DIE
ERKENNTNIS DER HÖHEREN WELTEN
(VON DER EINWEIHUNG ODER INITIATION)
Zwischen
Geburt und Tod durchlebt der Mensch auf seiner gegenwärtigen
Entwickelungsstufe im gewöhnlichen Leben drei Seelenzustände: das
Wachen, den Schlaf und zwischen beiden den Traumzustand. Auf den
letzteren soll an späterer Stelle dieser Schrift noch kurz hingedeutet
werden. Hier mag das Leben zunächst in seinen beiden wechselnden
Hauptzuständen, dem Wachen und dem Schlafen, betrachtet werden. — Zu
Erkenntnissen in höheren Welten gelangt der Mensch, wenn er sich, außer
dem Schlafen und Wachen, noch einen dritten Seelenzustand erwirbt. Während
des Wachens ist die Seele hingegeben den Sinneseindrücken und den
Vorstellungen, welche von diesen Sinneseindrücken angeregt werden. Während
des Schlafes schweigen die Sinneseindrücke; aber die Seele verliert
auch das Bewußtsein. Die Tageserlebnisse sinken in das Meer der Bewußtlosigkeit
hinunter. — Man denke sich nun: die Seele könnte während des
Schlafes zu einer Bewußtheit kommen, trotzdem die Eindrücke der Sinne,
wie sonst im tiefen Schlafe, ausgeschaltet blieben. Ja, es würde auch
die Erinnerung an die Tageserlebnisse nicht vorhanden sein. Befände
sich nun die Seele in einem Nichts? Könnte sie nun gar keine Erlebnisse
haben? — Eine Antwort auf diese Frage ist nur möglich, wenn ein
Zustand wirklich hergestellt werden kann, welcher diesem gleich oder ähnlich
ist. Wenn die Seele etwas erleben kann, auch dann, wenn keine
Sinneswirkungen und keine Erinnerungen an solche in ihr vorhanden sind.
Dann befände sich die Seele in bezug auf die gewöhnliche Außenwelt
wie im Schlafe; und doch schliefe sie nicht, sondern wäre wie im Wachen
einer wirklichen Welt gegenüber. — Nun kann ein solcher Bewußtseinszustand
hergestellt werden, wenn der Mensch diejenigen Seelenerlebnisse herbeiführt,
welche ihm die Geisteswissenschaft möglich macht. Und alles, was diese
über jene Welten mitteilt, welche über die sinnliche hinausliegen, ist
durch einen solchen Bewußtseinszustand erforscht. — In den
vorhergehenden Ausführungen sind einige Mitteilungen über höhere
Welten gemacht worden. In dem Folgenden soll nun auch — soweit dies in
diesem Buche geschehen kann — von den Mitteln gesprochen werden, durch
welche der zu diesem Forschen notwendige Bewußtseinszustand geschaffen
wird.
Nur
nach einer Richtung hin gleicht dieser Bewußtseinszustand dem Schlafe,
nämlich dadurch, daß durch ihn alle äußeren Sinneswirkungen aufhören;
auch alle Gedanken getilgt sind, welche durch diese Sinneswirkungen
angeregt sind. Während aber im Schlafe die Seele keine Kraft hat, bewußt
etwas zu erleben, soll sie diese Kraft durch diesen Bewußtseinszustand
erhalten. Durch ihn wird in der Seele also die Fähigkeit eines Erlebens
erweckt, welche im gewöhnlichen Dasein nur durch die Sinneswirkungen
angeregt wird. Die Erweckung der Seele zu einem solchen höheren Bewußtseinszustand
kann Einweihung (Initiation)
genannt werden.
Die
Mittel der Einweihung führen den Menschen aus dem gewöhnlichen
Zustande des Tagesbewußtseins in eine solche Seelentätigkeit hinein,
durch welche er sich geistiger Beobachtungswerkzeuge bedient. Diese
Werkzeuge sind wie Keime vorher in der Seele vorhanden. Diese Keime müssen
entwickelt werden. — Nun kann der Fall eintreten, daß ein Mensch in
einem bestimmten Zeitpunkte seiner Lebenslaufbahn ohne besondere
Vorbereitung in seiner Seele die Entdeckung macht, es haben sich solche
höhere Werkzeuge in ihm entwickelt. Es ist dann eine Art von unwillkürlicher
Selbsterweckung eingetreten. Solch ein Mensch wird sich dadurch in
seinem ganzen Wesen umgewandelt finden. Eine unbegrenzte Bereicherung
seiner Seelenerlebnisse tritt ein. Und er wird finden, daß er durch
keine Erkenntnisse der Sinnenwelt eine solche Beseligung, solche
befriedigende Gemütsverfassung und innere Wärme empfinden kann, wie
durch dasjenige, was sich einer Erkenntnis erschließt, die nicht dem
physischen Auge zugänglich ist. Kraft und Lebenssicherheit wird in
seinen Willen aus einer geistigen Welt einströmen. — Solche Fälle
von Selbsteinweihung gibt es. Sie sollten aber nicht zu dem Glauben verführen,
daß es das einzig Richtige sei, eine solche Selbsteinweihung abzuwarten
und nichts zu tun, um die Einweihung durch regelrechte Schulung
herbeizuführen. Von der Selbsteinweihung braucht hier nicht gesprochen
zu werden, da sie eben ohne Beobachtung irgendwelcher Regeln eintreten
kann. Dargestellt aber soll werden, wie man durch Schulung die in der
Seele keimhaft ruhenden Wahrnehmungsorgane entwickeln kann. Menschen,
welche keinen besonderen Antrieb in sich verspüren, für ihre
Entwickelung selbst etwas zu tun, werden leicht sagen: das Menschenleben
steht in der Leitung von geistigen Mächten, in deren Führung soll man
nicht eingreifen; man soll ruhig des Augenblickes harren, in dem jene Mächte
es für richtig halten, der Seele eine andere Welt zu erschließen. Es
wird wohl auch von solchen Menschen wie eine Art von Vermessenheit
empfunden, oder als eine unberechtigte Begierde, in die Weisheit der
geistigen Führung einzugreifen. Persönlichkeiten, welche so denken,
werden erst dann zu einer anderen Meinung geführt, wenn auf sie eine
gewisse Vorstellung einen genügend starken Eindruck macht. Wenn sie
sich sagen: Jene weise Führung hat mir gewisse Fähigkeiten gegeben;
sie hat mir diese nicht verliehen, auf daß ich sie unbenützt lasse,
sondern damit ich sie gebrauche. Die Weisheit der Führung besteht
darin, daß sie in mich die Keime gelegt hat zu einem höheren Bewußtseinszustande.
Ich verstehe diese Führung nur, wenn ich es als Pflicht empfinde, daß
alles dem Menschen offenbar werde, was durch seine Geisteskräfte
offenbar werden kann. Wenn ein solcher Gedanke einen genügend starken
Eindruck auf die Seele gemacht hat, dann werden die obigen Bedenken
gegen eine Schulung in bezug auf einen höheren Bewußtseinszustand
schwinden.
Es kann
aber allerdings noch ein anderes Bedenken geben, das sich gegen eine
solche Schulung erhebt. Man kann sich sagen: «Die Entwickelung innerer
Seelenfähigkeiten greift in das verborgenste Heiligtum des Menschen
ein. Sie schließt in sich eine gewisse Umwandlung des ganzen
menschlichen Wesens. Die Mittel zu solcher Umwandlung kann man sich
naturgemäß nicht selber ersinnen. Denn wie man in eine höhere Welt
kommt, kann doch nur derjenige wissen, welcher den Weg in diese als sein
eigenes Erlebnis kennt. Wenn man sich an eine solche Persönlichkeit
wendet, so gestattet man derselben einen Einfluß auf das verborgenste
Heiligtum der Seele.» — Wer so denkt, dem könnte es selbst keine
besondere Beruhigung gewähren, wenn ihm die Mittel zur Herbeiführung
eines höheren Bewußtseinszustandes in einem Buche dargeboten würden.
Denn es kommt ja nicht darauf an, ob man etwas mündlich mitgeteilt erhält
oder ob eine Persönlichkeit, welche die Kenntnis dieser Mittel hat,
diese in einem Buche darstellt und ein anderer sie daraus erfährt. Es
gibt nun solche Persönlichkeiten, welche die Kenntnis der Regeln für
die Entwickelung der geistigen Wahrnehmungsorgane besitzen und welche
die Ansicht vertreten, daß man diese Regeln einem Buche nicht
anvertrauen dürfe. Solche Personen betrachten zumeist auch die
Mitteilung gewisser Wahrheiten, welche sich auf die geistige Welt
beziehen, als unstatthaft. Doch muß diese Anschauung gegenüber dem
gegenwärtigen Zeitalter der Menschheitsentwickelung in gewisser
Beziehung als veraltet bezeichnet werden. Richtig ist, daß man mit der
Mitteilung der entsprechenden Regeln nur bis zu einem gewissen Punkte
gehen kann. Doch führt das Mitgeteilte so weit, daß derjenige, welcher
dieses auf seine Seele anwendet, in der Erkenntnisentwickelung dazu
gelangt, daß er den weiteren Weg dann finden kann. Es führt dieser Weg
dann in einer Art weiter, über welche man eine richtige Vorstellung
auch nur durch das vorher Durchgemachte erhalten kann. Aus all diesen
Tatsachen können sich Bedenken gegen den geistigen Erkenntnisweg
ergeben. Diese Bedenken schwinden, wenn man das Wesen desjenigen
Entwickelungsganges ins Auge faßt, welchen die unserem Zeitalter
angemessene Schulung vorzeichnet. Von diesem Wege soll hier gesprochen
und auf andere Schulungen nur kurz hingewiesen werden.
Die
hier zu besprechende Schulung gibt demjenigen, welcher den Willen zu
seiner höheren Entwickelung hat, die Mittel an die Hand, die Umwandlung
seiner Seele vorzunehmen. Ein bedenklicher Eingriff in das Wesen des Schülers
wäre nur dann vorhanden, wenn der Lehrer diese Umwandlung durch Mittel
vornähme, die sich dem Bewußtsein des Schülers entziehen. Solcher
Mittel bedient sich aber keine richtige
Anweisung der Geistesentwickelung in unserem Zeitalter. Diese macht
den Schüler zu keinem blinden Werkzeuge. Sie gibt ihm die Verhaltungsmaßregeln;
und der Schüler führt sie aus. Es wird dabei, wenn es darauf ankommt,
nicht verschwiegen, warum diese oder jene Verhaltungsmaßregel gegeben
wird. Die Entgegennahme der Regeln und ihre Anwendung durch eine Persönlichkeit,
welche geistige Entwickelung sucht, braucht nicht auf blinden Glauben
hin zu geschehen. Ein solcher sollte auf diesem Gebiete ganz
ausgeschlossen sein. Wer die Natur der Menschenseele betrachtet, soweit
sie ohne Geistesschulung schon durch die gewöhnliche Selbstbeobachtung
sich ergibt, der kann sich nach Entgegennahme der von der
Geistesschulung empfohlenen Regeln fragen: wie können diese Regeln im
Seelenleben wirken? Und diese Frage kann, vor aller Schulung, bei
unbefangener Anwendung des gesunden Menschenverstandes, genügend
beantwortet werden. Man kann über die Wirkungsweise dieser Regeln
sich richtige Vorstellungen machen, bevor man sich ihnen hingibt. Erleben
kann man diese Wirkungsweise allerdings erst während der Schulung.
Allein auch da wird das Erleben stets von dem Verstehen dieses Erlebens
begleitet sein, wenn man jeden zu machenden Schritt mit dem gesunden
Urteile begleitet. Und gegenwärtig wird eine wahre Geisteswissenschaft
nur solche Regeln für die Schulung angeben, denen gegenüber solches
gesunde Urteil sich geltend machen kann. Wer willens ist, sich nur einer
solchen Schulung hinzugeben,
und wer sich durch keine Voreingenommenheit zu einem blinden
Glauben treiben läßt, dem werden alle Bedenken schwinden. Einwände
gegen eine regelrechte Schulung zu einem höheren Bewußtseinszustande
werden ihn nicht stören.
Selbst
für eine solche Persönlichkeit, welche die innere Reife hat, die sie
in kürzerer oder längerer Zeit zum Selbsterwachen der geistigen
Wahmehmungsorgane führen kann, ist eine Schulung nicht überflüssig,
sondern im Gegenteil, für sie ist sie ganz besonders geeignet. Denn es
gibt nur wenige Fälle, in denen eine solche Persönlichkeit vor der
Selbsteinweihung nicht die mannigfaltigsten krummen und vergeblichen
Seitenwege durchzumachen hat. Die Schulung erspart ihr diese Seitenwege.
Sie führt in der geraden Richtung vorwärts. Wenn eine solche
Selbsteinweihung für diese Seele eintritt, so rührt dies davon her, daß
die Seele sich in vorhergehenden Lebensläufen die entsprechende Reife
erworben hat. Es kommt nun sehr leicht vor, daß gerade eine solche
Seele ein gewisses dunkles Gefühl von ihrer Reife hat und sich aus
diesem Gefühl heraus gegen eine Schulung ablehnend verhält. Ein
solches Gefühl kann nämlich einen gewissen Hochmut erzeugen, welcher
das Vertrauen zu echter Geistesschulung hindert. Es kann nun eine
gewisse Stufe der Seelenentwickelung bis zu einem gewissen Lebensalter
verborgen bleiben und erst dann hervortreten. Aber es kann die Schulung
gerade das rechte Mittel sein, um sie zum Hervortreten zu bringen.
Verschließt sich ein Mensch dann gegen die Schulung, dann kann es sein,
daß seine Fähigkeit in dem betreffenden Lebenslauf verborgen bleibt
und erst wieder in einem der nächsten Lebensläufe hervortritt.
In
bezug auf die hier gemeinte Schulung für die übersinnliche Erkenntnis
ist es wichtig, gewisse naheliegende Mißverständnisse nicht aufkommen
zu lassen. Das eine kann dadurch entstehen, daß man meint, die Schulung
wolle den Menschen in bezug auf seine ganze Lebensführung zu einem
andern Wesen machen. Allein es handelt sich nicht darum, dem Menschen
allgemeine Lebensvorschriften zu geben, sondern ihm von
Seelenverrichtungen zu sprechen, die, wenn er sie ausführt, ihm die Möglichkeit
geben, das Übersinnliche zu beobachten. Auf denjenigen Teil seiner
Lebensverrichtungen, der außerhalb der Beobachtung des Übersinnlichen
liegt, haben diese Verrichtungen keinen unmittelbaren
Einfluß. Der Mensch erwirbt sich hinzu
zu diesen Lebensverrichtungen die Gabe der übersinnlichen
Beobachtung. Die Tätigkeit dieser Beobachtung ist von den gewöhnlichen
Verrichtungen des Lebens so getrennt wie der Zustand des Wachens von dem
des Schlafens. Das eine kann das andere nicht im geringsten stören. Wer
zum Beispiel den gewöhnlichen Ablauf des Lebens durch Eindrücke des übersinnlichen
Schauens durchsetzen wollte, gleicht einem Ungesunden, dessen Schlaf von
schädlichem Aufwachen fortwährend unterbrochen würde. Dem freien
Willen des Geschulten muß es möglich sein, den Zustand des Beobachtens
übersinnlicher Wirklichkeit herbeizuführen. Mittelbar
hängt die Schulung mit Lebensvorschriften allerdings insofern
zusammen, als ohne eine gewisse ethisch gestimmte Lebensführung ein
Einblick in das Übersinnliche unmöglich oder schädlich ist. Und
deshalb ist manches, das zur Anschauung des Übersinnlichen führt,
zugleich Mittel zur Veredlung der Lebensführung. Auf der andern Seite
erkennt man durch den Einblick in die übersinnliche Welt höhere
moralische Impulse, die auch für die sinnlich-physische Welt gelten.
