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FRANZ BRENTANO • ÜBER DIE ZUKUNFT DER PHILOSOPHIE

Literarischer Merkur 1893, XIII. Jg., Nr. 16

Rudolf Steiner

Mit apologetisch-kritischer Berücksichtigung der Inaugurationsrede von Adolf Exner «Über politische Bildung» als Rektor der Wiener Universität. Wien 1893

Brentano legt Wert darauf, einer der ersten gewesen zu sein, der das Wort ausgesprochen hat: «Die Methode der Philosophie ist keine andere als die der Naturwissenschaften.» Von der allgemeinen Anerkennung dieses Prinzips macht er in vorliegender Broschüre das Schicksal der Philosophie in der Zukunft abhängig. Wir müssen darinnen die Signatur einer unphilosophischen Denkungsart erkennen. Die Ausdehnung der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise auf gewisse zum Beispiel psychologische Gebiete kann nichts liefern als einen Zuwachs der Naturwissenschaft, eine Erweiterung der letzteren um einen neuen Inhalt, niemals aber Philosophie. Wundts Experimentalpsychologie ist ein naturwissenschaftliches, kein philosophisches Kapitel. Die Philosophie kann sich nicht damit begnügen, Erfahrungen zu sammeln und zu systematisieren; sie muß um eine Stufe tiefer gehen und fragen: was bedeutet überhaupt die Erfahrung; welchen Wert hat sie? Durch das philosophische Denken können Erfahrungswahrheiten erst in das rechte Licht gerückt werden. Wer es versteht, mit dem richtigen Begriffe irgendeine Sache zu betrachten, dem zeigt sie sich von einer ganz anderen Seite als dem, der sie einfach auf sich wirken läßt. Begriffe aber können wir nie erfahren. Sie müssen im Denken erzeugt werden. Nie wäre Haeckel zum ontogenetischen Grundgesetze gelangt, wenn er es nicht frei im Denken (durch Intuition) konzipiert hätte. Es ist ganz vergebens, die Tatsachen einfach zu beobachten. Wir müssen sie unter gewisse Gesichtspunkte stellen. Auch das bloße Experiment reicht dazu nicht hin. Ohne leitende Ideen bleibt es nur ein künstlich hergestelltes Beobachtungsobjekt. Wenn wir beim Experiment auch die Bedingungen einer Erscheinung selbst hergestellt haben und daher genau den Zusammenhang zwischen Bedingung und Bedingtem kennen, so erfahren wir dadurch doch gar nichts über das Wesen dieses Zusammenhangs.

In der reinen Mathematik haben wir ein Beispiel, wie wir wirklich zur Erkenntnis dieses Wesens kommen können. Dies ist deshalb der Fall, weil wir hier mit Objekten zu tun haben, die wir nicht von außen anschauen, sondern die wir restlos selbst erzeugen. Die reine Mathematik kann im Gegensatz zu dem Erfahrungswissen als eine Erkenntnis des Wesens ihrer Objekte gelten. Daher kann sie der Philosophie mit Recht als Vorbild dienen. Die letztere muß nur die Einseitigkeit des mathematischen Urteiles überwinden. Diese Einseitigkeit liegt in dem abstrakten Charakter der mathematischen Wahrheiten. Sie sind bloß formal. Sie bauen sich auf bloßen Verhältnisbegriffen auf. Sind wir imstande, Gebilde selbst zu erzeugen, die einen realen Inhalt haben, dann erhalten wir eine Wissenschaft nicht bloß von Formen, wie die Mathematik eine ist, sondern von Wesenheiten, wie es die Philosophie sein soll. Das oberste Gebilde dieser Art ist das «Ich». Dies kann nicht durch Erfahrung gefunden, sondern nur durch freie Intuition erzeugt werden. Wer diese Intuition zu erzeugen vermag, der merkt alsbald, daß er damit nicht einen Akt seines einzelnen, zufälligen Bewußtseins vollzogen hat, sondern einen kosmischen Prozeß: er hat den Gegensatz von Subjekt und Objekt überwunden; er hat die inhaltliche Welt in sich, aber auch sich in der Welt gefunden. Von da ab betrachtet er nicht mehr die Dinge wie ein Außenstehender, sondern wie einer, der innerhalb derselben steht. In diesem Augenblicke ist er Philosoph geworden. Die Philosophie will die Dinge erleben, nicht wie die Erfahrungswissenschaft bloß betrachten. Dies ist ein prinzipieller Unterschied. Wer ihn nicht zugeben und die naturwissenschaftliche Methode einfach auf die Philosophie anwenden will, der hat keinen Begriff von der letzteren. Die allgemeine Anerkennung des Brentanoschen Satzes wäre für mich gleichbedeutend mit dem allgemeinen Verfall der Philosophie.

 

aus GA 30 (1961), S 526 ff

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