weihnacht

Jahresfeste
Weihnachten - Ostern - Johanni - Michaeli und der Atmungsvorgang der Erde im Jahreskreislauf

Siehe auch:

Viele Menschen, die inmitten des modernen Zivilisationslebens stehen, haben die lebendige Beziehung zu den feineren Nuancen des Jahreskreislaufs verloren - und damit auch die Empfindung für den tieferen Sinn der Jahresfeste. Die Menschen haben sich in ihrem seelischen Erleben weitgehend von den Naturrhythmen gelöst. Das hat seinen guten Sinn, denn nur so kann sich der Mensch auf Erden zu einem freien selbstverantwortlichen Wesen entwickeln. Aus dieser selbstbewussten Freiheit heraus hat er gelernt, sich als denkendes Subjekt den Naturobjekten gegenüberzustellen. Die Natur scheint ihm von abstrakten Naturgesetzen beherrscht zu sein. Diese sind es auch, so denkt er, die die kosmische Beziehung der Erde zur Sonne, und damit auch den Jahreskreislauf, regeln. Innerhalb gewisser Grenzen ist diese Anschauung auch durchaus richtig und fruchtbar - aber sie erklärt nur einen winzigen Teil der Phänomene, die mit dem rhythmischen Wechsel des Jahreslaufes verbunden sind. So wenig sich das Werk eines genialen Malers aus den mechanischen Gesetzen erfassen lässt, die während des Malens in seinen Fingern, in seiner Hand und in seinem Arm wirkten, so wenig läßt sich das Geistige, das im Jahreslauf waltet, naturgesetzlich fassen. Wesenhaft Geistiges waltet im Naturgeschehen. Auf unterster geistiger Ebene sind es die -> Elementarwesen, die als tätige Werkmeister in der Natur wirken und sich im Rhythmus des Jahreslaufes mit der Erde abwechselnd stärker verbinden oder lösen:

"Dieser Jahreslauf, den in früheren Zeiten der Mensch, weil eine Art mehr instinktiven Bewußtseins gewaltet hat, durch Festeszeiten feierte, hat noch eine andere Seite... Die Erde ist während des Winters mit ihren Elementargeistern, man kann sagen, vereint. Die Elementargeister ziehen sich hinein in den Schoß der Erde, wohnen da bei den sich vorbereitenden Pflanzenwurzeln und den ändern Naturwesenheiten, die während des Winters im Schoße der Erde sind. Dann, wenn der Frühling kommt, atmet die Erde gewissermaßen dieses ihr elementarisches Wesen aus; die Elementargeister steigen wie aus einer Gruft heraus, steigen herauf in die Atmosphäre. Während sie im Winter die innere Gesetzmäßigkeit der Erde aufgenommen haben, bekommen sie immer mehr und mehr, wenn es gegen den Frühling zu geht, und namentlich wenn es dem Sommer zu geht, in ihrem Wesen und Weben jene Gesetzmäßigkeit, die ihnen von den Sternen des Kosmos und deren Bewegungen aufgedrängt wird. Und wenn die Hochsommerzeit da ist, da webt und lebt es draußen im Umkreise der Erde unter den Elementarwesen, die still und ruhig während des Winters unter der Schneedecke waren, da wallt und wirbelt es unter diesen Elementarwesen in denjenigen Bewegungen, in denjenigen gegenseitigen Beziehungen, die bestimmt sind durch die Gesetze der Planetenbewegungen, durch die Gesetze der Gestaltung der Fixsterne und so weiter. Und wenn der Herbst kommt, dann kommen gewissermaßen diese Elementarwesen wiederum gegen die Erde zurück. Dann nähern sie sich wieder der Erde, bekommen immer mehr und mehr auch wieder die Erdengesetze, um wiederum zurückzukehren, gewissermaßen von der Erde eingeatmet zu werden während der Winterzeit, wo sie wiederum still und ruhig im Schoße der Erde sein werden."[1]

Im Zuge einer geistigen Schulung wird man nach und nach wieder empfänglich für die Naturrhythmen:

"Derjenige, der sich mit Anthroposophie unter den angegebenen Bedingungen durchdringt, wird nach und nach bemerken, daß er zum Beispiel den Unterschied der vier Jahreszeiten, namentlich den Unterschied von Sommer und Winter, noch in einer ganz anderen Weise empfindet als der sonstige normale Mensch der Gegenwart. Der normale Mensch der Gegenwart fühlt an seinem eigenen physischen Leibe eigentlich im Grunde genommen zumeist doch nur den Temperaturunterschied. Derjenige, der in der angedeuteten Weise Anthroposophie zu seinem Seeleninhalt gemacht hat, der empfindet nicht nur den Temperaturunterschied, sondern getrennt davon hat er noch ein besonderes Erleben in seinem Nervensystem, so daß es ihm zum Beispiel leichter wird, gewisse Gedanken, die an das physische Gehirn gebunden sind, im Sommer zu fassen als im Winter. Nicht als ob es unmöglich wäre, im Winter diese oder jene Gedanken zu fassen; aber man kann deutlich erfahren, daß es im Sommer leichter ist als im Winter, daß sie im Sommer sozusagen leichter fließen als im Winter. Man kann auch bemerken, daß im Winter die Gedanken leichter abstrakt und im Sommer leichter bildhaft, anschaulicher werden. Das kommt davon her, daß das Werkzeug für den physischen Plan, das Nervensystem, in feiner Weise mitschwingt mit der Veränderung der Jahreszeiten, innerlich unabhängiger vom Gesamtorganismus mitschwingt, als das sonst der Fall ist."[2]

Eine neue geistige Beziehung zum Naturgeschehen muß gefunden werden. Diese neue geistige Beziehung zur Natur darf aber keine bloß traumhaft instinktive bleiben, sondern sie muss, wenn der Mensch seine Freiheit nicht verlieren will, bewusst gesucht werden. Rudolf Steiner gibt dazu folgende Anregungen:

"Wir wollen heute einmal diesen Kreislauf der Erde als eine Art großer Atmung betrachten, welche die Erde vollzieht gegenüber ihrer kosmischen Umgebung. Wir können noch andere Vorgänge, die an der Erde und um die Erde sich abspielen, als eine Art Atmungsvorgänge auffassen. Wir können auch von einer täglichen Atmung der Erde sprechen. Allein wir wollen heute einmal den Jahreslauf im großen wie einen mächtigen Atmungsprozeß der Erde ins Auge fassen, wobei allerdings nicht die Luft von der Erde aus- und eingeatmet wird, sondern diejenigen Kräfte, welche zum Beispiel in der Vegetation des Pflanzlichen wirken, die Kräfte, die im Frühling aus der Erde die Pflanzen heraustreiben, die im Herbst wiederum sich zurückziehen in die Erde, welk werden lassen die grünen Pflanzenbestandteile und endlich ablähmen das Pflanzenwachstum. Also wie gesagt, nicht eine Luftatmung ist es, von der wir sprechen, sondern die Atmung, die Ein- und Ausatmung von Kräften, von denen man eine Teilvorstellung gewinnen kann, wenn man auf das Pflanzenwachstum im Laufe eines Jahres sieht. Diesen Jahresatmungsprozeß der Erde wollen wir uns heute einmal vor die Seele führen.

Sehen wir hin zunächst auf die Zeit, in welcher die Erde sich in der sogenannten Wintersonnenwende befindet, im letzten Drittel des Dezember nach unserer heutigen Jahresrechnung. In dieser Zeit müssen wir in bezug auf diesen Atmungsvorgang die Erde so ansehen, wie wir den Menschen ansehen bei seiner Lungenatmung, wenn er eingeatmet hat, wenn er die Atemluft in sich hat und sie in sich verarbeitet, wenn er also den Atem in sich hält. So hat die Erde diejenigen Kräfte, in bezug auf die ich jetzt von Aus- und Einatmung spreche, in sich. Sie hält sie, diese Kräfte, mit dem Ende des Dezember. Und was da mit der Erde geschieht, kann ich Ihnen in der folgenden Weise schematisch aufzeichnen. Denken wir uns, das (siehe Schema, rot) stellte die Erde vor. Wir können in bezug auf diese Atmung nur immer einen Teil der Erde betrachten. Wir betrachten denjenigen Teil, den wir selbst bewohnen; auf der entgegengesetzten Seite der Erde liegen die Bedingungen ja eben entgegengesetzt. Wir müssen uns die Atmung der Erde so vorstellen, daß an einem Orte der Erde Ausatmung ist, am entgegengesetzten Einatmung, aber wir brauchen darauf heute keine Rücksicht zu nehmen.

Wir stellen uns vor die Dezemberzeit. Wir stellen uns vor das, was ich hier als Gelbes einzeichne, als eben der gehaltene Atem in unserer Gegend. Die Erde hat vollständig eingeatmet; sie hält die Kräfte, von denen ich eben gesprochen habe, in sich zusammen. In diesem Augenblicke des Jahres ist die Erde so, daß man sagen kann, sie hält ihr Seelisches in sich. Sie hat ihr Seelisches ganz in sich gesogen, denn die Kräfte, von denen ich gesprochen habe, die sind das Seelische der Erde. Die Erde also hält mit Ende Dezember ihr Seelisches ganz in sich. Sie hat es ganz aufgesogen, so wie der Mensch, wenn er eingeatmet hat, die Luft ganz in sich hält. Das ist die Zeit, in welche mit Recht die Geburt Jesu gesetzt wird, weil da die Erde gewissermaßen im inneren Besitz ihrer gesamten Seelenkraft ist. Und indem Jesus geboren wird in diesem Zeitpunkte, wird er herausgeboren aus einer Erdenkraft, die alles Erdenseelische in sich trägt. Und einen tiefen Sinn haben in der Zeit des Mysteriums von Golgatha die Eingeweihten, die, ich möchte sagen, der alten Einweihung noch würdig waren, einen tiefen Sinn haben diese Eingeweihten verbunden mit der Anschauung, die sie ausgebildet haben von dem Fallen der Geburt Jesu in diesen Zeitpunkt der irdischen Einatmung, des irdischen Atemhaltens.

Diese Eingeweihten haben etwa das Folgende gesagt. Wenn man in alten Tagen, da unsere Einweihungsstätten gestanden haben innerhalb der chaldäischen, innerhalb der ägyptischen Kultur von jener Wesenheit, die das Hohe Sonnenwesen darstellt, sprach und man wissen wollte, was dieses Hohe Sonnenwesen zu sagen hatte den irdischen Menschen, dann bildete man sich über diese Sprache des Hohen Sonnenwesens auf die folgende Weise eine Ansicht. Man beobachtete das Sonnenlicht in seiner Geistigkeit nicht direkt; man beobachtete das Sonnenlicht in der Art, wie es vom Monde zurückgestrahlt wird. Indem man den Blick hinaufwendete zum Monde, sah man mit Hilfe des alten hellseherischen Seelenblickes mit dem Heranfluten des Mondenlichtes die Offenbarung des Geistes des Weltenalls. Und in einer mehr äußerlichen Weise ergab sich der Sinn dieser Offenbarung, indem man die Konstellation des Mondes in bezug auf die Fixsternbilder und in bezug auf die Planeten beobachtete.

So beobachtete man denn in den chaldäischen und namentlich in den ägyptischen Mysterien zur nächtlichen Stunde den Stand der Sterne, namentlich in bezug auf das heranflutende Mondenlicht. Und geradeso wie der Mensch aus den Buchstaben, die er auf seinem Papierblatt hat, sich den Sinn desjenigen klar macht, was er lesen will, so schaute man hin, wie Widder, Stier zum flutenden Mondenlichte standen, wie Venus, wie die Sonne selber und so weiter, zum flutenden Mondenlichte standen. Und aus dem Verhältnis, wie die Sternbilder und Sterne zueinander standen, namentlich wie sie orientiert wurden durch das flutende Mondenlicht, las man ab, was der Himmel der Erde zu sagen hatte. Man brachte das in Worte. Und nach dem Sinne dessen, was da in Worte gebracht wurde, suchten die alten Eingeweihten. Sie suchten, was jenes Wesen, das später der Christus genannt wurde, dem irdischen Menschen zu sagen hatte. Auf das sahen jene alten Eingeweihten hin, was die Sterne im Verhältnisse zum Monde dem irdischen Leben sagen konnten. Aber nun, als das Mysterium von Golgatha herannahte, da ging, möchte ich sagen, eine große geistig-seelische Metamorphose durch alles Mysterienwesen. Da sagten die Ältesten dieser Eingeweihten zu ihren Schülern: Jetzt kommt eine Zeit, wo fortan nicht mehr die Sternkonstellationen auf das flutende Mondenlicht bezogen werden dürfen. Das Weltenall spricht anders zu den irdischen Menschen in der Zukunft. Es muß das Licht der Sonne direkt beobachtet werden. Wir müssen herüberwenden die geistigen Erkennerblicke von den Offenbarungen des Mondes zu den Offenbarungen der Sonne.

Was dazumal zuerst in den Mysterien Lehre wurde, das machte einen gewaltigen Eindruck auf diejenigen Menschen, die noch zu den Eingeweihten eben der älteren Zeiten in der Epoche des Mysteriums von Golgatha zählten. Und von diesem Gesichtspunkte aus beurteilten diese Eingeweihten das Mysterium von Golgatha. Aber sie sagten: Es muß etwas in das Erdengeschehen hereinfallen, was diesen Übergang von dem Mondenhaften zu dem Sonnenhaften bewirken kann. -Und so kamen sie auf die kosmische Bedeutung der Geburt Jesu. Die Geburt Jesu sahen sie an als etwas, was von der Erde aus den Impuls gab, fortan nicht mehr den Mond zum universalen Regenten der Himmelserscheinungen zu machen, sondern die Sonne selber. Aber das Ereignis, das da hineinfällt, das muß besonderer Art sein - so sagten sie sich. Und diese besondere Art ergab sich ihnen durch das Folgende. Sie fingen an zu verstehen den inneren Sinn dieses Erdengeschehens im letzten Drittel des Dezember. Sie fingen an zu verstehen den Sinn des Erdengeschehens zu der Zeit, die wir jetzt die Weihnachtszeit nennen. Sie sagten sich: Auf die Sonne muß alles bezogen werden. Aber die Sonne kann auf die Erde nur Gewalt ausüben, wenn die Erde ihre Kräfte ausgeatmet hat. Zur Weihnachtszeit hat sie sie eingeatmet, hält sie den Atem in sich. Wird da der Jesus geboren, so wird er zu einer Zeit geboren, in der die Erde gewissermaßen nicht spricht mit den Himmeln, in der die Erde mit ihrem Wesen ganz in sich selber zurückgezogen ist. Da wird der Jesus in einer Zeit geboren, in der die Erde einsam durch den kosmischen Raum hinrollt, ohne ihren Atemzug hinauszusenden, so daß dieser Atemzug durchwellt werden könnte von der Sonnenkraft, von dem Sonnenlichte. Die Erde hat gewissermaßen ihr Seelisches in dieser Zeit nicht dargeboten dem Kosmos; sie hat ihr Seelisches in sich zurückgezogen, sie hat es in sich aufgesogen. Der Jesus wird in einer Zeit auf der Erde geboren, in der die Erde allein ist mit sich gegenüber dem Kosmos. - Fühlen Sie dieses, ich möchte sagen, kosmische Empfinden, das einer derartigen Berechnung zugrunde liegt!