Gewisse moralische Notwendigkeiten werden erst aus dieser Welt heraus
erkannt. — Ein zweites Mißverständnis wäre, wenn man glaubte,
irgendeine zum übersinnlichen Erkennen führende Seelenverrichtung habe
etwas mit Veränderung der physischen Organisation zu tun. Es haben
solche Verrichtungen vielmehr nicht das geringste zu tun mit irgend
etwas, in das Physiologie oder ein anderer Zweig der Naturerkenntnis
hineinzureden hat. Sie sind so ganz von allem Physischen abliegende rein
geistig-seelische Vorgänge wie das gesunde Denken und Wahrnehmen
selbst. Der Art nach geht in
der Seele durch eine solche Verrichtung nichts anderes vor, als was
vorgeht, wenn sie gesund vorstellt oder urteilt. So viel und so wenig
mit dem Leibe das gesunde Denken zu tun hat, so viel und so wenig haben
mit diesem die Vorgänge der echten Schulung zur übersinnlichen
Erkenntnis zu tun. Alles, was sich anders zum Menschen verhält, ist
nicht wahre Geistesschulung, sondern ein Zerrbild derselben. Im Sinne
des hier Gesagten sind die folgenden Ausführungen zu nehmen. Nur weil
übersinnliche Erkenntnis etwas ist, was von der ganzen Seele des
Menschen ausgeht, wird es so aussehen, als ob zur Schulung Dinge
verlangt würden, die aus dem Menschen etwas anderes machen. In Wahrheit
handelt es sich um Angaben über Verrichtungen, die die Seele in die Möglichkeit
versetzen, innerhalb ihres Lebens solche Augenblicke herbeizuführen, in
denen sie das Übersinnliche beobachten kann.
Die
Erhebung zu einem übersinnlichen Bewußtseinszustande kann nur von dem
gewöhnlichen wachen Tagesbewußtsein ausgehen. In diesem Bewußtsein
lebt die Seele vor ihrer Erhebung. Es werden ihr durch die Schulung
Mittel gegeben, welche sie aus diesem Bewußtsein herausführen. Die
hier zunächst in Betracht kommende Schulung gibt unter den ersten
Mitteln solche, welche sich noch als Verrichtungen des gewöhnlichen
Tagesbewußtseins kennzeichnen lassen. Gerade die bedeutsamsten Mittel
sind solche, die in stillen Verrichtungen der Seele bestehen. Es handelt
sich darum, daß sich die Seele ganz bestimmten Vorstellungen hingibt.
Diese Vorstellungen sind solche, welche durch ihr Wesen eine weckende
Kraft auf gewisse verborgene Fähigkeiten der menschlichen Seele ausüben.
Sie unterscheiden sich von solchen Vorstellungen des wachen Tageslebens,
welche die Aufgabe haben, ein äußeres Ding abzubilden. Je wahrer sie
dies tun, desto wahrer sind sie. Und es gehört zu ihrem Wesen, in
diesem Sinne wahr zu sein. Eine solche Aufgabe haben die Vorstellungen
nicht, welchen sich die Seele zum Ziele der Geistesschulung hingeben
soll. Sie sind so gestaltet, daß sie nicht ein Äußeres abbilden,
sondern in sich selbst die Eigenheit haben, auf die Seele weckend zu
wirken. Die besten Vorstellungen hierzu sind sinnbildliche
oder symbolische. Doch können auch andere Vorstellungen verwendet
werden. Denn es kommt eben gar nicht darauf an, was die Vorstellungen
enthalten, sondern lediglich darauf, daß die Seele alle ihre Kräfte
darauf richtet, nichts anderes im Bewußtsein zu haben als die
betreffende Vorstellung. Während im gewöhnlichen Seelenleben dessen Kräfte
auf vieles verteilt sind und die Vorstellungen rasch wechseln, kommt es
bei der Geistesschulung auf die Konzentration des ganzen Seelenlebens
auf eine Vorstellung an. Und diese Vorstellung muß durch freien Willen
in den Mittelpunkt des Bewußtseins gerückt sein. Sinnbildliche
Vorstellungen sind deshalb besser als solche, welche äußere Gegenstände
oder Vorgänge abbilden, weil die letzteren den Anhaltspunkt in der Außenwelt
haben und dadurch die Seele weniger sich auf sich allein zu stützen hat
als bei sinnbildlichen, die aus der eigenen Seelenenergie heraus
gebildet werden. Nicht was vorgestellt
wird, ist wesentlich, sondern darauf kommt es an, daß das Vorgestellte
durch die Art des Vorstellens das Seelische von jeder Anlehnung an ein
Physisches loslöst. Man gelangt zu einem Erfassen dieser Versenkung in
eine Vorstellung, wenn man sich erst einmal den Begriff
der Erinnerung vor die Seele ruft. Hat man das Auge zum Beispiel auf
einen Baum gerichtet und wendet man sich dann von dem Baume ab, so daß
man ihn nicht mehr sehen kann, so vermag man die Vorstellung des Baumes
aus der Erinnerung in der Seele wieder zu erwecken. Diese Vorstellung
des Baumes, die man hat, wenn derselbe nicht dem Auge gegenübersteht,
ist eine Erinnerung an den
Baum. Nun denke man sich, man behalte diese Erinnerung in der Seele; man
lasse die Seele gleichsam auf der Erinnerungsvorstellung ruhen; man bemühe
sich, alle andern Vorstellungen dabei auszuschließen. Dann ist die
Seele in die Erinnerungsvorstellung des Baumes versenkt.
Man hat es dann mit einer Versenkung der Seele in eine Vorstellung
zu tun; doch ist diese Vorstellung das Abbild eines durch die Sinne
wahrgenommenen Dinges. Wenn man aber dasselbe vornimmt mit einer durch
freien Willen in das Bewußtsein versetzten Vorstellung, so wird man
nach und nach die Wirkung erzielen können, auf welche es ankommt.
Es soll
nun ein Beispiel der inneren Versenkung mit einer sinnbildlichen
Vorstellung veranschaulicht werden. Zunächst muß eine solche
Vorstellung erst in der Seele aufgebaut werden. Das kann in folgender
Art geschehen: Man stelle sich eine Pflanze vor, wie sie im Boden
wurzelt, wie sie Blatt nach Blatt treibt, wie sie sich zur Blüte
entfaltet. Und nun denke man sich neben diese Pflanze einen Menschen
hingestellt. Man mache den Gedanken in seiner Seele lebendig, wie der
Mensch Eigenschaften und Fähigkeiten hat, welche denen der Pflanze
gegenüber vollkommener genannt werden können. Man bedenke, wie er sich
seinen Gefühlen und seinem Willen gemäß da und dorthin begeben kann,
während die Pflanze an den Boden gefesselt ist. Nun aber sage man sich
auch: ja, gewiß ist der Mensch vollkommener als die Pflanze; aber mir
treten dafür auch an ihm Eigenschaften entgegen, welche ich an der
Pflanze nicht wahrnehme, und durch deren Nichtvorhandensein sie mir in
gewisser Hinsicht vollkommener als der Mensch erscheinen kann. Der
Mensch ist erfüllt von Begierden und Leidenschaften; diesen folgt er
bei seinem Verhalten. Ich kann bei ihm von Verirrungen durch seine
Triebe und Leidenschaften sprechen. Bei der Pflanze sehe ich, wie sie
den reinen Gesetzen des Wachstums folgt von Blatt zu Blatt, wie sie die
Blüte leidenschaftslos dem keuschen Sonnenstrahl öffnet. Ich kann mir
sagen: der Mensch hat eine gewisse Vollkommenheit vor der Pflanze
voraus; aber er hat diese Vollkommenheit dadurch erkauft, daß er zu den
mir rein erscheinenden Kräften der Pflanze in seinem Wesen hat
hinzutreten lassen Triebe, Begierden und Leidenschaften. Ich stelle mir
nun vor, daß der grüne Farbensaft durch die Pflanze fließt und daß
dieser der Ausdruck ist für die reinen leidenschaftslosen
Wachstumsgesetze. Und dann stelle ich mir vor, wie das rote Blut durch
die Adern des Menschen fließt und wie dieses der Ausdruck ist für die
Triebe, Begierden und Leidenschaften. Das alles lasse ich als einen
lebhaften Gedanken in meiner Seele erstehen. Dann stelle ich mir weiter
vor, wie der Mensch entwicklungsfähig ist; wie er seine Triebe und
Leidenschaften durch seine höheren Seelenfähigkeiten läutern und
reinigen kann. Ich denke mir, wie dadurch ein Niederes in diesen Trieben
und Leidenschaften vernichtet wird, und diese auf einer höheren Stufe
wiedergeboren werden. Dann wird das Blut vorgestellt werden dürfen als
der Ausdruck der gereinigten und geläuterten Triebe und Leidenschaften.
Ich blicke nun zum Beispiel im Geiste auf die Rose und sage mir: in dem
roten Rosenblatt sehe ich die Farbe des grünen Pflanzensaftes
umgewandelt in das Rot; und die rote Rose folgt wie das grüne Blatt den
reinen, leidenschaftslosen Gesetzen des Wachstums. Das Rot der Rose möge
mir nun werden das Sinnbild eines solchen Blutes, das der Ausdruck ist
von geläuterten Trieben und Leidenschaften, welche das Niedere
abgestreift haben und in ihrer Reinheit gleichen den Kräften, welche in
der roten Rose wirken. Ich versuche nun, solche Gedanken nicht nur in
meinem Verstande zu verarbeiten, sondern in meiner Empfindung lebendig
werden zu lassen. Ich kann eine beseligende Empfindung haben, wenn ich
die Reinheit und Leidenschaftslosigkeit der wachsenden Pflanze mir
vorstelle; ich kann das Gefühl in mir erzeugen, wie gewisse höhere
Vollkommenheiten erkauft werden müssen durch die Erwerbung der Triebe
und Begierden. Das kann die Beseligung, die ich vorher empfunden habe,
in ein ernstes Gefühl verwandeln; und dann kann ein Gefühl eines
befreienden Glückes in mir sich regen, wenn ich mich hingebe dem
Gedanken an das rote Blut, das Träger werden kann von innerlich reinen
Erlebnissen, wie der rote Saft der Rose. Es kommt darauf an, daß man
nicht gefühllos sich den Gedanken gegenüberstelle, welche zum Aufbau
einer sinnbildlichen Vorstellung dienen. Nachdem man sich in solchen
Gedanken und Gefühlen ergangen hat, verwandle man sich dieselben in
folgende sinnbildliche Vorstellung. Man stelle sich ein schwarzes Kreuz
vor. Dieses sei Sinnbild für
das vernichtete Niedere der Triebe und Leidenschaften; und da, wo sich
die Balken des Kreuzes schneiden, denke man sich sieben rote, strahlende
Rosen im Kreise angeordnet. Diese Rosen seien das Sinnbild
für ein Blut, das Ausdruck ist für geläuterte, gereinigte
Leidenschaften und Triebe.
Eine solche sinnbildliche Vorstellung soll es nun sein, die man sich in
der Art vor die Seele ruft, wie es oben an einer Erinnerungsvorstellung
veranschaulicht ist. Eine solche Vorstellung hat eine seelenweckende
Kraft, wenn man sich in innerlicher Versenkung ihr hingibt. Jede andere
Vorstellung muß man versuchen während der Versenkung auszuschließen.
Lediglich das charakterisierte Sinnbild soll im Geiste vor der Seele
schweben, so lebhaft als dies möglich ist. — Es ist nicht
bedeutungslos, daß dieses Sinnbild nicht einfach als eine weckende
Vorstellung hier angeführt worden ist, sondern daß es erst durch
gewisse Vorstellungen über Pflanze und Mensch aufgebaut worden ist.
Denn es hängt die Wirkung eines solchen Sinnbildes davon ab, daß man
es sich in der geschilderten Art zusammengestellt hat, bevor man es zur
inneren Versenkung verwendet. Stellt man es sich vor, ohne einen solchen
Aufbau erst in der eigenen Seele durchgemacht zu haben, so bleibt es
kalt und viel unwirksamer, als wenn es durch die Vorbereitung seine
seelenbeleuchtende Kraft erhalten hat. Während der Versenkung soll man
jedoch sich alle die vorbereitenden Gedanken nicht in die Seele rufen,
sondern lediglich das Bild lebhaft vor sich im Geiste schweben haben und
dabei jene Empfindung mitschwingen
lassen, die sich als Ergebnis durch die vorbereitenden Gedanken
eingestellt hat. So wird das Sinnbild zum Zeichen neben dem
Empfindungserlebnis. Und in dem Verweilen der Seele in diesem Erlebnis
liegt das Wirksame. Je länger man verweilen kann, ohne daß eine störende
andere Vorstellung sich einmischt, desto wirksamer ist der ganze
Vorgang. Jedoch ist es gut, wenn man sich außer der Zeit, welche man
der eigentlichen Versenkung widmet, öfters durch Gedanken und Gefühle
der oben geschilderten Art den Aufbau des Bildes wiederholt, damit die
Empfindung nicht verblasse. Je mehr Geduld man zu einer solchen
Erneuerung hat, desto bedeutsamer ist das Bild für die Seele. (In den
Auseinandersetzungen meines Buches: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren
Welten?» sind noch andere Beispiele von Mitteln zur inneren Versenkung
angegeben. Besonders wirksam sind die daselbst charakterisierten
Meditationen über das Werden und Vergehen einer Pflanze, über die in
einem Pflanzen-Samenkorn schlummernden Werdekräfte, über die Formen
von Kristallen usw. Hier in diesem Buche sollte an einem Beispiele das
Wesen der Meditation gezeigt werden.)
Ein
solches Sinnbild, wie es hier geschildert ist, bildet kein äußeres
Ding oder Wesen, das durch die Natur hervorgebracht wird, ab. Aber eben
gerade dadurch hat es seine weckende Kraft für gewisse rein seelische Fähigkeiten.
Es könnte allerdings jemand einen Einwand erheben. Er könnte sagen:
Gewiß, das «Ganze», als Sinnbild, ist nicht durch die Natur
vorhanden; aber alle Einzelheiten sind doch aus dieser Natur entlehnt:
die schwarze Farbe, die Rosen und so weiter.
