Rudolf Steiner
Das Lukas-Evangelium
Ein Zyklus von zehn
Vorträgen, gehalten in Basel vom 15. bis 26.September 1909
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Erster Vortrag, Basel, 15.
September 1909
Eingeweihte und Hellseher.
Die verschiedenen Aspekte der Einweihung. Die vier Evangelien vom Standpunkte
der Geistesforschung.
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Zweiter Vortrag, 16.
September 1909
Das Lukas-Evangelium als
Ausdruck des Prinzips der Liebe und des Mitleids. Die Aufgaben der
Bodhisattvas und des Buddha.
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Dritter Vortrag, 17.
September 1909
Das Hineinfließen der
buddhistischen Weltanschauung in das Lukas-Evangelium. Die Lehre des Buddha.
Der achtgliedrige Pfad.
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Vierter Vortrag, 18.
September 1909
Führerstätten in der alten
Atlantis. Der Nirmanakaya des Buddha und der nathanische Jesusknabe. Die
Adam-Seele vor dem Sündenfall. Die Wiederverkörperung des Zarathustra in dem
salomonischen Jesusknaben.
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Fünfter Vortrag, 19.
September 1909
Der Zusammenfluß der großen
Geistesströmungen des Buddhismus und des Zarathustra in Jesus von Nazareth.
Der nathanische und der salomonische Jesusknabe.
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Sechster Vortrag, 20.
September 1909
Die Mission des hebräischen
Volkes. Die Lehre des Buddha von der Veredelung des menschlichen Inneren und
die kosmische Lehre des Zarathustra. Elias und Johannes der Täufer.
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Siebenter Vortrag, 21.
September 1909
Die beiden Jesusknaben. Die
Verkörperung des Christus im Jesus von Nazareth. Vishva Karman, Ahura Mazdao,
Jahve. Die Geistloge der zwölf Bodhisattvas und der Dreizehnte.
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Achter Vortrag, 24.
September 1909
Die Bewußtseinsentwickelung
der Menschheit in der nachatlantischen Zeit. Die Mission der
Geisteswissenschaft: Wiedergewinnung der Herrschaft des Geistigen über das
Physische. Die von dem Christus-Ich ausgehenden Wirkungen.
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Neunter Vortrag, 25.
September 1909
Das Gesetz vom Sinai als
letzte Vorverkündigung des Ich. Die Lehre des Buddha von Mitleid und Liebe.
Das Rad des Gesetzes. Der Christus als Bringer der lebendigen Kraft der
Liebe.
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Zehnter Vortrag, 26.
September 1909
Die Lehre von Reinkarnation
und Karma und das Christentum. Zwei Arten der alten Einweihung, Jonas und
Salomon. Das Christus-Prinzip und die neue Art der Einweihung. Das Ereignis
von Golgatha als die auf den äußeren Plan der Weltgeschichte hinausgetragene
Initiation.
Erster Vortrag
Basel, 15. September
1909
Eingeweihte und Hellseher.
Die verschiedenen Aspekte der Einweihung. Die vier Evangelien vom Standpunkte
der Geistesforschung.
Als wir vor einiger Zeit hier versammelt waren, konnten wir
die tieferen Strömungen des Christentums besprechen vom Gesichtspunkte des
Johannes-Evangeliums aus. Und es traten damals vor unser geistiges Auge jene
gewaltigen Bilder und Ideen, welche der Mensch gewinnen kann, wenn er sich in
diese einzigartige Urkunde der Menschheit, eben in das Johannes-Evangelium,
vertieft. Wir haben damals bei verschiedenen Gelegenheiten hervorheben
müssen, wie die tiefsten Tiefen des Christentums zum Vorschein kommen, wenn
man seine Betrachtungen anstellt an der Hand dieser Urkunde. Und es könnte
heute wohl mancher der damaligen Zuhörer oder der Zuhörer eines anderen
Zyklus über das Johannes-Evangelium sich fragen: Ist es nun möglich, die
Gesichtspunkte, welche man in gewisser Hinsicht wirklich als die tiefsten
bezeichnen muß, und die man an der Hand des Johannes-Evangeliums gewinnen
kann, ist es möglich, diese Gesichtspunkte irgendwie zu erweitern oder zu
vertiefen durch die Betrachtung der anderen christlichen Urkunden, zum
Beispiel der drei anderen Evangelien, durch die Betrachtung des
Lukas-Evangeliums, des Matthäus-Evangeliums oder des Markus-Evangeliums? Und
wer, man möchte sagen, die theoretische Bequemlichkeit liebt, der wird sich
fragen: Ist es denn überhaupt nötig, nachdem uns bewußt geworden ist, wie die
tiefsten Tiefen der christlichen Wahrheiten uns entgegentreten aus dem
Johannes-Evangelium, ist es da überhaupt noch nötig, über das Wesen des
Christentums von den anderen Evangelien aus zu verhandeln, namentlich vom
Gesichtspunkte des – wie man ja leicht glauben könnte – weniger tiefen
Lukas-Evangeliums aus?
Wer eine solche Frage aufstellte und wer da glaubte, mit
einem solchen Gesichtspunkt irgend etwas Wesentliches gesagt zu haben, der
würde sich doch einem ganz bedeutsamen Mißverständnis hingeben. Nicht nur,
daß das Christentum als solches in seiner Wesenheit unermeßlich ist und daß
man es von den verschiedensten Gesichtspunkten aus beleuchten kann, sondern
es ist auch das andere richtig – und gerade dieser Zyklus von Vorträgen soll
dafür den Beweis liefern –: trotzdem das Johannes-Evangelium eine so
unendlich tiefe Urkunde ist, kann man durch die Betrachtung des
Lukas-Evangeliums zum Beispiel noch Dinge lernen, die man an der Hand des
Johannes-Evangeliums nicht lernen kann. Dasjenige, was wir dazumal im
Johannes-Evangelium-Zyklus gewohnt worden sind, die tiefen Ideen des
Christentums zu nennen, das ist durchaus noch nicht das Christentum in seiner
vollen Tiefe; sondern es gibt eine Möglichkeit, von einem anderen
Ausgangspunkt aus in die Tiefen des Christentums einzudringen. Und dieser
andere Ausgangspunkt soll eben dadurch gewonnen werden, daß wir diesmal das
Lukas-Evangelium vom anthroposophischen, geisteswissenschaftlichen Standpunkt
aus in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen stellen.
Lassen Sie uns einmal einiges vor unser Auge stellen, um die
Behauptung zu verstehen, daß aus dem Lukas-Evangelium noch etwas zu gewinnen
sei, wenn man auch die Tiefen des Johannes-Evangeliums ausgeschöpft hat. Wir
müssen dabei von dem ausgehen, was uns ja bei der Betrachtung einer jeden
Zeile des Johannes-Evangeliums entgegentritt, daß Urkunden, wie die
Evangelien es sind, sich gerade für den anthroposophischen Betrachter
darstellen als Urkunden, die verfaßt sind von Menschen, die tiefer
hineingeschaut haben in das Wesen des Lebens und in das Wesen des Daseins,
die als Eingeweihte und als Hellseher in die Tiefen der Welt hineingeschaut
haben. Wenn wir so im allgemeinen sprechen, können wir die Ausdrücke
"Eingeweihter" und "Hellseher" als gleichbedeutend
nebeneinander gebrauchen. Wenn wir aber nunmehr im Verlaufe unserer
anthroposophischen Betrachtungen zu tieferen Schichten des Geisteslebens
vordringen wollen, dann müssen wir das, was wir anfangs mit Recht nicht
unterscheiden, den Hellseher und den Eingeweihten, wir müssen sie als zwei
Kategorien von Menschen unterscheiden, die den Weg gefunden haben in die
übersinnlichen Gebiete des Daseins. Es ist in gewisser Beziehung ein
Unterschied zwischen einem Eingeweihten und einem Hellseher, obwohl nichts,
gar nichts dagegen ist, daß der Eingeweihte zugleich ein Hellsehender ist und
der Hellsehende zu gleicher Zeit ein in einem gewissen Grade Eingeweihter.
Wenn Sie genau unterscheiden wollen zwischen diesen beiden Kategorien von
Menschen, dem Eingeweihten und dem Hellseher, dann müssen Sie sich an die
Darstellungen erinnern, die in meiner Auseinandersetzung über "Wie
erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" gegeben sind. Sie müssen
daran denken, daß es im wesentlichen drei Stufen gibt, die hinausführen über
das gewöhnliche Anschauen der Welt.
Diejenige Erkenntnis, die zunächst dem Menschen zugänglich
ist, kann man so charakterisieren, daß der Mensch durch die Sinne die Welt
anschaut und durch den Verstand und die anderen Seelenkräfte das Angeschaute
sich zu eigen macht. Darüber hinaus gibt es drei andere Stufen des Erkennens
der Welt. Die erste ist die der sogenannten imaginativen Erkenntnis, die
zweite Stufe ist die der inspirierten Erkenntnis, und die dritte Stufe ist
die der intuitiven Erkenntnis, wenn wir das Wort intuitiv in seinem wahren,
geisteswissenschaftlichen Sinne erfassen.
Wer besitzt nun die imaginative Erkenntnis? Derjenige, vor
dessen geistigem Auge sich das, was hinter der Sinnenwelt ist, in Bildern
ausbreitet, in einem gewaltigen Weltentableau von Bildern, die aber durchaus
nicht ähnlich sind dem, was man im gewöhnlichen Leben Bilder nennt. Abgesehen
von dem Unterschiede, daß es für diese Bilder der imaginativen Erkenntnis
nicht gibt, was wir die Gesetze des dreidimensionalen Raumes nennen, gibt es
auch noch andere Eigentümlichkeiten dieser imaginativen Bilder, die sich mit
nichts in der gewöhnlichen Sinnenwelt so leicht vergleichen lassen.
Wir können zu einer Vorstellung der imaginativen Welt
gelangen, wenn wir uns denken, eine Pflanze stehe vor uns, und wir würden in
der Lage sein, alles, was dem Sinn des Auges als Farbe wahrnehmbar ist,
herauszuziehen aus der Pflanze, so daß es förmlich frei in der Luft schwebt.
Würden wir nun nichts anderes tun, als diese an der Pflanze befindliche Farbe
herausziehen und frei vor uns schweben lassen, dann hätten wir eine tote
Farbengestalt vor uns. Für den hellsichtigen Menschen aber bleibt diese
Farbengestalt durchaus nicht ein totes Farbenbild, sondern wenn er das, was
in den Dingen Farbe ist, herauszieht aus den Dingen, dann fängt durch seine
Vorbereitungen und Übungen dieses Farbenbild an, von dem Geistigen belebt zu
werden, geradeso wie es in der sinnlichen Welt durch das Stoffliche der
Pflanzen belebt war; und der Mensch hat dann vor sich nicht eine tote
Farbengestalt, sondern, frei schwebend, farbiges Licht, in der
mannigfaltigsten Weise schillernd und sprühend, aber innerlich belebt. So daß
eine jede Farbe der Ausdruck ist der Eigentümlichkeit einer
geistig-seelischen Wesenheit, die in der Sinnenwelt nicht wahrnehmbar ist;
das heißt, es fängt die Farbe in der sinnlichen Pflanze an, für den Hellseher
Ausdruck zu werden für seelisch-geistige Wesenheiten.
Denken Sie sich nun eine Welt, erfüllt von solchen in der
mannigfaltigsten Weise spiegelnden Farbengestalten, sich ewig wandelnd,
umgestaltend, aber nicht den Blick beschränkt auf das Farbige wie etwa bei
einem Gemälde von flimmernden Farbenreflexen, sondern denken Sie sich das
alles als Ausdruck von geistig-seelischen Wesenheiten, so daß Sie sich sagen:
Wenn hier aufblitzt ein grünes Farbenbild, so ist es mir der Ausdruck dafür,
daß ein verständiges Wesen dahinter ist; oder wenn aufblitzt ein
hellrötliches Farbenbild, so ist es mir der Ausdruck von etwas, was eine
leidenschaftliche Wesenheit ist. Denken Sie sich nun dieses ganze Meer von
ineinanderspielenden Farben – ich könnte ebensogut ein anderes Beispiel
nehmen und sagen: ein Meer von ineinanderspielenden Tonempfindungen oder
Geruchs- oder Geschmacksempfindungen, denn das alles sind Ausdrücke von
dahinterstehenden geistig-seelischen Wesenheiten –, dann haben Sie das, was
man die imaginative Welt nennt. Es ist nicht etwas, wofür man wie im
gewöhnlichen Sprachgebrauch das Wort Imagination verwendet, eine Einbildung,
sondern das ist eine reale Welt. Es ist eine andere Art der Auffassung, als
es die sinnesgemäße ist.
Innerhalb dieser imaginativen Welt tritt dem Menschen alles
das entgegen, was hinter der Sinnenwelt ist und was er mit seinen
"sinnlichen Sinnen", wenn wir den Ausdruck gebrauchen wollen, nicht
wahrnimmt, also zum Beispiel des Menschen Ätherleib, des Menschen
astralischer Leib. Wer als ein hellsichtiger Mensch die Welt also kennenlernt
durch diese imaginative Erkenntnis, der lernt höhere Wesenheiten gleichsam
von ihrer Außenseite her kennen, so wie Sie in der Sinnenwelt, wenn Sie auf
der Straße gehen und die Menschen an Ihnen vorbeigehen, diese von ihrer
sinnlichen Außenseite kennenlernen. Sie lernen sie genauer kennen, wenn Sie
Gelegenheit haben, mit den Menschen zu sprechen. Da drücken Ihnen die
Menschen durch ihre Worte noch etwas anderes aus als das, was Sie sehen, wenn
sie Ihnen nur auf der Straße begegnen und sie ansehen. An manchem, an dem Sie
vorbeigehen – um nur das eine zu sagen –, können Sie nicht sehen, ob
innerlicher Schmerz oder Freude in der Seele ist, ob Gram oder Entzücken die
Seele durchglüht. Das alles aber können Sie erfahren, wenn Sie mit einem
Menschen sprechen. Das eine Mal kündet er Ihnen durch das, was Sie sehen
können ohne sein Zutun, seine Außenseite an, das andere Mal spricht er sich
selbst für Sie aus. So ist es auch mit den Wesenheiten der übersinnlichen
Welt.
Wer als Hellseher die Wesenheiten der übersinnlichen Welt
durch die imaginative Erkenntnis kennenlernt, der lernt gleichsam nur die
geistigseelische Außenseite kennen. Aber er hört sie sich selbst aussprechen,
wenn er aufsteigt von der imaginativen Erkenntnis zu der Erkenntnis durch
Inspiration. Da ist es dann wirklich ein richtiger Verkehr mit diesen
Wesenheiten. Da teilen sie ihm aus ihrer eigenen Wesenheit heraus mit, was
sie sind und wer sie sind. Daher ist die Inspiration eine höhere
Erkenntnisstufe als die bloße Imagination, und man erfährt mehr über die
Wesen der geistig-seelischen Welt, wenn man aufsteigt zur Inspiration, als
man durch die imaginative Erkenntnis gewinnen kann.
