur ein paar Minuten oder vielleicht nur Teile von einer Minute nachklingt, wiederum zum Versinken bringen, so ist es nur deshalb, weil das nicht durch Ihren ganzen Organismus weiter durchgeht, sondern in einem Teil, in einer Partie Ihres Organismus bleibt. Dasjenige, was Erinnerungsvorstellung wird, das geht zunächst durch einen großen Teil - ich werde ihn gleich näher bezeichnen — Ihrer Gesamtorganisation, stößt von da aus in den Ätherleib hinein, durch den Ätherleib in den umliegenden Weltenäther. Und in dem Augenblicke, wo nicht nur ein Bild als Sinnesbild im einzelnen Organ hängen bleibt, sondern durch einen großen Teil des Gesamtmenschen geht, sich in den Ätherleib hineinschiebt, nach außen geht, nach außen stößt, da kann es für das ganze Leben als Nachbild bleiben. Es handelt sich nur darum, daß der Eindruck tief genug ist, und daß er den Ätherleib ergreift, und der Ätherleib ihn nicht behält, sondern ihn an den äußeren Äther der Welt überträgt, ihn dort einschreibt, ihn dort einzeichnet. Glauben Sie nicht, daß wenn Sie sich an Sachen erinnern, dies bloß ein Vorgang Ihres Inneren ist. Sie können zwar nicht, wenn Sie ein Erlebnis haben, dieses immer, obzwar es heute schon viele Menschen mit sehr vielen Erlebnissen tun, in Ihr Notizbuch einschreiben und dann wieder herausnehmen, es wieder ablesen. Aber das, woran Sie sich erinnern, schreiben Sie in den Weltenäther ein, und der Weltenäther ruft es in Ihnen, wenn Sie sich erinnern sollen, wiederum als einen Siegelabdruck hervor. Das Erinnern ist keine bloße persönliche Angelegenheit, das Erinnern ist ein Auseinandersetzen mit dem Weltenall. Sie können nicht allein sein, wenn Sie sich als innerlich sich haltender Mensch an Ihre Erlebnisse erinnern wollen. Sich nicht erinnern an Erlebnisse, das zerstört die Wesenheit des Menschen.

Bedenken Sie nur einmal, was es heißt, ich habe das Beispiel öfter angeführt: ein Mann, den ich sehr gut kannte, der eine bedeutsame Stellung einnahm, der bekam plötzlich einmal den Drang, zur Eisenbahn zu gehen, ohne Grund, und sich dort ein Billett zu kaufen, um in ihm unbekannte Fernen, in denen er gar nichts zu tun hatte, zu fahren. Das alles tat er in einem ganz anderen Bewußtseinszustande. Aber in der Zeit, während er da fuhr, wußte er nichts von dem, worin er sonst war und er kam erst wieder zu sich, als er sich in Berlin in der Kurfürstenstraße in einem Armenasyl angenommen fand. Die ganze Zeit war ausgelöscht aus seinem Bewußtsein von der Zeit an, als er in Darmstadt eingestiegen war. Man hat nachher aus Angaben verschiedener Leute herausfinden können, daß er in Budapest war, in Lemberg war, und von Lemberg wiederum nach Berlin gefahren ist, und er kam wiederum zum Bewußtsein, als er in einem Armenasyl in Berlin war. Bedenken Sie, der Verstand war vollständig in Ordnung, nichts war in Unordnung von dem Verstande. Er wußte ganz genau in der Zeit von seinem Einsteigen in Darmstadt bis zu seiner Annahme in Berlin im Armenasyl, was man tut, um sich Fahrkarten zu lösen, was man tut, um sich in der Zwischenzeit zu verpflegen und so weiter. Aber in der Zeit, als er das ausführte, hatte er von seinem übrigen Leben keine Erinnerung. Und nachher hatte er zwar wieder die Erinnerung seines früheren Lebens bis zur Abfahrt in Darmstadt, aber keine Erinnerung an die ganze Reise. Was da geschehen war, konnte man nur aus äußeren Mitteilungen feststellen. Das ist ein Beispiel. Ich könnte viele ähnliche Beispiele erzählen. Es soll dieses Beispiel nur darauf aufmerksam machen, wie unser Leben wäre, wenn nicht eine kontinuierlich fortlaufende Erinnerung durchginge durch alle unsere Erlebnisse. Denken Sie sich, wenn für irgendeine Zeit außerhalb derjenigen, die Sie verschlafen haben - an die erinnern Sie sich ja natürlich nicht -, aber denken Sie sich, wenn für irgendeine Zeit außerhalb derjenigen, die Sie verschlafen haben, keine Erinnerung da sein würde, was Sie da über Ihr Ich als Mensch denken müßten. Dasjenige, was zu unserer Sinnesempfänglichkeit gehört, zu unserer Intelligenz gehört, es ist unsere persönliche Angelegenheit. In dem Augenblicke, wo die Sache anfängt, erinnerungsmäßig zu werden, ist dasjenige, was der Mensch in seinem Seelenleben erlebt, eine Auseinandersetzung mit dem Universum, eine Auseinandersetzung mit der Welt. In der Intensität, in der es notwendig ist, weiß die gegenwärtige Menschheit noch nicht, daß dies, was ich auseinandergesetzt habe, eine Tatsache ist. Aber es wird zu den Bestandteilen der Zukunftsbildung der Menschheit gehören, die beim ätherischen Menschen zur Erinnerung führen, nicht als eine bloß persönliche Angelegenheit sie zu betrachten, sondern als etwas, wodurch der Mensch der Welt verantwortlich ist.

Ich habe Ihnen, als ich diese Vortragsserie hier begann, davon gesprochen, wie zunächst einmal vorhanden war in der Zeit, in die wir gewöhnlich in der Geschichte zurückgehen, zum Beispiel noch bei den Griechen, ein Landbewußtsein, das nicht weit ging. Wie dann dieses Bewußtsein sich umwandelte in ein Erdbewußtsein, aber erst in der neueren Zeit eintreten muß für die Zukunft der Menschheit ein kosmisches, ein Weltbewußtsein, wie sich der Mensch wiederum wissen muß - das war ja auch in Urzeiten der Fall - als ein Bürger des ganzen Kosmos. Der Weg dazu wird sein, klar und deutlich in sich die Verantwortlichkeit zu fühlen für das Gedachte, das zur Erinnerung führen kann.

Dasjenige aber, was ich Ihnen bis jetzt geschildert habe, gehört, wie ich Ihnen sagte, einem großen Teile des Menschen an, nicht aber eigentlich dem ganzen Menschen. Und um Ihnen zu charakterisieren, was hier der Fall ist, muß ich es Ihnen schematisch andeuten. Nehmen wir an, das wäre die Sinnesregion (weiß), wobei ich alle Sinne zusammenfasse, auch die Verstandesregion, dann kämen wir bis gewissermaßen zu demjenigen im menschlichen Organismus (rot), das die Gedanken, die wir hegen, zurückwirft (Pfeile, rot), so daß sie Erinnerungen werden können, dasjenige, was im Menschen zusammenstößt mit der Objektivität des Kosmos. Ich habe Ihnen schon einmal auf die Stellen im Menschenleib hingedeutet, in denen der Mensch zusammenstößt mit dem Kosmos.

Wenn Sie verfolgen, sagen wir zum Beispiel einen Nerv, der von irgendeiner Stelle des Leibes nach dem Rückenmark geht - ich zeichne schematisch -, so finden Sie für jeden solchen Nerv auch einen anderen, oder wenigstens annähernd für jeden solchen Nerv auch einen anderen, der irgendwoher wiederum zurückführt irgendwohin. Die Sinnesphysiologen nennen das eine einen sensitiven Nerv, das andere einen motorischen Nerv.

Nun, über diesen Unsinn, daß es sensitive und motorische Nerven gäbe, habe ich ja des öfteren schon gesprochen. Aber das Wichtige ist, daß eigentlich jede ganze Nervenbahn an dem Umfang des Menschen entspringt und wiederum zum Umfang zurückgeht, aber irgendwo unterbrochen ist; wie ein elektrischer Draht, wenn er einen Funken überspringen läßt, so ist eine Art Überspringen, ein sensitives Fluidum von dem sogenannten sensitiven bis zu dem sogenannten motorischen Nervenanfang. Und an der Stelle - also solche Stellen sind unzählige, wenigstens sehr viele, in unserem Rückenmark zum Beispiel, in anderen Partien unseres Leibes - an diesen Stellen sind auch die Raumesstellen, wo der Mensch sich nicht allein selber angehört, wo er dem Weltenall angehört. Wenn Sie alle diese Orte miteinander verbinden, dazu auch die Ganglien des Sympathikus nehmen, dann bekommen Sie diese Grenze, auch leiblich-physiologisch diese Grenze. So daß Sie sagen können: Sie halbieren gewissermaßen den Menschen - es ist dieses mehr als die Hälfte, aber nehmen wir an, wir halbieren den Menschen - und betrachten ihn wie ein großes Sinnesorgan, betrachten das Aufnehmen durch die Sinne überhaupt als die Sinnesempfänglichkeit, das Verarbeiten durch den Verstand als eine weitere feinere Sinnestätigkeit, das Entstehen der Erinnerungsbilder als Nachbilder, die aber bleibend sind für das Leben zwischen Geburt und Tod, weil aufgestoßen wird, wenn die Erinnerung sich bildet, an dem Weltenäther. Unser eigener Äther stößt an den Weltenäther auf, und es finden Auseinandersetzungen zwischen uns und dem Weltenäther statt."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Die Sendung Michaels, GA 194 (1983), S 140 ff., Achter Vortrag, Dornach, 7. Dezember 1919


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=238letzte Änderung: 2002-11-21


Ernährung
Milch, Fleischnahrung, Vegetarismus, künftige mineralische Ernährung

(siehe auch -> Ernährung, geistige Hintergründe, -> Ernährung, und Erziehung des Kindes und -> Ernährung, und okkulte Entwicklung)

"Die sogenannten Ernährungsgesetze in den verschiedenen Kulturen scheinen zunächst sehr willkürlich zu sein. Sie sind es aber nicht, sie sind aus Wissen und Weisheit heraus geboren. Wir müssen aber streng Rücksicht darauf nehmen, daß unsere gegenwärtige Menschheit gar nicht imstande ist, solche Dinge befolgen zu können, wie wir sie heute besprechen wollen. Sie werden aber später gewisse Grundlagen abgeben für bestimmte Gesetze des sozialen Lebens. Also niemand darf glauben, daß man gleich Adept wird dadurch, daß man übergeht zum Vegetarismus und so weiter.

Es gibt eine gewisse Pflege der Heilkunde bei orientalischen Völkerschaften, die so betrieben wird, daß die betreffenden Ärzte vor allen Dingen auf die Ernährung ihres eigenen physischen Körpers das größte Gewicht legen. Da wo das alte spirituelle Leben noch besteht, gibt es Menschen, die in der alten Weise Heiler geworden sind dadurch, daß sie sich ausschließlich von Milch nähren. Sie sind sich klar darüber, daß, weil sie alles andere ausschließen, sie in sich dann physisch heilende Kräfte gewinnen, besonders zur Heilung von sogenannten Geisteskrankheiten.* Sie haben ihre besonderen Verrichtungen. Sie wissen ganz genau, wenn sie bloß Milch genießen, daß sie dann bestimmte Kräfte entwickeln.

Wir wollen uns klarmachen, auf welcher Intuition das beruht. Diese tiefe Intuition können wir in folgender Weise verstehen. Wir wissen von einem bestimmten Hergang in der menschlichen Entwickelung. In der Mitte der lemurischen Zeit spaltete sich das ursprünglich Menschliche in ein aufsteigendes Menschliches und ein Tierisches. Damit war verknüpft, daß die Kräfte, die die Erde hatte, als sie noch mit dem Monde vereint war, sich auch gespalten und ein Teil derselben mit dem Monde sich von der Erde getrennt haben.

Denken wir uns die Zeit, in der die Erde noch mit dem Monde vereint war. Da stand der Mensch auf einer ganz anderen Entwickelungsstufe. Er hatte damals schon das warme Blut, war aber noch nicht in zwei Geschlechter gespalten. Mit der Abtrennung des Mondes hat man die Spaltung in zwei Geschlechter zu beobachten, so daß, wenn Sie heute nach dem Monde hinaufblicken, Sie sagen können: Daß du herausgegangen bist aus der Erde, hat bewirkt, daß sich die menschliche Produktionskraft in zwei Teile gespalten hat. - Es gab auch eine Zeit auf der Erde, in der die Menschheit unmittelbar verknüpft war mit dem Tierischen, eingesenkt in das Tierische und sich auch von dem Tierischen ernährte. Diese Art der Ernährung wird schwer verstanden werden von dem, der nicht hellseherische Kräfte hat. Eine Vorstellung davon können wir uns aber bilden, wenn wir die regelmäßige Ernährungsweise der Säugetiere betrachten, die durch ihre eigene Milch ihre Jungen ernähren. Mit der Spaltung der Produktionskraft trat auch diese Art der Ernährung auf. Früher konnten die Menschen den Nahrungsstoff aus der unmittelbaren Umgebung aufnehmen, so wie heute die Lunge die Luft aufnimmt. Der Mensch war damals durch Saugfäden verbunden mit der ganzen ihn umgebenden Natur, so ähnlich wie heute der menschliche Embryo im Leibe der Mutter ernährt wird. Das war die alte Ernährungsform auf der Erde. Ein Rest davon ist das heutige Säugen der Säugetiere, und die Milch ist wie die Nahrung, die der Mensch in der vorlemurischen Zeit genoß, sie ist die alte Götternahrung, die erste Form der Nahrung auf der Erde. Damals war eben die Natur der Erde so, daß diese Nahrung überall herausgesogen werden konnte. So ist die Milch ein Produkt aus der ersten menschlichen Ernährungsform. Als der Mensch im Physischen noch näher dem Göttlichen war, da sog er die Milch aus der Umgebung heraus. Die Okkultisten wissen, wie die Menschen zusammenhängen mit der Natur.

Der Milchgenuß ist eine uralte umgewandelte Ernährungsform. Die erste Nahrung war für den Menschen immer die Milch. In dem Ausspruch: Die Milch der frommen Denkungsart - ist diese mit Absicht so genannt.

Wir fragen, was hat das ursprünglich bewirkt, daß die Milch so, wie das damals war, aus der Umgebung herausgesogen wurde? Die Mondkräfte in der Erde haben das möglich gemacht; sie waren wie ein allgemeines Blut der ganzen Erde. Aber als der Mond heraustrat, konnten die Mondkräfte nur noch konzentriert werden auf besondere Organe in den Lebewesen.

Der Okkultist nennt die Milch: die Mondnahrung. Mondsöhne sind diejenigen, die sich von Milch nähren. Der Mond hat die Milch gereift. Es hat sich bewahrheitet, daß die orientalischen Heiler, die nur von Milch leben, die Urkräfte wieder aufnehmen, die auf der Erde waren, als die Milch noch in Strömen auf der Erde floß. Sie sagten sich: Das sind die Kräfte, die den Menschen ins Dasein riefen. Diese hervorbringenden Kräfte müssen auch gesundheits-bringend sein, also eignen wir uns die Macht an, Gesundheit zu fördern, wenn wir nur Milch genießen und alles andere ausschließen.

Versetzen wir uns in die vorlemurische Zeit. Da herrschte also der Zustand, daß die Milch äußerlich aus der Umgebung gesogen wurde. Dann kam ein Zustand, da die Milch allgemeine Menschennahrung wurde, und dann der Zustand, da die Muttermilch genossen wurde. Vor der Zeit, in der die Milch allgemein aus der Natur gesogen wurde, da gab es eine Zeit, in der die Sonne noch mit der Erde verbunden war. Da bestand eine Sonnennahrung. Ebenso wie die Milch vom Monde zurückgeblieben ist, sind auch Produkte zurückgeblieben, die von der Sonne gereift sind. Alles was von der Sonne durchscheint wird, Blüten und Früchte der Pflanzen, gehören zur Sonne. Sie waren früher dem Mittelpunkt der mit der Sonne verbundenen Erde zugeneigt. Sie steckten in der Sonne mit den Blüten. Als sich die Erde von der Sonne trennte, blieben die Pflanzen bei ihrem alten Charakter: sie wendeten ihre Blüten nun wieder der Sonne zu. Der Mensch ist die umgekehrte Pflanze. Was an der Pflanze oberhalb der Erde wächst, verhält sich ebenso zur Sonne wie die Milch zum Monde, ist also Sonnennahrung. Es trat an die Stelle der bloßen Milchnahrung allmählich eine Art von Pflanzennahrung, und zwar von den oberen Teilen der Pflanze. Das war die zweite Art der menschlichen Ernährung.

So standen sich, als die lemurische Zeit zu Ende ging, zwei Geschlechter gegenüber: Ein Geschlecht, die eigentlichen Mondsöhne, welche Tiere züchteten und sich nährten von dem, was die Tiere gaben, von der Milch der Tiere; und ein zweites Geschlecht, das sich von Pflanzen nährte, von dem, was der Boden hergab.

Diese Tatsache wurde dargestellt in der Geschichte von Kain und Abel. Abel ist ein Hirte, Kain ein Ackerbauer; Abel [repräsentiert] das Mond- und Kain das Sonnengeschlecht. Diese Allegorie ist etwas ganz Großartiges. Die Geheimlehre deutet das in etwas versteckter Weise an. Jenes göttliche Wesen, welches den Menschen die Möglichkeit gegeben hat, ein Mondenwesen zu sein, sich aus der umgewandelten Mondnahrung zu ernähren, nannte das jüdische Volk Jehova. Er war die nährende Naturkraft: die fließt dem Abel zu, er nimmt sie aus seinen Herden. Und es war ein Abfall von Jehova, als man zu der Sonnennahrung überging. Darum mochte Jehova das Opfer des Kain nicht, weil es das Opfer einer Sonnennahrung war.

Wenn wir zurückgehen in die ältesten Zeiten, so haben wir überhaupt keine andere Nahrung als die Milch, diejenige Nahrung, die der Mensch von den lebendigen Tieren gewinnt. Das ist die ursprüngliche Nahrung wie noch jetzt in den ersten Wochen, und der morgenländische Heiler bezieht den Spruch: «Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, könnt ihr nicht in die Himmelreiche kommen», auf diese Ernährungsweise. Alle diese Dinge haben ihre Bedeutung.

Nun kommen wir von der lemurischen Zeit zu der atlantischen Zeit, zu den Völkern, die auf dem Gebiete des heutigen Atlantischen Ozeans wohnten. Bei den Atlantiern kommt etwas auf, was es früher nicht gab: Sie beginnen sich zuerst zu ernähren von dem, was nicht dem Leben entnommen ist, sie ernähren sich von dem Toten. Sie nehmen das in sich auf, was das Leben aufgegeben hat. Das ist ein ganz wichtiger Übergang in der Menschheitsentwickelung. Dadurch, daß die Menschen sich nun von dem Toten ernährten, wurde es möglich, daß zum Egoismus der Übergang gewonnen wurde. Dieses Sich-Ernähren von dem Toten bedeutet den richtigen Zusammenhang mit der Ichsucht. Selbständig wird der Mensch dadurch, daß er das Tote aufnimmt. Der Mensch nimmt nun das Tote in seinen verschiedenen Formen auf: Zunächst in den entstehenden Jägervölkern, die die Tiere töten. Ferner kommen Völker auf, die nicht bloß das an der Sonne Gereifte, sondern das unter der Erde Gereifte zu sich nehmen. Das ist ein ebenso Totes wie das tote Tier. Alles was in des Tieres niederster Natur lebt, was mit Blut getränkt ist, hat sich abgewendet von der Mondkraft. Die Mondkraft ist noch in der Milch, die mit dem Lebensprozeß zusammenhängt. Der Mensch nimmt die absterbenden Teile auf, wenn er das Tote genießt. Ebenso tot ist alles, was von der Pflanze unter der Erde wächst, was nicht durchwärmt und durchglüht ist von dem Lebensprinzip der Sonne. Es entspricht also die Wurzel demjenigen, was bei dem Tiere der mit Blut durchtränkte Körper ist.

Später kam dazu noch eine Nahrung, die es vorher gar nicht gegeben hat. Der Mensch setzte das bloß Mineralische seiner Speise zu, das was er der Erde entnahm, Salz und so weiter. So ging der Mensch in seiner Ernährung durch die drei Reiche. Dies ist ungefähr der Weg, den die atlantische Entwickelung hinsichtlich der Ernährung durchgemacht hat: Als erstes entstanden Jägervölker, als zweites Ackerbauer, das Kainsgeschlecht, und als drittes entwickelte sich die Bergmannskunst, die zutage fördert, was unter der Erde ist.

Alle diese Dinge stellen das Abgewendete von der eigentlichen Lebens- oder Produktionskraft dar. Was tot ist im Tier, ist vom Leben abgewendet. Was im Boden ist von der Pflanze, das ist auch vom Leben abgewendet. Alles Salz ist das Tote des Mineralreiches, das was als Rückstand verbleibt.

Nun kommen wir zu der fünften Menschenrasse. Es besteht fort der Milchtrinker neben dem Fruchtesser; die anderen Dinge kommen dazu als etwas Neues. Was in der fünften Wurzelrasse vorzugsweise zutage tritt, das ist das, was mineralisch zunächst gewonnen wird, das heißt durch einen chemischen Prozeß. In der Genesis wird dies angedeutet. Was ist das, was durch den chemischen Prozeß gewonnen wird ? Man steigt auf in der Entwickelung, man wendet die Chemie auf die Pflanzen, auf die Frucht an. Daraus entsteht der Wein. Den hat es in der Atlantis nicht gegeben. Daher wird in der Bibel gesagt, daß Noah, der Urvater der neuen nachsintflutlichen Rasse, zunächst berauscht wird durch den Wein. Durch einen mineralisch-chemischen Prozeß wird etwas hergestellt aus dem Pflanzenreich. Der Wein spielt dann in der ganzen fünften Wurzelrasse eine bestimmte Rolle. Alle Initiierten vom Anfang der fünften Wurzelrasse haben ihre Traditionen noch herübergenommen aus der Zeit der atlantischen Rasse, als es noch keinen Wein gab: Die indischen, persischen und ägyptischen Initiierten brauchten keinen Wein. Was bei den heiligen Handlungen eine Rolle spielte, war lediglich Wasser.

Mit der fünften Wurzelrasse kam also der Wein herauf, bei dem die mineralische Behandlung der Pflanze mitwirken muß. Die drei ersten Unterrassen waren Wiederholungen von Früherem. Die vierte Unterrasse entwickelte zuerst das Neue, was mit der fünften Wurzelrasse heraufgekommen war. Sie nahm eine gewisse Heiligkeit für den Wein in Anspruch. Daher treten Kulthandlungen auf, bei denen der Wein eine Rolle spielt (Dionysoskultur). Es entsteht sogar ein Weingott (-> Alkohol).

Nach und nach hat sich das in der Menschheit vorbereitet. Zunächst tritt die Weinkultur bei den Persern auf. Da ist der Wein aber noch etwas ganz Weltliches. Erst nach und nach findet er auch Eingang im Kultischen, im Dionysoskult. Die vierte Unterrasse ist diejenige, die zuerst das Christentum hervorbringt und auch diejenige, die siebenhundert Jahre vorher ihre Mission ankündigt durch die Dionysosspiele. Sie nehmen zunächst den Wein auf in den Kultus. Diese Tatsache hat in wunderbarer Weise derjenige Evangelist dargestellt, der am meisten vom Christentum gewußt hat: Johannes. Er bespricht gleich anfangs die Verwandlung des Wassers in Wein, denn das Christentum ist zunächst für die vierte Unterrasse der fünften Wurzelrasse gekommen. Eine Lehre brauchte man, welche heiligt, was auf den physischen Plan herauskommen muß. Der Wein schneidet den Menschen von allem Spirituellen ab. Wer Wein genießt, kann nicht zum Spirituellen kommen. Er kann nichts wissen von Atma, Buddhi, Manas, von dem was bleibt, was sich wiederverkörpert. Das mußte sein. Der ganze Gang der Menschheitsentwickelung ist ein absteigender und ein aufsteigender. Der Mensch mußte einmal bis zum tiefsten Punkt herabsteigen. Und damit er ganz auf den physischen Plan herunterkommt, darum tritt der Dionysoskult ein. Der menschliche Körper mußte präpariert werden zum Materialismus durch die Dionysoskultur, deshalb mußte eine Religion auftreten, die das Wasser in Wein verwandelt. Früher herrschte strenges Weinverbot für die Priester; sie konnten Atma, Buddhi, Manas erfahren. Es mußte nun eine Religion geben, die ganz herunterführte auf den physischen Plan, sonst wären die Menschen nicht ganz heruntergestiegen. Diese Religion, die sie da herunterführte, mußte eine äußere Offenbarung haben, eine solche Offenbarung, daß abgesehen wird von Atma, Buddhi und Manas, von der Reinkarnation, und nur den Hinweis auf das Allgemeine hat. Das nächste ist, daß der Wein wieder in Wasser verwandelt wird.