Das
alles werde doch durch die Sinne wahrgenommen. Wer durch solchen Einwand
gestört wird, der sollte bedenken, daß nicht die Abbildungen der
Sinneswahrnehmungen dasjenige sind, was zur Weckung der höheren Seelenfähigkeiten
führt, sondern daß diese Wirkung lediglich durch die Art
der Zusammenfügung dieser Einzelheiten hervorgerufen wird. Und
diese Zusammenfügung bildet nicht etwas ab, was in der Sinneswelt
vorhanden ist.
An
einem Sinnbild — als Beispiel — sollte der Vorgang der wirksamen
Versenkung der Seele veranschaulicht werden. In der Geistesschulung können
die mannigfaltigsten Bilder dieser Art verwendet und diese in der
verschiedensten Art aufgebaut werden. Es können auch gewisse Sätze,
Formeln, einzelne Worte gegeben werden, in welche man sich zu versenken
hat. In jedem Falle werden diese Mittel der inneren Versenkung das Ziel
haben, die Seele loszureißen von der Sinneswahrnehmung und sie zu einer
solchen Tätigkeit anzuregen, bei welcher der Eindruck auf die
physischen Sinne bedeutungslos ist und die Entfaltung innerer
schlummernder Seelenfähigkeiten das Wesentliche wird. Es kann sich auch
um Versenkungen bloß in Gefühle, Empfindungen usw. handeln. Solches
erweist sich besonders wirksam. Man nehme einmal das Gefühl der Freude.
Im normalen Lebensverlaufe mag die Seele Freude erleben, wenn eine äußere
Anregung zur Freude vorhanden ist. Wenn eine gesund empfindende Seele
wahrnimmt, wie ein Mensch eine Handlung vollbringt, welche diesem seine
Herzensgüte eingibt, so wird diese Seele Wohlgefallen, Freude an einer
solchen Handlung haben. Aber diese Seele kann nun nachdenken über eine
Handlung dieser Art. Sie kann sich sagen: Eine Handlung, welche aus
Herzensgüte vollbracht wird, ist eine solche, bei welcher der
Vollbringer nicht seinem eigenen Interesse folgt, sondern dem Interesse
seines Mitmenschen. Und eine solche Handlung kann eine sittlich gute
genannt werden. Nun aber kann die betrachtende Seele sich ganz frei
machen von der Vorstellung des einzelnen Falles in der Außenwelt,
welcher ihr die Freude oder das Wohlgefallen gemacht hat, und sie kann
sich die umfassende Idee der Herzensgüte bilden. Sie kann sich etwa
denken, wie Herzensgüte dadurch entstehe, daß die eine Seele das
Interesse der andern gleichsam aufsauge und zu dem eigenen mache. Und
die Seele kann nun die Freude empfinden über diese sittliche Idee der
Herzensgüte. Das ist die Freude nicht an diesem oder jenem Vorgange der
Sinneswelt, sondern die Freude an einer Idee
als solcher. Versucht man solche Freude durch längere Zeit in der
Seele lebendig sein zu lassen, so ist dies Versenkung in ein Gefühl, in
eine Empfindung. Nicht die Idee ist dann das Wirksame zur Weckung der
inneren Seelenfähigkeiten, sondern das durch längere Zeit andauernde
Walten des nicht durch einen bloßen einzelnen äußeren Eindruck
angeregten Gefühls innerhalb der Seele. — Da die übersinnliche
Erkenntnis tiefer einzudringen vermag in das Wesen der Dinge als das gewöhnliche
Vorstellen, so können aus deren Erfahrungen heraus Empfindungen
angegeben werden, welche noch in viel höherem Grade auf die Entfaltung
der Seelenfähigkeiten wirken, wenn sie zur inneren Versenkung verwendet
werden. So notwendig dies letztere für höhere Grade der Schulung ist,
so soll man doch dessen eingedenk sein, daß energische Versenkung in
solche Gefühle und Empfindungen, wie zum Beispiel das an der
Betrachtung der Herzensgüte charakterisierte, schon sehr weit führen
kann. — Da die Wesenheiten der Menschen verschieden sind, so sind für
die einzelnen Menschen auch verschiedene Mittel der Schulung die
wirksamen. — Was die Zeitlänge der Versenkung betrifft, so ist zu
bedenken, daß die Wirkung um so stärker ist, je gelassener und
besonnener diese Versenkung werden kann. Aber eine jegliche Übertreibung
in dieser Richtung soll vermieden werden. Es kann ein gewisser innerer
Takt, der sich durch die Übungen selbst ergibt, den Schüler lehren, an
was er in dieser Beziehung sich zu halten hat.
Man
wird solche Übungen innerer Versenkung in der Regel lange durchzuführen
haben, bevor man deren Ergebnis selber wahrnehmen kann. Was zur
Geistesschulung unbedingt gehört, ist: Geduld und Ausdauer. Wer diese
beiden nicht in sich wachruft und nicht so in aller Ruhe fortdauernd
seine Übungen macht, daß Geduld und Ausdauer dabei stets die
Grundstimmung seiner Seele ausmachen, der kann nicht viel erreichen.
Es ist
aus der vorangehenden Darstellung wohl ersichtlich, daß die innere
Versenkung (Meditation) ein Mittel ist zur Erlangung der Erkenntnis höherer
Welten, aber auch daß nicht jeder beliebige Vorstellungsinhalt dazu führt,
sondern nur ein solcher, welcher in der geschilderten Art ein gerichtet
ist.
Der
Weg, auf den hier hingewiesen ist, führt zunächst zu dem, was man die imaginative
Erkenntnis nennen kann. Sie ist die erste höhere Erkenntnisstufe.
Das Erkennen, welches auf der sinnlichen Wahrnehmung und auf der
Verarbeitung der sinnlichen Wahrnehmungen durch den an die Sinne
gebundenen Verstand beruht, kann — im Sinne der Geisteswissenschaft
— das « gegenständliche Erkennen» genannt werden. Über dieses
hinaus liegen die höheren Erkenntnisstufen, deren erste eben das
imaginative Erkennen ist. Der Ausdruck «imaginativ» könnte bei jemand
Bedenken hervorrufen, der sich unter «Imagination» nur eine «eingebildete»
Vorstellung denkt, welcher nichts Wirkliches entspricht. In der
Geisteswissenschaft soll aber die «imaginative» Erkenntnis als eine
solche aufgefaßt werden, welche durch einen übersinnlichen Bewußtseinszustand
der Seele zustande kommt. Was in diesem Bewußtseinszustande
wahrgenommen wird, sind geistige Tatsachen und Wesenheiten, zu denen die
Sinne keinen Zugang haben. Weil dieser Zustand in der Seele erweckt wird
durch die Versenkung in Sinnbilder oder «Imaginationen», so kann auch
die Welt dieses höheren Bewußtseinszustandes die «imaginative» und
die auf sie bezügliche Erkenntnis die «imaginative» genannt werden.
«Imaginativ» bedeutet also etwas, was in einem andern Sinne «wirklich»
ist als die Tatsachen und Wesenheiten der physischen Sinneswahrnehmung.
Auf den Inhalt der
Vorstellungen, welche das imaginative Erleben erfüllen, kommt nichts
an; dagegen alles auf die Seelenfähigkeit, die an diesem Erleben
herangebildet wird.
Ein
sehr naheliegender Einwurf gegen die Verwendung der charakterisierten
sinnbildlichen Vorstellungen ist, daß ihre Bildung einem träumerischen
Denken und einer willkürlichen Einbildungskraft entspringen und daß
sie daher nur von zweifelhaftem Erfolge sein könne. Denjenigen
Sinnbildern gegenüber, welche der regelrechten Geistesschulung zugrunde
liegen, ist ein damit gekennzeichnetes Bedenken unberechtigt. Denn die
Sinnbilder werden so gewählt, daß von ihrer Beziehung auf eine äußere
sinnliche Wirklichkeit ganz abgesehen werden kann und ihr Wert lediglich
in der Kraft gesucht werden kann, mit welcher sie auf die Seele dann
wirken, wenn diese alle Aufmerksamkeit von der äußeren Welt abzieht,
wenn sie alle Eindrücke der Sinne unterdrückt und auch alle Gedanken
ausschaltet, die sie, auf äußere Anregung hin, hegen kann. Am
anschaulichsten wird der Vorgang der Meditation durch Vergleich
derselben mit dem Schlafzustande. Sie ist diesem nach der einen Seite
hin ähnlich, nach der anderen völlig entgegengesetzt. Sie ist ein
Schlaf, der gegenüber dem Tagesbewußtsein ein höheres Erwachtsein
darstellt. Es kommt darauf an, daß durch die Konzentration auf die
entsprechende Vorstellung oder das Bild die Seele genötigt ist, viel stärkere
Kräfte aus ihren eigenen Tiefen hervorzuholen, als sie im gewöhnlichen
Leben oder dem gewöhnlichen Erkennen anwendet. Ihre innere Regsamkeit
wird dadurch erhöht. Sie löst sich los von der Leiblichkeit, wie sie
sich im Schlafe loslöst; aber sie geht nicht wie in diesem in die Bewußtlosigkeit
über, sondern sie erlebt eine Weit, die sie vorher nicht erlebt hat.
Ihr Zustand ist, obwohl er nach der Seite der Losgelöstheit vom Leibe
mit dem Schlafe verglichen werden kann, doch so, daß er sich zu dem gewöhnlichen
Tagesbewußtsein als ein solcher eines erhöhten
Wachseins kennzeichnen läßt. Dadurch erlebt sich die Seele in
ihrer wahren inneren, selbständigen Wesenheit, während sie sich im gewöhnlichen
Tagwachen durch die in demselben vorhandene schwächere Entfaltung ihrer
Kräfte nur mit Hilfe des Leibes zum Bewußtsein bringt, sich also nicht
selbst erlebt, sondern nur in dem Bilde gewahr wird, das — wie eine
Art Spiegelbild — der Leib (eigentlich dessen Vorgänge) vor ihr
entwirft.
Diejenigen
Sinnbilder, welche in der oben geschilderten Art aufgebaut werden,
beziehen sich naturgemäß noch nicht auf etwas Wirkliches in der
geistigen Weit. Sie dienen dazu, um die menschliche Seele loszureißen
von der Sinneswahrnehmung und von dem Gehirninstrument, an welches zunächst
der Verstand gebunden ist. Diese Losreißung kann nicht früher
geschehen, als bis der Mensch fühlt: jetzt stelle ich etwas vor durch
Kräfte, bei denen mir meine Sinne und das Gehirn nicht als Werkzeuge
dienen. Das erste, was der Mensch auf diesem Wege erlebt, ist ein
solches Freiwerden von den physischen Organen. Er kann sich dann sagen:
mein Bewußtsein erlöscht nicht, wenn ich die Sinneswahrnehmungen und
das gewöhnliche Verstandesdenken unberücksichtigt lasse; ich kann mich
aus diesem herausheben und empfinde mich dann als ein Wesen neben
dem, was ich vorher war. Das ist das erste rein geistige Erlebnis:
die Beobachtung einer seelisch-geistigen Ich-Wesenheit. Diese hat sich
als ein neues Selbst aus demjenigen Selbst herausgehoben, das nur an die
physischen Sinne und den physischen Verstand gebunden ist. Hätte man
ohne die Versenkung sich losgemacht von der Sinnes- und Verstandeswelt,
so wäre man in das «Nichts» der Bewußtlosigkeit versunken. Man hat
die seelisch-geistige Wesenheit selbstverständlich auch vor
der Versenkung schon gehabt. Sie hatte aber noch keine Werkzeuge zur
Beobachtung der geistigen Welt. Sie war etwa so wie ein physischer Leib,
der kein Auge zum Sehen oder kein Ohr zum Hören hat. Die Kraft, welche
in der Versenkung aufgewendet worden ist, hat erst die
seelisch-geistigen Organe aus der vorher unorganisierten
seelisch-geistigen Wesenheit herausgeschaffen. Das, was man sich so
anerschaffen hat, nimmt man auch zuerst wahr. Das erste Erlebnis ist
daher in gewissem Sinne Selbstwahrnehmung. Es gehört zum Wesen der
Geistesschulung, daß die Seele durch die an sich geübte
Selbsterziehung an diesem Punkte ihrer Entwickelung ein volles Bewußtsein
davon hat, daß sie zunächst sich
selbst wahrnimmt in den Bilderwelten (Imaginationen), die infolge
der geschilderten Übungen auftreten. Diese Bilder treten zwar als
lebend in einer neuen Welt auf; die Seele muß aber erkennen, daß sie
doch nichts anderes zunächst sind als die Widerspiegelung ihres eigenen
durch die Übungen verstärkten Wesens. Und sie muß dieses nicht nur im
richtigen Urteile erkennen, sondern auch zu einer solchen Ausbildung des
Willens gekommen sein, daß sie jederzeit die Bilder wieder aus dem Bewußtsein
entfernen, auslöschen kann. Die Seele muß innerhalb dieser Bilder völlig
frei und vollbesonnen walten können. Das gehört zur richtigen
Geistesschulung in diesem Punkte. Würde sie dieses nicht können, so wäre
sie im Gebiete der geistigen Erlebnisse in demselben Falle, in dem eine
Seele wäre in der physischen Welt, welche, wenn sie das Auge nach einem
Gegenstande richtete, durch diesen gefesselt wäre, so daß sie von
demselben nicht mehr wegschauen könnte. Eine Ausnahme von dieser Möglichkeit
des Auslöschens macht nur eine Gruppe von inneren Bilderlebnissen, die
auf der erlangten Stufe der Geistesschulung nicht
auszulöschen ist. Diese entspricht dem eigenen Seelen-Wesenskerne;
und der Geistesschüler erkennt in diesen Bildern dasjenige in ihm
selber, welches sich als sein Grundwesen durch die wiederholten
Erdenleben hindurchzieht. Auf diesem Punkte wird das Erfühlen von
wiederholten Erdenleben zu einem wirklichen Erlebnis. In bezug auf alles
übrige muß die erwähnte Freiheit der Erlebnisse herrschen. Und erst,
nachdem man die Fähigkeit der Auslöschung erlangt hat, tritt man an
die wirkliche geistige Außenwelt heran. An Stelle des Ausgelöschten
kommt ein anderes, in dem man die geistige Wirklichkeit erkennt. Man fühlt,
wie man seelisch aus einem Unbestimmten als ein Bestimmtes herauswächst.
Von dieser Selbstwahrnehmung aus muß es dann weiter gehen zur
Beobachtung einer seelisch-geistigen Außenwelt. Diese tritt ein, wenn
man sein inneres Erleben in dem Sinne einrichtet, wie es hier weiter
angedeutet werden wird.