Verfolgen wir jetzt die Erde weiter im Jahreslauf. Verfolgen wir die Erde bis in die Zeit, in der wir eben jetzt stehen. Verfolgen wir die Erde ungefähr bis zu der Zeit der Frühlingssonnenwende, bis zum Ende des März. Da müssen wir schematisch die Sache so zeichnen: Die Erde (siehe Schema, rot) hat eben ausgeatmet; die Seele ist noch halb in der Erde, aber die Erde hat die Seele ausgeatmet, die flutenden Seelenkräfte der Erde ergießen sich in den Kosmos hinaus. Ist nun die Kraft des Christus-Impulses seit dem Dezember innig mit der Erde verbunden, mit dem Seelischen der Erde, dann finden wir jetzt, wie dieser Christus-Impuls mit dem hinausflutenden Seelischen die Erde zu umstrahlen beginnt (Pfeile). Dem, was da als durch-christetes Erdenseelisches in den geistigen kosmischen Raum hinausströmt, dem muß aber jetzt begegnen die Kraft des Sonnenlichtes selber. Und die Vorstellung entsteht: Jetzt beginnt der Christus, der sich mit der Erde seelisch im Dezember zurückgezogen hat in das Erdeninnere, um isoliert zu sein von den kosmischen Einflüssen, mit der Ausatmung der Erde selber seine Kräfte hinausatmen zu lassen, sie hinzureichen zum Empfange des Sonnenhaften, das ihm entgegenstrahlt. Und wir erlangen eine richtige schematische Zeichnung, wenn wir nun das Sonnenhafte als dasjenige, was sich mit der von der Erde ausstrahlenden Christus-Kraft vereinigt, also zeichnen (gelb):

Der Christus beginnt mit dem Sonnenhaften zusammenzuwirken zur Osterzeit. Die Osterzeit fällt daher in die Zeit der Ausatmung der Erde. Aber es darf dasjenige, was da geschieht, nicht bezogen werden auf das zurückflutende Mondenlicht, sondern auf das Sonnenhafte.

Dem entstammt die Festlegung der Osterzeit am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmonde, nach dem Vollmonde, der nach der Frühlingssonnenwende kommt. Und der Mensch müßte, solches empfindend, gegenüber der Osterzeit sagen: Habe ich mich mit der Kraft des Christus vereinigt, so flutet auch meine Seele mit der Ausatmungskraft der Erdenseele hinaus in die kosmischen Weiten und empfängt die Sonnenkraft, die der Christus von der Erde jetzt ebenso zuführt den Menschenseelen, wie er sie vor dem Mysterium von Golgatha diesen Menschenseelen vom Kosmos herein zugeführt hat.

Damit tritt aber noch etwas anderes ein. Wenn in denjenigen Zeiten, in denen das Wichtigste auf der Erde auf das flutende Mondenlicht bezogen wurde, Feste festgesetzt wurden, dann wurden sie rein festgesetzt nach dem, was man im Räume beobachten konnte: wie der Mond stand zu den Sternen. Man entzifferte den Sinn, den der Logos in den Raum hineingeschrieben hatte, um Feste festzusetzen. Wenn Sie sich die Festsetzung des Osterfestes, wie wir es jetzt haben, ansehen, so werden Sie sehen, die Raumesfestsetzung geht bis zu einem gewissen Punkte, bis zu dem Punkte, an dem man sagen kann: Es ist der Vollmond nach Frühlingsbeginn. - Bis daher alles raumhaft. Jetzt aber fällt man aus dem Raum heraus: Sonntag nach dem Frühlingsvollmond, Sonntag, wie er nicht räumlich festgesetzt wird, wie er im Zyklus des Jahreskreislaufes festgesetzt wird, wie sich im Zyklus der Wochentage immer folgen Saturntag, Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Saturntag und so weiter, immer im Kreislauf. Jetzt tritt man aus dem Raum heraus, indem man von der räumlichen Festsetzung der Mondenkonstellation zu dem reinen zeitlichen Verlaufe im Jahreszyklus der Sonntage übergeht.

Das war das weitere, das man in den alten Mysterien empfunden hat: daß die alten Feststellungen also auf den kosmischen Raum bezogen wurden und daß man mit dem Mysterium von Golgatha herausging aus dem kosmischen Raum in die Zeit, die selber nicht mehr auf den kosmischen Raum bezogen wurde. Man riß gewissermaßen das, was man auf den Geist bezog, vom reinen Räumlichen hinweg. Es war ein gewaltiger Ruck der Menschheit nach dem Geiste.

Und gehen wir im Jahreslauf, ich möchte sagen, in der Atmung der Erde weiter, dann finden wir, wie im Juni die Erde den dritten Zustand hat. Die Erde hat an dem Fleck, den wir jetzt beobachten, ganz ausgeatmet. Das ganze Seelenhafte der Erde ist in den kosmischen Raum hinaus ergossen, das ganze Seelische der Erde ist dem kosmischen Raum hingegeben. Das Seelenhafte der Erde durchtränkt sich mit der Kraft der Sonne, mit der Kraft der Sterne. Der Christus, der mit diesem Seelenhaften der Erde verbunden ist, vereinigt auch seine Kraft mit der Sternenkraft und der Sonnenkraft, die da fluten in dem an das kosmische All hingegebenen Seelenhaften der Erde. Es ist Johanni, es ist Johannizeit. Die Erde hat voll ausgeatmet. Die Erde zeigt in ihrer äußeren Physiognomie, mit der sie hinausblickt zum Weltenall, nicht ihre eigene Kraft, wie sie sie in sich zeigte zur Wintersonnenwende, die Erde zeigt auf der Oberfläche die rückstrahlende Kraft der Sterne, der Sonne, alles dessen, was kosmisch außer ihr ist.

Die alten Eingeweihten haben besonders lebhaft, namentlich in den nördlichen Gegenden Europas, den inneren Sinn und Geist dieser Zeit, unserer Junizeit, gefühlt. Sie haben ihre eigene Seele mit der Erdenseele in dieser Zeit hingegeben gefühlt den kosmischen Weiten. Sie haben sich lebend gefühlt nicht innerhalb des Irdischen, sondern in den kosmischen Weiten. Und vor allen Dingen haben sie sich etwa das Folgende gesagt: Wir leben mit unserer Seele in den kosmischen Weiten. Wir leben mit der Sonne, wir leben mit den Sternen. Und wenn wir den Blick zurückwenden auf die Erde, die sich erfüllt hat mit sprießenden, sprossenden Pflanzen, die alles mögliche an Tieren hervorgebracht hat, dann sehen wir in den sprießenden, sprossenden Pflanzen, in den farbenentfaltenden, farberglitzernden Blumen, sehen in den hin und her sich bewegenden Insekten, in den die Luft durchmessenden Vögeln mit ihren mannigfaltigen farbigen Federdecken wiederum von der Erde wie spiegelnd zurückglänzen dasjenige, was wir in die Seele aufnehmen, wenn wir gerade die Erde verlassen und uns mit dem hinausflutenden Atem der Erde verbinden, um kosmisch, nicht irdisch zu leben. Aber was sich da tausendfältig farbig, sprießend, sprossend, von der Erde hinauswachsend zeigt in den Weltenraum, das ist von derselben Art. Nur ist es eben die Reflexion, die rückstrahlende Kraft, während wir die direkte Kraft in unseren Menschenseelen tragen. - Das war das Sich-Fühlen derjenigen Menschen, die inspiriert waren von den Einweihungsstätten, welche insbesondere das Sommersonnenwendefest verstanden. So sehen wir hineingestellt das Johannifest in den großen Atemzug des Irdischen gegenüber dem Kosmos.

Verfolgen wir diesen Atemzug noch weiter, so kommen wir endlich zu jenem Stadium, das Ende September eintritt. Die ausgeatmeten Kräfte beginnen wiederum sich zurückzubewegen, die Erde beginnt wiederum einzuatmen. Die Erdenseele, welche hinausergossen war in den Kosmos, zieht sich wiederum in das Innere der Erde zurück. Die Menschenseelen nehmen in ihrem Unterbewußten oder in ihren hellseherischen Impressionen dieses Einatmen des Erdenseelenhaften als Vorgänge ihrer eigenen Seele wahr. Die Menschen, die inspiriert waren von der Einweihungserkenntnis über solche Dinge, sie konnten sich Ende September dann sagen: Was uns der Kosmos gegeben hat und was mit unserer eigenen Seelenkraft durch den Christus-Impuls sich verbunden hat, das lassen wir wiederum zurückfluten in das Irdische, in jenes Irdische, das den ganzen Sommer hindurch nur der Reflexion gedient hat, das also wie ein Spiegel sich verhalten hat gegenüber dem Kosmos, dem außerirdischen Kosmos.

Ein Spiegel verhält sich aber so, daß er nichts von dem hindurchläßt, was vor ihm ist. Weil die Erde ein Spiegel des Kosmischen im Sommer ist, ist sie gewissermaßen auch in ihrem Inneren undurchsichtig, undurchlässig für das Kosmische, undurchlässig deshalb für den Christus-Impuls während der Sommerzeit. Da muß der Christus-Impuls gewissermaßen in der Ausatmung leben; die Erde erweist sich selber als undurchlässig für den Christus-Impuls. Die ahrimanischen Kräfte setzen sich fest in dieser für den Christus-Impuls undurchlässigen Erde. Und wenn der Mensch wiederum zurückkehrt mit den durch die Ausatmung der Erdenkräfte in die eigene Seele aufgenommenen Kräften, auch mit den Christus-Kräften, so taucht er unter in die ahrimanisierte Erde. Da aber ist es so, daß im jetzigen Zeitlauf der Erdenentwickelung, seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, aus Geisteshöhen der untertauchenden Menschenseele zu Hilfe kommt die Kraft des Michael, die bei diesem Rückfluten der Erdenatmung in die Erde selbst hinein den Drachen Ahriman bekämpft.

Das haben wie prophetisch vorausgesehen diejenigen, die auch schon in den alten Mysterien den Jahreslauf geistig verstanden haben. Sie wußten, daß für ihre Zeit noch nicht dieses Geheimnis herangekommen war: daß die Kraft des Michael der untertauchenden Menschenseele zu Hilfe kommt. Aber sie wußten, daß, wenn die Seelen immer wieder geboren werden, diese Michael-Kraft eintritt, diese Michael-Kraft zu Hilfe kommt den Erdenmenschenseelen. In diesem Sinne haben sie den Jahreskreislauf angesehen. Sie finden daher im Kalender aus alter Weisheit eingeschrieben auf den 29. September, einige Tage nach der Herbst-Tagundnachtgleiche, den Michaeltag. Und Michaeli ist gerade für die einfachen Leute auf dem Lande eine außerordentlich wichtige Zeit.

Aber Michaeli ist durch seine Einstellung in den Jahreskreislauf auch für diejenigen eine wichtige Jahreszeit, welche den ganzen Sinn unserer gegenwärtigen Erdenepoche zu verstehen vermögen. Muß man doch, wenn man mit dem richtigen Bewußtsein sich in die gegenwärtige Zeit hereinstellen will, verstehen, wie in dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Michael-Kraft in der Art, wie das eben für unsere Zeit sein muß, den Kampf mit dem Drachen, den Kampf mit den ahrimanischen Mächten aufnimmt. Muß man sich doch selber einfügen in den Sinn der Erden- und Menschheitsentwickelung, indem man mit dem eigenen Bewußtsein in der rechten Weise an diesem kosmisch-geistigen Kampfe teilnimmt.

Bisher ist der Michaeltag ein Bauernfeiertag. Sie wissen, was ich für einen Sinn damit verbinde: ein Feiertag der einfachen Menschen. Er ist dazu berufen, aus dem Einsehen des ganzen Sinnes des irdischkosmischen Jahresatemzuges immer mehr und mehr das Ergänzungsfest für das Osterfest zu bilden. Denn so wird die Menschheit, die wiederum das Erdenleben auch im geistigen Sinne verstehen wird, einmal denken müssen.

Während die Sommerausatmung geschah, ist die Erde ahrimanisiert. Wehe, wenn in diese ahrimanisierte Erde die Geburt Jesu hineinfiele ! Bevor wiederum der Kreislauf vollendet ist und der Dezember herankommt, der den Christus-Impuls in der durchseelten Erde geboren werden läßt, muß die Erde durch geistige Kräfte gereinigt sein von dem Drachen, von den ahrimanischen Kräften. Und vereinigen muß sich die Michael-Kraft mit dem, was hineinflutet als Erdenatmung von der Septemberzeit an bis in die Dezemberzeit, vereinigen muß sich damit die reinigende, die das böse Ahrimanische besiegende Michael-Kraft, damit in der richtigen Weise das Weihnachtsfest herankommen und in der richtigen Weise sich die Geburt des Christus-Impulses vollziehen kann, der dann weiter reift bis zu dem Beginn der Ausatmung, bis zu der Osterzeit. So sehen wir, daß man sagen kann: Zur Weihnachtszeit hat die Erde ihr Seelisches in sich aufgenommen, hat die Erde ihr Seelisches in dem großen Jahresatemzug in sich aufgenommen. Der Christus-Impuls wird in dem von der Erde aufgenommenen Erdenseelischen im Innern der Erde geboren. Er flutet hinaus in das Kosmische mit dem Ausatmen der Erde gegen die Frühlingszeit hin. Er wird dessen ansichtig, was sternenhaft ist, und tritt mit ihm in Wechselwirkung, aber so, daß er nicht mehr räumlich bloß in Beziehung tritt, sondern zeitlich, so daß das Zeitliche aus dem Räumlichen herausgenommen ist.

Ostern ist am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond. Der Mensch erhebt sich mit seinem Seelischen innerhalb der Vollausatmung hinaus in das Kosmische, durchtränkt und durchdringt sich mit dem Sternenhaften, nimmt den Atem der Welt mit dem Erdenatem selber auf, durchdringt sich mit dem Österlichen. Und mit dem, womit er begonnen hat sich zu durchdringen seit der Osterzeit, steht er am stärksten drinnen zur Johannizeit, muß dann zurückkehren mit der Erdenseele und zugleich mit seinem eigenen Seelenhaften in die Erde, ist aber angewiesen darauf, daß Michael ihm zur Seite steht, damit er in der richtigen Weise eindringen kann in das Irdische nach Besiegung des Ahrimanischen durch die Michael-Kräfte.

Immer mehr und mehr zieht sich das Seelische der Erde mit der eingezogenen Atemkraft in das Irdische selber zurück, bis die Weihnachtszeit da ist, und in der richtigen Weise feiert dann die Weihnachtszeit derjenige heute, welcher sich sagt: Michael hat die Erde gereinigt, damit zur Weihnachtszeit in der richtigen Weise die Geburt des Christus-Impulses stattfinden kann. - Dann findet wiederum das Hinausfluten in das Kosmische statt. Da nimmt Christus bei dem Hinausfluten den Michael mit, damit Michael diejenigen Kräfte, die er verbraucht hat bei seinem Kampfe gegen das Irdisch-Ahrimanische, aus dem Kosmischen sich wiederum aneignen kann. Mit dem Österlichen beginnt auch Michael wiederum in das Kosmische sich zu versenken, durchwebt sich mit dem Kosmischen am stärksten in der Johannizeit. Und ein Mensch, der im rechten Sinne in der Gegenwart erfaßt, was ihn verbindet als Menschen mit dem Irdischen, der sagt sich: Es beginnt für uns das Zeitalter, in dem wir den Christus-Impuls richtig sehen, wenn wir ihn im Jahreskreislauf von der Kraft des Michael in der richtigen Weise begleitet wissen, wenn wir gewissermaßen sehen den Christus ziehen, flutend ins Irdische und hinauf in das Kosmische, begleitet in der entsprechenden Weise von dem in der Erde kämpfenden Michael, von dem in den Weltenweiten die Kampfeskraft sich erobernden Michael (siehe Lemniskate).