Wenn nicht früher das Wasser in Wein verwandelt worden wäre, so hätte der Mensch nicht alles aufgenommen, was unten im irdischen Tale ist. Im Beginne des Johannes-Evangeliums findet man nun [in der Schilderung der Verwandlung von Wasser in Wein bei der Hochzeit zu Kana] dargestellt, wie Christus gerechnet hat mit demjenigen, was da war. Er rechnete aber auch mit der Zukunft dadurch, daß er seinerseits das Abendmahl einsetzt. Dieses Abendmahl ist das größte Symbol Desjenigen, der seine Kulturströmung mit dieser vierten Unterrasse begonnen hat. Wenn er also der richtige «Menschensohn» war, der am tiefsten heruntergestiegen ist, um am kraftvollsten wieder hinaufzuheben, dann mußte er sich halten an das, was da war und den Menschen zeigen, wie der physische Inhalt der Rasse mit seiner eigentlichen Sendung zusammenhängt. Sollte die Menschheit wieder aufwärtsgehen, so mußte sie ein Symbol haben, welches wiederum vom Toten zum Lebendigen hinführt: Brot und Wein. Brot ist im okkulten Sinne dasjenige, was entsteht, wenn man die Pflanze erst getötet hat. Wein entsteht wiederum dadurch, daß man die Pflanze tötet, sie mineralisch behandelt. Wenn man das Pflanzliche bäckt, tut man dasselbe, wie wenn man das Tier tötet. Wenn wir dem Pflanzenreich Wein entnehmen, tun wir in gewissem Sinne dasselbe, wie wenn wir dem Tiere Blut abzapfen. Brot und Wein liegen da als Symbol der vierten Unterrasse. Was sich in Zukunft entwickeln soll, ist ein weiterer Aufstieg von der Pflanzen- zur mineralischen Nahrung. Brot und Wein müssen wieder geopfert, aufgegeben werden. Insofern also Christus in der vierten Unterrasse erscheint, weist er hin auf Brot und Wein: «Dies ist mein Leib - dies ist mein Blut.» Damit wollte er einen Übergang schaffen von der Tiernahrung zur Pflanzennahrung, den Übergang zu etwas Höherem.

Es gab damals zwei Menschenklassen: Erstens die, die sich von Fleisch und Blut nährten; das sind die vorchristlichen Menschen, mit denen Christus gar nicht gerechnet hat. Zweitens diejenigen, die nur Pflanzen töten, der Pflanze das Blut abzapfen: die Wein trinken und Brot essen. Mit diesen rechnet er noch; sie sind die Vorboten derjenigen Menschheit, die in der Zukunft sein wird.

Die Bedeutung des Abendmahles ist die, von der Ernährung vom toten Tiere überzugehen zu der Ernährung von der toten Pflanze. Wenn unsere fünfte Unterrasse zu Ende gegangen sein wird, in der sechsten Unterrasse, da wird man das Abendmahl verstehen. Da wird kein Tierisches mehr genossen werden. Bis dahin wird es möglich sein, daß auch die dritte Form der Ernährung eintreten wird, die rein mineralische. Der Mensch kann sich dann selbst die Nahrung schaffen. Er nimmt jetzt das auf, was die Götter für ihn geschaffen haben. Später steigt er auf und wird selbst im chemischen Laboratorium das zubereiten, was er an Nahrungsstoffen braucht.

So sehen Sie, daß alles aus tiefen Intuitionen heraus entsteht. Wenn wir bei den alten Orientalen allerlei Vorschriften finden darüber, was gegessen werden soll, so sind das eigentlich keine Gebote, sondern Erzählungen: Du sollst nicht verlangen, daß Stoffe anders wirken als sie wirken.

Dasjenige, was Christus nachher abtötet, was wirklich geopfert wird, nachdem er das Abendmahl genommen, das ist der physische Leib. Dieser stirbt. Der wird bei dem ganzen Menschengeschlecht sterben. Gegen die Mitte der sechsten Wurzelrasse**, im letzten Drittel, wird es keinen physischen Leib mehr geben. Da wird der ganze Mensch wieder ätherisch sein. Er geht in die feinere Stofflichkeit über. Dies wird aber nicht eintreten, wenn der Mensch es nicht selbst herbeiführt. Dazu muß er erst übergehen zu der Nahrung, die er im Laboratorium selbst zubereitet. So daß der Mensch in demselben Maße, in dem er seine Nahrung nicht mehr der Natur entnimmt, sondern der eigenen Weisheit, dem Gotte im Inneren, er auch der eigenen Vergottung entgegeneilt.

Wenn der Mensch anfangen wird, sich selbst zu ernähren, wird auch der Grund gelegt zu etwas Höherem, nämlich dazu, daß er sich selbst fortpflanzen kann. Er schafft allmählich ein Leben für sich aus der mineralischen Welt."[1]

*nach dem von Mathilde Scholl festgehaltenem Wortlaut. Marie Steiner-von Sivers notierte hier, dass die alten Heiler «in sich psychische Heilmittel wecken, namentlich für psychische Krankheiten».

**An anderen Stellen spricht Rudolf Steiner in diesem Zusammenhang von der sechsten Unterrasse, also der künftigen slavischen Kulturepoche (siehe -> Fortpflanzung, über die drohende Unfruchtbarkeit der Menschheit ab dem 6. / 7. Jahrtausend).

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Grundelemente der Esoterik, GA 93a (1976), S 240 ff., XXX, Berlin, 4. November 1905


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=85letzte Änderung: 2002-10-17


Ernährung
geistige Hintergründe

(siehe auch Ernährung, und okkulte Entwicklung, -> Ernährung, Milch, Fleischnahrung, Vegetarismus, künftige mineralische Ernährung, -> Ernährung, und Erziehung des Kindes und -> Zucker, Zuckergenuß und Egoismus; Zuckerkrankheit)

"Man denkt ja so leicht: dasjenige, was in der menschlichen Umgebung lebt, was dem mineralischen, dem pflanzlichen, dem tierischen Reiche angehört und dann von dem Menschen aufgenommen wird, das setze gewissermaßen seine Vorgänge, seine äußerlich stofflichen Vorgänge, die der Physiker, der Chemiker und so weiter untersuchen, im Menschen selber fort. Davon kann aber gar nicht die Rede sein, sondern man muß sich klar sein, daß innerhalb der menschlichen Hautvorgänge alles anders ist als außerhalb derselben, daß innerhalb dieser Hautvorgänge eine ganz andere Welt vorliegt als außerhalb. Solange man sich dessen nicht gewahr ist, wird man immer wieder und wiederum darüber nachdenken, wie das oder jenes, das man in der Retorte oder sonst irgendwie untersucht, sich im menschlichen Organismus fortsetzt, und man wird den menschlichen Organismus selber nur wie eine kompliziertere Anordnung von Retortenvorgängen ansehen.

... alles, was in den menschlichen Organismus eindringt an Mineralischem, muß so weit metamorphosiert, umgewandelt werden, daß es wenigstens durch eine gewisse Zeit hindurch reine Wärme ist, und zwar eins mit der Wärme, die der Mensch als seine eigene Wärme über die Wärme seiner Umgebung hinaus entwickelt. Ob wir ein Salz, ob wir irgend etwas anderes Mineralisches in unserem Organismus aufnehmen, es muß die wärmeätherische Form irgendwie annehmen, und zwar annehmen, bevor es verwendet wird im menschlichen Organismus selber zu seinem Aufbau, zu seiner Gestaltung.

Wenn wir also irgendein Mineral außerhalb des menschlichen Organismus haben und uns vorstellen, dieses Mineral wandere da einfach hinein und bilde irgendeine Partie seiner Knochen, seiner Zähne und so weiter, so ist das der reine Unsinn; sondern was da in der menschlichen Gestaltung wiedererscheint, muß zunächst in die völlig flüchtig wärmeätherische Form übergegangen sein und dann zurückverwandelt werden in dasjenige, als das es dann in lebendiger Gestaltung im menschlichen Organismus auftritt.

Aber damit ist noch etwas ganz anderes verbunden; damit ist verbunden, daß zum Beispiel etwas, was feste Form hat, was sich schon im Munde in Wässeriges verwandelt, dann weiter verwandelt wird bis zum Wärmeäther hin, daß das allmählich im Menschen, indem es zunächst in die wäßrige Form übergeht, an Schwere verliert, daß es erdenfremder wird; und bis es hinaufkommt in die wärmeätherische Form, ist es völlig bereit, das Geistige, das von oben kommt, das aus den Weltenweiten kommt, in sich aufzunehmen.

Also wenn Sie sich vorstellen wollen, wie ein Mineralisches im Menschen verwendet wird, so müssen Sie sich folgendes sagen (es wird gezeichnet): Da ist das Mineralische; dieses Mineralische geht in den Menschen ein. Im Menschen wird es durch das Flüssige und so weiter bis zum Wärmeäther verwandelt; da ist es Wärmeäther. Dieser Wärmeäther hat die größte Neigung, dasjenige, was aus den Weltenweiten an Kräften hereinstrahlt und hereinströmt, in sich aufzunehmen. Er nimmt also die Kräfte des Weltenalls auf. Diese Kräfte des Weltenalls bilden sich nun als die Geistkräfte, die hier die wärmeätherisierte Erdenmaterie durchgeistigen. Und von da aus dringt dann mit Hilfe der wärmeätherisierten Erdensubstanz dasjenige erst in den Körper, was der Körper nun braucht zu seiner Gestaltung.

Also denken Sie sich, wenn wir im alten Sinne Wärme als Feuer bezeichnen, so können wir sagen: Was mineralisch vom Menschen aufgenommen wird, das wird im Menschen hinaufgetragen bis zur feurigen Natur. Die feurige Natur ist geneigt, die Einflüsse der höheren Hierarchien in sich aufzunehmen, und dieses Feuer erst strömt dann wiederum in alle menschlichen Innenregionen aus und bildet, indem es sich neuerdings verhärtet, dasjenige, was im Menschen die substantielle Grundlage der einzelnen Organe ist. Nichts, was der Mensch in sich aufnimmt, bleibt so, wie es ist; nichts bleibt irdisch. Alles verwandelt sich, namentlich aus dem mineralischen Reiche, so weit, daß es das Geistig-Kosmische in sich aufnehmen kann und mit Hilfe des Geistig-Kosmischen es erst wiederum zurückverhärtet zum Irdischen.

Nehmen Sie also aus einem Knochen irgendein Stück phosphorsauren Kalk, so ist dieser nicht etwa der phosphorsaure Kalk, den Sie draußen in der Natur finden oder den Sie im Laboratorium meinetwillen herstellen, sondern es ist der phosphorsaure Kalk, welcher entstanden ist aus dem, was äußerlich aufgenommen worden ist mit Hilfe der Kräfte, die dann, während das äußerlich Aufgenommene in den wärmeätherischen Zustand übergegangen war, eingedrungen sind und erst in die Menschenbildung eingegriffen haben.

Sehen Sie, daher braucht der Mensch im Laufe seines Lebens die verschiedensten Substanzen, um, je nachdem er nach seinem Lebensalter organisiert ist, das Leblose umwandeln zu können in Wärmeätherisches. Das Kind könnte überhaupt noch nicht Lebloses in Wärmeätherisches umwandeln; es hat noch nicht Kraft genug in seinem Organismus. Es muß die noch der menschlichen Organisation selbst so nahestehende Milch aufnehmen, um diese nun bis zum Wärmeätherischen zu bringen und seine Kräfte dazu verwenden zu können, das wirklich ausgebreitete Plastizieren, das notwendig ist während des kindlichen Alters in bezug auf die Körpergestaltung, ausführen zu können. Man sieht erst hinein in die menschliche Natur, wenn man weiß, daß alles, was von außen aufgenommen wird, gründlich umgearbeitet werden muß. Nehmen Sie daher einen äußeren Stoff und wollen Sie ihn auf seinen Wert für das Menschenleben prüfen, so können Sie das zunächst mit der gewöhnlichen Chemie gar nicht tun, weil Sie wissen müssen, wieviel Kraft der menschliche Organismus aufwenden muß, um einen äußerlich mineralischen Stoff bis zu der Flüchtigkeit des Wärmeäthers zu bringen. Kann er das nicht, dann lagert sich dieser äußere mineralische Stoff in ihm ab, wird schwerer Erdenstoff, bevor er in Wärme übergegangen ist, und durchsetzt, als dem menschlichen Organismus fremd gebliebener unorganischer Stoff, die menschlichen Gewebe.

Ein solches kann zum Beispiel eintreten, wenn der Mensch nicht imstande ist, dasjenige, was mineralisiert - es ist ja ursprünglich organisch -, aber mineralisiert als Zucker in ihm auftritt, bis zu der Flüchtigkeit des Wärmeätherischen zu bringen. Dann setzt es sich vor jenem Zustande ab im Organismus, zu dem es kommen muß, wenn der ganze Organismus beteiligt sein soll an alldem, was da in ihm ist, und es entsteht die so schlimme Zuckerruhr, Diabetes mellitus. Man muß also bei jedem Stoff ins Auge fassen, inwiefern der menschliche Organismus imstande sein kann, das Unlebendige, das entweder der Stoff schon bildet, wenn wir zum Beispiel Kochsalz essen, oder das es wird, wie beim Zucker, bis zur Wärmematerie hinzubringen, wo dann der Organismus, der auf der Erde eingewurzelt ist, seinen Anschluß findet an den geistigen Kosmos.

Jede solche Ablagerung im Menschen, die dann unverarbeitet bleibt wie diejenige, die bei Diabetes eintritt, bedeutet, daß der Mensch in sich nicht für die in ihm vorhandenen Stoffe den Anschluß an das Geistige des Kosmos findet. Das ist nur, ich möchte sagen, eine Einzelanwendung des allgemeinen Satzes, daß dasjenige, was äußerlich an den Menschen herantritt, im Inneren vom Menschen ganz durchgearbeitet werden muß. Man muß, wenn man für die Gesundheit eines Menschen sorgen will, vor allem dafür sorgen, daß nichts in den Menschen hineinkommt, was so bleibt, wie es ist, was nicht bis in das geringste Atom hinein vom menschlichen Organismus umgearbeitet werden kann. Das bezieht sich nicht nur auf Stoffe, das bezieht sich zum Beispiel auch auf Kräfte.

Die äußere Wärme, die Wärme, die wir fühlen, wenn wir die Dinge angreifen, die äußere Wärme, die die Luft hat, sie muß, wenn sie vom menschlichen Organismus aufgenommen wird, umgewandelt werden so, daß tatsächlich die Wärme selbst im Menschen, wenn ich mich so ausdrücken darf, auf einem anderen Niveau liegt als außerhalb. Wenn ich das Wärmeniveau, das die äußere Wärme hat, mit diesem bezeichne (es wird gezeichnet), so muß sie, wenn sie von uns aufgenommen wird, innerlich etwas umgewandelt werden, so daß überall in das, worinnen wir nicht sind, in der äußeren Wärme, der Organismus eingreift. Auch in jedes kleinste Wärmequantum muß der Organismus eingreifen.

Nun denken Sie sich, ich gehe durch die Kälte, und weil die Kälte zu groß ist, oder weil die Kälte in bewegter Luft oder im Luftzug flackert, bin ich nicht imstande, so schnell, wie es notwendig wäre, die Welten wärme in meine eigene Wärme zu verwandeln. Dabei komme ich in die Gefahr, von der Weltenwärme erwärmt zu werden wie ein Stück Holz oder gar wie ein Stein, die von außen erwärmt werden. Das darf nicht sein. Ich darf nicht der Gefahr ausgesetzt werden, die äußere Wärme bloß wie einen Gegenstand in mich überfließen zu lassen. Ich muß in jedem Augenblicke in der Lage sein, von den Stellen meiner Haut an sofort die Wärme zu ergreifen und zu meiner eigenen zu machen. Bin ich das nicht imstande, so tritt die Erkältung ein. Das ist der innere Vorgang der Erkältung. Die Erkältung ist eine Vergiftung durch äußere Wärme, die nicht vom Organismus in Besitz genommen worden ist.

Sie sehen, alles das, was draußen in der Welt ist, ist Gift für den Menschen, richtiges Gift, und wird erst dadurch etwas für den Menschen Brauchbares, daß der Mensch Besitz von ihm ergreift durch seine eigenen Kräfte. Denn nur vom Menschen gehen die Kräfte dann in menschlicher Weise hinauf zu den höheren Hierarchien; während sie draußen bei den elementarischen Naturwesen, bei den Elementargeistern bleiben. Beim Menschen muß diese wunderbare Umwandelung geschehen, daß die Elementargeister in der menschlichen Organisation ihre Arbeit den höheren Hierarchien übergeben können. Das kann für das Mineralische nur der Fall sein, wenn das Mineralische ganz und gar in Wärmeätherisches umgewandelt wird.

Sehen wir uns die Pflanzenwelt an. Diese Pflanzenwelt hat in der Tat etwas für den Menschen in mannigfaltiger Weise Bezauberndes, wenn er beginnt, mit dem Auge des Geistes die Pflanzendecke der Erde zu betrachten. Wir gehen hinaus auf die Wiese oder irgendwohin in den Wald. Wir graben uns meinetwillen eine Pflanze mit der Wurzel aus. Schauen wir das, was wir da ausgegraben haben, mit dem Auge des Geistes an, so haben wir eigentlich eine wunderbare zauberische Zusammenstellung. Die Wurzel erweist sich als etwas, von dem man eigentlich sagen kann: es ist ganz und gar aufgegangen in dem Irdischen. Ach, eine Pflanzenwurzel, je brutaler sie sich vor uns hinstellt, ist eigentlich etwas so furchtbar Irdisches. Denn es erinnert einen eine Pflanzenwurzel, besonders, sagen wir eine Rübenwurzel, eigentlich immer an einen satten Bankier. Ja, es ist so; es ist die Pflanzenwurzel so ungeheuer behäbig, so zufrieden mit sich. Sie hat die Salze der Erde in sich aufgenommen und fühlt sich so wohlig in diesem Gefühl, die Erde in sich aufgesogen zu haben. Es gibt eigentlich unter allem Irdischen nichts Zufriedeneres als solch eine Rübenwurzel, sie ist der Repräsentant des Wurzelhaften.

Schauen wir dagegen die Blüte an. Wir können eigentlich nicht anders, wenn wir ihr gegenüberstehen mit dem Auge des Geistes, als sie zu empfinden wie unsere eigene Seele, wenn diese die zartesten Wünsche hegt. Sehen Sie sich nur einmal so eine richtige Frühlingsblüte an; sie ist ja im Grunde genommen ein Wunschhauch; sie ist die Verkörperung einer Sehnsucht. Und es gießt sich eigentlich, wenn wir dazu zarten Seelensinn genug haben, über die Blütenwelt, die uns umgibt, etwas Wunderbares aus.

Wir sehen im Frühling das Veilchen oder meinetwillen den Märzbecher oder das Maiglöcklein oder manches gelbblühende Pflänzchen, und wir werden ergriffen davon, so wie wenn uns alle diese frühlingsblühenden Pflanzen sagen wollten: Ach, Mensch, wie rein und unschuldig kannst du eigentlich deine Wünsche nach dem Geistigen hin richten. - Die geistige Wunschnatur, ich möchte sagen, die in Frömmigkeit getauchte Wunschnatur sprießt und sproßt aus jeder Frühlingsblüte. Wenn dann die späteren Blüten kommen - nehmen wir gleich das Extrem, nehmen wir die Herbstzeitlose -, ja, kann man denn mit Seelensinn die Herbstzeitlose anschauen, ohne ein leises Schamgefühl zu haben? Mahnt sie uns denn nicht daran, daß unsere Wünsche unrein werden können, daß unsere Wünsche durchzogen werden können von den mannigfaltigsten Unlauterkeiten? Man möchte sagen, die Herbstzeitlosen sprechen von allen Seiten so zu uns, als wenn sie uns fortwährend zuraunen wollten: Schaue auf deine Wunschwelt hin, o Mensch, wie leicht du ein Sünder werden kannst.

Und so ist eigentlich die Pflanzenwelt der äußere Naturspiegel des menschlichen Gewissens. Man kann sich nichts Poetischeres denken, als diese im Inneren wie aus einem Punkt herauskommende Gewissensstimme verteilt zu denken auf die mannigfaltigsten Pflanzenblütenfor-men, die uns die Jahreszeiten hindurch so zur Seele reden, in der mannigfaltigsten Weise zur Seele reden. Die Pflanzenwelt ist der ausgebreitete Spiegel des Gewissens, wenn wir nur die Pflanzenwelt in der richtigen Weise anzusehen wissen. Wenn wir dies ins Auge fassen, dann wird es uns besonders wichtig werden, auf die Pflanzenblüte hinzuschauen, zu vergleichen, wie die Blüte eigentlich die Sehnsucht ist nach den Lichtweiten des Weltenalls, wie die Blüte förmlich hinaufwächst, um die Wünsche der Erde den Lichtweiten des Weltenalls entgegenzuströmen, und wie auf der anderen Seite die behäbige Wurzel die Pflanze erdengefesselt macht; wie die Wurzel es ist, welche fortdauernd der Pflanze abringt ihr Himmelswünschen und es in Erdenbehaglichkeit umgestalten will.

Wir lernen begreifen, warum das so ist, wenn wir in der Evolutionsgeschichte der Erde darauf kommen, daß dasjenige, was in der Wurzel der Pflanze vorliegt, immer veranlagt worden ist in der Zeit, als der Mond noch bei der Erde war. In der Zeit, als der Mond noch bei der Erde war, wirkten die im Monde verankerten Kräfte innerhalb des Erdenkörpers so stark, daß sie die Pflanzen fast nur zur Wurzel werden ließen. Als der Mond noch bei der Erde war und die Erde noch eine ganz andere Substanz hatte, da breitete sich mächtig nach dem Unteren hin das Wurzelhafte aus. Und man kann dies so darstellen, daß man sagt, nach unten hin breitete sich das Pflanzen-Wurzelhafte mächtig aus, und nach oben guckten die Pflanzen nur heraus in das Weltenall (Tafel VII links, blau). Ich möchte sagen, wie feine Härchen trieben die Pflanzen ihre Triebe nach dem Weltenall hinaus. So daß man das Gefühl hat: während der Mond noch bei der Erde ist, fesselt dieser Mond, fesseln diese Mondenkräfte, die im Erdenkörper selber enthalten sind, das Pflanzliche an das Irdische. Und dasjenige, was dazumal sich in das Pflanzliche hineinversetzt hat, das bleibt dann in der Anlage im Wurzelhaften weiter.

Aber seit jener Zeit, wo der Mond die Erde verlassen hat, da entfaltet sich die Sehnsucht in den früher nur kleinen, winzigen Trieben, die hinauslugten nach dem Weltenall, da entfaltete sich die Sehnsucht nach den Weiten, nach den Lichtweiten des Weltenalls, und es entstand das Blütenhafte. So daß gewissermaßen der Mondenausgang für das Pflanzenreich eine Art von Befreiung war, eine richtige Befreiung.

Aber wir müssen dabei doch ins Auge fassen, wie alles, was irdisch ist, in dem Geiste urständet. Während der alten Saturnzeit - nehmen Sie nur die Beschreibung, die ich in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» gegeben habe - war die Erde völlig geistig, lebte nur im wärmeätherischen Elemente, war ganz geistig. Aus dem Geistigen heraus hat sich ja erst das Irdische gebildet.

Nun schauen wir uns die Pflanze an. Sie trägt in ihrer Gestalt die lebendige Erinnerung an die Evolution mit sich. Sie trägt in ihrem Wurzelhaften mit sich das Erdigwerden, das Physisch-Stofflichwerden. Schauen wir die Pflanzenwurzel an, so finden wir des weiteren, daß sie uns sagt, sie ist nur möglich geworden dadurch, daß sich aus dem Geistigen heraus das Irdisch-Stoffliche entwickelt hat. Kaum ist aber die Erde entlastet vom Mondenhaften, da strebt die Pflanze wiederum zurück zu den Lichtweiten.