Zunächst
ist die Seele des Geistesschülers schwach in bezug auf alles das, was
in der seelisch-geistigen Welt wahrzunehmen ist. Er wird schon eine große
innere Energie aufwenden müssen, um die Sinnbilder oder anderen
Vorstellungen, welche er sich aus den Anregungen der Sinneswelt heraus
aufgebaut hat, in innerer Versenkung festzuhalten. Will er aber außerdem
noch zur wirklichen Beobachtung in einer höheren Welt gelangen, so muß
er nicht nur an diesen
Vorstellungen festhalten können. Er muß auch, nachdem er dies getan
hat, in einem Zustande verweilen können, in dem keine Anregungen der
sinnlichen Außenwelt auf die Seele wirken, aber in dem auch die
charakterisierten imaginierten Vorstellungen selbst aus dem Bewußtsein
heraus getilgt werden. Nun kann erst das im Bewußtsein hervortreten,
was durch die Versenkung sich gebildet hat. Es handelt sich darum, daß
nunmehr innere Seelenkraft genug vorhanden ist, damit das also Gebildete
wirklich geistig geschaut wird, damit es nicht der Aufmerksamkeit
entgehe. Dies ist aber bei noch schwach entwickelter innerer Energie
durchaus der Fall. Was sich als seelisch-geistiger Organismus da zunächst
herausbildet und was man in Selbstwahrnehmung erfassen soll, ist zart
und flüchtig. Und die Störungen der sinnlichen Außenwelt und deren
Erinnerungs-Nachwirkungen sind, auch wenn man sich noch so sehr bemüht
sie abzuhalten, groß. Es kommen da ja nicht nur diejenigen Störungen
in Betracht, welche man beachtet, sondern viel
mehr sogar diejenigen, welche man im gewöhnlichen Leben gar nicht
beachtet. — Es ist aber gerade durch das Wesen des Menschen ein Übergangszustand
in dieser Beziehung möglich. Was die Seele zunächst wegen der Störungen
der physischen Welt im Wachzustand nicht leisten kann, das vermag sie im
Schlafzustand. Wer sich der inneren Versenkung ergibt, der wird bei gehöriger
Aufmerksamkeit an seinem Schlaf etwas gewahr werden. Er wird fühlen, daß
er während des Schlafes «nicht ganz schläft», sondern daß seine
Seele Zeiten hat, in denen sie schlafend doch in einer gewissen Art tätig
ist. In solchen Zuständen halten die natürlichen Vorgänge die Einflüsse
der Außenwelt ab, welche die Seele wachend noch nicht aus eigener Kraft
abhalten kann. Wenn aber nun die Übungen der Versenkung schon gewirkt
haben, so löst sich die Seele während des Schlafes aus der Bewußtlosigkeit
heraus und fühlt die geistig-seelische Welt. In einer zweifachen Art
kann das eintreten. Es kann dem Menschen während des Schlafens klar
sein: ich bin nun in einer andern Welt, oder aber er kann in sich nach
dem Erwachen die Erinnerung haben: ich war in einer andern Welt. Zu dem
ersteren gehört allerdings eine größere innere Energie als zu dem
zweiten. Daher wird das letztere bei dem Anfänger in der
Geistesschulung das häufigere sein. Nach und nach kann das so weit
gehen, daß dem Schüler nach dem Erwachen vorkommt: ich war die ganze
Schlafenszeit hindurch in einer andern Welt, aus der ich aufgetaucht bin
mit dem Erwachen. Und seine Erinnerung an die Wesenheiten und Tatsachen
dieser andern Welt wird eine immer bestimmtere werden. Es ist bei dem
Geistesschüler dann in der einen oder der andern Form das eingetreten,
was man die Kontinuität des Bewußtseins nennen kann. (Die Fortdauer
des Bewußtseins während des Schlafens.) Damit ist aber durchaus nicht
gemeint, daß etwa der Mensch immer
während des Schlafes sein Bewußtsein hat. Es ist schon viel
errungen in der Kontinuität des Bewußtseins, wenn der Mensch, der
sonst schläft wie ein anderer, gewisse Zeiten hat während des
Schlafens, in denen er auf eine geistig-seelische Welt wie bewußt
hinschauen kann, oder wenn er im Wachen auf solche kurz dauernde Bewußtseinszustände
wieder wie hinschauen kann. Nicht außer acht möge aber gelassen
werden, daß das hier Geschilderte doch nur als ein Übergangszustand
aufzufassen ist. Es ist gut, durch diesen Übergangszustand behufs
Schulung hindurchzugehen; aber man soll durchaus nicht glauben, daß
eine abschließende Anschauung in bezug auf die geistig-seelische Welt
aus diesem Übergangszustande geschöpft werden soll. Die Seele ist in
diesem Zustande unsicher und kann sich darinnen noch nicht auf dasjenige
verlassen, was sie wahrnimmt. Aber sie sammelt durch solche Erlebnisse
immer mehr Kraft, um dann auch während des Wachens dazu zu gelangen,
die störenden Einflüsse der physischen Außen- und Innenwelt von sich
abzuhalten und so zu geistig-seelischer Beobachtung zu gelangen, wenn
keine Eindrücke durch die Sinne kommen, wenn der an das physische
Gehirn gebundene Verstand schweigt und wenn auch die Vorstellungen der
Versenkung aus dem Bewußtsein entfernt sind, durch welche man sich auf
das geistige Schauen ja nur vorbereitet hat. — Was durch die
Geisteswissenschaft in dieser oder jener Form veröffentlicht wird,
sollte niemals aus einer andern geistig-seelischen Beobachtung stammen
als aus einer solchen, welche bei vollem Wachzustande gemacht worden
ist.
Zwei
Seelenerlebnisse sind wichtig im Fortgange der Geistesschulung. Das eine
ist dasjenige, durch welches sich der Mensch sagen kann: wenn ich
nunmehr auch alles außer acht lasse, was mir die physische Außenwelt
an Eindrücken geben kann, so blicke ich in mein Inneres doch nicht wie
auf ein Wesen, dem alle Tätigkeit erlöscht, sondern ich schaue auf ein
Wesen, das sich seiner selbst bewußt ist in einer Welt, von der ich
nichts weiß, so lange ich mich nur von jenen sinnlichen und gewöhnlichen
Verstandeseindrücken anregen lasse. Die Seele hat in diesem Augenblicke
die Empfindung, daß sie in sich selbst ein neues Wesen als ihren
Seelen-Wesenskern in der oben beschriebenen Weise geboren habe. Und
dieses Wesen ist ein solches von ganz anderen Eigenschaften, als
diejenigen sind, welche vorher in der Seele waren. — Das andere
Erlebnis besteht darin, daß man sein bisheriges Wesen nunmehr wie ein
zweites neben sich haben kann. Dasjenige, worin man bisher sich
eingeschlossen wußte, wird zu etwas, dem man sich in gewisser Beziehung
gegenübergestellt findet. Man fühlt sich zeitweilig außerhalb dessen,
was man sonst als die eigene Wesenheit, als sein
« Ich» angesprochen hat. Es ist so, wie wenn man nun in voller
Besonnenheit in zwei «Ichen» lebte. Das eine ist dasjenige, welches
man bisher gekannt hat. Das andere steht wie eine neugeborene Wesenheit
über diesem. Und man fühlt, wie das erstere eine gewisse Selbständigkeit
erlangt gegenüber dem zweiten; etwa so wie der Leib des Menschen eine
gewisse Selbständigkeit hat gegenüber dem ersten Ich. — Dieses
Erlebnis ist von großer Bedeutung. Denn durch dasselbe weiß der
Mensch, was es heißt, in jener Welt leben, welche er durch die Schulung
zu erreichen strebt.
Das
zweite — das neugeborene — Ich kann nun zum Wahrnehmen in der
geistigen Welt geführt werden. In ihm kann sich entwickeln, was für
diese geistige Welt die Bedeutung hat, welche den Sinnesorganen für die
sinnlich-physische Welt zukommt. Ist diese Entwickelung bis zu dem
notwendigen Grade fortgeschritten, so wird der Mensch nicht nur sich
selbst als ein neugeborenes Ich empfinden, sondern er wird nunmehr um
sich herum geistige Tatsachen und geistige Wesenheiten wahrnehmen, wie
er durch die physischen Sinne die physische Welt wahrnimmt. Und dies ist
ein drittes bedeutsames
Erlebnis. Um völlig auf dieser Stufe der Geistesschulung
zurechtzukommen, muß der Mensch damit rechnen, daß mit der Verstärkung
der Seelenkräfte die Selbstliebe, der Selbstsinn in einem solchen Grade
auftreten, den das gewöhnliche Seelenleben gar nicht kennt. Es wäre
ein Mißverständnis, wenn jemand glauben könnte, daß man auf diesem
Punkte nur von der gewöhnlichen Selbstliebe zu sprechen hat. Diese
verstärkt sich auf dieser Stufe der Entwickelung so, daß sie das
Aussehen einer Naturkraft innerhalb der eigenen Seele annimmt, und es
gehört eine starke Willensschulung dazu, um diesen starken Selbstsinn
zu besiegen. Dieser Selbstsinn wird durch die Geistesschulung nicht etwa
erzeugt; er ist immer vorhanden; er gelangt durch das Geist-Erleben nur
zum Bewußtsein. Die Willensschulung muß der andern Geistesschulung
durchaus zur Seite gehen. Es ist ein starker Trieb da, sich in der Welt
beseligt zu fühlen, welche man sich erst selbst herangeschaffen hat.
Und man muß gewissermaßen das in der oben erwähnten Art auslöschen können,
um das man sich erst mit aller Anstrengung bemüht hat. In der
erreichten imaginativen Welt muß man sich
auslöschen. Dagegen aber kämpfen die stärksten Triebe des
Selbstsinnes an. — Es kann leicht der Glaube entstehen, daß die Übungen
der Geistesschulung etwas Äußerliches seien, das von der moralischen
Entwickelung der Seele absieht. Demgegenüber muß gesagt werden, daß
die moralische Kraft, die zu der gekennzeichneten Besiegung des
Selbstsinnes notwendig ist, nicht erlangt werden kann, ohne daß die
moralische Verfassung der Seele auf eine entsprechende Stufe gebracht
wird. Fortschritt in der Geistesschulung ist nicht denkbar, ohne daß
zugleich ein moralischer Fortschritt sich notwendig ergibt. Ohne
moralische Kraft ist die erwähnte Besiegung des Selbstsinnes nicht möglich.
Alles Reden darüber, daß die wahre Geistesschulung nicht zugleich eine
moralische Schulung sei, ist doch unsachgemäß. Nur demjenigen, welcher
ein solches Erlebnis nicht kennt, kann sich der Einwand ergeben: wie
kann man wissen, daß man es dann, wenn man glaubt,
geistige Wahrnehmungen zu haben, mit Wirklichkeiten und nicht mit
bloßen Einbildungen (Visionen, Halluzinationen usw.) zu tun habe? —
Die Sache ist ebenso, daß derjenige, welcher in regelrechter Schulung
die charakterisierte Stufe erreicht hat, seine eigene
Vorstellung von einer geistigen Wirklichkeit ebenso unterscheiden
kann, wie ein Mensch mit gesundem Verstande unterscheiden kann die
Vorstellung eines heißen Eisenstückes von dem wirklichen Vorhandensein
eines solchen, das er mit der Hand berührt. Den Unterschied gibt eben
das gesunde Erleben und nichts anderes. Und auch in der geistigen Welt
gibt den Prüfstein das Leben selbst. Wie man weiß, daß in der
Sinnenwelt ein vorgestelltes Eisenstück, wenn es noch so heiß gedacht
wird, nicht die Finger verbrennt, so weiß der geschulte Geistesschüler,
ob er nur in seiner Einbildung eine geistige Tatsache erlebt oder ob auf
seine erweckten geistigen Wahmehmungsorgane wirkliche
Tatsachen oder Wesenheiten einen Eindruck machen. Die Maßregeln,
welche man während der Geistesschulung zu beobachten hat, damit man in
dieser Beziehung nicht Täuschungen zum Opfer fällt, werden in der
folgenden Darstellung noch besprochen werden.
Es ist
nun von der größten Bedeutung, daß der Geistesschüler eine ganz
bestimmte Seelenverfassung erlangt hat, wenn das Bewußtsein von einem
neugeborenen Ich bei ihm eintritt. Denn es ist der Mensch durch sein Ich
der Führer seiner Empfindungen, Gefühle, Vorstellungen, seiner Triebe,
Begehrungen und Leidenschaften. Wahrnehmungen und Vorstellungen können
in der Seele sich nicht selbst überlassen sein. Sie müssen durch die
denkende Besonnenheit geregelt werden. Und es ist das Ich, welches diese
Denkgesetze handhabt und welches durch sie Ordnung in das Vorstellungs-
und Gedankenleben bringt. Ähnlich ist es mit den Begehrungen, den
Trieben, den Neigungen, den Leidenschaften. Die ethischen Grundsätze
werden zu Führern dieser Seelenkräfte. Und durch das sittliche Urteil
wird das Ich der Führer der Seele auf diesem Gebiete. Wenn nun der
Mensch aus seinem gewöhnlichen Ich ein höheres herauszieht, so wird
das erstere in einer gewissen Beziehung selbständig. Es wird diesem so
viel an lebendiger Kraft weggenommen, als dem höheren Ich zugewendet
wird. Man setze aber einmal den Fall, der Mensch habe in sich noch nicht
eine gewisse Fähigkeit und Festigung in den Denkgesetzen und in der
Urteilskraft ausgebildet und er wollte auf solcher Stufe sein höheres
Ich gebären. Er wird nur so viel seinem gewöhnlichen Ich an Denkfähigkeit
zurücklassen können, als er vorher ausgebildet hat. Ist das Maß des
geordneten Denkens zu gering, dann wird in dem selbständig gewordenen
gewöhnlichen Ich ein ungeordnetes, verworrenes, phantastisches Denken
und Urteilen auftreten. Und weil bei einer solchen Persönlichkeit das
neugeborene Ich auch nur schwach sein kann, wird für das übersinnliche
Schauen das verworrene niedere Ich die Oberherrschaft erlangen und der
Mensch das Gleichgewicht seiner Urteilskraft für die Beobachtung des Übersinnlichen
nicht zeigen. Hätte er genügend Fähigkeit des logischen Denkens
ausgebildet, so könnte er sein gewöhnliches Ich ruhig seiner Selbständigkeit
überlassen. — Und auf dem ethischen Gebiete ist es ebenso. Wenn der
Mensch nicht Festigkeit im moralischen Urteil erlangt hat, wenn er nicht
genügend Herr geworden ist über Neigungen, Triebe und Leidenschaften,
dann wird er sein gewöhnliches Ich verselbständigen in einem Zustand,
in dem die genannten Seelenkräfte wirken. Es kann der Fall eintreten,
daß der Mensch in dem Feststellen der erlebten übersinnlichen
Erkenntnisse nicht einen gleich hohen Wahrheitssinn walten läßt wie in
dem, was er sich durch die physische Außenwelt zum Bewußtsein bringt.
Er könnte bei so gelockertem Wahrheitssinn alles mögliche für
geistige Wirklichkeit halten, was nur seine Phantasterei ist. In diesen
Wahrheitssinn hinein müssen Festigkeit des ethischen Urteiles,
Sicherheit des Charakters, Gründlichkeit des Gewissens wirken, die in
dem zurückgelassenen Ich ausgebildet sind, bevor das höhere Ich zum
Zwecke der übersinnlichen Erkenntnis tätig wird. — Es darf dies
durchaus nicht zu einem Abschreckungsmittel gegenüber der Schulung
werden; es muß aber ganz ernst genommen werden.