So wird auch der Ostergedanke im richtigen Sinne unserer Zeit dann erfaßt werden, wenn der Mensch versteht, zu jenem allergrandiosesten Bilde, das hineingestellt ist, Aufklärung bringend in Erdendasein, zu dem Bilde des aus dem Grabe erstehenden, den Tod besiegenden Christus heute hinzuzufügen die Wesenheit des Michael, zur Rechten des Christus Jesus, beim Durchwirken der Erdenatemkraft mit Christus-Kraft während eines Jahreskreislaufes in der Erdenatmung.

Versteht man so zu jeder der vier großen Festeszeiten des Jahres, also auch zur Osterzeit, den Christus-Gedanken in sich lebendig zu machen, so macht man ihn heute in dem Sinne lebendig, wie er lebendig werden muß, wenn man sich als Erdenmensch ihn richtig in seine Gegenwart mit vollem Verständnis hereinzustellen vermag. Die Hoffnung auf das Kommen der Michael-Kraft im Dienste der Christus-Kraft beseelte diejenigen, die in der richtigen Weise den Christus-Impuls bis in unsere Zeit herein verstanden.

Die Verpflichtung, im Sinne des Michael-Gedankens sich mit dem Christus-Impuls zu durchdringen, erwächst uns insbesondere für die heutige Zeit. Wir durchdringen uns in der richtigen Weise, wenn wir den Auferstehungsgedanken zu verbinden wissen mit dem wirksamen Michael-Gedanken, wie er sich hereingestellt hat in die Menschheitsentwickelung in der Weise, wie ich das ja öfter auseinandergesetzt habe."[3]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Das Miterleben des Jahreslaufes in vier kosmischen Imaginationen, GA 229 (1984), 11f., Erster Vortrag, Dornach, 5. Oktober 1923
[2]Rudolf Steiner, Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hüllen und sein Selbst?, GA 145 (1986), S 15 f., Erster Vortrag, Den Haag, 20. März 1913
[3]Rudolf Steiner, Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde und die vier großen Festeszeiten, GA 223 (1985), S 12 ff., Erster Vortrag, Dornach, Karsamstag, 31. März 1923


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=198letzte Änderung: 2002-12-04


Weihnachts-Imagination

(siehe auch -> Jahresfeste, Weihnachten - Ostern - Johanni - Michaeli und der Atmungsvorgang der Erde im Jahreskreislauf)

Im Hochsommer sind die Salz-, Merkur- und Sulfur-Prozesse der Erde mehr miteinander vermischt, im Tiefwinter trennen sie sich voneinander. Im Salzigen in der Erde, das für Geistiges durchlässig ist, wirken die Reste der Mondenkräfte lebensspendend. Darüber breitet sich die Wasser-Sphäre, die eine Tendenz zum Kugeligen hat, so dass die Erde wie ein großer "Quecksilbertropfen" im All erscheint. Die Luft-Sphäre ist erfüllt von den Sonnen- und Sternenwirkungen.

In der Samenbildung der Pflanzen ist ein Verbrennungsprozeß mit Aschebildung wirksam. Diese Asche macht das Lebendige erdenhaft und läßt es nicht sich mondenhaft entfalten. Die Sonnenwirkungen wiederum überwinden im Pflanzenwachstum die kugelbildende Tendenz der Erde.

Ähnlich wirkt die werdende Mutter als Mond wie die Erde im Tiefwinter, während der heranwachsende Embryo den Sonnenwirkungen untersteht. Das ungeborene Kind ist ein Sonnengeschöpf und wird erst nach der Geburt, wenn es mit der Muttermilch die erste Erdennahrung zu sich genommen hat, zum Erdengeschöpf. Ausführlicher hat das Rudolf Steiner so dargestellt:

"Wir wissen aus der bisherigen Darstellung, daß, wenn der Herbst herankommt, gewissermaßen eine Einatmung der Erde, eine geistige Einatmung der Erde stattfindet, daß hereingeholt werden in den Erdenschoß selber die Elementarwesen, die ihren Weg hinausgefunden haben in der Zeit des Hochsommers und die dann sich wiederum zurückbewegen, wenn eben das Michael-Fest da ist, und die sich dann immer weiter und weiter zurückbewegen, bis sie im Tiefwinter am intimsten mit dem Schoße der Erde verknüpft sind.

Nun müssen wir uns ja aus alledem die Vorstellung machen, daß gerade zur Winterzeit die Erde am allermeisten ein in sich geschlossenes Wesen ist. Sie hat aus dem Weltenall all das hereingenommen, was sie insbesondere an Geistigem hat hinausströmen lassen während der Sommerzeit. Die Erde ist also während der Tiefwinterzeit am meisten Erde; ihre eigentliche Wesenheit ist sie da. Und wir werden daher, um eine Grundlage bekommen zu können für weitere Betrachtungen, gerade das Wesen der Erde zur Winterzeit ins Auge zu fassen haben, werden natürlich dabei niemals vergessen dürfen, wie das, was für die eine Hälfte der Erde Winterzeit, für die andere Hälfte Sommerzeit ist. Das müssen Sie im Hintergrunde haben, daß dies so ist. Aber wir stellen uns jetzt einen Teil der Erde vor, wo heranrückt die Tiefwinterzeit. Da entfaltet die Erde dasjenige, was gerade in tiefstem Sinne ihr eigenes Wesen ist, was sie ganz zur Erde macht. Nun schauen wir uns diese Erde einmal an. Sie ist der feste Erdkern, der nach außen zunächst nur seine Oberfläche zeigt; aber dieser feste Erdkern ist ja zum großen Teil überhaupt nach außen bedeckt von der Hydrosphäre, von der Wassermasse der Erde. Die Kontinente sind gewissermaßen nur darinnen schwimmend in dieser Wassermasse. Und wir können uns sogar diese Wassermasse noch weiter in den Luftkreis hinein fortgesetzt denken, denn der Luftkreis ist ja auch immer mit Wässerigem angefüllt, das allerdings viel dünner ist als das Wasser des Meeres und der Flüsse, aber eine feste Grenze im Wässerigen, wenn wir aufsteigen von dem Meere in den Luftkreis, ist eigentlich nicht da. So daß, wenn wir schematisch hinzeichnen, was in dieser Beziehung die Erde ist, wir diese Erde so zeichnen müssen: Wir haben in der Mitte den festen Erdkern (siehe Tafel I, grün). Um diesen festen Erdkern herum haben wir das wässerige Gebiet (blau). Nun müßte ich natürlich da die Kontinente zeichnen, wie sie hervorragen und so weiter. Es ist das alles karikiert gezeichnet, denn die Ausbuchtungen dürften nicht einen andern Eindruck machen als etwa die Erhabenheiten einer Orange. Nun muß ich aber ringsherumgehen lassen dasjenige, was ich als Hydrosphäre, als die Wassermasse in dem Luftkreis bezeichnet habe. Schauen wir uns dieses Gebilde einmal an (blau) und fragen wir uns: Was ist denn das eigentlich? Dieses Gebilde ist nicht etwa bloß aus sich herausgebildet, sondern dieses Gebilde ist ein Wasser im ganzen Kosmos. Dieses Gebilde ist das, was es als Form uns zeigt, aus dem ganzen Kosmos heraus. Und nur weil der Kosmos eigentlich nach allen Seiten hin eine Sphäre, ein Kugelartiges ist, erscheint uns auch dasjenige, was als Wasser, als Luftmasse nach oben geht, eben rund, kugelförmig abgegrenzt.

Das übt aber starke Kräfte aus auf die Gesamterde. So daß, wenn wir etwa von irgendeinem fremden Planeten die Erde uns anschauen würden, sie uns erscheinen würde als ein großer, meinetwillen, sage ich jetzt, Wassertropfen im Weltenall, in dem allerlei Hervorragungen wären, die Kontinente, die etwas anders gefärbt sich ausnehmen würden; aber es würde uns das wie ein großer Wassertropfen im Weltenall erscheinen.

Nun wollen wir einmal über den ganzen Tatbestand kosmisch sprechen. Was ist denn das eigentlich, dieser Tropfen, der da als ein Wassertropfen im Weltenall dahingeht? Das ist etwas, was durch die ganzen kosmischen Zusammenhänge die Tropfenform erhält. Geht man geisteswissenschaftlich auf die Sache ein, so bekommt man, gerade wenn man in die Imagination und Inspiration hineinrückt, die Erfahrung davon, was dieser Tropfen eigentlich ist. Dieser Tropfen ist gar nichts anderes als ein riesiger Quecksilbertropfen, wahrhaftig ein riesiger Quecksilbertropten, nur daß die Quecksilbersubstanz in einer außerordentlichen Verdünnung da ist, in einer ungeheuren Verdünnung.

Daß solche Verdünnungen möglich sind, ist ja jetzt exakt bewiesen durch die Arbeit von Frau Dr.Kolisko. Es ist eben in unserem biologischen Institut in Stuttgart zum erstenmal der Versuch gemacht worden, dies auf eine exakte Grundlage zu bringen. Es ist da möglich geworden, Verdünnungen von Substanzen in dem Verhältnis von eins zu einer Trillion herzustellen, und es ist gelungen, in der Tat die Wirkungen exakt festzustellen, die in solchen Verdünnungen die einzelnen Substanzen haben. Dasjenige also, was bisher über die Wirkungen der einzelnen Substanzen in der Homöopathie ein bloßer Glaube sein konnte, ist dadurch tatsächlich zum Range einer exakten Wissenschaft erhoben worden. Es kann ja heute nach den Kurven, die da gezogen worden sind, gar nicht gezweifelt werden daran, daß die Wirkungen der kleinsten Teile in der rhythmischen Art verlaufen. Nun, auf das Genauere will ich nicht eingehen, die Arbeit ist ja erschienen, und die Dinge können heute überall nachgeprüft werden. Aber ich will hier nur das erwähnen, daß also gerechnet werden muß auch schon im Bereich des Irdischen mit ungeheuren Verdünnungen, die Wirkungen zeigen.

Hier haben wir es tatsächlich zu tun mit etwas, von dem man sagen kann: Genießen wir die Sache im Kleinen, so haben wir Wasser. Wir schöpfen mit unserem Gefäße Wasser aus dem Flusse oder aus dem Quell, verwenden dieses Wasser. Nun ja, das ist Wasser, aber es gibt kein Wasser, das nur Wasserstoff und Sauerstoff ist. Es wäre Unsinn, wenn jemand glauben würde, es gibt nur Wasser, das aus Wasserstoff und Sauerstoff besteht. Bei den Eisensäuerlingen oder bei andern Wassern ist das natürlich sehr auffällig, daß da noch etwas anderes drinnen ist. Aber ein Wasser, das nur aus Wasserstoff und Sauerstoff besteht, das gibt es nicht, das ist nur eine Annäherungsform. Jedes Wasser, das irgendwo vorkommt, ist mit etwas durchsetzt. In der Hauptsache ist die Gesamtwassermasse der Erde Quecksilber für das Weltenall. Wasser sind nur die kleinen Mengen für uns, die wir haben. Für das Weltenall ist dieses Wasser nicht Wasser, sondern Quecksilber.

So daß wir also sagen können: Zunächst, insofern die Hydrosphäre an Wasser in Betracht kommt, haben wir es mit einem Quecksilbertropfen im Weltenall zu tun. Diesem Quecksilbertropfen sind natürlich die mineralischen Substanzen, kurz, alles das, was erdig ist, sozusagen eingelagert. Die stellen dasjenige dar, was dann die feste Erdenmasse ist. Die haben die Tendenz, ihre eigenen speziellen Formen anzunehmen. So daß, wenn wir das Gebilde anschauen, wir ja sehen müssen auf die allgemeine Kugelform, die die Quecksilberform ist - das gewöhnliche metallische Quecksilber ist nur, ich möchte sagen, das naturgewollte Symbolum für das, was Quecksilber überhaupt tut -, es ergibt sich in einer ganz bestimmten Weise die Kugelform. Da ist nun eingelagert dasjenige, was sich in der mannigfaltigsten, differenziertesten Weise eigene Formen gibt: die mineralischen Kristallisationsformen. Das ist eingelagert. So daß wir sagen können: Wir haben jetzt dieses Gebilde vor uns, Erde, Wasser, Luft, und das hat diejenige Tendenz zur Formung, von der ich Ihnen eben gesprochen habe: einzelne differenzierte Kristallformen im Inneren, im ganzen das Bestreben, kugelförmig zu werden (siehe Tafel I).

Schon wenn wir die Luft (dunkelrot) nehmen, wie sie die Erde als Atmosphäre umgibt, können wir wiederum niemals von einer bloßen Luft sprechen, sondern diese Luft hat immer die Tendenz, Wärme zu haben in irgendeiner Weise, in irgendeinem Grade. Sie ist von Wärme durchdrungen (violett). Wir müssen also auch das vierte Element dazu haben: Wärme, die sich in die Luft einlagert.

Nun, diese Wärme, die da von oben in die Luft hereinkommt, die ist vor allen Dingen dasjenige, was in sich trägt, gewissermaßen aus dem Weltenall herein vermittelt, den Schwefelprozeß, den Sulfurprozeß. Wir könnten auch sagen: Vom Weltenall herein wird der Sulfurprozeß vermittelt. An den Sulfurprozeß schließt sich an der Merkurialprozeß, so wie ich es Ihnen gewissermaßen dargestellt habe für Wasser-Luft. Luft-Wärme: Sulfurprozeß, Wasser-Luft: Merkurialprozeß.

Gehen wir jetzt mehr der Erde zu, ins Innere der Erde, so kommt für das, was die Erde eigentlich sein will, der Prozeß der Säurebildung, und namentlich - aus den Säuren kommen ja wieder die Salze - der Salzbildung in Betracht. So daß, wenn wir hinaufschauen in das Weltenall, wir eigentlich hinaufzuschauen haben in den Sulfurisierungsprozeß, in den Verschwefelungsprozeß. Wenn wir diese Tendenz der Erde, sich zum kosmischen Tropfen zu bilden, anschauen, dann sehen wir eigentlich hinein in den Merkurialprozeß. Wenden wir den Blick hinunter auf den Erdboden, der uns im Frühling dann alles wachsende, sprießende, sprossende Leben emporschickt, dann schauen wir auf den Salzprozeß.

Dieser Salzprozeß ist auch das Allerwichtigste für das sprossende, sprießende Leben, denn die Wurzeln der Pflanze, indem sie sich aus den Keimen bilden, sind für ihr ganzes Wachstum einfach angewiesen auf die Beziehung, in der sie zu den Salzen, zu den Salzbildungen im Erdboden stehen. Was der Erdboden an Salzen enthält im weitesten Sinne des Wortes, was an Ablagerungsgebilden innerhalb des Erdbodens vorhanden ist, das ist dasjenige, was die Wurzeln mit einer Substanz durchdringt, was die Wurzel zur Wurzel, das heißt zu der irdischen Grundlage des Pflanzenhaften eigentlich macht.