Wenn man nun das Pflanzliche als Nahrung genießt, dann gibt man der Pflanze Gelegenheit, das, was sie außen in der Natur schon begonnen hat, richtig fortzusetzen, zurückzustreben nicht nur zu den Lichtweiten des Kosmos, sondern zu den Geistweiten des Kosmos. Daher kommt es, daß wir das Pflanzliche, wie ich gestern gesagt habe, bis zum Luftartigen, bis zum Gasigen treiben müssen, damit das Pflanzliche seiner Sehnsucht nach den Lichtes-Geistesweiten folgen kann.

Ich gehe hinaus auf die Wiese. Ich schaue es der Blumenblüte, der Pflanzenblüte ab, wie sie nach dem Lichte strebt. Der Mensch genießt die Pflanze. Er hat in sich eine ganz andere Welt als draußen in der Umgebung. Er kann das, was die Pflanze draußen als Sehnsucht in der Blüte ausdrückt, in sich zur Erfüllung bringen. Wir sehen die in der Natur ausgebreitete Sehnsuchtswelt der Pflanzen. Wir genießen die Pflanzen. Wir treiben diese Sehnsucht der geistigen Welt in uns entgegen. Wir müssen dazu die Pflanzen ins Luftreich erheben, damit sie im leichteren Luftreiche die Möglichkeit haben, dem Geistigen entgegenzustreben.

Da macht die Pflanze einen sonderbaren Prozeß durch. Da geschieht, wenn der Mensch das Pflanzliche genießt, das Folgende: Wenn wir hier schematisch das Wurzelhafte haben (Tafel VII, Mitte rechts), dann dasjenige, was durch das Blatt zur Blüte strebt, dann haben wir bei diesem Luftartigwerden des Pflanzlichen innerlich ein völliges Umstülpen des Pflanzenwesens zu durchleben. Die Wurzel, die eben dadurch, daß sie in der Erde lebt, erdengefesselt ist, sie strebt hinauf; sie strebt am mächtigsten hinauf nach dem Geistigen und läßt das Blütenstreben hinter sich zurück. Es ist tatsächlich so, wie wenn Sie das Pflanzliche sich vorstellen würden in dieser Weise nach unten entfaltet, und Sie das Untere hier innen durchstecken könnten, so daß das Obere unten und das Untere oben wird [umgekehrtes Taschentuch]. Die Pflanze stülpt sich vollständig um. In sich selber gestaltet sie sich so, daß das Untere oben und das Obere unten ist. Was schon bis zur Blüte gediehen ist, das hat sozusagen im materiellen Streben das Licht genossen, hat die Materie bis zum Licht hinaufgebracht. Dadurch muß es zur Strafe das erleiden, daß es jetzt auch unten bleiben muß. Die Wurzel ist der Sklave des Irdischen gewesen; aber, das sehen Sie schon aus Goethes Pflanzenmetamorphosenlehre, sie trägt zugleich die gesamte Pflanzennatur in sich. Sie strebt nach aufwärts.

Ja, wenn der Mensch einmal ein hartnäckiger Sünder ist, dann will er es auch bleiben. Die Wurzel der Pflanze, die, solange sie erdengefesselt ist, auf einen den Eindruck eines satten Bankiers macht, wird sofort, wenn der Mensch sie ißt, umgewandelt und strebt nach oben, während dasjenige, was die Materie ins Licht gebracht hat, die Blüte, unten bleiben muß. So daß wir an dem, was in der Pflanze wurzelhaft ist, etwas haben, was, wenn es genossen wird, eigentlich durch seine eigene Wesenheit nach dem Kopfe des Menschen hinstrebt, während dasjenige, was gegen die Blüte zu liegt, in den unteren Regionen bleibt; das kommt im Gesamtstoffwechsel nicht bis zur Kopfbildung hinauf.

Und so haben wir das merkwürdige, wunderbare Schauspiel, daß, wenn der Mensch das Pflanzliche genießt - er braucht natürlich nicht die ganze Pflanze zu genießen, denn jedes einzelne Stück der Pflanze enthält die ganze Pflanze; wie gesagt, sehen Sie sich da Goethes Metamorphosenlehre an -, wenn der Mensch die Pflanze genießt, verwandelt sie sich in ihm in Luft, in eine Luft, die von oben nach unten pflanzlich weiterschreitet, die von oben nach unten gewissermaßen blüht.

In Zeiten, in denen man solche Dinge durch das alte instinktive Hellsehen gewußt hat, hat man die Pflanzen nach ihrer äußeren Beschaffenheit darauf angesehen, ob sie so sind, daß sie für den Kopf des Menschen etwas sein können, ob sie stark schon in der Wurzel angezeigt haben, daß sie Sehnsucht haben nach dem Geistigen. Dann wird dasjenige, was wir von ihnen genießen, sich den Kopf des Menschen gewissermaßen bei der vollen Verdauung aufsuchen und bis in den Kopf dringen, um da hinaufzustreben nach dem geistigen Kosmos und mit dem die nötige Verbindung eingehen.

Bei Pflanzen, bei denen schon ein starkes Durchdrungensein mit Astralischem, wie zum Beispiel bei den Hülsenfrüchten, da ist, da wird selbst die Frucht in den unteren Regionen bleiben, nicht hinauf wollen bis zum Kopfe, dadurch aber den Schlaf dumpf und damit den Kopf, wenn der Mensch erwacht, dumpf machen. Die Pythagoreer wollten reine Denker bleiben, nicht die Verdauung zu Hilfe nehmen bei der Kopffunktion; daher haben sie die Bohnen verboten.

In dieser Weise kann man aus dem, was da ist in der Natur, die Beziehung zum Menschlichen und zu dem, was im Menschen geschieht, ahnen. Man weiß eigentlich, wenn man geistige Initiationswissenschaft hat, gar nicht, wie die materialistische Wissenschaft zurechtkommt bei der menschlichen Verdauung - gewiß, bei der Kuhverdauung ist es anders, davon werden wir auch noch sprechen - damit, daß sie meint, das Pflanzliche wird einfach aufgenommen. Es wird nicht aufgenommen bloß, es wird total vergeistigt. Es wird in sich selber so gestaltet, daß das Unterste sich zum Obersten und das Oberste sich zum Untersten kehrt. Man kann sich keine größere Umbildung denken. Und der Mensch wird sofort krank, wenn er auch nur das kleinste Quantum einer Pflanze genießt, bei der nicht das Unterste zuoberst und das Oberste zuunterst gekehrt wird. Daraus aber ersehen Sie, daß der Mensch nichts in sich trägt, was nicht der Geist macht, denn dasjenige, was der Mensch stofflich aufnimmt, dem muß er erst eine Form geben, so daß der Geist seinen Einfluß darauf haben kann.

Wenn wir ans Tierische herangehen, dann müssen wir uns klar sein, daß das Tierische selbst zunächst die Verdauung hat, daß das Tierische aufnimmt zunächst das Pflanzliche. Sehen wir auf die Pflanzenfresser. Das Tierische nimmt das Pflanzliche in sich auf. Das ist wiederum ein sehr komplizierter Vorgang, denn indem das Tier das Pflanzliche in sich aufnimmt, kann ja das Tier keine menschliche Gestalt dem Pflanzlichen entgegensetzen. Daher kann sich im Tiere das Pflanzliche nicht von unten nach oben und von oben nach unten kehren. Das Tier hat seine Wirbelsäule parallel der Erdoberfläche. Dadurch wird dasjenige, was da geschehen will beim Verdauen, im Tiere ganz in Unordnung gebracht. (Tafel VII, rechts.) Da will das Untere nach oben, und es will das Obere nach unten, und die Sache staut sich, staut sich in sich selber, so daß die tierische Verdauung etwas wesentlich anderes ist als die menschliche Verdauung. Bei der tierischen Verdauung staut sich dasjenige, was in der Pflanze lebt. Die Folge davon ist, daß beim Tier dem Pflanzenwesen das Versprechen gegeben wird: du darfst deiner Sehnsucht nach den Weltenweiten genügen - aber es wird ihm das Versprechen nicht gehalten. Die Pflanze wird wiederum zurück zur Erde geworfen.

Dadurch aber, daß im tierischen Organismus die Pflanze zurück zur Erde geworfen wird, dringen sofort in die Pflanze, statt daß wie beim Menschen, wenn die Umkehr stattfindet, von oben die Weltengeister mit ihren Kräften eindringen, beim Tier gewisse Elementargeister ein. Und diese Elementargeister, die sind Angstgeister, Angstträger. So daß für die geistige Anschauung dieses Merkwürdige zu verfolgen ist: Das Tier selbst genießt die Nahrung, genießt sie in innerer Behaglichkeit; und während der Strom der Nahrung nach der einen Seite geht, geht ein Angststrom von Angst-Elementargeistern nach der anderen Seite. Fortwährend strömt in der Richtung der Verdauung durch den Verdauungskanal des Tieres das Wohlbehagen der Nahrungsaufnahme, und entgegengesetzt der Verdauung strömt eine furchtbare Strömung von Angst-Elementargeistigem. Das ist auch dasjenige, was die Tiere zurücklassen, wenn sie sterben. Indem die Tiere, die also nicht denjenigen Ordnungen angehören, die ich in anderer Weise schon beschrieben habe, aber auch solche, die zum Beispiel den vierfüßigen Säugetieren angehören, indem diese Tiere sterben, stirbt immer, man könnte eigentlich sagen, lebt auf in ihrem Sterben ein Wesen, das ganz aus Ängstlichkeit zusammengesetzt ist. Mit dem Tier stirbt Angst, das heißt, lebt Angst auf. Bei Raubtieren ist es so, daß sie schon diese Angst mitgenießen. Das Raubtier, das seine Beute zerreißt, genießt mit Wohlbehagen das Fleisch. Und diesem Wohlgefallen am Fleischgenusse strömt entgegen die Angst, die Furcht, die das pflanzenfressende Tier erst beim Tode von sich gibt, die das Raubtier bereits ausströmt während seines Lebens. Daher sind solche Tiere, wie Löwen, Tiger, in ihrem astralischen Leibe von Angst durchsetzt, die sie zunächst nicht spüren während ihres Lebens, die aber nach ihrem Tode diese Tiere, weil es eben entgegengesetzt dem Wohlbehagen geht, zurücktreiben; so daß die fleischfressenden Tiere sogar noch ein Nachleben haben in ihrer Gruppenseele, ein Nachleben, das ein viel furchtbareres Kamaloka darstellt, könnte man sagen, als es die Menschen jemals durchleben können, einfach dadurch, daß die Raubtiere diese Natur haben, die sie schon einmal haben.

Natürlich müssen Sie sich bei solchen Dingen vorstellen, daß das ja in einem anderen Bewußtsein erlebt wird. Also wenn Sie gleich wiederum materialistisch werden und nun anfangen zu denken, was das Raubtier erleben muß, indem Sie sich an seine Stelle versetzen, und jetzt sich denken: Wie muß solch ein Kamaloka für mich sein? - und dann anfangen, das Raubtier danach zu beurteilen, wie für Sie solch ein Kamaloka sein könnte, dann sind Sie natürlich materialistisch, eigentlich animalistisch; dann versetzen Sie sich in die tierische Natur. Natürlich, man muß diese Dinge verstehen, wenn man die Welt verstehen will, aber man darf nicht sozusagen in diese Dinge sich hineinversetzen, wie sich der Materialist für die ganze Welt in die leblose Materie hineinversetzt.

Hier beginnt ein Kapitel, über das ich ja nicht anders als seelisch spreche, denn Anthroposophie soll niemals agitatorisch auftreten, nicht für das eine und nicht für das andere eintreten, sondern nur eben die Wahrheit hinstellen. Was der Mensch dann für seine Lebensart für Konsequenzen zieht, das ist seine Sache, denn Anthroposophie gibt keine Vorschriften, sondern spricht die Wahrheiten aus. Daher werde ich niemals für die Fanatiker selber nun gewissermaßen Gebote aufstellen, die da folgen aus dem, was ein Tier gestaltet aus der Pflanzennahrung. Ich werde also von diesem Gesichtspunkte aus nicht in gebothafter Weise über Vegetarismus, Fleischessen und dergleichen sprechen, denn diese Dinge müssen schon durchaus in die Sphäre des eigenen Erwägens gelegt werden und haben eigentlich nur einen Wert, wenn sie in die Sphäre des eigenen Erlebens gelegt werden. Ich erwähne das, damit eben nicht die Meinung entsteht, Anthroposophie bedeute, für diese oder jene Ernährungsweise und dergleichen einzutreten, während sie in der Tat nur jede Art von Ernährungsweise begreiflich macht.

Dasjenige aber, was ich eben zeigen wollte, war, daß wir das Mineralische bis zum Wärmeätherischen treiben müssen, damit es das Geistige aufnehmen kann; dann wird vom Mineralischen aus, nach Aufnahme des Geistigen, der Mensch aufgebaut. Wenn der Mensch noch ganz jung ist, sagte ich, so hat er noch nicht die Kraft, das ganz Mineralische zum Wärmeätherischen zu treiben. Es wird ihm vorgearbeitet, indem er die Milch in sich aufzunehmen hat, in der schon eine Verwandlung geschehen ist, wodurch dann dasjenige, was in Wärmeätherisches verwandelt werden muß, leichter verwandelt werden kann, so daß beim Kinde die genossene Milch mit ihren Kräften sich rasch nach dem Haupte ergießt und vom Haupte aus die formbildenden Impulse entwickeln kann, wie sie beim Kinde notwendig sind. Denn die ganze Organisation des Kindes geht vom Haupte aus.

Wenn der Mensch sich diese formbildenden Kräfte in einem späteren Alter erhalten will, so tut er nicht gut, das durch den Milchgenuß zu befördern; denn dasjenige, was beim Kinde nach dem Haupte geht und durch die bis zum Zahnwechsel vorhandenen Kräfte des Hauptes in der Lage ist, gestaltend auszustrahlen in den ganzen Körper, das ist beim späteren, beim älteren Menschen nicht mehr vorhanden. Da muß dann der ganze übrige Organismus die gestaltenden Kräfte ausstrahlen. Und diese gestaltenden Kräfte für den übrigen Organismus, die können ganz besonders dadurch in ihrer Impulsivität gefördert werden, daß man irgend etwas nimmt, was anders wirkt als der Kopf.

Sehen Sie, der Kopf ist ringsherum geschlossen. In diesem Kopfe sind die kindlichen Impulse für die Gestaltung des Körpers. Im übrigen Körper, da haben wir Knochen innen, die gestaltenden Kräfte sind außen. (Tafel VII, links, gelb/weiß.) Da muß dasjenige, was die gestaltenden Kräfte sind, von außen angeregt werden. Wenn wir in den Menschen Milch hineinbringen, so werden diese gestaltenden Kräfte im Kopf angeregt, solange wir Kind sind. Wenn wir nicht mehr Kind sind, sind sie nicht mehr da. Was sollen wir denn da eigentlich dann tun, damit wir diese gestaltenden Kräfte mehr von außen anregen können?

Da wäre offenbar gut, wenn man in der Lage wäre, das, was da der Kopf tut, indem er von der Schädeldecke eingeschlossen ist, was er da ganz im Inneren drinnen tut, wenn man das in der äußeren Form haben könnte; wenn irgendwo von außen das gemacht würde, was der Kopf da im Inneren tut. Die Kräfte, die da drinnen sind, die sind für den Milchgenuß gut; wenn da die Milch in ihrer ätherischen Verwandlung drinnen ist, dann gibt sie eine gute Grundlage ab für diese Entwickelung der Kopfkräfte. Wir müßten zum Beispiel so etwas haben wie die Milch, was aber nicht im Inneren des Menschen fabriziert wird, sondern von außen fabriziert wird.

Da gibt es in der Natur etwas, was ein Kopf ist ohne die Schädeldecke, wo also von außen dieselben Kräfte wirken, die im Kopfe drinnen wirken, wo sie die Milch brauchen, sogar die Milch wieder erzeugen; denn das Kind muß die Milch erst in den wärmeätherischen Zustand überführen und sie dann wieder erzeugen. - Nun, ein Kopf, der nach allen Seiten offen ist, ist der Bienenstock. (Tafel VII, Mitte links.) Dasjenige, was die Bienen treiben, ist eigentlich dasselbe, nur in der äußeren Welt - wir geben ihnen höchstens als Unterstützung den Bienenkorb -, was der Kopf im Inneren treibt; nur ist es da nicht abgeschlossen, sondern von außen bewirkt. Wir haben dann im Bienenstock drinnen unter dem schon äußeren geistigen Einfluß dasselbe, was wir hier im Kopf unter dem geistigen Einfluß haben. Wir haben da den Honig drinnen im Bienenstock, und wenn wir den Honig nehmen und genießen ihn als älterer Mensch, dann gibt er uns für das, was jetzt mehr von außen die gestaltenden Kräfte geben muß, dieselbe Macht und Gewalt, die uns die Milch für den Kopf während des kindlichen Alters gibt.

Während wir also Kinder sind, fördern wir vom Kopfe aus die plastischen Kräfte durch den Milchgenuß; brauchen wir im späteren Alter noch plastizierende Kräfte, dann müssen wir Honig essen, und wir brauchen ihn nicht in furchtbaren Quantitäten zu essen, weil es nur darauf ankommt, die Kräfte zu haben von ihm.

Also man sieht der äußeren Natur ab, wie man dem menschlichen Leben Förderungsimpulse zuführen muß, wenn man diese äußere Natur völlig versteht. Und wenn man ein Land ausdenken wollte, wo es schöne Kinder und schöne alte Leute gibt, was müßte das für ein Land sein? Das müßte ein Land sein, wo «Milch und Honig fließt»! Sie sehen also, ein altes instinktives Schauen hat gar nicht mit Unrecht gesagt von solchen Ländern, nach denen man sich sehnte: das sind solche, «wo Milch und Honig fließt»."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes, GA 230 (1985), S 180 ff., Elfter Vortrag, Dornach, 10. November 1923


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=173letzte Änderung: 2002-09-23


Ernährung
und okkulte Entwicklung

(siehe auch -> Ernährung, geistige Hintergründe, -> Ernährung, Milch, Fleischnahrung, Vegetarismus, künftige mineralische Ernährung, -> Ernährung, und Erziehung des Kindes und -> Zucker, Zuckergenuß und Egoismus; Zuckerkrankheit)

"Nicht nur für den eigentlichen Esoteriker, sondern für jeden, der anthroposophische Gedanken in seine Seelenkräfte aufnehmen will, wird wichtig sein, einiges zu erfahren über die Veränderungen, die die ganze menschliche Wesenheit dadurch erfährt, daß entweder der Mensch solche Übungen ausführt, wie sie in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» mitgeteilt sind, oder wie sie kurz zusammengestellt sind in dem zweiten Teile meiner «Geheimwissenschaft», oder auch daß der Mensch einfach, aber mit Herz und Gemüt anthroposophische Gedanken zu seinen eigenen macht. Anthroposophie, esoterisch getrieben oder exoterisch, aber ernst getrieben, bewirkt einfach gewisse Veränderungen in der Gesamtorganisation des Menschen. Man wird - das darf kühnlich behauptet werden — ein anderer Mensch durch Anthroposophie, man verwandelt sein ganzes Menschheitsgefüge...

Besonders schwierig ist es ja, über die Veränderungen des physischen Menschenleibes zu sprechen, aus dem einfachen Grunde, weil diese Veränderungen des physischen Menschenleibes im Anfang des anthroposophischen oder esoterischen Lebens zwar wichtige, bedeutungsvolle sind, aber in einer gewissen Weise auch oft undeutlich, geringfügig zu nennen sind. Wichtige, bedeutungsvolle Veränderungen gehen mit dem physischen Leib vor sich, aber sie sind doch äußerlich, für irgendein äußeres Wissen nicht bemerkbar. Sie können auch nicht bemerkbar sein aus dem einfachen Grunde, weil das Physische dasjenige ist, was der Mensch von innen heraus am allerwenigsten in seiner Gewalt hat, und weil sogleich Gefahren kommen würden, wenn esoterische Übungen oder anthroposophischer Betrieb so eingerichtet würden, daß der physische Leib Veränderungen erfährt, die über das Maß dessen hinausgehen, was der Mensch voll zu beherrschen in der Lage ist. Innerhalb gewisser Grenzen halten sich die Veränderungen des physischen Leibes; aber es ist doch wichtig, daß der Mensch etwas davon erfährt, daß er sie sich klarmachen kann.

Soll man zunächst mit einem zusammenfassenden Worte die Veränderungen bezeichnen, die der physische Menschenleib erfährt durch die angedeuteten Bedingungen, so muß man sagen: Dieser physische Menschenleib wird in sich zunächst beweglicher und innerlich lebendiger. Beweglicher, was heißt das? Nun, im normalen Menschenleben haben wir den physischen Menschenleib so vor uns, daß seine einzelnen Organe miteinander in Kommunikation stehen, daß seine einzelnen Organe in gewisser Weise miteinander verbunden sind. Die Wirkungen der einzelnen Organe gehen ineinander über. Dadurch, daß der Mensch Esoterik oder Anthroposophie ernsthaft auf sich wirken läßt, werden die einzelnen Organe selbständiger, unabhängiger voneinander. Alle einzelnen Organe werden voneinander unabhängiger. In einer gewissen Weise wird das Gesamtleben des physischen Leibes herabgedämpft und das Eigenleben der Organe verstärkt. Wenn auch der Grad der Herabdämpfung des Gesamtlebens und der Verstärkung des Eigenlebens der Organe ein ungeheuer geringer ist, so muß man doch sagen: Durch den Einfluß von Esoterik und Anthroposophie überhaupt wird das Herz, das Gehirn, das Rückenmark, werden alle Organe selbständiger und lebendiger und unabhängiger voneinander, innerlich beweglicher. Wenn ich gelehrt sprechen wollte, müßte ich sagen: Es gehen die Organe aus einem stabilen Gleichgewichtszustand in einen mehr labilen Gleichgewichtszustand über. Diese Tatsache ist aus dem Grunde gut zu wissen, weil der Mensch sehr leicht geneigt ist, wenn er etwas wahrnimmt von diesem anderen Gleichgewichtszustand seiner Organe, es dem Umstand zuzuschreiben, daß er unpäßlich oder krank geworden ist. Er ist nicht gewohnt, so zu empfinden die Beweglichkeit, die Unabhängigkeit der Organe. Man verspürt, empfindet Organe nur dann, wenn sie anders funktionieren, als der normale Zustand ist. Nun empfindet man, wenn auch zunächst in einer sehr gelinden Weise, das Unabhängigwerden der Organe voneinander; man kann das für ein Unpäßlichwerden, für ein Erkranken halten...

Eine Grundveränderung aber in dem physischen Menschenleib ist dieses, daß man überhaupt beginnt — was recht bedenkliche Gestalten annehmen kann —, seinen physischen Leib stärker zu fühlen als vorher; er wird gewissermaßen empfindlicher für das Seelendasein, er wird schwerer erträglich. Es ist außerordentlich schwierig, sich das ganz klar zu machen, wenn dies auseinandergesetzt werden soll; allein stellen Sie sich vor ein Glas, in dem Wasser ist und in dem wäre aufgelöst Salz, so daß das eine trübe Flüssigkeit gäbe. Nehmen Sie an — für den normalen Zustand des Menschen — seinen Ätherleib, Astralleib und sein Selbst wie die Flüssigkeit, und der physische Leib sei darin aufgelöst wie das Salz. Jetzt lassen wir die Flüssigkeit hier im Glase etwas abkühlen. Da wird das Salz sich langsam herausverhärten, wird schwerer dadurch, daß es selbständiger wird. So verhärtet sich heraus aus dem gesamten Gefüge der vier Glieder der menschlichen Wesenheit der physische Leib; er schrumpft ein, wenn auch in geringfügigem Maße. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Er schrumpft in einer gewissen Weise ein. Nur müssen Sie sich das nicht stark vorstellen, so daß man nicht zu fürchten hat, daß der Mensch durch anthroposo-phische Entwicklung die allerstärksten Runzeln bekommt. Dieses Einschrumpfen ist ein In-sich-Dichterwerden. Dadurch aber zeigt er sich eigentlich erst als etwas, woran man schwerer zu tragen hat als vorher. Man empfindet ihn unbeweglicher als vorher. Dazu kommt, daß die anderen Glieder nun leichter beweglich sind. So empfindet man das, was man vorher eigentlich, wenn es ganz gesund war, gar nicht empfunden hat an sich, wozu man ganz behaglich Ich gesagt hat, das empfindet man nachher als etwas, was man wie schwerer geworden an sich trägt, was man anfängt zu verspüren in seiner Gänze. Und insbesondere fängt man an, in seinem Leibe alle diejenigen Einschlüsse zu verspüren, welche sozusagen innerhalb dieses physischen Leibes ein gewisses, von vornherein selbständiges Dasein führen. Und hier kommen wir auf eine Frage, die eigentlich nur in diesem Zusammenhang zum vollen Verständnis gebracht werden kann — aber selbstverständlich wird damit keine Agitation getrieben, sondern nur die Wahrheit hingestellt —, wir kommen auf die Frage der Fleischkost.