Eine noch höhere Stufe der Erkenntnis ist dann die
Intuition, sofern man das Wort Intuition nicht wie im gewöhnlichen
Sprachgebrauch anwendet, wo alles Unklare, was einem einfällt, Intuition
genannt wird, sondern wenn man den Begriff Intuition in dem wirklich
geisteswissenschaftlichen Sinne nimmt. Da ist die Intuition eine Erkenntnis,
wo man nicht nur geistig hinhorchen kann auf das, was die Wesenheiten, aus
sich selbst heraus einem mitteilen, sondern wo man eins wird mit diesen
Wesenheiten, wo man in die eigene Wesenheit derselben untertaucht. Das ist
eine hohe Stufe der geistigen Erkenntnis. Denn sie erfordert, daß der Mensch
zuerst jene Liebesentfaltung zu allen Wesenheiten in sich vollzieht, wo er
keinen Unterschied mehr macht zwischen sich und den anderen Wesenheiten in
der geistigen Umgebung, wo er seine Wesenheit sozusagen ausgegossen hat in
die ganze geistige Umgebung, wo er also wirklich nicht mehr außerhalb der
Wesenheiten ist, die mit ihm geistig verkehren, sondern wo er innerhalb
dieser Wesenheiten ist, in ihnen steht. Und weil das nur sein kann gegenüber
einer geistiggöttlichen Welt, so ist der Ausdruck Intuition, das ist "im
Gotte stehen", ganz berechtigt. – So also erscheinen uns zunächst diese
drei Stufen der Erkenntnis der übersinnlichen Welt: die Imagination, die
Inspiration und die Intuition.
Nun gibt es natürlich die Möglichkeit, sich diese drei Stufen
der übersinnlichen Erkenntnis anzueignen. Aber es ist auch möglich, zum
Beispiel in irgendeiner Inkarnation nur vorzudringen bis zu der Stufe der
Imagination; dann bleiben dem betreffenden Hellseher diejenigen Gebiete der
geistigen Welt verborgen, die nur durch die Inspiration und die Intuition zu
erreichen sind. Dann ist der Mensch ein "hellsichtiger" Mensch. –
In unserer heutigen Zeit ist es im allgemeinen nicht üblich, die Menschen zu
den höheren Stufen der übersinnlichen Erkenntnis hinaufzuführen, ohne sie
vorher die Stufe der Imagination durchschreiten zu lassen, so daß für unsere
gegenwärtigen Verhältnisse kaum die Möglichkeit eintreten kann, daß jemand
sozusagen ausläßt die Stufe der Imagination und gleich durchgeführt wird zur
Stufe der Inspiration oder der Intuition. Was aber heute keineswegs das
Richtige wäre, das konnte in gewissen anderen Zeiten der
Menschheitsentwickelung dennoch eintreten und ist auch eingetreten.
Es gab Zeiten in der Menschheitsentwickelung, in denen man
die Stufen der übersinnlichen Erkenntnis sozusagen auf verschiedene
Individuen verteilt hatte: Imagination auf der einen Seite, Inspiration und
Intuition auf der anderen Seite. So daß es zum Beispiel Mysterienstätten
gegeben hat, wo Menschen das geistige Auge so offen hatten, daß sie
hellseherisch waren für das Gebiet der Imagination, daß ihnen zugänglich war
jene symbolische Welt der Bilder. Dadurch, daß diese Menschen, die so weit
hellsichtig waren, sich sagten: Für diese Inkarnation verzichte ich darauf,
die höheren Stufen, Inspiration und Intuition, zu erreichen –, dadurch haben
sie sich geeignet gemacht, genau und deutlich zu sehen innerhalb der Welt des
Imaginativen. Sie haben sich sozusagen in ganz besonderem Maße trainiert, in
dieser Welt des Imaginativen zu sehen.
Nun aber war eines dazu für sie notwendig. Wer nur in der
Welt des Imaginativen sehen will und darauf verzichtet, zu der Welt der
Inspiration und der Intuition vorzudringen, der lebt in einer gewissen Weise
in einer Welt der Unsicherheit. Diese Welt des flutenden, Imaginativen ist
sozusagen uferlos, und man schwimmt darinnen, wenn man sich selbst überlassen
bleibt, mit seiner Seele hin und her, ohne. daß man eigentlich genau Richtung
und Ziel kennt. Daher war es in jenen Zeiten und bei den Völkern, bei denen von
gewissen Menschen auf die höheren Erkenntnisstufen verzichtet wurde,
notwendig, daß sich die hellsichtigen, imaginativen Menschen ganz
hingebungsvoll an ihre Führer anschlössen, an diejenigen, welche offen hatten
das geistige Anschauungsvermögen für die Inspiration und für die Intuition.
Denn erst Inspiration und Intuition geben Sicherheit für die geistige Welt,
so daß man genau weiß: Dahin geht der Weg, dort ist ein Ziel. – Dagegen kann
man sich, wenn einem die inspirierte Erkenntnis mangelt, nicht sagen: Da geht
der "Weg, dahin muß ich gehen, um zu einem Ziele zu kommen. – Kann man
sich also das nicht selbst sagen, dann muß man sich der kundigen Führung
eines Menschen anvertrauen, der einem das sagen kann. Daher wird an so vielen
Orten immer mit Recht betont, daß derjenige, der zunächst aufsteigt zur
imaginativen Erkenntnis, innig sich anzuschließen hat an den Guru, an den
Führer, der ihm Richtung und Ziel gibt in bezug auf das, was er sich nicht
selbst geben kann.
Auf der anderen Seite aber war es auch in gewissen Zeiten
nützlich – heute wird das nicht mehr getan –, andere Menschen die imaginative
Erkenntnis in gewisser Weise überspringen zu lassen und sie gleich
hinaufzuführen zur inspirierten Erkenntnis oder womöglich zur intuitiven
Erkenntnis. Solche Menschen verzichteten darauf, die imaginativen Bilder der
geistigen Welt um sich zu sehen; sie gaben sich nur hin jenen Eindrücken aus
der geistigen Welt, die da Ausflüsse des Inneren der geistigen Wesenheiten
sind. Sie hörten hin mit Geistesohren, was die Wesenheiten der geistigen Welt
sprechen. Es ist so, wie wenn Sie eine Wand hätten zwischen sich und einem
anderen Menschen und diesen Menschen nicht selbst sehen; aber Sie hören ihn
hinter der Wand sprechen. Diese Möglichkeit ist durchaus vorhanden, daß sozusagen
Menschen verzichten auf das Anschauen in der geistigen Welt, um dadurch
schneller geführt zu werden zu dem geistigen Hinhorchen auf die Aussagen der
geistigen Wesenheiten. Ganz gleichgültig, ob jemand die Bilder der
imaginativen Welt sieht oder nicht, wenn er imstande ist, mit Geistesohren zu
vernehmen, was die in der übersinnlichen Welt befindlichen Wesenheiten über
sich selbst zu sagen haben, dann sagen wir von einem solchen Menschen: Er ist
begabt mit dem "inneren Wort" –, im Gegensatz zu dem äußeren Wort,
das wir in der physischen Welt von Mensch zu Mensch haben. So also können wir
uns die Vorstellung bilden, daß es auch Menschen gibt, welche, ohne die
imaginative Welt zu schauen, das innere Wort haben und die Aussprüche der
geistigen Wesenheiten vernehmen und sie mitteilen können.
Es gab eine Zeit in der Entwickelung der Menschheit, da war
es in den Mysterien so, daß diese zwei Arten von übersinnlichen Erfahrungen
der Erkennenden zusammenwirkten. Und weil dadurch, daß ein jeder von ihnen
auf die Anschauung des anderen verzichtete, er das, was er vermochte, genauer
und deutlicher ausbilden konnte, weil das der Fall war, ergab sich ein
schönes, ein wunderschönes Zusammenwirken in gewissen Zeiten innerhalb der
Mysterien. Man hatte sozusagen imaginative Hellseher; die hatten sich
besonders dazu trainiert, die Welt der Bilder zu schauen. Und man hatte
solche, welche die Welt des Imaginativen übersprungen hatten; sie hatten sich
besonders dazu trainiert, das innere Wort, was erfahren wird durch die Inspiration,
in ihre Seele aufzunehmen. Und so konnte der eine dem anderen mitteilen, was
er durch seine besondere Trainierung erfahren hatte. Das war möglich in den
Zeiten, wo von Mensch zu Mensch ein Grad von Vertrauen vorhanden war, der
heute ausgeschlossen ist – einfach durch unsere Zeitentwickelung. Heute
glaubt nicht ein Mensch dem anderen so stark, daß er nur hinhorchen würde auf
das, was der andere schildert als die Bilder der imaginativen Welt, und dann
hinzufügen würde, was er selbst aus der Inspiration weiß, im treuen Glauben
darauf, daß die Schilderungen des ändern richtig sind. Heute will jeder
Mensch selbst sehen. Das ist die berechtigte Art unserer Zeit. Die wenigsten
Menschen würden heute zufrieden sein mit einer einseitigen Ausbildung der
Imagination, wie sie in gewissen Zeiten gang und gäbe war. Deshalb ist es
auch für die heutige Zeit notwendig, daß der Mensch nach und nach geführt
wird durch die drei Stufen der höheren Erkenntnis, ohne die eine oder die
andere auszulassen.
Auf allen Stufen der übersinnlichen Erkenntnis treffen wir
die großen Geheimnisse an, welche sich an jenes Ereignis knüpfen, das wir das
Christus-Ereignis nennen, so daß die imaginative Erkenntnis, die inspirierte
Erkenntnis und die intuitive Erkenntnis vieles, unendlich vieles zu sagen
haben über dieses Christus-Ereignis.
Wenn wir nun, von diesem Gesichtspunkt ausgehend, einmal
unseren Blick auf die vier Evangelien zurückwenden, so dürfen wir sagen, daß
das Johannes-Evangelium geschrieben ist vom Standpunkte eines Eingeweihten,
der drinnen stand in den Geheimnissen der Welt bis zur Intuition hinauf, der
also das Christus-Ereignis für die Anschauung der übersinnlichen Welt bis zur
Intuition hinauf schildert. Wer aber genau eingeht auf die Eigentümlichkeiten
des Johannes-Evangeliums, der wird – wie wir gerade in diesem Vortragszyklus
sehen werden – sich sagen müssen, daß alles das, was uns im
Johannes-Evangelium besonders deutlich entgegentritt, vom Standpunkte der
Inspiration und der Intuition gesagt ist, und daß alles, was sich aus Bildern
der Imagination ergibt, dagegen verblaßt und undeutlich ist. So dürfen wir
den Verfasser des Johannes-Evangeliums – wenn wir absehen von dem, was er
doch noch von der Imagination hereingenommen hat –, wir dürfen ihn nennen den
Botschafter alles dessen in bezug auf das Christus-Ereignis, was sich für den
ergibt, der das innere Wort hat bis hinauf zur Intuition. Deshalb spricht der
Schreiber des Johannes-Evangeliums im wesentlichen so, daß er uns die
Geheimnisse des Christus-Reiches charakterisiert als beeigenschaftet durch
das innere Wort oder den Logos. Eine inspiriert-intuitive Erkenntnis liegt
dem Johannes-Evangelium zugrunde.
Anders ist das bei den anderen drei Evangelien. Und keiner
der anderen Evangelienschreiber hat das, was er eigentlich zu sagen hat, so
klar ausgedrückt wie gerade der Schreiber des Lukas-Evangeliums.
Eine kurze, merkwürdige Vorrede geht dem Lukas-Evangelium
voran, eine Vorrede, die ungefähr sagt, daß sich mancherlei Menschen vor dem
Schreiber des Lukas-Evangeliums schon daran gemacht hätten, allerlei
Erzählungen zu sammeln und darzustellen, die im Umlaufe waren über die
Ereignisse von Palästina, und daß, um dieses genauer und ordentlicher zu
machen, nunmehr der Schreiber des Lukas-Evangeliums es unternimmt, dasjenige
darzustellen, was – und nun kommen bedeutungsvolle Worte – diejenigen
mitzuteilen wissen, die von Anfang an – gewöhnlich wird nun übersetzt –
"Augenzeugen und Diener des Wortes waren" (Lukas 1,1–2). Also der
Schreiber des Lukas-Evangeliums will mitteilen, was diejenigen zu sagen
haben, die Augenzeugen – besser würden wir das Wort "Selbstseher"
gebrauchen – und Diener des Wortes waren. Im Sinne des Lukas-Evangeliums sind
"Selbstseher" solche Menschen, welche die imaginative Erkenntnis
haben, die eindringen können in die Welt der Bilder und dort das
Christus-Ereignis wahrnehmen, die besonders dazu trainiert sind, durch solche
Imaginationen zu schauen, Selbstseher, die genau und deutlich sehen – deren
Mitteilungen legt der Schreiber des Lukas-Evangeliums zugrunde – und die
zugleich "Diener des Wortes" waren. Ein bedeutungsvolles Wort! Er
sagt nicht "Besitzer" des Wortes, denn das wären Leute, welche die
volle inspirierte Erkenntnis haben, sondern "Diener" des Wortes,
Diener derjenigen also, denen nicht in demselben Maße wie ihnen durch ihr
Selbstschauen die Imaginationen zur Verfügung stehen, sondern denen
Kundgebungen der inspirierten Welt zur Verfügung stehen. Ihnen, den Dienern,
wird mitgeteilt, was der Inspirierte wahrnimmt; sie können es verkünden, weil
es ihnen ihre inspirierten Lehrer gesagt haben. Sie sind Diener, nicht
Besitzer des Wortes.
So also geht das Lukas-Evangelium zurück auf
die Mitteilungen derjenigen, die Selbstseher, Selbsterfahrer sind in den
imaginativen Welten, welche gelernt haben, dasjenige, was sie in der
imaginativen Welt schauen, mit den Mitteln auszudrücken, welche der
inspirierte Mensch hat, die sich also zu Dienern des Wortes gemacht haben.
Wiederum haben wir hier ein Beispiel, wie genau in den
Evangelien gesprochen ist und wie wir die Worte genau wörtlich verstehen
müssen. Alles ist exakt und genau in solchen auf Grundlage der
Geisteswissenschaft verfaßten Urkunden, und der moderne Mensch hat oft gar
keine Ahnung von der Genauigkeit, von der Exaktheit, mit der die Worte in
diesen Urkunden gewählt werden.
Nun aber müssen wir – so wie jedesmal, wenn wir vom
anthroposophischen Gesichtspunkt aus solche Betrachtungen anstellen – auch
diesmal daran erinnern, daß für die Geisteswissenschaft nicht im eigentlichen
Sinne die Evangelien Quellen der Erkenntnis sind. Dadurch, daß irgend etwas
in den Evangelien steht, würde es für denjenigen, der streng auf dem Boden
der Geisteswissenschaft steht, durchaus noch nicht eine Wahrheit sein. Der
Geisteswissenschafter schöpft nicht aus geschriebenen Urkunden, sondern der
Geisteswissenschafter schöpft aus dem, was die geisteswissenschaftliche
Forschung selbst zu seiner Zeit gibt. Was zu unserer Zeit die Wesen der
geistigen Welt dem Eingeweihten und dem Hellseher zu sagen haben, das sind
die Quellen für die eigentliche Geisteswissenschaft, für die Eingeweihten und
für die Hellseher. Und diese Quellen sind in unserer Zeit in gewisser
Beziehung dieselben wie in jenen Zeiten, die ich Ihnen eben geschildert habe.
Daher kann man auch heute hellsichtige Menschen diejenigen nennen, welche in
die imaginative Welt Einsicht haben, und Eingeweihte kann man erst solche
nennen, welche sich erheben können zur Stufe der Inspiration und Intuition.
So braucht für diese Zeiten der Ausdruck des Hellsehers nicht
zusammenzufallen mit dem des Eingeweihten.
Was uns im Johannes-Evangelium begegnet, konnte nur auf der
Forschung des Eingeweihten beruhen, der hinaufsteigen konnte bis zur
inspirierten und intuitiven Erkenntnis. Was uns in den anderen Evangelien
entgegentritt, das konnte beruhen auf Mitteilungen von imaginativen, von
hellsichtigen Menschen, die also noch nicht selbst hinaufsteigen konnten in
die inspirierte und intuitive Welt. So beruht, wenn wir den heutigen
Unterschied streng festhalten, das Johannes-Evangelium auf der Einweihung;
die drei übrigen Evangelien, vorzugsweise das Lukas-Evangelium, sogar nach
dem Ausspruche des Schreibers selbst, auf der Hellsichtigkeit. Und weil es
insbesondere auf der Hellsichtigkeit beruht, weil alles zu Hilfe gerufen
wird, was der trainierteste Hellseher zu schauen vermag, bietet sich uns ein
genaues Bild für das, was uns im Johannes-Evangelium nur in verblaßten
Bildern dargestellt werden kann. Um den Unterschied noch genauer
hervorzuheben, möchte ich folgendes sagen.