Wir haben also, wenn wir gegen die Erde hin kommen, den Salzprozeß. Das ist nun dasjenige, was sozusagen die Erde aus sich selbst macht in der Tiefwinterzeit, während es zum Beispiel im Sommer sehr gemischt, möchte ich sagen, auf Erden zugeht. Sulfurisierungsprozesse durchzucken die Luft, ein Sulfurisierungsprozeß lebt ja auch in Blitz und Donner; das geht weit herunter, daher eben wird dasjenige, was den Jahreslauf mitmacht, auch selber sulfurisiert. Und wir bekommen dann um die Michaelizeit den Prozeß, wo das Eisen diesen Sulfurisierungsprozeß zurückdrängt, wie ich gestern ausgeführt habe. Und dann ist wieder der Salzprozeß hineingemischt in die Atmosphäre während des Sommers, denn die Pflanzen tragen, indem sie sich entfalten, indem sie heranwachsen, durch ihre Blätter, Blüten, bis in die Samen hinauf die Salze. Wir finden sie natürlich in den verschiedensten Teilen, die Salze; sie ätherisieren sich dann, sie werden eingelagert in ätherische Öle und so weiter, sie nähern sich dem Sulfurisierungsprozeß. Aber es werden die Salze durch die Pflanzen hinaufgetragen. Ihr Wesen strömt auch aus, wird das Wesen der Atmosphäre.

So daß wir in der Hochsommerzeit ein Durcheinandergemischtsein haben des Merkurialischen, das in der Erde immer da ist, mit dem Sulfurmäßigen und mit dem Salzmäßigen. Stehen wir im Hochsommer auf der Erde, so taucht eigentlich unser Haupt hinein in eine Mischung des Sulfur, Merkur und Salz, während tatsächlich das Eintreten der Tiefwinterzeit bedeutet, daß jedes dieser Prinzipien, Salz, Quecksilber, Schwefel, seinen eigenen inneren Bestand annimmt, daß die Salze zurückgezogen sind ins Innere der Erde, daß in die Hydrosphäre, in das Wassermäßige eindringt das Bestreben, sich zur Kugelform zu glätten, gewissermaßen in der kugeligen oder wenigstens kugelzonigen Schneedecke auch ein äußeres Zeichen für die Rundung, für die Kugelung des Wassermäßigen zu erzeugen. Der Schwefelprozeß zieht sich sozusagen zurück, so daß dann um diese Zeit keine starke Notwendigkeit besteht, den Schwefelprozeß als etwas Besonderes ins Auge zu fassen. Dagegen tritt an die Stelle des Schwefelprozesses in dieser Tiefwinterzeit etwas anderes. Die Pflanzen haben sich entwickelt vom Frühling bis zu dem Herbst hin. Sie sind in die Samen geschossen. Was ist eigentlich der Samenprozeß? Indem die Pflanzen in den Samen schießen, findet in der Natur draußen etwas statt, was wir, ich möchte sagen, in einer menschlich stümperhaften Weise, aber immerhin doch fortsetzen, wenn wir uns die Pflanzen zu unserem Nahrungsmittel machen: Wir kochen die Pflanzen. Nun, dieses Hinaufgehen in die Blüte, dieses Erzeugen des Samens ist eine Naturkochung, ist ein Entgegengehen dem Schwefelprozeß. Die Pflanzen sind hinausgewachsen in den Schwefelprozeß. Sie sind am stärksten sozusagen verschwefelt, wenn der Hochsommer seine volle Entwickelung erlangt hat. Wenn der Herbst herannaht, dann gelangen die Verbrennungen zu ihrem Ende. Natürlich ist im Organischen alles anders, als wir es draußen in den groben anorganischen Prozessen sehen, aber was sich ergibt bei jeder Verbrennung, ist Asche. Und zu dem, was auf ganz anderem Wege in der Salzbildung auftritt, was in der sozusagen im Inneren der Erde geforderten Salzbildung auftritt, zu dem tritt dasjenige hinzu, was gewissermaßen von der Besamung der Pflanzen, von dem Blühen der Pflanzen, von diesem Kochprozeß, von diesem Verbrennungsprozeß von jeder einzelnen Pflanze heruntergefallen ist auf den Erdboden. Das spielt eine große Rolle, die man gewöhnlich gar nicht berücksichtigt. Was in unserem Ofen geschieht, daß die Asche hinunterfällt, das spielt im Jahreslauf eine große Rolle auf Erden, denn von alledem, was Samenbildung ist, was im Grunde genommen eine Verbrennung ist, fällt fortwährend das Aschenhafte hinunter, und es ist die Erde vom Oktober an eigentlich ganz imprägniert mit Aschenbildung.

So daß wir, wenn wir im Tiefwinter die Erde betrachten, die innerliche Tendenz der Salzbildung haben, wir ferner haben in seiner bestimmtesten, ausgeprägtesten Form den Merkurbildungsprozeß, die Merkurbildung, und während wir in der Hochsommerzeit Rücksicht nehmen müssen auf den außerirdischen Kosmos in der Sulfurisierung, haben wir jetzt die Aschenbildung. Das, was da gewissermaßen seinen Gipfel erreicht zur Weihnachtszeit, das bereitet sich von der Michaelizeit an vor. Immer mehr und mehr wird die Erde daraufhin konsolidiert, eigentlich in der Tiefwinterzeit ein kosmischer Körper zu sein, sich zu entfalten in Merkurialbildung, in Salzbildung, in Aschenbildung. Was bedeutet das für das Weltenall?

Nun, wenn ein Floh einmal, sagen wir, ein Anatom würde und er würde einen Knochen untersuchen, so hätte er ja eine außerordentlich kleine Knochenpartie vor sich, weil er eben selber klein ist, weil zeit. Im Geist- und Salzprinzip ist durch das Quecksilberprinzip überall regsam die Tendenz, lebendig zu werden. Es ist während des Winters eine ungeheure Erkraftung der Erde, unter ihrer Oberfläche Leben zu entfalten.

Aber dieses Leben würde ein Mondenleben werden, denn vorzugsweise die Mondenkräfte, wie ich gesagt habe, sind darinnen tätig. Dadurch aber, daß die Asche heruntergefallen ist von den Samen, daß das alles, was ich jetzt beschrieben habe, imprägniert ist mit der Asche, dadurch ist dasjenige in dem Ganzen drinnen, was diese ganze Bildung für die Erde in Anspruch nimmt. Die Pflanze hat hinaufgestrebt in den Sulfurisierungsprozeß; aus diesem Sulfurisierungsprozeß ist die Asche heruntergefallen. Das ist dasjenige, was die Pflanze, nachdem sie hinaufgestrebt hat in das, ich möchte sagen Ätherisch-Geistige, wieder zurückführt zur Erde. So daß wir da zur Tiefwinterzeit auf der Erdenoberfläche die Tendenz haben, Geist in sich aufzunehmen, sich zu verlebendigen, aber das Mondenhafte ins Erdenhafte umzusetzen. Der Mond wird hier gezwungen durch die Erdenaschenreste dessen, was da heruntergefallen ist, nicht auf mondenhafte, sondern auf erdenhafte Weise das Lebendige zu entfalten.

Nun gehen wir über von dem, was sich uns da gezeigt hat in bezug auf die Erdenoberfläche, zu dem, was im Erdenumkreise ist, zu dem Luftförmigen. Für die Luft hat die größte Bedeutung zu jeder Jahreszeit, aber eben besonders zur Tiefwinterzeit, daß die Sonne diese Luft durchstrahlt mit ihrer Wärme, mit ihrem Lichte - aber das Licht kommt jetzt weniger für uns in Betracht -, daß die Sonne diese Luft durchstrahlt.

Man betrachtet in der Wissenschaft eigentlich alles so abgesondert, wie es gar nicht in Wirklichkeit ist. In der Luft, sagen die Leute, sind Sauerstoff und Stickstoff und noch andere Dinge drinnen. Aber so ist es ja nicht in Wirklichkeit. Luft ist ja nicht bloß da als Sauerstoff und Stickstoff, sondern die Luft ist immer von der Sonne durchstrahlt. Das ist die Realität: Luft ist immer das, was die Sonnenwirkungen trägt bei Tag. Also es ist die Sonnenwirkung von der Luft getragen. Ja, diese Sonnenwirkung, von der Luft getragen, was bedeutet das? Es bedeutet, daß eigentlich fortwährend das, was da oben ist, entrissen werden will der Erde. Wenn das, was ich vorhin beschrieben habe als Salzbildung, Merkurialbildung und Aschenbildung, für sich gedeihen würde, dann würde lediglich Irdisches da sein. Aber weil da oben dasjenige, was herauswill aus der Erde, empfangen wird von der Sonnen-Luftwirkung, wird umgestaltet das, was Erdenwirkung sein will, in kosmische Gestaltung. Es wird der Erde die Macht genommen, allein im Lebendig-Geistigen zu wirken. Die Sonne macht ihre Wirkung geltend in allem, was da nach oben sproßt. Und so bemerkt man, geistig angesehen, daß fortwährend hier, eine gewisse Strecke über der Erde (siehe Tafel I), eigentlich eine besondere Tendenz vorhanden ist. Auf der Erde selber will sich alles kugelig machen (dunkelrot); hier oben wirkt fortwährend die Tendenz, daß sich die Kugel zur Ebene ausweitet (rötlich). Diese Tendenz wird natürlich wiederum bezwungen, die Erde wird wieder zur Kugel gemacht, aber eigentlich will das, was da oben ist, das Kugelige, immer eben werden. Es möchte eigentlich das, was da oben ist, am liebsten da unten die Erde auseinandernehmen, auseinanderreißen, so daß alles eine im Kosmos stehende ebene Fläche wäre.

Würde das zustande kommen können, so würden die Erdenwirkungen überhaupt vollständig verschwinden, und wir würden da oben mehr eine Art Luft haben, in der die Sterne wirken würden. Das drückt sich am Menschen sehr stark aus. Was haben wir als Menschen von dem, was da als sonnentragende Luft oben ist? Das atmen wir ein, und indem das in uns eingeatmet wird, erstreckt sich die Sonnenwirkung allerdings in einer gewissen Weise nach unten, aber vorzugsweise nach oben. Wir werden mit unserem Haupte fortwährend den Erdenwirkungen entzogen. Dadurch ist unser Haupt überhaupt erst in die Möglichkeit versetzt, teilzunehmen an dem ganzen Kosmos. Unser Haupt möchte eigentlich immer in diese Ebenenbildung hinaus. Würde unser Haupt nur von der Erdenbildung, namentlich zur Winterzeit, in Anspruch genommen, dann würde all unser Denkerlebnis anders sein. Dann würde man nämlich das Gefühl haben, daß alle Gedanken rund werden wollen. Sie werden nicht rund, sondern sie haben eine gewisse Leichtigkeit, Anschmiegbarkeit, eine gewisse Flüssigkeit. Das rührt von diesem eigentümlichen Auftreten der Sonnenwirkung her. Da haben Sie die zweite Tendenz, da greift das Sonnenmäßige in das Erdenmäßige ein. Es ist am schwächsten zur Tiefwinterzeit. Würden wir weiter hinauskommen, so würde sich noch anderes einstellen. Da würden wir es dann nicht mehr mit der Sonnenwirkung, sondern mit der bloßen Sternen Wirkung zu tun haben, die ja wiederum einen großen Einfluß auf unser Haupt hat. Indem uns die Sonne sozusagen zurückgibt dem Kosmos, haben dann die Sterne eben ihren tiefgehenden Einfluß auf unser Haupt und dadurch auf unsere ganze Menschenbildung.

Das, was ich Ihnen da beschrieben habe, ist heute ja aus Gründen, die ich morgen auseinandersetzen werde, nicht mehr so, weil der Mensch sich in einer gewissen Weise emanzipiert hat, weil er in seinem Wachstum, in seiner ganzen Entwickelung sich emanzipiert hat von den Erdenwirkungen. Aber wenn wir zurückgehen würden in die alte lemurische Zeit oder namentlich in die polarische Zeit, die der lemurischen vorangegangen ist, dann würden wir die Sache ganz anders finden. Da würden wir eben den großen Einfluß von alledem, was auf Erden geschieht, auf die ganze menschliche Bildung finden. Sie kennen das aus der Darstellung, die ich in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» von der Erdenevolution gegeben habe. Da würden wir finden, daß der Mensch eigentlich ganz hineingestellt ist in die Wirkungen, die ich da beschrieben habe. Wie gesagt, wie er sich davon emanzipiert hat, werde ich morgen beschreiben; heute werde ich die Sache so beschreiben, wie wenn der Mensch noch hineingestellt wäre in diese Bildung. Und da tritt uns denn folgendes entgegen; etwas, was für die heutige Auffassung ganz paradox ist, tritt uns da entgegen.

Wir können nämlich die Frage aufwerfen: Was wird die Mutter, wenn sie sich der Entwickelung eines neuen Menschen nähert? Ursprünglich, in der Verknüpfung des Menschen mit der Erde, ist das so, daß diejenigen Kräfte, die da Salzbildungs-Mondenkräfte sind, nach alledem, was vorangehen muß, damit ein neuer Mensch auf Erden entsteht, vorzugsweise Einfluß haben auf den weiblichen Organismus, insofern er sich vorbereitet, den neuen Menschen in sich auszubilden. Wir können also sagen: Während die Frau im übrigen eben im allgemeinen Mensch ist, so werden in der Zeit, wo sie der Entwickelung eines neuen Menschen entgegengeht, in ihr die Mondenkräfte, insofern sie die salzbildenden Kräfte in der Erde sind, am stärksten. Und man kann das geisteswissenschaftlich so ausdrücken: Die Frau wird Mond, wie die Erde im ganzen, wenn sie sich der Weihnachtszeit nähert, unmittelbar unter ihrer Oberfläche am meisten Mond wird.

Aber nicht nur, daß die Erde am meisten Mond wird, wenn die Tiefwinterzeit waltet, sondern dieses Mondwerden der Erde, das geschieht wieder, das geht wieder vor in der Art und Weise, wie sich die Frau vorbereitet, den neuen Menschen zu bekommen. Und nur dadurch, daß sich die Frau durch das Mondenwerden vorbereitet, den neuen Menschen zu bekommen, wird auch die Sonnenwirkung eine andere, wie in der Tiefwinterzeit die Sonnenwirkung eben eine andere ist als im Hochsommer. Und was da ausgebildet wird in der Frau als neuer Mensch, das steht ganz unter dem Einfluß der Sonnenwirkung.

Dadurch, daß die Frau selber in sich so stark die Mondenwirkung aufnimmt, die Salzwirkungen aufnimmt, dadurch wird sie fähig, in sich abgesondert wiederum die Sonnenwirkungen aufzunehmen. Im gewöhnlichen Leben werden die Sonnenwirkungen vom menschlichen Organismus durch das Herz aufgenommen und verteilen sich in den ganzen Organismus. In dem Augenblicke, wo die Frau sich anschickt, einen neuen Menschen hervorzubringen, werden die Sonnenwirkungen konzentriert auf die Bildung dieses neuen Menschen. So daß wir schematisch sagen können: Die Frau wird deshalb Mond, damit sie die Sonnen Wirkungen in sich aufnehmen kann. Und der neue Mensch, der da entsteht als Embryo, ist ganz und gar in diesem Sinne Sonnenwirkung. Er ist dasjenige, was entstehen kann durch die Konzentration der Sonnenwirkungen.