Da müssen wir uns einmal, weil wir es hier mit dem physischen Leib zu tun haben, einlassen auf die Beschreibung des Wesens der Fleisch- und auch der Pflanzennahrung, der Nahrung überhaupt. Das alles soll eine Episode bilden bei der Besprechung der Einflüsse anthroposophischen Lebens auf die Hüllen des Menschen, was so charakterisiert werden kann, daß es genannt wird die Ergänzung, die Regeneration dieses physischen Leibes von außen herein durch das, was er an äußerer Substanz aufnimmt. Man versteht das Verhältnis des Menschen zu seinen Nahrungsmitteln dann recht, wenn man das Verhältnis des Menschen zu den übrigen Naturreichen, zunächst zum Pflanzenreich ins Auge faßt. Das Pflanzenreich, als ein Reich des Lebens, führt die anorganischen Stoffe, die leblosen Stoffe bis zu einer gewissen Organisation herauf. Daß die lebendige Pflanze werde, das setzt voraus, daß die leblosen Stoffe in einer gewissen Weise — wie eben in einem lebendigen Laboratorium — verarbeitet werden bis zu einer gewissen Stufe der Organisation herauf. So daß wir in der Pflanze ein Lebewesen vor uns haben, welches die leblosen Naturprodukte bis zu einer gewissen Stufe der Organisation bringt. Der Mensch ist nun so organisiert als physischer Organismus, daß er in der Lage ist, den Organisationsprozeß da aufzunehmen, bis wohin die Pflanze ihn gebracht hat, und dann ihn von dem Punkte an weiterzuführen, so daß der höhere Menschenorganismus entsteht, wenn der Mensch das, was die Pflanze bis zu einem gewissen Grade organisiert hat, weiterorganisiert. Es verhalten sich die Dinge ganz genau so, daß dann eigentlich eine vollständige Kontinuation da ist, wenn der Mensch einen Apfel oder ein Baumblatt abpflückt und ißt. Das ist die vollständigste Kon-tinuation. Würden alle Dinge so vorliegen, daß immer das Aller-natürlichste könnte getan werden, so würde man sagen können: Das Natürlichste wäre, daß der Mensch einfach den Organisationsprozeß da fortsetzt, wo ihn die Pflanze stehengelassen hat, das heißt die Pflanzenorgane so nimmt, wie sie sich draußen darbieten, und von da aus in sich selber weiterorganisiert. Das würde eine gerade Linie der Organisation geben, die nirgends irgendwie durchbrochen wäre: von der leblosen Substanz bis zur Pflanze, bis zu einem gewissen Punkt der Organisation, und von diesem Punkt bis zum menschlichen Organismus hindurch.

Nehmen wir nun gleich das Gröbste: der Mensch genießt das Tier. Im Tier haben wir ein Lebewesen vor uns, welches den Organisationsprozeß auch schon weiterführt als die Pflanze, bis zu einqm gewissen Punkte über die Pflanzenorganisation hinausführt. So daß wir von dem Tiere sagen können, es setzt den Organisationsprozeß der Pflanze fort. Nehmen wir nun an, der Mensch ißt das Tier. Da tritt in einer gewissen Weise das Folgende ein: der Mensch hat jetzt nicht nötig, das an inneren Kräften anzuwenden, was er hätte anwenden müssen bei der Pflanze. Hätte er da angefangen, die Nahrungsmittel organisieren zu müssen, wo die Pflanze aufgehört hat, dann hätte er eine gewisse Summe von Kräften anwenden müssen. Die bleibt nun ungenützt, wenn er das Tier ißt; denn das Tier hat die Organisation der Pflanze schon bis zu einem gewissen höheren Punkte heraufgeführt; erst da braucht der Mensch jetzt anzufangen. Wir können also sagen: Der Mensch setzt nicht die Organisation da fort, wo er sie fortsetzen könnte, sondern er läßt Kräfte, die in ihm sind, ungenützt und setzt später die Organisation fort; er läßt sich von dem Tiere einen Teil der Arbeit abnehmen, den er leisten müßte, wenn er die Pflanze genießen würde. Nun besteht das Wohlsein eines Organismus nicht darin, daß er möglichst wenig leistet, sondern darin, daß er alle seine Kräfte wirklich in Tätigkeit bringt. Wenn der Mensch tierische Nahrung zu sich nimmt, so macht er mit denjenigen Kräften, welche organische Tätigkeiten entwickeln würden, wenn er nur Pflanzen äße, etwas ähnliches, wie wenn er auf seinen linken Arm verzichten würde, ihn anbinden würde, so daß er nicht benützt werden kann. So bindet der Mensch, wenn er Tiere ißt, innere Kräfte an, die er sonst aufrufen würde, wenn er nur Pflanzen äße. Er verurteilt also eine gewisse Summe von Kräften in sich zur Untätigkeit. Alles, was so zur Untätigkeit im menschlichen Organismus verurteilt wird, bewirkt zugleich, daß die betreffenden Organisationen, welche sonst tätig wären, brachgelegt werden, gelähmt, verhärtet werden. So daß der Mensch einen Teil seines Organismus tötet oder wenigstens lahmt, wenn er das Tier genießt. Diesen Teil seines Organismus, den der Mensch so in sich verhärtet, den trägt er dann mit durch das Leben wie einen Fremdkörper. Diesen Fremdkörper fühlt er im normalen Leben nicht. Wenn aber der Organismus so innerlich beweglich wird und seine Organsysteme voneinander unabhängiger werden, so wie es im anthroposophischen Leben geschieht, dann beginnt der physische Leib, der ohnedies schon, wie wir charakterisiert haben, sich unbehaglich fühlt, sich noch unbehaglicher zu fühlen, weil er ja jetzt einen Fremdkörper in sich hat.

Wie gesagt, es soll nicht agitiert, sondern nur die Wahrheit an sich hingestellt werden. Und wir werden andere Wirkungen der tierischen Nahrung noch kennenlernen; wir werden diesmal genötigt sein, dieses Kapitel ausführlich zu besprechen. Daher also kommt es, daß Fortschritt an innerem anthroposophischem Leben allmählich eine Art von Ekel erzeugt an tierischer Nahrung. Nicht als ob man dem Anthroposophen die tierische Nahrung verbieten müßte; sondern das gesund fortschreitende Instinktleben wehrt sich nach und nach gegen die tierische Nahrung und mag sie auch nicht mehr; und das ist auch viel besser, als wenn der Mensch aus irgendeinem abstrakten Grundsatz heraus Vegetarier wird. Das beste ist, wenn die Anthroposophie den Menschen dazu bringt, eine Art Ekel und Abscheu vor der Fleischnahrung zu haben, und es hat nicht viel Wert in bezug auf das, was man seine höhere Entwicklung nennen kann, wenn der Mensch auf andere Weise sich die Fleischnahrung abgewöhnt. So daß man sagen kann: Die tierische Nahrung bewirkt in dem Menschen etwas, was für den physischen Leib des Menschen eine Last wird, und diese Last wird empfunden. Das ist der okkulte Tatbestand von einer Seite.

Von einer anderen Seite werden wir ihn noch charakterisieren. Ich möchte als anderes Beispiel noch den Alkohol erwähnen. Auch das Verhältnis des Menschen zum Alkohol ist einer Veränderung unterworfen, wenn der Mensch sich innerlich lebendig, ernst mit Anthroposophie durchdringt. Der Alkohol nämlich ist ja etwas noch ganz Besonderes sozusagen in den Reichen der Natur. Er erweist sich nicht nur als eine Last-Erzeugung im menschlichen Organismus, sondern er erweist sich direkt als oppositionelle Gewalt im menschlichen Organismus erzeugend. Denn wenn wir die Pflanze betrachten, so bringt sie es in ihrer Organisation bis zu einem gewissen Punkt - mit Ausnahme der Weinrebe, die es über diesen Punkt hinausbringt. Was die übrigen Pflanzen sich einzig und allein aufsparen für den jungen Keim, alle die Triebkraft, die sonst nur für den jungen Keim aufgespart wird und nicht in das übrige der Pflanze sich ergießt, das ergießt sich bei der Weintraube auch in einer gewissen Weise in das Fruchtfleisch; so daß durch die sogenannte Gärung, durch die Verwandlung dessen, was sich da in die Weintraube hineinergießt, was in der Traube selbst zur höchsten Spannung gebracht worden ist, etwas erzeugt wird, was in der Tat innerhalb der Pflanze eine Gewalt hat, welche nur verglichen werden kann okkultistisch mit der Gewalt, die das Ich des Menschen über das Blut hat. Was also bei der Weinerzeugung entsteht, was bei der Alkoholerzeugung sich immer bildet, ist, daß in einem anderen Naturreich dasjenige erzeugt wird, was der Mensch erzeugen muß, wenn er von seinem Ich aus auf das Blut wirkt.

Wir wissen ja, daß eine innige Beziehung besteht zwischen dem Ich und dem Blut. Sie kann schon äußerlich charakterisiert werden dadurch, daß wenn im Ich Scham empfunden wird, die Schamröte dem Menschen ins Gesicht steigt, wenn in dem Ich Furcht, Angst empfunden wird, der Mensch erblaßt. Diese Wirkung von dem Ich auf das Blut, die aber auch sonst vorhanden ist, die ist okkultistisch ganz ähnlich derjenigen Wirkung, welche entsteht, wenn der Pflanzenprozeß zurückgebildet wird, so daß das, was in dem Fruchtfleisch der Weintraube ist oder was überhaupt aus dem Pflanzlichen kommt, zum Alkohol umgebildet wird. Das Ich muß, wie gesagt, normal einen ganz ähnlichen Prozeß im Blut erzeugen — okkultistisch gesprochen, nicht chemisch —, wie erzeugt wird durch das gleichsam Rückgängigmachen des Organisationsprozesses, durch das bloße Chemischmachen des Organisationsprozesses, wenn Alkohol erzeugt wird. Die Folge davon ist, daß wir durch den Alkohol etwas in unseren Organismus einführen, was von der anderen Seite her so wirkt, wie das Ich auf das Blut wirkt. Das heißt, wir haben ein Gegen-Ich in dem Alkohol in uns aufgenommen, ein Ich, das direkt ein Kämpfer ist gegen die Taten unseres geistigen Ich. Von der anderen Seite her wird auf das Blut gerade so gewirkt durch den Alkohol, wie von dem Ich auf das Blut gewirkt wird. So daß wir also einen inneren Krieg entfesseln und im Grunde alles das, was von dem Ich ausgeht, zur Machtlosigkeit verdammen, wenn wir ihm einen Gegenkämpfer entgegenstellen im Alkohol. Dies ist der okkulte Tatbestand. Derjenige, welcher keinen Alkohol trinkt, sichert sich die freie Möglichkeit, von seinem Ich aus auf das Blut zu wirken; derjenige, der Alkohol trinkt, der macht es gerade so wie jemand, der eine Wand einreißen will und nach der einen Seite schlägt, gleichzeitig aber auf der anderen Seite Leute aufstellt, die ihm entgegenschlagen. Ganz genau so wird durch den Genuß des Alkohols eliminiert die Tätigkeit des Ich auf das Blut.

Daher empfindet derjenige, welcher Anthroposophie zu seinem Lebenselement macht, die Arbeit des Alkohols im Blute als direkten Kampf gegen sein Ich, und es ist daher nur natürlich, daß eine wirkliche geistige Entwicklung nur leicht vor sich gehen kann, wenn man ihr nicht diese Widerlage schafft. Wir sehen gerade aus diesem Beispiel, wie das, was ja sonst auch vorhanden ist, durch das veränderte Gleichgewicht, welches eintritt im physischen Leib, für den Esoteriker oder Anthroposophen wahrnehmbar wird."[1]

"Sie werden gesehen haben ..., daß unter den charakterisierten Einflüssen der physische Leib des Menschen gewissermaßen lebendiger, in sich beweglicher wird; daß er daher in einer gewissen Weise auch unbehaglicher werden kann. Man erlebt ihn in einer gewissen Weise mehr mit, als man ihn bei dem äußeren, exoterischen, sogenannten normalen Leben des Menschen miterlebt. Wir werden auch noch bei den anderen Hüllen von dem Unterschied der vegetabilischen von der tierischen Nahrung zu sprechen haben; aber für die Gestaltung und Organisation des physischen Leibes ist denn doch der Unterschied zwischen vegetabilischer und tierischer Nahrung ein außerordentlich großer. Immer muß natürlich betont werden, daß es nicht unsere Aufgabe sein kann, für die eine oder andere Ernährungsweise Propaganda zu machen, sondern nur das zu sagen, was richtig, was wahr ist auf diesem Gebiete; und die Tatsachen, die in Betracht kommen, sie werden durch die Entwicklung der Seele Erfahrungstatsache.

Eine Erfahrungstatsache wird vor allen Dingen diejenige, daß unsere physische Hülle an der tierischen Ernährung mehr zu tragen, mehr gleichsam mitzuschleppen hat als an der vegetabilischen Ernährung. Wir haben ja gestern betont, daß der physische Leib gleichsam schrumpft, sich herauslöst aus den höheren geistigen Gliedern durch die Entwicklung.

Wenn ihm nun tierische Nahrung zugeführt wird, so zeigt sich diese tierische Nahrung, wie gestern charakterisiert worden ist, auch noch dadurch, daß sie erlebt wird wie etwas, was sich als ein starker Fremdstoff in den menschlichen Organismus eingliedert, was man fühlen lernt, wenn ein radikaler Ausdruck gebraucht werden darf, wie einen Pfahl, den man sich ins Fleisch hineingefügt hat.

In dieser Beziehung erlebt man bei einer esoterischen Entwicklung sozusagen die Erdenschwere der tierischen Nahrung mehr, als man sie sonst erlebt, und man erlebt vor allen Dingen die Tatsache, daß die tierische Nahrung das instinktive Willensleben anfeuert. Das Willensleben, das mehr unbewußt verläuft, das mehr in Affekten und Leidenschaften verläuft, das feuert die tierische Nahrung an. Es ist daher eine durchaus richtige äußere Beobachtung, wenn gesagt wird, daß kriegerische Völkerschaften mehr der tierischen Nahrung zuneigen als friedfertige Völkerschaften. Das aber braucht durchaus nicht etwa zu dem Glauben zu verleiten, als ob die vegetabilische Nahrung allen Mut und alle Tatkraft aus dem Menschen heraustreiben müsse. Wir werden ja sehen, wie das, was der Mensch in einer gewissen Weise durch Entziehung der tierischen Nahrung an Instinkten, an aggressiven Leidenschaften und Affekten verliert — es wird sich ja das alles erst besprechen lassen bei der Darstellung des astralischen Leibes —, daß alles das ersetzt wird von innen heraus von dem Seelischen. Aber alle diese Dinge hängen zusammen mit der ganzen Stellung des Menschen und unserer übrigen Naturreiche zum Kosmos, und man erlangt nach und nach, wenn man das auch noch nicht durch höheres Hellsehen erreicht, eine Art Beweis, eine Art Bestätigung dessen, was der Okkultist konstatiert über Zusammenhänge des menschlichen Lebens mit dem Kosmos. Man erlangt eine Art Beweis dafür, wenn man durch dieses Miterleben der beweglicher, lebendiger gewordenen Vorgänge des physischen Leibes gewissermaßen am eigenen Leibe die Natur und Eigentümlichkeit der als Nahrungsmittel verwendeten Substanzen der Erde kennenlernt.

Sehen Sie, es ist zum Beispiel interessant, zu vergleichen dreierlei Arten von Nahrungsmitteln in bezug auf ihre kosmische Bedeutung: das ist die Milch und alles, was mit ihr zusammenhängt, das ist die Pflanzenwelt und alles, was mit ihr zusammenhängt, nämlich aus ihr bereitet wird, und das ist die tierische Nahrung. Milch, Pflanzen, Tier als Nahrungsmittel, man kann sie in einer gewissen Weise vergleichen lernen, wenn man empfänglicher gemacht worden ist durch die esoterische Entwicklung für das, was man an diesen Nahrungsmitteln erlebt; und dann wird man auch leichter überschauen lernen die Bestätigungen, die sich durch eine vernünftige Betrachtung der Außenwelt ergeben. Wenn Sie okkultistisch die Welt durchforschen würden, würden Sie das, was Milchsubstanz ist, auf der Erde, aber auf keinem anderen Planeten unseres Sonnensystems finden. Was produziert wird innerhalb der Lebewesen in ähnlicher Weise auf anderen Planeten unseres Sonnensystems, würde sich Ihnen als etwas ganz anderes, als die irdische Milch ist, darstellen. Die Milch ist etwas spezifisch Irdisches. Und wenn man das generalisieren wollte, was Milch ist, so müßte man sagen: Die Lebewesen eines jeden Planetensystems haben ihre eigene Milch.

Wenn man das Pflanzensystem unserer Erde untersucht und es okkultistisch vergleicht mit den Pflanzensystemen anderer Planeten, mit dem, was damit verglichen werden kann, so muß man sagen: Zwar sind die Formen verschieden der Pflanzenwesenheit auf der Erde und der Pflanzenwesenheit auf anderen Planeten unseres Sonnensystems, aber das innere Wesen der Pflanze auf der Erde ist doch nicht bloß ein irdisches, sondern ein zum Sonnensystem gehöriges; das heißt, die Pflanzenwesenheit unserer Erde ist verwandt mit der Pflanzenwesenheit der anderen Planeten unseres Sonnensystems, so daß wir in den Pflanzen gleichsam hereinragen haben etwas, was sich finden ließe auch auf anderen Planeten unseres Systems. Was die Tierwelt betrifft, so folgt es ja schon aus dem, was über die Milch gesagt worden und außerdem sonst okkultistisch sehr leicht zu konstatieren ist, daß sie radikal verschieden ist als irdische Tierwelt von all dem, was Ähnliches auf anderen Planeten gefunden werden könnte. Wenn man nun das Erlebnis sozusagen der Milchnahrung nimmt, so zeigt sich die Milchnahrung vor dem Blick, vor dem Erlebnis des Okkultisten so, daß sie für den Menschenleib — wir wollen bei dem Menschen bleiben — dasjenige bedeutet, was ihn sozusagen an die Erde, an unseren Planeten fesselt, was ihn zusammenbringt mit dem Menschengeschlecht auf der Erde als zu einer gemeinsamen Gattung mit diesem Menschengeschlecht gehörig. Daß die Menschen ein Ganzes ausmachen auch in bezug auf das physische Hüllensystem, das wird mit befördert dadurch, daß Lebendiges Nahrung für Lebendiges im tierischen Sinn bereitet. Und man kann sagen: Alles das, was durch die Milchnahrung dem menschlichen Organismus zugeführt wird, das bereitet ihn dazu, ein menschliches Erdengeschöpf zu sein, bringt ihn zusammen mit den Verhältnissen der Erde, aber es fesselt ihn nicht eigentlich an die Erde. Es macht ihn zum Erdenbürger und hindert ihn nicht, ein Bürger des ganzen Sonnensystems zu sein.

Anders ist es bei der Fleischnahrung. Die Fleischnahrung, die entnommen ist dem Reich, das spezifisch irdisch ist, und die entnommen ist nicht so wie die Milch dem unmittelbaren Lebensprozeß des menschlichen oder tierischen Lebewesens, sondern die entnommen ist demjenigen Teil der tierischen Substanz, die schon zubereitet ist für das Tier, diese Fleischnahrung fesselt den Menschen speziell an die Erde, macht ihn zum Erdengeschöpf so, daß man sagen muß: So viel der Mensch seinen eigenen Organismus durchdringt mit den Wirkungen der Fleischnahrung, so viel entzieht er sich an Kräften, um überhaupt von der Erde loszukommen. Er verbindet sich durch die Fleischnahrung im eminentesten Sinn mit dem Erdenplaneten. Während ihn die Milchnahrung fähig macht, sozusagen der Erde anzugehören wie einem Durchgangsorte seiner Entwicklung, verurteilt den Menschen die Fleischnahrung dazu, wenn er nicht durch anderes erhoben wird, den Erdenaufenthalt wie zu einem dauernden zu gestalten, zu einem solchen, an den er sich völlig anpaßt. Und der Entschluß, Milchnahrung zu sich zu nehmen, bedeutet gleichsam: Ich will mich auf der Erde aufhalten, auf der Erde meine Mission erfüllen können, aber nicht ausschließlich für die Erde da sein. Der Wille zur Fleischnahrung bedeutet: Mir sagt das Erdendasein so zu, daß ich auf alle Himmel verzichte und am liebsten ganz und gar aufgehen würde in den Verhältnissen des Erdendaseins.

Die Pflanzennahrung ist eine solche, daß sie in dem Organismus jene Kräfte rege macht, welche den Menschen in eine Art kosmische Verbindung bringen mit dem ganzen planetarischen System. Das, was der Mensch zu vollbringen hat, wenn er die Pflanzennahrung in seinem eigenen Organismus weiterverarbeitet, das regt Kräfte an, die im ganzen Sonnensystem enthalten sind, so daß der Mensch in seiner physischen Hülle ein Anteilnehmer an den Kräften des ganzen Sonnensystems wird, also sich ihnen nicht fremd macht, sich aus ihnen nicht herausreißt. Das ist etwas, was in gewisser Beziehung wirklich nach und nach die Seele, die sich anthroposophisch oder esoterisch entwickelt, an sich erleben kann, daß sie in gewisser Beziehung mit der Pflanzennahrung etwas nicht Erdenschweres, sondern etwas der Sonne, das heißt dem Zentralkörper des ganzen Planetensystems Eigenes in sich aufnimmt. Die Leichtigkeit des Organismus, die er erhält durch die Pflanzennahrung, die hebt über die Erdenschwere hinweg, die macht eine gewisse innere — man möchte sagen — nach und nach wie zur Geschmacksempfindung sich ausbildende Erlebnisfähigkeit im menschlichen Organismus möglich: daß es ihm ist, diesem Organismus, wie wenn er mit den Pflanzen in der Tat in einer gewissen Weise das Sonnenlicht, das in den Pflanzen ja so viel Arbeit leistet, wirklich mitgenießen würde.

Aus dem, was gesagt worden ist, können Sie entnehmen, daß es gerade bei der okkultistischen, bei der esoterischen Entwicklung eine ungeheure Bedeutung hat, nicht sich sozusagen an die Erde zu fesseln, mit aller Erdenschwere sich auszustatten durch den Fleischgenuß, wenn er entbehrt werden kann nach den individuellen und Vererbungsverhältnissen; die eigentliche Entscheidung kann ja immer nur nach den persönlichen Verhältnissen des einzelnen Menschen ausfallen. Eine wirkliche Erleichterung also der ganzen Entwicklung des Menschenlebens wird es bedeuten, wenn der Mensch sich von dem Fleischgenuß enthalten kann. Dagegen beginnen schon gewisse Bedenklichkeiten, wenn der Mensch fanatischer Vegetarier in dem Sinn sein wollte, daß er alle Milch und alle Milchprodukte meiden wollte. Gerade bei der Entwicklung der Seele nach dem Geistigen hin kann das gewisse Gefahren einschließen, und zwar aus dem Grunde, weil der Mensch sehr leicht dadurch, daß er allen Milchgenuß und allen Genuß dessen, was damit zusammenhängt, meidet, leicht zu einem gewissen bloßen Lieben des von der Erde Wegstrebenden kommt und die Fäden leicht verliert, die ihn mit dem verbinden, was auf der Erde an Menschlichem getrieben wird.