Nehmen Sie an – was allerdings heute kaum der Fall ist –,
daß ein Mensch eingeweiht würde, so daß die Welt der Inspiration und der
Intuition für ihn offenstände, daß er aber nicht hellsichtig wäre, daß er
also nicht die imaginative Welt erkennen könnte. Ein solcher Mensch begegne einem
ändern Menschen, der vielleicht gar nicht eingeweiht ist, dem aber durch
irgendwelche Umstände die imaginative Welt offensteht, so daß er das ganze
Feld der Imaginationen schauen kann. Ein Mensch der letzteren Art könnte dem
ersteren sehr viel mitteilen, was der erstere nicht schaut, was dieser
erstere vielleicht erst aus der Inspiration heraus erklären kann, was er aber
nicht selbst schauen kann, weil ihm die Hellsichtigkeit fehlt. Menschen, die
hellsichtig sind, ohne eingeweiht zu sein, sind heute sehr zahlreich; das
Umgekehrte ist heute kaum der Fall. Dennoch könnte es sein, daß irgendein
eingeweihter Mensch zwar die Gabe der Hellsichtigkeit hat, aber aus
irgendwelchen Gründen im einzelnen Falle nicht zum Schauen der Imaginationen
kommen kann. Dann könnte ein hellsichtiger Mensch ihm vieles erzählen, was
ihm noch unbekannt ist.
Daß die Anthroposophie oder Geisteswissenschaft nicht auf
etwas anderem als auf den Quellen der Eingeweihten fußt, daß also weder das
Johannes-Evangelium noch die anderen Evangelien Quellen ihrer Erkenntnis
sind, muß immer strenge betont werden. Was heute erforscht werden kann ohne
eine historische Urkunde, das ist die Quelle für das anthroposophische
Erkennen. Dann aber gehen wir an die Urkunden heran und suchen das, was die
Geistesforschung heute finden kann, mit den Urkunden zu vergleichen. Was die
Geistesforschung heute ohne eine Urkunde finden kann über das
Christus-Ereignis – zu jeder Stunde finden kann –, das finden wir in der
großartigsten Weise im Johannes-Evangelium wieder. Und darum ist es eine so
wertvolle Schrift, weil es uns zeigt, daß damals, als es geschrieben wurde,
einer da war, der so geschrieben hat, wie heute einer, der in die geistige
Welt eingeweiht ist, schreiben kann. Sozusagen dieselbe Stimme, die heute wahrgenommen
werden kann, kommt zu uns aus den Tiefen der Jahrhunderte.
Ein Ähnliches ist für die anderen Evangelien und auch für
das Lukas-Evangelium der Fall. Nicht die Bilder, die uns der Schreiber des
Lukas-Evangeliums schildert, sind für uns die Quellen der Erkenntnis der
höheren Welten, sondern das ist für uns die Quelle, was uns die Erhebung in
die übersinnliche Welt selbst gibt. Und wenn wir von dem Christus-Ereignis
sprechen, dann ist für uns die Quelle auch jenes große Tableau der Bilder und
Imaginationen, die sich uns ergeben, wenn wir den Blick hinrichten auf das,
was im Anfange unserer Zeitrechnung dasteht. Und was sich uns selber
darstellt, das vergleichen wir mit den Bildern und Imaginationen, die uns
geschildert werden im Lukas-Evangelium. Und dieser Zyklus von Vorträgen soll
uns zeigen, wie die imaginativen Bilder, die der heutige Mensch gewinnt, sich
ausnehmen gegenüber den Schilderungen, die uns im Lukas-Evangelium
entgegentreten.
Es ist wahr, für die geistige Forschung, wenn sie sich auf
die Ereignisse der Vergangenheit erstreckt, gibt es nur eine Quelle. Diese
Quelle liegt nicht in äußeren Urkunden. Nicht Steine, die wir aus der Erde
graben, nicht Dokumente, die in den Archiven aufbewahrt sind, nicht das, was
die Geschichtsschreiber geschrieben haben, ob inspiriert oder nicht
inspiriert, sind die Quelle der Geisteswissenschaft. Was wir zu lesen
vermögen in der unvergänglichen Chronik, in der Akasha-Chronik, das ist für
uns die Quelle für die geistige Forschung. Es gibt die Möglichkeit, das, was
sich zugetragen hat, ohne äußere Urkunde zu erkennen.
So kann der heutige Mensch zwei Wege wählen, um Kunde zu
erhalten von der Vergangenheit. Er kann die äußeren Dokumente nehmen, wenn er
etwas erfahren will über die äußeren Ereignisse, die geschichtlichen
Urkunden, oder, wenn er über geistige Verhältnisse etwas erfahren will, die
religiösen Urkunden. Oder aber er kann fragen: Was wissen diejenigen Menschen
zu sagen, die selbst für ihr geistiges Auge geöffnet haben jene
unvergängliche Chronik, die wir die Akasha-Chronik nennen, jenes große
Tableau, in welchem alles in unvergänglicher Schrift verzeichnet steht, was
jemals geschehen ist in der Welt-, Erden- und Menschheitsentwickelung?
Diese Chronik lernt der Mensch, der sich in die
übersinnlichen Welten erhebt, allmählich lesen. Das ist nicht eine
gewöhnliche Schrift. Denken Sie sich den Lauf der Ereignisse, wie sie sich
abgespielt haben, vor Ihr geistiges Auge gestellt. Denken Sie sich den Kaiser
Augustus mit allen seinen Taten wie in einem Nebelbild vor Ihren Augen
dastehen. Alles, was damals sich zugetragen hat, steht da vor Ihrem geistigen
Auge. So steht es vor dem Geistesforscher, und er kann es jede Stunde aufs
neue erfahren. Er braucht keine äußeren Zeugnisse. Er braucht nur seinen
Blick hinzurichten auf einen bestimmten Punkt des Welten- oder des
Menschheitsgeschehens, und es werden sich ihm in einem geistigen Bilde die
Ereignisse vor Augen stellen, die geschehen sind. So kann der geistige Blick
schweifen durch die Zeiten der Vergangenheit. Was er da erschaut, das wird
verzeichnet als Ergebnis der Geistesforschung.
Was geschah damals in den Zeiten, mit denen unsere
Zeitrechnung beginnt? Was da geschah, das wird durch den geistigen Blick
erschaut und kann verglichen werden mit dem, was uns zum Beispiel das
Lukas-Evangelium erzählt. Dann erkennt der Geistesforscher, daß es damals
eben solche geistig Schauenden gegeben hat, die ebenso das, was Vergangenheit
war, gesehen haben; und wir können vergleichen, wie sich das, was sie uns als
ihre Gegenwart mitteilen können, zu dem verhält, was der Rückblick in die
Akasha-Chronik von der damaligen Zeit erschauen kann.
Das müssen wir uns immer wiederum vor die Seele stellen, daß
wir nicht aus den Urkunden schöpfen, sondern daß wir schöpfen aus der
geistigen Forschung selbst und daß wir dasjenige, was aus der
Geistesforschung geschöpft wird, in den Urkunden wieder aufsuchen. Dadurch
gewinnen die Urkunden einen erhöhten Wert, und wir können über die Wahrheit
dessen, was in ihnen steht, aus unserer eigenen Forschung entscheiden.
Dadurch wachsen sie vor uns als Ausdruck der Wahrheit, weil wir die Wahrheit
selbst erkennen können. Man darf eine solche Sache, wie sie eben geschildert
worden ist, nicht aussprechen, ohne zugleich darauf hinzuweisen, daß dieses
Lesen in der Akasha-Chronik nicht so leicht ist wie etwa das Anschauen der
Ereignisse in der physischen Welt. An einem besonderen Beispiele möchte ich
Ihnen anschaulich machen, wo zum Beispiel gewisse Schwierigkeiten liegen beim
Lesen der Akasha-Chronik. Ich möchte es Ihnen anschaulich machen an dem
Menschen selber.
Wir wissen aus der elementaren Anthroposophie, daß der
Mensch aus dem physischen Leib, dem Ätherleib, dem astralischen Leib und dem
Ich besteht. In dem Augenblick, wo man den Menschen nicht mehr bloß auf dem
physischen Plan beobachtet, sondern hinaufsteigt in die geistige Welt, da
beginnen die Schwierigkeiten. Wenn Sie einen Men sehen physisch vor sich
haben, da haben Sie eine Einheit vor sich; da haben Sie seinen physischen
Leib, da haben Sie seinen Ätherleib, seinen astralischen Leib und sein Ich.
Wenn man den Menschen während des Tagwachens beobachtet, hat man das alles in
einer Einheit vor sich. In dem Augenblick, wo man den Menschen nicht während
des Tagwachens beobachtet, sondern wo man, um ihn zu beobachten,
hinaufsteigen muß in die höheren Welten, wo dieses Hinaufsteigen eine
Notwendigkeit wird, da beginnen sogleich die Schwierigkeiten. Wenn wir zum
Beispiel in der Nacht, wenn wir den ganzen Menschen sehen wollen, in die Welt
der Imaginationen hinaufsteigen, um zum Beispiel den astralischen Leib zu
sehen – denn der ist außerhalb des physischen Leibes –, dann haben wir das
Wesen des Menschen in zwei voneinander getrennte Glieder geteilt.
Was ich jetzt schildere, wird zwar in den seltensten Fällen
eintreten, weil die Beobachtung des Menschen doch noch verhältnismäßig leicht
ist; aber Sie können sich daran ein Bild machen von den Schwierigkeiten.
Denken Sie sich, jemand betritt einen Raum, wo eine Anzahl von Menschen
schlafen. Da sieht er in den Betten liegen die physischen Leiber und die
Ätherleiber, wenn er die Fähigkeit der Hellsichtigkeit hat; dann sieht er,
wenn er sich hellsichtig erhebt, die astralischen Leiber. Aber diese Welt des
Astralischen ist eine Welt der Durchgängigkeit. Da oben in der astralischen
Welt gehen die astralischen Leiber durcheinander durch. Und wenn es auch für
den geschulten Hellseher nicht leicht eintreten wird, so könnte es doch
eintreten, daß, wenn er hinschaut auf einen ganzen Trupp von Menschen, die da
schlafen, er da leicht verwechseln kann, welcher Astralleib zu einem
physischen Leib da unten gehört. Ich sagte, es geschehe nicht leicht, daß das
vorkommt, weil dieses Schauen verhältnismäßig zu den niedersten Graden gehört
und weil der Mensch, der dazu kommt, gut vorbereitet wird, wie man in solchem
Falle zu unterscheiden hat. Aber wenn man in den höheren Welten nicht den
Menschen betrachtet, sondern andere geistige Wesenheiten, dann beginnen die
Schwierigkeiten schon ganz große zu werden. Ja, sie sind schon ganz große für
den Menschen, wenn man ihn nicht als gegenwärtigen Menschen, sondern in
seiner ganzen Wesenheit betrachtet, wie er durch die Inkarnationen durchgeht.
Wenn Sie also einen Menschen, der jetzt lebt, so betrachten,
daß Sie sich fragen: Wo war dessen Ich in der vorhergehenden Inkarnation? –
so müssen Sie durch die devachanische Welt durchgehen zu seiner vorherigen
Inkarnation. Sie müssen feststellen können, welches Ich immer zu den
vorhergehenden Inkarnationen dieses betreffenden Menschen gehört hat. Da
müssen Sie schon in komplizierter Weise zusammenhalten können das
kontinuierliche Ich und die verschiedenen Stufen hier unten auf der Erde. Da
ist schon sehr leicht ein Fehler möglich, und da kann sehr leicht ein Irrtum
begangen werden, wenn der Aufenthalt eines Ich in den früheren Leibern
gesucht wird. Wenn man also hinaufkommt in die höheren Welten, ist es nicht
so leicht, alles, was zu einem Menschen, was zu einer Persönlichkeit gehört,
zusammenzuhalten mit dem, was in der Akasha-Chronik verzeichnet ist als seine
früheren Inkarnationen.
Nehmen Sie einmal an, jemand stellte sich die folgende
Aufgabe. Er hätte einen Menschen vor sich, sagen wir Hans Müller. Er fragt
als hellsichtiger oder eingeweihter Mensch: Welches sind die physischen
Vorfahren dieses Hans Müller? Nehmen wir an, alle äußeren physischen Urkunden
seien verlorengegangen, man könnte sich nur auf die Akasha-Chronik verlassen.
Er hätte also da die physischen Vorfahren aufzusuchen, er müßte Vater,
Mutter, Großvater und so weiter aus der Akasha-Chronik festzustellen suchen,
um zu sehen, wie sich der physische Leib entwickelt hat in der physischen
Abstammungslinie. Dann aber könnte weiter die Frage entstehen: Welches waren
die früheren Inkarnationen dieses Menschen? Da muß er einen ganz ändern Weg
gehen, als er geht, um zu den physischen Vorfahren des Menschen zu kommen. Da
wird er vielleicht viele, viele Zeiten zurückverfolgen müssen, wenn er zu den
früheren Inkarnationen des Ich kommen will. Da haben Sie schon zwei
Strömungen. Weder ist der physische Leib, wie er vor uns steht, ein ganz
neues Geschöpf, denn er stammt in der physischen Vererbungslinie von den
Ahnen ab, noch ist das Ich ein ganz neues Geschöpf, denn es gliedert sich an
die früheren Inkarnationen an.
Was aber für den physischen Leib und für das Ich gilt, das
gilt auch für die dazwischenstehenden Glieder, den Ätherleib, den
astralischen Leib. Die meisten von Ihnen werden wissen, daß auch der
Ätherleib nicht ein durchaus neues Geschöpf ist, sondern daß er auch
irgendeinen Weg durch die verschiedensten Formen durchgegangen sein kann. Ich
habe Ihnen gesagt, wie der Ätherleib des Zarathustra wiedererschienen ist in
dem Ätherleibe des Moses, – das ist derselbe Ätherleib. Würde man nun die
physischen Vorfahren des Moses untersuchen, so bekäme man die eine Linie.
Würde man die Vorfahren des Ätherleibes des Moses untersuchen, so bekäme man
eine andere Linie: da kämen Sie zu dem Ätherleibe des Zarathustra hinauf und
zu anderen Ätherleibern.
Geradeso wie man für den physischen Leib ganz andere
Strömungen zu verfolgen hat als für den Ätherleib, so ist es auch beim
astralischen Leib. Wir können von jedem Gliede der menschlichen Natur aus in
die verschiedensten Strömungen kommen. So können wir sagen: Der Ätherleib ist
die ätherische Wiederverkörperung eines Ätherleibes, der in einer ganz
anderen Individualität war, durchaus nicht in derselben, in der das Ich
vorher verkörpert war. Und ebenso können wir das für den astralischen Leib
sagen.
Wenn wir in die höheren Welten hinaufkommen, um einen
Menschen zu untersuchen auf seine früheren Glieder hin, so gehen da die
einzelnen Strömungen alle auseinander. Die eine führt uns nach der, die
andere nach jener Richtung, und wir kommen da zu sehr komplizierten Vorgängen
in der geistigen Welt. Wenn nun jemand einen Menschen vom Gesichtspunkte der
Geistesforschung aus vollständig verstehen will, so darf er ihn nicht bloß
schildern als einen Nachkommen seiner Ahnen, nicht bloß, daß er seinen
Ätherleib herleitet von diesem oder jenem Wesen, oder seinen astralischen
Leib von diesem oder jenem Wesen, sondern er muß vollständig schildern, wie
alle diese vier Glieder ihren Weg gemacht haben, bis sie sich jetzt in dieser
Wesenheit zusammengeschlossen haben. Das kann man nicht auf einmal machen.