Das haben ältere, instinktiv-hellseherische Weltanschauungen in ihrer Art gewußt. Durch das alte Europa ging in einer gewissen Zeit eine merkwürdige Anschauung. Die schloß das in sich, daß das Kind etwas ganz anderes war, wenn es geboren war und noch gar nichts vom Erdenmäßigen als Nahrung in sich aufgenommen hatte, und etwas ganz anderes wurde mit dem ersten Milchtropfen, den das Kind aufnahm, mit der allerersten Erdennahrung. Für diese alten germanischen Anschauungen waren das ganz verschiedene Wesen, das eben geborene Kind und das Kind, das nun schon außerhalb des Leibes der Mutter irgend etwas von Erdennahrung aufgenommen hatte, zwei verschiedene Wesen, weil man ein instinktives Gefühl dafür hatte: Das geborene Kind ist Sonne. Es wird durch die erste Erdennahrung Erdengeschöpf. Es ist Sonnengeschöpf, wird Erdengeschöpf. - Daher gehörte das eben geborene Kind, das noch keine Nahrung aufgenommen hatte, gar nicht der Erde an. Nach wiederum okkulten Gesetzen, die ich ein anderes Mal berühren möchte, hatte der Vater im alten germanischen Rechtsbewußtsein das Recht, das Kind, das ihm immer, wenn es geboren war, zu Füßen gelegt wurde, nach dem Anblicke entweder aufwachsen zu lassen oder es auszusetzen, zu vernichten, denn es war noch nicht Erdengeschöpf. Hatte es nur ein Tröpfchen Milch genossen, so durfte er es nicht mehr vernichten, es mußte Erdengeschöpf bleiben, weil es naturhaft, weltenhaft, erdenhaft, kosmoshaft zum Erdengeschöpf dadurch bestimmt war. In solchen alten Gebräuchen lebt sich etwas ungeheuer tief Bedeutsames aus. Das aber begründet, daß man sagt: Das Kind ist sonnenhaft. So daß man also jetzt die Möglichkeit hat, auf die Frau, die das Kind geboren hat, hinzuschauen als auf ein Geschöpf, das im tiefsten Sinne mit allen Prozessen des Erdenhaften gründlich verwandt ist - denn die Erde bereitet sich selber zur Tiefwinterzeit so vor, daß sie das Salzhafte, das heißt, das Mondenhafte hat -, daß sie am besten eben da eintreten kann in die Möglichkeit, das Sonnenhafte aufzunehmen. Und dann ragt sie hinauf über dem Sonnenhaften in das Himmlische, dem ja auch das menschliche Haupt angehört.

So daß wir etwa sagen können: Versetzen wir uns, um so recht das Weihnachtshafte vor unsere Seele hinzustellen, in das Wesen des Menschen. Im Weihnachtshaften drückt sich ja aus das Geborenwerden des Jesuskindes, das bestimmt ist, den Christus in sich aufzunehmen. Schauen wir uns das so recht an. Schauen wir uns das in der Gestalt der Maria an, so haben wir zunächst die Nötigung, das Haupt der Maria so darzustellen, daß es wiedergibt etwas Himmlisches in seinem ganzen Ausdruck, im ganzen Blick. Wir haben dann anzudeuten, daß sich diese Maria bereitet, die Sonne in sich aufzunehmen, das Kind, die Sonne, wie sie durch den Luftkreis erstrahlt. Und wir haben, weiter nach unten gehend in der Gestalt der Maria, das Monden-Erdenhafte.

Denken Sie sich das, wenn ich es bildhaft darstellen würde, so: Das Mondenhaft-Erdenhafte, es ist dasjenige, was unter der Erdoberfläche schwelt. Würde man hinausgehen in die Weiten des Weltenalls, so würde man das, was sich da oben darstellt, wo der Mensch hinausstrahlt in das Weltenall, schauen wie, ich möchte sagen, eine verhimmlischte Erde-Sternenstrahlung, welche die Erde in den weiten Weltenraum hinaussendet. Sternenstrahlend muß auch das Haupt der Maria sein, das heißt im menschlichen Ausdruck, so daß wir in der Physiognomie, in der ganzen Gebärde den Ausdruck des Sternenstrahlenden haben (siehe Tafel II).

Gehen wir dann bis zu der Brust, so müssen wir dasjenige haben, was mit dem Atmungsprozesse verbunden ist: das aus den Wolken, die die Sonnenstrahlung in der Atmosphäre durch sich strömen haben, heraus sich bildende Sonnenhafte, das Kind.

Und wir haben weiter unten das, was von dem Mondenhaft-Salzildnerischen bestimmt wird, was man äußerlich dadurch ausdrückt, daß man die Gliedmaßen in die Dynamik des Irdischen hineinbringt und sie aufsteigen läßt aus dem Salzbildnerisch-Mondenhaften der Erde. Wir haben die Erde, insofern sie innerlich, wenn ich so sagen darf, durchmondet ist.

Man müßte es eigentlich so darstellen, daß wir eine Art Regenbogenfarbe anbringen. Wenn man nämlich vom Weltenall nach der Erde herschaut, so würde sich das so darstellen, daß man durchschaut durch die Sternenstrahlung auf die Erde selbst, wie wenn die Erde unter ihrer Oberfläche in Regenbogenfarben nach innen schimmern würde. Darauf steht dann, von der Erdendynamik zunächst, von den Gliedmaßen, von der Erde, der Schwerkraft und so weiter in Anspruch genommen, dasjenige, was sich eigentlich nur durch die menschliche Gewandung ausdrücken läßt, die so gefaltet wird, daß sie den Erdenkräften folgt. Wir würden also da unten die Gewandung haben im Sinne der Erdenkräfte. Wir würden weiter hinaufgehen und würden zu zeichnen haben, was sich nun in dem ganzen Erdenhaft-Mondenhaften ausbildet. Man könnte auch den Mond noch zeichnen, wenn man symbolisch sein wollte, aber dieses Mondenhafte ist ja schon in dem Erdengebilde ausgedrückt.

Wir kommen dann weiter hinauf, nehmen auf dasjenige, was aus dem Mondenhaften kommt, sehen, wie die Wolken durchdrungen werden von vielen Menschenköpfen, die herunterstreben; einer der Menschenköpfe ist verdichtet zu der auf dem Arm der Maria sitzenden Sonne, dem Jesuskinde. Und wir müssen das Ganze nach oben ergänzen durch das in der Physiognomie die Sternenstrahlung ausdrückende Mariengesicht.

Verstehen wir die Tiefwinterzeit, wie sie uns den Zusammenhang des Kosmos mit dem Menschen darstellt, mit dem Menschen, der aufnimmt, was in der Erde an Gebärungskräften ist, dann gibt es keine andere Möglichkeit, wiederum bis auf die Formgebung aus den Wolken heraus hin, als die mit den Kräften der Erde, nach unten mit den Mondenkräften, nach der Mitte mit den Sonnenkräften, nach dem Haupte oben mit den Sternenkräften begabte Frau darzustellen. Aus dem Kosmos selber heraus entsteht uns dieses Bild der Maria mit dem Jesuskindlein.

Und so wie wir, wenn wir den Kosmos im Herbst verstehen und alles das, was wir in ihm an gestaltenden Kräften haben, in ein Bild hineinlegen, notwendig zur künstlerischen Ausgestaltung des Streites des Michael mit dem Drachen kommen, wie ich es gestern dargestellt habe, so strömt uns alles das, was wir um die Weihnachtszeit empfinden können, zusammen in dem Bilde der Marienmutter mit dem Kinde, das in älteren Zeiten, namentlich in den ersten Jahrhunderten des Christentums, Künstlern vielfach vorgeschwebt hat, und dessen letzte Nachklänge in der Entwickelung der Menschheit eben in der Raffaelischen Sixtinischen Madonna noch erhalten sind. Diese Raffaelische Sixtinische Madonna ist noch aus den großen naiven Natur-und Geist-Erkenntnissen einer alten Zeit heraus geboren. Denn sie ist das Bild jener Imagination, die der Mensch eigentlich haben muß, der sich mit innerer Schauung in die Geheimnisse des Weihnachtswebens so hineinversetzt, daß ihm dieses Weihnachtsweben eben zum Bilde wird.

So können wir sagen: Der Jahreslauf, er muß sich für die innere Schauung in ganz bestimmten grandiosen Imaginationen ausleben. Geht man seelisch mit seinem ganzen Menschen hinaus in die Welt, so wird einem der Herbstesbeginn zu der grandiosen Imagination des Streites des Michael mit dem Drachen. Und wie der Drache nur sulfurisch dargestellt werden kann - die Schwefelmasse, die sich in die Drachengestalt hineinfindet -, wie da das Schwert Michaels entsteht, wenn wir uns das Meteoreisen zu diesem Schwerte konzentriert, vereinigt denken, so entsteht uns aus dem, was wir in der Weihnachtszeit empfinden können, das Bild der Marienmutter, deren Kleid in den Kräften der Erde gefaltet ist, während das Gewand - bis in diese Einzelheiten geht da die Malerei in einer bestimmten Weise vor - sich innerlich runden muß, quecksilbrig werden muß, so daß man eine innere Geschlossenheit in dem Brustgebilde hat. Da aber halten die Sonnenkräfte ihren Einzug. Und das unschuldige Jesuskind, das so gedacht werden muß, daß es noch keine Erdennahrung genossen hat, das ist die auf dem Arm der Maria sitzende Sonnenwirkung selber; oben die Sternenstrahlungswirkung. So daß wir, wie von innen heraus leuchtend in Auge und Haupt selbst, darzustellen haben, dem Menschen entgegenglänzend, das Haupt der Maria, daß wir wie in lieblicher Milde aus den Wolkengebilden in sphärischer Rundung, innerlich geschlossen, das Jesuskind auf dem Arm der Maria darzustellen haben, und dann nach unten gehend die Gewandung, von der Erdenschwere übernommen, in der Gewandung ausdrückend dasjenige, was Erdenschwere werden kann (Tafel II).

Und wir tun am besten, wenn wir das auch in den Farben ausdrücken. Dann haben wir jenes Bild, das uns aufdämmert als eine kosmische Imagination zur Weihnachtszeit, mit dem wir hinüberleben können bis zur Osterzeit, wo uns wiederum aus dem kosmischen Zusammenhange eine ebensolche Osterimagination aufgehen kann, von der wir dann morgen sprechen wollen. Sie sehen daraus, Kunst holt sich der Mensch aus den Himmeln, wie sie zusammenhängen mit der Erde. Wahre Kunst ist dasjenige, was der Mensch mit dem physisch-seelisch-geistigen Weltenall erlebt, das sich für ihn in grandiosen Imaginationen ergibt. So daß der Mensch all das, was an innerlichem Streit zur Herstellung des Selbstbewußtseins aus dem Naturbewußtsein notwendig ist, nicht anders sich vor Augen stellen kann, als indem er das grandiose Bild des Streites des Michael mit dem Drachen hat; daß der Mensch alles, was zur Tiefwinterzeit aus der Natur heraus in seine Seele wirken kann, vor seine Seele selbst stellen kann, indem er das Bild der Mutter mit dem Kinde, wie ich es jetzt beschrieben habe, künstlerisch-imaginativ vor seine Seele hinstellt.

Jahreslaufbeobachtung heißt, mit der großen kosmischen Künstlerin mitgehen, und diejenigen Dinge, die der Himmel der Erde einprägt, in mächtigen Bildern, die aber dann Realitäten werden für das menschliche Gemüt, in sich wieder lebendig werden zu lassen."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Das Miterleben des Jahreslaufes in vier kosmischen Imaginationen, GA 229 (1984), S 23 ff., Zweiter Vortrag, Dornach, 6. Oktober 1923


Link: http://www.anthroposophie.net
http://www.anthroposophie.net/lexikon/db.php?id=249letzte Änderung: 2002-12-04


Weihnachtsbaum
der Christbaum als ein Sinnbild für den Paradiesesbaum

(siehe auch -> Baum der Erkenntnis - Baum des Lebens, physischer Leib - Ätherleib)

"Sehen Sie, der Christbaum ist etwas Schönes, etwas, das in sehr anmutendem Sinne zu unserem Gemüte spricht. Aber der Christbaum ist nicht etwas Altes, der Weihnachtsbaum ist kaum zwei Jahrhunderte alt. Er hat sich verhältnismäßig schnell in europäischen Gegenden eingebürgert, aber er ist doch erst in der neueren Zeit zum Schmucke des Weihnachtsfestes entstanden. Was stellt er uns denn eigentlich dar? Er stellt uns die schöne, die liebenswürdige, sympathische Seite desjenigen dar, was auch in einer anderen Weise, in einer weniger sympathischen, in einer weniger anmutigen Weise uns in der neueren Menschheitsentwickelung vor die Seele tritt. Man mag noch so tief forschen nach den Impulsen, aus denen der Weihnachtsbaum in der neueren, neuesten Zeit eigentlich hervorgegangen ist, man wird nur geheimnisvolle Empfindungen finden, aus denen der Weihnachtsbaum entstanden ist. Aber diese geheimnisvollen Empfindungen tendieren alle dahin, daß wir im Weihnachtsbaume doch etwas zu sehen haben wie ein Symbolum des Paradiesesbaumes. Was aber besagt uns dieses? Es besagt uns, daß die Menschen doch immer fremder und fremder geworden sind demjenigen, was sich ihrer Empfindung darbot, als diese Empfindung sich richtete hin nach der Krippe, nach dem Geburtsmysterium des Christus Jesus, nach dem, was im Beginne unserer Zeitrechnung sich zugetragen hat; daß der neueren Menschheit dieses Wiedergeborenwerden des Menschen in der Seele in einer gewissen Weise abhanden gekommen ist und diese neuere Menschheit von dem Christus-Baum, der das Kreuz darstellt, zurückblicken will nach jenem Ursprünge, der noch nichts weiß von dem Christus: nach dem Ursprünge der Erdenmenschheit selber, nach dem natürlichen Ausgangspunkte des Menschheitswerdens, von Christus ab zurück zum Paradiese, von der Feier des Weihnachtstages, des 25. Dezembers, zu der Feier des Adam- und Eva-Festes, des 24. Dezembers.

Es ist schön geworden, weil ja der Menschheitsursprung auch schön ist als Paradiesesursprung, was sich da hingestellt hat, aber es ist eine Ablenkung von dem eigentlichen Geburtsmysterium des Christus Jesus. Es hat bewahrt alle Tiefe und Innigkeit des Empfindens, dieses Hinschauen zum Weihnachtsbaume, und es tröstet dieses Hinschauen zum Weihnachtsbaume, das in jedem Jahre aus der Innigkeit des Menschengemütes bei denen auftritt, die guten Willens sind, es tröstet dieses Hinschauen zum Weihnachtsbaume über das andere, das nun in weniger sympathischer Weise in der neueren Zeit abgelenkt hat von dem Christus-Mysterium und hinführt zu den ursprünglich-natürlichen Geburtskräften der Menschwerdung.