Es ist daher wohl zu beachten, daß es in einem gewissen Sinn gut ist, wenn gerade der anthroposophisch Strebende sich nicht zum fanatischen spirituellen Schwärmer dadurch macht, daß er sich die Schwierigkeit in der physischen Hülle schafft, die schon diese physische Hülle wegbringen will von aller Verwandtschaft mit dem Irdisch-Menschlichen. Damit wir nicht gar zu sehr seelische Entwicklung anstrebende Sonderlinge werden, damit wir nicht entfremdet werden menschlichem Fühlen, menschlichem Treiben auf der Erde, ist es gut, wenn wir uns als Wanderer auf der Erde in einer gewissen Weise beschweren lassen durch den Milchgenuß und durch den Genuß von Milchprodukten. Und es kann sogar eine ganz systematische Trainierung sein für einen Menschen, nicht nur immer sozusagen in den spirituellen Welten zu leben und dadurch erdenfremd zu werden, sondern daneben Aufgaben auf der Erde zu erfüllen, es kann eine systematische Trainierung sein, nicht bloßer Vegetarier zu sein, sondern Milch und Milchprodukte daneben zu genießen. Dadurch wird er seinen Organismus, seine physische Hülle erdenverwandt, menschheitsverwandt machen, aber nicht so an die Erde fesseln, mit Erdensein beschweren, wie das der Fall ist durch den Fleischgenuß. Es ist also in jeder Weise interessant, zu sehen, wie diese Dinge mit kosmischen Geheimnissen zusammenhängen und wie man durch die Kenntnis dieser kosmischen Geheimnisse die eigentliche Wirkung der Nahrungsstoffe im menschlichen Organismus verfolgen kann. Sie müssen ja durchaus als Menschen, die sich interessieren für okkulte Wahrheiten, meine lieben Freunde, immer mehr und mehr sich durchdringen davon, daß dasjenige, was auf unserer Erde auftritt — und zu unserem Erdensein gehört ja zunächst auch unser physischer Leib —, nicht etwa bloß von irdischen Kräften und Verhältnissen abhängig ist, sondern auch abhängig ist von den Kräften und Verhältnissen außerirdischer Wesenhaftigkeit, kosmischer Wesenhaftigkeit.

Das ist aber in ganz verschiedener Weise der Fall. So zum Beispiel müssen wir, wenn wir tierisches Eiweiß ins Augen fassen, wie es, sagen wir, im Hühnerei vorhanden ist, uns klar sein darüber, daß solches tierisches Eiweiß nicht etwa bloß das ist, was der Chemiker in seiner Analyse findet, sondern daß es in seinem Aufbau ein Ergebnis kosmischer Kräfte ist, und zwar wirken auf dieses Eiweiß die kosmischen Kräfte im wesentlichen nur, nachdem sie zuerst gewirkt haben auf die Erde selber und höchstens noch auf den die Erde begleitenden Mond. Es ist also der kosmische Einfluß auf das tierische Eiweiß ein indirekter. Nicht direkt wirken die Kräfte des Kosmos auf das Eiweiß, sondern indirekt; sie wirken zuerst auf die Erde und die Erde wirkt wiederum mit ihren Kräften, die sie aus dem Kosmos empfängt, zurück auf die Zusammensetzung des tierischen Eiweißes. Höchstens ist der Mond daran beteiligt, aber nur so, daß er zuerst die Kräfte von dem Kosmos empfängt und dann erst mit diesen Kräften, die er von sich ausstrahlt, zurückwirkt auf das tierische Eiweiß. In der kleinsten Zelle des Tierischen, also auch im Eiweiß, kann derjenige, der mit okkultem Blick die Dinge zu durchschauen in der Lage ist, sehen, wie etwa nicht bloß die auf der Erde vorhandenen physikalischen und chemischen Kräfte vorhanden sind, sondern wie die kleinste Zelle, sagen wir des Hühnereis, aufgebaut ist aus den Kräften, die die Erde erst bekommt aus dem Kosmos.

Indirekt hängt also das, was wir Eiweiß nennen, mit dem Kosmos zusammen, aber es würde diese tierische Eiweißsubstanz so, wie sie auf der Erde ist, niemals entstehen, wenn die Erde nicht da wäre. Direkt aus dem Kosmos könnte sie nicht entstehen; sie ist durchaus ein Produkt desjenigen, was die Erde erst aus dem Kosmos empfangen muß.

Anders zum Beispiel ist es wiederum mit dem, was wir als Fettsubstanz kennen, was wir als irdische Fettsubstanz der Lebewesen kennen, die ja auch einen Teil der Nahrung bildet, namentlich bei denjenigen Menschen, welche tierische Nahrung genießen. Es sei also die Rede von diesen tierischen Fetten. Dasjenige, was wir Fettsubstanz nennen, gleichgültig ob es der Mensch von außen genießt oder in seinem eigenen Organismus selber bildet, ist nach ganz anderen kosmischen Gesetzen aufgebaut als die Eiweißsubstanz. Während an dieser beteiligt sind jene kosmischen Kräfte, welche ausgehen von Wesenheiten der Hierarchien der Form, sind beteiligt an dem Aufbau der Fettsubstanz vorzugsweise jene Wesenheiten, die wir nennen die Geister der Bewegung. Sehen Sie, es ist wichtig, solche Dinge zu erwähnen, weil man dadurch erst den Begriff bekommt, wie kompliziert eigentlich so etwas ist, was sich die äußere Wissenschaft so unendlich einfach vorstellt. Kein Lebewesen könnte auf der einen Seite mit Eiweißsubstanz, auf der anderen mit Fettsubstanz durchdrungen sein, wenn nicht zusammenwirkten aus dem Kosmos herein — wenn auch indirekt — der Geist der Form und der Geist der Bewegung. Also wir können die geistigen Wirkungen, die wir kennen als ausgehend von den Wesen der verschiedenen Hierarchien, verfolgen bis in die Substanz herein, die unsere physische Hülle zusammensetzt. Daher wird beim Erleben, das dann eintritt, wenn die Seele eine anthroposophische Entwicklung durchgemacht hat, auch dieses Erleben in sich differenzierter, in sich beweglicher, das man hat gegenüber dem, was man als Eiweiß in sich trägt, und dem, was man als Fett in sich trägt in der physischen Hülle. Es ist das ein zweifaches Empfinden. Was bei dem im äußeren normalen Dasein lebenden Menschen in ein einziges Empfinden zusammenrinnt, das empfindet man durcheinander: das, was im Organismus die Fette machen und was die Eiweißsubstanzen machen. Indem der ganze physische Organismus beweglicher wird, lernt die sich entwickelnde Seele unterscheiden zweierlei Empfindungen am eigenen Leib. Eine Empfindung, welche gleichsam uns innerlich so durchdringt, daß wir fühlen: das setzt uns zusammen, gibt uns die Statur, - da empfinden wir die Eiweißsubstanzen in uns. Wenn wir empfinden: das macht uns gleichgültig gegen unsere innere Abgeschlossenheit, das hebt uns gleichsam hinaus über unsere Form, das macht uns gegenüber unserem inneren menschlichen Fühlen phlegmatischer, wenn sich also zu der eigenen Empfindung etwas Phlegma zusetzt gegenüber dieser eigenen Empfindung — diese Empfindungen differenzieren sich sehr stark bei einer anthroposophischen Entwicklung —, so rührt diese letzte Empfindung her von dem Erleben der Fettsubstanz in der physischen Hülle. Es wird also das innere Erleben auch in bezug auf die physische Hülle komplizierter.

Das wird ja insbesondere stark dann wahrgenommen, wenn es sich handelt um -das Erleben der Stärkesubstanz oder der Zuckersubstanz. Zucker ist besonders charakteristisch. Zucker differenziert sich ja zunächst im Geschmacksurteil sehr stark von anderen Substanzen. Diese Differenzierung kann man im gewöhnlichen Leben sehr gut bemerken, nicht nur an den Kindern, sondern auch manchmal an älteren Leuten an der Vorliebe, die da für Zuckersubstanz vorhanden ist; aber es geht gewöhnlich die Differenzierung nicht weiter als eben bis zu dem Geschmack. Wenn die Seele eine Entwicklung durchmacht, dann erlebt sie alles das, was sie an Zuckersubstanz aufnimmt oder in sich hat wie etwas, was ihr innerliche Festigkeit gibt, was sie innerlich stützt, was sie gewissermaßen mit einer Art natürlicher Egoität durchzieht. Und in dieser Beziehung darf sogar dem Zucker in einer gewissen Beziehung eine Art Lobrede gehalten werden. Gerade derjenige, der eine Seelenentwicklung durchmacht, kann oftmals bemerken, daß er es sogar oft nötig hat, etwas Zucker aufzunehmen, weil ja die seelische Entwicklung dahin gehen muß, immer selbstloser und selbstloser zu werden. Die Seele wird von selber selbstloser durch eine ordentliche anthroposophische Entwicklung. Damit nun der Mensch, der ja vermöge seiner physischen Hülle schon einmal eine Erdenmission hat, nicht sozusagen den Zusammenhang seines Ich-Organismus mit der Erde verliere, ist es geradezu gut, ein Gegengewicht im Physischen zu schaffen, wo ja die Egoität nicht eine so große Bedeutung hat wie im Moralischen. Durch den Zuckergenuß wird — man möchte sagen — eine Art unschuldiger Egoität geschaffen, die ein Gegengewicht bilden kann gegen die notwendige Selbstlosigkeit auf moralisch-geistigem Gebiete. Es würde sonst doch zu leicht die Versuchung da sein, daß der Mensch nicht nur selbstlos würde, sondern daß er auch träumerisch würde, phantastisch würde, den Zusammenhang verlieren würde mit einer gesunden Beurteilungsfähigkeit der irdischen Verhältnisse. Dazu trägt ein gewisser Zusatz von Zucker zu der Nahrung bei, einem die Möglichkeit zu geben, trotz allen Hinaufsteigens in die geistigen Welten mit beiden Beinen auf der Erde stehenzubleiben, eine gewisse gesunde Erdenansicht sich mit heranzukultivieren.

Sie sehen, die Dinge sind kompliziert; aber es wird alles kompliziert, wenn man in die wirklichen Geheimnisse des Lebens eindringen will. So fühlt zuweilen gerade der, welcher anthroposophisch in seiner Seele weiterkommt, daß ihm, damit er nicht einer falschen Selbstlosigkeit, nämlich einem Verlieren seiner Persönlichkeit ausgesetzt ist, ein Zuckergenuß zuweilen nottut. Und er erlebt dann den Zuckergenuß so, daß er sagt: Nun, so füge ich mir etwas bei, was mir, ohne daß ich mich moralisch herabstimme, wie unwillkürlich, wie in einem höheren Instinkte eine gewisse Festigkeit, eine gewisse Egoität gibt. Im ganzen kann man sagen, daß der Zuckergenuß physisch den Persönlichkeitscharakter des Menschen erhöht. Man kann das so stark behaupten, daß man wird sagen können, daß die Menschen — selbstverständlich darf das alles nur in gesunden Grenzen gehalten werden —, daß die Menschen, welche in einer gewissen Weise dem Zuckergenuß huldigen, es leichter haben, schon in ihrem physischen Leib ihren Persönlichkeitscharakter auszuprägen, als diejenigen, die es nicht tun. Diese Dinge können sogar zum Verständnis dessen führen, was man auch äußerlich beobachten kann. In Ländern, wo nach der Statistik wenig Zucker genossen wird, sind die Menschen weniger mit Persönlichkeitscharakter ausgestattet als in Ländern, wo mehr Zucker genossen wird. Gehen Sie in die Länder, wo die Menschen mehr persönlich auftreten, wo jeder sozusagen sich in sich fühlt, und dann von da in Länder, wo die Menschen, man möchte sagen, mehr den allgemeinen Volkstypus haben, unpersönlicher sind schon in der äußeren physischen Natur, so werden Sie finden, daß in ersteren Ländern viel und in den letzteren wenig Zucker konsumiert wird.

Wenn wir von diesem Erleben sozusagen der Nahrungssubstanzen noch mehr in die Augen springende Begriffe haben wollen, so können wir es an den sogenannten Genußmitteln haben. Diese Genußmittel, die werden ja besonders lebhaft schon erlebt auch im äußeren Leben — Kaffee, Tee in einem erhöhten Maße; aber das, was schon der normale Mensch erlebt an Kaffee und Tee, das erlebt derjenige, der eine anthroposophische Entwicklung durchmacht, in einem viel höheren Maße. Wie gesagt, das alles ist weder ein agitatives Für oder Gegen den Kaffee, sondern eine Darstellung der Dinge, wie sie sind, und ich bitte, das auch nur in diesem Sinne hinzunehmen. Der Kaffee wirkt ja schon im ganz normalen menschlichen Leben erregend auf die menschliche Natur, ebenso der Tee; nur daß diese Erregungen, die ausgeübt werden durch Kaffee und Tee auf den Organismus, von der Seele, die eine anthroposophische Entwicklung durchmacht, lebendiger empfunden werden. Vom Kaffee kann zum Beispiel gesagt werden, daß er so auf den menschlichen Organismus wirkt, daß dieser menschliche Organismus dadurch in einer gewissen Weise seinen Ätherleib von dem physischen Leib heraushebt, aber so, daß der physische Leib gefühlt wird wie eine solide Grundlage des Ätherleibes. Das ist die spezifische Wirkung des Kaffees. Also, es wird etwas differenziert physischer Leib und Ätherleib beim Kaffeegenuß, aber so, daß der physische Leib namentlich in seinen Formeigenschaften gerade unter dem Einfluß des Kaffees wie hineinstrahlend in den Ätherleib gefühlt wird, wie eine Art solider Grundlage für das, was dann durch den Ätherleib erlebt wird. Das soll wahrhaftig nicht eine Agitation für den Kaffeegenuß sein; denn das bewegt sich ja alles auf physischer Grundlage, und der Mensch würde sich zu einem ganz unselbständigen Wesen machen, wenn er sich herrichten wollte durch den Genuß dieser Nahrungs- oder Genußmittel; es soll nur der Einfluß dieser Nahrungs- und Genußmittel charakterisiert werden. Aber weil namentlich das logische, das folgerichtige Denken sehr abhängt von der Struktur, von der Form des physischen Leibes, so wird durch die eigentümliche Wirkung des Kaffees, der gleichsam schärfer herausschattiert die physische Struktur des physischen Leibes, physisch die logische Folgerichtigkeit befördert, — es wird durch den Kaffeegenuß der Mensch sozusagen auf physischem "Wege in seiner logischen Folgerichtigkeit gefördert, in einem folgerichtig den Tatsachen sich anschließenden Denken. Und man kann sagen, wenn es auch gesundheitliche Bedenken haben mag, viel Kaffee zu trinken, daß es gerade für Menschen, welche in höhere Regionen des geistigen Lebens hinaufsteigen wollen, gar nicht so uneben ist, daß es ganz gut sein kann, die logische Folgerichtigkeit aus der Anregung durch den Kaffee zuweilen zu ziehen. Man möchte sagen, es erschiene einem ganz natürlich, daß der, der berufsmäßig zum Beispiel zu schreiben hat und nicht recht die logische Folge von einem Satz zum anderen findet und so alles aus der Feder herauskauen möchte, daß der sich anregt durch den Kaffeegenuß. Das scheint demjenigen ganz begreiflich, der diese Dinge bis zu ihrer okkulten geheimnisvollen Grundlage zu beobachten versteht. Wenn schon solcher Genuß, da wir einmal Erdenbürger sind, zuweilen notwendig ist nach den persönlichen individuellen Verhältnissen, so muß eben betont werden, daß der Kaffeegenuß bei allen seinen Schäden viel dazu beitragen kann, die Solidität zu heben. Nicht als ob er anempfohlen werden sollte als Mittel zur Solidität, aber es muß gesagt werden, daß er es vermag, die Solidität zu heben, und daß man zum Beispiel bei demjenigen, der sich anthroposophisch entwickelt, wenn er die Neigung hat, etwas ins Unrichtige zu schweifen mit seinen Gedanken, daß man es da nicht gerade übel zu vermerken braucht, wenn er sich etwas solider macht durch Kaffee.

Anders stehen die Dinge beim Tee. Der Tee bringt eine ähnliche Wirkung hervor, eine Art Differenzierung physischer Natur und ätherischer Natur. Aber es wird in einer gewissen Weise ausgeschaltet die Struktur des physischen Leibes. Der Ätherleib tritt mehr in seine fluktuierenden Rechte. Daher werden die Gedanken durch den Teegenuß auseinanderflatternd gemacht, werden in einer gewissen Weise weniger dazu geeignet gemacht, sich an die Tatsachen anzuschließen. Es wird zwar die Phantasie, manchmal nicht in sehr sympathischem Sinn, durch den Teegenuß angeregt, nicht aber die Anpassung an die Wahrheit und die Anpassung an die Solidität der Verhältnisse. Daher kann man sagen, daß es begreiflich ist, wenn in Gesellschaften, wo viel darauf ankommt, daß man Gedankenblitze losläßt, daß man sprühende Geistigkeit entwickelt, wenn da die Anregung gerne gegeben wird durch Tee; und es ist auch auf der anderen Seite begreiflich, daß, wenn der Teegenuß überhand nimmt, er in einer gewissen Weise eine Gleichgültigkeit erzeugt gegen die Anforderungen, die in den Menschen durch die gesunde Struktur seines physischen Erdenleibes kommen können. So daß träumerische Phantastik und ein gewisses unbekümmertes nonchalantes Wesen, ein Wesen, das gerne hinwegsieht über die Anforderungen des äußeren soliden Lebens, leicht gefördert werden durch den Teegenuß. Und bei einer Seele, die sich in anthroposophischem Sinn entwickelt, sieht man es nicht so gerne, wenn sie Tee genießt, weil Teegenuß leichter zur Scharlatanerie führt als der Kaffeegenuß. Letzterer macht solider, ersterer scharlatanhafter, wenn auch das Wort für diese Dinge viel zu scharf gebraucht wird. Dies alles sind Dinge, die sich — wie gesagt — erleben lassen durch die Beweglichkeit, in die die physische Hülle kommt, wenn der Mensch eine anthroposophische Entwicklung durchmacht.

Ich möchte nur hinzufügen, daß — Sie können ja darüber weiter nachmeditieren oder versuchen, solche Dinge wirklich zu erleben —, daß wenn der Kaffeegenuß etwas wie Solidität befördert in der physischen Hülle, der Teegenuß mehr die Scharlatanerie begünstigt, so zum Beispiel die Schokolade am meisten fördert die Philistrosität. Schokolade ist als das eigentliche Philistergetränk zu verspüren im unmittelbaren Erlebnis, wenn die physische Hülle in sich beweglicher wird. Die Schokolade kann daher gut empfohlen werden gerade bei Philisterfestlichkeiten, und man kann es dann — verzeihen Sie diese Einlage —, man kann es ganz gut begreifen, daß man bei Familienfesten, bei Geburtsfesten, Namensfesten, namentlich in gewissen Kreisen, zu gewissen Festlichkeiten eben Schokolade trinkt. Dann, wenn wir diese Dinge, die also Genußmittel sind, ins Auge fassen, tritt uns das noch in einer bedeutungsvolleren Weise entgegen, weil da dasjenige, was sonst gegenüber den Nahrungsmitteln erlebt wird, schon seine Strahlen hereinwirft in das gewöhnliche sogenannte äußere normale Leben, aber nicht nur so, daß man sozusagen das Substantielle nur bemerkt, aus dem der Körper zusammengefügt ist und sich immer wieder erneuert, sondern daß man auch bemerkt, wie schon gestern erwähnt worden ist, das innerliche Auseinanderfallen, das Sichsondern der Organe. Das ist wichtig, das ist bedeutungsvoll.

Und da muß insbesondere hervorgehoben werden, daß für eine okkulte Betrachtung begreiflich wird das Erlebnis in bezug auf die physische Hülle mit dem physischen Herzen. Das physische Herz des Menschen ist ja für den Okkultisten ein außerordentlich interessantes, ein außerordentlich bedeutungsvolles Organ; denn dieses physische Menschenherz kann nur verstanden werden, wenn man das ganze gegenseitige Verhältnis, auch das geistige Verhältnis, in dem die Sonne zur Erde steht, ins Auge faßt. Schon als die alte Sonne nach der Saturnzeit eine Art planetarischer Vorgänger der Erde war, schon da begann sozusagen sich vorzubereiten jenes Verhältnis, das heute da ist zwischen diesen beiden Himmelskörpern, zwischen der Sonne und der Erde. Und zwar muß das Verhältnis zwischen Sonne und Erde so ins Auge gefaßt werden, daß man dabei die Erde, wie sie heute ist, ganz und gar so auffaßt, wie sie gleichsam zuerst selber sich von den Sonnenwirkungen nährt, wie sie diese Sonnenwirkungen in sich aufnimmt und verarbeitet. Was die Erde in ihrer festen Grundsubstanz an Sonnenkräften in sich aufnimmt, was sie in ihrer Luft- und Wasserhülle, in den wechselnden Wärmeverhältnissen aufnimmt, was sie in dem die Erde umflutenden Licht aufnimmt, was sie selbst aufnimmt in demjenigen, was nun nicht mehr physisch irgendwie wahrnehmbar ist als Anteil der Erde an der Sphärenharmonie, was die Erde aufnimmt an Lebenskräften, die sie direkt von der Sonne empfängt, alles das steht in Verbindung mit den inneren Kräften, die auf das menschliche Herz vom Blutkreislauf aus wirken. Im Grunde genommen wirken alle diese Kräfte auf den Blutkreislauf und von diesem auf das Herz. Alles, was äußere Theorie in dieser Beziehung ist, ist grundfalsch. Diese äußere Theorie macht heute das Herz zu einer Pumpe, welche das Blut durch den Körper pumpt, so daß man im Herzen zu sehen hätte das Organ, das den Blutkreislauf reguliert. Das Umgekehrte ist wahr. Der Blutkreislauf ist das, was das Ursprüngliche ist, und das Herz gibt in seinen Bewegungen einen Widerklang dessen, was in der Blutzirkulation vor sich geht. Das Blut treibt das Herz, nicht umgekehrt das Herz das Blut. Aber dieser ganze Organismus, der da beschrieben ist und der sich in der Herztätigkeit konzentriert, der ist nichts anderes als das menschliche mikrokosmische Spiegelbild jener makrokosmischen Wirkungen, die die Erde erst von der Sonne empfängt. Was die Erde von der Sonne hat, spiegelt sich wider in dem, was das Blut mit dem Herzen zu tun hat.

Anders steht das zum Beispiel mit dem Gehirn. Einzelne von den Gehirnentsprechungen sind schon gestern erwähnt worden. Das Gehirn des Menschen hat unmittelbar sehr wenig zu tun mit dem, was Sonnenwirkungen auf der Erde sind. Unmittelbar, sage ich. Mittelbar als Wahrnehmungsorgan sehr wohl, indem es zum Beispiel das äußere Licht, die Farben wahrnimmt; aber das ist eben Wahrnehmung. Aber unmittelbar in seinem Bau, in seiner inneren Beweglichkeit, in seinem ganzen Innenleben hat das Gehirn wenig, kaum irgend etwas mit den Sonnenwirkungen auf die Erde zu tun; es hat zu tun viel mehr mit all dem, was auf unsere Erde einstrahlt von dem, was außerhalb unseres Sonnensystems ist; dieses Gehirn hat zu tun mit den kosmischen Verhältnissen des ganzen Sternen-himmels, aber nicht mit den engeren Verhältnissen unseres Sonnensystems. In einer engeren Beziehung steht allerdings das, was wir als Gehirnsubstanz zu bezeichnen haben, mit dem Mond, aber nur insoweit der Mond nicht von der Sonne abhängig ist, insofern er seine Unabhängigkeit von der Sonne bewahrt hat. So daß also das, was in unserem Gehirn vorgeht, Wirkungen entspricht, die außerhalb derjenigen Kräfte liegen, die in unserem Herzen ihr menschliches mikrokosmisches Abbild imden. Sonne lebt im menschlichen Herzen; was außerhalb der Sonne im Kosmos vorhanden ist, lebt im menschlichen Gehirn.

So ist der Mensch in bezug auf beide Organe ein Mikrokosmos, indem er mit seinem Herzen der auf die Erde ausgeübten Sonnenwirkung hingegeben ist und diese gleichsam widerspiegelt, mit seinem Gehirn aber inneres Leben hat, das unmittelbar mit dem außer der Sonne sich befindenden Kosmos zusammenhängt. Das ist ein außerordentlich interessanter und bedeutungsvoller Zusammenhang. Das Gehirn hängt mit dem, was die Sonne auf der Erde bewirkt, nur durch die äußere Wahrnehmung zusammen. Die wird aber gerade in der anthroposophischen Entwicklung überwunden. Die anthroposophische Entwicklung überwindet die äußere Sinneswelt. Daher wird das Gehirn zu einem Innenleben entfesselt, das so kosmisch ist, daß selbst die Sonne etwas viel zu Spezielles ist, als daß sich da drinnen etwas von Sonnenwirkung abspielen würde. Wenn der Mensch in der Meditation hingegeben ist irgendwelchen Imaginationen, so spielen sich in seinem Gehirn Prozesse ab, die gar nichts zu tun haben mit dem Sonnensystem, sondern die Prozessen außerhalb unseres Sonnensystems entsprechen. Daher besteht in der Tat ein gewisses Verhältnis zwischen dem Herzen und dem Hirn wie zwischen der Sonne und dem Sternenhimmel, und in einer gewissen Beziehung zeigt sich dieses im Erleben der anthroposophisch sich entwickelnden Seele dadurch, daß, indem diese Seele innerlich ernst und abgezogen hingegeben ist rein anthroposophischen Gedanken, das Herz wirklich etwas wie eine Art von Gegenpol bildet, in eine Art Opposition tritt zu dem — man möchte sagen — Sternenhirn. Diese Opposition drückt sich dadurch aus, daß der Mensch fühlen lernt, wie Herz und Hirn beginnen, verschiedene Wege zu gehen, und wie er, während er vorher nicht nötig hatte, auf beide gesondert achtzugeben, sondern sich alles zusammenmischte, er nun beginnen muß, wenn er sich anthroposophisch entwickelt, auf beide gesondert zu achten.