Wer den
starken Willen hat, alles zu tun, was das erste Ich zur inneren
Sicherheit in der Ausübung seiner Verrichtungen bringt, der braucht vor
der zur übersinnlichen Erkenntnis bewirkten Loslösung eines zweiten
Ich durch die geistige Schulung durchaus nicht zurückzuschrecken. Nur
muß er sich vorbehalten, daß Selbsttäuschung dann eine große Macht
über den Menschen hat, wenn es sich darum handelt, daß dieser sich für
etwas «reif» befinden soll. In derjenigen Geistesschulung, welche hier
beschrieben ist, erlangt der Mensch eine solche Ausbildung seines
Gedankenlebens, daß er in Gefahren, zu irren, wie sie oft vermutet
werden, nicht kommen kann. Diese Gedankenausbildung bewirkt, daß alle
inneren Erlebnisse, welche notwendig sind, auftreten, daß sie aber so
sich abspielen, wie sie von der Seele durchgemacht werden müssen, ohne
von schädlichen Phantasieverirrungen begleitet zu sein. Ohne
entsprechende Gedankenausbildung können die Erlebnisse eine starke
Unsicherheit in der Seele hervorrufen. Die hier betonte Art bewirkt, daß
die Erlebnisse so auftreten, daß man sie vollkommen kennenlernt, wie
man die Wahrnehmungen der physischen Welt bei gesunder Seelenverfassung
kennenlernt. Man wird durch die Ausbildung des Denklebens mehr ein Beobachter
dessen, was man an sich erlebt, während man ohne das Denkleben
unbesonnen in dem Erlebnis drinnen steht.
Von
einer sachgemäßen Schulung werden gewisse Eigenschaften genannt,
welche sich durch Übung derjenige erwerben soll, welcher den Weg in die
höheren Welten finden will. Es sind dies vor allem: Herrschaft der
Seele über ihre Gedankenführung, über ihren Willen und ihre Gefühle.
Die Art, wie diese Herrschaft durch Übung herbeigeführt werden soll,
hat ein zweifaches Ziel. Einerseits soll der Seele dadurch Festigkeit,
Sicherheit und Gleichgewicht so weit eingeprägt werden, daß sie sich
diese Eigenschaften bewahrt, auch wenn ein zweites Ich aus ihr geboren
wird. Andrerseits soll diesem zweiten Ich Stärke und innerer Halt mit
auf den Weg gegeben werden.
Was dem
Denken des Menschen für die Geistesschulung vor allem notwendig ist,
das ist Sachlichkeit. In der physisch-sinnlichen Welt ist das Leben der
große Lehrmeister für das menschliche Ich zur Sachlichkeit. Wollte die
Seele in beliebiger Weise die Gedanken hin und her schweifen lassen: sie
müßte alsbald sich von dem Leben korrigieren lassen, wenn sie mit ihm
nicht in Konflikt kommen wollte. Die Seele muß entsprechend dem Verlauf
der Tatsachen des Lebens denken. Wenn nun der Mensch die Aufmerksamkeit
von der physisch-sinnlichen Welt ablenkt, so fehlt ihm die
Zwangskorrektur der letzteren. Ist dann sein Denken nicht imstande, sein
eigener Korrektor zu sein, so muß es ins Irrlichtelieren kommen.
Deshalb muß das Denken des Geistesschülers sich so üben, daß es sich
selber Richtung und Ziel geben kann. Innere Festigkeit und die Fähigkeit,
streng bei einem Gegenstande zu bleiben, das ist, was das Denken in sich
selbst heranziehen muß. Deshalb sollen entsprechende «Denkübungen»
nicht an fernliegenden und komplizierten Gegenständen vorgenommen
werden, sondern an einfachen und naheliegenden. Wer sich überwindet,
durch Monate hindurch täglich wenigstens fünf Minuten seine Gedanken
an einen alltäglichen Gegenstand (zum Beispiel eine Stecknadel, einen
Bleistift usw.) zu wenden und während dieser Zeit alle Gedanken
auszuschließen, welche nicht mit diesem Gegenstande zusammenhängen,
der hat nach dieser Richtung hin viel getan. (Man kann täglich einen
neuen Gegenstand bedenken oder mehrere Tage einen festhalten.) Auch
derjenige, welcher sich als «Denker» durch wissenschaftliche Schulung
fühlt, sollte es nicht verschmähen, sich in solcher Art für die
Geistesschulung «reif» zu machen. Denn wenn man eine Zeitlang die
Gedanken heftet an etwas, was einem ganz bekannt ist, so kann man sicher
sein, daß man sachgemäß denkt. Wer sich frägt: Welche Bestandteile
setzen einen Bleistift zusammen? Wie werden die Materialien zu dem
Bleistift vorgearbeitet? Wie werden sie nachher zusammengefügt? Wann
wurden die Bleistifte erfunden? und so weiter, und so weiter: ein
solcher paßt seine Vorstellungen sicher mehr der Wirklichkeit an als
derjenige, der darüber nachdenkt, wie die Abstammung des Menschen ist
oder was das Leben ist. Man lernt durch einfache
Denkübungen für ein sachgemäßes Vorstellen gegenüber der Welt
der Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung mehr als durch komplizierte
und gelehrte Ideen. Denn zunächst handelt es sich gar nicht darum, über
dieses oder jenes zu denken, sondern sachgemäß
durch innere Kraft zu denken. Hat man sich die Sachgemäßheit
anerzogen an einem leicht überschaubaren sinnlich-physischen Vorgang,
dann gewöhnt sich das Denken daran, auch sachgemäß sein zu wollen,
wenn es sich nicht durch die physisch-sinnliche Welt und ihre Gesetze
beherrscht fühlt. Und man gewöhnt es sich ab, unsachgemäß die
Gedanken schwärmen zu lassen.
Wie
Herrscher in der Gedankenwelt, so soll ein solcher die Seele auch im
Gebiete des Willens werden. In der physisch-sinnlichen Welt ist es auch
hier das Leben, das als Beherrscher auftritt. Es macht diese oder jene
Bedürfnisse für den Menschen geltend; und der Wille fühlt sich
angeregt, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Für die höhere Schulung
muß sich der Mensch daran gewöhnen, seinen eigenen Befehlen streng zu
gehorchen. Wer sich an solches gewöhnt, dem wird es immer weniger und
weniger beifallen, Wesenloses zu begehren. Das Unbefriedigende, Haltlose
im Willensleben rührt aber von dem Begehren solcher Dinge her, von
deren Verwirklichung man sich keinen deutlichen Begriff macht. Solche
Unbefriedigung kann das ganze Gemütsleben in Unordnung bringen, wenn
ein höheres Ich aus der Seele hervorgehen will. Eine gute Übung ist
es, durch Monate hindurch sich zu einer bestimmten Tageszeit den Befehl
zu geben: Heute «um diese bestimmte Zeit» wirst du «dieses» ausführen.
Man gelangt dann allmählich dazu, sich die Zeit der Ausführung und die
Art des auszuführenden Dinges so zu befehlen, daß die Ausführung ganz
genau möglich ist. So erhebt man sich über das verderbliche: «ich möchte
dies; ich will jenes», wobei man gar nicht an die Ausführbarkeit
denkt. Eine große Persönlichkeit läßt eine Seherin sagen: «Den
lieb' ich, der Unmögliches begehrt». (Goethe,
Faust II.) Und diese Persönlichkeit (Goethe)
selbst sagt: «In der Idee leben heißt, das Unmögliche behandeln, als
wenn es möglich wäre». (Goethe, Sprüche in Prosa.) Solche Aussprüche
dürfen aber nicht als Einwände gegen das hier Dargestellte gebraucht
werden. Denn die Forderung, die Goethe und seine Seherin (Manto)
stellen, kann nur derjenige erfüllen, welcher sich an dem Begehren
dessen, was möglich ist, erst herangebildet hat, um dann durch sein
starkes Wollen eben das «Unmögliche» so behandeln zu können, daß es
sich durch sein Wollen in ein Mögliches verwandelt.
In
bezug auf die Gefühlswelt soll es die Seele für die Geistesschulung zu
einer gewissen Gelassenheit bringen. Dazu ist nötig, daß diese Seele
Beherrscherin werde über den Ausdruck von Lust und Leid, Freude und
Schmerz. Gerade gegenüber der Erwerbung dieser Eigenschaft kann sich
manches Vorurteil ergeben. Man könnte meinen, man werde stumpf und
teilnahmslos gegenüber seiner Mitwelt, wenn man über das «Erfreuliche
sich nicht erfreuen, über das Schmerzhafte nicht Schmerz empfinden soll».
Doch darum handelt es sich nicht. Ein Erfreuliches soll
die Seele erfreuen, ein Trauriges soll
sie schmerzen. Sie soll nur dazu gelangen, den Ausdruck
von Freude und Schmerz, von Lust und Unlust zu beherrschen. Strebt
man dieses an, so wird man
alsbald bemerken, daß man nicht stumpfer, sondern im Gegenteil empfänglicher
wird für alles Erfreuliche und Schmerzhafte der Umgebung, als man früher
war. Es erfordert allerdings ein genaues Achtgeben auf sich selbst durch
längere Zeit, wenn man sich die Eigenschaft aneignen will, um die es
sich hier handelt. Man muß darauf sehen, daß man Lust und Leid voll
miterleben kann, ohne sich dabei so zu verlieren, daß man dem, was man
empfindet, einen unwillkürlichen Ausdruck gibt. Nicht den berechtigten
Schmerz soll man unterdrücken, sondern das unwillkürlicheWeinen; nicht
den Abscheu vor einer schlechten Handlung, sondern das blinde Wüten des
Zorns; nicht das Achten auf eine Gefahr, sondern das fruchtlose «sich fürchten»
und so weiter. — Nur durch eine solche Übung gelangt der Geistesschüler
dazu, jene Ruhe in seinem Gemüt zu haben, welche notwendig ist, damit
nicht beim Geborenwerden und namentlich bei der Betätigung des höheren
Ich die Seele wie eine Art Doppelgänger neben diesem höheren Ich ein
zweites ungesundes Leben führt. Gerade diesen Dingen gegenüber sollte
man sich keiner Selbsttäuschung hingeben. Es kann manchem scheinen, daß
er einen gewissen Gleichmut im gewöhnlichen Leben schon habe und daß
er deshalb diese Übung nicht nötig habe. Gerade ein solcher hat sie
zweifach nötig. Man kann nämlich ganz gut gelassen sein, wenn man den
Dingen des gewöhnlichen Lebens gegenübersteht; und dann beim
Aufsteigen in eine höhere Welt kann sich um so mehr die
Gleichgewichtslosigkeit, die nur zurückgedrängt war, geltend machen.
Es muß durchaus erkannt werden, daß zur Geistesschulung es weniger
darauf ankommt, was man vorher zu haben scheint,
als vielmehr darauf, daß man ganz gesetzmäßig übt,
was man braucht. So widerspruchsvoll dieser Satz auch aussieht: er
ist richtig. Hat einem auch das Leben dies oder jenes anerzogen: zur
Geistesschulung dienen die Eigenschaften, welche
man sich selbst anerzogen hat. Hat einem das Leben Erregtheit
beigebracht, so sollte man sich die Erregtheit aberziehen; hat einem
aber das Leben Gleichmut beigebracht, so sollte man sich durch
Selbsterziehung so aufrütteln, daß der Ausdruck der Seele dem
empfangenen Eindruck entspricht. Wer über nichts lachen kann,
beherrscht sein Leben ebensowenig wie derjenige, welcher, ohne sich zu
beherrschen, fortwährend zum Lachen gereizt wird.
Für
das Denken und Fühlen ist ein weiteres Bildungsmittel die Erwerbung der
Eigenschaft, welche man Positivität nennen kann. Es gibt eine schöne
Legende, die besagt von dem Christus Jesus, daß er mit einigen andern
Personen an einem toten Hund vorübergeht. Die andern wenden sich ab von
dem häßlichen Anblick. Der Christus Jesus spricht bewundernd von den
schönen Zähnen des Tieres. Man kann sich darin üben, gegenüber der
Welt eine solche Seelenverfassung zu erhalten, wie sie im Sinne dieser
Legende ist. Das Irrtümliche, Schlechte, Häßliche soll die Seele
nicht abhalten, das Wahre, Gute und Schöne überall zu finden, wo es
vorhanden ist. Nicht verwechseln soll man diese Positivität mit
Kritiklosigkeit, mit dem willkürlichen Verschließen der Augen gegenüber
dem Schlechten, Falschen und Minderwertigen. Wer die «schönen Zähne»
eines toten Tieres bewundert, der sieht auch
den verwesenden Leichnam. Aber dieser Leichnam hält ihn nicht davon
ab, die schönen Zähne zu sehen. Man kann das Schlechte nicht gut, den
Irrtum nicht wahr finden; aber man kann es dahin bringen, daß man durch
das Schlechte nicht abgehalten werde, das Gute, durch den Irrtum nicht,
das Wahre zu sehen.
Das
Denken in Verbindung mit dem Willen erfährt eine gewisse Reifung, wenn
man versucht, sich niemals durch etwas, was man erlebt oder erfahren
hat, die unbefangene Empfänglichkeit für neue Erlebnisse rauben zu
lassen. Für den Geistesschüler soll der Gedanke seine Bedeutung ganz
verlieren: «Das habe ich noch nie gehört, das glaube ich nicht.» Er
soll während einer gewissen Zeit geradezu überall darauf ausgehen,
sich bei jeder Gelegenheit von einem jeglichen Dinge und Wesen Neues
sagen zu lassen. Von jedem Luftzug, von jedem Baumblatt, von jeglichem
Lallen eines Kindes kann man lernen, wenn man bereit ist, einen
Gesichtspunkt in Anwendung zu bringen, den man bisher nicht in Anwendung
gebracht hat. Es wird allerdings leicht möglich sein, in bezug auf eine
solche Fähigkeit zu weit zu gehen. Man soll ja nicht etwa in einem
gewissen Lebensalter die Erfahrungen, die man über die Dinge gemacht
hat, außer acht lassen. Man soll, was man in der Gegenwart erlebt, nach
den Erfahrungen der Vergangenheit beurteilen. Das kommt auf die eine
Waagschale; auf die andere aber muß für den Geistesschüler die
Geneigtheit kommen, immer Neues zu erfahren. Und vor allem der Glaube an
die Möglichkeit, daß neue Erlebnisse den alten widersprechen können.
Damit sind fünf Eigenschaften der Seele genannt, welche sich in
regelrechter Schulung der Geistesschüler anzueignen hat: die Herrschaft
über die Gedankenführung, die Herrschaft über die Willensimpulse, die
Gelassenheit gegenüber Lust und Leid, die Positivität im Beurteilen
der Welt, die ~ Unbefangenheit in der Auffassung des Lebens. Wer gewisse
Zeiten aufeinanderfolgend dazu verwendet hat, um sich in der Erwerbung
dieser Eigenschaften zu üben, der wird dann noch nötig haben, in der
Seele diese Eigenschaften zum harmonischen Zusammenstimmen zu bringen.
Er wird sie gewissermaßen je zwei und zwei, drei und eine und so weiter
gleichzeitig üben müssen, um Harmonie zu bewirken.