Christus Jesus ist hingetreten unter ein Volk, das den Jahve, den Jehova verehrt hat, jenen Jahvegott, der zusammenhängt mit alledem, was natürliches Dasein ist, der da lebt im Blitz und Donner, der da lebt im Gange der Wolken, der Sterne, der da lebt in dem rauschenden Quell, dem Strom, der da lebt im Wachstum der Pflanzen, Tiere und Menschen. Jahve ist derjenige Gott, der, wenn man sich mit ihm allein verbindet, dem Menschen niemals das volle Menschtum geben kann. Denn er gibt dem Menschen das Bewußtsein seiner natürlichen Geburt, allerdings mit ihrem geistigen Einschlag von Kräften, die nicht bloß natürlich sind, aber er gibt dem Menschen nicht das Bewußtsein von seiner Wiedergeburt, die er sich erwerben muß durch etwas, was ihm nicht durch natürlich-sinnlich-physische Kräfte gegeben werden kann. Und so sehen wir denn, wie abgelenkt worden ist die neuere Menschheit von dem Christus Jesus, für den es keinen Unterschied gibt der Klassen, keinen Unterschied der Völker, keinen Unterschied der Rassen, für den es nur ein einziges Menschtum gibt, wie abgelenkt worden sind die Gedanken, die Empfindungen der neueren Menschheit zu dem, was durch das Mysterium des Geborenwerdens des Christus Jesus schon überwunden war: zu dem hin, was nur zugrunde liegt den natürlichen Kräften der Menschheitsentstehung, die zusammenhängen mit der Menschheitsdifferenzierung in Klassen, in Völker, in Rassen. Und wenn es der eine Jahve war, welchen das Judenvolk verehrt hat, als der Christus Jesus ankam, so sind die neueren Völker zurückgekehrt zu den vielen Jahves! Denn das, was aus den heutigen nationalen Prinzipien heraus die Völker verehren - wenn es auch nicht mehr mit den alten Namen bezeichnet wird, was sie so verehren, daß sie sich trennen in Nationen, daß sie sich befehden als Nationen -, es sind Jahves. Und wir erleben es, daß die Völker in blutigen Kriegen miteinander kämpfen und daß ein jedes sich unter Umständen auf den Christus beruft. Es ist aber in Wahrheit nicht der Christus, auf den sich dann die Völker berufen, es ist nur ein Jahve, nicht der einige Jahve, sondern ein Jahve. Die Menschen sind bloß zu ihm zurückgekehrt. Die Menschen haben vergessen, wie ein Fortschritt darinnen lag, daß von dem Jahveprinzip zu dem Christus-Prinzip vorgeschritten worden ist. Das ist das andere.

In schöner Weise führt uns der Weihnachtsbaum zurück zu dem Menschenursprung, in häßlicher Weise führt uns zurück das die Völker ergreifende Jahveprinzip. Tatsache ist, daß sie dasjenige, was nur ein Jahve ist, durch eine innere Empfindungslüge oftmals als den Christus ansprechen, also den Christus-Namen im Grunde genommen mißbrauchen. In furchtbarer Weise wird der Christus-Name in der Gegenwart mißbraucht, und wir finden nicht die wirkliche Vertiefung des Empfindens, die wir heute brauchen, um das Weihnachtsmysterium wiederum in der richtigen Weise in uns zu erfühlen, wenn wir nicht klar einsehen, wie wir wiederum den Weg suchen müssen, um diese Empfindung gegenüber dem Christus Jesus zu finden. Wir brauchen ein neues Verständnis desjenigen, was uns überliefert worden ist, auch in bezug auf die Geburt des Christus Jesus."[1]

"So fühlen wir in dem Sinn des Weihnachtsfestes etwas herüberklingen aus den ältesten Zeiten der Menschheit. Und das ist zu uns herübergekommen in der besonderen Färbung des Christentums. In seinen Symbolen finden wir Sinnbilder für die ältesten Symbole der Menschheit. Auch der Lichterbaum ist ein solches Symbol. Er ist uns ein Sinnbild für den Paradiesesbaum. Dieser Paradiesesbaum stellt innerhalb des Paradieses das Belebende und Erkennende dar. Das Paradies selbst stellt dar die ganze umfassende materielle Natur. Die Darstellung der geistigen Natur ist der Baum inmitten derselben, der die Erkenntnis umschließt, und der Baum des Lebens. Errungen werden kann die Erkenntnis nur auf Kosten des Lebens.

Eine Erzählung gibt es, die den Sinn dessen gibt, was der Baum der Erkenntnis und der Baum des Lebens bedeuten: Seth stand vor dem Tore des Paradieses und begehrte Einlaß. Der Cherub, der den Eingang hütete, ließ ihn herein. Das will sagen: Seth wurde ein Eingeweihter. Als Seth nun im Paradiese war, fand er, daß der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis fest ineinander verschlungen waren. Der Erzengel Michael - der vor Gott steht - erlaubte ihm, daß er drei Samenkörner nehmen dürfe von diesem verschlungenen Baume.

Dieser Baum steht da als prophetischer Hinweis auf die Zukunft der Menschheit: wenn die ganze Menschheit die Erkenntnis gefunden hat und eingeweiht sein wird, dann wird sie nicht nur den Baum der Erkenntnis in sich tragen, sondern auch den anderen Baum, den des Lebens. Der Tod wird dann nicht mehr sein. Vorläufig aber darf nur der Eingeweihte von diesem Baum die drei Samenkörner nehmen, diese drei Körner, die da bedeuten die drei höheren Glieder des Menschen.

Als Adam starb, gab Seth diese drei Körner ihm in den Mund, und es erwuchs aus dem Grabe Adams heraus ein flammender Busch, der die Eigenschaft hatte, daß sich aus dem Holz, das von ihm abgeschnitten wurde, immer neue Triebe und Blätter entwickelten. Innerhalb des Flammenkreises des Busches aber steht geschrieben: «Ehjeh asher ehjeh», das heißt: Ich bin, der da war, der da ist, der da sein wird. - Das bedeutet dasjenige, was durch alle Inkarnationen durchgeht: die Kraft des sich immer wieder erneuernden, werdenden Menschen, der herniedersteigt aus dem Lichte zur Finsternis und hinaufsteigt aus der Finsternis zum Lichte.

Jener Stab, mit dem Moses seine Wunder verrichtet hat, ist geschnitten aus dem Holz dieses Busches. Das Tor des Salomonischen Tempels ist aus ihm bereitet. Hinausgetragen wurde dieses Holz in den Teich Bethesda, und der Teich erhielt von ihm jene Kraft, von der uns erzählt wird. Und von demselben Holz ist geformt das Kreuz des Christus Jesus, das Holz des Kreuzes, das uns zeigt das absterbende, das im Tode vergehende Leben, das aber die Kraft in sich hat, neues Leben hervorzubringen. Das große Weltensymbolum steht da vor uns: das Leben, das den Tod überwindet. Das Holz dieses Kreuzes, das ist erwachsen aus den drei Samenkörnern des Paradiesesbaumes.

Auch im Rosenkreuz ist jenes Symbolum ausgedrückt, jenes Ersterben des Niederen, und daraus hervorsprießend die Auferstehung des Höheren, in den roten Rosen, was Goethe ausgedrückt hat in den Worten:

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Ein wunderbarer Zusammenhang zwischen dem Baum des Paradieses und dem Kreuzesholz! Ist auch das Kreuz ein Symbolum für Ostern, empfangen wir doch auch für die Weihnachtsstimmung aus ihm eine Vertiefung. Wir empfinden in ihm, was in der Christus-Idee in dieser Geburtsnacht des Christus Jesus im neuen, quellenden Leben uns entgegenströmt. Angedeutet sehen wir diese Idee in den lebenden Rosen, die diesen Baum hier schmücken. Sie sagen uns: der Baum der Weihe-Nacht ist noch nicht zum Holze des Kreuzes geworden, aber die Kraft, zu diesem Holz zu werden, beginnt in ihm ihren Aufstieg zu nehmen. Die Rosen, die aus dem Grün erwachsen, sind ein Symbol des Sieges des Ewigen über das Zeitliche.

In dem pythagoreischen Quadrat finden wir das Symbol, das die Vierheit des Menschen deutet: den physischen Leib, den Ätherleib, den Astralleib und das Ich.

Für die höhere Dreiheit des Menschen steht das Dreieck als Symbol für das Geistselbst, den Lebensgeist und den Geistesmenschen.

Das, was darüber steht, ist das Symbol für Tarok.

Diejenigen, die eingeweiht waren in die ägyptischen Mysterien, verstanden das Zeichen zu lesen. Sie verstanden auch das Buch Thoth zu lesen, das aus achtundsiebzig Kartenblättern bestand, in welchen alle Weltgeschehnisse vom Anfang bis zum Ende, von Alpha bis Omega A O, verzeichnet waren und die man lesen konnte, wenn man sie in der richtigen Reihenfolge verband und zusammensetzte.

Es enthielt in Bildern das Leben, das zum Tode erstirbt und wieder aufsprießt zu neuem Leben. Wer die richtigen Zahlen und die richtigen Bilder miteinander vereinen konnte, der konnte in ihm lesen. Und diese Zahlenweisheit, diese Bilderweisheit, wurde seit Urzeiten gelehrt. Sie spielte noch im Mittelalter eine große Rolle, zum Beispiel bei Raimundus Lullus, doch heute ist nicht mehr viel davon vorhanden.

Darüber steht das Taozeichen, jenes Zeichen, das uns an die Gottesbezeichnung unserer uralten Vorfahren erinnert. Bevor Europa, Asien, Afrika Kulturland war, lebten diese alten Vorfahren in der Atlantis, die in Fluten untergegangen ist. In den germanischen Sagen lebt noch die Erinnerung an diese Atlantis in den Sagen von Niflheim, dem Nebelheim. Denn Atlantis war nicht von reiner Luft umgeben. Große, mächtige Nebelmassen umwogten das Land, ähnlich wie man sie heute sieht, wenn man im Hochgebirge durch Wolken und Nebelmassen zieht. Sonne und Mond standen nicht klar am Himmel, sie waren für die Atlantis umgeben von Regenbogenringen - von der heiligen Iris. Damals verstand der Mensch noch viel mehr die Sprache der Natur. Was heute im Plätschern der Wellen, im Rauschen des Windes, im Säuseln der Blätter, im Grollen des Donners zum Menschen spricht, aber nicht mehr von ihm verstanden wird, das war dem alten Atlantier damals verständlich. Er empfand aus allem heraus ein Göttliches, das zu ihm redete. Innerhalb all dieser sprechenden Wolken und Wasser und Blätter und Winde ertönte den Atlantiern ein Laut: Tao - das bin ich. - In diesem Laut lebte das eigentliche Wesen, das durch die ganze Natur geht. Atlantis vernahm ihn. Dieses Tao drückte sich später aus in dem Buchstaben T. Auf ihm steht ein Kreis, das Zeichen der alles umfassenden göttlichen Vaternatur.

Endlich alles, was das Weltall durchsetzt und was da ist als der Mensch, ist bezeichnet in dem Symbol des Pentagramms, das uns von der Spitze des Baumes herunter grüßt. Der tiefste Sinn des Pentagramms darf jetzt nicht besprochen werden. Es zeigt uns den Stern der sich entwickelnden Menschheit. Es ist der Stern, das Symbol des Menschen, dem alle Weisen folgen, so wie ihm in Vorzeiten die Priesterweisen folgten. Es ist der Sinn der Erde, der große Sonnenheld, der geboren wird in der Weihe-Nacht, weil das höchste Licht aus der tiefsten Finsternis herausstrahlt.

Der Mensch lebt hinein in eine Zukunft, wo das Licht in ihm geboren werden soll, wo abgelöst werden soll ein bedeutungsvolles Wort durch ein anderes, wo es nicht mehr heißen wird, daß die Finsternis das Licht nicht begreifen kann, sondern wo die Wahrheit hinaustönen wird in den Weltenraum und wo die Finsternis das Licht, das uns entgegenstrahlt in dem Stern der Menschheit, begreifen wird, wo die Finsternisse weichen und das Licht begreifen, das heißt, von ihm ergriffen werden. Und das soll uns aus der Weihnachtsfeier entgegentönen aus unserem Inneren. Dann wird das Weihnachtsfest in seiner tiefen, uralten Bedeutung erst richtig gefeiert werden von uns, denn dann weist es uns darauf hin, daß aus dem Inneren des Menschen hervorleuchten wird das geistige Licht, hinausstrahlen wird in alle Welt. Und als ein Fest des höchsten Ideals der Menschheit werden wir das Christfest feiern können. Es wird dann wieder eine Bedeutung für uns haben, es wird wieder lebendig werden in unserer Seele, und auch der Weihnachtsbaum wird dann wieder als Symbol des Paradiesesbaumes eine richtigere Bedeutung haben, als sie ihm selbst in der sinnvollsten Weise heute gegeben wird. In unserer Seele wird aber die Feier der Weihe-Nacht entstehen lassen die freudevolle Zuversicht: Ja, auch ich werde in mir dasjenige erleben, was man nennen muß die Geburt des höheren Menschen, auch in mir wird stattfinden die Geburt des Heilandes, die Geburt des Christos."[2]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen, GA 202 (1980), S 216 ff., Dreizehnter Vortrag, Basel, 23. Dezember 1920
[2]Rudolf Steiner, Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft, GA 96 (1989), S 196 ff., Berlin, 17. Dezember 1906


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Weihnachtsspiele
das Oberuferer Paradeis-Spiel, das Chrisgeburts-Spiel und das Drei-Könige-Spiel

Die Oberuferer Weihnachtsspiele sind zum festen Bestandteil der weihnachtlichen Festesgestaltung an den Waldorfschulen geworden. In den deutschen Sprachinseln Ungarns wurden sie zu Zeiten der alten Österreichisch-Ungarischen Monarchie als ein letztes Zeugnis alter Weihnachtsgebräuche lebendig gehalten. Karl Julius Schröer, der verehrte Hochschullehrer Rudolf Steiners an der Technischen Hochschule in Wien, hat die Texte gesammelt, veröffentlicht und so der Nachwelt erhalten. Von einfachen bäuerlichen Menschen gespielt, spricht aus diesen schlichten volkstümlichen Texten eine innige, herzenswarme Gemütsstimmung.

Nach altem Brauch wird am Heiligen Abend zugleich auch der Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies gedacht. Und so geht auch den eigentlichen Weihnachtspielen sinnigerweise das Paradeis-Spiel voran. Der «alte Adam» wurde in den Sündenfall verstrickt; mit dem Christuskind wird nach den Worten des Apostels Paulus ein «neuer Adam» geboren, der ein neues geistiges Licht in der Menschheit entzündet.

Friedvoll innig leuchtet dieses Hoffnungs-Licht aus dem Christgeburts-Spiel, das uns die Geburtserzählung nach Lukas vor Augen führt, mit der Verkündigung des Erzengels Gabriel an Maria, der Offenbarung, die den Hirten auf dem Feld zuteil wird, und schließlich der Geburt des Jesuskindes im Stall zwischen Ochs und Esulein.

Ganz anders erleben wir die Geburtsgeschichte nach Matthäus, die uns hochdramatisch im Drei-Königs-Spiel gezeigt wird, mit dem Besuch der Heiligen Drei Könige und dem von König Herodes anbefohlenen Kindesmord, dem das Jesuskind nur knapp entgeht.