Es gibt einen eigentümlichen Begriff von der ganzen kosmischen Stellung des Menschen, wenn wir so die physische Hülle betrachten, und ins Auge fassen, wie der Mensch hier auf der Erde steht. Da lebt in ihm durch sein Blutsystem und Herz alles das, was die Sonne mit der Erde auszumachen hat. Und wenn er lediglich innerlich hingegeben ist an das, wozu er auf der Erde als Instrument sein physisches Gehirn braucht, dann leben da drinnen Weltenprozesse, die sich abspielen außerhalb unseres Sonnensystems. Wir werden begreiflich machen müssen, daß der Mensch ein ganz neues Erleben hat gegenüber Herz und Hirn. Es differenzieren sich wirklich seine Empfindungen, so daß er fühlen lernt alles das, was Gehirnprozesse sind, man möchte sagen, in jenem ruhigen Gang, den der Nachthimmel zeigt mit seinen Sternen, und daß er fühlt die Beweglichkeit des Sonnensystems in seinem Herzen. Sie sehen daraus zugleich einen Weg, der bei einer höheren Initiationsstufe ein wichtiger Weg wird, denn Sie sehen gleichsam die Tore, die sich öffnen vom Menschen aus in den Kosmos. Der Mensch, der aus sich heraustritt durch eine höhere Entwicklung — wie es selbst in den exoterischen Vorträgen geschildert worden ist —, der zurückblickt auf seinen eigenen Eeib, der die Prozesse seines physischen Eeibes vollständig erkennen lernt, der lernt in der Tat in der Blutzirkulation mit der Herztätigkeit ein Spiegelbild der geheimnisvollen Kräfte des Sonnensystems kennen, und er lernt in den Vorgängen des Gehirns, die er dann geistig von außen anschaut, den Kosmos in seinen Geheimnissen kennen.

Die Dinge, die ich hier ausspreche mit dem letzten Satze, hängen ja zusammen mit einer Bemerkung, die ich einmal in Kopenhagen gemacht habe und die dann eingegangen ist in mein Buch «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit». Sie können daraus entnehmen, daß in einer gewissen Beziehung sogar die Struktur des Gehirns eine Art Spiegelbild der Stellung der Himmelskörper ist, die bei der menschlichen Geburt vorhanden ist für denjenigen Punkt auf der Erde, an dem der Mensch geboren wird. Es ist nützlich, manchmal von einem anderen Gesichtspunkt wiederum auf solche Dinge zu kommen; denn daraus können Sie ein Gefühl bekommen von der Weite der okkulten Wissenschaft und von der Engherzigkeit mancher Kritik, die ausgeübt wird, wenn von dem einen oder anderen Gesichtspunkte her eine solche Bemerkung gemacht wird. Gewiß, man kann so wichtige Tatsachen wie diese von der Widerspiegelung der Sternenwelt im menschlichen Gehirn von einem bestimmten Gesichtspunkt her erklären, und es kann das wie willkürlich erscheinen. Wenn dann andere Gesichtspunkte dazukommen, dann stützen sich diese alle gegenseitig. Und Sie werden noch manche — ich möchte sagen — Ströme der okkulten Wissenschaft gewahr werden, die zusammenfließen, und aus dem Zusammenfließen wird Ihnen dann immer mehr und mehr auch das sich ergeben, was Sie als einen vollen Beweis empfinden werden, auch einen äußerlichen Vernunftbeweis für die Dinge, die nur von dem einen Gesichtspunkt auszusprechen manchmal gewagt erscheinen könnte. Daraus ersehen Sie aber auch die Feinheit der ganzen menschlichen Struktur. Und wenn Sie nun bedenken, daß der Mensch dadurch, daß er Nahrung aufnimmt, in der Nahrungsaufnahme gewissermaßen sich ganz an die Erde bindet, nur in manchen Substanzen sich wiederum frei macht von der Erde, namentlich bei der Pflanzennahrung, wenn Sie also bedenken, daß der Mensch sich gerade durch die Nahrungsaufnahme zum Erdenbürger machen muß, so werden Sie die dreifache Gliederung des Menschen in bezug auf seine physische Hülle nun begreifen. Er ist durch sein Hirn gleichsam ein Angehöriger des ganzen Sternenhimmels, durch sein Herz mit all dem, was dazugehört, ein Angehöriger der Sonne, durch sein Verdauungssystem und alles, was dazugehört, im anderen Sinn, ein Erdenwesen.

Auch das kann erlebt werden und wird erlebt, wenn in sich beweglicher wird die äußere physische Hülle des Menschen. Der Mensch kann nämlich gar sehr durch das, was in ihn nur von der Erde her hineinkommt, sündigen gegen das, was in ihm durch die reinen Kräfte des Kosmos sich widerspiegelt. Der Mensch kann zum Beispiel dadurch, daß er Störungen durch die äußere Ernährung herbeiruft, die rein irdischen Gesetze, die ja wirken innerhalb der Verdauung, die weiter wirken wie die Sonnengesetze in der Herztätigkeit und wie die kosmischen Gesetze außer dem Sonnensystem in der Gehirntätigkeit wirken - der Mensch kann gewissermaßen sehr stark sündigen durch seine Ernährung gegen die kosmischen Tätigkeiten in seinem Gehirn, und das kann erlebt werden von der anthroposophisch sich entwickelnden Seele, namentlich im Momente des Aufwachens. Innerhalb des Schlafes tritt ja auch das ein, daß sich die Verdauungstätigkeit bis in das Gehirn hineinerstreckt, hineinsprüht in das Gehirn. Beim Wachen bearbeiten die Denkkräfte das Gehirn; da tritt die Verdauungstätigkeit des Gehirns zurück. Wenn das Denken stillsteht beim Schlaf, da wirkt die Verdauungstätigkeit in das Bewußtsein hinein, und wenn der Mensch aufwacht und einen Nachklang davon verspürt, dann kann das Erleben sehr leicht ein richtiges Barometer sein gerade bei der sich entwickelnden Seele für das Gesunde oder Ungesunde der Ernährung. Oh, der Mensch verspürt dieses gleichsam aus seinem Organismus in das Gehirn Hineinziehen in dumpfmachenden, stechenden Gefühlen, Gefühlen, die sich manchmal so ausnehmen können, wenn er irgend etwas Unrechtes genossen hat, wie — sagen wir — kleine Betäubungszentren im Gehirn. Das alles wird in der feinsten Weise erlebt gerade von der anthroposophisch sich entwickelnden Seele. Und der Moment des Aufwachens ist von einer ungeheuren Wichtigkeit, ich meine in bezug auf die Wahrnehmung der von der Verdauung herrührenden Gesundheitsverhältnisse der physischen Hülle. In immer feiner und feiner werdenden Empfindungen, die sich lokalisieren innerhalb des Kopfes, nimmt der Mensch wahr, ob er sich oppositionell benimmt in seiner Verdauung gegen die kosmischen Gesetze außerhalb unseres Sonnensystems oder ob er mit ihnen im Einklang steht. Hier sehen Sie in der Tat diese physische Hülle in einem wunderbaren Verhältnis zum ganzen Kosmos und den Moment des Aufwachens wie ein Barometer für den sich gegen die kosmischen Verhältnisse durch seine Verdauung widersetzenden Menschen oder mit diesen kosmischen Verhältnissen sich in Einklang versetzenden Menschen."[2]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?, GA 145 (1986), S 11 ff., Den Haag, 20. März 1913
[2]ebd. S 25 ff., Zweiter Vortrag, Den Haag, 21. März 1913


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=176letzte Änderung: 2002-09-23


Ernährung
und Erziehung des Kindes

(siehe auch -> Ernährung, geistige Hintergründe, -> Ernährung, Milch, Fleischnahrung, Vegetarismus, künftige mineralische Ernährung und -> Zucker, Zuckergenuß und Egoismus; Zuckerkrankheit)

"Was wird heute für eine Summe von Fanatismus aufgebracht von Vegetariern für, oder von denjenigen, die nicht Vegetarier sind, gegen den Vegetarismus. Man ruft alle möglichen Instanzen der Wissenschaft pro und kontra auf einem solchen Gebiete auf. Man muß aber auch sagen: eigentlich hat niemals gerade der Dilettantismus so geblüht wie bei der heutigen Verteidigung von solchen Dingen. Es ist schon einmal so, daß Anthroposophie nicht die geringste Anlage in sich trägt, nach der einen oder anderen Richtung hin fanatisch zu werden. Sie kann also keine Partei nehmen für die Menschen, die nun etwa, weil sie Vegetarier geworden sind, für diesen Vegetarismus mit einem solchen Fanatismus eintreten, daß sie ihn jedem anderen Menschen aufprägen, aufreden möchten, und eigentlich jeden Menschen, der nicht Vegetarier ist, nicht mehr zur Menschheit im vollen Sinne des Wortes rechnen. Wenn auch zuweilen auf dem Gebiete der anthroposophischen Bewegung solche Fanatismen erblühen, so liegt es eben durchaus nicht im Wesen der Anthroposophie...

Nirgends kann sich das Leben in seinen Geheimnissen enthüllen, wenn man eben nur auf die Beobachtung des unmittelbar Gegenwärtigen sieht. Und wie Sie sich überzeugen können, ist das mehr, als man gewöhnlich meint, der Fall bei den heutigen wissenschaftlichen Methoden. Und so führen sie einen schon einmal dazu, daß man das Entsetzliche erlebt, was ich einmal bei einem Freunde erlebt habe. Ich kannte ihn in der Jugend, ja, ich möchte sagen, als einen naturgemäßen Menschen. Dann sah ich ihn längere Zeit nicht, traf ihn dann wieder einmal, besuchte ihn. Er setzte sich zum Mittagsmahl, und es wurde nicht nur das Übliche, was man in einem solchen Fall gewöhnlich ißt, aufgetragen, sondern auch eine Waage, und auf dieser Waage wog er sich das Fleisch zu, wog er sich das Gemüse zu, denn er hatte angefangen nach der Wissenschaft zu leben, die ja weiß, wieviel Gewichtmengen man von einem jeden Nahrungsmittel aufnehmen muß, wenn man ein richtiger Mensch sein will. Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß alles ganz richtig und geistvoll sein kann, daß aber die natürlichen Instinkte des Lebens durch so etwas auf das Gründlichste untergraben werden. Und natürliche Instinkte für das Gesunde und Krankmachende braucht vor allen Dingen der Erziehungs- und Unterrichtskünstler. Dann wird er alles dasjenige, was im Verlaufe dieser Vorträge schon beleuchtet worden ist, auch mit Bezug auf die physische Erziehung auf seinem Wege weitertragen und es gerade für die physische Erziehung besonders ausbilden können.

Wir haben zum Beispiel gesehen, wie das Kind vorzugsweise vor dem Zahnwechsel ganz in seinem physischen Organismus drinnen lebt. Dieses Leben im physischen Organismus ist nun im höchsten Grade der Fall beim Säugling, und zwar wiederum am hervorstechendsten in bezug auf seine Ernährung. Er genießt ja, wie Sie wissen, zunächst eine außerordentlich einförmige Ernährung, wenn er die Welt betritt. Und wenn der Erwachsene dauernd so einförmig leben müßte, fast ganz von einem einzigen Nahrungsmittel, zum Frühstück, Mittag, sonst, er würde das ja ganz gewiß für seine seelische und auch leibliche Verfassung nicht gerade zuträglich finden. Der Erwachsene will alles durcheinandermischen, er will Abwechslung haben. Der Säugling bekommt diese Abwechslung nicht. Und dennoch machen sich die wenigsten Menschen eine Vorstellung davon, wie groß gerade das Glück des Säuglings durch seine Ernährung ist, weil die wenigsten Menschen wissen, mit welcher intensiven Süße der ganze physische Organismus des Säuglings durch die Muttermilch durchzogen wird.

Der Erwachsene hat ja nur noch die Möglichkeit, Geschmacksempfindungen auf seinem Gaumen und dessen Nachbarorganen zu haben. Er hat schon einmal das Malheur, daß alle Geschmacksempfindungen sich nach dem unglückseligen Kopfe hingezogen haben, und dadurch unterscheidet er sich von dem Kinde, das im Säuglingsalter durch und durch Geschmacksorganismus ist, das durch und durch schmeckt. Und mit dem Ende des Säuglingsalters hört dieses durch und durch Schmek-ken auf. Es wird ja auch später, von den Menschen, die sich nun einmal nur des gewöhnlichen Lebensbewußtseins bedienen, vergessen. Die wissen gar nicht, wie verschieden von ihrer späteren Lebensverfassung das Schmecken während des Säuglingsalters war. Es ist ja das auch für manche Menschen durch das spätere Leben außerordentlich schwierig gemacht. Ich nahm zum Beispiel einmal an einer Unterhaltung teil zwischen einem abstinenten Menschen und einem solchen, der das Gegenteil eines abstinenten Menschen war, und der Abstinent, der natürlich auch ein Fanatiker war - solche Menschen sind ja immer Fanatiker -, der Abstinent bearbeitete den anderen; und da sagte der andere - ich will die Geschichte nicht ganz ausführlich erzählen, es ist aus dem Zusammenhang heraus: Aber ich war einmal volle zwei Jahre meines Lebens vollständig Abstinent! - Da fragte ihn der andere: Wann? - Ja, die ersten zwei Jahre meines Lebens! - Nun, es war das eine äußerlich geartete Erkenntnis dessen, was sich zugetragen hat. Von innen heraus wissen das ja die wenigsten Menschen in Wirklichkeit.

Das Kind steckt also in seinem physischen Organismus so drinnen, solange es Säugling ist, daß es eigentlich nur ißt mit seinem physischen Organismus, aber auch davon wirklich sehr viel hat. Und darin besteht ja das Entwachsen aus dem Säuglingsalter, daß zunächst dasjenige beginnt, was sich allmählich so stark nach dem Kopfe heraufzieht, daß der Zahnwechsel möglich wird, daß im Kopfe diese starke Kraft entwickelt werden kann, welche die ersten Zähne abstößt, die zweiten herausbringt. Das geschieht natürlich in dieser Weise im ganzen Lebensalter von der Geburt bis zum Zahnwechsel hin; und das lebt sich darinnen auf den verschiedensten Gebieten aus. So daß also nach dem Säuglingsalter zunächst der Geschmack nach dem Kopfe heraufzieht, und daß dann das Kind damit beginnt, nicht bloß mit dem Leibe zu essen, sondern mit der Seele zu essen, daß es wenigstens mit der Seele unterscheiden lernt, dann auch die einzelnen Nahrungsmittel differenziert.

Und da müssen wir in der Lage sein, dem Kinde nachgehen zu können. Da müssen wir Verständnis entwickeln können für das Kind. Wir müssen Verständnis entwickeln für das, was dem Kinde schmeckt und nicht schmeckt, denn darinnen liegt noch ein sehr guter Regulator für dasjenige, was beim Kinde auch gesundend und kränkend ist. Allerdings muß man sich zu diesem Zwecke eben eine richtige Anschauung über das Ernähren des Menschen überhaupt erwerben.

Heute sieht man ja hauptsächlich in der Ernährung auf das hin, was das Gewichtartige in den äußeren Nahrungsmitteln ist. Das ist aber nicht das Wesentliche, das Gewichtartige, sondern das Wesentliche besteht darinnen, daß ein Nahrungsmittel, das ein Mensch zu sich nimmt, in der äußeren Welt eine bestimmte Summe von Kräften in sich hat. Jedes Nahrungsmittel hat eine ganz bestimmte Summe von Kräften in sich, durch die es der äußeren Welt angepaßt ist. Und im Inneren des menschlichen Organismus ist alles anders. Dieser menschliche Organismus muß das Nahrungsmittel vollständig metamorphosieren. Er muß die Nahrungsmittelprozesse in diejenigen Prozesse umändern, die in seinem Organismus walten sollen. Und dasjenige, was im menschlichen Organismus vor sich geht, ist nämlich ein fortwährender Kampf, indem wir die Dynamik der Nahrungsmittel umändern, indem wir sie zu etwas ganz anderem machen. Die Reaktion in unserem Inneren gegen die Nahrungsmittel ist es eigentlich, was wir dann als dasjenige empfinden, was uns anregt und was unser Leben unterhält. Daher dürfen wir nicht immer bloß fragen: Müssen wir von diesem oder jenem Stoff so und so viel zufügen? - sondern vor allen Dingen: Was tut der Organismus oftmals mit den kleinsten Mengen von irgendeinem Stoff? Wie reagiert er darauf? - Der Organismus hat eben diese Kräfte notwendig, die Widerstände gegen die äußeren Naturprozesse entwickeln.

Der menschliche Organismus ist ja so, daß er zunächst in einem bestimmten Gebiete, das, grob gesprochen, etwa vom Mund bis zum Magen reicht, zwar gegenüber der Außenwelt schon etwas modifizierte Prozesse hat, aber doch solche, welche sich mit den Prozessen der Außenwelt noch vergleichen lassen. Dann hat er in all den Prozessen, die sich an die Magenprozesse anschließen, solche Prozesse, die schon stark verschieden sind von denjenigen, die sich in der Außenwelt vollziehen. Und er hat dann in seiner Kopforganisation Prozesse, die das genaue Gegenteil von dem darstellen, was die Naturprozesse in der Außenwelt sind. Es muß also der Gesamtorganismus des Menschen vor allen Dingen durch die Nahrung in der richtigen Weise angeregt werden.

Nun kann ich mich, da ich eben aphoristisch sein muß, nicht auf eine Terminologie einlassen, die vielleicht aus den tieferen Erkenntnissen der Sache selbst genommen ist, ich muß an dasjenige anknüpfen, was die populäre Terminologie ist; aber das genügt auch durchaus für unsere diesmaligen Zwecke. - Sie wissen, es gibt solche Nahrungsmittel, die man im gewöhnlichen Leben nahrhafte Nahrungsmittel nennt, und es gibt solche, die man unnahrhafte nennt. Menschen wachsen sowohl bei unnahrhaften wie bei nahrhaften Nahrungsmitteln auf. Sie brauchen nur zu bedenken, wie viele Menschen etwa bei Brot und Kartoffeln aufwachsen, was in ganz entschiedenem Maße unnahrhafte Nahrung ist. Sie brauchen sich auf der anderen Seite zu erinnern, wieviel besonders bei einer labilen Gesundheit darauf Rücksicht genommen werden muß, daß man das Verdauungssystem nicht durch unnahrhafte Nahrungsmittel überlastet, also ihm nichts zumutet. Bei Brot- und Kartoffelnahrung wird dem Verdauungssystem ungeheuer viel zugemutet, und es wird für die übrigen Funktionen nicht mehr viel übrigbleiben. Daher wird das Wachstum nicht leicht gefördert werden können, gerade bei einer in Brot und Kartoffeln bestehenden Ernährung. Es wird dann darauf gesehen, daß man Nahrungsmittel zusammenstellt, welche das Verdauungssystem nicht überlasten. Dann hat das Verdauungssystem verhältnismäßig wenig zu arbeiten. Wenn man aber das wiederum bis zum Extrem treibt, dann versetzt man das Gehirn in eine übertriebene Tätigkeit. Das entwickelt dann Prozesse, die den äußeren Naturprozessen außerordentlich unähnlich sind, und es wirkt wiederum zurück auf die übrige Organisation des Menschen; das Verdauungssystem wird schlaff und so weiter. Alles das, was da in Betracht kommt, ist außerordentlich kompliziert und es ist außerordentlich schwierig für den Menschen, in alle Verzweigungen desjenigen hineinzudringen, was da in Betracht kommt. Es gehört zu den schwierigsten Aufgaben einer ernsten, nicht einer heute gebräuchlichen, sondern einer ernsten wissenschaftlichen Forschung, zum Beispiel alles das zu erkennen, was geschieht, wenn der Mensch durch seinen Mund eine Kartoffel oder ein Stück Roastbeef befördert. Die beiden Prozesse sind in sich unendlich mannigfaltig, aber grundverschieden, und man muß eine große Menge von Einzelheiten kennen, wenn man auf diese Dinge sachgemäß eingehen will.

Für unseren Zusammenhang wird zum Beispiel schon eine Andeutung genügen von dem, was hier eigentlich stattfindet, wenn ich Ihnen das Folgende sage. Nehmen Sie an, ein Kind verzehrt eine Kartoffel. Diese Kartoffel schmeckt es zunächst im Haupte, also in den Geschmacksorganen, und dieser Geschmack wirkt nun. Obwohl er nicht mehr den ganzen Organismus durchzieht, wirkt er nun doch auf den ganzen Organismus. Nun ist eine Kartoffel nicht besonders, nicht übertrieben schmackhaft. Sie läßt also den Organismus in einer gewissen Weise lässig sein. Er hat keinen außerordentlich starken Anteil an dem, was da mit der Kartoffel im Munde des Menschen geschieht. Dann wird die Kartoffel auf den Wegen, die Sie ja kennen, in den Magen befördert. Der Magen nimmt sie aus dem Grunde nicht mit übertriebenem Interesse auf, weil er nicht darauf vorbereitet worden ist durch anregenden Geschmack. Der anregende Geschmack ist immer die Provokation für den Magen, um mit größerer oder geringerer Sympathie ein Nahrungsmittel aufzunehmen; so daß sich der Magen schon nicht mehr stark anstrengen will, um diese Kartoffel in ihrem dynamischen System dem Organismus zuzuführen. Dann muß das aber doch geschehen. Die Kartoffel kann nicht im Magen liegenbleiben. Hat der Magen dann die nötige Stärke, so nimmt er dasjenige, was die Dynamik der Kartoffel ist, in sich auf, verarbeitet es mit Widerwillen in sich, läßt es in sich hineinrollen, entwickelt auch keine starke Reaktion, empfängt keine starke Anregung. Das Ganze geht dann in das weitere Verdauungssystem über und wird in dem weiteren Verdauungssystem widerwillig verarbeitet. Und dasjenige, was von der Kartoffel in die Kopforganisation gelangt, ist außerordentlich wenig. So daß also nur in diesen wenigen Andeutungen, die man natürlich jetzt überall vertiefen müßte, Ihnen vor Augen treten kann, wie kompliziert das eigentlich ist, was sich da im menschlichen Organismus abspielt.

Dennoch, der Erziehungs- und Unterrichtskünstler muß über diese Dinge seine praktische Anschauung haben. Ich glaube, es ist, damit man aus einem gewissen Ernste heraus auf diesem Gebiete praktische Anschauung entwickelt, schon notwendig, daß man gerade auf diesem Gebiete das Warum und Weil ein wenig einsieht. Ich könnte mir vorstellen, daß es auch Zuhörer gibt, die sagen: Sage uns nur einmal, was wir dem Kinde zu essen geben sollen und was nicht, dann genügt uns das. - Aber es genügt dieses eben nicht in Wirklichkeit. Man entwickelt gerade in physischer Beziehung die richtige Erziehertätigkeit, wenn man in die Dinge hineinsieht; denn die Dinge sind so mannigfaltig, daß man vor allen Dingen nötig hat, auf den richtigen Weg geführt zu werden, die richtigen Maximen auf diesem Gebiete zu erkennen. Und dazu ist notwendig, daß man gerade auf das hinschaut, was einem nun in einer vereinfachteren Weise vor Augen führen kann, wie das Kind eigentlich ernährt werden soll.

Vielleicht auf keinem Gebiete bemerkt man so sehr, wie weit man mit den Erziehungsmaximen von dem allgemeinen sozialen Leben abgegangen ist, als gerade bei der physischen Erziehung. Wenn man nicht gerade Internate hat, durch die man in leichter Weise befolgen kann, was ich heute andeute, dann wird man nämlich immer genötigt sein, mit den Eltern oder der sonstigen Umgebung des Kindes gerade bei der physischen Erziehung eminent zusammenzuwirken, und das bietet ja nach der mannigfaltigsten Richtung hin, wie Sie wissen, große Schwierigkeiten. Daher wird das, was man für richtig hält, vielleicht sogar nur nach Oberwindung großer Hindernisse zu erreichen sein. Ich will von einem Beispiel ausgehen.