Die
charakterisierten Übungen sind durch die Methoden der Geistesschulung
angegeben, weil sie bei gründlicher
Ausführung in dem Geistesschüler nicht nur das bewirken, was oben
als unmittelbares Ergebnis genannt worden ist, sondern mittelbar noch
vieles andere im Gefolge haben, was auf dem Wege zu den geistigen Welten
gebraucht wird. Wer diese Übungen in genügendem Maße macht, wird während
derselben auf manche Mängel und Fehler seines Seelenlebens stoßen; und
er wird die gerade ihm notwendigen Mittel finden zur Kräftigung und
Sicherung seines intellektuellen, gefühlsmäßigen und Charakterlebens.
Er wird gewiß noch manche andere Übungen nötig haben, je nach seinen
Fähigkeiten, seinem Temperament und Charakter; solche ergeben sich
aber, wenn die genannten ausgiebig durchgemacht werden. Ja, man wird
bemerken, daß die dargestellten Übungen mittelbar
auch dasjenige nach und nach geben, was zunächst nicht in ihnen zu
liegen scheint. Wenn zum Beispiel jemand zu wenig Selbstvertrauen hat,
so wird er nach entsprechender Zeit bemerken können, daß sich durch
die Übungen das notwendige Selbstvertrauen einstellt. Und so ist es in
bezug auf andere Seeleneigenschaften. (Besondere, mehr ins einzelne
gehende Übungen findet man in meinem Buche: «Wie erlangt man
Erkenntnisse der höheren Welten?») — Bedeutungsvoll ist, daß der
Geistesschüler. die angegebenen Fähigkeiten in immer höheren Graden
zu steigern vermag. Die Beherrschung der Gedanken und Empfindungen muß
er so weit bringen, daß die Seele die Macht erhält, Zeiten
vollkommener innerer Ruhe herzustellen, in denen der Mensch seinem
Geiste und seinem Herzen alles fernhält, was das alltägliche, äußere
Leben an Glück und Leid, an Befriedigungen und Kümmernissen, ja an
Aufgaben und Forderungen bringt. Eingelassen werden soll in solchen
Zeiten nur dasjenige in die Seele, was diese selbst im Zustande der
Versenkung einlassen will. Leicht kann sich demgegenüber ein Vorurteil
geltend machen. Es könnte die Meinung entstehen, man werde dem Leben
und seinen Aufgaben entfremdet, wenn man sich mit Herz und Geist für
gewisse Zeiten des Tages aus demselben zurückzieht. Das ist aber in
Wirklichkeit durchaus nicht der Fall. Wer sich in der geschilderten Art
Perioden der inneren Stille und des Friedens hingibt, dem wachsen aus
denselben für die Aufgaben auch des äußeren Lebens so viele und so
starke Kräfte zu, daß er die Lebenspflichten dadurch nicht nur nicht
schlechter, sondern ganz gewiß besser erfüllt. — Von großem Werte
ist es, wenn der Mensch in solchen Perioden ganz loskommt von den
Gedanken an seine persönlichen Angelegenheiten, wenn er sich zu erheben
vermag zu dem, was nicht nur ihn,
sondern was den Menschen im allgemeinen überhaupt angeht. Ist er
imstande, seine Seele zu erfüllen mit den Mitteilungen aus der höheren
geistigen Welt, vermögen diese sein Interesse in einem so hohen Grade
zu fesseln, wie eine persönliche Sorge oder Angelegenheit, dann wird
seine Seele davon besondere Früchte haben. — Wer in dieser Weise
regelnd in sein Seelenleben einzugreifen sich bemüht, der wird auch zu
der Möglichkeit einer Selbstbeobachtung kommen, welche die eigenen
Angelegenheiten mit der Ruhe ansieht, als wenn sie fremde wären. Die
eigenen Erlebnisse, die eigenen Freuden und Leiden wie die eines andern
ansehen können, ist eine gute Vorbereitung für die Geistesschulung.
Man bringt es allmählich zu dem in dieser Beziehung notwendigen Grad,
wenn man sich täglich nach vollbrachtem Tagewerk die Bilder der täglichen
Erlebnisse vor dem Geiste vorbeiziehen läßt. Man soll sich innerhalb
seiner Erlebnisse selbst im Bilde erblicken; also sich in seinem
Tagesleben wie von außen betrachten. Man gelangt zu einer gewissen
Praxis in solcher Selbstbeobachtung, wenn man mit der Vorstellung
einzelner kleiner Teile dieses Tageslebens den Anfang macht. Man wird
dann immer geschickter und gewandter in solcher Rückschau, so daß man
sie nach längerer Übung in einer kurzen Spanne Zeit vollständig wird
gestalten können. Dieses Rückwärts-Anschauen der Erlebnisse hat für
die Geistesschulung deshalb seinen besonderen Wert, weil es die Seele
dazu bringt, sich im Vorstellen loszumachen von der sonst innegehaltenen
Gewohnheit, nur dem Verlauf
des sinnenfälligen Geschehens mit dem Denken zu folgen. Im Rückwärts-Denken
stellt man richtig vor, aber nicht gehalten durch den sinnenfälligen
Verlauf. Das braucht man zum Einleben in die übersinnliche Welt. Daran
erkraftet sich das Vorstellen in gesunder Art. Daher ist es auch gut, außer
seinem Tagesleben anderes rückwärts vorzustellen, zum Beispiel den
Verlauf eines Dramas, einer Erzählung, einer Tonfolge usw. — Das Ideal
für den Geistesschüler wird immer mehr werden, sich den an ihn
herantretenden Lebensereignissen gegenüber so zu verhalten, daß er sie
mit innerer Sicherheit und Seelenruhe an sich herankommen läßt und sie
nicht nach seiner Seelenverfassung
beurteilt, sondern nach ihrer inneren Bedeutung und ihrem inneren Wert.
Er wird gerade durch den Hinblick auf dieses Ideal sich die seelische
Grundlage schaffen, um sich den oben geschilderten Versenkungen in
symbolische und andere Gedanken und Empfindungen hingeben zu können.
Die
hier geschilderten Bedingungen müssen erfüllt sein, weil sich das übersinnliche
Erleben auf dem Boden auferbaut, auf dem man im gewöhnlichen
Seelenleben steht, bevor man in die übersinnliche Welt eintritt. In
zweifacher Art ist alles übersinnliche Erleben abhängig von dem
Seelen-Ausgangspunkt, auf dem man vor dem Eintritte steht. Wer nicht
darauf bedacht ist, von vornherein eine gesunde Urteilskraft zur
Grundlage seiner Geistesschulung zu machen, der wird in sich solche übersinnliche
Fähigkeiten entwickeln, welche ungenau und unrichtig die geistige Welt
wahrnehmen. Es werden gewissermaßen seine geistigen Wahmehmungsorgane
unrichtig sich entfalten. Und wie man mit einem fehlerhaften oder
kranken Auge nicht richtig in der Sinnenwelt sehen kann, so kann man mit
Geistorganen nicht richtig wahrnehmen, die nicht auf der Grundlage einer
gesunden Urteilsfähigkeit herangebildet sind. — Wer von einer
unmoralischen Seelenverfassung den Ausgangspunkt nimmt, der erhebt sich
so in die geistigen Welten, daß sein geistiges Schauen wie betäubt,
wie umnebelt ist. Er ist gegenüber den übersinnlichen Welten, wie
jemand gegenüber der sinnlichen Welt ist, der in Betäubung beobachtet.
Nur wird dieser zu keinen erheblichen Aussagen kommen, während der
geistige Beobachter in seiner Betäubung doch immerhin wacher ist als
ein Mensch im gewöhnlichen Bewußtsein. Seine Aussagen werden deshalb
zu Irrtümern gegenüber der geistigen Welt.
Die
innere Gediegenheit der imaginativen Erkenntnisstufe wird dadurch
erreicht, daß die dargestellten seelischen Versenkungen (Meditationen)
unterstützt werden von dem, was man die Gewöhnung an «sinnlichkeitsfreies
Denken» nennen kann. Wenn man sich einen Gedanken auf Grund der
Beobachtung in der physisch-sinnlichen Welt macht, so ist dieser Gedanke
nicht sinnlichkeitsfrei. Aber es ist nicht etwa so, daß der Mensch nur
solche Gedanken bilden könne. Das menschliche Denken braucht nicht
leer und inhaltlos zu werden, wenn es sich nicht von sinnlichen
Beobachtungen erfüllen läßt. Der sicherste und nächstliegende Weg für
den Geistesschüler, zu solchem sinnlichkeitsfreien Denken zu kommen,
kann der sein, die ihm von der Geisteswissenschaft mitgeteilten
Tatsachen der höheren Welt zum Eigentum seines Denkens zu machen. Diese
Tatsachen können von den physischen Sinnen nicht beobachtet werden.
Dennoch wird der Mensch bemerken, daß er sie begreifen
kann, wenn er nur Geduld und Ausdauer genug hat. Man kann ohne
Schulung nicht in der höheren Welt forschen, man kann darin nicht
selbst Beobachtungen machen; aber man kann ohne die höhere Schulung
alles verstehen, was die Forscher aus derselben mitteilen. Und wenn
jemand sagt: Wie kann ich dasjenige auf Treu und Glauben hinnehmen, was
die Geistesforscher sagen, da ich es doch nicht selbst sehen kann?, so
ist dies völlig unbegründet. Denn es ist durchaus möglich, aus dem bloßen
Nachdenken heraus die sichere Überzeugung zu erhalten: das
Mitgeteilte ist wahr. Und wenn diese Überzeugung sich jemand durch
Nachdenken nicht bilden kann, so rührt das nicht davon her, weil man
unmöglich an etwas «glauben» könne, was man nicht sieht, sondern
lediglich davon, daß man sein Nachdenken noch nicht vorurteilslos,
umfassend, gründlich genug angewendet hat. Um in diesem Punkte Klarheit
zu haben, muß man bedenken, daß das menschliche Denken, wenn es sich
energisch innerlich aufrafft, mehr begreifen kann, als es in der Regel wähnt.
In dem Gedanken selbst liegt nämlich schon eine innere Wesenheit,
welche im Zusammenhang steht mit der übersinnlichen Welt. Die Seele ist
sich gewöhnlich dieses Zusammenhanges nicht bewußt, weil sie gewöhnt
ist, die Gedankenfähigkeit nur an der Sinnenwelt heranzuziehen. Sie
hält deshalb für unbegreiflich, was ihr aus der übersinnlichen Welt
mitgeteilt wird. Dies ist aber nicht
nur begreiflich für ein durch Geistesschulung erzogenes Denken,
sondern für jedes Denken,
das sich seiner vollen Kraft bewußt ist und sich derselben bedienen
will. — Dadurch, daß man sich unablässig zum Eigentum macht, was die
Geistesforschung sagt, gewöhnt man sich an ein Denken, das nicht aus
den sinnlichen Beobachtungen schöpft. Man lernt erkennen, wie im Innern
der Seele Gedanke sich an Gedanke webt, wie Gedanke den Gedanken sucht,
auch wenn die Gedankenverbindungen nicht durch die Macht der
Sinnenbeobachtung bewirkt werden. Das Wesentliche dabei ist, daß man so
gewahr wird, wie die Gedankenwelt inneres Leben hat, wie man sich, indem
man wirklich denkt, im Bereiche einer übersinnlichen lebendigen Welt
schon befindet.
Man
sagt sich: Es ist etwas in mir, was einen Gedanken-Organismus ausbildet;
aber ich bin doch eines mit diesem «Etwas». Man erlebt so in der
Hingabe an sinnlichkeitsfreies Denken, daß etwas Wesenhaftes besteht,
was einfließt in unser Innenleben, wie die Eigenschaften der
Sinnendinge durch unsere physischen Organe in uns einfließen, wenn wir
sinnlich beobachten. Da draußen im Raume — so sagt sich der
Beobachter der Sinnenwelt — ist eine Rose; sie ist mir nicht fremd,
denn sie kündigt sich mir durch ihre Farbe und ihren Geruch an. Man
braucht nun nur genug vorurteilslos zu sein, um sich dann, wenn das
sinnlichkeitsfreie Denken in einem arbeitet, ganz entsprechend zu sagen:
es kündigt sich mir ein Wesenhaftes an, welches in mir Gedanken an
danken
bindet, welches einen Gedankenorganismus formt. Es besteht aber ein
Unterschied in den Empfindungen gegenüber dem, was der Beobachter der
äußeren Sinnenwelt im Auge hat, und dem, was sich wesenhaft in dem
sinnlichkeitsfreien Denken ankündigt. Der erste Beobachter fühlt sich
der Rose gegenüber außenstehend, derjenige, welcher dem
sinnlichkeitsfreien Denken hingegeben ist, fühlt das in ihm sich ankündigende
Wesenhafte wie in sich, er fühlt
sich mit ihm eins. Wer mehr oder weniger bewußt nur das als wesenhaft
gelten lassen will, was ihm wie ein äußerer Gegenstand gegenübertritt,
der wird allerdings nicht das Gefühl erhalten können: was ein
Wesenhaftes für sich ist, das kann sich mir auch dadurch ankündigen,
daß ich mit ihm wie in eins vereinigt bin. Um in dieser Beziehung
richtig zu sehen, muß man folgendes innere Erlebnis haben können. Man
muß unterscheiden lernen zwischen den Gedankenverbindungen, die man
durch eigene Willkür schafft, und denjenigen, welche man in sich
erlebt, wenn man solche eigene Willkür in sich schweigen läßt. In dem
letzteren Falle kann man dann sagen: Ich bleibe in mir ganz still; ich führe
keine Gedankenverbindungen herbei; ich gebe mich dem hin, was «in mir
denkt». Dann ist es vollberechtigt, zu sagen: in mir wirkt ein für
sich Wesenhaftes, wie es berechtigt ist zu sagen: auf mich wirkt die
Rose, wenn ich ein bestimmtes Rot sehe, einen bestimmten Geruch
wahrnehme. — Es ist dabei kein Widerspruch, daß man doch den Inhalt
seiner Gedanken aus den Mitteilungen der Geistesforscher schöpft. Die
Gedanken sind dann zwar bereits da, wenn man sich ihnen hingibt; aber
man kann sie nicht denken, wenn man sie nicht in jedem Falle in der
Seele wieder neu nachschafft. Darauf eben kommt es an, daß der
Geistesforscher solche Gedanken in seinem Zuhörer und Leser wachruft,
welche diese aus sich erst
holen müssen, während derjenige, welcher Sinnlich-Wirkliches
beschreibt, auf etwas hindeutet, was von Zuhörer und Leser in der
Sinnenwelt beobachtet werden kann.