Man kann zum Beispiel den Weg, den der Ätherleib zurückgelegt hat, verfolgen
und kann da zu wichtigen Aufschlüssen kommen. Es kann dann ein anderer Mensch
den Weg des astralischen Leibes verfolgen. Der eine kann auf den Ätherleib,
der andere auf den astralischen Leib mehr Gewicht legen und demgemäß seine
Schilderungen abfassen. Für denjenigen, der alles das nicht beobachtet, was
die hellsichtigen Menschen über eine. Wesenheit sagen, für den wird es ganz
gleich sein, ob der eine dieses oder der andere jenes sagt; ihm wird es
scheinen, als ob nur immer dasselbe geschildert wird. Für ihn wird derjenige,
der nur die physische Persönlichkeit schildert, dasselbe sagen wie derjenige,
der den Ätherleib schildert; er wird immer glauben, daß er die Wesenheit des
Hans Müller schildert.
Das alles kann Ihnen aber jetzt ein Bild geben von der
ganzen Kompliziertheit der Verhältnisse, die uns entgegentreten, wenn wir vom
Gesichtspunkte der hellseherischen, der Eingeweihten-Forschung das Wesen
irgendeiner Erscheinung der Welt – sei es des Menschen oder irgendeiner
anderen Wesenheit – schildern wollen. Was ich jetzt gesagt habe, mußte ich
sagen; denn Sie sehen daraus, daß dann nur die umfänglichste, nach allen
Seiten sich ausbreitende Forschung in der Akasha-Chronik irgendeine Wesenheit
uns klar vor das geistige Auge führen kann.
Diejenige Wesenheit, die da vor uns steht, auch in dem
Sinne, wie das Johannes-Evangelium sie uns schildert, die da vor uns steht
mit dem Ich – gleichgültig ob vor oder nach der Johannes-Taufe, ob wir sie
ansprechen als Jesus von Nazareth vor der Taufe oder als den Christus nach
der Johannes-Taufe –, sie steht vor uns mit einem Ich, mit einem astralischen
Leib, mit einem Ätherleib und mit einem physischen Leib. Wir können sie nur
vollständig schildern vom Standpunkte der Akasha-Chronik, wenn wir die Wege
verfolgen, welche diese vier Glieder der damaligen Christus Jesus-Wesenheit
in der Menschheitsentwickelung durchgemacht haben. Nur dann können wir sie
richtig verstehen. Hier handelt es sich um das vollständige Verstehen der
Mitteilungen über das Christus-Ereignis vom Standpunkte der heutigen
Geistesforschung, wo Licht verbreitet werden muß über das, was sich scheinbar
widerspricht in den vier Evangelien.
Ich habe schon öfters darauf hingewiesen, warum die heutige,
rein materialistische Forschung den hohen Wert, den Wahrheitswert des
Johannes-Evangeliums nicht einsehen kann: Weil sie nicht verstehen kann, daß
ein höherer Eingeweihter anders, tiefer sieht als die anderen. Zwischen den
anderen drei Evangelien, den synoptischen, versuchen diejenigen, denen das
Johannes-Evangelium nicht recht ist, eine Art von Einklang zu bilden. Einen
Einklang zu bilden wird aber, wenn man nur die äußeren materiellen
Geschehnisse zugrunde legt, schwer halten. Denn das, was für uns in dem
morgigen Vortrage von besonderer Wichtigkeit sein wird, zu betrachten das
Leben des Jesus von Nazareth vor der Johannes-Taufe, das wird uns geschildert
von zwei Evangelisten, von dem Schreiber des Matthäus-Evangeliums und von dem
Lukas-Evangelium-Schreiber; und für eine äußere materialistische
Betrachtungsweise gibt es hier Verschiedenheiten, die in nichts nachgeben
dem, was zwischen den drei anderen Evangelien und dem Johannes-Evangelium als
Verschiedenheit angenommen werden muß.
Nehmen wir einmal die Tatsachen. Der Schreiber des
Matthäus-Evangeliums schildert, daß vorherverkündet wird die Geburt des
Schöpfers des Christentums, daß diese Geburt erfolgt, daß Magier kommen aus
dem Morgenlande, die den Stern wahrgenommen haben, daß der Stern sie geführt
hat an die Stätte, wo der Erlöser geboren wird. Er schildert ferner, daß
Herodes dadurch aufmerksam gemacht wird und daß, um zu entgehen der Maßnahme
des Herodes, die in dem bethlehemitischen Kindermord besteht, das Elternpaar
des Erlösers mit dem Kinde nach Ägypten flieht. Als Herodes tot ist, wird
Joseph, dem Vater des Jesus, angezeigt, daß er wieder zurückkehren kann, und
er kehrt nun aus Furcht vor dem Nachfolger des Herodes nicht zurück nach
Bethlehem, sondern er geht nach Nazareth. – Ich will heute noch absehen von
der Ankündigung des Täufers. Ich will aber schon darauf aufmerksam machen,
daß, wenn wir das Lukas-Evangelium und das Matthäus-Evangelium miteinander
vergleichen, in den beiden Evangelien die Vorverkündigung des Jesus von
Nazareth ganz verschieden erfolgt: das eine Mal erfolgt sie dem Joseph, das
andere Mal der Maria.
Wir sehen dann aus dem Lukas-Evangelium, wie die Eltern des
Jesus von Nazareth ursprünglich in Nazareth wohnen und dann bei einer
Gelegenheit nach Bethlehem gehen, nämlich zur Zählung. Während sie dort sind,
wird der Jesus geboren. Dann erfolgt nach acht Tagen die Beschneidung –
nichts von einer Flucht nach Ägypten –; und nach einiger Zeit, die nicht weit
danach liegt, wird das Kind dargestellt im Tempel. Wir sehen, daß das Opfer
dargebracht wird, das üblich ist, und daß danach die Eltern mit dem Kinde
nach Nazareth zurückziehen und dort leben. Und dann wird uns ein merkwürdiger
Zug erzählt, der Zug, wie der zwölfjährige Jesus bei einem Besuch, den seine
Eltern in Jerusalem gemacht haben, im Tempel zurückbleibt, wie sie ihn
suchen, wie sie ihn dann wiederfinden im Tempel zwischen denen, welche die
Schrift auslegen, wie er ihnen da entgegentritt als ein Kundiger in der
Schriftauslegung, wie er sich verständig und weise im Kreise der
Schriftgelehrten ausnimmt. Dann wird erzählt, wie sie das Kind wiederum mit
nach Hause nehmen, wie es heranwächst; und wir hören nichts Besonderes mehr
von ihm bis zur Johannes-Taufe.
Da haben wir zwei Geschichten des Jesus von Nazareth vor der
Aufnahme des Christus. Wer sie vereinigen will, der muß sich vor allen Dingen
fragen, wie er die Erzählung, daß unmittelbar nach der Geburt des Jesus die
Eltern, Joseph und Maria, veranlaßt werden, mit dem Kinde nach Ägypten zu
fliehen, und dann wieder zurückkehren, wie er das vereinigen kann nach der
gewöhnlichen materialistischen Anschauung mit der Darstellung im Tempel nach
Lukas.
Da werden wir sehen, daß das, was uns für die physische
Auffassung scheinbar als ein vollständiger Widerspruch erscheint, im Lichte
der Geistesforschung uns als Wahrheit entgegentreten wird. Beides ist wahr,
trotzdem es als scheinbarer Widerspruch in der physischen Welt dargestellt
wird. Gerade die drei synoptischen Evangelien, das Matthäus-, das Markus- und
das Lukas-Evangelium, sollten die Menschen hinzwingen zu einer geistigen Auffassung
der Tatsachen der Menschheitsgeschehnisse. Denn die Menschen sollten
einsehen, daß man nichts damit erreicht, wenn man solchen Urkunden gegenüber
nicht über scheinbare Widersprüche nachdenkt oder wenn man von
"Dichtungen" spricht, wo man durch Realitäten nicht durchkommt.
So wird sich uns gerade diesmal Gelegenheit bieten, darüber
zu sprechen, worüber eingehend zu sprechen das Johannes-Evangelium keinen
Anlaß gegeben hat, nämlich über die Ereignisse, die sich zugetragen haben vor
der Johannes-Taufe, vor dem Eindringen der Christus-Wesenheit in die drei
Leiber des Jesus von Nazareth. Und manches wichtige Rätsel von dem Wesen des
Christentums wird sich uns gerade dadurch lösen, daß wir – aus der
Akasha-Chronik erforscht – hören werden, wie das Wesen des Jesus von Nazareth
war, bevor der Christus seine drei Leiber eingenommen hat.
Wir werden morgen damit beginnen, das Wesen und das Leben
des Jesus von Nazareth aus der Akasha-Chronik heraus zu prüfen, um uns dann
zu fragen: Wie stellt sich das, was wir aus dieser Quelle heraus wissen
können über die wahre Wesenheit des Jesus von Nazareth, zu dem, was uns
geschildert wird im Lukas-Evangelium als herrührend von denen, die damals
"Selbstseher" waren oder "Diener des Wortes", des Logos?
Zweiter Vortrag
16. September 1909
Das Lukas-Evangelium
als Ausdruck des Prinzips der Liebe und des Mitleids. Die Aufgaben der
Bodhisattvas und des Buddha.
Das Johannes-Evangelium war durch die verschiedenen Zeiten
der Entwickelung des Christentums hindurch diejenige Urkunde, welche stets
den tiefsten Eindruck auf alle diejenigen gemacht hat, welche eine besondere
Vertiefung, eine innere Versenkung in die christlichen Weltenströmungen
suchten. Daher war dieses Johannes-Evangelium die Urkunde aller christlichen
Mystiker, die nachzuleben versuchten, was im Johannes-Evangelium in der
Persönlichkeit und Wesenheit des Christus Jesus dargestellt wird.
In einer etwas anderen Weise hat sich die christliche
Menschheit durch die verschiedenen Jahrhunderte hindurch zu dem
Lukas-Evangelium gestellt. Das entspricht, von einem anderen Gesichtspunkt
aus gesehen, im Grunde genommen durchaus dem, was wir gestern schon über den
Unterschied des Johannes-Evangeliums und des Lukas-Evangeliums andeuten
konnten. War das Johannes-Evangelium in gewisser Beziehung eine Urkunde für
Mystiker, so war das Lukas-Evangelium immer eine Art Erbauungsbuch für die
Allgemeinheit, für solche, die sich, man könnte in einer gewissen Weise
sagen, aus der Einfalt und der Einfachheit ihres Herzens heraus in die Sphäre
des christlichen Empfindens erheben konnten. Als ein Erbauungsbuch geht das
Lukas-Evangelium durch der Zeiten Wende. Für alle die, welche bedrückt waren
mit Leiden und Schmerzen, war es immer ein Quell inneren Trostes. Denn in
diesem Evangelium wird ja so viel verkündet von dem großen Tröster, von dem
großen Wohltäter der Menschheit, von dem Heiland der Beladenen und der
Bedrückten. Ein Buch, zu dem insbesondere diejenigen den Sinn hinwendeten,
welche sich durchdringen wollten mit der christlichen Liebe, war das
Lukas-Evangelium, denn mehr als in irgendeiner anderen christlichen Urkunde
wird die Gewalt und das Eindringliche der Liebe in diesem Lukas-Evangelium
entfaltet. Und die, welche in irgendeiner Weise sich bewußt waren – und im
Grunde genommen kann das ja für alle Menschen gelten –, irgendwelche Fehler
auf ihr Herz geladen zu haben, sie fanden von jener Erbauung und Trost und
Erhebung der beladenen Seele, wenn sie zum Lukas-Evangelium und seiner
Verkündigung hinblickten und sich sagen konnten: Der Christus Jesus ist nicht
bloß erschienen für die Gerechten, sondern auch für die Sünder; mit Sündern
und Zöllnern hat er bei Tisch gesessen. – Gehört zum Johannes-Evangelium eine
hohe Vorbereitung, um es auf sich wirken zu lassen, so darf man vom
Lukas-Evangelium sagen, daß kein Gemüt so niedrig, so unreif ist, daß es
nicht all die Wärme, die aus dem Lukas-Evangelium herausströmt, in vollem
Maße auf sich wirken lassen könnte.
So war das Lukas-Evangelium von jeher ein Buch für die
Allgemeinheit, an dem sich auch das kindlichste Gemüt erbauen konnte. Alles,
was an der menschlichen Seele von der frühesten Lebenszeit an bis in die
höchsten Altersstufen hinauf kindlich bleibt, das hat sich immer hingezogen
gefühlt zu dem Lukas-Evangelium. Und vor allem, was von den christlichen
Wahrheiten bildhaft dargestellt worden ist, was die Kunst von den
christlichen Wahrheiten zu ihrem Vorwurf genommen hat – es ist zwar vieles
auch aus den anderen Evangelien erflossen –, was aber aus der Kunst, aus der
Malerei von jeher am eindringlichsten zu den menschlichen Herzen gesprochen
hat, das finden wir im Lukas-Evangelium angegeben und von da aus in die Kunst
fließend. Alle die tiefen Beziehungen zwischen dem Christus Jesus und
Johannes dem Täufer, die so vielfach bildnerische Darstellung gefunden haben,
haben ihren Quell in diesem unvergänglichen Buche, in dem Lukas-Evangelium.
Wer von diesem Gesichtspunkte aus diese Urkunde auf sich
wirken läßt, der wird finden, daß sie von Anfang bis zu Ende gleichsam
hineingetaucht ist in das Prinzip der Liebe, des Mitleides, der Einfalt, ja
bis zu einem gewissen Grade der Kindlichkeit. Und wo kommt diese Kindlichkeit
denn noch in einer so warmen Weise zum Ausdruck als gerade in der
Kindheitsgeschichte des Jesus von Nazareth, die uns der Schreiber des Lukas-Evangeliums
gibt! Warum das so war, das wird uns auch klar werden können, wenn wir
allmählich immer tiefer in dieses merkwürdige Buch eindringen.
Es wird heute notwendig sein, daß mancherlei gesagt wird,
was vielleicht denen, die andere Vorträge von mir über diesen Gegenstand oder
andere Zyklen gehört haben, zunächst als ein Widerspruch erscheinen wird.
Aber warten Sie nur auf die Ausführungen der nächsten Tage, dann wird Ihnen
das schon im Einklänge erscheinen mit dem, was Sie bisher über den Christus Jesus
und über Jesus von Nazareth von mir gehört haben. Man kann nicht auf einmal
den ganzen komplizierten Umfang der Wahrheit geben, und es wird heute
notwendig sein, auf eine Seite der christlichen Wahrheiten hinzuweisen,
welche im scheinbaren Widerspruche stehen wird mit demjenigen Teile der
Wahrheit, den ich bisher da oder dort vor Ihnen aussprechen konnte. – Es soll
der Weg so gewählt werden, daß die einzelnen Wahrheitsströme entwickelt
werden und daß dann gezeigt wird, wie sie vollständig in Harmonie und im
Einklänge sind. Natürlich konnte ich in den verschiedenen Zyklen, namentlich,
da bisher der Ausgangspunkt – und zwar absichtlich – vom Johannes-Evangelium
aus genommen wurde, nur auf einen Teil der Wahrheit hinweisen. Dieser Teil
bleibt darum doch Wahrheit; das werden wir in den nächsten Tagen noch sehen.
Heute obliegt es uns, einen den meisten von Ihnen ungewohnten Teil der
christlichen Wahrheiten zu betrachten.