Nehmen Sie an, ich bekomme ein Kind in die Schule, das sich in übertriebener Weise mit der melancholischen Temperamentsnuance äußert. Wenn so etwas in übertriebener Weise auftritt, kann man immer sicher sein, daß bei dem Kinde eine abnorme physische Organisation nach irgendeiner Richtung vorliegt. Seelische Abnormitäten haben eben immer ihre Grundlage in physischen Abnormitäten nach irgendeiner Richtung hin, denn das Physische ist durchaus ein wirklicher Ausdruck des Seelisch-Geistigen. Nehmen wir also an, in eine Schule, die nicht gerade Internat ist - sonst werde ich natürlich die entsprechenden Maßregeln innerhalb des Hauses treffen -, bekomme ich also ein solches Kind. Was muß ich tun? Ich muß versuchen, mit den Eltern des Kindes in Verbindung zu treten, und, wenn ich mir ganz klargeworden bin, was in diesem Falle eigentlich vorliegt, die Eltern bitten, die Speisen, die das Kind genießt, mindestens anderthalbmal, manchmal doppelt so stark zu versüßen, als das vielleicht bei einem Kinde notwendig ist, das sich sonst normal zeigt. Also, ich muß den Eltern raten, bei diesem Kinde mit dem Zucker als Speisenzusatz, den man ihm vielleicht in Form von Bonbons beibringt, nicht zu sparen. Was will ich denn da eigentlich? Nun es wird Ihnen vielleicht noch klarer werden, was ich da will, wenn ich noch einen solchen Fall nehme: Nehmen wir an, ich bekomme ein krankhaft sanguinisches Kind. Ich meine, die Sache muß natürlich bis zur Abnormität gehen, krankhaft sein, wenn das richtig sein soll, was ich jetzt sage. Ich bekomme ein übertrieben sanguinisches Kind. Wiederum wird eine Abnormität der physischen Organisation vorliegen, und ich werde in einem solchen Fall die Eltern bitten, sie sollen den Süßigkeitsgehalt der Speisen verringern, überhaupt mit dem Zucker etwas sparen dem Kinde gegenüber.

Aus welchem Grunde tue ich das? Man sieht erst ein, in welchem Maße und Grade man so etwas tun muß, wenn man folgendes wirklich durchschaut. Sehen Sie, die Muttermilch am meisten, Milch- und Milchprodukte aber überhaupt, wirken so auf den Menschen, daß sie ihre Wirksamkeit in gleichmäßiger Art auf den ganzen Menschen erstrecken. Alle Organe kommen gewissermaßen in einer gewissen Harmonie zu ihrem Rechte durch Milch und Milchprodukte. Dagegen die anderen Nahrungsmittel haben die Eigentümlichkeit, daß jedes einzelne auf ein besonderes Organsystem einen überwiegenden Einfluß hat. Bitte, ich sage nicht, einen ausschließlichen, sondern einen überwiegenden Einfluß hat. Da handelt es sich darum: die Art und Weise, wie ein Kind sich mit seinem Geschmack zu einem Nahrungs- oder auch Genußmittel verhält, oder wie diesem Geschmack entgegengekommen wird, hängt davon ab, wie ein bestimmtes Organsystem des Kindes oder überhaupt des Menschen beschaffen ist; die Genußmittel sind manchmal durchaus bei der Ernährung ebenso wichtig wie die Nahrungsmittel.

Bei der Milch kommt der ganze Mensch in Betracht; bei irgendeinem anderen Nahrungsmittel ein einzelnes Organsystem. Beim Zucker kommt in dem Zusammenhang, den ich jetzt hier ins Auge fasse, ganz besonders die menschliche Leber in Betracht. Nun, was will ich denn also, wenn ich das abnorm melancholisch auftretende Kind mit viel Zucker behandeln lasse? Dann bewirke ich nämlich, daß seine Leber in ihrer Tätigkeit etwas herabgesetzt wird, weil der Zucker so dem Organismus zugeführt wird, daß er in einem gewissen Sinne die Lebertätigkeit übernimmt, daß also die Lebertätigkeit mehr, ich möchte sagen, auf etwas Äußeres, was ich zuführe, bezogen wird, und als eigene Tätigkeit zurücktritt. Das ist etwas, wodurch ich die melancholische Neigung des Kindes - auch als anämische Neigung erscheinend -, die unter Umständen eben in der Lebertätigkeit des Kindes fußen kann, auf rein ernährungsmäßigem Wege etwas zurücktreiben kann. - Was tue ich, wenn ich die Sparsamkeit in Zucker bei einem übertrieben sanguinischen Kinde anempfehle? Da versuche ich, bei diesem übertrieben sanguinischen Kinde die äußere Tätigkeit des Zuckers einzuschränken und dadurch die Leber aufzufordern, eine regere Tätigkeit aus ihrem Eigenen heraus zu entwickeln, und ich sporne dadurch das Kind an, das Ich stärker anzuregen, also dasjenige zu überwinden, was in dem physischen Gefolge des sanguinischen Temperamentes auftritt.

Sie sehen also, man trifft Maßnahmen aus dem Durchschauen der Gesamtorganisation des Menschen heraus. Deshalb kommt es bei diesen Dingen in der physischen Erziehung wirklich auf das Warum und Weil an, daß man Bescheid weiß in dem Warum und Weil; und auch da gibt es natürlich wiederum ungeheuer viele Details. Aber es ist schon durchaus möglich, diese Details auf allgemeinere Gesichtspunkte zurückzuführen, und diese allgemeineren Gesichtspunkte bestehen in etwas Polarischem. Allerdings derjenige, der ein ganz guter Erzieher und Unterrichter ist, ein so guter, wie es sie gar nicht gibt, wird in einer gewissen Beziehung durch seine Anteilnahme an dem Kinde schon prophetisch voraus wissen, wie er da oder dort einzugreifen hat. Aber es ist immerhin von außerordentlicher Bedeutung, daß man seine Aufmerksamkeit darauf zu lenken vermag, wenn das Kind in irgendeiner Weise von dem Normalen nach dieser oder jener Richtung hin abweicht, um dann einzugreifen.

Tut man das durch längere Zeit, dann kommt man dazu, überhaupt solche Erkenntnis zu entwickeln, daß man auch schon zu Vorbeugungsmaßregeln kommen kann. Aber das ergibt sich in der Regel erst dann für den wirklichen tätigen Lehrer und Erzieher, wenn er eine Zeitlang die leisen Abweichungen - man darf natürlich nicht warten, bis es ins Extrem geht - zu bemerken in der Lage ist. Es erfordert das allerdings, daß der Lehrer fortwährend die Neigung hat, sich nach dieser Richtung hin zu vertiefen, und daß er da manche menschliche Neigungen überwindet, die dem entgegenstehen, sonst fürchte ich, daß die Lehrer und Erzieher die nötige Gründlichkeit erst in dem Momente haben, wo sie sich pensionieren lassen.

Das, worauf man besonders achtgeben muß, liegt auf der einen Seite in dem Interesse, das das ganze Kind, also nicht bloß das Geistig-Seelische, sondern das Kind als Leib, Seele und Geist sowohl sich selber wie seiner Umwelt entgegenbringt; für das Interesse oder für diese Interesselosigkeit muß man eine instinktive Aufmerksamkeit entwickeln. Das ist der eine Pol. Der andere Pol ist die Ermüdbarkeit des Kindes. Woher kommt die besondere Ausprägung des Interesses? Diese besondere Ausprägung des Interesses kommt aus dem Stoffwechsel-Gliedmaßensystem, vorzugsweise aus dem Stoffwechselsystem. Wenn ich sehe, daß ein Kind nach irgendeiner Richtung interesselos wird, sagen wir also zunächst, was das Auffälligste ist, in geistiger Beziehung interesselos wird, oder auch interesselos wird in bezug auf äußere Betätigung: daß es an den Spielen nicht mehr teilnehmen will und der gleichen, wenn ich sehe, was beim Kinde unter Umständen sogar das Allerschlimmste sein kann, daß es interesselos wird gegenüber der Leckerheit der Speisen - das Kind soll vor allen Dingen Interesse daran haben, wie die Dinge schmecken, und es soll in seiner Art den Geschmack der einzelnen Dinge differenzieren -, wenn das Kind sogar zur Appetitlosigkeit übergeht, Appetitlosigkeit ist ja Interesselosigkeit in physischer Beziehung, dann weiß ich: die Ernährung ist falsch, die Ernährung ist so, daß sie dem Verdauungssystem zuviel zumutet. Ich habe nachzuforschen, inwiefern gerade diesem Kinde nach seiner Organisation zuviel solche unnahrhafte Nahrungsmittel beigebracht werden, die das Verdauungssystem zu stark in Anspruch nehmen. Wie ich das Wetter an dem Barometer merke, so merke ich an der Interesselosigkeit, daß die Ernährung falsch ist. Ich muß mir also klar sein, daß ich das vorhandene Interesse oder die Interesselosigkeit für etwas außerordentlich Wichtiges betrachten muß für die Maßnahmen, die ich in bezug auf die Ernährung zu treffen habe.

Bemerke ich, daß ein Kind leicht ermüdbar ist - es ist ja der gerade entgegengesetzte Pol -, sei es, daß ein Kind durch geistige Beschäftigung oder durch körperliche Betätigung abnorm leicht müde wird, da kommt wiederum beim Kinde ganz besonders das Physische in Betracht, welches sich so ausdrückt, daß das Kind zwar essen kann, aber durch das Essen in eine Art Traumzustand versetzt wird, daß es also nach jedem Essen ein abnormes Bedürfnis hat, sich auszuruhen, sich nach Schlangenart zu benehmen und sich hinzulegen und nicht zurechtkommt in dieser Weise mit der Verdauung, also durch die Verdauungstätigkeit ermüdet wird - merke ich dieses, dann weiß ich, dem Kinde wird zuviel von solchen Nahrungsmitteln beigebracht, die das Verdauungssystem zu wenig in Anspruch nehmen, die daher vorzugsweise mit dem Kopfsystem verarbeitet werden, und die auf diese Weise das Kind zur Ermüdung bringen.

Wenn das Kind zu starke Interesselosigkeit zeigt, muß ich versuchen, solche Nahrungsmittel beizubringen, die zu den sogenannten nahrhaften gehören. Und da braucht man wiederum kein Fanatiker zu sein. Fanatiker des Vegetarismus werden sagen: Ah, sieh einmal, dieses Kind ist interesselos geworden, das hast du mit Fleisch gefüttert, jetzt mußt du es an bloße rohe Früchte gewöhnen, dann wird es wiederum an Interesse gewinnen! - Das kann ja durchaus sein. Auf der anderen Seite werden natürlich wiederum die Fleischernährer sagen, wenn ein Kind leicht ermüdbar wird: Ja, das muß man eben mit Fleisch anregen. - Die Dinge sind nämlich, soweit sie auf diesem Gebiete liegen, gar nicht so, daß sie ein so furchtbar intensives Interesse herausfordern, aus dem einfachen Grunde, weil es in der Tat möglich ist, andere Nahrungsmittel so zu kombinieren, daß sie das Fleisch zum Beispiel ersetzen können. Auf der anderen Seite ist es nicht so wichtig, daß man den Menschen ganz und gar zum Vegetarier macht und dergleichen. Aber darum handelt es sich, daß man diese Maxime kennt, daß man in dieser Form eintretende Interesselosigkeit durch Aufbesserung der Ernährung in bezug auf nahrhafte Nahrungsmittel beseitigt, und daß man die Ermüdbarkeit dadurch aufbessern muß, daß man eben nach der anderen Richtung hin wirkt. Das sind die Dinge, die durchaus das allgemeine Wissen, ich möchte sagen, aus dem Intellektuellen, Mannigfaltigen und Unübersehbaren auf das Gebiet des Einfachen herabbringen. Wenn ich zum Beispiel weiß, daß ich ein Kind habe, das leicht ermüdet, so muß ich wissen, es wird sein Verdauungssystem eben zu wenig oder in einer unrichtigen Weise in Anspruch genommen. Ich muß die Nahrung nach dieser Richtung ändern.

So sehen Sie, daß es darauf ankommt, eine Art Symptomatologie des Menschen zu entwickeln, und diese Symptomatologie bringt einen schon auf den Weg, auf dem man dann weiterkommen kann. Es ist nicht nötig, daß durchaus in allen Einzelheiten gesagt wird: Das muß man tun. - Das ist es gerade: wenn man in dieser Weise sich den Überblick über das Leben verschafft, indem man an eine Symptomatologie herantritt, kann man in bezug auf die Ernährung die Maximen auf den Weg mitnehmen, die einen dann durchaus richtig weiterleiten."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Die gesunde Entwickelung des Menschenwesens. Eine Einführung in die anthroposophische Pädagogik und Didaktik., GA 303 (1978), Fünfzehnter Vortrag, Dornach, 6. Januar 1922


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=183letzte Änderung: 2002-09-23


Erzengel
Archangeloi, Feuergeister, Geister od. Söhne des Feuers, Erzboten

Erzengel oder Archangeloi stehen in der Rangordnung geistiger Wesenheiten (siehe -> Hierarchien) zwei Stufen über dem Menschen. Sie haben ihre Ich-Entwicklung, d.h. ihre Menschheitsstufe, bereits auf der alten Sonne (siehe -> Planetarische Weltentwicklungsstufen) vollendet. Auf dem alten Mond bildeten sie ihr Geistselbst aus. Gegenwärtig arbeiten sie an ihrem Lebensgeist. Aufgrund ihres hohen Entwicklungsgrades sind sie befähigt, ganze Völker durch ihre Inspirationen zu führen. Sie wirken vielfach als -> Volksgeister. Darüber hinaus leiten sie als inspirierende Geister bestimmte kleinere Zeitabschnitte in der menschlichen Kulturentwicklung. Diese Zeitabschnitte währen etwa 350 Jahre, sind aber nicht Unterabschnitte der Kulturepochen (siehe -> Weltentwicklungsstufen), sondern folgen einem eigenständigen Rhythmus, in dessen Folge die 7 führenden Erzengel einander in ihrer Regentschaft ablösen (siehe -> Erzengel-Regentschaften).

Die Erzengel erleben eine ganz anders gestaltete Umwelt als der Mensch. Der Mensch erlebt um sich herum Mineralien, Pflanzen, Tiere und andere Menschen. Erzengel können Mineralien und Pflanzen nicht erleben. Ihr Bewusstsein reicht nur bis zur Tierwelt herab, die sie allerdings nicht äußerlich sinnlich, sondern seelisch erleben:

"Nun werden Sie es leicht verstehen, daß die Erzengel ein Bewußtsein haben, das nicht mehr hinunterreicht bis ins Pflanzenreich, sondern nur bis ins Tierreich. Die Pflanzen sind sozusagen nicht mehr für sie da; diese sind für sie ein zu untergeordnetes, zu unbedeutendes Reich. Im Tierischen haben sie noch Angriffspunkte; das Tierreich nehmen sie wahr. Sie haben keinen Ätherleib, sondern als unterstes Glied ihrer Wesenheit ihren astralischen Leib. Das Tier hat auch einen astralischen Leib; daher wirken die Erzengel in die astralischen Leiber der Tiere durchaus hinein. Dann nehmen sie das Menschenreich wahr, das Reich der Engel und ihr eigenes Reich. Das, wozu sie «Ich» sagen, was so ist wie für den Menschen das Menschen-Ich, das ist das Erzengelreich. Auch diese Wesenheiten haben eine wesentliche Mission, und Sie können schon begreifen, da sie ein um zwei Stufen höheres Bewußtsein haben als der Mensch, daß diese Mission eine sehr hohe sein kann. Denn so hoch ist dieses Bewußtsein der Erzengel, daß sie die Buddhi, den Lebensgeist, vollständig ausgebildet haben, und daher lenkend und leitend sein können in der Erdenevolution aus einer solchen Einsicht heraus, die dem Lebensgeist, der Buddhi, entspricht. Das äußert sich nun darin, daß diese Erzengel zunächst die Lenker und Leiter sind ganzer Volksstämme. Was man Volksgeist nennt, was also der gemeinsame Geist der Völker ist, das ist im Konkreten irgendeiner der Erzengel. Nun werden Sie es auch begreiflich finden, daß diejenigen Völker, die von einem solchen spirituellen Zusammenhange noch ein Bewußtsein hatten, nicht gleich bis zu der höchsten Wesenheit hinaufschauten, sondern daß sie sozusagen die nächsten Wesenheiten, welche sie lenkten und leiteten, ins Auge faßten.

Nehmen wir das althebräische Volk. Es verehrte als den höchsten Gott den Jahve- oder Jehova-Gott selber. Aber dieser Jahve-Gott gehörte für sie zu der Ordnung der «Offenbarungen». Das war eine erhabene Wesenheit, die sie als ihren Gott anerkannten. Aber sie sagten: Derjenige, der uns lenkt und leitet im Auftrage als der eigentliche Erzbote des Jehova, das ist «Michael», einer der Erzengel - er heißt zu deutsch «der vor Gott steht». Im Althebräischen nannte man ihn auch das «Antlitz Gottes», weil der Angehörige des alten Bundes, wenn er zu Gott aufblickte, empfand, daß Michael vor Gott stand und sein Wesen ausdrückte, wie das menschliche Antlitz das Menschenwesen ausdrückt. Man nannte ihn daher wörtlich das Antlitz Gottes.

Wenn man von «Volksgeist» spricht, spricht man also im Sinne des Okkultismus nicht von einer unfaßbaren begrifflichen Wesenheit. Wenn man heute in unserem materialistischen Zeitalter vom Volksgeist spricht, meint man damit eigentlich nichts; denn man meint damit eine abstrakte äußere Zusammenfassung der Eigentümlichkeiten des Volkes. In Wahrheit gibt es einen geistigen Repräsentanten, den man Erzengel nennt, und der das ganze Volk als Ganzes lenkt und leitet. Diese Wesenheit reicht herunter bis in die Tierwelt. Die Völker empfanden das auch. Denn es ist ja, man möchte sagen, aus dem Volksinstinkt heraus leicht zu empfinden. Das eine Volk wohnt da, das andere dort. Je nach den verschiedenen Gegenden, in denen die Völker wohnen, mußten sie sich dieser oder jener Tiere bedienen, und das, so empfanden die Völker instinktiv, ist ihnen von ihrem Volksgeist zuerteilt. Der wirkte herein bis in die Tierwelt, so daß der alte Ägypter, der das sehr wohl empfand, sagte: Wenn wir die Pflanzenentwickelung betrachten, so wirken da Engel hinein; wenn wir die Tiere betrachten, so sind diese uns zuerteilt von dem lenkenden Geist des ganzen Volkes! Daher sahen sie die Kraft, die die Tiere zu ihnen führte, als eine heilige Kraft an, und die Art, wie sie sich zu den Tieren verhielten, war ein Ausdruck dieses Bewußtseins. Sie haben nicht von Erzengeln gesprochen; aber sie hatten dabei dieselbe Empfindung. Das ist die eigentliche Empfindung, welche die Ägypter mit dem Tierdienst verbanden; und dem liegt nun wiederum zugrunde, daß da, wo ein Bewußtsein vorhanden war von diesem ganzen spirituellen Zusammenhang, diese Geister zwar nicht mit den Bildern von irdischen Tieren, aber doch mit Bildern von Tieren wie der Sphinx, von geflügelten Tieren und so weiter, dargestellt wurden, die Sie in den verschiedenen Abbildungen der Völker finden. Das war so, wie wenn hineinschienen die lenkenden Erzengel. Sie können daher in den verschiedenen tierischen Gruppen nachgebildet sehen den esoterischen Ausdruck der waltenden Erzengel, und viele von den ägyptischen Götzenbildern führten auf diese Vorstellung zurück, daß der Erzengel, der leitende Geist des Volkstums, herunterreicht bis in die Tiere. Dies ist im wesentlichen die Aufgabe der Erzengel; es gibt aber noch eine andere.

Es sind ja dem heutigen Menschenbewußtsein wie eine Sage aus ferner Urzeit noch bekannt Uriel, Gabriel, Raphael und Michael; aber Sie brauchen nur im Buche Henoch nachsehen, um die Namen noch anderer Erzengel zu finden. So war nämlich auch einer der Erzengel Phanuel; das ist ein wichtiger Erzengel, der nicht nur die Aufgabe hatte, irgendeinen Volksstamm zu lenken, sondern auch noch eine andere. Wir wissen ja, daß die Einweihung darin besteht, daß der Mensch zu einem immer höheren Bewußtsein hinaufzusteigen sich bestrebt, und schon jetzt im Laufe der Erdenevolution zu einem immer höheren Bewußtsein aufsteigt. Nun wußten die Leute in den Einweihungsstätten sehr wohl, daß dazu auch wiederum lenkende und leitende Kräfte gehören. Daher brachten sie diejenigen, die eingeweiht werden sollten, unter den Schutz desjenigen Erzengels, den man Phanuel nannte. Er war der Beschützer, der angerufen wurde von denjenigen, welche die Einweihung anstrebten.

Andere dieser geistigen Wesenheiten auf dieser Stufe haben wiederum andere Aufgaben. So ist zum Beispiel wirklich dem ganzen Weltengange, der ganzen Weltenevolution zugrunde liegend eine Summe von Kräften, die von gewissen Wesenheiten geführt wird. So gibt es da einen Erzengel, Surakiel nannte man ihn früher, dessen Aufgabe es ist, besonders weitgehende Untugenden einer Stadt oder eines ganzen Gebietes auszutilgen und umzuformen zu Tugenden. Wer diesen Zusammenhang kennt, der sieht daraus, wie das, was man mit einem allgemeinen abstrakten Wort «Vorsehung» nennt, wirklich geführt wird. Wenn man einmal beflissen ist, die geistigen Welten kennenzulernen, soll man sich nicht zufrieden geben mit den allgemeinen Abstraktionen, sondern eingehen auf diese Einzelheiten. Denn die höchsten Wesenheiten, die der Mensch erahnend sich noch vorstellen kann, leiten durch solche Mittelwesen, wie wir sie eben kennengelernt haben, den Gang der Weltenentwickelung. Das ist das, was man bezeichnen kann als die verschiedenen Aufgaben der Erzengel."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Das Hereinwirken geistiger Wesenheiten in den Menschen, GA 102 (1984), S 142 ff., Achter Vortrag, Berlin, 20. April 1908


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=129letzte Änderung: 2002-09-12


Erzengel-Regentschaften
tabellarische Übersicht

Während die Zeitgeister (-> Archai) ganze Kulturepochen führen, leiten die höchstentwickelten Erzengelwesenheiten kleinere, etwa 300 - 350 Jahre währende Entwicklungsabschnitte:

Oriphiel  (Saturn) 200 v. Chr. - 150 n. Chr.
Anael (Venus) 150 - 500 n. Chr.
Zachariel (Jupiter) 500 - 850 n. Chr.
Raphael (Merkur) 850 - 1190 n. Chr.
Samael (Mars) 1190 - 1510 n. Chr.
Gabriel (Mond) 1510 - 1879 n. Chr.
Michael (Sonne) 1879 - ca. 2300 n. Chr.

"Seit der Christus-Zeit her waren verschiedene Wesenheiten leitend für die fortschreitende Kultur. Ohne auf diese Namen pochen zu wollen, will ich eben die Namen einer Reihe von Wesenheiten aus der Hierarchie der Erzengel aufzählen, wie man Namen von Menschen nennt, die an irgend etwas teilhaben auf dem physischen Plan, einer Reihe von Wesenheiten aus der Hierarchie der Archangeloi, die beherrscht haben die fortschreitende Kultur: Oriphiel, Anael, Zachariel, Raphael, Samael, Gabriel, Michael.

Gabriel war der leitende Geist in derjenigen Kulturperiode, die eben abgelaufen ist für die geistige Welt mit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Denn in der Tat beginnt mit diesem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts - und dies wird immer mehr hervortreten - eine Epoche, in welcher ganz andere Einflüsse und Impulse aus der übersinnlichen Welt in die sinnliche hineinströmen. Während in der verflossenen Epoche die Menschenseelen vorzugsweise hingerichtet waren auf das, was die Sinne schauen, der Verstand begreifen kann, werden die Menschen der kommenden Zeit, welche die fortschreitende Entwickelung nicht verschlafen wollen, vorzugsweise zu beachten haben, wie immer mehr übersinnliche Weisheit und Erkenntnisse hereindringen werden aus den übersinnlichen Welten in die irdische sinnliche Entwickelung.