(Es ist
der Weg, welcher durch die Mitteilungen der Geisteswissenschaft in das
sinnlichkeitsfreie Denken führt, ein durchaus sicherer. Es gibt aber
noch einen andern, welcher sicherer und vor allem genauer, dafür aber
auch für viele Menschen schwieriger ist. Er ist in meinen Büchern «Erkenntnistheorie
der Goetheschen Weltanschauung» und «Philosophie der Freiheit»
dargestellt. Diese Schriften geben wieder, was der menschliche Gedanke
sich erarbeiten kann, wenn das Denken sich nicht den Eindrücken der
physisch-sinnlichen Außenwelt hingibt, sondern nur
sich selbst. Es arbeitet dann das reine Denken, nicht das bloß in
Erinnerungen an Sinnliches sich ergehende in dem Menschen, wie eine in
sich lebendige Wesenheit. Dabei ist in den genannten Schriften nichts
aufgenommen aus den Mitteilungen der Geisteswissenschaft selbst. Und
doch ist gezeigt, daß das reine, nur in sich arbeitende Denken Aufschlüsse
gewinnen kann über die Welt, das Leben und den Menschen. Es stehen
diese Schriften auf einer sehr wichtigen Zwischenstufe zwischen dem
Erkennen der Sinnenwelt und dem der geistigen Welt. Sie bieten
dasjenige, was das Denken gewinnen kann, wenn es sich erhebt über die
sinnliche Beobachtung, aber noch den Eingang vermeidet in die
Geistesforschung. Wer diese Schriften auf seine ganze Seele wirken läßt,
der steht schon in der geistigen Welt; nur daß sich diese ihm als
Gedankenwelt gibt. Wer sich in der Lage fühlt, solch eine Zwischenstufe
auf sich wirken zu lassen, der geht einen sicheren Weg; und er kann sich
dadurch ein Gefühl gegenüber der höheren Welt erringen, das für alle
Folgezeit ihm die schönsten Früchte tragen wird.)
Das
Ziel der Versenkung (Meditation) in die oben charakterisierten
symbolischen Vorstellungen und Empfindungen ist, genau gesprochen, die
Heranbildung der höheren Wahrnehmungsorgane innerhalb des astralischen
Leibes des Menschen. Sie werden aus der Substanz dieses astralischen
Leibes heraus zunächst geschaffen. Diese neuen Beobachtungsorgane
vermitteln eine neue Welt, und in dieser neuen Welt lernt sich der
Mensch als ein neues Ich kennen. Von den Beobachtungsorganen der
sinnlich-physischen Welt unterscheiden sich jene neuen schon dadurch, daß
sie tätige Organe sind. Während
Auge und Ohr sich passiv verhalten und Licht und Ton auf sich wirken
lassen, kann von den geistig-seelischen Wahrnehmungsorganen gesagt
werden, daß sie in fortwährender Tätigkeit sind, während sie
wahrnehmen, und daß sie ihre Gegenstände und Tatsachen gewissermaßen
in vollem Bewußtsein ergreifen. Dadurch
ergibt sich das Gefühl, daß geistig-seelisches Erkennen ein Vereinigen
mit den entsprechenden Tatsachen ist, ein «in ihnen leben». — Man
kann die einzelnen sich bildenden geistig-seelischen Organe
vergleichsweise «Lotusblumen» nennen, entsprechend der Form, die sich
das übersinnliche Bewußtsein von ihnen (imaginativ) machen muß.
(Selbstverständlich muß man sich klar sein darüber, daß solche
Bezeichnung mit der Sache nicht mehr zu tun hat als der Ausdruck «Flügel»,
wenn man von «Lungenflügeln» spricht.) Durch ganz bestimmte Arten von
innerer Versenkung wird auf den Astralleib so gewirkt, daß sich das
eine oder andere geistig-seelische Organ, die eine oder die andere «Lotusblume»
bildet. Es sollte, nach allem in diesem Buche Ausgeführten, überflüssig
sein, zu betonen, daß man sich diese «Beobachtungsorgane» nicht wie
etwas vorzustellen hat, das in der Vorstellung seines sinnlichen Bildes
ein Abdruck seiner Wirklichkeit ist. Diese «Organe» sind eben übersinnlich
und bestehen in einer bestimmt geformten Seelenbetätigung; und sie
bestehen nur insofern und so lange, als diese Seelenbetätigung geübt
wird. Etwas, was sich als Sinnenfälliges anschauen läßt, ist mit
diesen Organen so wenig am Menschen, als irgendein «Dunst» um ihn ist,
wenn er denkt. Wer sich das Übersinnliche durchaus sinnlich vorstellen
will, gerät eben in Mißverständnisse. Trotz des Überflüssigen
dieser Bemerkung mag sie hier stehen, weil es immer wieder Bekenner des
Übersinnlichen gibt, die in ihren Vorstellungen nur ein Sinnliches
haben wollen; und weil es immer wieder Gegner der übersinnlichen
Erkenntnis gibt, die glauben, der Geistesforscher spreche von «Lotusblumen»
wie von feineren sinnfälligen Gebilden. Jede regelrechte Meditation,
die im Hinblick auf die imaginative Erkenntnis gemacht wird, hat ihre
Wirkung auf das eine oder das andere Organ. (In meinem Buche «Wie
erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» sind einzelne von den
Methoden der Meditation und des Übens angegeben, welche auf das eine
oder andere Organ wirken.) Eine regelrechte Schulung richtet die
einzelnen Übungen des Geistesschülers so ein und läßt sie so
aufeinander folgen, daß die Organe sich einzeln mit- oder nacheinander
entsprechend ausbilden können. Zu dieser Ausbildung gehört bei dem
Geistesschüler viel Geduld und Ausdauer. Wer nur ein solches Maß von
Geduld hat, wie es die gewöhnlichen Lebensverhältnisse dem Menschen in
der Regel geben, der wird damit nicht ausreichen. Denn es dauert lange,
oft sehr, sehr lange, bis die Organe so weit sind, daß der Geistesschüler
sie zu Wahrnehmungen in der höheren Welt gebrauchen kann. In diesem
Momente tritt für ihn das ein, was man Erleuchtung
nennt, im Gegensatz zur Vorbereitung
oder Reinigung, die in den Übungen für die Ausbildung der Organe
besteht. (Von «Reinigung» wird gesprochen, weil durch die
entsprechenden Übungen sich der Schüler von all dem für ein gewisses
Gebiet inneren Lebens reinigt, was nur aus der sinnlichen
Beobachtungswelt kommt.) Es kann durchaus so kommen, daß dem Menschen
auch vor der eigentlichen Erleuchtung wiederholt «Lichtblitze» kommen
aus einer höheren Welt. Solche soll er dankbar hinnehmen. Sie
schon können ihn zu einem Zeugen von der geistigen Welt machen.
Aber er sollte auch nicht wanken, wenn dies während seiner
Vorbereitungszeit gar nicht der Fall ist, die ihm vielleicht allzulang
erscheint. Wer überhaupt in Ungeduld verfallen kann, «weil er noch
nichts sieht», der hat noch nicht das rechte Verhältnis zu einer höheren
Welt gewonnen. Das letztere hat nur derjenige erfaßt, dem die Übungen,
die er durch die Schulung macht, etwas wie Selbstzweck sein können.
Dieses Üben ist ja in Wahrheit das Arbeiten an einem
Geistig-Seelischen, nämlich an dem eigenen Astralleibe. Und man kann «fühlen»,
auch wenn «man nichts sieht»: «Ich arbeite geistig-seelisch». Nur
wenn man sich von vornherein eine bestimmte Meinung macht, was man
eigentlich «sehen» will, dann wird man dieses Gefühl nicht haben.
Dann wird man für nichts halten, was in Wahrheit etwas unermeßlich
Bedeutungsvolles ist. Man sollte aber subtil achten auf alles, was man während
des Übens erlebt und was so grundverschieden ist von allen Erlebnissen
in der sinnlichen Welt. Man wird dann schon bemerken, daß man in seinen
Astralleib hinein nicht wie in eine gleichgültige Substanz arbeitet,
sondern daß in demselben lebt eine ganz andere Welt, von der man durch
das Sinnenleben nichts weiß. Höhere Wesenheiten wirken auf den
Astralleib, wie die physisch-sinnliche Außenwelt auf den physischen
Leib wirkt. Und man «stößt» auf das höhere Leben in dem eigenen
Astralleib, wenn man sich davor nur nicht verschließt. Wenn sich jemand
immer wieder und wieder sagt: «ich nehme nichts wahr», dann ist es
zumeist so, daß er sich eingebildet hat, diese Wahrnehmung müsse so
oder so aussehen; und weil er das dann nicht sieht, wovon er sich
einbildet, er müsse es sehen, so sagt er: «ich sehe nichts.»
Wer
sich aber die rechte Gesinnung aneignet gegenüber dem Üben der
Schulung, der wird in diesem Üben immer mehr etwas haben, was er um
seiner selbst willen liebt. Dann aber weiß er, daß er durch das Üben
selbst in einer geistig-seelischen Welt steht, und er wartet in Geduld
und Ergebung, was sich weiter
ergibt. Es kann diese Gesinnung in dem Geistesschüler in folgenden
Worten am besten zum Bewußtsein kommen: «Ich
will alles tun, was mir als Übungen angemessen ist, und ich weiß,
daß mir in der entsprechenden Zeit so viel zukommen wird, als mir
wichtig ist. Ich verlange dies nicht ungeduldig; mache mich aber immer
bereit, es zu empfangen. » Dagegen läßt sich auch nicht einwenden: «Der
Geistesschüler soll also im Dunkeln tappen, durch eine vielleicht
unermeßlich lange Zeit; denn daß er mit seinem Üben auf dem richtigen
Wege ist, kann sich ihm doch erst zeigen, wenn der Erfolg da ist.» Es
ist jedoch nicht so, daß erst der Erfolg die Erkenntnis von der
Richtigkeit des Übens bringen kann. Wenn der Schüler richtig sich zu
den Übungen stellt, dann gibt ihm die Befriedigung, die er durch das Üben
selbst hat, die Klarheit, daß er etwas Richtiges tut, nicht
erst der Erfolg. Richtig üben auf dem Gebiete der Geistesschulung
verbindet sich eben mit einer Befriedigung, die nicht bloße
Befriedigung, sondern Erkenntnis ist. Nämlich die Erkenntnis: ich tue
etwas, wovon ich sehe, daß es mich in der richtigen Linie vorwärts
bringt. Jeder Geistesschüler kann diese Erkenntnis in jedem Augenblick
haben, wenn er nur auf seine Erlebnisse subtil aufmerksam ist. Wenn er
diese Aufmerksamkeit nicht anwendet, dann geht er eben an den
Erlebnissen vorbei, wie ein in Gedanken versunkener Fußgänger, der die
Bäume zu beiden Seiten des Weges nicht sieht, obgleich er sie sehen würde,
wenn er den Blick aufmerksam auf sie richtete. — Es ist durchaus nicht
wünschenswert, daß das Eintreten eines anderen Erfolges, als derjenige
ist, der im Üben sich immer ergibt, beschleunigt werde. Denn es könnte
das leicht nur der geringste Teil dessen sein, was eigentlich eintreten
sollte. In bezug auf die geistige Entwickelung ist oft ein teilweiser
Erfolg der Grund einer starken Verzögerung des vollen Erfolges. Die
Bewegung unter solchen Formen des geistigen Lebens, wie sie dem
teilweisen Erfolg entsprechen, stumpft ab gegen die Einflüsse der Kräfte,
welche zu höheren Punkten der Entwickelung führen. Und der Gewinn, den
man dadurch erzielt, daß man doch in die geistige Welt «hineingesehen
hat», ist nur ein scheinbarer; denn dieses
Hineinschauen kann nicht die Wahrheit, sondern nur Trugbilder
liefern.
Die
geistig-seelischen Organe, die Lotusblumen, bilden sich so, daß sie dem
übersinnlichen Bewußtsein an dem in Schulung befindlichen Menschen wie
in der Nähe bestimmter physischer Körperorgane erscheinen. Aus der
Reihe dieser Seelenorgane sollen hier genannt werden: dasjenige, das wie
in der Nähe der Augenbrauenmitte erfühlt wird (die sogenannte zweiblättrige
Lotusblume), dasjenige in der Gegend des Kehlkopfes (die sechzehnblättrige
Lotusblume), das dritte in der Herzgegend (die zwölfblättrige
Lotusblume), das vierte in der Gegend der Magengrube. Andere solche
Organe erscheinen in der Nähe anderer physischer Körperteile. (Die
Namen «zwei-» oder «sechzehnblättrig» können gebraucht werden,
weil die betreffenden Organe sich mit Blumen mit entsprechender Blätterzahl
vergleichen lassen.)
Die
Lotusblumen werden an dem astralischen Leibe bewußt. In dem Zeitpunkte,
in dem man die eine oder die andere entwickelt hat, weiß man auch, daß
man sie hat. Man fühlt, daß man sich ihrer bedienen kann und daß man
durch ihren Gebrauch in eine höhere Welt wirklich eintritt. Die Eindrücke,
welche man von dieser Welt erhält, gleichen in mancher Beziehung noch
denen der physisch-sinnlichen. Wer imaginativ erkennt, wird von der
neuen höheren Welt so sprechen können, daß er die Eindrücke als Wärme-
oder Kälteempfindungen, Ton- oder Wortwahrnehmungen, Licht- oder
Farbenwirkungen bezeichnet. Denn wie solche erlebt er sie. Er ist sich
aber bewußt, daß diese Wahrnehmungen in der imaginativen Welt etwas
anderes ausdrücken als in der sinnlich-wirklichen. Er erkennt, daß
hinter ihnen nicht physisch-stoffliche Ursachen, sondern
seelisch-geistige stehen. Wenn er etwas wie einen Wärmeeindruck hat, so
schreibt er diesen nicht zum Beispiel einem heißen Stück Eisens zu,
sondern er betrachtet ihn als Ausfluß eines seelischen Vorganges, wie
er ihn bisher nur in seinem seelischen Innenleben gekannt hat. Er weiß,
daß hinter den imaginativen Wahrnehmungen seelische und geistige Dinge
und Vorgänge stehen, wie hinter den physischen Wahrnehmungen
stofflich-physische Wesen und Tatsachen. — Zu dieser Ähnlichkeit der
imaginativen mit der physischen Welt kommt aber ein bedeutsamer
Unterschied hinzu. Es ist etwas in der physischen Welt vorhanden, was in
der imaginativen ganz anders auftritt. In jener kann beobachtet werden
ein fortwährendes Entstehen und Vergehen der Dinge, ein Wechsel von
Geburt und Tod. In der imaginativen Welt tritt an Stelle dieser
Erscheinung eine fortdauernde Verwandlung
des einen in das andere. Man sieht zum Beispiel in der physischen
Welt eine Pflanze vergehen. In
der imaginativen zeigt sich in demselben Maße, in dem die Pflanze
dahinwelkt, das Entstehen eines andern Gebildes, das physisch nicht
wahrnehmbar ist und in welches sich die vergehende pflanze allmählich
verwandelt. Wenn nun die Pflanze dahingeschwunden ist, so ist dieses
Gebilde an ihrer Stelle voll entwickelt da. Geburt und Tod sind
Vorstellungen, welche in der imaginativen Welt ihre Bedeutung verlieren.