Über die Entstehungsgeschichte der Weihnachtsspiele und ihren tieferen Sinn berichtet uns Rudolf Steiner:

"In jenen deutschen Sprachinseln Ungarns, in denen vor der Zeit der Magyarisierung in den fünfziger, sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die deutsche Muttersprache, die deutsche Umgangssprache sich erhalten hatte, entfaltete sich noch so manches an Weihnachtspielen und Weihnachtsgebräuchen, was in den Hauptgegenden, im deutschen Mutterlande, längst hinuntergesunken war in den Strom der Vergessenheit. Die einzelnen Kolonisten, die im Laufe der vorherigen Jahrhunderte in die slawischen Gegenden eingewandert waren, bewahrten ihre alten Weihnachtspiele und erneuerten sie, wenn sich die richtigen Menschen fanden, die immer aus den Dorfleuten genommen wurden, um diese Weihnachtspiele darzustellen. Ich erinnere mich wohl noch - und Sie werden mir vielleicht doch zugestehen, solches beurteilen zu können -, mit welchem Enthusiasmus der alte Schröer über solche Weihnachtspiele sprach, wenn er davon erzählte, wie er dabeigewesen ist, wenn die Leute ihre Weihnachtspiele zu dieser Festeszeit gefeiert haben. Man bekommt sozusagen - das ist nicht zuviel gesagt - erst einen Begriff von dem innersten Wesen des Künstlerischen, wenn man zu diesen Dorfleuten geht und sieht, wie sie die einfache Kunst des Weihnachtspieles herausgeboren haben aus der heiligsten Stimmung. Die Menschen, welche heute glauben, von diesem oder jenem Lehrer deklamieren lernen zu können, die heute da- oder dorthin laufen, um diese oder jene Atemübungen zu machen, welche die rechten sind - es gibt ja heute viele Dutzende der rechten Methoden der Atmung für Gesang oder Deklamation -, diese Menschen glauben, es käme darauf an, den Menschenleib oder den Kehlkopf zum rechten Automaten zu machen, um in materialistischer Weise irgendeine Kunst zu pflegen. Ich möchte nur, daß diese kuriose Ansicht niemals in unseren Kreisen wirklich Wurzel fassen kann, denn diese Menschen haben keinen Begriff, wie aus heiligster Stimmung, aus Gebetes-Weihnachtsstimmung heraus eine einfache, aber eine wirkliche Kunst geboren worden ist, dargestellt worden ist mit tiefster Christenstimmung in der Seele und in der Brust von Dorfbuben, von denen oft während des Jahres recht lose und nichtsnutzige Streiche ausgeführt wurden. Denn diese einfachen Leute unter ihren Strohdächern haben unendlich viel mehr gewußt von dem Zusammenhange von Menschenseele, vom ganzen Menschen und von Kunst, als man heute in unseren modernen Theatern oder sonstigem Kunstwesen weiß, und wenn noch soviel Aufhebens davon gemacht wird: daß Kunst etwas ist, was aus dem ganzen Menschen, und, wenn sie heilige Kunst ist, aus der heiligen, frommen Stimmung des Menschen hervorgehen muß.

Das kann Ihnen zum Beispiel hervorgehen aus den vier Hauptbestimmungen, wie sie in Gegenden bestanden, die Schröer noch besuchen konnte.

Wenn Weihnachtspiele aufgeführt wurden in Gegenden Oberungarns, da sammelte, wenn der Oktober oder November herannahte, der, welcher die früher nie aufgeschrieben überlieferten Weihnachtspiele hatte - denn das Aufschreiben wurde als eine Profanierung angesehen -, diejenigen Menschen, die er für geeignet hielt. Und geeignet waren in dieser Weihnachtszeit wirklich Menschen, von denen man es vielleicht sonst nicht vorausgesetzt hatte: lose, nichtsnutzige Buben, die schon ihr gut Teil an allem möglichen Allotria während des Jahres getrieben hatten. Während dieser Zeit aber senkte sich in diese Seelen die nötige Stimmung. Es waren strenge Vorschriften für die Teilnehmer der Weihnachtspiele während der wochenlangen Probenzeit. Ein jeder, der mitwirken wollte, hatte die vier folgenden Regeln strenge zu beachten. Dazu muß man sich natürlich in das Dorfleben versetzen und bedenken, was es im Dorfleben bedeutet, bei einer solchen Sache nicht mittun dürfen.

«Ein jeder, der mitspielen will, darf 1. nicht zu 'n Diernen gehn, 2. keine Schelmliedel singen die ganze heilige Zeit über, 3. muß er ein ehrsames Leben führen, 4. muß er mir folgen. Für alles ist eine Geldstrafe, auch für jeden Gedächtnisfehler und dergleichen im Spiel.»

Klingt Ihnen nicht in dieser Gepflogenheit etwas nach von jenem Bewußtsein, das da war an heiligen Stätten in den alten Mysterien, wo man auch nicht gedacht hat, daß man zur Weisheit kommen kann durch eine gewöhnliche Schulung? So herrschte auch hier das Bewußtsein, daß der ganze Mensch mit seinem Gemüt und seiner Moral geläutert und gereinigt sein muß, wenn er in würdiger Weise an die Kunst herankommen will. Aus dem ganzen Menschen heraus sollten solche Dinge geboren sein. Und die Weihnachtsstimmung brachte so etwas zustande, daß Frommheit in den losesten Buben sein konnte.

Was ich Ihnen eben angeführt habe, was Schröer und andere noch an Weihnachtspielen sammeln konnten, die wie letzte Reste von alten Spielen gespielt worden sind, sind nur noch Ruinen. Wir schauen aber dabei zurück auf noch frühere Zeiten, auf Zeiten des 16., 15., 14.Jahrhunderts und so weiter, wo noch ganz andere Verhältnisse waren zwischen Dörfern und Städten, wo in der Tat die Seelen der Dorfbewohner zu dieser Christfestzeit in eine ganz andere Stimmung eintauchten durch das, was ihnen durch die Spiele gegeben werden konnte, wo mit den einfachsten, primitivsten Mitteln die heilige Legende dargestellt wurde, die Geburt des Christus, mit allem, was biblisch dazugehört. Und wie dem Weihnachtstag, dem 25. Dezember, im Kalender vorangeht der Adam- und Eva-Tag, so ging gewöhnlich dem Spiel, das als das eigentliche Weihnachtspiel galt, voran das sogenannte Paradeisspiel, das Spiel von Adam und Eva im Paradies, wie sie dem Teufel, der Schlange, zum Opfer gefallen sind. Man hatte in den einfachsten Gegenden unmittelbar Einblick gewinnen können in den Zusammenhang, der besteht zwischen dem Hinunterstieg des Menschen aus geistigen Höhen in die Sphäre des physischen Planes, und jenem Ruck, den der Mensch empfangen hat durch den Christus-Impuls, wieder hinauf in die geistigen Welten.

Wenn der Mensch die Paulusbriefe liest, das Grandiose der Paulinischen Auffassung verspürt von dem Menschen, der in Adam heruntergestiegen ist von der geistigen Welt in die sinnliche, und von dem «neuen Adam», dem Christus, in dem der Mensch wieder hinaufsteigt von der Sinneswelt in die geistige, wenn der Mensch an Paulus das in grandioser Art empfinden und fühlen kann - in inniger, liebevoller, gemütvoller Weise konnten es die einfachsten Menschen, bis hinunter zu den Kindern, in der Tiefe ihres Herzens, in der Tiefe ihrer Seele empfinden, wenn ihnen in der Zeit nacheinander vorgeführt wurde das Paradeisspiel von Adam und Eva, vom Sündenfall der Menschen und von der Offenbarung des Christus in dem Weihnachtspiel. Und tief, tief hatte man empfunden den gewaltigen Einschnitt, der gemacht worden war in der Menschheitsentwickelung durch das Christus-Ereignis. Eine Umkehrung des Entwickelungsweges, so wurde das Christus-Ereignis empfunden. Ein Weg vom Himmel sozusagen auf die Erde war der Weg von Adam bis zum Christus hin. Ein Weg von der Erde bis zum Himmel ist der Weg von Christus bis zum Ende der Erdenzeit. Das hat man in innigster Art empfunden, wenn diese zwei hier ein wenig charakterisierten Spiele in primitiver Art vor die Augen von Tausenden und aber Tausenden von Menschen getreten sind. Denn man hat wirklich die völlige Erneuerung dessen empfunden, was der menschliche Geist ist, durch den Christus-Impuls.

Man kann darin vielleicht auch noch etwas wie einen Nachklang dessen fühlen, was man empfand in bezug auf diese Umkehrung des ganzen Menschheitsfortschrittes in jenen Worten, die aus alten, alten Zeiten, aus den ersten christlichen Jahrhunderten stammen, und die oft und oft gesprochen worden sind, auch noch im 8., 9., l0.Jahrhundert in Gegenden, in denen sich, namentlich innerhalb Europas, das Christentum ausgebreitet hat. Da fühlte man etwas Ungeheures bei Worten, wie die folgenden sind:

Ave maris stella

Dei mater alma

Atque semper virgo

Felix coeli porta.

Sumens illud Ave

Gabrielis ore

Funda nos in pace

Mutans nomen Evae!

Man fühlte, wenn diese Worte gesprochen wurden, den Weg des Menschen vom Himmel zur Erde durch den Sündenfall und den Aufstieg des Menschen durch den Christus von der Erde zum Himmel, und man fühlte ihn an den beiden Frauengestalten, an «Eva» und an dem Namen, den man der Jesus-Mutter beilegte, mit dem man sie sozusagen begrüßte, «Ave». Ave ist die Umkehrung des Namens Eva, wenn man Ave zurückliest, erhält man Eva. Das wurde in seiner ganzen vollen Bedeutung empfunden. Daher diese Worte, die zu gleicher Zeit zeigen, was man empfand innerhalb der elementarsten Naturerscheinungen, und zugleich das, was man Menschliches in der Legende sah:

Ave, Stern des Meeres,

Göttlich junge Mutter

Und ewige Jungfrau,

Du glückliche Pforte des Himmels.

Nehmend jenes Ave

Als eine Gabe Gabriels,

Wurdest du uns die Grundlage zum Frieden,

Indem du umwendetest

Den Namen Eva!

In solchen einfachen Worten wurden die größten Mysterien, die größten Geheimnisse der Menschheitsentwickelung empfunden. Und in der Umkehrung des Namens Eva zu Ave empfand ein jeder das in inniger Art, was man in grandioser Weise den Paulusbriefen dann entnehmen kann, wenn man die Stellen liest von Adam, dem «alten» Adam, und von Christus, dem «neuen» Adam. Diese Stimmung war dann da, wenn in den Tagen des Christfestes nacheinander gespielt wurden in primitiver Art das Paradeisspiel, das den Sündenfall darstellte, und das Weihnachtspiel, das darstellte die Hoffnung, die jeglicher Menschenseele für die Zukunft werden kann, wenn sie jene Kraft, die im Christus-Impuls liegt, aufnimmt. Aber es gehört, um das fühlen zu können, eine Gemütsstimmung dazu, von der wir uns nur klarmachen sollen, daß sie heute in dieser Art nicht mehr da sein kann. Die Zeiten sind andere geworden. Eine solche Unmöglichkeit, hinzuschauen zu den geistigen Welten, wie sie heute für die primitivste und für die intelligenteste Bevölkerung besteht, ein solches grundmaterialistisches Element im Menschengemüt gab es allerdings dazumal nicht. Die geistige Welt vorauszusetzen, war eine Selbstverständlichkeit. Und ein gewisses Verständnis für diese geistige Welt in ihrem Unterschiede von der Sinneswelt war ebenso eine Selbstverständlichkeit. Die Menschen machen sich heute wenig einen Begriff, wie man spirituell fühlen konnte bis ins 15., 16. Jahrhundert herein, und wie im Grunde genommen überall ein Bewußtsein von Spiritualität vorhanden war.

Wenn die Wiederholung eines der Weihnachtspiele, eines oberpfälzischen Weihnachtspieles, die in unseren beiden Kunstzimmern veranstaltet werden soll, gelingt, dann kann vielleicht auch außerhalb unserer Kreise wieder ein Verständnis dafür erweckt werden, was an spiritueller Stimmung darinnen ist. Für uns sollte diese oder jene Zeile gerade eines solchen Weihnachtspieles zum Erkennungszeichen werden für den spirituellen Sinn, der bei denen vorhanden war, die zur Festeszeit dieses Weihnachtspiel verstehen sollten. Wenn zum Beispiel in diesem oder jenem Weihnachtspiel die Maria, erwartend das Jesuskind, sagt: Die Zeit ist gekommen, ich sehe ein Kindelein - das heißt, hellseherisch erblickte sie in den Tagen, die der Geburt vorangehen, visionär das herannahende Kind, wie es in vielen Weihnachtspielen ist -, dann frage ich einmal, wo Sie heute bei derselben Gelegenheit eine ähnliche Erzählung finden können? Die Zeiten des Zusammenhanges mit der spirituellen Welt, wie er damals noch bewußt vorhanden war, sind nicht mehr vorhanden. Darüber darf man sich weder einer optimistischen noch einer pessimistischen Gesinnung hingeben. Man muß heute schon sehr weit hinausgehen in die primitivsten ländlichen Gegenden, wenn man die Vision finden will, welche die des Kindes ist, das in ein paar Tagen kommen soll. So etwas gibt es noch.

Nur in eine solche Stimmung konnte natürlich dasjenige eingetaucht werden, was in diesen primitiven Erinnerungen und Gedanken an das größte Ereignis der Menschheitsentwickelung der Weihnachtszeit entgegengebracht wurde. Daher müssen wir es ganz begreiflich finden, daß anstelle jener früheren Poesie, jener einfachen, primitiven Kunst, die heutige Prosa der elektrischen Eisenbahnen und des Automobils getreten ist, die in so grotesker Weise zwischen den Alleen von Weihnachtsbäumen dahinsausen. Unmöglich für ein ästhetisch empfindendes Auge, die zwei Dinge zusammenzusehen: Weihnachtsbäume, Weihnachtsmärkte — und Automobile und elektrische Eisenbahnen dazwischen durchfahrend! Das Unmögliche ist natürlich heute eine Selbstverständlichkeit, aber für das ästhetisch empfindende Auge bleibt es dennoch ein Unmögliches. Trotzdem wollen wir Freunde, nicht Feinde der Kultur sein und verstehen, daß es eine Selbstverständlichkeit sein muß.

Wir wollen aber auch verstehen, wie es zusammenhängt mit dem materialistischen Zug, der durch alle Gemüter, nicht bloß der Städter, sondern auch der ländlichen Bevölkerung gegangen ist. Oh, wir können sie belauschen, die materialistische Stimmung, wie sie sich heranmacht an die Gemüter der Menschen. Gehen Sie ins 14., 13. Jahrhundert, da finden Sie, daß die Menschen vollständig wissen, daß sie etwas Spirituelles meinen, wenn sie zum Beispiel vom Baum der Erkenntnis im Paradiese reden. Sie wissen in der rechten Weise, was ihnen dargestellt wird in dem Paradeisspiel, wissen es spirituell zu beziehen auf das Richtige, was als der Baum der Erkenntnis oder als der Baum des Lebens dargestellt wird. Denn der Aberglaube war in jenen Zeiten noch keineswegs so verbreitet, wie er dann später im 15., 16., 17. Jahrhundert sich ausgebreitet hat. Dagegen finden wir schon im 15. Jahrhundert, zum Beispiel in der Gegend von Bamberg - das ist historisch nachzuweisen -, wie die Leute in der Weihnacht hinausgehen in die Apfelgärten, weil sie physisch, materiell erwarten, daß ein besonders ausersehener Apfelbaum in der Weihnacht blühen werde. Materialistisch ist das ganze Gemütsleben der Menschen geworden in der Epoche, die vom 13., 14. Jahrhundert angefangen über das 16., 17. Jahrhundert hinaufgeht, und nicht bloß in den Städten, sondern auch in den Seelen derjenigen, die einfache Dorfbewohner waren.