Im Lukas-Evangelium besagt uns eine wunderbare Stelle, daß
den Hirten auf dem Felde verkündet wird durch einen Engel, der ihnen sichtbar
wird, daß ihnen der "Heiland der Welt" geboren worden ist. Und dann
wird erwähnt, daß zu diesem Engel, nachdem er die Verkündigung gesagt hat,
hinzutreten "himmlische Heerscharen" (Lukas 2,13). Stellen Sie sich
also das Bild vor, daß diese Hirten hinaufblicken und ihnen so etwas
erscheint wie "der Himmel offen" und die Wesenheiten der geistigen
Welt in mächtigen Bildern sich vor ihnen ausbreitend. Was wird den Hirten
verkündet?
Was ihnen verkündet wird, das wird in monumentale Worte
gekleidet, in Worte, die durch die ganze Menschheitsentwickelung gesprochen
wurden und die zum Weihnachtsspruche der christlichen Entwickelung geworden
sind. Die Worte tönen den Hirten entgegen, die, richtig übersetzt, etwa so
lauten würden:
"Es offenbaren sich die göttlichen Wesenheiten aus den
Höhen, auf daß Friede herrsche unten auf der Erde bei den Menschen, die
durchdrungen sind von einem guten Willen." (Lukas 2,14.)
"Ehre", wie es gewöhnlich wiedergegeben wird, ist eine ganz falsche
Übersetzung. Wie ich es jetzt gesagt habe, sollte es heißen. Und der
Gegensatz sollte scharf betont werden, daß dasjenige, was die Hirten sehen,
die Offenbarung der geistigen Wesenheiten aus den Höhen ist und daß sie in
diesem Augenblicke geschieht, damit einziehe Friede in die menschlichen
Herzen, die durchdrungen sind von einem guten Willen.
Im Grunde genommen liegt, wie wir sehen werden, vieles von
den Geheimnissen des Christentums in diesen Worten, wenn man sie richtig
versteht. Aber es wird einiges dazu gehören, um Licht in diese
paradigmatischen Worte zu bringen. Was vor allem hinzugehört, ist, daß wir
versuchen, jene Berichte zu betrachten, die des Menschen hellsichtiger Sinn
aus der Akasha-Chronik empfängt. Darauf kommt es an, zunächst hinzuschauen
mit dem geöffneten Auge des Geistes auf dasjenige Zeitalter, in dem der
Christus Jesus für die Menschheit auftritt, und uns nun zu fragen: Wie stellt
sich das dar, was damals geistig in die Erdenentwickelung eingetreten ist,
wenn wir es verfolgen in seinem ganzen geschichtlichen Werden, wenn wir
fragen: Woher ist es gekommen?
Damals floß in die Menschheitsentwickelung etwas ein, was
wie ein Zusammenströmen geistiger Ströme von den verschiedensten Richtungen
her sich darstellte. In den mannigfaltigsten Gegenden der Erde sind die
verschiedensten Weltanschauungen im Laufe der Zeiten aufgetaucht. Alles, was
aufgetaucht ist in den verschiedenen Gegenden der Erde, strömte damals in
Palästina zusammen und drückte sich aus in irgendeiner Weise in diesen Ereignissen
von Palästina, so daß wir uns fragen können: Wohin gehen die Strömungen, die
wir wie in einen Mittelpunkt zusammenfließen sehen in den palästinensischen
Ereignissen?
Wir haben gestern schon darauf hingedeutet, daß durch das
Lukas-Evangelium dasjenige gegeben wird, was wir imaginative Erkenntnis
nennen, und daß diese imaginative Erkenntnis in Bildern gewonnen wird. Ein
Bild wird vor uns hingestellt in dem soeben Angegebenen, ein Bild, wie über
den Hirten erscheint die Offenbarung der geistigen Wesenheiten aus der Höhe,
das Bild eines geistigen Wesens, eines Engels, und dann einer Schar von
Engeln. Da müssen wir die Frage auf werfen: Wie sieht der hellsichtige und
zugleich in die Geheimnisse des Daseins eingeweihte Mensch dieses Bild an,
das er sich jederzeit wieder herstellen kann, wenn er in die Akasha-Chronik
zurückschaut? Was ist das, was sich da den Hirten darstellte? Was ist
enthalten in dieser Engelschar, und woher kommt sie?
Eine der großen geistigen Strömungen, die durch die
Menschheitsentwickelung geflossen sind, jene Strömung, die allmählich immer
höher und höher gestiegen ist, so daß sie zur Zeit der palästinensischen
Ereignisse nur mehr aus den geistigen Höhen herunterscheinen konnte auf die
Erde, die ist es, die sich in diesem Bilde zeigt. Wenn wir ausgehen -und zwar
jetzt durch die Entzifferung der Akasha-Chronik – von dieser Engelschar,
welche den Hirten erschien, so werden wir zurückgeführt zu einer der größten
geistigen Strömungen der Menschheitsentwickelung, die sich, man könnte sagen,
zuletzt vor der Erscheinung des Christus Jesus auf der Erde, mehrere
Jahrhunderte vorher, als Buddhismus ausgebreitet hat. Zu dem, was die
"Erleuchtung" des großen Buddha war, so sonderbar es Ihnen klingen
wird, wird derjenige geführt, welcher von jener Offenbarung, die den Hirten
wird, durch die Akasha-Chronik den Weg zurückverfolgt in die vorhergehenden
Zeiten der Menschheit. Was in Indien den Menschen aufgeleuchtet hat, was dort
als die Religion des Mitleides und der Liebe, als eine große Weltanschauung einstmals
Geister und Herzen bewegt hat und was noch heute für einen großen Teil der
Menschheit geistige Nahrung ist, das erschien wieder in der Offenbarung der
Hirten. Denn auch das sollte einströmen in die palästinensische Offenbarung.
Was uns im Lukas-Evangelium zuerst erzählt wird, das können wir nur
verstehen, wenn wir – wiederum vom Gesichtspunkte der
geisteswissenschaftlichen Forschung aus – einen Blick auf das werfen, was der
Buddha der Menschheit war und was die Buddha-Offenbarung eigentlich im Verlaufe
der Menschheitsentwickelung bewirkte. Da müssen wir uns folgendes klarmachen.
Als fünf bis sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung der
Buddha im Fernen Osten erstand, da erschien in ihm eine Individualität, die
oft und oft wiederverkörpert erschienen war und die durch ihre vielen
Verkörperungen hindurch bis zu einer hohen menschlichen Entwickelungsstufe
hinaufgeschritten ist. Der Buddha konnte derjenige, der er war, nur deshalb
werden, weil er in seinen früheren Inkarnationen im höchsten Sinne des Wortes
schon eine hohe, hohe Entwickelungsstufe erlangt hatte. Jene
Entwickelungsstufe einer Wesenheit im Weltenall, die der Buddha erlangt
hatte, bezeichnet man mit einem orientalischen Ausdruck als einen
"Bodhisattva". Es ist – wenigstens vor einem Teile von Ihnen – das
Wesen der Bodhisattvas von verschiedenen Seiten her schon erörtert worden. In
dem Zyklus "Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der
physischen Welt", Düsseldorf, April 1909, zeigte ich, wie sich die
Bodhisattvas zu der ganzen kosmischen Entwickelung verhalten; in München in
dem Zyklus "Der Orient im Lichte des Okzidents", August 1909,
konnte ich von einem anderen Gesichtspunkte aus darauf hinweisen. Heute soll
wiederum von einer anderen Seite her das Wesen der Bodhisattvas betrachtet
werden. Sie werden schon nach und nach den Einklang zwischen diesen einzelnen
Wahrheiten finden.
Derjenige, der ein Buddha wurde, mußte zuerst ein
Bodhisattva sein. Bodhisattva ist also die vorhergehende Stufe der
individuellen Entwickelung zum Buddha hin. Nun wollen wir einmal vom
Standpunkte der Menschheitsentwickelung aus uns das Wesen der Bodhisattvas
vor Augen führen. Wir verstehen es nur, wenn wir, vom Gesichtspunkte der
Geisteswissenschaft aus sie durchdringend, die Menschheitsentwickelung betrachten.
Was die Menschen zu irgendeiner Zeit können, was sie an
Fähigkeiten entwickeln, das war nicht immer da. Es ist nur eine kurzsichtige
Betrachtungsweise, die nicht über ihre eigene Epoche hinausschauen kann,
welche da glaubt, daß dieselben Fähigkeiten, welche die Menschen heute haben,
schon in Urzeiten vorhanden waren. Die menschlichen Fähigkeiten, das, was die
Menschen verrichten, wissen, tun können, das ändert sich von Epoche zu
Epoche. Heute sind die menschlichen Fähigkeiten so entwickelt, daß der Mensch
gewissermaßen durch seine eigene Vernunft dieses oder jenes erkennen kann,
daß er mit Recht sagt: Diese oder jene Wahrheit sehe ich ein durch meinen
Verstand, durch meine Vernunft; ich kann erkennen, was sittlich und
unsittlich ist, was in einer gewissen Beziehung logisch oder unlogisch ist.
Aber man würde fehlgehen, wenn man glauben würde, daß diese Fähigkeiten, das
Logische vom Unlogischen oder das Sittliche vom Unsittlichen zu
unterscheiden, immer an der menschlichen Natur gehaftet haben. Sie sind erst
gekommen, haben sich nach und nach entwickelt. Was der Mensch heute durch
seine eigenen Fähigkeiten vermag, das mußte er – wie ein Kind von Vater und
Mutter oder vom Lehrer – sich einmal sagen lassen von Wesenheiten, welche
zwar auch verkörpert unter den Menschen waren, welche aber durch ihre
geistigen Fähigkeiten höher entwickelt waren und in den Mysterien Umgang
pflegen konnten mit geistigen Wesenheiten, die über ihnen sind, mit
göttlich-geistigen Wesenheiten.
Solche Individualitäten, die zwar im physischen Leibe
verkörpert waren, die aber Umgang pflegen konnten mit höheren
Individualitäten, die nicht physisch verkörpert sind, gab es immer. Bevor die
Menschen zum Beispiel die Gabe des logischen Denkens erlangt haben, wodurch
sie selbst heute logisch denken können, mußten sie hinhorchen auf gewisse
Lehrer. Diese Lehrer konnten auch nicht durch gewisse Fähigkeiten, die man im
physischen Leibe entwickelt, logisch denken, sondern nur dadurch, daß sie in
den Mysterien Umgang hatten mit göttlichgeistigen Wesenheiten, die in höheren
Regionen sind. Solche Lehrer, die das Logische, das Sittliche lehrten aus
ihren Offenbarungen, die sie aus höheren Welten heraus empfingen, gab es,
bevor die Menschen selber durch ihre Natur auf der Erde imstande waren,
logisch zu denken oder das Sittliche zu finden. Eine gewisse Kategorie
solcher Wesen, die zwar im physischen Leibe verkörpert sind, aber Umgang
haben mit göttlichgeistigen Wesenheiten, damit sie das heruntertragen, was
sie von jenen lernen, und es dem Menschen mitteilen können, das sind die
Bodhisattvas. Sie sind also in einem Menschenleib verkörperte Wesenheiten,
die heranreichen mit ihren Fähigkeiten bis zu einem Verkehr mit den
göttlich-geistigen Wesenheiten.
Und bevor der Buddha ein "Buddha" wurde, war er
eben ein Bodhisattva, das heißt eine Individualität, die in den Mysterien
Umgang haben konnte mit den höheren, göttlich-geistigen Wesenheiten. Eine
solche Wesenheit, wie es der Bodhisattva ist, hat in fernen Urzeiten der
Erdenentwickelung einmal eine bestimmte Mission, eine bestimmte Aufgabe in
der höheren Welt erhalten, und sie bleibt dann bei dieser Mission.
Wenn wir das auf den Buddha anwenden, so müssen wir sagen:
Er hatte als Bodhisattva eine bestimmte Aufgabe. Als die Erde noch in
früheren Entwickelungszuständen war, noch vor der atlantischen und
lemurischen Zeit, da hatte dasjenige Wesen, das im sechsten Jahrhundert vor
unserer Zeitrechnung als Buddha verkörpert war, eine bestimmte Aufgabe
erhalten. Bei dieser Aufgabe ist es geblieben. Durch alle Zeiten hindurch
hatte es von Epoche zu Epoche zu wirken und immer so viel der
Erdenentwickelung mitzuteilen, als dieselbe vermöge ihrer Wesenheit aufnehmen
konnte. Für eine jede solche Wesenheit – also für jeden Bodhisattva – gibt es
daher eine Zeit, wo er sozusagen mit seiner in Urzeiten empfangenen Mission
an einen bestimmten Punkt kommt, wo das, was er von oben in die Menschheit
hat einfließen lassen können, zu der eigenen menschlichen Fähigkeit hat
werden können. Denn was heute menschliche Fähigkeit ist, das war früher
Fähigkeit göttlichgeistiger Wesenheiten, und die Bodhisattvas trugen sie aus
den geistigen Höhen herunter zu den Menschen. Ein solcher geistiger Missionar
kommt also an einen Punkt, wo er sich sagen kann: Ich habe meine Mission
vollbracht; der Menschheit ist jetzt gegeben, wozu sie vorbereitet worden ist
durch viele, viele Zeiten hindurch. An einem solchen Punkt angelangt, kann
der Bodhisattva zum Buddha werden. Das heißt, es kommt für ihn ein Zeitpunkt,
da er als die Wesenheit mit der Mission, die wir eben charakterisiert haben,
sich nicht mehr in einem physischen Menschenleibe zu verkörpern braucht, wo
er sich zum letzten Male in einem solchen physischen Menschenleib noch
verkörpert und dann nicht mehr als ein solcher Missionar sich zu verkörpern
braucht. Ein solcher Zeitpunkt war für den Buddha gekommen. Was er früher zu
tun hatte, führte ihn immer wieder und wieder auf die Erde herunter. Aber in
der Zeit, als er zum Buddha erleuchtet worden war, trat für ihn als
Bodhisattva eine letzte Verkörperung ein. Er gelangte in einen Menschenleib
hinein, der die Fähigkeiten in einem höchsten Maße ausgebildet hatte, die
früher von oben gelehrt werden mußten und die nun nach und nach eigene
menschliche Fähigkeiten werden sollten.
Wenn ein solcher Bodhisattva es durch seine frühere
Entwickelung dahin gebracht hat, einen Menschenleib so vollkommen zu machen,
daß er Fähigkeiten entwickeln kann für die Eigenschaften, die mit der Mission
des Bodhisattva zusammenhängen, dann braucht er sich nicht mehr zu
verkörpern. Dann schwebt er, die Angelegenheiten der Menschen fördernd und
leitend, in geistigen Regionen und wirkt von dort in die Menschheit hinein.
Und die Menschen haben dann die Aufgabe, das, was ihnen früher von
Himmelshöhen heruntergeströmt ist, weiter auszubilden und sich zu sagen: Wir
müssen uns jetzt so entwickeln, daß wir jene Fähigkeiten ausbilden, welche
wir zum ersten Male in vollstem Maß erreicht sehen in derjenigen Inkarnation,
die durch die Fähigkeiten des Bodhisattva erreicht worden ist und die im
Buddha aufgetreten ist. Und wie die Wesenheit, die durch Epochen hindurch als
Bodhisattva gewirkt hat, sich ausnimmt als Mensch, auch als voller einzelner
Mensch, wo alles in die menschliche Natur hineingenommen ist, was früher aus
Himmelshöhen hineinströmte, das noch an einem einzelnen Menschen zu zeigen,
was der Bodhisattva vermag, das heißt "Buddha" sein. Das hat der
Buddha noch gezeigt. Hätte der Bodhisattva sich früher von seiner Mission
zurückgezogen, dann hätten die Menschen nicht mehr der Wohltat teilhaftig
werden können, daß ihnen diese Fähigkeiten zufließen aus den Höhen. Nachdem
aber die Entwickelung so weit fortgeschritten war, daß diese Fähigkeiten in
einem einzelnen menschlichen Exemplar auf der Erde vorhanden sein konnten, da
war auch die Keimanlage dazu geschaffen, daß die Menschen sie in der Zukunft
bei sich selbst ausbilden konnten. So zieht sich die Individualität, die sich
vorher als Bodhisattva entwickelt hat und die, solange sie Bodhisattva war,
nicht ganz in die menschliche Gestalt hineingegangen ist, sondern hineinragte
in die Himmelshöhen, so zieht sich die Individualität des Bodhisattva einmal
völlig in einen Menschen hinein, so daß sie voll erfaßt wird von dieser
Inkarnation. Dann aber zieht sie sich auch wieder zurück. Denn jetzt ist – mit
dieser Inkarnation als Buddha – der Menschheit ein gewisses Quantum von
Offenbarungen gegeben, die sich innerhalb der Menschheit selber nun weiter
ausbilden sollen. Daher darf sich das Bodhisattva-Wesen, nachdem es Buddha
geworden ist, von der Erde zurückziehen in gewisse geistige Höhen, darf dort
verweilen und die Angelegenheiten der Menschheit von dort aus weiterlenken,
wo es nur noch einem gewissen hellseherischen Vermögen möglich ist, es zu
sehen.