An ihre Stelle tritt der Begriff von Verwandlung
des einen in das andere. — Weil dies so ist, deshalb werden für
das imaginative Erkennen jene Wahrheiten über die Wesenheit des
Menschen zugänglich, welche in diesem Buche in dem Kapitel «Wesen der
Menschheit» mitgeteilt worden sind. Für das physisch-sinnliche
Wahrnehmen sind nur die Vorgänge des physischen Leibes wahrnehmbar. Sie
spielen sich im «Gebiete von Geburt und Tod» ab. Die andern Glieder
der Menschennatur: Lebensleib, Empfindungsleib und Ich stehen unter dem
Gesetze der Verwandlung, und ihre Wahrnehmung erschließt sich der
imaginativen Erkenntnis. Wer bis zu dieser vorgeschritten ist, nimmt
wahr, wie sich aus dem physischen Leibe gleichsam herauslöst dasjenige,
was mit dem Hinsterben in anderer Daseinsart weiterlebt.
Die
Entwickelung bleibt nun aber innerhalb der imaginativen Welt nicht
stehen. Der Mensch, der in ihr stehenbleiben wollte, würde zwar die in
Verwandlung begriffenen Wesenheiten wahrnehmen; aber er würde die
Verwandlungsvorgänge nicht deuten können, er würde sich nicht
orientieren können in der neugewonnenen Welt. Die imaginative Welt ist
ein unruhiges Gebiet. Es ist überall nur Beweglichkeit, Verwandlung in
ihr; nirgends sind Ruhepunkte. — Zu solchen Ruhepunkten gelangt der
Mensch erst, wenn er sich über die imaginative Erkenntnisstufe hinaus
zu dem entwickelt, was die «Erkenntnis durch Inspiration» genannt
werden kann. — Es ist nicht notwendig, daß derjenige, welcher die
Erkenntnis der übersinnlichen Welt sucht, sich etwa so entwickele, daß
er zuerst in vollem Maße das imaginative Erkennen sich aneigne und dann
erst zur «Inspiration» vorschreite. Seine Übungen können so
eingerichtet werden, daß nebeneinander das geht, was zur Imagination,
und das, was zur Inspiration führt. Er wird dann, nach entsprechender
Zeit, in eine höhere Welt eintreten, in welcher er nicht bloß
wahrnimmt, sondern in der er sich auch orientieren kann, die er zu
deuten versteht. Der Fortschritt wird in der Regel allerdings so gemacht
werden, daß sich zuerst dem Geistesschüler einige Erscheinungen der
imaginativen Welt darbieten und nach einiger Zeit er in sich die
Empfindung erhält: Jetzt fange ich auch an, mich zu orientieren. —
Dennoch ist die Welt der Inspiration etwas ganz Neues gegenüber
derjenigen der bloßen Imagination. Durch diese nimmt man die
Verwandlung eines Vorganges in den andern wahr, durch jene lernt man
innere Eigenschaften von Wesen kennen,
welche sich verwandeln. Durch Imagination erkennt man die seelische Äußerung
der Wesen; durch Inspiration dringt man in deren geistiges Innere. Man
erkennt vor allem eine Vielheit von geistigen Wesenheiten und von
Beziehungen des einen auf das andere. Mit einer Vielheit verschiedener
Wesen hat man es ja auch in der physisch-sinnlichen Welt zu tun; in der
Welt der Inspiration ist diese Vielheit doch von einem anderen
Charakter. Es ist da ein jedes Wesen in ganz bestimmten Beziehungen zu
andern, nicht wie in der physischen durch äußere Einwirkung auf
dasselbe, sondern durch seine innere Beschaffenheit. Wenn man ein Wesen
in der inspirierten Welt wahrnimmt, so zeigt sich nicht eine äußere
Einwirkung auf ein anderes, die sich mit der Wirkung eines physischen
Wesens auf ein anderes vergleichen ließe, sondern es besteht ein Verhältnis
des einen zum andern durch die innere Beschaffenheit der beiden Wesen.
Vergleichen läßt sich dieses Verhältnis mit einem solchen in der
physischen Welt, wenn man dazu das Verhältnis der einzelnen Laute oder
Buchstaben eines Wortes zueinander wählt. Wenn man das Wort «Mensch»
vor sich hat, so wird es bewirkt durch den Zusammenklang der Laute:
Mensch. Es geht nicht ein Anstoß oder sonst eine äußere Einwirkung
zum Beispiel von dem M zu dem E hinüber, sondern beide Laute wirken
zusammen, und zwar innerhalb eines Ganzen durch ihre innere
Beschaffenheit. Deshalb läßt sich das Beobachten in der Welt der
Inspiration nur vergleichen mit einem Lesen;
und die Wesen in dieser Welt wirken auf den Betrachter wie
Schriftzeichen, die er kennenlernen muß und deren Verhältnisse sich für
ihn enthüllen müssen wie eine übersinnliche Schrift. Die
Geisteswissenschaft kann daher die Erkenntnis durch Inspiration
vergleichsweise auch das «Lesen der verborgenen Schrift» nennen.
Wie
durch diese «verborgene Schrift» gelesen wird und wie man das Gelesene
mitteilen kann, soll nun an den vorangegangenen Kapiteln dieses Buches
selbst klargemacht werden. Es wurde zunächst die Wesenheit des Menschen
b~ schrieben, wie sie sich aufbaut aus verschiedenen Gliedern. Dann
wurde gezeigt, wie das Weltwesen, auf dem sich der Mensch entwickelt,
durch die verschiedenen Zustände, den Saturn-, Sonnen-, Monden- und
Erdenzustand hindurchgeht. Die Wahrnehmungen, durch welche man die
Glieder des Menschen einerseits, die aufeinanderfolgenden Zustände der
Erde und ihrer vorhergehenden Verwandlungen andererseits erkennen kann,
erschließen sich der imaginativen Erkenntnis. Nun ist aber weiter
notwendig, daß erkannt werde, welche Beziehungen zwischen dem
Saturnzustande und dem physischen Menschenleib, dem Sonnenzustande und
dem Ätherleib usw. bestehen. Es muß gezeigt werden, daß der Keim zum
physischen Menschenleib schon während des Saturnzustandes entstanden
ist, daß er sich dann weiterentwickelt hat bis zu seiner gegenwärtigen
Gestalt während des Sonnen-, Monden- und Erdenzustandes. Es mußte zum
Beispiel auch darauf hingewiesen werden, welche Veränderungen sich mit
dem Menschenwesen vollzogen haben dadurch, daß einmal die Sonne sich
von der Erde trennte, daß ein Ähnliches bezüglich des Mondes geschah.
Es mußte ferner mitgeteilt werden, was zusammenwirkte, damit solche Veränderungen
mit der Menschheit sich vollziehen konnten, wie sie in den Umwandlungen
während der atlantischen Zeit, wie sie in den aufeinanderfolgenden
Perioden, der indischen, der urpersischen, der ägyptischen usw., sich
ausdrücken. Die Schilderung dieser Zusammenhänge ergibt sich nicht aus
der imaginativen Wahrnehmung, sondern aus der Erkenntnis durch
Inspiration, aus dem Lesen der verborgenen Schrift. Für dieses «Lesen»
sind die imaginativen Wahrnehmungen wie Buchstaben oder Laute. Dieses «Lesen»
ist aber nicht nur für Aufklärungen notwendig, wie die eben
gekennzeichneten. Schon den Lebensgang des ganzen Menschen könnte man
nicht verstehen, wenn man ihn nur durch die imaginative Erkenntnis
betrachten würde. Man würde da zwar wahrnehmen, wie sich mit dem
Hinsterben die seelisch-geistigen Glieder aus dem in der physischen Welt
Verbleibenden loslösen; aber man würde die Beziehungen dessen, was
nach dem Tode mit dem Menschen geschieht, zu den vorhergehenden und
nachfolgenden Zuständen nicht verstehen, wenn man sich innerhalb des
imaginativ Wahrgenommenen nicht orientieren könnte. Ohne die Erkenntnis
durch Inspiration verbliebe die imaginative Welt wie eine Schrift, die
man anstarrt, die man aber nicht zu lesen vermag.
Wenn
der Geistesschüler fortschreitet von der Imagination zur Inspiration,
so zeigt sich ihm sehr bald, wie unrichtig es wäre, auf das Verständnis
der großen Welterscheinungen zu verzichten und sich nur auf die
Tatsachen beschränken zu wollen, welche gewissermaßen das nächste
menschliche Interesse berühren. Wer in diese Dinge nicht eingeweiht
ist, der könnte wohl das Folgende sagen: «Mir erscheint es doch nur
wichtig, das Schicksal der menschlichen Seele nach dem Tode zu erfahren;
wenn mir jemand darüber Mitteilungen macht, so ist mir das genug: wozu
führt mir die Geisteswissenschaftlich entlegene Dinge vor, wie Saturn-,
Sonnenzustand, Sonnen-, Mondentrennung und so weiter.» Wer aber in
diese Dinge richtig eingeführt ist, der lernt erkennen, daß ein
wirkliches Wissen über das, was er erfahren will, nie zu erlangen ist
ohne eine Erkenntnis dessen, was ihm so unnötig scheint. Eine
Schilderung der Menschenzustände nach dem Tode bleibt völlig unverständlich
und wertlos, wenn der Mensch sie nicht mit Begriffen verbinden kann,
welche von jenen entlegenen Dingen hergenommen sind. Schon die
einfachste Beobachtung des übersinnlich Erkennenden macht seine
Bekanntschaft mit solchen Dingen notwendig. Wenn zum Beispiel eine
Pflanze von dem Blütenzustand in den Fruchtzustand übergeht, so sieht
der übersinnlich beobachtende Mensch eine Verwandlung in einer
astralischen Wesenheit vor sich gehen, welche während des Blühens die
Pflanze wie eine Wolke von oben bedeckt und umhüllt hat. Wäre die
Befruchtung nicht eingetreten, so wäre diese astralische Wesenheit in
eine ganz andere Gestalt übergegangen, als die ist, welche sie infolge
der Befruchtung angenommen hat. Nun versteht man den ganzen durch die übersinnliche
Beobachtung wahrgenommenen Vorgang, wenn man sein Wesen verstehen
gelernt hat an jenem großen Weltvorgange, welcher sich mit der Erde und
allen ihren Bewohnern vollzogen hat zur Zeit der Sonnentrennung. Vor der
Befruchtung ist die Pflanze in einer solchen Lage, wie die ganze Erde
vor der Sonnentrennung. Nach der Befruchtung zeigt sich die Blüte der
Pflanze so, wie die Erde war, als sich die Sonne abgetrennt hatte und
die Mondenkräfte noch in ihr waren. Hat man sich die Vorstellungen zu
eigen gemacht, welche an der Sonnentrennung gewonnen werden können, so
wird man die Deutung des Pflanzen-Befruchtungsvorganges sachgemäß so
wahrnehmen, daß man sagt: Die Pflanze ist vor der Befruchtung in einem
Sonnenzustand, nach derselben in einem Mondenzustand. Es ist eben
durchaus so, daß auch der kleinste Vorgang in der Welt nur dann
begriffen werden kann, wenn in ihm ein Abbild großer Weltvorgänge
erkannt wird. Sonst bleibt er seinem Wesen nach so unverständlich, wie
die Raffaelsche Madonna für denjenigen bleibt, der nur ein kleines
blaues Fleckchen sehen kann, während alles andere zugedeckt ist. —
Alles, was nun am Menschen vorgeht, ist ein Abbild all der großen
Weltvorgänge, die mit seinem Dasein zu tun haben. Will man die
Beobachtungen des übersinnlichen Bewußtseins über die Erscheinungen
zwischen Geburt und Tod und wieder vom Tode bis zu einer neuen Geburt
verstehen, so kann man dies, wenn man sich die Fähigkeit erworben hat,
die imaginativen Beobachtungen durch dasjenige zu entziffern, was man
sich an Vorstellungen angeeignet hat durch die Betrachtung der großen
Weltvorgänge. — Diese Betrachtung liefert eben den Schlüssel
zum Verständnisse des menschlichen Lebens. Daher ist im Sinne der
Geisteswissenschaft Saturn-, Sonnen-, Mondbeobachtung usw. zugleich
Beobachtung des Menschen.
Durch
Inspiration gelangt man dazu, die Beziehungen zwischen den Wesenheiten
der höheren Welt zu erkennen. Durch eine weitere Erkenntnisstufe wird
es möglich, diese Wesenheiten in ihrem Innern selbst zu erkennen. Diese
Erkenntnisstufe kann die intuitive Erkenntnis genannt werden. (Intuition
ist ein Wort, das im gewöhnlichen Leben mißbraucht wird für eine
unklare, unbestimmte Einsicht in eine Sache, für eine Art Einfall, der
zuweilen mit der Wahrheit stimmt, dessen Berechtigung aber zunächst
nicht nachweisbar ist. Mit dieser Art « Intuition» hat das hier.
Gemeinte natürlich nichts zu tun. Intuition bezeichnet hier eine
Erkenntnis von höchster, lichtvollster Klarheit, deren Berechtigung man
sich, wenn man sie hat, in vollstem Sinne bewußt ist.) — Ein
Sinneswesen erkennen, heißt außerhalb
desselben stehen und es nach dem äußeren Eindruck beurteilen. Ein
Geisteswesen durch Intuition erkennen, heißt völlig eins mit ihm
geworden sein, sich mit seinem Innern vereinigt haben. Stufenweise
steigt der Geistesschüler zu solcher Erkenntnis hinauf. Die Imagination
führt ihn dazu, die Wahrnehmungen nicht mehr als äußere Eigenschaften
von Wesen zu empfinden, sondern in ihnen Ausflüsse von
Seelisch-Geistigem zu erkennen; die Inspiration führt ihn weiter in das
Innere der Wesen: Er lernt durch sie verstehen, was diese Wesenheiten für
einander sind; in der Intuition dringt er in die Wesen selbst ein. —
Wieder kann an den Ausführungen dieses Buches selbst gezeigt werden,
was für eine Bedeutung die Intuition hat. Es wurde in den
vorhergehenden Kapiteln nicht nur davon gesprochen, wie der Fortgang der
Saturn-, Sonnen-, Mondenentwickelung usw. geschieht, sondern es wurde
mitgeteilt, daß Wesen sich an diesem Fortgange in der verschiedensten
Art beteiligen. Es wurden Throne oder Geister des Willens, Geister der
Weisheit, der Bewegung usw. angeführt. Es wurde bei der
Erdenentwickelung von den Geistern des Luzifer, des Ahriman gesprochen.
Der Weltenbau wurde auf die Wesenheiten zurückgeführt, welche sich an
ihm beteiligen. Was über diese Wesenheiten erfahren werden kann, wird
durch die intuitive Erkenntnis gewonnen. Diese ist auch schon notwendig,
wenn man den Lebenslauf des Menschen erkennen will. Was sich nach dem
Tode aus der physischen Leiblichkeit des Menschen herauslöst, das macht
nun in der Folgezeit verschiedene Zustände durch. Die nächsten Zustände
nach dem Tode wären noch einigermaßen durch die imaginative Erkenntnis
zu beschreiben. Was aber dann vorgeht, wenn der Mensch weiter kommt in
der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, das müßte der
Imagination ganz unverständlich bleiben, wenn nicht die Inspiration
hinzukäme. Nur die Inspiration kann erforschen, was von dem Leben des
Menschen nach der Läuterung im «Geisterland» gesagt werden kann. Dann
aber kommt ein Etwas, für welches die Inspiration nicht mehr ausreicht,
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