Wenn man äußerlich charakterisieren will, könnte man sagen: In der abgelaufenen Epoche hatten die übersinnlichen Wesen genug damit zu tun, die Inspirationen, die Intuitionen, die hereinfließen können aus den übersinnlichen Welten, möglichst abzuhalten von dem physischen Leben. Es hatten die Hierarchien damit zu tun, daß sie nicht hineinfließen konnten in die Seelen. Von jetzt an werden die übersinnlichen Kräfte so gelenkt und geleitet von der übersinnlichen Welt aus, daß möglichst viele Inspirationen und Intuitionen hineinfließen können in die Menschenseele, so daß ein Wissen von Imagination, Inspiration, Intuition die Menschenseele wird ergreifen können. So bar allen inspirierten Wesens, aller Erkenntnisse des Geistigen das abgelaufene Zeitalter war, so erfüllt von inspiriertem, von intuitivem Wesen werden die wirklich lebendigen Kulturimpulse der folgenden Zeit sein.

Unmöglich wäre es gewesen, vor fünfzig Jahren dasjenige zu Menschen zu sprechen, was durch den notwendigen Gang der Weltenentwickelung heute zu Ihnen gesprochen werden kann, weil es damals unmöglich gewesen wäre, unmittelbar aus den geistigen Welten diese Dinge herunter zu bekommen. Das Tor ist erst jetzt geöffnet worden. Und wie die verflossenen Zeiten am günstigsten für die Verstandesentwickelung waren, so wird die nächste Zeit am günstigsten sein für die Entwickelung der Inspiration und Intuition.

Hart aneinander stoßen zwei Zeitalter: Eines, das abgeneigt war aller Inspiration, und eines, in dem zwar mächtige Kräfte mit allen Mitteln ankämpfen werden gegen alle Inspiration, in dem aber die Möglichkeit sein wird, die Inspiration aufzunehmen, sie zum Tonangebenden zu machen in den Menschenseelen.

Und wenn wir in die Sache weiter hineinschauen, so entdecken wir, daß die übersinnlichen Kräfte, die nicht unmittelbar hineinfließen konnten in die Menschenseelen im abgelaufenen Zeitalter, nicht etwa untätig waren. Das, was eine äußere Physiologie nicht konstatieren kann, ist doch Wahrheit: Im Zeitalter des Gabriel ist auch gearbeitet worden von der übersinnlichen Welt aus in die sinnliche hinein. Diese Arbeit ist geleistet worden am physischen Leib des Menschen. Innerhalb des Vorderhirns entstanden in dieser Zeit feine Strukturen, die nach und nach durch das Gabriel-Regiment in die menschliche Generation eingepflanzt worden sind, wodurch die Menschen zum großen Teil mit solchem Gehirn geboren werden, welches andere, feinere Strukturen hier am Vorderhirn hat, als es bei den Menschen des 12. und 13. Jahrhunderts noch der Fall war.

Das war die Aufgabe des Zeitalters, in dem die Menschen den Sinn lenkten auf das Physisch-Sinnliche, abgeschlossen waren gegen das Inspirierte, daß in die Leiblichkeit hinein sich die Impulse der übersinnlichen Welt ergossen und diese feine Struktur im Gehirn ausbildeten.

Und immer mehr und mehr wird diese Struktur da sein bei denen, die jetzt sich fähig fühlen werden, zum aktiven Denken und zum Verstehen der Geisteswissenschaft fortzuschreiten. Und dann werden in unserer Epoche, in derjenigen Epoche, an deren Anfang wir eigentlich erst stehen, die übersinnlichen Kräfte nicht verbraucht, um Strukturen im Gehirn zu bilden, sondern um unmittelbar in die Seelen einzufließen, durch Imagination und Inspiration zu wirken, einzufließen in die menschlichen Seelen. Das ist das Michael-Regiment.

So unterscheiden sich zwei Wesenheiten in der Reihenfolge der Archangeloi dadurch, daß der eine, Gabriel, der geleitet hat den Menschen unmittelbar vor unserem Zeitalter, gearbeitet hat an der feineren Ausbildung des Gehirns, und daß derjenige, der nun beginnt zu arbeiten, nicht die Aufgabe hat, ein menschliches Organ umzugestalten, sondern einzupflanzen in die menschlichen Seelen Verständnis für die spirituelle Wissenschaft. So grenzen wir voneinander ab die Wesenheiten, welche der Hierarchie der Archangeloi angehören.

An diesen zwei Beispielen versuchte ich, Ihnen gleichsam konkrete Eigenschaften, Charaktereigenschaften dieser beiden Wesenheiten hinzustellen. Nicht mit Namen wollen wir uns begnügen; denn, wie wir nichts wissen von einem Menschen, wenn wir nur wissen, daß er Müller heißt, so wissen wir auch nicht viel von Gabriel, wenn wir nur seinen Namen wissen. Aber dann wissen wir etwas von einem Menschen, wenn wir angeben können, er ist ein mitleidsvoller Mensch, er hat dies oder jenes getan. So wissen wir auch etwas von einer übersinnlichen Wesenheit, wenn wir sagen können, daß sie Kräfte einfließen ließ in den physischen Menschenleib, die Kräfte, die gewisse Strukturen im Vorderhirn haben entstehen lassen durch die menschliche Fortpflanzungskraft. Und wir charakterisieren den Geist, die Wesenheit, die auf ihn folgt, richtig, wenn wir aufweisen seine Tätigkeit im Erreichen des Verständnisses für die inspirierten, intuitiven Wahrheiten. Nicht so sehr für den Geistesforscher, den Initiierten selbst, sondern für diejenigen, die verstehen wollen die Geistesforschung, die zu aktivem Denken übergehen wollen, wirkt Michael, wenn die Kräfte des aktiven Denkens immer mehr in der Menschheit sich ansammeln in den folgenden Jahrhunderten.

Dieser Übergang ist noch in anderer Beziehung ein wichtiger. Durch dasjenige, was da geschehen ist, bildet sich immer mehr eine Menschheit heran, die durch ihre Organisation in der Lage ist, gedächtnismäßig in zukünftigen Inkarnationen wirklich zurückzuschauen auf frühere Inkarnationen. Aber die Menschheit muß sich in diese Lage erst versetzen.

Man kann sich nicht an etwas erinnern, an das man niemals gedacht hat. Wenn man abends gedankenlos seine Manschetten ausgezogen hat und gedankenlos die Knöpfe hinlegt, so kann man sie am ändern Morgen nicht finden, weil man nicht daran gedacht hat. Wenn man den Gedanken gefaßt hat, sich das Bild der Umgebung von den Knöpfen, die man abgelegt hat, einzuprägen, wird man am nächsten Morgen schnurstracks zu dem Platze hingehen, wo man sie hingelegt hat.

So wie das für das gewöhnliche Leben gilt in bezug auf das Erinnerungsvermögen, so sollte es auch begriffen werden für den großen Horizont in bezug auf frühere Erdenleben. An das innerste Wesen der Seele müssen wir uns zuerst erinnern, an das, was wirklich hinübergeht in das Wesen der Seele. Aber dazu müssen wir dieses innerste Wesen zuerst erfaßt haben. Das können wir nur durch okkulte Schulung. Wenn man sich nicht bemüht hat, den Gedanken des Wesens der Seele zu haben in der früheren Inkarnation, so kann man sich auch nicht daran zurückerinnern, mag man noch so gut organisiert sein. Organisiert zur Rückerinnerung werden die Menschen sein, aber sie werden diese Organisation zunächst als Krankheit empfinden, als Nervosität, als einen furchtbaren Zustand, wenn sie sie nicht gebrauchen können. Denn sie werden organisiert sein, um sich zurückzuerinnern, aber sie haben nichts, woran sie sich erinnern können. Wenn der Mensch Eindrücke hat, die er nicht verwerten, Organe in sich hat, die er nicht gebrauchen kann, dann erkrankt er.

Dem gehen wir entgegen, daß die Menschen in den folgenden Zeitaltern dazu organisiert sein werden, sich zurückzuerinnern an frühere Erdenleben, daß aber nur diejenigen sich erinnern können, die etwas zum Erinnern haben, die also das Menschenseelenwesen in seiner Eigenart als Glied der geistigen Welt durch okkulte Schulung erkannt haben. In jedem Leben, das auf ein solches folgt, in dem man die Seele als Geistwesen erkannt hat, kommt die Rückerinnerung an frühere Erdenleben.

So stehen wir an einem wichtigen Wendepunkt. Geisteswissenschaft verstehen, heißt im Grunde nichts anderes, als ein Gefühl haben für diesen Wendepunkt in unserer Zeit.

Nun sind nicht alle Wesenheiten, die der Hierarchie der Archangeloi angehören, gleich geartet, gleich im Rang. Wenn wir von der Hierarchie der Archangeloi sprechen, kann man sagen, die lösen sich zwar so ab, wie ich gesagt habe. Aber der höchste im Range, gleichsam der Oberste ist derjenige, der in unserem Zeitalter die Herrschaft zu führen beginnt, ist Michael. Er ist einer aus der Reihe der Archangeloi, aber er ist gewissermaßen der Fortgeschrittenste. Nun gibt es eine Entwickelung, und die Entwickelung umfaßt alle Wesen. Alle Wesen sind in einer sich steigernden Entwickelung, und wir leben in dem Zeitalter, wo Michael, der Oberste von der Natur der Archangeloi, übergeht in die Natur der Archai. Er wird allmählich übergehen in eine leitende Stellung, wird eine leitende Wesenheit, wird Zeitgeist, leitende Wesenheit für die ganze Menschheit.

Das ist das Bedeutsame, das ist das ungeheuer Wichtige unseres Zeitalters, daß wir begreifen, daß das, was in allen vorhergehenden Epochen noch nicht da war, für die ganze Menschheit nicht da war, nun sein kann, werden muß ein Gut für die ganze Menschheit. Was bisher bei einzelnen Völkern auftrat - spirituelle Vertiefung -, kann nun etwas sein für die gesamte Menschheit.

Und wenn wir so hinweisen auf dasjenige, was hinter der Sinnenwelt geschieht, so können wir auch hinweisen auf das, was sich in der Sinnenwelt abspielt als ein äußerer Ausdruck dessen, was eben geschildert worden ist: daß gleichsam eine Erhöhung des Erzengels Michael sich abspielt hinter der sinnlichen Welt.

Bisher hat der Mensch eine Persönlichkeit sein können; in Zukunft wird er auch eine Persönlichkeit sein können, aber in einer anderen Weise als es bis in unser Zeitalter möglich gewesen ist. Der Mensch hat gewissermaßen immer teilgenommen an den übersinnlichen Welten, hat es wenigstens können mit seinem Seelenleben. Aber die persönliche Note, die persönliche Färbung, die der Mensch dargelebt hat in dieser Sinnenwelt, kam nicht von oben herunter, sondern von unten herauf, sie kam von Luzifer. Luzifer hat die Persönlichkeit gemacht. Daher konnte man bisher sagen: Der Mensch kann mit seiner Persönlichkeit nicht eindringen in die übersinnliche Welt, kann seine Persönlichkeit nicht hineinbringen in die geistige Welt, er muß seine Persönlichkeit auslöschen, sonst verunreinigt er die geistige Welt.

In Zukunft obliegt dem Menschen, daß er die Persönlichkeit inspiriert werden läßt von oben, auf daß sie aufnehmen könne, was da ausfließen soll aus der geistigen Welt. Ihre Note bekommt die Persönlichkeit durch das, was sie an spirituellen Erkenntnissen aufzunehmen vermag, die Persönlichkeit wird etwas ganz anderes werden in zukünftigen Zeiten. Gewissermaßen durch das, wodurch er abgewichen ist vom Geistigen, was ihm von dem Leibe aufgedrückt wird, war der Mensch früher eine Persönlichkeit, in Zukunft wird er eine Persönlichkeit sein müssen durch dasjenige, was er aus der spirituellen Welt in sich zu verarbeiten, in sich aufzunehmen vermag."[2]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Anweisungen für eine esoterische Schulung, GA 245 (1987), S 171 (Anm. zu S 110)
[2]Rudolf Steiner, Vorstufen zum Mysterium von Golgatha, GA 152 (1990), Stuttgart, 18. Mai 1913


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=96letzte Änderung: 2002-11-10


Eurythmie
die anthroposophische Raumbewegungskunst

(Der Name dieser anthroposophischen Raumbewegungskunst leitet sich ab aus griech. eu = schön, gut und rhythmos = harmonisch geordnete Bewegung; zu beachten ist, dass das Wort Eurythmie nur mit «r» und nicht mit «rh» geschrieben wird.)

Eurythmie kann nicht als Tanzkunst im üblichen Sinn aufgefasst werden. Es gibt in ihr keine willkürlichen oder konventionellen Elemente, sondern sie macht durch die Körperbewegung äußerlich sichtbar, was als objektive innere ätherische und seelische Bewegung in Sprache und Musik lebt. Wenn der Mensch spricht oder singt, leben sich diese Bewegungen physisch nur im Kehlkopf und den angrenzenden Sprach- und Gesangsorganen aus; Eurythmie metamorphosierte diese zur lebendigen Bewegung des ganzen menschlichen Leibes im Raum. Sinngemäß kann zwischen Lauteurythmie und Toneurythmie unterschieden werden. Später entwickelte sich ergänzend für die Bühnenkunst auch die Lichteurythmie. Zur rein künstlerischen Eurythmie gesellen sich die pädagogische Eurythmie und die Heileurythmie als weitere spezielle Disziplinen. Die pädagogische Eurythmie, wie sie in den Waldorfschulen geübt wird, fördert die harmonische Entwicklung des heranwachsenden Menschen. Die Heileurythmie unterstützt den Heilprozeß, indem sie die durch die eurythmisch geordnete Körperbewegung harmonisierend auf die innere organische Tätigkeit zurückwirkt.

"Die Eurythmie ist uns eigentlich auf dem Boden der anthroposophischen Bewegung wie eine Schicksalsgabe zugewachsen. Es war im Jahre 1912, da verlor eine anthroposophische Familie den Vater, und die Tochter suchte einen Beruf, der nun aus der anthroposophischen Bewegung hervorgeholt werden sollte. Und da ergab es sich aus mancherlei Absichten, die man nach diesem oder jenem gehabt hat, daß eine Art von Raumbewegungskunst, die es damals noch nicht gab, gerade bei dieser Gelegenheit inauguriert werden konnte. Und so wuchsen denn eigentlich die allerersten, allerdings nur diese allerersten Prinzipien und Formen der Eurythmie aus der Unterweisung jener jungen Dame heraus.

Es gehört damit gerade diese Eurythmie zu denjenigen Konsequenzen der anthroposophischen Bewegung, die eigentlich immer so zugewachsen sind, daß man die ersten Anfänge wie eine Schicksalswendung genommen hat und dann ungefähr so davorgestanden hat, wie ich vor den Säulenformen im Goetheanum stand, die sozusagen durch das künstlerische Schaffen ein eigenes Leben gewannen, noch etwas ganz anderes hatten als dasjenige, was ursprünglich hineingelegt worden ist...

Es wurde dann auch diese Eurythmie zunächst in sehr kleinen Kreisen getrieben und unterrichtet. Dann nahm sich ihrer Frau Dr. Steiner im Beginne der Kriegszeit an, und dadurch gewann sie gewissermaßen immer mehr und mehr an Ausdehnung, aber auch an Inhalt. Dasjenige, was heute die Eurythmie ist, ist eigentlich erst seit jener Zeit zu den ersten, 1912 gegebenen Prinzipien dazugekommen. Und wir arbeiten fortwährend - denn dasjenige, was heute Eurythmie ist, ist ja ein Anfang - an der Ausgestaltung, an der Vervollkommnung. Sie trägt aber, ich möchte sagen, unbegrenzte Vervollkommnungsmöglichkeiten in sich. Und deshalb wird sie ganz zweifellos, wenn wir längst nicht mehr dabei sind, ihre weitere Ausbildung und ihre weitergehende Vervollkommnung finden und sich dann als eine jüngere Kunst neben die älteren Künste hinstellen können...

Die Sprache ist in der Tat ein universelles Ausdrucksmittel der menschlichen Seele [siehe auch -> Sprache, und Dichtkunst und -> Sprachgestaltung, Rezitation, Deklamation und dramatische Kunst; Bühnengestaltung und Regie]. Und derjenige, der unbefangen in Urzeiten der Menschheitsentwickelung auf Erden hineinschauen kann, der kann sehen, daß in gewissen alten Ursprachen tatsächlich ein tief künstlerisches Element in der Menschheitsentwickelung waltete. Nur waren diese Ursprachen viel mehr als die heutigen Zivilisationssprachen aus dem ganzen Menschen herausgeholt. Wir kommen sogar, wenn wir unbefangen diese Entwickelung verfolgen, zu Ursprachen, die sich äußerten fast wie ein Singen, aber so, daß der Mensch lebendig begleitet dasjenige, was er spricht, mit Bewegungen seiner Beine, mit Bewegungen seiner Arme, so daß eine Art von Tanzen dann zum Sprechen hinzutrat bei gewissen Ursprachen, wenn irgend etwas in gehobener Form oder in beabsichtigt kultusartiger Form zum Ausdrucke gebracht werden sollte.

Man empfand die Begleitung des aus der Kehle dringenden Wortes mit der menschlichen Gebärde gerade in Urzeiten der Menschheitsentwickelung als etwas wie Selbstverständliches. Und richtig beurteilen wird man das, was da waltete, nur dann, wenn man sich Mühe gibt, darauf hinzuweisen, wie in der Tat dasjenige, was sonst nur als begleitende Gebärde beim Sprechen auftritt, selbständig Leben gewinnen kann. Man kommt nämlich dann darauf, daß die Gebärde, die durch Arme und Hände ausgeführt wird, in künstlerischer Beziehung nicht nur geradeso ausdrucksvoll, sondern sogar viel ausdrucksvoller sein kann als die Sprache...

Wenn man nun durch wirkliche sinnlich-übersinnliche Schau sich hineinversetzen kann in diese Luftgebärde, in dasjenige, was der Mensch macht, indem er Vokale ausspricht, indem er Konsonanten ausspricht, indem er Sätze ausspricht, indem er Reime formt, Jamben oder Trochäen formt, wenn man sich in diese Luftgebärde hineinzuversetzen vermag, so sagt man sich: Ach, die zivilisierten Sprachen haben ja furchtbare Konzessionen an die Konvention gemacht. Sie sind schließlich Ausdrucksmittel geworden für die wissenschaftliche Erkenntnis, Ausdrucksmittel für das, was man sich im Leben mitteilen will. Ihre ursprüngliche Seelenhaftigkeit haben sie verloren. Es gilt eigentlich für die zivilisierte Sprache schon das, was der Dichter so schön sagt: «Spricht die Seele, so spricht, ach! schon die Seele nicht mehr.»

Man kann aber nun dasjenige, was man lernen kann an den Luftgebärden, was man schauen kann an den Luftgebärden durch sinnlich-übersinnliches Schauen, nachahmen durch Arme und Hände, durch die Bewegung des ganzen Menschen nachahmen. Dann entsteht sichtbar ganz dasselbe, was in der Sprache wirkt. Und dann kann man den Menschen hinstellen so, daß er jene Bewegungen ausführt, die eigentlich der Sprach- und Singorganismus immer ausführt. Und dadurch entsteht die sichtbare Sprache, der sichtbare Gesang. Diese sind eben die Eurythmie.

Wenn man die Sprache selbst betrachten kann mit künstlerischem Sinn, so stellt sich gewissermaßen für die einzelnen Äußerungen der Sprache ein Imaginatives hin vor die Seele. Man muß nur hinweg können von dem abstrakten Charakter, den die Sprache in der Tat gerade bei den vorgerückteren Zivilisationen in der Gegenwart schon erlangt hat. Da redet man eigentlich, ohne daß man mit seinem menschlichen Wesen in der Sprache noch drinnen steckt.

Die Sprache ist ja aus dem ganzen menschlichen Wesen heraus geboren. Nehmen wir irgendeinen Vokal. Er drückt immer aus dasjenige, was die Seele im Umfang ihres Fühlens erlebt. Entweder der Mensch will dasjenige ausdrük-ken, was im Staunen lebt: A, oder er will dasjenige ausdrücken, was eine Art Sich-Halten gegen einen Widerstand offenbart: E, oder er will ausdrücken seine Selbstbehauptung, sein Sich-Hineinstellen in die Welt: I. Er will ausdrücken sein Staunen oder wohl auch sein Anschmiegen an irgend etwas: EI.

Das wird sich natürlich für die verschiedenen Sprachen verschieden gestalten, weil die verschiedenen Sprachen aus verschieden geartetem Empfindungsleben hervorgehen. Aber alles Vokalische drückt ursprünglich ein seelisches Fühlen aus, das sich nur verbindet mit dem Gedanken, der aus dem Kopfe kommt und dann ins Sprachliche übergeht. Und wie das bei den Vokalen in der Sprache ist, so ist es bei den Tönen im Musikalischen. Es drückt immer das gefühlsmäßige Erleben der Seele der Sprachton, der Sprachbuchstabe, die Sprachwendung, die Gestaltung, die Formung des Satzes und so weiter aus. Und ebenso beim Singen drückt der Ton das Leben der Seele aus.

Studieren wir die Konsonanten. Wir finden bei den Konsonanten, daß sie Nachahmungen desjenigen sind, was äußerlich um uns herum ist. Der Vokal stammt aus dem Inneren, will das Innere, gewissermaßen die volle Seele nach außen ergießen. Der Konsonant stammt aus dem Erfassen der Dinge; wie wir sie umgreifen, auch nur mit den Augen umgreifen, das wird in den Konsonanten hinein geformt. Der Konsonant malt, zeichnet die äußere Form der Dinge. Ursprünglich liegt in der Tat im Konsonanten eine Art imaginativen Nachmalens dessen, was draußen in der Natur vorhanden ist...

Ich habe schon gesagt, wir reden, ohne daß wir eigentlich noch mit unserer Seele in die Sprache selber hineinströmen, ohne daß wir aufgehen in der Sprache. Wer fühlt denn noch dieses Verwundern, dieses Erstaunen, dieses Perplexwerden, dieses Sich-Aufbäumen bei den Vokalen! Wer fühlt das sanfte rundliche Umweben eines Dinges, das Gestoßenwerden eines Dinges, das Nachahmen des Eckigen, das Ausgeschweifte, das Samtartige, das Stachelige bei den einzelnen Konsonanten! Und doch ist das alles in der Sprache enthalten. Indem wir uns durch ein Wort durchwinden, können wir, so wie das Wort ursprünglich aus der ganzen Menschenwesenheit hervorgegangen ist, an einem Worte alles mögliche erleben; himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt, den ganzen Menschen, hinauf- und heruntergehend die Skalen der Gefühle, die Skalen der Anschauung der äußeren Dinge.

Das alles kann in Imaginationen hinaufgehoben werden, wie die Sprache auch ursprünglich aus Imaginationen hervorgegangen ist. Und so empfindet derjenige, der solche Imaginationen haben kann, wie ein I immer sich in einem solchen Bilde vor die Seele hinstellt, daß das Bild eine Selbstbehauptung ausdrückt, das Gewahrwerden des gestreckten Muskels im Arm zum Beispiel. Wenn jemand mit der Nase besonders geschickt ist, kann er dasselbe auch mit der Nase machen. Man kann es auch mit dem Sehstrahl machen; aber man macht es natürlich, weil die Arme und Hände das Ausdrucksvollste sind, wirklich künstlerisch mit den Armen. Aber darauf kommt es an, daß dieses Streckgefühl, dieses Hineinstoßen bei dem ausgestreckten Glied bei dem I zum Ausdruck kommt. E stellt sich so hin, daß, wenn wir schon die ausgeatmete Luft zum Vorbilde nehmen in der E-Bewegung, etwas wie gekreuzte Ströme sich als Imagination vor uns hinstellen. Daher das E in der Eurythmie. Alle diese Bewegungen sind ebensowenig willkürlich, wie willkürlich sind die Sprachlaute oder die Gesangstöne selbst.

Es gibt Leute, die sagen: Ja, wir wollen doch nicht, daß da etwas so Abgezirkeltes uns gegeben wird, daß da in der Bewegung der eine Laut wie der andere so ausgedrückt werden muß. Wir wollen Gebärden haben, die spontan aus dem Menschen herauskommen. - Man kann ja die Lust haben zu solchen Sachen, aber dann soll man nur auch gleich die Lust haben, daß es keine deutsche, französische oder englische Sprache geben kann, damit der Mensch in seiner Freiheit nicht gestört wird, daß jeder sich in einem andern Laut ausdrücken kann, wie er will. Er kann auch sagen, seine Freiheit wird gehemmt dadurch, daß er in der englischen oder in einer andern Sprache reden muß!

Die Freiheit wird eben gar nicht gehemmt. Aber die Schönheit in der Sprache kann erst dadurch geschaffen werden, daß der Mensch da ist; die Schönheit in der eurythmi-schen Bewegung kann erst dadurch geschaff