Welche Aufgabe hatte denn jene wunderbare, jene gewaltige,
große Individualität, die man im gewöhnlichen Leben den Buddha nennt? Wenn
wir die Aufgabe, die Mission dieses Buddha wirklich einsehen wollen im Sinne
der wahren Esoterik, so müssen wir uns folgendes sagen. Das ganze
Erkenntnisvermögen der Menschheit hat sich nach und nach entwickelt. Wir
haben immer wieder darauf aufmerksam gemacht, wie in der atlantischen Zeit
ein großer Teil der Menschheit hellseherisch hineinblicken konnte in die
geistigen Welten, und wir haben gesagt, daß gewisse Reste des alten Hellsehens
noch in der nachatlantischen Zeit vorhanden waren. Würden wir von der
atlantischen Zeit hinabsteigen in die altindische, in die urpersische, in die
ägyptisch-chaldäische Zeit, ja bis in die griechisch-lateinische Zeit noch
hinein, so würden wir zahlreiche Menschen finden, viel mehr als die heutige
Menschheit sich träumen läßt, die Erbstücke dieses alten Hellsehens hatten,
denen der astralische Plan offen war, die hineinsahen in die verborgenen
Tiefen des Daseins. Den ätherischen Leib des Menschen zu sehen, war selbst
noch in der griechisch-lateinischen Zeit für einen großen Teil der Menschen
etwas ganz Gewöhnliches, namentlich aber den Kopfteil des Menschen umgeben
von jener ätherischen Wolke, die sich freilich nach und nach ganz in dem
Innern des Kopfteiles verborgen hat.
Aber die Menschheit mußte zu jener Erkenntnis aufsteigen,
welche nach und nach die vollkommene Sinneserkenntnis wurde, zu jener
Erkenntnis, die durch die äußeren Sinne und durch diejenigen geistigen
Fähigkeiten erworben wird, welche auf die äußeren Sinne gerichtet sind. Der
Mensch mußte allmählich sozusagen völlig heraussteigen aus der geistigen Welt
und eintreten in die bloße Sinnesbetrachtung, in das vernünftige, logische
Denken. Allmählich mußte sich der Mensch zu dieser nichthellseherischen
Erkenntnis aufschwingen, weil er durch sie hindurchgehen mußte, um in der
Zukunft wiederum die hellsichtige Erkenntnis zu erlangen, aber dann vereinigt
mit dem, was er sich als Sinnes- und Verstandeserkenntnis erworben hat.
In dieser Zeit leben wir in der Gegenwart. Wir blicken auf
eine Vergangenheit hin, in welcher die Menschheit hellsichtig war, und wir
blicken in eine Zukunft hinein, wo die Menschen wiederum hellsichtig sein
werden. In unserer Zwischenzeit aber sind die Menschen in der Mehrzahl auf
das angewiesen, was sie mit den Sinnen wahrnehmen und mit dem Verstande und
der Vernunft begreifen. Zwar gibt es auch eine gewisse Höhe der
Sinnesanschauung und der Verstandes- und Vernunfterkenntnis. Überall aber
gibt es Grade in der Erkenntnis. Der eine wandelt in der betreffenden
Inkarnation seines Erdendaseins so, daß er nur weniges einsieht von dem, was
Moral ist, daß er nur wenig Mitleid entfaltet zu den Mitmenschen: wir nennen
ihn einen Menschen auf einer niederen moralischen Stufe. Oder ein anderer
wandelt so durch das Leben, daß seine intellektuellen Kräfte wenig
ausgebildet sind: wir nennen ihn einen Menschen auf einer niederen
intellektuellen Stufe. Wir wissen aber, daß diese intellektuellen
Erkenntniskräfte hinaufgehen können bis zu einer hohen Stufe. Von dem
Menschen, der wenig moralisch und intellektuell ist, bis zu dem Menschen, den
wir im Sinne Fichtes ein "moralisches Genie" nennen und der sich
bis zur höchsten moralischen Phantasie entwickelt, haben wir alle möglichen
Zwischenstufen; und wir wissen, daß wir uns zu dieser Höhe der menschlichen
Vollkommenheit für die Gegenwart hinaufentwickeln können, ohne hellseherische
Kräfte zu haben, nur durch die Veredelung derjenigen Kräfte, welche dem
gewöhnlichen Menschen zur Verfügung stehen. Diese Stufen mußten von der
Menschheit erst erreicht werden im Laufe der Erdenentwickelung. Was heute der
Mensch schon bis zu einem gewissen Grade durch die eigene Intelligenz
erkennt, und auch, was er durch die eigene moralische Kraft erreicht, nämlich
daß man mit den Leiden und Schmerzen des anderen Menschen Mitleid haben soll,
das hätte der Mensch der Urzeit nicht durch sich selbst erringen können. Man
kann heute sagen, daß sich der gesunde moralische Sinn des Menschen schon zu
dieser Einsicht auch ohne Hellsichtigkeit erhebt, und die Menschen werden
sich immer mehr zu der Einsicht erheben können, daß Mitleid die höchste
Tugend ist und daß die Menschheit ohne Liebe nicht weiter vorwärtskommen
könnte. Man kann sagen: Dies kann heute der menschliche moralische Sinn
erkennen, und er wird sich noch immer mehr und mehr steigern. Aber man muß
zurückblicken in Zeiten, in welchen der moralische Sinn so war, daß er das
nicht hat selbst einsehen können.
Es gab Zeiten, in welchen die Menschen nimmermehr hätten
selbst einsehen können, daß Mitleid und Liebe zu der höchsten Entwickelung
der menschlichen Seele gehören könnten. Daher mußten sich verkörpern in
Menschengestalten solche geistige Wesenheiten, zu denen auch zum Beispiel die
Bodhisattvas gehören, die aus höheren Welten herunter die Offenbarungen
empfingen von der wirkenden Kraft des Mitleides, von der wirkenden Kraft der
Liebe, und welche den Menschen zu sagen vermochten, wie sie sich zu verhalten
hatten in Mitleid und Liebe, weil die Menschen noch nicht reif waren, um aus
ihren eigenen Kräften heraus das einzusehen. Was die Menschen heute aus
eigener Kraft heraus als die hohe Tugend des Mitleides und der Liebe
erkennen, wozu der moralische Sinn sich erhebt, das mußte durch Epochen und
Epochen aus Himmelshöhen gelehrt werden. Und der Lehrer der Liebe und des
Mitleides in jenen Zeiten, als die Menschen selber noch nicht die Einsicht in
die Natur des Mitleides und der Liebe hatten, war derjenige Bodhisattva, der
sich dann in dem Gautama Buddha zum letzten Male verkörperte.
So war der Buddha vorher der Bodhisattva, welcher der Lehrer
von Liebe und Mitleid und von alledem war, was damit zusammenhängt. Er war es
durch jene charakterisierten Epochen hindurch, in denen die Menschen von
Natur aus noch in einer gewissen Weise hellsichtig waren. Er verkörperte sich
als Bodhisattva in solchen hellsichtigen Menschenleibern. Und als er sich
dann als der Buddha verkörperte und in diese früheren Verkörperungen
hellsichtig hineinblickte – von Inkarnation zu Inkarnation –, da konnte er
sagen, wie sich das Innere der Seele fühlte, wenn sie hineinschaute in die
Tiefen des Daseins, die hinter dem Sinnenschein verborgen sind. Diese
Fähigkeit hatte er in den früheren Verkörperungen, und mit dieser Fähigkeit
wurde er geboren innerhalb des Geschlechtes der Sakya, aus dem der Vater des
Gautama, Suddhodana, stammte. Damals, als Gautama Buddha geboren wurde, war
er noch der Bodhisattva. Das heißt, er erschien als das Wesen, zu dem er sich
in seinen vorhergehenden Inkarnationen hinaufentwickelt hatte. Derjenige
also, den man gewöhnlich den Buddha nennt, wurde geboren durch seinen Vater
Suddhodana und seine Mutter Mayadevi als der Bodhisattva. Aber da er eben als
Bodhisattva geboren wurde, hatte er als Kind in hohem Grade die Fähigkeit der
Hellsichtigkeit. Hineinzuschauen vermochte er in die Tiefen des Daseins.
Seien wir uns klar, daß das Hineinschauen in die Tiefen des
Daseins im Verlaufe der Menschheitsentwickelung allmählich ganz besondere
Formen angenommen hat. Die Mission der Menschheitsentwickelung auf der Erde
war es, allmählich die Gabe des alten dumpfen Hellsehens zurücktreten zu
lassen; und was als Erbstück des alten Hellsehens zurückgeblieben war, das
waren daher nicht die besten Teile dieses alten Hellsehens. Diese besten
Teile sind zuerst verlorengegangen. Was zurückgeblieben war, das war vielfach
ein niederes Hineinschauen in die astrale Welt, das war gerade ein Erblicken
jener dämonischen Gewalten, die den Menschen in seinen Trieben und
Leidenschaften hinunterziehen in eine niedere Sphäre. Wir können ja durch die
Einweihung hineinblicken in die geistige Welt und die Kräfte und Wesenheiten
sehen, die mit den schönsten Gedanken und Empfindungen der Menschheit
zusammenhängen; aber wir sehen auch diejenigen geistigen Mächte, welche
hinter der wüsten Leidenschaft, hinter der wilden Sinnlichkeit und dem
verzehrenden Egoismus stehen. Was im weiten Umkreise für die Menschen
erhalten geblieben war – nicht bei den Eingeweihten, sondern bei der großen
Mehrzahl der Menschen –, das war gerade das Schauen dieser wilden dämonischen
Gewalten, die hinter den niederen menschlichen Leidenschaften stehen. Wer
überhaupt hineinsieht in die geistige Welt, der kann das alles natürlich
selbst auch schauen. Das hängt von der Entwickelung der menschlichen
Fähigkeiten ab. Der Mensch kann nicht das eine ohne das andere erreichen.
Der Buddha mußte sich als Bodhisattva natürlich in einem
menschlichen Leibe verkörpern, der so organisiert war, wie menschliche Leiber
damals organisiert waren, in einem Leibe, der ihm die Fähigkeit gab, tief
hineinzuschauen in die astralen Untergründe des Daseins. Als Kind schon war
er fähig, alles das an astralen Gewalten zu schauen, was der wilden,
stürmischen Leidenschaft, was der verzehrenden, gierigen Sinnlichkeit
zugrunde liegt. Man hatte ihn davor bewahrt, die Außenwelt in ihrer
physischen Verderbtheit und in ihren Qualen und Schmerzen zu schauen. Im
Palaste abgeschlossen, vor allem behütet, wurde er verzogen und verzärtelt,
weil man aus den herrschenden Vorurteilen heraus ihm das seinem Stande gemäß
schuldig zu sein glaubte. Aber durch dieses Abgeschlossensein kam um so mehr
die innere Schaukraft bei ihm zum Vorschein. Und während er sorgfältig
behütet wurde und alles von ihm ferngehalten wurde, was an Krankheit und
Schmerzen erinnert, hatte er in seiner Abgeschlossenheit sein geistiges Auge
offen für die astralischen Bilder. Ihn umgaukelten da die astralischen Bilder
alles dessen, was den Menschen an wilden Leidenschaften niederziehen kann.
Wer mit dem geistigen Auge, wer mit wirklicher Esoterik die,
wenn auch exoterisch, aufbewahrt gebliebene Biographie des Buddha zu lesen
vermag, der wird das selbst ahnen, wenn ihm mitgeteilt wird, was jetzt gesagt
worden ist. Denn das muß betont werden: Man kann vieles aus den exoterischen
Berichten nicht verstehen, wenn man nicht in die esoterischen Untergründe
eindringen kann. Und was man am wenigsten aus den exoterischen Berichten
verstehen kann, das ist das Buddha-Leben. Es muß einem eigentlich sonderbar
erscheinen, wenn die Orientalisten und andere, die sich mit dem Buddha-Leben
befassen, darin beschrieben finden, daß der Buddha in seinem Palaste umgeben
war mit "vierzigtausend Tänzerinnen und vierundachtzigtausend
Frauen". Das verzeichnen heute schon die Bücher, die man für ein paar
Pfennige kaufen kann; aber man merkt, daß die Schreiber nicht sonderlich
erstaunt sind über einen Harem von vierzigtausend Tänzerinnen und
vierundachtzigtausend Frauen. Was heißt das? Die Leute wissen nicht, daß
damit auf etwas hingewiesen wird, was der Buddha in vollem Maße, wie es nur
auf ein menschliches Herz ausgeschüttet werden kann, durch das astralische
Schauen erlebte: wie er von Kindheit an zwar nicht erlebte, was draußen an
Leiden und Schmerzen in der physischen Menschenwelt vorging, denn davor war
er zunächst behütet, wie er aber das alles als geistige Wirksamkeiten in der
geistigen Welt schaute. Er schaute es, weil er hineingeboren war in einen
Leib, wie er aus der damaligen Zeit geboren werden konnte, und er war von
Anfang an gefeit und gekräftigt und erhoben über alles, was da an den
furchtbarsten Gaukelbildern ihn umgab, weil er in seinen früheren
Inkarnationen sich bis zur Höhe des Bodhisattva erhoben hatte. Weil er aber
als die Individualität des Bodhisattva in dieser menschlichen Inkarnation
lebte, drängte es ihn hinaus, um dasjenige zu sehen, worauf ihn jedes
einzelne Bild dieser astralischen Welt, wie sie ihn im Palaste umgab,
hinwies. Jedes einzelne Bild drängte ihn gleichsam hinaus, die Welt zu sehen,
sozusagen sein Gefängnis zu verlassen. Das war die treibende Kraft in seiner
Seele. Denn in ihm lebte als Bodhisattva eine hohe Geisteskraft. Gerade
diejenige Geisteskraft lebte in ihm, welche mit der Mission zusammenhängt,
der Menschheit zu lehren die ganze Kraft von Mitleid und Liebe und alledem,
was damit zusammenhängt. Dazu mußte er selbst diese Menschheit in der Welt
kennenlernen, er mußte sie in der Welt sehen, in welcher sie eben aus dem
moralischen Sinn heraus die Lehre von Mitleid und von der Liebe erleben kann.
Er mußte die Menschheit in der physischen Welt kennenlernen. Er mußte
hinaufsteigen vom Bodhisattva zum Buddha, ein Mensch unter Menschen. Das
konnte er nur, wenn er sich von alledem abwendete, was ihm an Fähigkeiten aus
den früheren Inkarnationen geblieben war, wenn er hinausging auf den physischen
Plan, um dort mit den Menschen so zu leben, daß er innerhalb dieser
Menschheit ein Musterbeispiel, ein Ideal, ein Vorbild eben darstellte für die
Entwickelung dieser charakterisierten besonderen Eigenschaften.