Es hat sich noch vieles von dem, was die alte Poesie war, in die Häuser mit ihrem Weihnachtsbaum hineingeschlichen. Aber es ist schon das, was in heiligster Stimmung die Dörfer wie ein Mysterium durchwehte, zu einer bloßen äußeren Poesie geworden, zur Poesie des Weihnachtsbaumes, die zwar noch immer schön ist, aber doch nur ein Nachklang eines Großen ist. Warum ist das so? Weil die Menschheit im Laufe der Zeiten eine Entwickelung durchmachen muß, weil das, was das Innige, das Große und Bedeutsame in einer Zeit ist, in derselben Art nicht für alle Zeiten bleiben kann. Denn der wäre ein Feind der Entwickelung der Menschheit, welcher das, was für eine Zeit groß ist, hinüberschleppen wollte in andere Zeiten. Eine jede Zeit hat ihre besonderen Aufgaben, und in einer jeden Zeit muß man verstehen, das, was in die Seelen und Herzen der Menschen dringen soll, in einer neuen Weise zu beleben. Unsere Zeit kann sich ganz gewiß in jene wirklichen Weihnachtsstimmungen, die wir andeutend schildern konnten, nur versenken wie in eine historische Erinnerung, wie in ein Stück Vergangenheit. Wenn wir aber doch das Symbol des Weihnachtsbaumes auch in unsere festlichen Versammlungen hereinholen, so tun wir es gerade aus dem Grunde, weil wir mit der anthroposophischen Geisteswissenschaft selber verbinden den Gedanken an eine neue Weihnachtsstimmung der Menschheit, der fortgeschrittenen Menschheit. Denn die Geisteswissenschaft soll die Geheimnisse des Christus in einer solchen Weise in die Herzen und Seelen der Menschen senken, wie es unserer Zeit angemessen ist. Trotzdem unsere heutigen Verkehrsmittel an uns vorbeisausen, wenn wir vor unsere Türen hinaustreten, oder vielleicht sogar mit uns in die Lüfte davonfliegen werden - bald werden diese Dinge noch ganz anders die Menschheit zur nüchternsten, zur fürchterlichsten Prosa bringen -, trotzdem müssen die Menschen der heutigen Zeit Gelegenheit haben, gerade in einer um so stärkeren, in einer um so bedeutungsvolleren Vertiefung ihrer Seele das Göttlich-Geistige wiederzufinden, das in einer so einfachen Weise für die primitiven Gemüter abgelebter Jahrhunderte vor die Augen treten konnte, wenn sie das heilige Kindlein in der Krippe zur Weihnachtszeit sahen. Wir brauchen heute andere Mittel, um diese Stimmung in der Seele wachzurufen. Wir versenken uns gewiß gern in das, was die Vorzeiten gehabt haben, um die Wege zum Christus-Ereignis zu finden, aber wir müssen auch unabhängig sein von der Zeit. Wie sich die Menschen der Vorzeit in die Naturgeheimnisse ganz hineingefühlt haben, so war es nur in einer primitiven Zeit möglich. Wir brauchen heute andere Mittel.

Ich möchte Ihnen nur noch einen Begriff davon geben, wie sich die Menschen in die Natur hineingefühlt haben, wenn das Weihnachtsfest herangetreten ist, sich hineingefühlt haben in einer ganz primitiven Weise und dennoch vollsaftig in ihrem Gemüt aus dem Fühlen der Naturelemente gesprochen haben. Sie werden vielleicht, wenn ich Ihnen einen anderen kleinen Sterngesang mitteilen darf, es so recht nur an einer einzigen Stelle fühlen, wie aus der Seele die Elemente der Natur sprachen. Das übrige ist ziemlich primitiv. Hören Sie jedoch genauer zu, dann werden Sie jene Naturstimmung aus noch mehrerem herausfühlen.

Wenn nämlich der, welcher seine Spieler für das Weihnachtspiel oder Drei-Könige-Spiel zu sammeln hatte, mit ihnen ging, und wenn sie da oder dort auftraten, dann begrüßten sie zuerst diejenigen, welche sich versammelt hatten, denn jene abstrakte Stimmung, wie sie heute herrscht zwischen Darstellern und Zuschauern, gab es früher nicht.

Die Menschen gehörten zusammen, und es war das Ganze eingetaucht in ein gemeinsames Milieu. Daher traten die Spieler so auf, daß sie die, welche da waren, und auch die, welche nicht da waren, in primitiver Weise begrüßten. Das gab wirklich Weihnachtsstimmung.

Der Sternsinger spricht:

Ir liabn meini singa samlet eng zsam

Gleiwia die kräpfen in der pfann.

Ir liabn meini singa trets zsam in a scheibn,

Ma wölln uns de wail mit singa vertreibn.

Ir liabn meini singa fangts tapfer an.

Zu grüaß'n wölln ma's heben an.

Grüaß'n ma God Voda im hechsten thron

Und grüaß'n ma a sein einiga Son;

Grüaß'n ma a dazua den haligen Geist mit nama

Und grüaß'n ma's ålli drei zsamma.

Joseph und Maria gehen auf die Bühne.

Grüaß'n ma Joseph und Maria rein,

Und grüaß'n ma das kloane kindalein.

Grüaß'n ma a ochs und esulein,

Wölche stehn bei dem krippalein.

Grüaß'n ma sie durch sunn und mondenschein,

Der leucht't übers meer und über den Rhein.

Grüaß'n ma sie durch laub und gras,

Der haiige regen mächt uns und eng ålli naß.

Grüaß'n ma den kaiser mit der kron,

Grüaß'n ma den master, der's machen kan.

Grüaß'n ma a dö geistlinga herrn,

Wail's uns erlaubt hobn, des g'spül z'lern.

Grüaß'n ma den herrn richter mit seiner beschwörd,

Denn sie san der eren wert.

Und grüaß'n ma die gånzi ersame gmoan,

Alli, wie sie hier vasammelt san.

Grüaß'n ma den ganzen ersamen råt,

Wia sie God dazua verurdnet hat.

Grüaß'n ma sie durch ålli würzalein,

So vül als in der erden sein.

Ir liabn meini singa, fängt's anders an,

Den stern zu grüaß'n wölln ma's heben an.

Grüaß'n ma unser sternstanga,

Daran unser stern tuat hanga.

Grüaß'n ma unser sternschar,

Daran unser stern umanand fart,

Grüaß'n ma a ålli hölzalein,

So vül als in dem Sterne sein. -

Ir liabn meini singa, håbt's mi wol vernumma,

Daß ma den stern håm ångsunga.

Grüaß'n ma unsern mastersinger guat,

Und grüaß'n ma den mastersinger sein huat.

Grüaß'n ma a unsern lermaster in der tat,

Wail er uns mit der hilf Godes geleret hat.

Ir liabn meini singa, håbt's mi wol vernumma,

Daß ma dös alls håbn ångsunga.

Nun bitte ich Sie, acht darauf zu geben, was das heißt, so die Natur aufzurufen, daß man alle, die man begrüßen will, mit solcher Stimmung im Herzen begrüßt, daß man solche Stimmung fühlt aus «Ålli würzalein, so vül als in der erden sein»! Das ist Mitfühlen der Naturstimmung selber. So muß man anerkennen, wie damals der Mensch mit allem Heiligen, mit allem Großen und Spirituellen bis in die Wurzeln der Gräser und Bäume hinein verbunden war. Wer das nachempfinden kann, der fühlt bei einer solchen Zeile, wie der eben angedeuteten, etwas Grandioses in den Geheimnissen der Menschheitsentwickelung. Die Zeiten, wo das naturgemäß war, wo das selbstverständlich war, sind einmal vorüber, und wir brauchen heute andere Mittel. Wir brauchen gewissermaßen Mittel, die uns zu einem noch tieferen Quell der menschlichen Natur führen, zu jenem Quell der Menschennatur, der in einer gewissen Weise von der äußeren Zeit unabhängig ist. Denn die Kultur selber, wie sie heute abläuft, macht es uns unmöglich, uns genau an die Jahreszeiten zu binden. Wer daher wirklich jene Stimmung versteht, die als die Christus-Stimmung zur heiligen Weihnacht in alten Zeiten zu empfinden war, wird auch Verständnis für das haben, was wir wollen, indem wir wieder künstlerisch vertiefen wollen, was wir aus der Geisteswissenschaft heraus gewinnen können, was wir wollen, indem wir darnach streben, jenen Quell in den Menschengemütern zu beleben, der in sich aufnehmen kann den Christus-Impuls.

Wir können zur Weihnachtszeit nicht mehr unmittelbar das Große wachrufen, so gern wir auch gerade zu dieser Zeit in unseren Seelen diesen Impuls wachrufen wollten, aber wir suchen es immerdar. Und wenn wir in dem, was die anthroposophische Geisteswissenschaft der Menschheit sein soll, selber ein Christfest dieses Menschheitsfortschrittes sehen, und wenn wir hinblicken zu dem, was der einfache Mensch fühlen konnte, wenn ihm zur heiligen Weihnacht das Kindlein in der Krippe dargeboten wurde, dann sagen wir uns: Solche Stimmungen, solche Gefühle sollen in uns wach werden, wenn wir hinblicken auf das, was geboren werden kann in unserer Seele dann, wenn uns die Geist-Erkenntnis unseren innersten Quell so heilig stimmt, so läutert, daß er in sich aufnehmen kann das heilige Mysterium des Christus-Impulses.

Von diesem Gesichtspunkt aus versuchen wir auch wieder die wahre, im Geistigen quellende Kunst zu finden, jene Kunst, welche nur ein Kind der Frommheit, ein Kind der heiligsten Empfindungen sein kann. Wenn wir in dieser Beziehung das ewige, das unvergängliche Christfest der Menschheit fühlen: wie geboren werden kann in dem Menschen, in der menschlichen Seele, in dem menschlichen Gemüt jener Christus-Impuls - wenn wir durch die Geisteswissenschaft wieder erfahren, wie dieser Christus-Impuls etwas Reales ist, etwas, was sich wirklich als eine lebendige Kraft hineinergießen kann in unsere Seelen, in unsere Herzen -, dann wird uns durch die Geisteswissenschaft der Christus-Impuls nicht ein Abstraktum, ein Dogmatisches bleiben, sondern dann wird uns dieser Christus-Impuls, der aus unserer spirituellen Bewegung hervorgeht, etwas werden, was uns Trost in den schlimmsten Augenblicken unseres Lebens geben kann, was uns froh machen kann in der Hoffnung, daß, wenn der Christus geboren wird in unserer Seele, zur Weihnachtszeit dieser Seele, wir erwarten dürfen die Osterzeit, die Auferstehung des Geistes in dem eigenen Inneren.

So müssen wir aus dem Materiellen, das in alle Geister, in alle Herzen eingezogen ist, wieder zum Spirituellen vorschreiten. Denn aus dem Geiste allein kann geboren werden jene Erneuerung, die notwendig ist gegenüber dem, was die heutige Prosa des Lebens ist. Wird es möglich sein, auch dann, wenn draußen die Automobile fahren, vielleicht die Luftballons durch die Luft fliegen, die elektrischen Bahnen dahinsausen, wird es dann möglich sein, daß in solchen Räumen, wie diese hier, sich etwas verbreitet von heiliger Stimmung, die allerdings nur durch das aufgenommen werden kann, was uns das ganze Jahr durch aus der Geist-Erkenntnis fließt, uns den Christus näherbringt, was in früherer Zeit in einer viel kindlicheren Stimmung aufleben durfte, dann besteht die Hoffnung, daß in einer gewissen Beziehung diese Versammlungsräume «Krippen» sein werden, auf die wir in einer ähnlichen Art blicken können, wie die Kinder und die Großen am Christabend, wenn die Krippe im Hause, oder früher in der Kirche, aufgerichtet war, hinblickten auf das Kindlein, auf die Hirten davor und auf «ochs und esulein, wölche stehn bei dem krippalein». Da haben sie gefühlt, daß von diesem Symbolum in ihr Herz strömte Kraft für alle Hoffnung, für alle Menschenliebe, für alle Menschengröße, für alle Erdenziele.

Wenn wir an diesem Tage, der geweiht und gewidmet sein soll der Erinnerung an den Christus-Impuls, fühlen können, daß das ganze Jahr hindurch durch unser ernstes geisteswissenschaftliches Streben in unseren Herzen etwas angefacht wird, dann werden unsere Herzen an diesem Tage fühlen: Das sind Krippen, diese unsere Versammlungsorte, und diese Lichter sind die Symbole! Diese Krippen enthalten durch die heilige Stimmung, die in ihnen ist, und diese Lichter durch das Symbolische ihres Glanzes, sie enthalten das, was wie die Weihnachtszeit, die Osterzeit eine große Zeit für die Menschheit vorbereiten soll: die Auferstehung des heiligsten Geistes, des wahrhaftigen spirituellen Lebens!

Versuchen wir so zu empfinden, daß unsere Versammlungsräume zur Weihnachtszeit Krippen sind, Stätten, in denen sich, abgeschlossen von der äußeren Welt, ein Großes vorbereitet, lernen wir fühlen, wenn wir das ganze Jahr hindurch emsig lernen, daß unsere Einsichten, unsere Weistümer an diesem Weihnachtsabend sich zusammendrängen können in heiße Gefühle, die wie ein Feuer erglühen aus dem Brennmaterial, das wir das ganze Jahr hindurch durch die Vertiefung in große Lehren gewinnen. Und fühlen wir, daß wir dabei das Andenken an den größten Impuls der Menschheitsentwickelung pflegen, fühlen wir, wie deshalb an diesen Stätten der Glaube leben darf, daß einstmals dasjenige, was in so engem Krippenraum als ein heiliges Feuer und als ein hoffnungssicheres Licht erbrennt, hinausdringen wird in die Menschheit. Dann wird es stark genug, kräftig genug sein, um auch die härteste, die nüchternste Prosa des Lebens zu durchdringen, zu befeueren, zu erwärmen, zu erleuchten. Dann können wir Weihnachtsstimmung hier empfinden als Hoffnungsstimmung für jene Welt-Osterstimmung, welche der Ausdruck des lebendigen Geistes ist, der notwendig ist der neuen Menschheit.

Am besten feiern wir Weihnachten in unserer Seele, wenn wir die nächsten Tage mit dieser Stimmung ausfüllen, so ausfüllen, daß wir in unserem Weihnachten geistig vorbereiten Menschheits-Ostern, die Auferstehung des spirituellen Lebens. Ja, Krippen sollen unsere Arbeitsstätten zur Weihnachtszeit werden. Geboren soll werden das Lichtkind, das angefacht wird durch das ganze Jahr hindurch durch die Versenkung in die geisteswissenschaftlichen Weistümer. Geboren soll werden der Christ in der Menschenseele in unseren Arbeitsstätten, damit das spirituelle Leben auferstehen kann zur großen Osterzeit der Menschheit, die in ihrem Wesen die Spiritualität als eine Auferstehung empfinden muß durch das Hinausströmen der Weihnachtsstimmung aus unseren Räumen in die allgemeine Menschheit der Gegenwart und der Zukunft."[1]

Lit.:
[1]Rudolf Steiner, Wege und Ziele des geistigen Menschen. Lebensfragen im Lichte der Geisteswissenschaft., GA 125 (1992), S 235 ff., Berlin, 22. Dezember 1910


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