Um in diesem Sinne von einem Bodhisattva zu einem Buddha zu
werden, sind natürlich mancherlei Entwickelungs-Zwischenstufen nötig. Das
macht sich nicht von heute auf morgen. Heraus drängte es ihn aus dem
Königspalast. Und der Bericht sagt uns, daß er draußen, als er einmal
gleichsam "ausbrach" aus seinem Palastgefängnis, einen alten Mann
fand, einen Greis. Er war bisher nur umgeben worden von den Bildern der
Jugend, er hatte glauben sollen, daß es nur die strotzende Kraft der Jugend
gibt. Nun hatte er das, was sich auf dem physischen Plan als Alter darstellt,
in dem Greise kennengelernt. Und weiter lernte er jetzt einen kranken
Menschen kennen, und dann lernte er einen Leichnam kennen, das heißt also den
Tod auf dem physischen Plan. Das alles trat jetzt, wo er den physischen Plan
wirklich ins Auge fassen konnte, vor seiner Seele auf.
Sehr bezeichnend für das, was der Buddha eigentlich ist,
wird jetzt in dieser Legende, die hier wiederum wahrer ist als irgendeine
äußere Wissenschaft, gesagt: Als er hinausfuhr aus dem königlichen Palast, da
wurde er von einem Pferde gefahren, das sich so darüber grämte, daß er jetzt
alles verlassen wollte, in das er hineingeboren war, daß es aus Gram darüber
starb und daß es dann versetzt wurde als eine geistige Wesenheit in die
geistige Welt hinauf. – In diesem Bilde drückt sich eine tiefe Wahrheit aus.
Es würde heute zu weit führen, wenn ich ausführlich auseinandersetzen wollte,
warum gerade das Pferd verwendet wird für eine menschliche Geisteskraft. Ich
erinnere nur an Plato, der von einem Pferde spricht, das er an einem
Zügel hält, als er ein Bild gebrauchen will für gewisse menschliche
Fähigkeiten, die noch von oben gegeben sind, die nicht aus dem eigenen Innern
des Menschen entwickelt worden sind. Als der Buddha aus dem Königspalast
heraustritt, da läßt er die Fähigkeiten, die sich nicht aus dem Innern der
Seele selber entwickelt haben, hinter sich. Sie läßt er in den geistigen
Welten, aus denen heraus sie ihn immer geleitet haben. Das wird in dem Pferd
angedeutet, das aus Gram stirbt, als er es verläßt, und das dann in die
geistige Welt versetzt wird.
Aber nach und nach nur kann der Buddha das werden, was er in
seiner letzten Inkarnation auf der Erde werden sollte. Er muß ja erst auf dem
physischen Plan kennenlernen, was er als Bodhisattva nur aus der geistigen
Anschauung kennengelernt hat. Da lernt er zuerst zwei Lehrer kennen. Der eine
ist ein Vertreter jener altindischen Weltanschauung, die man als die
Sankhya-Philosophie bezeichnet, und der andere ist ein Vertreter der
Yoga-Philosophie. Diese beiden lernt der Buddha kennen und vertieft sich in
das, was sie ihm darzubieten vermögen. Er lebt darinnen. Denn wenn man selbst
ein noch so hohes Wesen ist, so muß man sich doch in das äußere, was die
Menschheit sich erobert hat, erst hineinfinden. Wenn es ein Bodhisattva auch
schneller lernen kann, er muß es doch erst lernen. Der Bodhisattva, der etwa
fünf oder sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung gelebt hat, müßte doch,
wenn er heute geboren würde – so, wie die Kinder in der Schule lernen –, erst
das nachholen, was sich mittlerweile auf der Erde zugetragen hat, während er
in Himmelshöhen gelebt hat. So mußte der Buddha auch dasjenige, was sich seit
seiner letzten Inkarnation zugetragen hatte, kennenlernen.
Und er lernte die Sankhya-Philosophie von dem einen der Lehrer,
die Yoga-Philosophie von dem anderen der Lehrer kennen. Da konnte er zuerst
einen Blick gewinnen in die Weltanschauungen, die für viele damals die
Lebensrätsel lösten, und konnte lernen, wie es einer Seele war, wenn sie
diese Weltanschauungen auf sich wirken ließ.
In der Sankhya-Philosophie hatte er eine fein-logische
philosophische Anschauung über die Welt aufnehmen können. Aber je mehr er
sich in sie hineinlebte, desto weniger genügte sie ihm. Sie war zuletzt wie
ein Gespinst, entbehrte des lebendigen Lebens. Er spürte, daß er die Quellen
für das, was er in dieser Inkarnation zu tun hatte, anderswo her nehmen mußte
als aus dieser traditionellen Sankhya-Philosophie.
Das andere war die Yoga-Philosophie des Patanjali, die durch
gewisse innere Seelenvorgänge die Verbindung mit dem Göttlichen suchte. So
vertiefte er sich auch in die Yoga-Philosophie, nahm sie auf, machte sie zu
einem Teil seines Wesens. Aber auch sie ließ ihn unbefriedigt, denn er sah
ein, sie ist etwas, was sich von alten Zeiten her fortgepflanzt hat; aber die
Menschen mußten zu anderen Fähigkeiten kommen, sie mußten in sich zu einer
moralischen Entwickelung kommen. Nachdem Buddha die Yoga-Philosophie in der
eigenen Seele geprüft hatte, sah er, daß sie nicht die Quelle für seine
Mission damals sein konnte.
Darauf kam er in die Umgebung von fünf Einsiedlern. Sie
hatten auf dem Wege strengster Selbstzucht unter Kasteiungen und Entbehrungen
zu den Geheimnissen des Daseins vorzudringen gesucht. Auch diesen Weg
versuchte der Buddha, aber auch von ihm sagte er sich, daß er ihm die Quelle
für seine Mission in dieser Zeit nicht sein konnte. Er machte eine Zeitlang
alle die Entbehrungen und Kasteiungen durch, wie es die Mönche taten. Er
hungerte wie sie, um die Gier vom menschlichen Leben zu entfernen und dadurch
tiefere Kräfte heraufzurufen, die gerade dann heraufdringen, wenn der Leib
durch Fasten geschwächt ist, und die dann aus den Tiefen des menschlichen
Leiblichen rasch hineinführen können in die geistige Welt. Aber gerade weil
der Buddha seine Entwickelungsstufe erlangt hatte, sah er das Vergebliche
dieses Kasteiens, des Fastens und des Hungerns ein. Er hatte ja, weil er der
Bodhisattva war, durch seine Entwickelung in den früheren Inkarnationen
diesen menschlichen Leib der damaligen Zeit bis zu der höchsten Höhe der
Entwickelung bringen können, bis zu der ein Mensch damals kommen konnte.
Daher konnte auch der Buddha das erleben, was ein Mensch erleben muß, wenn er
gerade diesen Weg in die geistigen Höhen durchmacht.
Wer bis zu einem gewissen Grade der Sankhya- oder der
Yoga-Philosophie hinaufdringt, ohne das entwickelt zu haben, was der Buddha
vorher durchgemacht hatte, wer hinaufdringen will in die reinen Höhen des
göttlichen Geistes durch das logische Denken, ohne zuerst den moralischen
Sinn im Sinne des Buddha erlangt zu haben, der steht dann vor jener
Versuchung, die der Buddha in einer probeweisen Versuchung durchgemacht hat
und die uns als die Versuchung durch den Dämon Mara angedeutet wird. Da kommt
der Mensch dahin, wo alle Teufel des Hochmutes, der Eitelkeit, des Ehrgeizes
ihn durchsetzen. Das lernte der Buddha kennen. Die Gestalt des Mara, der
Eitelkeit und des Ehrgeizes, stand vor ihm. Aber weil er auf dieser hohen
Stufe eines Bodhisattva war, so erkannte er ihn und war gefeit gegen ihn. Und
er wußte sich zu sagen: Wenn sich die Menschen auf dem alten Wege
weiterentwickeln, ohne den neuen Einschlag in der Lehre der Liebe und des
Mitleides, ohne diesen selbsttätigen moralischen Sinn zu erhalten, dann
müssen sie, da sie nicht alle Bodhisattvas sind, diesem Dämon Mara verfallen,
der alle Kräfte des Hochmutes und der Eitelkeit in die Seelen senkt. Das ist
das, was der Buddha in sich selber erlebte, als er bis in die letzten
Konsequenzen die Sankhya- und die Yoga-Philosophie durchmachte.
Dann aber, als er bei den Mönchen war, hatte er ein anderes
Erlebnis. Da erlebte er, daß der Dämon eine andere Gestalt annahm, die
dadurch charakterisiert ist, daß er dem Menschen allen äußeren physischen
Besitz, sozusagen die "Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten"
zeigt, um den Menschen abzulenken von dem, was die geistige Welt ist. Gerade
daß man auf dem Wege der Kasteiung dieser Versuchung verfällt, das erlebte
der Buddha, als ihm der Dämon Mara entgegentrat und ihm sagte: "Lasse
dich nicht verführen, alles zu verlassen, was du als Königssohn gehabt hast,
gehe zurück in den Königspalast!" Ein anderer wäre dem unterlegen, was
sich ihm da zeigte, aber der Buddha war so weit, daß er den Versucher
durchschauen konnte. Erleben konnte er, was über die Menschheit kommen würde,
wenn sie so weiterleben würde wie bisher und nur auf dem Wege des Fastens und
Hungerns den Weg zum Geistigen hinauf durchmachen wollte. Er selbst war
dagegen gefeit und konnte daher auch jetzt die große Gefahr vor die Menschen
hinstellen, die kommen würde, wenn die Menschen ohne die große Grundlage des
selbsttätigen moralischen Sinnes nur durch Fasten und äußere Mittel in die
geistige Welt eindringen wollten.
So war der Buddha als Bodhisattva noch vorgedrungen bis zu
jenen zwei Grenzpunkten der menschlichen Entwickelung, die der Mensch eben,
weil er nicht ein Bodhisattva ist, am besten ganz vermeiden soll. Übersetzen
wir uns das in eine gewöhnliche Menschensprache, so können wir sagen: Das
höchste Wissen ist herrlich, das höchste Wissen ist schön, aber nähere dich
diesem Wissen mit reinem Herzen, mit edlem Sinn, mit einem geläuterten Gemüt,
sonst wird der Teufel des Hochmutes, der Eitelkeit und des Ehrgeizes über
dich kommen. – Und die andere Lehre ist: Suche nicht auf irgendeinem äußeren
Wege, durch Kasteiungen oder Fasten in die geistige Welt hineinzukommen,
bevor du deinen sittlichen Sinn in der entsprechenden Weise gereinigt hast,
sonst wird der Versucher von der ändern Seite an dich herantreten. – Das sind
die beiden Lehren, die uns von dem Buddha in unsere Zeit hereinleuchten. So
sagt uns der Buddha, als er noch Bodhisattva war, dasjenige, was im eminenten
Sinne zu seiner Mission gehört. Denn diesen moralischen Sinn der Menschheit
zu bringen, als die Menschen noch nicht fähig waren, ihn aus ihrem Herzen
heraus zu entwickeln, das war immer seine Mission. Daher verließ er, als er
die Gefahr des Asketentums für die Menschheit kennengelernt hatte, die fünf
Einsiedler und ging dahin, wo er in einem für unsere heutige Zeit gemäßen
inneren Versenken in diejenigen Fähigkeiten der menschlichen Natur, die
ausgebildet werden können ohne die alte Hellsichtigkeit, ohne das, was als
ein Erbstück von früher überkommen ist, das Höchste leisten konnte, was die
Menschheit gerade durch diese Fähigkeiten jemals wird leisten können.
Unter dem Bodhibaume, im neunundzwanzigsten Jahre seines
Lebens, nachdem der Buddha den Weg einseitiger Askese verlassen hatte, gingen
ihm dann in siebentägiger Betrachtung die großen Wahrheiten auf, die dem
Menschen aufgehen, wenn er in stiller, innerer Versenkung dasjenige zu finden
sucht, was ihm die jetzigen menschlichen Fähigkeiten geben können. Da gingen
ihm auf die großen Lehren, die er gelehrt hat in den sogenannten vier
Wahrheiten, und jene große Lehre des Mitleides und der Liebe, die er gelehrt
hat in dem achtgliedrigen Pfade. Diese Lehren des Buddha werden uns noch zu
beschäftigen haben. Wir wollen uns heute damit begnügen, daß diese Lehren
eine Umschreibung des moralischen Sinnes der reinsten Lehre vom Mitleid und
von der Liebe sind. Damals sind sie aufgetreten, als unter dem Bodhibaume der
Bodhisattva Indiens vom Bodhisattva zum Buddha wurde. Damals sind die Lehren
vom Mitleid und der Liebe zum ersten Male in der Menschheit als eigene
menschliche Fähigkeit aufgegangen, und seit jener Zeit sind die Menschen
imstande, aus sich selbst heraus die Lehre vom Mitleid und der Liebe zu
entwickeln. Das ist das Wesentliche. Deshalb sagte der Buddha zu seinen
intimen Schülern noch kurze Zeit vor seinem Tode: Trauert nicht darum, daß
der Meister euch verläßt. Ich lasse euch etwas zurück. Ich lasse euch zurück
das Gesetz der Weisheit und das Gesetz der Disziplin; die sollen euch künftig
den Meister ersetzen. – Das heißt nichts anderes als: Bisher hat euch der
Bodhisattva gelehrt, was darinnen ausgedrückt ist; jetzt darf er, nachdem er
seine Inkarnation auf der Erde erreicht hat, sich zurückziehen. Denn die
Menschheit wird das, was ihr früher von einem Bodhisattva gelehrt worden ist,
in das eigene Herz gesenkt haben und wird es aus dem eigenen Herzen heraus
entwickeln können als die Religion vom Mitleid und der Liebe. – Das hat sich
zugetragen, als in siebentägiger innerer Betrachtung der Bodhisattva zu dem
Buddha wurde im alten Indien. Das war es auch, was er in den verschiedensten
Formen seinen Zöglingen, die um ihn herum waren, lehren konnte. In welche
Formen er das gegossen hat, das wird uns noch beschäftigen.
Wir mußten heute zurückschauen auf das, was sechs
Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung sich zugetragen hat, weil wir, wenn wir
nicht an der Hand der Akasha-Chronik die Entwickelung von den Ereignissen in
Palästina bis zu der Predigt von Benares zurückverfolgen würden, den Weg des
Christentums nicht verstehen würden, vor allem nicht denjenigen verstehen
würden, der diesen Weg so eminent geschildert hat: den Schreiber des
Lukas-Evangeliums. Seitdem der Bodhisattva zum Buddha geworden ist, brauchte
er nicht mehr auf die Erde zurückzukehren; seitdem war er eine geistige
Wesenheit, die in den geistigen Welten schwebt und von dort aus in alles einzugreifen
hatte, was auf der Erde geschah. Und als das wichtigste Ereignis auf der Erde
vorbereitet wurde und die Hirten auf dem Felde waren, da erschien ihnen eine
Individualität aus den geistigen Höhen und verkündete ihnen das, was eben im
Lukas-Evangelium geschildert wird: Und hinzu traten zu dem Engel
"himmlische Heerscharen". Wer war das?
Was hier den Hirten im Bilde entgegentrat, das war der
verklärte Buddha, der Bodhisattva der alten Zeiten, dasjenige Wesen in seiner
geistigen Gestalt, das durch Jahrtausende und Jahrtausende den Menschen die
Botschaft der Liebe und des Mitleides gebracht hatte. Jetzt, nachdem es seine
letzte Inkarnation auf der Erde hinter sich hatte, schwebte es in geistigen
Höhen und erschien in Himmelshöhen den Hirten neben dem Engel, der ihnen das
Ereignis von Palästina vorherverkündete.
So lehrt uns die geistige Forschung. Sie zeigt uns schwebend
über den Hirten den verklärten Bodhisattva aus den alten Zeiten. Ja, es war
so gekommen – das lehrt uns die Akasha-Forschung –, daß in Palästina in der
"Stadt Davids" von einem Elternpaare, das aus der priesterlichen
Linie des Hauses David stammte, ein Kind geboren wurde. Dieses Kind – ich
erwähne das ausdrücklich –, das da von einem Elternpaar geboren wurde, das,
wenigstens dem Vater nach, aus der priesterlichen Linie des Hauses David
stammte, dieses Kind war dazu ausersehen, daß es überleuchtet und
durchkraftet wurde von seiner Geburt an von dem, was von dem Buddha
ausstrahlen konnte, nachdem er in Geisteshöhen erhoben worden war. So blicken
wir mit den Hirten hin auf die Krippe, wo der Jesus von Nazareth, wie man ihn
gewöhnlich nennt, geboren worden ist; wir blicken hin und sehen über dem
Kindlein den Glorienschein von Anfang an und wissen, daß in diesem Bilde sich
ausdrückt die Kraft des Bodhisattva, der der Buddha geworden ist, die Kraft,
welche vordem den Menschen zugeströmt ist und welche jetzt von den geistigen
Höhen aus auf die Menschheit wirkte und die größte Tat entfaltete, als sie
das bethlehemitische Kindlein überstrahlte, damit es sich in der
entsprechenden Weise einreihen konnte in die Menschheitsentwickelung.
Damals, als diese Individualität, die jetzt aus geistigen
Höhen ihre Kraft herunterstrahlte auf dieses Kind des davidischen
Elternpaares, im alten Indien geboren wurde, das heißt, als der Buddha als
Bodhisattva geboren wurde, erschaute ein Weiser die ganze Gewalt dessen, was
wir heute geschildert haben. Und was er zuerst in den geistigen Welten
erschaut hatte, das veranlaßte den Weisen – Asita hieß er –, in den Palast des
Königs hineinzugehen und das Bodhisattva-Kindlein aufzusuchen. Als er das
Kindlein sah, sagte er seine gewaltige Mission als Buddha voraus. Asita sagte
damals zur Bestürzung des Vaters voraus, daß das Kindlein nicht regieren
werde über das Reich seines Vaters, sondern daß es ein Buddha werden würde.
Dann aber fing er an zu weinen; und als er gefragt wurde, ob denn dem
Kindlein ein Unglück bevorstünde, antwortete Asita: "Nein! Ich weine,
weil ich so alt bin, daß ich den Tag nicht mehr erleben kann, da dieser
Heiland, der Bodhisattva, als Buddha auf der Erde wandeln wird!" Asita
hat das Buddha-Werden des Bodhisattva damals nicht mehr erlebt, sein Weinen
war also von seinem damaligen Standpunkte aus nur zu berechtigt. – Jener
Asita, der damals den Bodhisattva nur als Kindlein im Palaste des Suddhodana
gesehen hatte, er wurde wiedergeboren als jene Persönlichkeit, die uns im
Lukas-Evangelium bei der "Darstellung im Tempel" als der Simeon
geschildert wird (Lukas 2,25–35). Simeon, so heißt es im Lukas-Evangelium, war
"vom Geiste beseelt", als ihm das Kindlein gebracht wurde. Das war
derselbe, der als Asita einst geweint hatte, weil er in seiner damaligen
Inkarnation nicht mehr das Buddha-Werden des Bodhisattva erleben konnte.
Jetzt war es ihm beschieden, die weitere Entwickelungsstufe dieser
Individualität zu erleben. Und nachdem er dazumal "mit dem Geiste
begabt" war, konnte er bei der Darstellung des Kindleins im Tempel den
Glorienschein des verklärten Bodhisattva sehen über dem Jesuskindlein aus dem
davidischen Geschlecht. Da sagte er sich: Jetzt brauchst du nicht mehr zu
weinen; was du damals nicht gesehen hast, jetzt siehst du es, jetzt siehst du
deinen Heiland verklärt über diesem Kindlein: "Herr, laß deinen Diener
in Frieden sterben."
Dritter Vortrag
17. September 1909
Das Hineinfließen
der buddhistischen Weltanschauung in das Lukas-Evangelium. Die Lehre des
Buddha. Der achtgliedrige Pfad.
Wer das Lukas-Evangelium auf sich wirken läßt, der wird
alles, was in demselben liegt, allerdings zunächst nur fühlen, nur empfinden
können. Er wird aber dann eine Ahnung bekommen, daß wirklich große, gewaltige
geistige Welten aus diesem Lukas-Evangelium ihm entgegenströmen. Und nach
dem, was wir gestern gehört haben, wird es uns erklärlich erscheinen, daß
dieses so ist. Denn wir haben gesehen, daß uns die geistige Forschung zeigt,
wie die buddhistische Weltanschauung mit allem, was sie der Menschheit zu
geben hatte, eingeflossen ist in das Lukas-Evangelium. Man kann wohl sagen:
Es ist Buddhismus, der aus dem Lukas-Evangelium auf den Menschen
herausströmt. Aber dieser Buddhismus strömt doch in einer ganz eigenartigen
Form aus dieser Urkunde heraus. Er strömt so heraus, daß er, wie wir auch
schon angedeutet haben, in der Form, wie er darinnen ist, für das
einfältigste, naivste Gemüt verständlich ist.
Wie wir schon aus den gestrigen Auseinandersetzungen
entnehmen konnten und wie es uns heute noch besonders klar werden wird, ist
der Buddhismus als solcher, wie er als Lehre des großen Buddha in die Welt
getreten ist, eine Weltanschauung, die nur derjenige verstehen kann, der sich
bis zu gewissen hohen Ideen, bis zu den reinen Ätherhöhen des Geistes
hinaufschwingt. Und um den Buddhismus selbst zu verstehen, dazu gehört viel
Vorbereitung. Im Lukas-Evangelium ist die eigentliche geistige Substanz so
enthalten, daß sie in einer gewissen Weise auf jedes Gemüt wirken kann, das
überhaupt verstehen gelernt hat, die notwendigsten menschlichen Vorstellungen
und Begriffe in sein Herz einfließen zu lassen. Warum dies so ist, das wird
uns erklärlich werden, wenn wir das Geheimnis des Lukas-Evangeliums ergründen
werden. Aber nicht nur, daß uns die geistigen Errungenschaften des Buddhismus
aus dem Lukas-Evangelium entgegenströmen, sondern sie strömen uns in einer
noch erhöhteren Form entgegen, wie hinaufgehoben auf eine noch höhere Stufe,
als sie damals hatten, da sie fast sechshundert Jahre vor unserer
Zeitrechnung im fernen Indien der Menschheit geschenkt worden sind. Nur an
ein paar Beispielen soll uns einmal vor die Seele treten, worin diese Erhöhung
des Buddhismus besteht.
Wir haben gestern den Buddhismus die reinste Lehre des
Mitleides und der Liebe genannt. Und in der Tat, von dem Punkte der Welt aus,
wo Buddha gewirkt hat, strömt ein Evangelium der Liebe und des Mitleides auf
alle Wesen der Erde aus. Das Evangelium der Liebe, das Evangelium des
Mitleides, es erscheint uns in dem echten, wahren Buddhisten lebend, wenn
sein warmes Herz mitempfindet mit allem Leid, das ihm in der Außenwelt bei
allem, was lebt, entgegentritt. Da tritt uns zunächst die buddhistische
Liebe, das buddhistische Mitleid im vollsten Sinne des Wortes entgegen. Aber
wir sehen, daß uns aus dem Lukas-Evangelium etwas entgegenströmt, was noch
mehr ist als dies umfassende Mitleid, als diese umfassende Liebe. Wir könnten
das, was uns da entgegenströmt, etwa bezeichnen als die Umsetzung des
Mitleides und der Liebe in die der Seele notwendige Tat. Mitleid im
eminentesten Sinne des Wortes will der Buddhist; zugreifende Liebe entfalten
will der, welcher im Sinne des Lukas-Evangeliums lebt. Mit dem Kranken den
Schmerz mitempfinden kann der Buddhist; die Aufforderung, tätig zuzugreifen
und zur Heilung zu bewirken, was er vermag, findet der Mensch aus dem
Lukas-Evangelium heraus. Alles zu verstehen, was die Menschenseele belebt,
das findet der Mensch aus dem Buddhismus heraus; nicht zu richten, mehr zu
tun als uns selbst getan wird, das geht als eine merkwürdige Forderung aus
dem Lukas-Evangelium hervor. Mehr zu geben, als man empfängt! Die Liebe,
umgewandelt in Tat, das ist etwas, was uns wie eine Erhöhung noch erscheinen
muß, trotzdem wir im Lukas-Evangelium den reinsten, den echtesten Buddhismus
haben.
Um diese Seite des Christentums, des durch das Christentum
noch höher heraufgehobenen Buddhismus, zu schildern, dazu bedurfte es des
Herzens eben gerade des Schreibers des Lukas-Evangeliums. Den Christus Jesus
als den Leibes- und Seelenarzt zu begreifen, war dem Schreiber des
Lukas-Evangeliums am ehesten möglich. Dazu fand er die tief zum Herzen
sprechenden Töne, weil er selbst als Arzt gewirkt hat und vom Standpunkt des
Leibes- und Seelenarztes aufgezeichnet und betont hat, was er über den
Christus Jesus zu sagen hatte. Das wird uns immer mehr und mehr
entgegentreten, wenn wir in die Tiefen des Lukas-Evangeliums untertauchen.
Aber noch etwas anderes fällt uns auf, wenn wir insbesondere
den Blick darauf richten, wie dieses Lukas-Evangelium nach der bereits
gegebenen Anschauung selbst auf das kindlichste Gemüt wirkt. Das fällt uns
auf, daß die hohe buddhistische Lehre, die nur gereifte Intelligenz,
gereiftes menschliches Seelenvermögen zu begreifen vermag, uns im
Lukas-Evangelium wie verjüngt erscheint, wie aus einem Jungborn neu geboren.
Wie eine Frucht am Menschheitsbaume erscheint uns der Buddhismus. Wenn wir
ihn wiederschauen im Lukas-Evangelium, so erscheint er uns als die
jugendliche Blüte, als eine Verjüngung dessen, was vorher da war. Daher
müssen wir also fragen: Wie ist diese Verjüngung des Buddhismus zustande
gekommen? Das aber werden wir erst einsehen, wenn wir einen genauen Blick auf
die Lehren des großen Buddha selber richten und zunächst einmal mit unserer
anthroposophischen Vorbereitung vor unser geistiges Auge führen, was des
Buddha Seele bewegt hat.
Halten wir zunächst daran fest, daß der Buddha aus dem
Bodhisattva geworden ist, das heißt aus einer hohen Wesenheit, die
hineinschauen konnte in die Geheimnisse des Daseins. Dadurch, daß der Buddha
ein Bodhisattva war, war er ein Teilnehmer alles dessen, was in der
Menschheitsentwickelung vorging durch die alten Zeiten hindurch. Als die
Menschheit in der nachatlantischen Zeit auftauchte, um die erste
nachatlantische Kulturentwickelung zu begründen und sie später fortzusetzen,
da war der Buddha als Bodhisattva schon dabei und vermittelte für die
Menschen aus den geistigen Welten herunter das, was gestern angedeutet worden
ist. Auch in den atlantischen Zeiten war er schon dabei, sogar in den
lemurischen Zeiten schon. Und weil er auf eine so hohe Stufe der Entwickelung
gekommen war, konnte er sich auch während seines Bodhisattva-Daseins in den
neunundzwanzig Jahren seit seiner letzten Geburt, bevor er der Buddha wurde,
nach und nach an alles erinnern, an alle die Gemeinschaften, die er früher
durchgemacht hatte, bevor er sich in Indien zum letzten Male verkörpert
hatte. Er konnte zurückschauen auf sein Mitwirken in der Menschheit, auf sein
Dasein in den göttlich-geistigen Welten, um aus deren Mitte herunterzutragen,
was er den Menschen zu bringen hatte. Schon gestern wurde angedeutet, daß
auch eine so hohe Individualität, wenn auch kurz, noch einmal das
durchzumachen hat, was sie schon einmal gelernt hat. So schildert uns auch
der Buddha, wie er während seiner Bodhisattva-Zeit allmählich hinaufdrang,
bis sich seine geistige Anschauung, seine geistige Erleuchtung immer
vollkommener und vollkommener gestaltete.
Es wird uns gesagt, wie er seinen Bekennern das schilderte.
So sagte er ihnen, um den Weg zu schildern, welchen seine Seele durchgemacht
hatte, um sich nach und nach wieder an das zu erinnern, was sie durch die
Vorzeiten hindurch erlebt hatte: Es gab eine Zeit für mich, ihr Mönche, da
erschien es mir aus der geistigen Welt wie ein allumfassender Lichtglanz;
aber ich konnte darin noch nichts unterscheiden, keine Gestalten, keine
Bilder; meine Erleuchtung war noch nicht rein genug. Dann fing ich an, nicht
nur das Licht, sondern innerhalb des Lichtes einzelne Bilder und einzelne
Gestalten zu schauen, aber ich konnte noch nicht unterscheiden, was diese
Gestalten und Bilder bedeuteten; meine Erleuchtung war noch nicht rein genug.
Dann fing ich an zu erkennen, daß sich in diesen Bildern und Gestalten
geistige Wesenheiten ausdrückten, aber ich konnte noch nicht unterscheiden,
welchen Reichen der geistigen Welt diese Wesenheiten angehörten; meine
Erleuchtung war noch nicht rein genug. Dann lernte ich erkennen, welchen
verschiedenen Reichen der geistigen Welt diese einzelnen geistigen
Wesenheiten angehörten, aber ich konnte noch nicht unterscheiden, durch
welche Taten sie sich ihren Platz in den geistigen Reichen erobert hatten und
welches ihre Gemütszustände waren; denn meine Erleuchtung war nicht rein
genug. Dann kam für mich die Zeit, da konnte ich unterscheiden, welche Taten
diese geistigen Wesenheiten in diese Reiche versetzt hatten und welches ihre
Gemütszustände waren; aber ich konnte noch nicht unterscheiden, mit welchen
geistigen Wesenheiten ich selbst in früheren Zeiten zusammengelebt hatte und
wie ich selber mit ihnen zu tun hatte, denn meine Erleuchtung war noch nicht
rein genug. Dann kam die Zeit, wo ich wissen konnte, ich war mit diesen und jenen
Wesenheiten in dieser und jener Epoche zusammen und hatte dieses oder jenes
mit ihnen zu tun; ich wußte, wie meine Vorleben waren: jetzt war meine
Erleuchtung rein.
Damit hatte der Buddha seinen Bekennern angedeutet, wie er
sich allmählich hinaufgearbeitet hatte zu einem Erkennen, das er zwar früher
schon hatte, das man sich aber in jeder Inkarnation nach den Bedingungen der
Zeitepoche neu erwerben muß, das er sich aber nunmehr wieder so hatte
erwerben müssen, wie es seinem völligen Herabsteigen in einen physischen
Menschenleib entsprach. Wenn wir dies nachempfinden, bekommen wir eine Ahnung
davon, welche Bedeutung und welche Größe jene bedeutsame Individualität
hatte, die sich in dem Königssohne aus dem Sakya-Geschlecht damals verkörpert
hatte. Was der Buddha auf diese Weise wiedererkennen konnte, und wohinein er
schauen konnte, von dem wußte er aber auch: Das ist eine Welt, welche die
Menschen mit ihrem gewöhnlichen Anschauen der unmittelbaren Gegenwart und
nächsten Zukunft wieder verlassen mußten. Nur Eingeweihte, zu denen ja der
Buddha selber gehörte, können hi |